Mainstream-Mama

Kürzlich saß ich im Dozentenraum des Sprachenzentrums der Uni, an der ich als Dozentin arbeite und trank einen Kaffee, um die Wartezeit zwischen zwei Seminaren zu überbrücken. Ich warf noch einen Blick in meine Unterlagen – ich bin gerne optimal vorbereitet, und da kann ein zusätzlicher Blick in die bereits vorbereiteten Seminarunterlagen nie schaden.

Da ging die Tür auf, und meine Kollegin Isabelle, ebenfalls Anglistin, betrat den Raum. Wir begrüßten einander und begannen eine Unterhaltung. Ich sehe meine Kollegen nicht so oft, höchstens mal auf dem Weg zwischen zwei Seminarräumen, da wir ja ständig auf dem Sprung sind und von einem Gebäude zum anderen laufen müssen, und da bleibt meist nicht viel Zeit zur Unterhaltung.

Heute war es anders. Isabelle sah etwas anders aus als sonst, nachdenklich mit annähernd sorgenzerfurchter Stirn wirkte sie auf mich. Ich fragte sie gleich, ob alles in Ordnung sei. Sie warf mir nur einen langen Blick zu und meinte: „Ich habe letzte Nacht schlecht geschlafen.“ – „Ach, herrje – warum?“ – „Ich habe gestern mit meiner Mutter telefoniert.“

Ich lachte, erschien mir dieser Grund doch auf den ersten Blick nicht als etwas, das für schlaflose Nächte sorgen könne. Aber Isabelle legte auch schon los. Ihre Mutter sei am Vortage aus dem Urlaub zurückgekehrt und habe sich bei ihr gemeldet, um mitzuteilen, sie sei gut angekommen. Isabelle macht sich immer Sorgen, wenn ihre Mutter alleine mit dem Auto unterwegs ist – sie ist ja auch nicht mehr die Jüngste, und es sind viele Wahnsinnige und selbsternannte Formel-1-Fahrer auf der Autobahn unterwegs.

„Alles fing wie ein normales Gespräch an,“, berichtete Isabelle, „Mama erzählte vom Urlaub in ihrer alten Heimat, von Verwandten und Bekannten.“ – „Aber das ist doch schön!“ rief ich. „Wo ist das Problem?“

Isabelles Stirn warf noch mehr Falten, und leicht trotzig meinte sie: „Mama erzählte von der Tochter ihrer Freundin Sibylle. Ich solle mir das mal anhören! Stina habe Biochemie studiert.“ – „Ja, und?“ – „Warte, ich bin ja noch nicht fertig. Das sei ja ganz lukrativ, und Stina habe sich gerade selbstständig gemacht und verdiene wahnsinnig viel Geld. Überdies habe sie gerade ein Kind bekommen und lebe in einer glücklichen Partnerschaft.“

Da dämmerte mir, was Isabelle den Schlaf geraubt hatte. Mir kommen solche Konversationen entfernt bekannt vor. Im Grunde sind es Wortgefechte, die ganz harmlos zu beginnen scheinen, aber ehe man sich versieht und noch bevor man selber das Schwert ziehen konnte, liegt man schon blutend auf dem Boden. Aber selbst das merkt man erst, wenn der aufgelegte Telefonhörer schon wieder auskühlt. Subtil die Attacke und als harmlose Information getarnt, mehr Florett als Schwert, enthält sie Zündstoff en masse. Leider zündet das Ganze dann erst später, und so man auch gar nicht bewusst darüber nachdenkt: Das Unterbewusstsein ist da leider immer sehr zuverlässig.

Isabelle ist, wie ich derzeit, Single, und an Kinder ist schon gar nicht mehr zu denken. Die hatte sie sich selber gewünscht, aber ihre bisherigen Partner waren eher abgeneigt, faselten von Überbevölkerung und dass sie doch erst einmal selber leben wollten. Kommt mir auch bekannt vor. Okay, man muss sich damit abfinden und tut das auch, auch wenn es anfangs nicht ganz einfach ist. Aber machbar ist es, und man kann damit umgehen – wäre da nur nicht die liebe Umwelt, bisweilen in Gestalt von „Mama“, die einen dann immer mehr oder weniger subtil daran erinnert, dass man ja beizeiten versäumt habe, das eigene Leben in die „normale“ Reihe zu bekommen – denn das scheint damit gemeint. Und man hat verabsäumt, die eigenen Eltern mittels Enkelkindern zu beglücken.

Ich nickte Isabelle zu und meinte, ich kenne dies. Sie seufzte tief und meinte: „Als hätte ich nicht selber gern Kinder gehabt! Die Information über Stina war doch nur wieder ein versteckter Hinweis, dass Mama sich Enkelkinder gewünscht und ich versagt habe.“ Ich grinste wissend.

„Aber noch schlimmer immer der Hinweis, andere hätten ja etwas viel Lukrativeres studiert! Und das so hervorgebracht, als hätte ich das auch ohne weiteres gekonnt und sei nur zu eigensinnig gewesen, es auch zu tun! Dabei hatte ich in Bio und Chemie immer eine Vier! Wie soll man denn da Biochemie studieren?“ – „Am besten gar nicht. Hätte ich übrigens auch nicht gekonnt. Lass mal, Isabelle – dafür sind wir beide sehr gut in unserem Bereich! Ohne Grund haben wir ja nicht studiert, was wir studiert haben.“

Isabelle schnaubte daraufhin nur, und trotzig meinte sie: „Das habe ich Mama auch gesagt. Aber die meinte nur, ich hätte ja Geisteswissenschaften studiert. Die sehe sie ja eher so ein bisschen als Laberfächer.“ Oha! Das war starker Tobak – leider nur von vielen Seiten so gehört. Oft von Seiten, die gar keinen Kontakt zu dem von ihnen Kritisierten haben, ergo im Grunde gar nicht mitreden können. Das hindert sie jedoch nicht, es dennoch zu tun, und bei dem ganzen Run auf MINT-Fächer wundert es einen nicht so sehr, dass dann andere Fächer degradiert werden, meist von Menschen, die derlei Dinge eher einseitig sehen. Dass aber Isabelles Mutter auch solche Ideen vertrat, erstaunte mich bis ins Mark. Die war doch sonst nicht dem Mainstream zugeneigt und pflegte selber zu denken, keine Parolen zu schwingen, war kulturell sehr interessiert und liebte Literatur, Musik und Theater. Sollte es sich hierbei etwa in Wirklichkeit um eine Hassliebe handeln? Denn, so Isabelle weiter, laut Mama könne man mit Geisteswissenschaften eh nichts Vernünftiges anfangen.

Ich sah Isabelle und dann meine Unterlagen an. Wenn man mit dem, was wir studiert haben, nichts Vernünftiges anfangen könnte, warum um alles in der Welt leiten wir dann stets überlaufene Seminare, in denen wir Studenten vernünftiges Englisch beibringen, und das sowohl allgemein-, wie auch fachsprachlich? Denn die Studis kommen oft mit schlechten Englischkenntnissen von der Schule, und das direkt nach dem Abitur. Auch mit der Allgemeinbildung hapert es nicht selten. Woran liegt das? Braucht man uns nicht vielleicht doch?

„Damit muss ich Mama gar nicht erst ankommen. Sie meint, Englisch lerne man in der Schule.“ – „Oder auch nicht. Ich sehe es täglich in meinen Seminaren. Und dabei braucht man vernünftige und fundierte Kenntnisse speziell in dieser Sprache.“ – „Ich ja auch. Aber meine Mutter sieht das von außen ganz anders. Die hat ja schon gemeckert, als ich mich damals für Anglistik einschrieb. Englisch lerne man in der Schule! Dabei ist Anglistik doch nicht ‚Englisch an sich‘, sondern Sprach- und Literaturwissenschaft. Englisch muss man sehr gut können, um das überhaupt studieren zu können. Aber das sieht meine Mutter nicht und behauptet, das sei ein Laberfach und brotlose Kunst.“

Wie so viele Menschen. Manche äußern dies direkt, andere, wie Isabelles Mutter, eher subtil. Vielleicht sollten sie sich einfach mal „von innen“ ein Bild machen. Isabelle und ich beschlossen, unsere Seminartüren für Interessierte gern offenzuhalten. Wer sich ein eigenes Bild vom realen Status machen möchte – gern! Damit Isabelle und auch ich wieder ruhig schlafen können. Denn wir machen unsere durchaus dringend notwendige Arbeit gut. 😉

Mein Fazit: Multum, non multa.

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