„Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“

Ihr kennt dieses Zitat – es stammt von Georg Büchner – sicherlich, auch wenn ihr den „Hessischen Landboten“, da es im Juli 1834 erschien und zur Revolution der „kleinen Leute“ gegen die Unterdrückung und Schikanen durch die Obrigkeit aufrief, nicht gelesen habt, was ich auch nicht getan habe. Das Zitat ist aber bekannt im Kontext der Auflehnung gegen jegliche suppressive Obrigkeit.

Nur – wie komme ich jetzt darauf? Ich bin keine Revoluzzerin, auch wenn einige Leute mir dies durchaus schon einreden wollten, da – ich gebe es zu – manchmal das Bedürfnis in mir entsteht, zu rebellieren. Sagen wir es so: Ich habe einen recht ausgeprägten eigenen Willen, ungünstiger Weise mit einem ebenso ausgeprägten Gerechtigkeitssinn kombiniert, was mich schon manches Mal in Schwierigkeiten brachte (nein, nicht mit dem Gesetz – das nicht …). Meine Mutter meinte angesichts dieses nicht übermäßig günstigen Konglomerats an Eigenschaften – das ich übrigens von ihr geerbt habe – einst: „Hätten wir damals, als du gerade geboren warst, gewusst, wie du mal werden würdest, hätten wir dich wohl besser Michaela genannt.“ – „Besser als mein eigentlicher Name – aber warum ‚Michaela‘?“ – „Hast du nie ‚Michael Kohlhaas‘ gelesen?“ Hatte ich, sah aber keinerlei Gemeinsamkeit zwischen diesem und mir – Michael Kohlhaas war mir schon bei der Lektüre ein Ärgernis gewesen, da er stur und unnachgiebig erschien. Und Selbstjustiz – ich bitte euch! Die ist zwar emotional nachvollziehbar, aber nicht klug, auch wenn man noch so sehr im Recht ist.

Doch um mich geht es hier ja gar nicht. Es geht um Arbeitskrampf – nein, Arbeitskampf. Mitten im 21. Jahrhundert. Gut, ich gebe zu, auch ich denke bisweilen, wir näherten uns wieder den Zeiten von anno dazumal an, da Gewerkschaften ein wahres Muss waren, um den geknechteten Arbeitern zu Gerechtigkeit zu verhelfen. Damals im 19./20. Jahrhundert waren Gewerkschaften ein wirklicher Segen und dringend notwendig. Da herrschte echter Arbeitskampf. Aber doch nicht heutzutage im öffentlichen Dienst! Zumal Gewerkschaften ihren eigentlichen Daseinszweck nicht mehr so recht zu realisieren scheinen.

Vor einiger Zeit, ich war gerade von einer echten Grippe genesen und wieder bei der Arbeit, stürmte plötzlich mein Kollege nach seiner ausgiebigen Mittagspause in unser Gemeinschaftsbüro, so dass ich zusammenzuckte. Schnaubend stürmte er ins Büro, wilden Blickes, und ich erschrak: Hatte ich etwa wieder etwas falsch gemacht? Subjektiv und aus seiner Sicht gesehen? Man muss bei ihm mit allem rechnen. Er sagte auch gar nichts zu mir – es bestand Alarmstufe Rot!

Vorsichtig fragte ich: „Was ist passiert?“ Schnauben war die Antwort, bis sich schließlich Worte der Empörung des Kollegen Brust entrangen: „Es ist schon interessant, dass man nicht von der offiziellen Stelle davon erfährt, und dazu schreibe ich auch noch einen Vermerk!“ Ich war so schlau wie zuvor. Vorsichtig fragte ich erneut: „Was gibt es denn?“ – „Streik! Es ist Streik!“ rief mein Kollege, und er wirkte stark euphorisiert bei diesem Ausruf. – „Ach so.“ Und ich fügte hinzu: „Wofür oder –gegen wird denn gestreikt?“ – „Die wollen uns einen Urlaubstag klauen!“ schrie mein Kollege in höchster Erregung, wobei seine Barthaare zitterten. Zumindest zitterte sein Kinn.

Jetzt war alles klar. Kein Wunder, dass mein Kollege da doll drehte. Ein Urlaubstag weniger! Das ist für ihn so schlimm, wie es für andere Leute wäre, amputierte man ihnen  den Kopf. Er stand da wie Rumpelstilzchen, kurz bevor es sich selber in der Mitte durchreißt, und er schrie immerzu: „Und von der offiziellen Stelle kein Wort! Das werde ich vermerken!“

Ich warf vorsichtig ein: „Welche offizielle Stelle meinst du?“ – „Den Personalrat! Wen sonst!“ – „Ach, ist der dazu da, auf jeden kleinen Streik aufmerksam zu machen? Das wusste ich noch nicht.“ – „Wieso ‚kleiner Streik‘? Hier geht es um einen Urlaubstag! Das ist unverschämt!“ Stimmte, total unverschämt, aber ich vermochte mich kaum darüber aufzuregen. Ich hatte nicht immer im öffentlichen Dienst gearbeitet, sondern auch in der freien Wirtschaft, und da werden ganz andere Dinge als nicht unverschämt angesehen, obwohl sie es sind. Nun gut. Das kannte mein Kollege nicht, und so schrie er mich an: „Ich verstehe gar nicht, wie du so ruhig dasitzen kannst – das ist doch ein Skandal! Ich gehe jetzt! Ich gehe zur Demo am Neumarkt! Einer muss ja etwas machen!“ Stimmt, wenn alle anderen dumpf auf ihren Plätzen verharren, muss der Kollege es rausreißen. Ich wies ihn darauf hin, das doch trotz Streikrechts höchstselbst den Chefs mitzuteilen, bitte, und er schrieb dann eine recht harsche Mail, dass er dem Streik gefolgt sei, der den kleinen Leuten zu ihrem Recht verhelfen solle. Mir schickte er sie CC:, und ich legte sie in dem speziellen Ordner, den ich eigens für den Kollegen geschaffen habe, ab. Darin ruhen diverse Mails seiner Wenigkeit, die nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik entbehren.

Mein Kollege rauschte aus dem Gemeinschaftsbüro, als brenne der Planet, und es war ihm deutlich anzusehen, dass er sich seiner Bedeutung bewusst war. Superman unterwegs in wichtiger Mission!

Mich lassen Benachteiligungen durch „die Obrigkeit“ keineswegs kalt, aber hier erschien mir die Aufregung verschwendet. Im Gegensatz zum Kollegen, der offenbar nicht streik- und demoerfahren war, hatte ich schon während meiner Studienzeit recht viel Erfahrung damit machen dürfen – gleich zu Beginn meines Studiums und dann noch einmal mittendrin. Und in einer meiner Werktätigkeiten hatte ich aktiv dabei mitgeholfen, einen Betriebsrat zu gründen, was dringend nötig gewesen war. Beim zweiten und dritten Male hatte ich persönliche Nachteile durch meine Aktivitäten erfahren – seitdem halte ich meine Augen besonders weit offen und hinterfrage derlei Aktionen noch gründlicher, ob es sich nicht um einen „Strohmann“ handeln könne. Und als solcher erschien mir der „Kampf“ um einen Urlaubstag. Ein Telefonat mit unserem Personalratsvorsitzenden bestätigte mich in dieser Annahme. Das Telefonat verlief so, dass mich der PR-Vorsitzende fragte, ob ich mich nicht als Kandidatin zur nächsten PR-Wahl aufstellen lassen wolle – ich fasste das als Kompliment auf. Er meinte, so sei dies auch gemeint gewesen. Na, immerhin.

Als ich nachfragte, wer denn alles zur Demo geeilt sei – ich erwartete regen Zulauf -, meinte Jens nur: „Ich habe von drei Personen erfahren. Dein Kollege Birger, sowie sein Busenfreund und ein weiterer Kollege aus Birgers Dunstkreis. Ergo die üblichen Verdächtigen. Wahrscheinlich sitzen sie gerade in irgendeinem Café und trinken Käffchen, statt ernsthaft zu demonstrieren.“ – „Wie – nicht mehr?“ – „Nee, was denkst du? Die meisten hier sind so intelligent, das Gewerkschaftsspielchen zu durchschauen.“

Als Kollege Birger dann zurückkam, schleuderte er uns nur entgegen, wir müssten ihm dankbar sein: Er habe höchstpersönlich dafür gesorgt, uns allen den Urlaubstag zu retten! Ich dachte erst, dies sei ein Scherz, aber meine Kollegin Christina rammte mir, als ich schon loslachen wollte, den Ellbogen in meine empfindliche Seite und raunte mir zu: „Der meint das ernst.“ Ich riss mich zusammen, und noch heute ergeht sich Birger bisweilen in Selbstlob: „Wäre ich damals nicht gewesen, hätten wir alle einen Urlaubstag weniger. Übrigens – ich nehme ab nächster Woche Montag eine Woche Urlaub! Ihr habt doch nichts dagegen, oder?“

Aber nein! Einem echten Kämpfer für Gerechtigkeit kann man doch nicht den Gegenstand seines mit Herz und Verve geführten Arbeitskampfes verwehren! Wo kämen wir da hin?

Ich bin gespannt, was man uns demnächst kürzen wird, nachdem uns das Maul mit einem vermeintlich geretteten Urlaubstag gestopft wurde, wofür mein Kollege im Schweiße seines Angesichts gekämpft hat… 😉 Aber ich darf nicht schimpfen – ich bin im öffentlichen Dienst, und ich weiß, wir befinden uns da auf einer Insel der Glückseligkeit, da es anderswo viel schlimmer ist. Man sage das nur, bitte, auch mal meinem Kollegen!

Kommentar verfassen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.