„Caution! Wishful thinking might be a weapon.“

Heute telefonierte ich mit meiner lieben Kollegin Anne. Wir sehen einander nicht so oft, obwohl wir denselben Arbeitgeber haben, aber in verschiedenen Gebäuden arbeiten. Und da läuft man einander nicht so oft über den Weg.

Neulich aber waren Anne und ich, die zuvor nie sonderlich viel miteinander zu tun hatten, was nicht nur an den unterschiedlichen Gebäuden, wenn auch keineswegs an mangelnder Sympathie lag, zusammen in einer der Nachbarstädte. „Recklinghausen leuchtet“ stand auf dem Programm, und da wollten wir hin. Es war ein wahrhaft lustiger, aber auch sehr kalter Abend, denn plötzlich hatte es doch stark abgekühlt, nachdem wir am Allerheiligenwochenende – andere nennen es das Halloween-Wochenende, ich nicht – noch ungelogen 20 °C plus gehabt hatten. (Ich muss übrigens dringend davon abraten, bei 6 °C plus in einem offenen Cabrio zu fahren, auch wenn es sich dabei um das eigene Lieblingsvehikel handelt: einen knallroten „Mini Cooper“, auch wenn es nur eine kurze Strecke betrifft: Ohren und Nase kühlen doch sehr schnell aus, und es soll Leute geben, die danach tagelang mit Schmerzen im Rücken herumlaufen – wohl eine Muskelzerrung durch Auskühlung oder so.) Wir machten sogar eine Art Stadtführung mit, und in der „Gastkirche“, in der man Wünsche auf Zettel schreiben kann, für deren Erfüllung dann andere Menschen beten – quasi Erfüllungsgehilfen –, hinterließen Anne und ich, derzeit gerade Singles, dann auch einen gemeinsamen Zettel: „Anne und Ali wünschen sich einen Traumprinzen“. So schrieb Anne. Und wen wundert es da noch, dass wir auf der eher als Irrgang zu bezeichnenden Rückkehr zum Mini Cooper – wir sind beide mit einem nur rudimentär angelegten Orientierungssinn ausgestattet – von einem sinistren Typen verfolgt wurden. Wenn das der Traumprinz sein sollte, hatte Anne wohl beim Verfassen unseres Wunsches etwas falsch gemacht. Obwohl man das nicht mit Bestimmtheit  behaupten kann: Man erkennt Traumprinzen ja nicht immer gleich auf den ersten Blick als solche. Aber hier war selbst der liebevollste und nachsichtigste Blick nicht in der Lage, etwas Positives auszumachen, und so waren wir froh, als wir schließlich an dem putzigen Vehikel mit zwischenzeitlich  geschlossenem Verdeck anlangten, uns hineinsetzten und die Türen von innen verriegelten. Sicher ist sicher, und wenn Traumprinzen so aussehen wie der Typ, der uns auf dem Weg zum Parkplatz gefolgt war, möchte ich nicht wissen, wie das Gegenstück eines solchen männlichen Wesens aussehen mag.

Als wir heute telefonierten, fragte ich Anne: „Und? Hat sich bei dir schon ein Traumprinz gemeldet?“ – „Nee, nur mein Chef. Mit dem habe ich keine Probleme, aber er ist ganz gewiss kein Traumprinz. Und bei dir?“ – „Auch Fehlanzeige. Aber mach dir keine Sorgen – ich bin sicher, es betet schon eine ganze Armada lieber Ömchen im Akkord für uns in der Gastkirche in Recklinghausen, die extra dafür angeheuert werden, für andere zu beten. Es kann sich nur noch um kurze Frist handeln, Anne, bis der Traumprinz Einzug hält.“ Anne lachte sich schlapp über die „Armada lieber Ömchen“ und die Vorstellung, diese beteten im Akkord. Sie schlug vor, die Frequenz etwas zu steigern, aber ich meinte: „Nein, keine Verwirrung – das führt nur zu Chaos. Wer weiß, mit wem wir dann dereinst zu tun bekommen.“ – „Mal im Ernst: Kann es schlimmer kommen?“ fragte Anne. Ich überlegte kurz, ich kannte unser beider Erfahrungen. Dann meinte ich im Brustton der Überzeugung: „Auch wenn es aus unserer Perspektive schwer vorstellbar ist: Es kann immer schlimmer kommen!“

Dann sprachen wir über Wunschdenken und seine bisweilen finsteren Auswirkungen. Ich erzählte, dass ich einst während meines Studiums in ein massives Tief – Nachfolger und Vorgänger anderer Tiefs, aber doch erheblich massiver – geraten sei und in meiner Frustration gedacht hätte: „Naja, zur Not kannst du immer noch als Sekretärin arbeiten.“ Da ich nichtgläubig bin, schiebe ich die schauerlichen Folgen meiner diesbezüglich verunsicherten und ungelenkten Gedanken mal ganz einfach auf das Universum oder sonst etwas, das sich just diesen – gar nicht so ernst gemeinten – Gedanken meiner Person offenbar gemerkt und vorgenommen haben muss: „Erfüllen wir ihr den Wunsch doch! Sie scheint sich danach zu sehnen.“

Anne lachte, wenn auch etwas verhalten. Sie kann sich nicht damit abfinden, dass ich ein derartiges Schicksal erleiden musste, und das finde ich sehr nett von ihr. Sie fing einmal mehr davon an, dass ich dringend „da weg“ müsse, wo ich bin, und da sie sich verbal die Haare zu raufen schien und das Ganze zu schlechter Stimmung hätte führen können, lenkte ich sie lieber auf das Schicksal meiner Mutter um, die einst als Jugendliche eine mehrtägige Radtour mit einer Freundin durch Bayern machte und in einer klösterlichen Jugendherberge nur noch eine Unterkunft auf dem Heuboden fand, da die Herberge bereits durch eine Gruppe Jugendlicher aus Bottrop besetzt war. Die Nonnen, die die Herberge betrieben, teilten den beiden Mädels aus Franken mit, dass man da Rücksicht nehmen müsse: Die armen Jugendlichen aus dem Ruhrgebiet hätten ja sonst schon nichts Schönes – da wolle man ihnen nicht noch ein Zimmer nehmen. Meine Mutter erzählt immer: „Und da dachten wir: ‚Lieber Heuboden als Ruhrgebiet!‘ Uns taten die armen Jugendlichen aus Bottrop – allein schon der Ortsname! – wirklich leid, und ich dachte damals noch: ‚Da würdest du ja niemals leben wollen!‘“ Und nun rate man mal … Ja. Genau. Muttern lernte mitten im schönen Oberfranken meinen Vater kennen, der aus dem tiefsten Ruhrgebiet stammte und in Erlangen als Jungingenieur bei Siemens arbeitete. Der Rest dürfte klar sein.

Nicht zuletzt konnte ich Anne noch das Schicksal meiner Schwester erläutern, die als Kind im damals noch geteilten Deutschland bei unseren Aufenthalten in Franken, wo wir aufgrund unserer heimwehgeplagten Mutter oft waren, auf der Autobahn immer ganz fasziniert von Schildern war, auf denen „Dresden – 280 km“ oder Vergleichbares stand. Sie erzählt noch heute, dass sie als Kind immer gedacht hätte, wie schön es doch wäre, ganz einfach auch dorthin fahren zu können. Und nun ratet mal, wo meine Schwester heute lebt … Nichts gegen Dresden, das meine Schwester auch wunderschön findet! Aber sie ist räumlich nicht immer so ganz glücklich.

Anne hörte sich das an und meinte dann: „Du hast recht – das funktioniert wirklich! Ich habe mir immer einen Partner auf Augenhöhe gewünscht. Und meine Ex-Freunde waren wirklich immer exakt genauso groß wie ich! Dabei habe ich doch etwas ganz anderes gemeint – physiognomisch wollte ich eigentlich immer größere Männer! Wahnsinn!“

Hier war es an mir, mich schlappzulachen, und ich meinte: „Sicher sitzt da oben oder sonst irgendwo jemand mit einem fiesen Gemüt, der sich, wann immer wir uns etwas wünschen, die Hände reibt und sagt: ‚Oh, hübsch! Anne und Ali wünschen sich schon wieder etwas! Na, dann – schicken wir ihnen doch eine absolute Knallcharge, einen Alptraum! Denn auch Alpträume sind Träume. Aber daran haben die beiden blonden Dummchen natürlich nicht gedacht.’“

Was lernen wir daraus? Wunschdenken ist gar nicht so verkehrt. Man sollte nur seine Wünsche so präzise wie möglich formulieren. Dazu aber waren die Zettel in der Recklinghäuser „Gastkirche“ viel zu klein … Ich berichte dann weiter – gerade chattet mich jemand an. Wahrscheinlich der Traumprinz. 😉

Kommentar verfassen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.