Achtung! Hörnchenalarm!

Schon sehr oft ist mir aufgefallen, dass manche Tierarten grob unterschätzt werden. Kaninchen, zum Beispiel. Die sehen in der Tat einfach nur putzig aus mit ihren riesigen Augen und langen Ohren, dem albern anmutenden Schwanz, den langen Hinterläufen, auf die sie sich oft stellen und „Männchen machen“, um Ausschau zu halten, wobei die beiden Vorderläufe quasi völlig nutzlos an ihnen herabhängen. Und schon ihre Art, sich fortzubewegen, wirkt kolossal albern. Wer je gesehen hat, wie sich ein Kaninchen die Ohren, auch „Löffel“ genannt, putzt, wird diese Tiere ohnehin nie wieder hundertprozentig für voll nehmen können, da gerade diese Tätigkeit besonders niedlich aussieht, wenn das kleine Tier das Köpfchen schieflegt und mit beiden Pfoten den jeweiligen „Löffel“ nach unten und langzieht und dann daran herumfuhrwerkt. Droht Gefahr bzw. scheint aus ihrer Perspektive „periculum in mora“, trommeln Kaninchen mit den sehr kräftigen Hinterläufen auf den Boden, dass es nur so kracht. Mein von mir sehr geliebtes, leider im letzten Jahr aufgrund von Altersschwäche im Alter von über zehn Jahren verstorbenes Zwergkaninchen „Muffin“, ein sehr liebenswerter, schwarzweißer kleiner Geselle, hatte sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht, mich immer wieder vor dräuender Gefahr, ergo Gewitter, einem zu Besuch weilenden Hund oder meinem Ex-Freund zu warnen, den er überdies mehrfach wohl aus Abneigung in den großen Zeh gebissen hat – er trommelte immer, als wolle er im nächsten Leben die Tätigkeit eines Tambours einnehmen. Ich wusste dies durchaus zu schätzen, denn er wollte mich schützen, und in zumindest einem der genannten Fälle hätte ich wohl wirklich lieber auf die Warnungen des treuen Tieres gehört. Nein, ich meine nicht das Gewitter, und auch der Hund war ein freundliches Tier, das hinterher Nase an Nase mit dem kleinen „Muffin“, wenn auch durch das Käfiggitter getrennt, dalag (gut, ohne das Gitter hätte ich mir das Ganze auch lieber nicht vorgestellt, aber mit dem Gitter waren sie hinterher beste Freunde).

Wie es „bei Karnickels“ wirklich abgeht, dass da unter anderem gnadenlose und blutige Kämpfe um die Rangfolge oder Vorherrschaft ablaufen, will niemand wirklich wissen – zu niedlich sind die kleinen Kerle, die im Grunde das sogenannte Kindchenschema nie so ganz ablegen. Es liegt wohl an den riesigen Kulleraugen und eher runden und weichen Formen dieser Tiere.

Ähnliches ist von Hörnchen zu berichten. Auch diese, hierzulande vornehmlich als Eichhörnchen präsent, sehen von der Wiege bis zur Bahre einfach nur süß aus, und es grenzte an Frevel, auch nur in Erwägung zu ziehen, diese kleinen Sympathieträger mit den großen Augen könnten irgendjemandem ein Leid antun. Abertausende Singvögel wüssten, würden sie eine dem Menschen verständliche Sprache sprechen, anderes zu berichten, vom Verlust ihrer noch im Ei befindlichen Kinder oder aber der bereits ausgebrüteten Nestlinge, aber es gibt da eben diese babylonische Sprachbarriere. Nein, Hörnchen sind einfach nur putzig, und was putzig ist, kann doch nichts Böses tun. Oder?

Ich weiß von Hörnchen anderes zu berichten, denn ich wurde einst Opfer einer Bande von Wegelagerern, ein wehrloses Opfer echter Krimineller. Genauer: von Bandenkriminalität reinsten Weihwassers!

Mit meinem ältesten und besten Freund – wir nennen ihn bekanntermaßen Fridolin – war ich 1994 über Weihnachten in London, einem meiner Lieblingsorte hier in Europa und überhaupt. Es war klirrend kalt, hatte gefroren – herrlichstes Winterwetter mit Sonnenschein. Und so suchten wir den Hyde Park auf, besuchten dabei auch Kensington Gardens. An einer besonders pittoresken Stelle blieben wir stehen und erfreuten uns an dem Szenario, als ich plötzlich aus dem Augenwinkel vielfältige Bewegung aus allen möglichen Richtungen wahrnahm: wellenförmig wirkende Bewegung. Aus allen Richtungen eilten Hörnchen herbei! Genauer: Grauhörnchen, jene nordamerikanische Spezies, die sich hier seit ihrer Einführung in Europa immer breiter macht und das uns allen bekannte rothaarige Europäische Eichhörnchen mit den albernen Haarbüscheln auf den Ohren mehr und mehr verdrängt. Diese grauen und ohrbüschellosen Hörnchen kamen von überall her herbeigeeilt, als hätten sie sich verabredet – wahrscheinlich hatten sie das auch! -, und die wellenförmige Charakteristik ihrer Bewegung wurde durch ihre buschigen Schwänze erzeugt.

Ich rief – noch völlig ahnungslos – begeistert: „Sieh mal, Fridolin! Die niedlichen Hörnchen! Sie kommen alle zu uns! Meine Güte, sind die zahm – die haben ja gar keine Angst!“ Weit gefehlt! Angst? Das kannten die Tiere nicht, aber mir wurde kurz darauf angst und bange, als die vermeintlich niedlichen kleinen Gesellen auch schon direkten Kurs auf uns nahmen und, ohne lange zu fackeln, an meinem wollenen Wintermantel in Dunkelgrün hochkletterten.

Sofort wurde ich gefilzt! Und das gründlicher, als jeder Zollbeamte das tun würde. Man blickte in die Manteltaschen, wühlte darin herum, blickte in beide Ärmel – es hätten Nüsse oder sonstige Leckereien dort gebunkert sein können. Man blickte sogar in meinen Kragen! Ich fühlte mich nicht wohl – diese Tiere haben sehr lange und spitze Krallen. Und ich hatte nichts dabei, das man ihnen hätte anbieten können. Höchstens Geld und Zigaretten, aber beides war für die Tiere uninteressant. Als man am und im Mantel nicht fündig wurde, blickte eines der Hörnchen sogar in mein rechtes Ohr und zog am dort befindlichen Ohrring. Aua! Meine Umhängetasche wurde, da sie von den Hörnchen nicht geöffnet werden konnte, mit bösen Blicken bedacht und grobmotorisch daran herumgezerrt,  während Fridolin, den sie weitgehend ignorierten, sich halbtot lachte. Ich hingegen überlegte, wann meine letzte Tetanusimpfung sich zugetragen habe – möglicherweise würden die Hörnchen sich rächen, wenn sie bemerkten, dass bei mir nichts zu holen sei.

Zum Glück fiel mir dann ein, dass ich in der Tasche einige „saltine crackers“ hatte, gesalzene Cracker. Die holte ich rasch heraus, wobei eines der Hörnchen mir aus einem Meter Entfernung und von einem schmiedeeisernen Gitter direkt auf die Brust sprang, als es sah, dass ich etwas Essbares dabei hatte. Mein Schrei war sicherlich bis New Scotland Yard zu hören, und das Hörnchen sprang angewidert und erschrocken ob des bemerkenswert lauten und schrillen Geräuschs, von dem ich selber nie geglaubt hätte, es äußern zu können, auf den Boden und sah mich vorwurfsvoll und mit einer gewissen Strenge an. Ich hingegen verhielt mich wie der Pfarrer in einer katholischen Messe und verteilte meine „Hostien“. Doch viel zu langsam für die Hörnchen, die sich zu meinen Füßen drängelten und mir die Gaben brutal aus der Hand rissen, um sie in Sekundenschnelle und im „Rasenmäherverfahren“, eine Reihe hin, die nächste zurück, aufzufressen, um erneut ungeduldig vor mir zu stehen und an meinen Schnürsenkeln zu zerren. Das kleinste Hörnchen, das offenbar noch in der Ausbildung war, verlor das ihm zugedachte Stück an eine Krähe, die aus der Luft darauf herabstieß und es dem kleinen Hörnchen aus der Pfote riss. Rasch reichte ich ihm einen neuen Cracker, aber es sah mich nur geringschätzig an, als es mir die Gabe aus der Hand riss. Dass es nicht vor mir ausspuckte oder mir gegen das Schienbein trat, wundert mich noch heute.

Als die Crackerpackung leer war, rannten Fridolin und ich fast um unser Leben …

Offenbar passen sich die roten Hörnchen hierzulande inzwischen an. Die waren früher ganz gewiss nie so dreist wie heutzutage – da bin ich ganz sicher. Kürzlich stellte sich mir ein solches Hörnchen breitbeinig in den Weg, als ich morgens zur Straßenbahn rannte und einen kleinen Seitenweg in abkürzender Absicht nutzte, den das Hörnchen wohl als sein Revier betrachtete. Es stand dort und schimpfte laut und unflätig – zumindest klang es nicht nett. Eine Amsel kam ihm zu Hilfe und schrie mich ebenfalls laut und böse an. Ich musste die beiden leider völlig ignorieren – ich war spät dran. Sie sprangen im letzten Moment auch zur Seite, als ich einfach weiter rannte. Jedoch ein eindeutiges Zeichen: Die Natur schlägt zurück. 😉

Und vorgestern saß ich arglos an meinem Rechner im Wohnzimmer, die Balkontür geöffnet, da ich rauche, dabei aber gerne Tür und Fenster geöffnet habe. Ich tippte gedankenverloren einen Text vor mich hin, als ich aus dem rechten Augenwinkel etwas über den Balkon huschen sah. Kein Problem – es gibt viele Singvögel hier, und ich werde oft von Meisen, Amseln, aber auch einem Eichelhäher besucht. Neulich sogar einer Elster, die gegen die Fensterscheibe der Balkontür klopfte. Es war sicherlich wieder einer dieser freundlichen Gesellen.

Wie erstaunt aber war ich, als ich ein scharrendes Geräusch von der Tür her wahrnahm und, als ich hinsah, ein kleines, rothaariges Kerlchen mit pinselartigen Haarbüscheln auf den Ohren sah, das sich gerade anschickte, ins Wohnzimmer zu kommen! Die beiden kleinen Vorderläufe hatte es bereits ins Innere der Wohnung gesetzt und war schon dabei, auch noch den Rest hinterherzuschieben. Behüte! Ein Eichhörnchen in der Wohnung! Ich sah bereits abgerissene Tapeten, aus den Regalen gerissene und in blinder Wut und Panik zerfetzte Bücher vor mir, und so schrie ich das arglose, aber dreiste Tier an, und es floh die Hauswand hinab. Beachtlich, wie diese Tiere klettern können! Und das in Eile und mit dem Kopf voran!

Ich muss mir dringend merken, die Fenster stets zu schließen, wenn ich gerade nicht im Raum bin. Nicht, dass ich eines Tages ins Schlafzimmer komme, wo ich gerade lüftete, und mein Bett ist bereits besetzt, und ein Eichhörnchen verweigert mir, mich selber hineinzulegen! Wie ich Hörnchen inzwischen kenne, wäre dies kein Wunder …

Und da beschweren sich manche Leute über die vermeintliche Dreistigkeit von Katzen! Ha!

Honey’s gone …

Nein, ich will damit keineswegs andeuten, dass mir der Honig für mein Frühstücksbrötchen ausgegangen sei, denn erstaunlicherweise habe ich immer Honig im Haus (Wald- oder Tannenhonig, also das, was doppelt vorverdaut wurde, ergo zunächst von verschiedenen Arten sogenannter „Schnabelkerfe“ – ich liebe dieses Wort – wie zum Beispiel Blattläusen ausgeschieden und dann von Bienen aufgenommen, verarbeitet und erneut ausgeschieden … nun gut…), wenn auch keine Frühstücksbrötchen, da ich, wenn überhaupt, nur am Wochenende zu Hause frühstücke. Honig ist aber immer da.

Nein, hier geht es um etwas ganz anderes. Ich bin ja recht gern in sozialen Netzwerken unterwegs, derzeit hauptsächlich in einem, das mir auch gut gefällt, und nein: Es handelt sich nicht um Facebook, wo ich wahrscheinlich nur unter Androhung roher Gewalt einen Account einrichten würde. Doch auch in „meinem“ sozialen Netzwerk ist man nicht davor gefeit, von Knallchargen, Vollidioten und Schlimmerem angechattet zu werden. Denn natürlich gibt es eine Chatfunktion.

Ich werde, wie mein ältester und bester Freund – nennen wir ihn Fridolin – immer sagt, offenbar immer nur von Wahnsinnigen angechattet: „Ali, ich weiß nicht, warum, aber offenbar bist du ein Magnet für Irre.“ So sagte er erst neulich noch, und ich fragte mich entsetzt, ob es vielleicht daran liegen könne, dass Gleich und Gleich sich gerne geselle. Aber ich glaube, das hatte er nicht gemeint. Er meinte zu mir: „Mach dir einen Spaß daraus. Das kann nämlich wirklich total lustig sein, wenn du den Idioten, die wahrscheinlich allesamt zur Nigeria-Connection gehören, wenn es nicht echte Irre sind, den totalen Bären aufbindest. Los – du hast doch Phantasie!“

Gut. Bis dato hatte ich die Idioten immer geblockt, die dann jedoch unter anderem Namen und anderer Identität erneut auftauchten. Aber in der Tat – es ist viel lustiger, wenn man Bekloppten die dollsten Dinge erzählt. Ich weiß, wovon ich spreche.

Denn kürzlich chattete mich „Joel“ an. Äußerst höflich stellte er sich mir als „Dr. Joel M[…]“ vor, und es sei ihm eine Freude, mit mir kommunizieren zu dürfen. Er sei 53, stamme aus New York, sei Chirurg und derzeit als Sanitätsoffizier im Dienste der UN in Afghanistan tätig. Er sei Witwer, seit seine Frau vor fünf Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Der Verlust habe ihn beinahe umgebracht, weswegen er auch die Entscheidung getroffen habe, sich für die UN-Truppen zu verpflichten. Inzwischen aber habe er neuen Lebensmut gefasst, zumal da ja auch noch sein knapp sechzehnjähriger Sohn sei, der dringend eine weibliche Bezugsperson benötige, wie er, Joel, auch.

Eine wahrhaft herzzerbrechende und steinerweichende Geschichte, und ich drückte ihm auch gleich „my heartfelt sympathy“ aus. Wie er denn da just auf mich gekommen sei?

Er habe nach neuen Leuten gesucht, zumal sein bester Freund in just „meinem“ sozialen Netzwerk die Frau fürs Leben gefunden habe – beide hätten einen inzwischen zweijährigen Sohn. Er habe gesucht und sei dann auf mein wunderschönes Profilbild gestoßen. Das habe ihm so gut gefallen – da habe er mich einfach ansprechen müssen.

Ich grinste, obwohl ich mein Profilbild wirklich schön finde. Höflich bedankte ich mich für das große Kompliment, und schon ging es los mit einem wahrhaft spannenden Chat. „Joel“ war ganz hin und weg von meiner Erscheinung, ich wurde mit Komplimenten überhäuft. „Dear“ war eines der meistgenannten Wörter, wobei er „honey“ für mich zu bevorzugen schien. Dagegen habe ich gar nichts; „baby“, „sweetheart“ oder gar „sweetie“ hätte ich schlimmer gefunden. Ich bin bekanntermaßen anglophil, und bei meinem Erstbesuch meiner amerikanischen Verwandten in Seattle war ich oft mit „honey“ angesprochen worden, was ich eigentlich ganz okay und nett fand. Aus dieser Zeit stammt auch „Ali“, weil die wenigsten Leute dort mit meinem eigentlichen Namen etwas anfangen konnten, aber „Ali“ mag ich.

Nun ja. „Honey“, also ich, chattete mit einem Fake, und das machte wirklich Spaß. Besonders amüsant wurde es, als ich gefragt wurde, wie ich denn lebte. Ich berichtete sehr plastisch, in einem „lovely mansion“ zu leben, das mir gehöre. Ergo in einer Villa. Auch hatte ich wie durch Zauberhand drei Domestiken: eine „maid“, einen „chauffeur“ und einen „gardener“, ergo ein Dienstmädchen, einen Fahrer und einen Gärtner, denn natürlich gehörte zu meinem „mansion“ auch ein wundervoller Garten mit prachtvollen Blumen – sogar einen kleinen Pavillon gab es! Und natürlich sei meine Villa gespickt mit wertvollen Gemälden. Wie er denn in Amerika lebe?

Oh, er habe eine Burg von seinen natürlich längst verstorbenen Eltern (Florence und Benedict) geerbt! (Ich brach vor meinem PC vor Lachen beinahe zusammen, denn er hatte zuvor erzählt, in Brooklyn beheimatet zu sein …) Ich fragte rück, wie das denn gehe: eine Burg mitten in Brooklyn! Da wurde er etwas ungehalten und erklärte mir, es handle sich um eine mittelalterliche Festung. (Ich spie beinahe den Tee, den ich gerade im Mund hatte, auf meine Tastatur, aber das hätte mein Laptop ernsthaft beschädigen können, und so beherrschte ich mich.) Eine mittelalterliche Festung! In Amerika! Als er mit meiner Hilfe bemerkte, dass das nicht stimmen könne, lenkte er ein und behauptete, ich hätte seinen Test bestanden: Er wolle ja nur eine intelligente und gebildete Frau, und die meisten Frauen würden gar nicht merken, dass das mit dem Mittelalter in Amerika gar nicht stimmen könne. Ja, klar. (Obwohl ich inzwischen glaube, dass tatsächlich nicht wenige Frauen darauf hereinfallen würden …)

An dieser Stelle musste ich den Chat dann auch leider abbrechen, denn soeben kam mein Dienstmädchen mit dem Tee, selbstredend in einem silbernen Teeservice, und auch der Besuch meiner Maniküre stand bevor. Ebenso der meines Gärtners. Bei der Erwähnung des Gärtners wurde „Joel“ dann etwas ungehalten, denn er vermutete, der Gärtner könne anderes im Schilde führen, als nur mit mir über die Überwinterungsmaßnahmen meiner edlen Teerosen – natürlich eine eigene Züchtung, da die Rosenzucht zu meinen vielfältigen Hobbys zählt – zu sprechen. Ich beruhigte ihn und meinte, es gehe wirklich nur um die Rosen. Das würde er doch sicherlich verstehen, da er, wie angegeben, Rosen neben seinem Sohn und seiner dahingeschiedenen Ehefrau (von den Philippinen stammend) auch über alles liebe.

Am nächsten Tag ging es weiter … Inzwischen besaß ich sogar eine Yacht, zu der ich stets mit meinem Bentley gebracht werde, da mir ein Rolls-Royce zu ordinär erscheine („Every Tom, Dick and Harry has a Rolls!“). Mehrere Pferde, unter anderem Rennpferde, waren mir eigen, und ganz nebenbei züchtete ich Windhunde (Greyhounds). Außerdem hatte ich in meiner Villa einen echten Steinway-Konzertflügel, auf dem ich geneigten Hörern „every now and then“ ein kleines Konzert darbrächte.

„Joel“ schrieb, auch er wolle dazugehören – ich sei die Frau seines Lebens. So gebildet und weltläufig! Genau das Richtige für ihn und seinen Sohn Alex, dessen Alter zwischen 16 und 18 „every now and then“ changierte, ebenso wie sein Wohnort (USA oder Großbritannien, beide Male Internat).

Fotos gab es auch von ihm. Ich muss gestehen, dass ich, als ich sie sah, dachte: „Schade, dass das alles ein Fake ist!“ Denn, ich bin ganz ehrlich, den Typen auf den Fotos würde ich nicht unbedingt von der Bettkante schubsen. 😉 Aber per Google-Bildersuche lässt sich leicht herausfinden, wessen Fotos das wirklich sind bzw. ob die noch anderweitig genutzt wurden. Und siehe da: Es handelt sich bei dem wirklich reizvollen Menschen – zumindest auf einigen Fotos – um einen amerikanischen Hypnotherapeuten, einen Hypnosespezialisten. Offenbar haben die Angehörigen der Nigeria-Connection, mit denen ich chattete, dessen Bücher auch gelesen. Denn – ich muss es zugeben – das Gesülze, das sie von sich gaben, schmeichelte schon ein wenig, auch wenn ich Sorge um mein Laptop hatte, das bei all dem Schmalz, das da bemüht wurde und quasi aus dem Rechner troff, ernsthaften Schaden hätte nehmen können. Die Fotos des wahrscheinlich völlig ahnungslosen Hypnotherapeuten scheinen übrigens sehr beliebt bei Scammern zu sein, wie man die Menschen nennt, die arglosen Mitmenschen einen gigantischen Bären aufbinden und Liebe vorgaukeln, um ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Einen Vorteil hat das Ganze in jedem Falle, vor allem, wenn man weiß, womit man es zu tun hat: Die tollen Komplimente stärken das Selbstbewusstsein. 😉

„Joel“ macht sich gerade große Sorgen um mich. Denn ich melde mich gar nicht mehr. Klar, ich schreibe ja auch gerade diese Glosse hier. Er möchte ganz dringend wissen, ob es mir gut gehe, da er mich so sehr liebe und direkt nach seiner für Februar zu erwartenden Pensionierung heiraten möchte … Ich muss zugeben, dieses ewige „Plong“-Geräusch meines Rechners, wann immer eine Nachricht eingeht, nervt inzwischen. Vielleicht sollte ich ihm mitteilen, dass mein Gärtner mir gerade einen Heiratsantrag gemacht habe. Ich glaube, das mache ich! 😉

Lieber Fridolin – vielen Dank! Es macht wirklich großen Spaß, Idioten zum Besten zu halten. Aber irgendwie fehlt mir derzeit mein Dienstmädchen mit dem Tee! Zu dumm, ich habe ihm heute frei gegeben …

„Caution! Wishful thinking might be a weapon.“

Heute telefonierte ich mit meiner lieben Kollegin Anne. Wir sehen einander nicht so oft, obwohl wir denselben Arbeitgeber haben, aber in verschiedenen Gebäuden arbeiten. Und da läuft man einander nicht so oft über den Weg.

Neulich aber waren Anne und ich, die zuvor nie sonderlich viel miteinander zu tun hatten, was nicht nur an den unterschiedlichen Gebäuden, wenn auch keineswegs an mangelnder Sympathie lag, zusammen in einer der Nachbarstädte. „Recklinghausen leuchtet“ stand auf dem Programm, und da wollten wir hin. Es war ein wahrhaft lustiger, aber auch sehr kalter Abend, denn plötzlich hatte es doch stark abgekühlt, nachdem wir am Allerheiligenwochenende – andere nennen es das Halloween-Wochenende, ich nicht – noch ungelogen 20 °C plus gehabt hatten. (Ich muss übrigens dringend davon abraten, bei 6 °C plus in einem offenen Cabrio zu fahren, auch wenn es sich dabei um das eigene Lieblingsvehikel handelt: einen knallroten „Mini Cooper“, auch wenn es nur eine kurze Strecke betrifft: Ohren und Nase kühlen doch sehr schnell aus, und es soll Leute geben, die danach tagelang mit Schmerzen im Rücken herumlaufen – wohl eine Muskelzerrung durch Auskühlung oder so.) Wir machten sogar eine Art Stadtführung mit, und in der „Gastkirche“, in der man Wünsche auf Zettel schreiben kann, für deren Erfüllung dann andere Menschen beten – quasi Erfüllungsgehilfen –, hinterließen Anne und ich, derzeit gerade Singles, dann auch einen gemeinsamen Zettel: „Anne und Ali wünschen sich einen Traumprinzen“. So schrieb Anne. Und wen wundert es da noch, dass wir auf der eher als Irrgang zu bezeichnenden Rückkehr zum Mini Cooper – wir sind beide mit einem nur rudimentär angelegten Orientierungssinn ausgestattet – von einem sinistren Typen verfolgt wurden. Wenn das der Traumprinz sein sollte, hatte Anne wohl beim Verfassen unseres Wunsches etwas falsch gemacht. Obwohl man das nicht mit Bestimmtheit  behaupten kann: Man erkennt Traumprinzen ja nicht immer gleich auf den ersten Blick als solche. Aber hier war selbst der liebevollste und nachsichtigste Blick nicht in der Lage, etwas Positives auszumachen, und so waren wir froh, als wir schließlich an dem putzigen Vehikel mit zwischenzeitlich  geschlossenem Verdeck anlangten, uns hineinsetzten und die Türen von innen verriegelten. Sicher ist sicher, und wenn Traumprinzen so aussehen wie der Typ, der uns auf dem Weg zum Parkplatz gefolgt war, möchte ich nicht wissen, wie das Gegenstück eines solchen männlichen Wesens aussehen mag.

Als wir heute telefonierten, fragte ich Anne: „Und? Hat sich bei dir schon ein Traumprinz gemeldet?“ – „Nee, nur mein Chef. Mit dem habe ich keine Probleme, aber er ist ganz gewiss kein Traumprinz. Und bei dir?“ – „Auch Fehlanzeige. Aber mach dir keine Sorgen – ich bin sicher, es betet schon eine ganze Armada lieber Ömchen im Akkord für uns in der Gastkirche in Recklinghausen, die extra dafür angeheuert werden, für andere zu beten. Es kann sich nur noch um kurze Frist handeln, Anne, bis der Traumprinz Einzug hält.“ Anne lachte sich schlapp über die „Armada lieber Ömchen“ und die Vorstellung, diese beteten im Akkord. Sie schlug vor, die Frequenz etwas zu steigern, aber ich meinte: „Nein, keine Verwirrung – das führt nur zu Chaos. Wer weiß, mit wem wir dann dereinst zu tun bekommen.“ – „Mal im Ernst: Kann es schlimmer kommen?“ fragte Anne. Ich überlegte kurz, ich kannte unser beider Erfahrungen. Dann meinte ich im Brustton der Überzeugung: „Auch wenn es aus unserer Perspektive schwer vorstellbar ist: Es kann immer schlimmer kommen!“

Dann sprachen wir über Wunschdenken und seine bisweilen finsteren Auswirkungen. Ich erzählte, dass ich einst während meines Studiums in ein massives Tief – Nachfolger und Vorgänger anderer Tiefs, aber doch erheblich massiver – geraten sei und in meiner Frustration gedacht hätte: „Naja, zur Not kannst du immer noch als Sekretärin arbeiten.“ Da ich nichtgläubig bin, schiebe ich die schauerlichen Folgen meiner diesbezüglich verunsicherten und ungelenkten Gedanken mal ganz einfach auf das Universum oder sonst etwas, das sich just diesen – gar nicht so ernst gemeinten – Gedanken meiner Person offenbar gemerkt und vorgenommen haben muss: „Erfüllen wir ihr den Wunsch doch! Sie scheint sich danach zu sehnen.“

Anne lachte, wenn auch etwas verhalten. Sie kann sich nicht damit abfinden, dass ich ein derartiges Schicksal erleiden musste, und das finde ich sehr nett von ihr. Sie fing einmal mehr davon an, dass ich dringend „da weg“ müsse, wo ich bin, und da sie sich verbal die Haare zu raufen schien und das Ganze zu schlechter Stimmung hätte führen können, lenkte ich sie lieber auf das Schicksal meiner Mutter um, die einst als Jugendliche eine mehrtägige Radtour mit einer Freundin durch Bayern machte und in einer klösterlichen Jugendherberge nur noch eine Unterkunft auf dem Heuboden fand, da die Herberge bereits durch eine Gruppe Jugendlicher aus Bottrop besetzt war. Die Nonnen, die die Herberge betrieben, teilten den beiden Mädels aus Franken mit, dass man da Rücksicht nehmen müsse: Die armen Jugendlichen aus dem Ruhrgebiet hätten ja sonst schon nichts Schönes – da wolle man ihnen nicht noch ein Zimmer nehmen. Meine Mutter erzählt immer: „Und da dachten wir: ‚Lieber Heuboden als Ruhrgebiet!‘ Uns taten die armen Jugendlichen aus Bottrop – allein schon der Ortsname! – wirklich leid, und ich dachte damals noch: ‚Da würdest du ja niemals leben wollen!‘“ Und nun rate man mal … Ja. Genau. Muttern lernte mitten im schönen Oberfranken meinen Vater kennen, der aus dem tiefsten Ruhrgebiet stammte und in Erlangen als Jungingenieur bei Siemens arbeitete. Der Rest dürfte klar sein.

Nicht zuletzt konnte ich Anne noch das Schicksal meiner Schwester erläutern, die als Kind im damals noch geteilten Deutschland bei unseren Aufenthalten in Franken, wo wir aufgrund unserer heimwehgeplagten Mutter oft waren, auf der Autobahn immer ganz fasziniert von Schildern war, auf denen „Dresden – 280 km“ oder Vergleichbares stand. Sie erzählt noch heute, dass sie als Kind immer gedacht hätte, wie schön es doch wäre, ganz einfach auch dorthin fahren zu können. Und nun ratet mal, wo meine Schwester heute lebt … Nichts gegen Dresden, das meine Schwester auch wunderschön findet! Aber sie ist räumlich nicht immer so ganz glücklich.

Anne hörte sich das an und meinte dann: „Du hast recht – das funktioniert wirklich! Ich habe mir immer einen Partner auf Augenhöhe gewünscht. Und meine Ex-Freunde waren wirklich immer exakt genauso groß wie ich! Dabei habe ich doch etwas ganz anderes gemeint – physiognomisch wollte ich eigentlich immer größere Männer! Wahnsinn!“

Hier war es an mir, mich schlappzulachen, und ich meinte: „Sicher sitzt da oben oder sonst irgendwo jemand mit einem fiesen Gemüt, der sich, wann immer wir uns etwas wünschen, die Hände reibt und sagt: ‚Oh, hübsch! Anne und Ali wünschen sich schon wieder etwas! Na, dann – schicken wir ihnen doch eine absolute Knallcharge, einen Alptraum! Denn auch Alpträume sind Träume. Aber daran haben die beiden blonden Dummchen natürlich nicht gedacht.’“

Was lernen wir daraus? Wunschdenken ist gar nicht so verkehrt. Man sollte nur seine Wünsche so präzise wie möglich formulieren. Dazu aber waren die Zettel in der Recklinghäuser „Gastkirche“ viel zu klein … Ich berichte dann weiter – gerade chattet mich jemand an. Wahrscheinlich der Traumprinz. 😉