„Und jetzt … Chassé!“

Kürzlich riss ich thematisch meine Tanzstundenzeit an, was mir großen Spaß machte, weit mehr als die Tanzstunden an sich damals, zumindest in der beschwerlichen Anfangszeit des Kurses. Es machte so großen Spaß, dass ich mich gerne noch weiter erinnere.

Ich zählte gerade zarte 15 Lenze, als meine Klassenlehrerin uns in der Schule verkündete, dass nun die Zeit gekommen sei, die sie als Schülerin sehr gemocht habe: die Tanzstundenzeit. Ich war mir nicht ganz sicher, was ich davon halten sollte, denn die Lehrerin unterrichtete neben Erdkunde Mathematik, ein Fach, das sie sehr zu mögen schien. Ich hingegen nicht. Wie also war ihr Urteil zur Tanzstunde zu werten? Da ich Frau Räter aber trotz der mir nicht ganz geheuren Fächerkombination sehr mochte, dachte ich: „Gehen wir es an – das muss man ja auch irgendwie lernen.“ Der Großteil meiner Klasse meldete sich an, nur einige ganz besonders Abgeklärte, die über den Dingen standen oder dies zumindest glaubten, und das bis zum Abitur und vermutlich auch darüber hinaus, verzichteten nachsichtig-mitleidig lächelnd.

Ich war gerade 16 geworden, als es ernst wurde. Die erste Tanzstunde nahte, und wir waren alle nervös. Die Jungs, von denen einige noch recht klein und verspielt wirkten, kaschierten dies durch ihre übliche großkotzige Art, aber wir Mädels waren großenteils doch sehr verunsichert. Man hatte von Müttern, Tanten, Schwestern und deren Bekannten so viel Unangenehmes gehört: von Mauerblümchen, Mädels, die weinend oder ohnmächtig zusammenbrachen, weil sie als einzige nicht aufgefordert wurden und mit der Tanzlehrerin tanzen mussten – so etwas kann einen nachhaltig verstören. Meine Mutter, eine sehr gute Tänzerin, war wohl nie in dieser Situation gewesen, wusste jedoch auch Schauriges von Betroffenen zu berichten, jedoch auch von Jungs, mit denen man nicht so gern tanzte, weil sie immer schweißnasse Hände hatten, Mundgeruch dazu und immer über die eigenen Füße fielen – oder gar alle drei Dinge zusammen! Ganz schlimm schien es sich mit dem Schraubstockgriff zu verhalten, mit dem die besonders Forschen einen festhielten, während man tanzte. Meine Schwester, ein sehr aufgeschlossenes Wesen, hatte nicht über mangelndes Interesse klagen müssen. Eher darüber, dass sich die Jungs ihretwegen stritten.

Ich hingegen gehe in solchen Dingen mehr nach meinem eher ruhigen und introvertierten Vater. Mein Vater hasst Tanzen, und er gibt auch unumwunden zu, dass er es nicht könne. Gut, das sollte man auch tun, wenn Dinge ganz offensichtlich sind – alles andere wäre albern. Ich befürchtete das Schlimmste im Hinblick auf meine Person – sicherlich hatte ich auch den Mangel an tänzerischem Talent von meinem Vater geerbt, und ich sah mich schon wie festgetackert auf einem Stuhl sitzenbleiben, während meine Mitschülerinnen alle aufgefordert werden würden. Ich ging mit schlimmen Bauchschmerzen zur ersten Tanzstunde und hatte in der Nacht zuvor sehr schlecht geschlafen, was sich natürlich nicht gerade vorteilhaft auf meinen Teint auswirkte. Ich trat also bar jeglicher Hoffnung an.

Wir wurden von der Tanzlehrerin und ihrem Mann begrüßt. Sollten etwa die Klischees über Tänzer bzw. Tanzlehrer alle wahr sein? Die Tanzlehrerin wirkte in ihrer affektiert höflichen Art zickig, und sie schien auch am Hinterkopf Augen zu haben – sie würde jeglichen Fehler sehen und gnadenlos darauf herumreiten. Mein Herz rutschte mir in die Schuhe.

Dann ging es los mit dem Langsamen Walzer, den wir als ersten Tanz lernen sollten. Herrenwahl. Die Jungs, die den Mädels gegenüber wie Hühner auf der Stange nebeneinander  gesessen hatten, erhoben sich betont lässig und latschten auf uns zu. Dafür kassierten sie schon die erste Rüge – so bitte nicht! Man schreite zielbewusst auf die Dame zu und frage sie mit Entschlossenheit: „Darf ich bitten?“ Und die Mädels, so die Einpeitscherin, dürften keineswegs ablehnen, sondern müssten liebreizend lächelnd: „Gern!“ sagen. Das stank mir bereits. Wieso sollten wir nicht ablehnen dürfen, wenn wir mit einem bestimmten Typen nicht tanzen wollten, weil er uns schon als Kleinkind gehasst und eine Schüppe über den Kopf gezogen hatte? (Ja, solch einen Fall gab es bei mir im Tanzkurs!) Aber sitzenbleiben, wenn mit uns keiner tanzen wollte, das durften wir offenbar und sollten ob der Demütigung auch noch „Contenance“ walten lassen. Ein sehr antiquiertes Geschlechterbild wurde da vermittelt. Was würden Genderbeauftragte wohl heute dazu sagen?

Die Jungs mussten zurück auf ihre Plätze, und dann begann das Grauen von vorn. Mein Herz raste noch vom Erstversuch vor Angst, nicht aufgefordert zu werden. Auf das Kommando unserer Schleiferin hin sprangen die Jungs zackig wie beim Militär auf und schritten zielbewusst auf uns Mädels los, als hätte jemand: „Zugriff!“ gebrüllt – es hatte fast etwas Bedrohliches an sich. Die großen, selbstsicheren Mädels wurden als erste aufgefordert, für die kleineren Mädels wie mich würde es nicht leicht werden. Doch da! Da stürzte ein Junge auf mich zu und forderte mich tatsächlich auf! Eine wackersteinerne Mauer, vom Ausmaß dem Hadrianswall nicht unähnlich, fiel mir vom Herzen, und ich drehte mich sicherheitshalber zu meinen Leidensgefährtinnen um: Da saßen noch diverse quasi ledig herum. Ich war nicht die Letzte gewesen – puh!

Nicht gerade formvollendet stellten sich die Tanzpartner einander vor, und schon begann das, woraus später mal ein mehr oder minder formvollendeter Tanz werden sollte. Zum Glück ist der „English Waltz“ recht einfach, so dass es nicht zu allzu schweren Verletzungen kam. Anders der Foxtrott, der schon etwas zackiger ist, aber zu meinen Lieblingstänzen gehört, wahrscheinlich, weil er nicht ganz so lahm ist. Noch besser aber gefiel mir – und mutierte sogar zu meinem Lieblingstanz in der Tanzstunde – der Cha-Cha-Cha. Der war so schön temperamentvoll im Vergleich zu den langsameren Standardtänzen, und man entwickelte einen gewissen koketten Hüftschwung. Die Rumba war auch nett, aber wieder zu langsam für meinen Geschmack, und meine Hüften waren damals noch nicht so recht überzeugend bei dem eher – wie die Tanzlehrerin uns immer wieder sagte – erotisch wirken müssenden Schwung dabei. Besser ging es mit schnelleren Tänzen.

Meist tanzte ich mit dem Knaben, der mich gleich in der ersten Tanzstunde aufgefordert hatte: Sein Name war Andreas, und er kam von einer anderen Schule. Aber ich weiß auch, wie es ist, als 165 cm kurzes Mädchen mit einem knapp 200 cm langen und eher ungelenken Partner tanzen zu müssen, der später passenderweise Physik auf Diplom studieren würde und dem man die ganze Zeit gegen die Gürtelschnalle starrt, und dies in der Hoffnung, nicht zu stürzen. Oder – das andere Extrem – mit einem Knaben, der einem gerade mal bis zur wenig stattlichen Oberweite reicht und der daher auch keinen übermäßig erfreulichen Einblick hat.

Der Mittelball war unspektakulär, aber wir alle fieberten dem Abschlussball entgegen, für den extra festliche Kleidung gekauft wurde, denn schließlich handelte es sich für uns um das erste „gesellschaftliche“ Ereignis von besonderem Rang! Mein Dauerpartner Andreas wollte mich schon zuvor festnageln, jeden Tanz mit ihm zu tanzen, aber ich meinte, es sei doch keine Pflichtveranstaltung. Natürlich würde ich sehr gern mit ihm tanzen, jedoch auch mit anderen Partnern. Wir seien ja nicht miteinander verheiratet, und selbst da würde man bisweilen auch mit anderen Leuten … naja, zumindest tanzen.

Kurz bevor meine Eltern und ich zum Ballsaal, der zu einer Gaststätte unweit meines Elternhauses gehörte, aufbrechen wollten, rief unsere Nachbarin an: „Möglicherweise kommen wir nicht. Christoph hat sich weinend in seinem Zimmer eingeschlossen. Er will nicht hingehen, weil er nicht tanzen kann. Wartet also nicht unbedingt auf uns.“ Meine Mutter lachte und fragte mich: „Stimmt das, kann er nicht tanzen?“ Ich bestätigte dies nur zu gern – Christoph war der Knabe, der mir als kleinem Kind mal eine Schüppe … Aber lassen wir das.

Der Ball begann nach einer affektiert-höflichen Ansprache der Tanzlehrerin. Alle Jungs mussten sich in einem Kreis aufstellen, die Mädels in einem größeren Kreis um die Jungs herum. Beide Kreise mussten sich zur spielenden Musik in entgegengesetzte Richtungen bewegen, und sobald die Musik aufhörte, zu spielen, musste man dann mit dem vor einem stehenden Menschen den Eröffnungstanz tanzen. Tapfer bewegten sich beide Kreise vorwärts, und die Musik setzte aus. Damit auch mein Herzschlag, denn vor mir stand … Christoph! Man hatte ihn wohl doch aus seinem Zimmer locken können. Und das im Smoking mit echtem Smokinghemd! Das tröstete mich jedoch keineswegs, und am liebsten hätte ich ihm meinerseits eine Schüppe über den Kopf gezogen und ersatzhalber einen neuen Partner gefordert, denn der Eröffnungstanz war ein Wiener Walzer, den ich sehr gern tanzte. Noch heute staune ich, wie ich diesen Tanz vergleichsweise formvollendet hinbekam, sogar die Drehungen ganz korrekt, obwohl Christoph dahinschlingerte wie ein Schiff in Seenot und als Drehung immer nur einen großen Schritt im Halbkreis um mich herum vollzog, die wie durch ein Wunder trotzdem alle Schritte richtig ausführte. Ich war kurz vor dem Heulen – so hatte ich mir das, was ja eigentlich Zerstreuung und Freude sein sollte und sich hier zu einer Kraftprobe entwickelte, wirklich nicht vorgestellt.

Doch es kam noch schlimmer. Das Tanzen machte großen Spaß, aber Andreas, der Dauerpartner, entwickelte sich zu einem Wachhund, der eifersüchtig jeden anderen, der mit mir tanzen wollte, wegbiss. Welcher Sadist hat eigentlich die Unsitte des Abklatschens erfunden? Jedes Mal, da ich mit jemand anderem als ihm tanzte, tauchte er wie ein Schatten neben oder hinter mir auf und klatschte mich ab. Und da muss frau ja – so geschliffen – nachgeben. Ich hätte ihn auch gerne abgeklatscht, aber ganz anders, als dies beim Tanzen üblich ist. Das aber hätte die Tanzlehrerin niemals goutiert, sondern mich wahrscheinlich zur Seite genommen und affektiert-höflich zur Schnecke gemacht. Und als er dann einen Streit mit einem sehr netten Jungen vom Zaun brach, der sich erdreistet hatte, eine Rumba mit mir zu tanzen, wobei der Hüftschwung wirklich ausnehmend gut gelang, floh ich entnervt auf die Damentoilette, wo ich weitere versprengte Opfer allzu anhänglicher Tanzpartner vorfand. Keine von uns traute sich aus dem WC-Vorraum wieder hinaus, während die verwaisten Jungs suchend durch die Gegend irrten. Wir überlegten gerade, ob wir aus dem Toilettenfenster klettern und zu mir nach Hause gehen und uns umziehen und –stylen sollten, um dann – quasi inkognito – wieder auf dem Ball zu erscheinen, als die Tanzlehrerin, einem menschlichen Bedürfnis Folge leisten wollend, in der Damentoilette erschien: „Meine Damen! Was machen Sie denn hier?“ Wir erklärten die Lage und unseren Zustand maximaler Enervierung. Doch sie scheuchte uns gnadenlos aus dem Schutzraum heraus, und dies mit den Worten: „So etwas machen wohlerzogene Damen nicht! Die müssen da durch! Und immer lächeln!“ Super – und das von einer Geschlechtsgenossin, die es besser hätte wissen müssen! Immerhin schrieben wir nicht mehr das Jahr 1953!

Sogleich standen wir alle wieder unter Kuratel, mit unseren Partnern verbunden, die ihre Erleichterung zum Ausdruck brachten, indem sie meinten, ob uns schwindlig geworden sei – Frauen werde doch so leicht schwindlig. Aus dieser Annahme resultierte wohl auch der nun noch festere Griff, mit dem man uns fortan fixierte. Und als ich an meiner Leidensgenossin Sabine mit ihrem anhänglichen Abopartner Thomas, der einen schwarzen Anzug mit Fliege trug, beim Discofox vorbeitanzte, raunte sie mir ins Ohr: „Ich könnte den Kerl umbringen!“ – „Ich den hier auch gern!“ raunte ich zurück, wurde jedoch von einem bohrenden, punktuellen Schmerz im Spann meines linken Fußes abgelenkt: Eine Frau, die mir bis zur Brust ging, lange Haare hatte und offenbar 10-cm-Stiletto-Fan war, war mir in einer Drehung auf den Fuß getreten. Sie entschuldigte sich bei mir, aber in meinen Ohren rauschte es, und der Schmerz hinderte mich am Sprechen. Andreas, mein überaus treuer Partner, meinte: „Was ist passiert?“ Als ich wieder Luft bekam, meinte ich: „Die doofe Tussi da ist mir mit ihren Pfennigabsätzen auf den Fuß gestiegen – das tut so weh!“ Andreas sah sich suchend um und meinte dann: „Das ist meine Mutter.“ Ich war offenbar weit entfernt vom weiblichen Idealbild meiner Tanzlehrerin …

Tanzkurse dieser Art für Jugendliche sind immer gut. Unbedingt mitmachen! Man lernt so viel fürs weitere Leben – auch wenn ich wohl kläglich versagt habe … 😉

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