Wie erzeuge ich ein garantiert neurotisches Kind?

Liebe werdende und bereits seiende Eltern, sicherlich haben auch Sie sich schon oft die Frage gestellt, warum so viele andere Eltern so herrlich neurotische Kinder haben, nur Sie nicht! Ihres ist einfach ungezogen, will dauernd Dinge, vor denen Sie sich selber fürchten und die Sie daher rundheraus ablehnen, wiewohl Ihr Kind immer strahlt und sich freut, wenn von diesen Dingen die Rede ist oder diese gar vorgeführt werden. Eine furchtbare Situation und der Alptraum aller verantwortungsbewussten Eltern!

Mein kleiner Ratgeber hier soll Ihnen in Ihrer bis dato hoffnungslos verfahren anmutenden Situation helfen, Ihren kleinen Recken, ääh, Racker zur Räson (frz. raison=Vernunft, Besinnung) zu bringen, denn Unbesonnenheit ist, neben der Neugier, die damit quasi Hand in Hand geht, der Tod der Katze, wie der Volksmund sagt. Und was Katzen recht ist, sollte Kindern doch billig sein, nicht wahr? Gleiche Rechte für Kinder, zumal Tiere in ihrer Gesamtheit ohnehin eine eminente Gefahr darstellen, worauf ich später noch eingehen werde. Ergo sind kindliche oder – besser – infantile Unbesonnenheit und Neugier dringend zu vermeiden bzw. zu unterbinden. Doch wie?

Viele Eltern stehen hier vor einem großen Rätsel, das andere schon längst gelöst haben – die Eltern der Kinder, die sich bisweilen vor ihrem eigenen Schatten fürchten und in der Straßenbahn fragen, ob denn der Fahrer auch wirklich autorisiert sei, diese zu führen, die aber zum Glück genau wissen, wo sich die jeweilig nächste Notbremse befindet, ebenso, dass man diese gewiss nicht zum Spaße betätigen dürfe, da das sonst viel Geld kostet. Und das im Alter von drei Lenzen! Da kann schon einmal Neid aufkommen. Hier nun das Programm, das garantiert zum Erfolg führt. Ich habe damit langjährige eigene Erfahrung, ebenso Beobachtungen hinsichtlich anderer Personen getätigt und kann den Erfolg daher bestätigen.

Betrachten wir die Ausgangsposition, stellen wir fest, dass wir ein fröhliches, neugieriges und aufgeschlossenes Kind haben, das gerne Dinge ausprobieren möchte, vor denen wir uns selbst fürchten, eine – Sie werden mir beipflichten – völlig unhaltbare Situation. Denn wer, wenn nicht Sie, die Mutter oder der Vater, weiß schon, was das Beste für das Kind ist? Was das Kind mag, was ihm wirklich nutzt, was ihm Freude bereitet? Das Kind hat ja keine Ahnung! Es tappt ganz arglos und naiv in einer Umgebung umher, die im Grunde völlig lebensfeindlich ist, wo Leben ein echtes Risiko ist. Das sollte nicht sein. Seien Sie gute Eltern – halten Sie Ihr Kind von allen Risiken möglichst fern, und das am besten so lange wie möglich.

Was ist zu tun mit einem solch arglos-neugierigen Kind, leider jedoch noch nicht aufgeschlossen für all die Gefahren, die bereits bei elementarer Tätigkeit, dem Atmen, auf das kleine Lebewesen einprasseln? Gefahren ohne Zahl, für die man das Kind so früh wie möglich empfänglich machen sollte.

Ich denke, ich muss nicht darauf hinweisen, dass man alle kleinen Kinder von spitzen Gegenständen, ätzenden Substanzen und sonstwie die Gesundheit unmittelbar schädigenden Faktoren fernhalten sollte, aber das ist für Anfänger, denn das machen auch die Eltern mit den mutigen Kindern, denen wir hier unser Bedauern aussprechen möchten.

Hier geht es zu den Regeln, die es unbedingt zu beachten und einzuhalten gilt, wenn man ein original neurotisches Kind haben möchte:

  1. Es ist im Grunde alles gefährlich. Das fängt nicht erst bei „Messer, Gabel, Schere, Licht“ an. Selbst geringfügig ältere Geschwister, wiewohl bereits entsprechend vorbehandelt und entsprechend präpariert, können bei einem Baby schon einmal zu einer ernstzunehmenden von ihm fernzuhaltenden Gefahr mutieren. (Dazu später, da es sich hier um die Regeln für Fortgeschrittene handelt: Wie schaffe ich es, zwei Kinder parallel zu neurotisieren? Ein echter Kunstgriff.)
  2. Das Kind jauchzt und freut sich, wenn es Tiere sieht (außer bei Insekten und Spinnen, aber die Angst davor ist eine ganz gewöhnliche, nicht besorgniserregende, da normal, und wird daher hier vernachlässigt)? Dies ist ein erstes und ernstes Zeichen dafür, dass sich das Kind auf dem falschen Wege befindet, denn gerade bei Tieren gilt: Sie wirken auf den ersten Blick nett, aber sie bergen entsetzliche Gefahren und Risiken. Daher halten Sie das Kind bitte von den trügerischen Gestalten nach Möglichkeit fern.
  • Hunde: Um Himmels willen! Nicht nur, dass Hunde, wo sie gehen und stehen, sofort allen Menschen das Gesicht abzulecken trachten, übertragen sie selbst bei bloßem Streicheln ihres Fells sehr gefährliche kleine Lebewesen: Bazillen! Hände waschen, sollte doch Kontakt zu diesen Tieren entstanden sein! Sollte ein Hund auf das Kind zulaufen, reißen Sie es bitte sofort auf den Arm – der Hund ist an sich gefährlich! So sagt schon ein chinesisches Sprichwort: „Fürchte den Stier von vorn, das Pferd von hinten und den Hund von allen Seiten.“ Denn Hunde übertragen nicht nur Bazillen, sie beißen auch – im Grunde sind alle Hunde, wie auch Soldaten, potentielle Marder, ääh, Mörder. Jeder Hund trachtet mindestens einmal in seinem ehrlosen Leben, meist aber öfter, im Grunde immer danach, einen Menschen, auf den er schweifwedelnd zuläuft, sofort und umgehend zum Krüppel oder gar totzubeißen. Ähnlich wie die Bazillen, die er überträgt.
  • Katzen: Ganz miese Gestalten! Quasi die Judasse der Tierwelt, da falsch. [Sollten Sie Sternzeichen Löwe sein, hier ein Tipp: Sagen Sie es nicht dem Kind! Leugnen und behaupten Sie, Sie seien Sternzeichen Krebs, denn damit verbindet das Kind Positives!] Lächeln dem Kind ins Gesicht, um dann, sobald gestreichelt, ihre todbringenden Krallen in das zarte Händchen des freundlich gesinnten Kerlchens zu schlagen. Immer! Unentwegt, es sei denn, sie jagen gerade Mäuse, die sie – überhaupt nicht kindgerecht! – grausam hinmetzeln und dann meist nicht einmal aufessen! Kind dringend fernhalten, damit es sich gleich an den Gedanken gewöhne, dass Katzen einen miesen Charakter ihr eigen nennen. [Neulich sah ich etwas völlig Verantwortungsloses: Eine Mutter ging mit einem winzigen, blonden Mädchen, vielleicht zwei Jahre alt, spazieren, als eine ansonsten scheue Katze, die mir aufgrund ihres zurückhaltenden Wesens schon immer doppelt suspekt war, auf das putzige kleine Mädchen zugelaufen kam. Kaum auf einer Höhe mit dem unschuldigen Kind, sprang die Katze an dem Kind hoch wie die gefährlichen Hunde es immer so verschlagen tun, als freuten sie sich, schmiegte ihre Seite an das Kind, wobei sie knurrende Geräusche von sich gab, die naive Gemüter als Schnurren bezeichnen. Das Tier wiederholte seine infame Handlung gleich mehrfach – es war völlig klar, dass es sowohl Bazillen als auch Katzenflöhe an dem armen Kind abstreifen wollte. Und was tat die verantwortungslose Mutter? Sie lachte! Sie lachte und erklärte dem noch unverdorbenen und ahnungslosen kleinen Mädchen, das sei eine liebe Katze, die ihm zeigen wolle, dass sie es möge! Ich war kurz davor, mein Handy zu zücken, um Polizei und Kinderschutzbund anzurufen, denn so etwas geht doch nicht! Bitte machen Sie das nicht nach! Lassen Sie so etwas nie zu!]
  • Vögel, hier auch Ziervögel: Dringend unter Verschluss zu halten, sofern verantwortungsloser Weise bereits angeschafft. Sehr gefährliche Tiere, die bei Freiflug gerne Luftangriffe starten, auf ihre fröhlich lachenden Halter, die noch: „Sieh mal, wie schön er fliegt!“ rufen, niederstoßen und diese wie bei Hitchcock bösartig-organisiert mit Schnabelhieben attackieren, schlimmstenfalls töten und – wie könnte es anders sein? – Bazillen in großer Zahl und diversen Typen übertragen. Alle entweder tödlich oder mit intelligenzmindernder Wirkung versehen. Kinder grundsätzlich außer Reichweite handhaben, auch wenn der Wellensittich noch so verführerisch: „Bubi lieb!“ ruft. Das ist alles geplant, der Vogel will harmlos wirken. Bitte immer vorsichtig sein.
  • Meerschweinchen, Hamster und Kaninchen, die verharmlosend unter dem Begriff „Kleintiere“ in Handel und Heimen, in die sie von verantwortungsvollen Eltern gebracht wurden, geführt werden, sollten Sie ebenfalls mit Argwohn und großer Vorsicht betrachten, denn Sie wissen: Kleinvieh macht auch Mist! Kaninchen sind derart infam, abgesehen von den Bazillen, die sie verbreiten, dass sie im Freilauf Ihrem Kind zeigen könnten, dass es ganz harmlos sei, in freiliegende elektrische Leitungen zu beißen und die Kinder nicht auf die Eltern hören müssten. Dabei sehen sie die Kinder mit untertassengroßen Kulleraugen so treuherzig an, dass jedes Kind sofort meint, die vom derart vertrauenswürdig agierenden Kaninchen anempfohlene Handlung nachmachen zu müssen. [Was Meerschweinchen und Hamster anbelangt, kann ich hier beisteuern, dass das einzige Meerschweinchen, das ich trotz dräuender Gefahr je besaß, immerhin den Anstand hatte, nach zwei Wochen von selber dahinzuscheiden, und der Hamster meiner Schwester wollte uns wohl auch nicht länger als nötig belasten, da er, wie das Meerschweinchen, wohl beschämt gemerkt hatte, welches Gefahrenpotential er barg: Er verschwand kleinlaut in einer Maueröffnung und kehrte nie zurück. Ich würde es aber lieber nicht auf einen Versuch ankommen lassen. Nicht alle Nager haben so viel Anstand.]
  • Kommen wir zu den Großtieren, hier: Pferden. Speziell die Eltern von Mädchen sind hier gefragt, Aufmerksamkeit walten zu lassen, da Pferde bei Mädchen von klein auf, vor allem aber in der Pubertät eine nicht zu vernachlässigende Gefahr darstellen können. Wie alle anderen Tiere sind auch Pferde hinterhältig, gemein und Bazillenüberträger. Durch ihre Größe stellen sie außerdem ein besonderes Risiko dadurch dar, dass sie sich bisweilen ganz arglistig und ohne Vorankündigung auf das sie striegelnde Kind fallen lassen, meist mit einem wiehernden Laut, der an menschliches Gelächter gemahnt. In harmloseren Fällen beißen sie zu, keilen aus, schlagen dem Kind den peitschenartig wirkenden Schweif ins Gesicht! Oder sie treten dem Kind auf den Fuß und verlagern dann ihr Gewicht auf die Seite, unter deren in solchen Situationen auch gern schon einmal frisch beschlagenem Vorderhuf der Kinderfuß steckt, quasi unverrückbar! [Die Infamie besteht bei einem frischen Beschlag darin, dass die Hufeisen noch recht scharfkantig, da nicht abgelaufen sind.] Das machen Pferde alles mit Absicht! Und die Kinder können nie etwas dafür – sagen Sie ihnen das immer wieder und machen Sie ihnen klar, dass das Pferd der Bösewicht war. Beachten Sie auch das Stichwort Reiten.
  • Reptilien und Amphibien: Die sind von vornherein nicht koscher.
  • Fische: Das Aquarium könnte umkippen oder sonstwie undicht werden. Steht das Kind daneben, wird es zu Boden gerissen und unweigerlich ertrinken oder an einem flüchtigen Fisch ersticken, der ihm – bösartig, wie alle Flossenträger sind – in den Mund gesprungen ist, welcher noch um Hilfe flehen wollte.

Resümee: Kinder und Tiere – nein! Bloß nicht.

 

  • Reiten: Nein! Zu gefährlich – lieber nicht. Man kann stürzen, kann sich das Genick brechen, den Fuß eingeklemmt bekommen, und dann fallen die Zehen ab, eine nach der anderen unter unbeschreiblichen Schmerzen, und man beachte die Bazillen!   Pferden ist ohnehin nicht recht über den Weg zu trauen. Außer, man ist Rosenzüchter. Oder in sonstiger Weise wahnsinnig.
  • Ohrlöcher: Gemeingefährlich! Nicht nur, dass diese sich infizieren und entzünden
    können – nein, Mädchen sehen damit immer irgendwie billig und gewöhnlich aus, nicht wahr? Wie Proletinnen. Und wie Jungs damit aussehen, wollen wir doch lieber gar nicht erst thematisieren. Oder? Wie? Freude? Schöne Ohrringe, Schmuck – Wunsch schon ganz lange? Ach, was! Reden Sie das dem Kind aus! Das ist Quatsch – das Kind bildet sich das nur ein. [Kleiner Hinweis: Bitte machen Sie dem Kind ganz eindringlich klar, dass es zwar ab dem Alter von 14 Jahren eingeschränkt geschäftsfähig ist, sich damit auch Ohrlöcher stechen lassen darf, aber schildern Sie den Proleteneffekt, besser noch die unweigerlich und stets zu erwartenden Schmerzen in den schillerndsten Farben! Mit der Androhung schlimmer Schmerzen erreichen Sie auch bei Pubertierenden wahrscheinlich am meisten – nutzen Sie jede noch so kleine Spritzen- und Nadelphobie! Es ist zum Besten Ihres Kindes!]
  • Fahrradfahren: Im juvenilen Alter auf dem Weg zur Schule noch tragbar, scheint es mit zunehmendem Alter der Kinder oder „Kinder“ immer gefährlicher zu werden. Besser nicht. Schon gar nicht mit einem Hollandrad, dem Inbegriff der Gefahr auf zwei Rädern. Nur auf dem platten Land, wo man maximal von durchgehenden Pferden oder Wildschweinen oder Treckern vom Rad geschleudert werden oder über einen Igel fahren kann, der einem gleich die Reifen zersticht, weswegen man böse stürzen kann. Nie in der Stadt. Nie! Der, der das (Fahr-)Rad erfunden hat, gehört gerädert! So eine Gefahr zu publizieren!
  • Nötigen Sie das Kind zu Dingen, die es eigentlich gar nicht will: Klavierunterricht hat sich da bewährt. Das Kind hat eigene Ideen, ist zwar musikalisch und wäre auch bereit, ein Instrument zu erlernen, aber bitte eines nach seiner Wahl. Querflöte? Tinnef. Die kann es dann erlernen, wenn es bereits Klavier spielen kann, was es gar nicht will. [Dabei gehen so viele Gefahren mit dem Klavierspielen einher! Man kann sich die Finger prellen, stauchen, sogar der Klavierdeckel kann darauf fallen – aber das ist nicht als Gefahr anerkannt… ;-)]
  • Ausbildung/Studium: Ganz gefährlich, denn Kinder sind so leichtsinnig und haben
    eigene Neigungen. Halten Sie stets plausible Beispiele parat, wie z. B. die irgendwann garantiert promovierte Schwester, auf die man dann neidischen Blickes starre, hat man selber kein akademisches Studium absolviert. [Überhaupt ist Rivalität unter Geschwistern ein probates Mittel, den Kindern zu zeigen, was das Beste für sie sei.] Das hat sich stets bewährt. Die Kinder sind hinterher total glücklich. Vor allem, wenn man ihnen gesteht, dass man sich am liebsten noch viel mehr involviert hätte als ohnedies schon. 😉 Sie werden in glückstrahlende Augen blicken und gerührte Dankesworte zu hören bekommen. Gehen Sie aber in jedem Falle mit zur Immatrikulation! Allein findet sich das Kind doch gar nicht zurecht und schreibt sich am Ende für einen Studiengang ein, den es selber gern absolvieren möchte, den Sie jedoch ablehnen. Das gilt es unbedingt zu vermeiden.

Dies hier ist nur eine Auswahl an Dingen, die Sie beherzigen sollten, wollen Sie ein garantiert neurotisches Kind, das vorher zehnmal fragt, ob es wirklich nicht gefährlich sei, wenn es bereits eine halbe Stunde nach Genuss eines Apfels oder vergleichbarer Früchte Wasser trinke, ob es sterben müsse, weil es einen Kaugummi verschluckt habe. Erfolg garantiert!

Ich muss allerdings auch gestehen, dass ich einige Selbstversuche gestartet habe, die den Schluss zulassen, dass einige Dinge, von denen hier abgeraten wird, nicht zum sofortigen Tode führen. Aber ich würde mich nicht darauf verlassen.

Hier ein Beispiel, bei dem ich sicherlich nur Glück hatte:

Einmal habe ich einen Hund gestreichelt, mir danach nicht sofort die Hände gewaschen [!], sondern sogar mit den ungewaschenen Händen etwas in den Mund gesteckt und gegessen! Zwar durchzuckte mich sogleich die grässliche Erkenntnis, dass ich etwas im Zweifel Todbringendes vollführt hatte, wie ein Peitschenhieb, aber immerhin kam nicht sofort ein Blitz vom Himmel, der mich erschlug. Auch kam nicht die Hand Gottes herab, um mir zünftige Maulschellen zu verpassen, die zweite Möglichkeit, mit der ich gerechnet hatte. Zum Dritten: Ich bin nicht einmal krank geworden! Aber bitte sagen Sie es nicht weiter – es könnte den Erfolg bei Ihren Kindern schmälern.

Sollte Ihr Kind irgendwann wegen diffuser Ängste oder gar einer handfesten Depression eine Therapie besuchen müssen, dürfen Sie sich voller Stolz selber auf die Schulter klopfen: Sie haben das Ziel erreicht. Oder?

Und falls Ihr das hier für bare Münze genommen habt: Um Himmels Willen! 😉 Niemals würde ich so denken. 🙂 Aber ich weiß, es gibt Eltern, die genau das tun. 😉 Den Beitrag hier habe ich vor inzwischen vier Jahren mit viel Freude geschrieben, als ein verwandtschaftlicher Geburtstag anstand. Zum Glück ist der Adressat ähnlich geartet wie ich und verstand, was ich meinte. (Wir sind auch sehr nah miteinander verwandt. 😉 ) Er hat es mir nicht übelgenommen. Glaube ich zumindest. 😉 

Wenn Ali plant und pendelt …

Heute war ich nur kurz bei meiner Festanstellung – ganze drei Stunden. Aber ich habe eine Menge geschafft: Zweifach Geld abgedrückt für unseres Personaldezernenten und meines Kollegen Abschiedsgeschenke, dabei mit den das Geld verwaltenden und die Sammlung koordinierenden Kollegen heftig und lustig herumgefrotzelt, wobei mich auch noch ein Riesenkompliment ereilte: Unser Systemadministrator beschied mir, über einen guten Geschmack zu verfügen. Ich hatte gesagt, Nürnberger Rostbratwürste seien die besten Bratwürste, die ich kenne. Da meinte er anerkennend, ich hätte in der Tat einen sehr guten Geschmack. (Ich verschwieg, dass ich auch Thüringer und Krakauer sehr möge, aber die „Drrrei im Weggla“ mit Senf, die ich auf dem Christkindlesmarkt gegessen hatte, waren wirklich mal wieder eine Art wurschtiger Offenbarung gewesen. Sogar das „Weggla“ war ganz knusprig, ebenso wie die Haut der „Brrrodwärschtla“.) Als ich aus Spaß auch noch anhob, fränkisch zu parlieren, applaudierte der SysAdmin sogar, und seine beiden Kollegen staunten.

Weiterhin habe ich ein wichtiges Amtsblatt mit zwei Ankündigungen veröffentlicht und einen Aushang dazu gemacht – die übliche Vorgehensweise, denn wir sind ja im öffentlichen Dienst. Und dann habe ich noch etwa zweihundert Weihnachtskarten kuvertiert und in die Post gegeben. Den Rest musste ich leider auf morgen verschieben, denn um kurz vor 12 musste ich mit wehenden Haaren zum Bus rennen: Meine Dozententätigkeit, eigentlich Neben-, für mich aber emotional Haupttätigkeit, rief mich in eine der Nachbarstädte an die dortige Technische Universität. Alle Verbindungen mit dem ÖPNV klappten, und ich freute mich, denn ein solches Ereignis ist keineswegs selbstverständlich. Nur das Wetter war scheußlich, denn es stürmte, der Wind heulte dramatisch, und es schüttete wie aus Eimern. Ich kam trotz Regenschirms recht durchfeuchtet in meinem Seminarraum an.

Das Seminar lief prima, obwohl ich die armen Studenten und Studentinnen mit „grammar“ quälte. Da das Seminar danach ausfiel, hätte ich Gelegenheit gehabt, mal ausnahmsweise früher zu Hause zu sein, aber ich dachte: „Ach was – da fährst du über Essen und kaufst dort Weihnachtsgeschenke!“ Ein toller Plan – ich komme ja sonst zu nichts. Ich war über mich selber begeistert, was gar nicht so oft vorkommt.

Es fing damit an, dass meine S-Bahn in der unterirdisch gelegenen Universitäts-Station nicht kam … Meinem Gleis gegenüber fuhren hingegen zwei Bahnen in die Gegenrichtung, in die ich nicht wollte, mit nur ganz geringfügiger Verspätung – etwa 10 Minuten – problemlos. Also im Grunde total pünktlich, wenn man mit der Deutschen Bahn einigermaßen vertraut ist. Es erfolgte auf meinem Gleis keine Ansage – nichts. Ich stand mit schließlich etwa 80 Studis, Dozenten und weiteren Leuten fröstelnd auf dem Bahnsteig, an dem sich nichts tat. Doch! Eine Maus huschte über das Gleis, die sogar einmal Männchen machte und uns ansah, als wolle sie sich über uns lustig machen. Sie tat das völlig gefahrlos auf den Schienen – mit der Einfahrt eines Zuges war ja nicht zu rechnen. Nicht auf meiner Seite.

Als selbst geduldigere Gemüter als ich erst langsam, dann jedoch nachhaltig ungeduldig wurden, schlich endlich eine S-Bahn übers Gleis in unsere Richtung und hielt am Bahnsteig: Was für ein Fortschritt! Und drinnen war es warm! Wir fuhren dann sogar zügig los, und ich hatte berechtigte Hoffnung, meine Geburtsstadt, in der ich Weihnachtseinkäufe machen wollte, doch tatsächlich noch heute zu erreichen.

Kaum dort eingetroffen, verfluchte ich mich für meinen Leichtsinn! Bereits in den Bahnhofsgeschäften brummte der Bär in Gestalt vieler Menschen, die hektisch in den Auslagen herumsuchten. Einige von ihnen hatten offenbar den Volkshochschulkurs: „Wie stehe ich ganz besonders effizient im Weg?“ erfolgreich und mit Zertifikat besucht. Auch waren Absolventen des Fortgeschrittenenkurses anwesend: „Wie stehe ich ganz besonders effizient im Weg und telefoniere/unterhalte mich mit meiner Nachbarin/meinem Nachbarn, die ich zufällig getroffen habe, dabei, wobei ich vorgebe, gar nicht zu bemerken, dass ich störe?“

Nachdem ich bei Tchibo zwei Päckchen Kaffeekapseln für meine brandneue Kaffeemaschine gekauft hatte, floh ich aus dem Bahnhofsgebäude: Nicht weit entfernt ist ja die „Galeria Kaufhof“ auf der Kettwiger Straße. Dorthin ging ich.

Ein bisschen doof ist ja, dass man, betritt man die „Galeria Kaufhof“ von der Kettwiger Straße aus, gleich zur Rechten in die Kosmetik- und Parfumabteilung kommt. Ihr erinnert Euch? Gestern noch am Flughafen Nürnberg, wo der Duty-free-Shop Inventur machte? Kein Parfum? Mit dem Vorsatz: „Ich gucke nur mal, was hier so angeboten wird“, schritt ich die Regalreihen mit den Parfums ab. Ich entdecke ja immer wieder gern Neues. Bei „Kenzo“ immer das Gleiche – schade eigentlich, ich mochte ein bestimmtes Parfum von Kenzo, das ich allerdings nirgendwo mehr finde. Yves Saint Laurent? Hui – alles nicht meine finanzielle Kragenweite, was sie da auf Lager hatten. Chanel ließ ich deswegen gleich links liegen. Dior ist leider oft jenseits meines Geschmacks. Doch dann entdeckte ich etwas im Estée-Lauder-Regal, das mir ganz ausnehmend gut gefiel: „Modern Muse“ heißt das Gebräu, und es kam, wie es kommen musste: Schlechten Gewissens schritt ich mit einem Gebinde zur Kasse. Wenn ich schon plane, „nur mal [zu] gucken“! Meine Pläne sind nicht selten zum Scheitern verurteilt, obwohl sie meist gar nicht unrealistisch sind. Schon seit Äonen frage ich mich, woran das wohl liegen könne …

Von der „Galeria Kaufhof“ schritt ich schnell, bevor ich zu weiteren Spontankäufen verleitet werden konnte, die Kettwiger Straße hinunter zur Porschekanzel. Dort ist seit einiger Zeit die „Rathaus-Galerie“ beheimatet, eine kleine „Mall“, ein Einkaufscenter. Blicklos schritt ich vorbei an allen Verheißungen – ich wollte zu „Real“. Um eine LED-Lichterkette (putzige, kleine, grüne Tannenbäumchen), eine angebliche Wundertinktur von „Diadermine“, eine Packung Gewürzspekulatius, zweierlei Sorten Aufschnitt, Brot und Lucky Strike reicher entfernte ich mich dann rasch von der Stätte konsumrauschgeprägter Heimsuchungen. Quasi im Vorbeigehen erstand ich noch einen Long-Pullover, den ich Heiligabend zu tragen trachte. Mit meinen neuen Stiefeln und Overknee-Strümpfen. Darunter eine schlichte Strumpfhose, die sich bereits in meinem Fundus befindet. Ihr seht: Meine Pläne sind stets formvollendet.

Nun rasch zum Bahnhof zurück, bevor ich vollends vom Kaufrausch erfasst werden konnte! Mein Plan war, die Regionalbahn Richtung Münster zu nehmen. Ich war spät dran, und so rannte ich heute zum zweiten Mal mit wehenden Haaren, diesmal Richtung Gleis 21. Was soll ich sagen? Auch dieser Plan gescheitert: Der Zug stand zwar noch am Gleis, litt aber an einem unüberbrückbaren Defekt und konnte nicht fahren. Die S-Bahn auf Gleis 22, die ich auch hätte nehmen können, kam gar nicht erst.

Aber ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen! Von Gleis 4 fuhr nur eine knappe halbe Stunde später ein RE in meine Richtung mit Halt an meinem Heimatort. Und so schleppte ich mich mitsamt meinen Einkäufen dorthin. Kaum stand ich 10 Minuten dort, erfolgte eine Lautsprecheransage: Der RE habe voraussichtlich „wegen polizeilicher Ermittlungen“ 25 Minuten Verspätung. Meine Freude war groß, und ich fing an, zu kalkulieren, was nun günstiger sei: an Gleis 4 stehenbleiben oder doch wieder zu Gleis 21 zurück, denn inzwischen hatte man angekündigt, der liegengebliebene Zug werde durch einen anderen ersetzt … Auch solle ja die S-Bahn Richtung Dortmund wieder verkehren, die ich auch hätte nehmen können. Beide Züge würden im Endeffekt zumindest eher am jeweiligen Gleis stehen, so dass ich nicht länger in klammer Kälte und widrigem Westwind ausharren müsste.

Ich schnappte meine Einkäufe und sauste zurück zu den Gleisen 21 und 22. Dort wurde ich zurückgeschickt zu Gleis 4. Kaum da angekommen, war die Verspätung inzwischen auf 45 Minuten angewachsen. Offenbar dauerten die polizeilichen Ermittlungen länger an, als geplant. (Ha! Damit kenne ich mich aus – „geplant“!) Immerhin gab es eine erneute Lautsprecherdurchsage, die zum Inhalt hatte, an Gleis 21 werde alsbald ein Zug bereitgestellt, der Richtung Münster … Ich rannte treppab und treppauf zurück zu Gleis 21 und beschloss, mich dort nie wieder wegzubewegen – komme, was wolle!

Es kam dann auch etwas. Der reguläre RB aus Münster, der nach Münster wieder zurückfährt. Es wurde nichts extra bereitgestellt, und ich bin letzten Endes ganz regulär und nur mit einer Stunde Verspätung in einem Zug gen Heimat gerollt, der so voll war, dass niemand, der nur einen Stehplatz hatte (ich hatte einen Klappsitz erwischt, den ich notfalls mit meinem Leben verteidigt hätte), faktisch zu Boden hätte fallen können, wäre er umgekippt. Deutsche Bahn, ich liebe dich! Da plane ich vorausschauend – und du machst mir einmal mehr einen Strich durch die Rechnung!

Fazit: Ich war heute später zu Hause denn je. Und die Weihnachtsgeschenke – ich habe natürlich in Essen kein einziges gekauft! – bestelle ich lieber online …

Tage – und Flüge – wie dieser …

Ich bin gerade von einem sehr schönen Ausflug zurückgekehrt, für den ich zwei Tage Urlaub mitten in der Woche eingereicht hatte: So oft war ich schon in Nürnberg – oder, fränkisch, Nämberch – gewesen, aber noch nie auf dem „Christkindlesmarkt“! Eine Rüge geht daher an meine fränkische Mutter: Hätten wir, wenn wir doch schon so oft in Franken waren, dass meine Schwester und ich als Kinder nach wochenlangem Aufenthalt in unserer nordwestdeutschen Heimat sprachlich nur noch mühsam verstanden werden konnten und uns so manche blöde Bemerkung einfingen, nicht öfter mal im Winter hinfahren können? Dann, wenn in „Nämberch“ Christkindlesmarkt ist?

Doch meine Mutter hatte schon Recht: Im Sommer ist Franken noch viel schöner als ohnehin schon. Und auch weniger gefährlich: Bei vereisten Straßen wäre das Haflingergespann nebst Kutsche, die ich in einem Sommer in einem Dorf im fränkischen Jura eigenhändig hatte fahren dürfen, sicherlich im Graben gelandet. Schon damals im Sommer musste ich feststellen, dass Kutschieren von außen viel leichter aussieht, als es sich dann anfühlt, wenn man die Leinen (so heißen Zügel im Pferde-Fahrsport) höchstselbst in den kleinen Händen hält und nebenbei noch eine Handbremse betätigen muss, während die Pferde fröhlich – möglicherweise auch spöttisch – wiehernd ihre ganz eigenen Wege zu gehen trachten. („Meine“ beiden Zugtiere, Susi und Fanny, zwei sehr freundliche und geduldige Tiere, wussten in den ersten fünf bis zehn Minuten meiner Kutschertätigkeit bisweilen sogar nicht einmal, was ich von ihnen wollte, blieben stehen und schienen zu beratschlagen, was denn nun zu tun sei. Einmal drehten sie sich sogar zu mir um, fragenden Blickes! Zum Glück pflege ich sehr schnell zu lernen, und so ging es dann relativ schnell eher dynamisch weiter, nachdem ich fachkundig eingewiesen worden war.)

Doch zurück. Gestern fuhr ich mit dem fast pünktlichen RE 3 gen Düsseldorf Flughafen, um von dort mit meinem absoluten „Lieblingsflugzeug“ nach Nürnberg zu fliegen: einer Bombardier Dash-8 Q400. Ich muss gestehen, bei all meinen bisher damit erfolgten Flügen eine Art Hassliebe zu dieser Maschine entwickelt zu haben, denn eigentlich fliege ich lieber mit Turbojets. Ergo ganz herkömmlichen Flugzeugen, wie jeder Mallorca-Reisende sie kennt: größer und mit Jet-Triebwerken. Keineswegs mit Propellern, wie sie an der Dash-8 groß, breit und sechsschauflig zur Rechten wie zur Linken der übersichtlichen Maschine prangen, in die gerade einmal knapp 80 Menschen passen – zwei davon sitzen ganz vorn im Cockpit. Ein echter sogenannter Cityhopper – eine Turboprop-Maschine, die nur auf Kurzstrecken eingesetzt wird. Die Hassliebe entwickelte sich aufgrund der Tatsache, dass ich öfter mal gen Nürnberg fliege, wobei ich auf der winzigen Strecke inzwischen schon mit gar keinem anderen Flugzeug mehr rechne, aber auch schon auf Flügen nach London kalt erwischt wurde und mich plötzlich und gänzlich ohne Vorankündigung in diesem elendig engen Ding wiederfand, mit zwei Sitzen zu beiden Seiten des Mittelgangs. Aber es hat auch einen gewissen Charme, das muss ich zugeben. Die Maschine ist – nach der Landung – wie ein Ex-Freund, der einen ewig genervt hat, mit dem man aber befreundet geblieben ist und sich denkt: „Wie gut, dass er nun mit Sabrina zusammen ist!“ Zwar nervt der Ex auch in der Freundschaft noch bisweilen wie in der Beziehung, aber man blickt milde lächelnd darüber hinweg. Manchmal auch nicht, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Der Hinflug vollzog sich ohne nennenswerte Probleme. Etwas turbulent war er, was mit einer vergleichsweise kleinen Maschine erheblich spannender ist als mit einem langweiligen Jet. Einzig die Auswahl der „Speisen“ habe ich zu bemängeln: Entweder gab es Lebkuchen (wie originell auf einem Flug nach Nürnberg!) oder „Funny frisch“-Chips in der Variante „Currywurst“. Nicht eigens kaufen! Auf keinen Fall! Ich bin ja irgendwie froh, dass Kurzstreckenpassagiere als Testesser für Hersteller süßer und salziger Knabbereien herangezogen werden, nachdem sie schon die Deppen sind, die in einem Flugzeug sekundärer Bedeutung und mit Propellern versehen transportiert werden, verhütet diese Tatsache doch, dass ich mir ahnungslos und neugierig im Supermarkt eine große Tüte manch unsäglich bescheuerter Chipssorte kaufe – aber bitte! „Funny frisch Currywurst“ ist wirklich unglaublich schlecht! Mein Problem: Ich bin eine Liebhaberin herzhafter Speisen und könnte sogar zum Frühstück schon eine Wanne Tsatsiki verspeisen – wahlweise auch eingelegten Hering. Süßes esse ich selten, und so landete ich bei den Chips, auf die ich nun garantiert im Supermarkt nicht mehr hereinfallen werde. Obwohl ich heute beim Einkaufen nach meiner Rückkehr noch Schlimmeres im Chipsregal fand: „Funny frisch ‚Rot-weiß Schranke‘“! Lassen wir das. Nicht, dass ich in Kollektivscham ausbreche angesichts dieser peinlichen Andienung an vermeintliche Ruhrgebietsvorlieben.

Der Christkindlesmarkt war sehr schön, und meine beiden Freunde und ich hatten einen sehr schönen Aufenthalt in Nürnberg. Der einzige Wermutstropfen: Heute ging es schon wieder retour gen Düsseldorf. Zumindest für mich, denn meine beiden Freunde haben das Glück, in Franken zu leben. Ich nicht.

Ich war früh am Nürnberger Flughafen, zusammen mit meinem Trolley, der nach Ankunft in der fränkischen Metropole, die ich so mag, an Gewicht zugenommen hatte: Es war eine gläserne Glühweintasse vom „Nürnberger Christkindlesmarkt 2014“ hinzugekommen, ebenso drei wunderschöne, wenn auch kitschige Teelichthalter, eine noch viel kitschigere Schneekugel en miniature mit zwei „Glückspilzen“, als  Fliegenpilze getarnt, darin, ein 500-Gramm-„Hutzelbrot“. (Hatte ich meine Abneigung gegen Gebäck mit Trockenfrüchten schon erwähnt? Selbst die konnte in Nürnberg partiell überwunden werden, als ich dieses Brot probierte.) Dazu noch ein Fotokalender 2015 mit Motiven aus Nürnberg, den ich quasi kurz vor knapp am Flughafen käuflich erwarb.

Rasch durch die Sicherheitskontrolle hindurch, die ich ohne Zwischenfälle passierte. (Denn seit meinem vorletzten Flug reise ich nie wieder – wenn auch aufgrund Zeitmangels – mit unaufgeräumter Handtasche los – das war etwas peinlich: Immerhin habe ich seitdem meine Lieblingsohrringe wieder, die sich – mir komplett unverständlich! – irgendwie in einer Falte des Taschen-Innenfutters verborgen gehalten hatten, und das monatelang, während ich sie bereits verloren wähnte!) Immerhin lockte im ersten Stock der Duty-free-Shop, und ich hatte mir schon seit einiger Zeit kein neues Parfum gekauft!

Oben angekommen, wünschte ich mich ins Erdgeschoss zurück: Sämtliche Läden, die für mich von Interesse waren, machten gerade Inventur und sollten sowohl heute wie auch am morgigen Tage geschlossen sein! Kein Parfum! Gut, ich habe zu Hause diverse Flaschen mit Duftwässern stehen – aber man wechselt doch mal gern, oder?

Das Allerschlimmste: Es war noch so viel Zeit totzuschlagen! Zeit, die ich normalerweise mit dem Ausprobieren verschiedener Parfums nutze. Ich sah mich gezwungen, mir einen kitschigen Kühlschrankmagneten in einem der wenigen geöffneten der ohnedies nicht zahlreichen Geschäfte im Flughafen Nürnberg zu kaufen. Kaum gekauft, dachte ich daran, vielleicht mal mein Konsumverhalten zu überdenken – aber lassen wir das. Eine kleine Flasche Wasser für schlappe 3,10 € noch, dann setzte ich mich in den Wartebereich von Gate 13.

Beinahe pünktlich wurde mein Flug aufgerufen, und schon saß ich im Vorfeldbus, der uns dann recht rasch zum Propellermaschinchen brachte. Das übliche Gedränge an der Einstiegsluke – anders kann man den Einstieg nicht nennen, dessen Treppe gleichzeitig die ausgeklappte Eingangstür ist: als hätten nicht alle einen reservierten Sitzplatz! Zwischendurch fing es zu schneien an – wunderbar!

Endlich auf meinem Platz auf Höhe des rechten Propellers angekommen, sah ich, dass neben mir ein junger Typ, Marke „jung-dynamisch-höflich-profillos“ saß, ein echter „Smartie“. Höflich bot er mir an, meinen Mantel oben ins Gepäckfach zu legen, aber ich ziehe es vor, meine Sachen ordentlich gefaltet unter den Vordersitz zu legen. „Smarties“ Höflichkeit hatte damit auch ihre Grenzen erreicht, denn fortan blockierte sein rechter Arm stahlhart die mittlere Armlehne, und selbst leichtes Aufbegehren meines linken Arms, um einiges älter als sein jugendlich-gestählter, der sich ab und an auf die Armlehne stahl, nutzte nichts. Dauernd wurde ich abgedrängt. Ich wollte mich nicht um eine läppische Lehne streiten – so alt ist mein Arm nun wirklich nicht, dass ich ihn ständig ablegen müsste.

Viel schlimmer waren die beiden Kinder, die links hinter mir saßen. Ich verstehe wirklich nicht, warum man Eltern mit Kleinkindern dort plaziert, wo es besonders laut ist: direkt auf Höhe der Propeller. Als der Pilot kurz vor dem Start die Triebwerke hochfuhr, fuhr auch das kleinere der beiden Kinder hoch: seine Stimme. Und ich hatte immer gedacht, das Geräusch von bis zur Volllast hochgefahrenen Flugzeugtriebwerken sei an Kreischen kaum zu übertreffen! Falsch gedacht – das Kind schlug jedes Triebwerk. Und das behielt es über den ganzen Flug bei. Sein Vater war aber auch nicht besser: Auf Spanisch und sehr laut – klar, er musste Propeller und Kind übertönen – versuchte er, das Kind zu beruhigen, was jedoch das Gegenteil bewirkte. Ich kann das verstehen: Ich liebe Sprachen, aber Spanisch gehört keineswegs zu den von mir bevorzugten Sprachen. Für mich klingt es im Dialog immer so, als bellten zwei verfeindete Hunde einander an, kurz bevor sie sich an die Kehlen gehen. Ich entschuldige mich hiermit bei allen Hispanophonen und Spanischliebhabern – es tut mir leid, aber ich mag den Klang dieser Sprache einfach nicht.

Der Flug ging zum Glück auch irgendwann vorbei – aber nie sind mir knapp 60 Minuten so lang vorgekommen. Lesen? Kein Gedanke daran. Stattdessen starrte ich aus dem Fenster und auf den dröhnenden und eifrig rotierenden Propeller, ebenso auf die Wolkendecke, und ich versuchte, darin Entspannung zu finden. So ein Propeller hat in seiner gleichförmigen Bewegung ja auch etwas Meditatives. Wenn man daran glaubt …

Auf dem Rückflug gab es übrigens Aachener Printen …

Die Weisheit jagte mich bisher vergeblich – nun hat sie mich erwischt!

Heute früh hatte ich das, was ich besonders liebe: einen Termin beim Zahnarzt. Nun bin ich ja kein seltener Gast dort, da ich zwar nicht die mathematisch-naturwissenschaftliche Begabung meines Vaters geerbt habe, aber immerhin doch in seine dentalen Fußstapfen getreten bin – ein Hoch auf die Genetik! Die mathematisch-naturwissenschaftliche Begabung wäre mir allerdings lieber gewesen, denn dann wäre ich jetzt wohl auch Ingenieurin und müsste mir keine Tiraden über „Laberfächer“ anhören. So bin ich Anglistin, nicht etwa MINT-Absolventin mit schlechter Zahnqualität. Ein fachlicher wie auch monetärer Unterschied – als Ingenieurin müsste ich mir um die Finanzierung meiner Beißer weniger Gedanken machen.

Trotz gründlicher Dentalhygiene sind bei mir immer irgendwelche Baustellen zu beklagen. Immerhin kann ich behaupten, dass meine Zähne nie schöner aussahen als seit dem Zeitpunkt, da die meisten von ihnen abgeschliffen und überkront oder überbrückt worden sind. Ich habe sogar ein Implantat, und wäre ich Beamtin, damit beihilfeberechtigt und das ganze Procedere nicht so aufwendig und der Erfolg stets zweifelhaft, würde ich mir peu à peu und ohne zu zögern sämtliche Zähne ziehen und Implantate installieren lassen.

Vor zahnärztlichen Behandlungen ist mir nicht bange, denn ich kenne mich damit aus und bin Kummer gewohnt. Man könnte mir – natürlich mit Anästhesie – wohl sicherlich den halben Kiefer auffräsen oder aufstemmen, und ich würde nicht einmal mit der Wimper zucken. Extraktionen von Molaren und nachfolgende Krankschreibungen, wie ich das von Kollegen kenne? Nö. Sitze ich auch lässig auf einer Backe ab und gehe danach mit tamponierter Wunde im Mund zur Arbeit, wo ich von der gesamten Belegschaft angesehen werde wie das bis zu meinem Erscheinen noch nicht vorhanden gewesene Achte Weltwunder (ich arbeite im öffentlichen Dienst). Wurzelbehandlung? Lässig. Wurzelspitzenresektion? Naja, nicht ganz so lässig, aber machbar – ich bin ja nicht aus Zucker.

Erstaunlicherweise ist die einzige Behandlung beim Zahnarzt, auf die ich mit echter Panik und teils übergriffig reagiere, wenn auch reflexmäßig, die harmloseste von allen: Abformungen. Höre ich, wie mein Zahnarzt diese anordnet, klingt es für mich wie: „Tod durch den Strang!“ Sogleich bricht bei mir kalter Schweiß aus, und ich werde unruhig.

Da mein Zahnarzt, ein wirklich sehr guter und ruhiger Vertreter seiner Zunft, zumal mit einem leisen Sarkasmus versehen, was mir sehr entgegenkommt, um meine Panik bei Abdrücken weiß, hat er kürzlich eine neue Methode ausprobiert. Er muss wohl noch vor meinem Eintreffen den Helferinnen gesagt haben: „Sie können bei der Patientin alles in Sichtweite hinlegen, Spritzen grässlich großer und bedrohlicher Gestalt, Zangen, Feilen, Skalpelle, Nahtzubehör, sogar Äxte! Das irritiert sie nicht. Aber legen Sie um Himmels willen nichts heraus, was auch nur entfernt an Abformungen erinnern könnte! Bitte nicht! Das machen wir während der Behandlung, wenn es ansteht und sie sich nicht umdrehen und zusehen kann. Bitte hören Sie auf meine Worte! Ich weiß, wovon ich spreche!“

Und so begab es sich, dass bei der letzten Behandlung mit notwendiger Abformtätigkeit nur Beile, Äxte, Sägen, ein Morgenstern und sonstiges Zubehör bereitlagen, bei dessen Anblick jeder Mensch, der bei klarem Verstand ist, sofort sein Heil in der Flucht gesucht hätte. Ich hingegen setzte mich beruhigt in den Behandlungsstuhl. Eine kleine Restbefürchtung war vorhanden, denn ich bin zu erfahren, um nicht zu wissen, dass bei der anstehenden Behandlung Abdrücke vonnöten waren. Aber ich dachte: „Sicherlich erst beim nächsten Termin.“

Aber unter der nicht angenehmen Behandlung kam sie dann: die neue Methode! Denn mein Zahnarzt rief irgendwann seinen Helferinnen zu: „Jetzt!“ Und schon breiteten sie das Grauen aus: mehrere Oberkiefer-Abdrucklöffel verschiedener Größen und Macharten, Abformmaterial verschiedenster Materialausprägungen und Couleur (und Letzteres ist auch wörtlich gemeint – von zartem Rosa bis hin zu schrillem Neongrün war alles vorhanden), ebenso einen Abdrucklöffel mit Schläuchen daran, die sie an die Wasserleitung anschlossen! Um Himmels willen! Mein Alptraum! Denn der Abdruck, bei dem der besonders große und doppelwandige Löffel mit der Wasserleitung verbunden ist, da die Abdruckmasse – quasi „von innen“ ausgekühlt – aushärtet, ist besonders qualvoll. Der „Löffel“ ist noch größer als normal, und der Abdruck dauert auch länger. Pure Folter, und ich reagiere darauf immer völlig konträr zu meiner ansonsten stets rational-ruhigen Wesensart.

To cut a long story short: Mein Zahnarzt stellte einmal mehr fest, dass ich einen „slawischen“ Oberkiefer habe, ergo recht breit, was angesichts meiner partiell slawischen Abstammung nicht wunder nimmt, und so mussten wir den ganz besonders großen und grauenhaften Abdrucklöffel bemühen. Kaum hatte man mir diesen gegen den Oberkiefer gestemmt, lief auch schon das Abformmaterial ganz possierlich Richtung Rachen, und so kam es, dass ich schließlich wegen akuten Brechreizes mit einer Nierenschale in den klammen, feuchten Fingern mit Schnappatmung und stark nach vorne gebeugt im Behandlungsstuhl kauerte, dieweil mein Zahnarzt die blutende Scharte desinfizierte, die ich ihm im Handgemenge und völlig unbeabsichtigt am Arm beigebracht hatte, als ich – Reflex! – den sperrigen Abdrucklöffel mit beiden Händen aus meinem Mund zu reißen trachtete, während mein Zahnarzt, der kein Risiko scheut, meine beiden Hände festhalten wollte … „Berufsrisiko“ meinte er nur grinsend, als ich mich tausendmal entschuldigte, nachdem der Abdrucklöffel entfernt und ich mit kaltem Schweiß auf der Stirn und im Dessous reue- und kummervoll mein Bedauern kundtat.

Fazit: Auch diese Methode taugt nicht. Mein Zahnarzt hat das auch sofort eingesehen.

Heute früh war ich einmal mehr in der Praxis, da einer der „Brückenpfeiler“ in meinem Mund Schmerzen verursacht hatte. Der Grund konnte oberflächlich nicht erkannt werden, und so lautete das Verdikt des Arztes: „Röntgen.“

Als wir gemeinsam die Bilder betrachteten, mit ein bisschen so etwas wie Rührung und wie „Omma“ und „Oppa“, die die Bilder ihrer Enkelchen ansehen, meinte der Zahnarzt: „Alles bestens. Die Wurzel perfekt – keinerlei Entzündung. Haben Sie denn jetzt noch Schmerzen?“ – „Nee, die sind weg. Aber sehen Sie doch mal da!“ Und ich zeigte mit meinem Finger auf eine Stelle des Röntgenbildes, die bisher schmählich vernachlässigt worden war. Sie lag jenseits der herkömmlichen Zähne von 1 bis 7 – dahinter. Da hatte sich etwas ausgebreitet, das bis dato viel tiefer gelegen hatte. Vorhanden zwar, aber nie so präsent wie auf dem heutigen Röntgenbild: ein Weisheitszahn. Zwar immer da gewesen, aber nie auf diesem Level, nie so hoch. Der Zahnarzt meinte sofort: „Ziehen wir ein Vergleichsbild heran!“ Das stellte kein Problem dar, denn es existieren zahlreiche Vergleichsaufnahmen meiner stets reparaturbedürftigen Kiefer. Und siehe da: In meinem zarten Alter hat einer der bei mir überhaupt angelegten Weisheitszähne beschlossen, sein weises Haupt zu erheben! Zumindest scheint er massiv darauf zu drängen, das Licht der Welt zu erblicken. Daher wohl auch meine Beschwerden. Ich starrte böse auf das Röntgenbild – der blöde Weisheitszahn erinnerte mich fatal an den Eisberg, der anno 1912 der RMS Titanic im Weg gestanden hatte. Der größere Teil lag unter der Wasseroberfläche …

Ich bin begeistert. Seit Jahren lag der kleine Wicht im Tiefschlaf, und just jetzt, da ausnahmsweise keine anderen dentalen Probleme anstehen, plant er seinen Durchbruch! Wollen wir hoffen, dass er seinen Kollegen oben links nicht noch angestiftet hat, ein Gleiches zu tun!

Immerhin kenne ich nun die dentalmedizinische Marschroute fürs nächste Jahr: Weisheitszahn-OP. Wie sagte mein Zahnarzt grinsend: „Ab dem 27. Lebensjahr nehmen die Risiken einer solchen OP exponentiell zu.“

Welch Glück – ich liege ja nur ganz knapp über diesem Stichdatum! 😉

Mainstream-Mama

Kürzlich saß ich im Dozentenraum des Sprachenzentrums der Uni, an der ich als Dozentin arbeite und trank einen Kaffee, um die Wartezeit zwischen zwei Seminaren zu überbrücken. Ich warf noch einen Blick in meine Unterlagen – ich bin gerne optimal vorbereitet, und da kann ein zusätzlicher Blick in die bereits vorbereiteten Seminarunterlagen nie schaden.

Da ging die Tür auf, und meine Kollegin Isabelle, ebenfalls Anglistin, betrat den Raum. Wir begrüßten einander und begannen eine Unterhaltung. Ich sehe meine Kollegen nicht so oft, höchstens mal auf dem Weg zwischen zwei Seminarräumen, da wir ja ständig auf dem Sprung sind und von einem Gebäude zum anderen laufen müssen, und da bleibt meist nicht viel Zeit zur Unterhaltung.

Heute war es anders. Isabelle sah etwas anders aus als sonst, nachdenklich mit annähernd sorgenzerfurchter Stirn wirkte sie auf mich. Ich fragte sie gleich, ob alles in Ordnung sei. Sie warf mir nur einen langen Blick zu und meinte: „Ich habe letzte Nacht schlecht geschlafen.“ – „Ach, herrje – warum?“ – „Ich habe gestern mit meiner Mutter telefoniert.“

Ich lachte, erschien mir dieser Grund doch auf den ersten Blick nicht als etwas, das für schlaflose Nächte sorgen könne. Aber Isabelle legte auch schon los. Ihre Mutter sei am Vortage aus dem Urlaub zurückgekehrt und habe sich bei ihr gemeldet, um mitzuteilen, sie sei gut angekommen. Isabelle macht sich immer Sorgen, wenn ihre Mutter alleine mit dem Auto unterwegs ist – sie ist ja auch nicht mehr die Jüngste, und es sind viele Wahnsinnige und selbsternannte Formel-1-Fahrer auf der Autobahn unterwegs.

„Alles fing wie ein normales Gespräch an,“, berichtete Isabelle, „Mama erzählte vom Urlaub in ihrer alten Heimat, von Verwandten und Bekannten.“ – „Aber das ist doch schön!“ rief ich. „Wo ist das Problem?“

Isabelles Stirn warf noch mehr Falten, und leicht trotzig meinte sie: „Mama erzählte von der Tochter ihrer Freundin Sibylle. Ich solle mir das mal anhören! Stina habe Biochemie studiert.“ – „Ja, und?“ – „Warte, ich bin ja noch nicht fertig. Das sei ja ganz lukrativ, und Stina habe sich gerade selbstständig gemacht und verdiene wahnsinnig viel Geld. Überdies habe sie gerade ein Kind bekommen und lebe in einer glücklichen Partnerschaft.“

Da dämmerte mir, was Isabelle den Schlaf geraubt hatte. Mir kommen solche Konversationen entfernt bekannt vor. Im Grunde sind es Wortgefechte, die ganz harmlos zu beginnen scheinen, aber ehe man sich versieht und noch bevor man selber das Schwert ziehen konnte, liegt man schon blutend auf dem Boden. Aber selbst das merkt man erst, wenn der aufgelegte Telefonhörer schon wieder auskühlt. Subtil die Attacke und als harmlose Information getarnt, mehr Florett als Schwert, enthält sie Zündstoff en masse. Leider zündet das Ganze dann erst später, und so man auch gar nicht bewusst darüber nachdenkt: Das Unterbewusstsein ist da leider immer sehr zuverlässig.

Isabelle ist, wie ich derzeit, Single, und an Kinder ist schon gar nicht mehr zu denken. Die hatte sie sich selber gewünscht, aber ihre bisherigen Partner waren eher abgeneigt, faselten von Überbevölkerung und dass sie doch erst einmal selber leben wollten. Kommt mir auch bekannt vor. Okay, man muss sich damit abfinden und tut das auch, auch wenn es anfangs nicht ganz einfach ist. Aber machbar ist es, und man kann damit umgehen – wäre da nur nicht die liebe Umwelt, bisweilen in Gestalt von „Mama“, die einen dann immer mehr oder weniger subtil daran erinnert, dass man ja beizeiten versäumt habe, das eigene Leben in die „normale“ Reihe zu bekommen – denn das scheint damit gemeint. Und man hat verabsäumt, die eigenen Eltern mittels Enkelkindern zu beglücken.

Ich nickte Isabelle zu und meinte, ich kenne dies. Sie seufzte tief und meinte: „Als hätte ich nicht selber gern Kinder gehabt! Die Information über Stina war doch nur wieder ein versteckter Hinweis, dass Mama sich Enkelkinder gewünscht und ich versagt habe.“ Ich grinste wissend.

„Aber noch schlimmer immer der Hinweis, andere hätten ja etwas viel Lukrativeres studiert! Und das so hervorgebracht, als hätte ich das auch ohne weiteres gekonnt und sei nur zu eigensinnig gewesen, es auch zu tun! Dabei hatte ich in Bio und Chemie immer eine Vier! Wie soll man denn da Biochemie studieren?“ – „Am besten gar nicht. Hätte ich übrigens auch nicht gekonnt. Lass mal, Isabelle – dafür sind wir beide sehr gut in unserem Bereich! Ohne Grund haben wir ja nicht studiert, was wir studiert haben.“

Isabelle schnaubte daraufhin nur, und trotzig meinte sie: „Das habe ich Mama auch gesagt. Aber die meinte nur, ich hätte ja Geisteswissenschaften studiert. Die sehe sie ja eher so ein bisschen als Laberfächer.“ Oha! Das war starker Tobak – leider nur von vielen Seiten so gehört. Oft von Seiten, die gar keinen Kontakt zu dem von ihnen Kritisierten haben, ergo im Grunde gar nicht mitreden können. Das hindert sie jedoch nicht, es dennoch zu tun, und bei dem ganzen Run auf MINT-Fächer wundert es einen nicht so sehr, dass dann andere Fächer degradiert werden, meist von Menschen, die derlei Dinge eher einseitig sehen. Dass aber Isabelles Mutter auch solche Ideen vertrat, erstaunte mich bis ins Mark. Die war doch sonst nicht dem Mainstream zugeneigt und pflegte selber zu denken, keine Parolen zu schwingen, war kulturell sehr interessiert und liebte Literatur, Musik und Theater. Sollte es sich hierbei etwa in Wirklichkeit um eine Hassliebe handeln? Denn, so Isabelle weiter, laut Mama könne man mit Geisteswissenschaften eh nichts Vernünftiges anfangen.

Ich sah Isabelle und dann meine Unterlagen an. Wenn man mit dem, was wir studiert haben, nichts Vernünftiges anfangen könnte, warum um alles in der Welt leiten wir dann stets überlaufene Seminare, in denen wir Studenten vernünftiges Englisch beibringen, und das sowohl allgemein-, wie auch fachsprachlich? Denn die Studis kommen oft mit schlechten Englischkenntnissen von der Schule, und das direkt nach dem Abitur. Auch mit der Allgemeinbildung hapert es nicht selten. Woran liegt das? Braucht man uns nicht vielleicht doch?

„Damit muss ich Mama gar nicht erst ankommen. Sie meint, Englisch lerne man in der Schule.“ – „Oder auch nicht. Ich sehe es täglich in meinen Seminaren. Und dabei braucht man vernünftige und fundierte Kenntnisse speziell in dieser Sprache.“ – „Ich ja auch. Aber meine Mutter sieht das von außen ganz anders. Die hat ja schon gemeckert, als ich mich damals für Anglistik einschrieb. Englisch lerne man in der Schule! Dabei ist Anglistik doch nicht ‚Englisch an sich‘, sondern Sprach- und Literaturwissenschaft. Englisch muss man sehr gut können, um das überhaupt studieren zu können. Aber das sieht meine Mutter nicht und behauptet, das sei ein Laberfach und brotlose Kunst.“

Wie so viele Menschen. Manche äußern dies direkt, andere, wie Isabelles Mutter, eher subtil. Vielleicht sollten sie sich einfach mal „von innen“ ein Bild machen. Isabelle und ich beschlossen, unsere Seminartüren für Interessierte gern offenzuhalten. Wer sich ein eigenes Bild vom realen Status machen möchte – gern! Damit Isabelle und auch ich wieder ruhig schlafen können. Denn wir machen unsere durchaus dringend notwendige Arbeit gut. 😉

Mein Fazit: Multum, non multa.