„Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“

Ihr kennt dieses Zitat – es stammt von Georg Büchner – sicherlich, auch wenn ihr den „Hessischen Landboten“, da es im Juli 1834 erschien und zur Revolution der „kleinen Leute“ gegen die Unterdrückung und Schikanen durch die Obrigkeit aufrief, nicht gelesen habt, was ich auch nicht getan habe. Das Zitat ist aber bekannt im Kontext der Auflehnung gegen jegliche suppressive Obrigkeit.

Nur – wie komme ich jetzt darauf? Ich bin keine Revoluzzerin, auch wenn einige Leute mir dies durchaus schon einreden wollten, da – ich gebe es zu – manchmal das Bedürfnis in mir entsteht, zu rebellieren. Sagen wir es so: Ich habe einen recht ausgeprägten eigenen Willen, ungünstiger Weise mit einem ebenso ausgeprägten Gerechtigkeitssinn kombiniert, was mich schon manches Mal in Schwierigkeiten brachte (nein, nicht mit dem Gesetz – das nicht …). Meine Mutter meinte angesichts dieses nicht übermäßig günstigen Konglomerats an Eigenschaften – das ich übrigens von ihr geerbt habe – einst: „Hätten wir damals, als du gerade geboren warst, gewusst, wie du mal werden würdest, hätten wir dich wohl besser Michaela genannt.“ – „Besser als mein eigentlicher Name – aber warum ‚Michaela‘?“ – „Hast du nie ‚Michael Kohlhaas‘ gelesen?“ Hatte ich, sah aber keinerlei Gemeinsamkeit zwischen diesem und mir – Michael Kohlhaas war mir schon bei der Lektüre ein Ärgernis gewesen, da er stur und unnachgiebig erschien. Und Selbstjustiz – ich bitte euch! Die ist zwar emotional nachvollziehbar, aber nicht klug, auch wenn man noch so sehr im Recht ist.

Doch um mich geht es hier ja gar nicht. Es geht um Arbeitskrampf – nein, Arbeitskampf. Mitten im 21. Jahrhundert. Gut, ich gebe zu, auch ich denke bisweilen, wir näherten uns wieder den Zeiten von anno dazumal an, da Gewerkschaften ein wahres Muss waren, um den geknechteten Arbeitern zu Gerechtigkeit zu verhelfen. Damals im 19./20. Jahrhundert waren Gewerkschaften ein wirklicher Segen und dringend notwendig. Da herrschte echter Arbeitskampf. Aber doch nicht heutzutage im öffentlichen Dienst! Zumal Gewerkschaften ihren eigentlichen Daseinszweck nicht mehr so recht zu realisieren scheinen.

Vor einiger Zeit, ich war gerade von einer echten Grippe genesen und wieder bei der Arbeit, stürmte plötzlich mein Kollege nach seiner ausgiebigen Mittagspause in unser Gemeinschaftsbüro, so dass ich zusammenzuckte. Schnaubend stürmte er ins Büro, wilden Blickes, und ich erschrak: Hatte ich etwa wieder etwas falsch gemacht? Subjektiv und aus seiner Sicht gesehen? Man muss bei ihm mit allem rechnen. Er sagte auch gar nichts zu mir – es bestand Alarmstufe Rot!

Vorsichtig fragte ich: „Was ist passiert?“ Schnauben war die Antwort, bis sich schließlich Worte der Empörung des Kollegen Brust entrangen: „Es ist schon interessant, dass man nicht von der offiziellen Stelle davon erfährt, und dazu schreibe ich auch noch einen Vermerk!“ Ich war so schlau wie zuvor. Vorsichtig fragte ich erneut: „Was gibt es denn?“ – „Streik! Es ist Streik!“ rief mein Kollege, und er wirkte stark euphorisiert bei diesem Ausruf. – „Ach so.“ Und ich fügte hinzu: „Wofür oder –gegen wird denn gestreikt?“ – „Die wollen uns einen Urlaubstag klauen!“ schrie mein Kollege in höchster Erregung, wobei seine Barthaare zitterten. Zumindest zitterte sein Kinn.

Jetzt war alles klar. Kein Wunder, dass mein Kollege da doll drehte. Ein Urlaubstag weniger! Das ist für ihn so schlimm, wie es für andere Leute wäre, amputierte man ihnen  den Kopf. Er stand da wie Rumpelstilzchen, kurz bevor es sich selber in der Mitte durchreißt, und er schrie immerzu: „Und von der offiziellen Stelle kein Wort! Das werde ich vermerken!“

Ich warf vorsichtig ein: „Welche offizielle Stelle meinst du?“ – „Den Personalrat! Wen sonst!“ – „Ach, ist der dazu da, auf jeden kleinen Streik aufmerksam zu machen? Das wusste ich noch nicht.“ – „Wieso ‚kleiner Streik‘? Hier geht es um einen Urlaubstag! Das ist unverschämt!“ Stimmte, total unverschämt, aber ich vermochte mich kaum darüber aufzuregen. Ich hatte nicht immer im öffentlichen Dienst gearbeitet, sondern auch in der freien Wirtschaft, und da werden ganz andere Dinge als nicht unverschämt angesehen, obwohl sie es sind. Nun gut. Das kannte mein Kollege nicht, und so schrie er mich an: „Ich verstehe gar nicht, wie du so ruhig dasitzen kannst – das ist doch ein Skandal! Ich gehe jetzt! Ich gehe zur Demo am Neumarkt! Einer muss ja etwas machen!“ Stimmt, wenn alle anderen dumpf auf ihren Plätzen verharren, muss der Kollege es rausreißen. Ich wies ihn darauf hin, das doch trotz Streikrechts höchstselbst den Chefs mitzuteilen, bitte, und er schrieb dann eine recht harsche Mail, dass er dem Streik gefolgt sei, der den kleinen Leuten zu ihrem Recht verhelfen solle. Mir schickte er sie CC:, und ich legte sie in dem speziellen Ordner, den ich eigens für den Kollegen geschaffen habe, ab. Darin ruhen diverse Mails seiner Wenigkeit, die nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik entbehren.

Mein Kollege rauschte aus dem Gemeinschaftsbüro, als brenne der Planet, und es war ihm deutlich anzusehen, dass er sich seiner Bedeutung bewusst war. Superman unterwegs in wichtiger Mission!

Mich lassen Benachteiligungen durch „die Obrigkeit“ keineswegs kalt, aber hier erschien mir die Aufregung verschwendet. Im Gegensatz zum Kollegen, der offenbar nicht streik- und demoerfahren war, hatte ich schon während meiner Studienzeit recht viel Erfahrung damit machen dürfen – gleich zu Beginn meines Studiums und dann noch einmal mittendrin. Und in einer meiner Werktätigkeiten hatte ich aktiv dabei mitgeholfen, einen Betriebsrat zu gründen, was dringend nötig gewesen war. Beim zweiten und dritten Male hatte ich persönliche Nachteile durch meine Aktivitäten erfahren – seitdem halte ich meine Augen besonders weit offen und hinterfrage derlei Aktionen noch gründlicher, ob es sich nicht um einen „Strohmann“ handeln könne. Und als solcher erschien mir der „Kampf“ um einen Urlaubstag. Ein Telefonat mit unserem Personalratsvorsitzenden bestätigte mich in dieser Annahme. Das Telefonat verlief so, dass mich der PR-Vorsitzende fragte, ob ich mich nicht als Kandidatin zur nächsten PR-Wahl aufstellen lassen wolle – ich fasste das als Kompliment auf. Er meinte, so sei dies auch gemeint gewesen. Na, immerhin.

Als ich nachfragte, wer denn alles zur Demo geeilt sei – ich erwartete regen Zulauf -, meinte Jens nur: „Ich habe von drei Personen erfahren. Dein Kollege Birger, sowie sein Busenfreund und ein weiterer Kollege aus Birgers Dunstkreis. Ergo die üblichen Verdächtigen. Wahrscheinlich sitzen sie gerade in irgendeinem Café und trinken Käffchen, statt ernsthaft zu demonstrieren.“ – „Wie – nicht mehr?“ – „Nee, was denkst du? Die meisten hier sind so intelligent, das Gewerkschaftsspielchen zu durchschauen.“

Als Kollege Birger dann zurückkam, schleuderte er uns nur entgegen, wir müssten ihm dankbar sein: Er habe höchstpersönlich dafür gesorgt, uns allen den Urlaubstag zu retten! Ich dachte erst, dies sei ein Scherz, aber meine Kollegin Christina rammte mir, als ich schon loslachen wollte, den Ellbogen in meine empfindliche Seite und raunte mir zu: „Der meint das ernst.“ Ich riss mich zusammen, und noch heute ergeht sich Birger bisweilen in Selbstlob: „Wäre ich damals nicht gewesen, hätten wir alle einen Urlaubstag weniger. Übrigens – ich nehme ab nächster Woche Montag eine Woche Urlaub! Ihr habt doch nichts dagegen, oder?“

Aber nein! Einem echten Kämpfer für Gerechtigkeit kann man doch nicht den Gegenstand seines mit Herz und Verve geführten Arbeitskampfes verwehren! Wo kämen wir da hin?

Ich bin gespannt, was man uns demnächst kürzen wird, nachdem uns das Maul mit einem vermeintlich geretteten Urlaubstag gestopft wurde, wofür mein Kollege im Schweiße seines Angesichts gekämpft hat… 😉 Aber ich darf nicht schimpfen – ich bin im öffentlichen Dienst, und ich weiß, wir befinden uns da auf einer Insel der Glückseligkeit, da es anderswo viel schlimmer ist. Man sage das nur, bitte, auch mal meinem Kollegen!

„Und jetzt … Chassé!“

Kürzlich riss ich thematisch meine Tanzstundenzeit an, was mir großen Spaß machte, weit mehr als die Tanzstunden an sich damals, zumindest in der beschwerlichen Anfangszeit des Kurses. Es machte so großen Spaß, dass ich mich gerne noch weiter erinnere.

Ich zählte gerade zarte 15 Lenze, als meine Klassenlehrerin uns in der Schule verkündete, dass nun die Zeit gekommen sei, die sie als Schülerin sehr gemocht habe: die Tanzstundenzeit. Ich war mir nicht ganz sicher, was ich davon halten sollte, denn die Lehrerin unterrichtete neben Erdkunde Mathematik, ein Fach, das sie sehr zu mögen schien. Ich hingegen nicht. Wie also war ihr Urteil zur Tanzstunde zu werten? Da ich Frau Räter aber trotz der mir nicht ganz geheuren Fächerkombination sehr mochte, dachte ich: „Gehen wir es an – das muss man ja auch irgendwie lernen.“ Der Großteil meiner Klasse meldete sich an, nur einige ganz besonders Abgeklärte, die über den Dingen standen oder dies zumindest glaubten, und das bis zum Abitur und vermutlich auch darüber hinaus, verzichteten nachsichtig-mitleidig lächelnd.

Ich war gerade 16 geworden, als es ernst wurde. Die erste Tanzstunde nahte, und wir waren alle nervös. Die Jungs, von denen einige noch recht klein und verspielt wirkten, kaschierten dies durch ihre übliche großkotzige Art, aber wir Mädels waren großenteils doch sehr verunsichert. Man hatte von Müttern, Tanten, Schwestern und deren Bekannten so viel Unangenehmes gehört: von Mauerblümchen, Mädels, die weinend oder ohnmächtig zusammenbrachen, weil sie als einzige nicht aufgefordert wurden und mit der Tanzlehrerin tanzen mussten – so etwas kann einen nachhaltig verstören. Meine Mutter, eine sehr gute Tänzerin, war wohl nie in dieser Situation gewesen, wusste jedoch auch Schauriges von Betroffenen zu berichten, jedoch auch von Jungs, mit denen man nicht so gern tanzte, weil sie immer schweißnasse Hände hatten, Mundgeruch dazu und immer über die eigenen Füße fielen – oder gar alle drei Dinge zusammen! Ganz schlimm schien es sich mit dem Schraubstockgriff zu verhalten, mit dem die besonders Forschen einen festhielten, während man tanzte. Meine Schwester, ein sehr aufgeschlossenes Wesen, hatte nicht über mangelndes Interesse klagen müssen. Eher darüber, dass sich die Jungs ihretwegen stritten.

Ich hingegen gehe in solchen Dingen mehr nach meinem eher ruhigen und introvertierten Vater. Mein Vater hasst Tanzen, und er gibt auch unumwunden zu, dass er es nicht könne. Gut, das sollte man auch tun, wenn Dinge ganz offensichtlich sind – alles andere wäre albern. Ich befürchtete das Schlimmste im Hinblick auf meine Person – sicherlich hatte ich auch den Mangel an tänzerischem Talent von meinem Vater geerbt, und ich sah mich schon wie festgetackert auf einem Stuhl sitzenbleiben, während meine Mitschülerinnen alle aufgefordert werden würden. Ich ging mit schlimmen Bauchschmerzen zur ersten Tanzstunde und hatte in der Nacht zuvor sehr schlecht geschlafen, was sich natürlich nicht gerade vorteilhaft auf meinen Teint auswirkte. Ich trat also bar jeglicher Hoffnung an.

Wir wurden von der Tanzlehrerin und ihrem Mann begrüßt. Sollten etwa die Klischees über Tänzer bzw. Tanzlehrer alle wahr sein? Die Tanzlehrerin wirkte in ihrer affektiert höflichen Art zickig, und sie schien auch am Hinterkopf Augen zu haben – sie würde jeglichen Fehler sehen und gnadenlos darauf herumreiten. Mein Herz rutschte mir in die Schuhe.

Dann ging es los mit dem Langsamen Walzer, den wir als ersten Tanz lernen sollten. Herrenwahl. Die Jungs, die den Mädels gegenüber wie Hühner auf der Stange nebeneinander  gesessen hatten, erhoben sich betont lässig und latschten auf uns zu. Dafür kassierten sie schon die erste Rüge – so bitte nicht! Man schreite zielbewusst auf die Dame zu und frage sie mit Entschlossenheit: „Darf ich bitten?“ Und die Mädels, so die Einpeitscherin, dürften keineswegs ablehnen, sondern müssten liebreizend lächelnd: „Gern!“ sagen. Das stank mir bereits. Wieso sollten wir nicht ablehnen dürfen, wenn wir mit einem bestimmten Typen nicht tanzen wollten, weil er uns schon als Kleinkind gehasst und eine Schüppe über den Kopf gezogen hatte? (Ja, solch einen Fall gab es bei mir im Tanzkurs!) Aber sitzenbleiben, wenn mit uns keiner tanzen wollte, das durften wir offenbar und sollten ob der Demütigung auch noch „Contenance“ walten lassen. Ein sehr antiquiertes Geschlechterbild wurde da vermittelt. Was würden Genderbeauftragte wohl heute dazu sagen?

Die Jungs mussten zurück auf ihre Plätze, und dann begann das Grauen von vorn. Mein Herz raste noch vom Erstversuch vor Angst, nicht aufgefordert zu werden. Auf das Kommando unserer Schleiferin hin sprangen die Jungs zackig wie beim Militär auf und schritten zielbewusst auf uns Mädels los, als hätte jemand: „Zugriff!“ gebrüllt – es hatte fast etwas Bedrohliches an sich. Die großen, selbstsicheren Mädels wurden als erste aufgefordert, für die kleineren Mädels wie mich würde es nicht leicht werden. Doch da! Da stürzte ein Junge auf mich zu und forderte mich tatsächlich auf! Eine wackersteinerne Mauer, vom Ausmaß dem Hadrianswall nicht unähnlich, fiel mir vom Herzen, und ich drehte mich sicherheitshalber zu meinen Leidensgefährtinnen um: Da saßen noch diverse quasi ledig herum. Ich war nicht die Letzte gewesen – puh!

Nicht gerade formvollendet stellten sich die Tanzpartner einander vor, und schon begann das, woraus später mal ein mehr oder minder formvollendeter Tanz werden sollte. Zum Glück ist der „English Waltz“ recht einfach, so dass es nicht zu allzu schweren Verletzungen kam. Anders der Foxtrott, der schon etwas zackiger ist, aber zu meinen Lieblingstänzen gehört, wahrscheinlich, weil er nicht ganz so lahm ist. Noch besser aber gefiel mir – und mutierte sogar zu meinem Lieblingstanz in der Tanzstunde – der Cha-Cha-Cha. Der war so schön temperamentvoll im Vergleich zu den langsameren Standardtänzen, und man entwickelte einen gewissen koketten Hüftschwung. Die Rumba war auch nett, aber wieder zu langsam für meinen Geschmack, und meine Hüften waren damals noch nicht so recht überzeugend bei dem eher – wie die Tanzlehrerin uns immer wieder sagte – erotisch wirken müssenden Schwung dabei. Besser ging es mit schnelleren Tänzen.

Meist tanzte ich mit dem Knaben, der mich gleich in der ersten Tanzstunde aufgefordert hatte: Sein Name war Andreas, und er kam von einer anderen Schule. Aber ich weiß auch, wie es ist, als 165 cm kurzes Mädchen mit einem knapp 200 cm langen und eher ungelenken Partner tanzen zu müssen, der später passenderweise Physik auf Diplom studieren würde und dem man die ganze Zeit gegen die Gürtelschnalle starrt, und dies in der Hoffnung, nicht zu stürzen. Oder – das andere Extrem – mit einem Knaben, der einem gerade mal bis zur wenig stattlichen Oberweite reicht und der daher auch keinen übermäßig erfreulichen Einblick hat.

Der Mittelball war unspektakulär, aber wir alle fieberten dem Abschlussball entgegen, für den extra festliche Kleidung gekauft wurde, denn schließlich handelte es sich für uns um das erste „gesellschaftliche“ Ereignis von besonderem Rang! Mein Dauerpartner Andreas wollte mich schon zuvor festnageln, jeden Tanz mit ihm zu tanzen, aber ich meinte, es sei doch keine Pflichtveranstaltung. Natürlich würde ich sehr gern mit ihm tanzen, jedoch auch mit anderen Partnern. Wir seien ja nicht miteinander verheiratet, und selbst da würde man bisweilen auch mit anderen Leuten … naja, zumindest tanzen.

Kurz bevor meine Eltern und ich zum Ballsaal, der zu einer Gaststätte unweit meines Elternhauses gehörte, aufbrechen wollten, rief unsere Nachbarin an: „Möglicherweise kommen wir nicht. Christoph hat sich weinend in seinem Zimmer eingeschlossen. Er will nicht hingehen, weil er nicht tanzen kann. Wartet also nicht unbedingt auf uns.“ Meine Mutter lachte und fragte mich: „Stimmt das, kann er nicht tanzen?“ Ich bestätigte dies nur zu gern – Christoph war der Knabe, der mir als kleinem Kind mal eine Schüppe … Aber lassen wir das.

Der Ball begann nach einer affektiert-höflichen Ansprache der Tanzlehrerin. Alle Jungs mussten sich in einem Kreis aufstellen, die Mädels in einem größeren Kreis um die Jungs herum. Beide Kreise mussten sich zur spielenden Musik in entgegengesetzte Richtungen bewegen, und sobald die Musik aufhörte, zu spielen, musste man dann mit dem vor einem stehenden Menschen den Eröffnungstanz tanzen. Tapfer bewegten sich beide Kreise vorwärts, und die Musik setzte aus. Damit auch mein Herzschlag, denn vor mir stand … Christoph! Man hatte ihn wohl doch aus seinem Zimmer locken können. Und das im Smoking mit echtem Smokinghemd! Das tröstete mich jedoch keineswegs, und am liebsten hätte ich ihm meinerseits eine Schüppe über den Kopf gezogen und ersatzhalber einen neuen Partner gefordert, denn der Eröffnungstanz war ein Wiener Walzer, den ich sehr gern tanzte. Noch heute staune ich, wie ich diesen Tanz vergleichsweise formvollendet hinbekam, sogar die Drehungen ganz korrekt, obwohl Christoph dahinschlingerte wie ein Schiff in Seenot und als Drehung immer nur einen großen Schritt im Halbkreis um mich herum vollzog, die wie durch ein Wunder trotzdem alle Schritte richtig ausführte. Ich war kurz vor dem Heulen – so hatte ich mir das, was ja eigentlich Zerstreuung und Freude sein sollte und sich hier zu einer Kraftprobe entwickelte, wirklich nicht vorgestellt.

Doch es kam noch schlimmer. Das Tanzen machte großen Spaß, aber Andreas, der Dauerpartner, entwickelte sich zu einem Wachhund, der eifersüchtig jeden anderen, der mit mir tanzen wollte, wegbiss. Welcher Sadist hat eigentlich die Unsitte des Abklatschens erfunden? Jedes Mal, da ich mit jemand anderem als ihm tanzte, tauchte er wie ein Schatten neben oder hinter mir auf und klatschte mich ab. Und da muss frau ja – so geschliffen – nachgeben. Ich hätte ihn auch gerne abgeklatscht, aber ganz anders, als dies beim Tanzen üblich ist. Das aber hätte die Tanzlehrerin niemals goutiert, sondern mich wahrscheinlich zur Seite genommen und affektiert-höflich zur Schnecke gemacht. Und als er dann einen Streit mit einem sehr netten Jungen vom Zaun brach, der sich erdreistet hatte, eine Rumba mit mir zu tanzen, wobei der Hüftschwung wirklich ausnehmend gut gelang, floh ich entnervt auf die Damentoilette, wo ich weitere versprengte Opfer allzu anhänglicher Tanzpartner vorfand. Keine von uns traute sich aus dem WC-Vorraum wieder hinaus, während die verwaisten Jungs suchend durch die Gegend irrten. Wir überlegten gerade, ob wir aus dem Toilettenfenster klettern und zu mir nach Hause gehen und uns umziehen und –stylen sollten, um dann – quasi inkognito – wieder auf dem Ball zu erscheinen, als die Tanzlehrerin, einem menschlichen Bedürfnis Folge leisten wollend, in der Damentoilette erschien: „Meine Damen! Was machen Sie denn hier?“ Wir erklärten die Lage und unseren Zustand maximaler Enervierung. Doch sie scheuchte uns gnadenlos aus dem Schutzraum heraus, und dies mit den Worten: „So etwas machen wohlerzogene Damen nicht! Die müssen da durch! Und immer lächeln!“ Super – und das von einer Geschlechtsgenossin, die es besser hätte wissen müssen! Immerhin schrieben wir nicht mehr das Jahr 1953!

Sogleich standen wir alle wieder unter Kuratel, mit unseren Partnern verbunden, die ihre Erleichterung zum Ausdruck brachten, indem sie meinten, ob uns schwindlig geworden sei – Frauen werde doch so leicht schwindlig. Aus dieser Annahme resultierte wohl auch der nun noch festere Griff, mit dem man uns fortan fixierte. Und als ich an meiner Leidensgenossin Sabine mit ihrem anhänglichen Abopartner Thomas, der einen schwarzen Anzug mit Fliege trug, beim Discofox vorbeitanzte, raunte sie mir ins Ohr: „Ich könnte den Kerl umbringen!“ – „Ich den hier auch gern!“ raunte ich zurück, wurde jedoch von einem bohrenden, punktuellen Schmerz im Spann meines linken Fußes abgelenkt: Eine Frau, die mir bis zur Brust ging, lange Haare hatte und offenbar 10-cm-Stiletto-Fan war, war mir in einer Drehung auf den Fuß getreten. Sie entschuldigte sich bei mir, aber in meinen Ohren rauschte es, und der Schmerz hinderte mich am Sprechen. Andreas, mein überaus treuer Partner, meinte: „Was ist passiert?“ Als ich wieder Luft bekam, meinte ich: „Die doofe Tussi da ist mir mit ihren Pfennigabsätzen auf den Fuß gestiegen – das tut so weh!“ Andreas sah sich suchend um und meinte dann: „Das ist meine Mutter.“ Ich war offenbar weit entfernt vom weiblichen Idealbild meiner Tanzlehrerin …

Tanzkurse dieser Art für Jugendliche sind immer gut. Unbedingt mitmachen! Man lernt so viel fürs weitere Leben – auch wenn ich wohl kläglich versagt habe … 😉

Words don’t come easy …

Ihr erinnert Euch sicherlich auch noch an diesen musikalischen 80er-Schmachtfetzen, der hier titelgebend ist. Mich erinnert er an meine Tanzstundenzeit, als ich 15-jährig und als echter Alptraum hinsichtlich Körperbeherrschung und Selbstbewusstsein von pickligen und eher wurschtig wirkenden und agierenden Jungs, denen der Duft nach Clearasil schon meterweit vorauseilte und von ihrer dräuenden Präsenz kündete, übers Parkett mehr gewuchtet, als geschoben wurde. Von leichtfüßigem Schweben ganz zu schweigen! Nicht wenige davon waren etwa exakt so groß wie ich mit meinen nicht exorbitanten 165 cm Länge (seither unverändert), und irgendwie gestaltete sich das Tanz“vergnügen“ nicht selten als  eine Art Machtkampf, vor allem ab dem Zeitpunkt, als ich Gefallen am Tanzen gefunden und den Bogen heraus hatte, was bei den meisten meiner Tanzpartner noch nicht ganz so weit gediehen war. Der Abschlussball gestaltete sich dann so, dass ich von meinem „Dauerpartner“, sein Name war Andreas, auch dort dauerbelagert wurde und schließlich, als es zu einem Streit gekommen war, nachdem Markus, ein sehr netter Mensch, auch größer als ich, sich erdreistet hatte, mit mir die Rumba tanzen zu wollen, woraufhin Andreas ihn fast zu einer Art Duell fordern wollte, entnervt auf die Damentoilette floh, wo ich mich verschanzte und zu meinem Erstaunen feststellen musste: Ich war nicht allein! Da waren noch mehrere Mitschülerinnen, die bei meinem schwungvollen Betreten des Schutzraumes, auch WC genannt, zusammenzuckten und dann riefen: „Oh, Gott sei Dank – du bist es nur!“ Ich musste erkennen, dass dies realiter gar keine Damentoilette, sondern das Asyl für Mädels war, deren besitzergreifende „Thomasse“, „Stefans“, „Christophs“, „Andreasse“ und „Peters“ nun sicherlich besitz- und orientierungslos suchend über die Tanzfläche taumelten, dabei auf dem glatten Parkett mit den ihnen ungewohnten Ledersohlen ausrutschend wie Welpen bei den ersten Laufversuchen … Ich hätte es ja gern gesehen, war aber örtlich gebunden.

Doch ich schweife ab – ich wollte gar nicht über die Tanzstundenzeit berichten. Obwohl das sicherlich lustig wäre. Eher über Sprache und deren bisweilen heikle Nutzung. Ich liebe Sprache. Nicht ohne Grund habe ich Philologie studiert. Schon immer habe ich gern und viel gelesen, wobei sich das Niveau mit zunehmendem Alter und sich ändernden Interessen steigerte. Auch der Wortschatz profitiert davon. Auch der, welcher Fremdwörter betrifft. Das kommt ganz automatisch. Und ich hatte mich dann in der Oberstufe auch noch für die Leistungskurse Englisch und Französisch entschieden, als Einzige aus meiner sehr großen Jahrgangsstufe, was dazu führte, dass ich von einigen Mitschülern als „total verrückt“ eingestuft wurde. Latein hatte ich bis zum Erwerb des Großen Latinums gemacht, dann reichte es. Ich war sehr gut präpariert für mein Studium.

Das strotzte in jeder Hinsicht von Fremdwörtern, speziell solchen lateinischen Ursprungs, und ich war daran gewöhnt und nahm dies als ganz normal wahr. Bis mir mal jemand aus meinem privaten Umfeld sagte: „Sag mal, wie sprichst du eigentlich? Irgendwie komisch – man versteht dich kaum.“ Dies wurde von anderen zwar nicht bestätigt, aber ich achtete fortan darauf, weniger Fremdwörter zu benutzen. Ich tat es ja nicht mit Absicht, ich war aufgrund meines Studiums einfach daran gewöhnt. Auch gewöhnte ich mir einen etwas schludrigeren Umgang mit meiner Muttersprache an (seither sagen mir einige Menschen einen „rheinischen Einschlag“ nach).

Dann kam ich an meine jetzige Arbeitsstätte (ich berichtete bereits von den Anfängen). Auch dort wurde ich gleich gescholten – offenbar benutzte ich noch immer zu viele Fremdwörter, was als „dekadent“ und „gebildet“ eingestuft wurde, wobei speziell Letzteres als Manko zu gelten schien – immerhin war mein Arbeitgeber eine Hochschule! Und dann Bildung, nee, also wirklich! Ich schraubte mich noch weiter zusammen und ertappte mich wiederholt dabei, dass ich komplett umständliche Satzstrukturen bildete, um nur ja kein Fremdwort benutzen zu müssen. Ich bin ja lernfähig.

Doch wie erstaunt war ich, als ich mitbekam, dass mein Kollege, der besonders oft geschimpft hatte,  sich darin gefiel, seinerseits sehr wohl Fremdwörter zu benutzen! Irgendwie zumindest. So bat er mich in der Kantine einmal darum, ihm eine „Servierte“ zu geben. Wie meinen? Eine „Abservierte“ kannte ich – war mir selber schon passiert. Ist nicht schön. Aber eine „Servierte“? Ich reichte ihm der Einfachheit halber ein Mundtuch. Das musste auch helfen – wozu ein Fremdwort bemühen, wenn er sich doch einfach nur die „Sose“ vom Mund wischen wollte? Ich regte an, den Begriff „Tunke“ zu verwenden, aber er sah mich nur geringschätzig an und meinte: „Du immer mit deinen Fremdwörtern!“

Einmal bat er mich, eine „Pedition“ für den Weltfrieden zu zeichnen. Ich starrte auf meine Füße und bezweifelte, dass die unförmigen Dinger dem Weltfrieden in irgendeiner Weise nutzen könnten. Ich unterzeichnete dann trotzdem, um nicht übel aufzufallen – es ging um den Weltfrieden!

Richtig weh tat es aber jedes Mal, wenn er – und das tat er besonders gern – erzählte: „Und dann hat Herr/Frau XYZ einen Salmon gehalten!“ Oder: „Ich halte hier immer Salmone, bis der Arzt kommt!“ Jedes Mal fiel ich darauf herein! Jedes Mal sah ich auf des Kollegen Hände – nie war ein Fisch aus der Gattung der Lachsartigen darin zu finden, der dringend ärztlicher Hilfe bedurfte! Dabei bin ich immer so gern zum Angeln gegangen, mit meinem angelbegeisterten Onkel oder Freunden, und ich esse sehr gern Fisch. Ständig wurden Fische in Aussicht gestellt – nie war einer präsent! Das ist doch Vorspiegelung falscher Tatsachen!

Richtig heikel wurde es, als er mir mal im Vertrauen erzählte, seine Frau habe einmal monatlich  immer so schlimme Masturbationsprobleme. Das habe sie auch ihrem Arzt erzählt, der darauf ganz merkwürdig reagiert habe. Der habe dazu nämlich gar nichts gesagt! Das sei doch wieder ein Beweis dafür, dass diese ganzen Ärzte und Akademiker auf der Uni gar nichts Richtiges lernten! Und das alles von seinen und seiner Frau Steuergeldern! Denn mit solch einer ganz alltäglichen Sache müsse ein Gynäkologe doch wohl umgehen können. Oder? Ich starrte hilflos auf meine Füße, als sei mit einer rettenden „Pedition“ zu rechnen. Ich hatte Mitgefühl mit dem Arzt, der sicherlich genauso hilflos dagesessen hatte wie ich nun, gegen das allgegenwärtige Lachen ankämpfend und unfähig, ein Wort, gleichgültig,  ob in deutscher oder lateinischer Sprache oder in Mandarin, zu äußern.

Daraufhin wurde mein Kollege energisch: „Du bist doch auch eine Frau! Hast du nie Masturbationsprobleme? Meine Frau leidet, echt!“ Ja, das konnte ich verstehen. Auch ich litt. Blicklos starrte ich auf den Teppich oder auch nicht – mein Fokus beschränkte sich darauf, nicht zu lachen. Das kann schwer sein, und mein Kollege verlor auch schnell die Geduld: „Was ist mit dir schon wieder los? Bist du demenz, oder was?“

Moral: Tibi ipsi fidem serva! 😉

Nur die Harten kommen in den Garten

Wenn es wirklich so sein sollte, wie der alberne Spruch oben behauptet, wartet sicherlich bald ein wunderschöner Garten auf mich – genau so, wie ich Gärten liebe: Ein Teil sollte Ziergarten sein, der andere etwas verwildert und verwunschen, mit Obstbäumen, Nischen und Hecken und so … Verdient hätte ich es.

Denn nach neun Jahren der Dürre (ist nicht die magische Zahl die 7? Betrug, wohin man schaut …) bin ich nun den Kollegen los, der mein Arbeitsleben an meiner festen Teilzeit-Bürostelle fast im Alleingang bestimmte, und das so, dass diese Bestimmung auch Auswirkungen auf Privatleben und zweite Arbeitstätigkeit hatte. Nun, das sind Opfer, die man bringen muss, wenn man selber nur ein sehr gewöhnlicher Mensch neben einer solch strahlenden Erscheinung ist, einem Illuminaten, der zwar einige Defizite aufweist, wenn man als vernunftbegabter Mensch Objektivität walten lassen will, dies aber durch seine durch Gott, wie er glaubt, oder selbstinduziert gegebene – wie ich glaube – Grandezza kompensiert.

Doch beginnen wir am Anfang. Anno 2004, ich war aufgrund suboptimaler ökonomischer Leistungen meines damaligen Arbeitgebers und dessen Insolvenz arbeitslos geworden, bewarb ich mich nach hinreichend vielen Bewerbungen auf die nur mit der Lupe zu findenden Stellen, die es in meinem studierten Arbeitsbereich gab, auf eine Stelle als Verwaltungsangestellte einer Hochschule. Es sollte eigentlich nur temporär sein, aber der heutige Arbeitsmarkt verzeiht derartige Fehl…, ääh, Flexibilität nicht, anders als früher, da es als Bonus gewertet wurde, hatte man beschlossen, auch auf anderer Stelle zu arbeiten, überqualifiziert – dies wurde als echter Einsatz gewertet und belohnt. Heute sieht das ganz anders aus. Da ist man der Doofe, wenn man so etwas macht und kann gar nicht viel wert sein – immerhin hat man sich unter Wert verkauft, und das spreche ja für sich selbst, meinen viele Leute ähnlich versiert, wie Blinde von der Farbe sprechen. (Ich entschuldige mich sogleich bei allen Sehbehinderten, ich meine es nicht diskriminierend. Man sagt das – noch – so.)

Ich bekam die Stelle, und da ich zu jenen Arbeitslosen gehörte, die nicht, wie gerne klischeehaft und pauschal behauptet wird, vollumfänglich zufrieden mit einer Dose Bieres Pilsener Brauart und im ballonseidenen Jogginganzug vor dem Fernseher lümmeln, alles vom Steuerzahler finanziert, rülpsend und „Boah, ey!“ rufend „Reality“-TV sehen und alles, nur keine Arbeit suchen, während im Kühlschrank außer einem Stück schimmeligen Goudas (jung, eingeschweißt von „AL(l)DI(e) guten Sachen“ oder dem „Pfennig“-Markt gekauft) nur weitere Bierdosen lagern, deren Inhalt auf den schönen Namen „Ährenstolz“ oder „Pennerglück“ hört, war ich überglücklich und fieberte meinem ersten Arbeitstag entgegen, denn mir fiel zu Hause die Decke auf den Kopf.

Der erste Arbeitstag brach an, und ich lernte meine neuen Kollegen und Kolleginnen kennen. Darunter auch den Illuminaten nebst seinem Illuminatenclub. Strenggenommen bestand mein ganzer Bereich aus Kollegen, die diesem Club angehörten, gern auf das Pendel hörten, allesamt hochsensibel und empfänglich für Schwingungen waren und genau wussten, wie man Problemgespräche führt. Alles Kandidaten für den Satz: „Es ist gut, dass wir mal drüber gesprochen haben.“ Ein Klischee, aber hier leider nur grausam wahr. Gerne wurden Sätze mit: „Weißt du, …“ eingeleitet, dies stets hervorgebracht in luftig-säuselndem Timbre, das auf ihre Sensibilität und Empathiefähigkeit verweisen sollte. Es geht ja nichts über Stilmittel. Alles Dinge, die mir – mit Verlaub – ganz gehörig auf die Nerven fallen. Aber ich sah darüber hinweg – ich hatte Arbeit.

Mein Kollege, der sich als Chef unseres Bereichs sah, wie ihm auch seine Chefin, die aus irgendwelchen Gründen einen Narren an ihm gefressen hatte (nein, nicht das, woran Ihr jetzt vielleicht denkt – alles ganz harmlos!), immer wieder bestätigte, rief sogleich sein Lieblingskind aus: eine Dienstbesprechung. Es sollten mich ja alle kennenlernen. Damals war „Dienstbesprechung“ noch ein ganz normales, wertneutrales Wort für mich. Heute steht es auf meiner Schwarzen Liste, auf der alle Wörter stehen, die bei mir dafür sorgen, dass sich mir die Nackenhaare sträuben und ich Schübe von Unwillen verspüre. Die meisten davon gehen auf das Konto des Illuminaten, Verzeihung, auf das Konto meines Kollegen.

Die Dienstbesprechung begann. Ich saß im Büro der Chefin meines Kollegen, zusammen mit diversen anderen Illuminati, und ich glaubte, es werde nun eine lockere Vorstellungsrunde beginnen. Doch weit gefehlt! Schnell musste ich feststellen, dass mein Bewerbungsgespräch gegen das, was nun folgte, ein munteres Plauderstündchen unter Freunden gewesen war, denn hier nahm man mich richtig auseinander und prüfte mich auf Herz und Nieren, und dies unter Moderation meines Kollegen.

Einen riesigen Haken hatte ich ja a priori: Ich bin Akademikerin. Das war keineswegs ein Vorteil, und ich habe mir noch nie etwas darauf eingebildet, war damals dankbar für die Stelle, aber man fing sogleich an, mich einzunorden. Akademikertum sei ja total doof. Viel höher in der Wertigkeit stünden Handwerker und Arbeiter, vor allem menschlich gesehen. Handwerker und Arbeiter, so lernte ich, seien per se die besseren Menschen, während Akademiker pauschal und durch die Bank alle dumm und dünkelbehaftet seien. Dauernd würden sie auf die besseren Menschen (zur Erinnerung: Handwerker und Arbeiter – ganz pauschal) herabblicken, diese geringschätzen, woran man schon die ungeheure Dumpfheit von Akademikern erkennen könne. Da meine Eltern mich niemals dünkelhaft erzogen haben, darüber hinaus eine nicht geringe Zahl meiner Vorfahren zu Handwerkern und Arbeitern verschiedenster Couleur zählte, weswegen ich nie auf die Idee gekommen wäre, diese über die Schulter anzusehen, fand ich diese fast schon sektiererisch wirkende „Vorbereitung“ recht albern. Wäre ich damals schon so erfahren wie heute gewesen, hätte ich mir auch die Frage verkniffen, was  genau denn an Akademikern so furchtbar sei, denn mir sei nicht bekannt, dass alle sich dünkelhaft benähmen, wenn es auch Exemplare gebe, die dies täten (wie auch in jedem anderen Bereich).

Die Antwort, die als Erklärung dienen sollte, verblüffte mich derart, dass ich zunächst sprachlos war, denn sie lautete: „Also, bei Handwerkern ist ja schon einmal die Gesellen- und Meisterfeier viel besser und größer! Die wird von der Innung organisiert. Sowas haben Akademiker ja gar nicht! Die bekommen nur ihr Zeugnis in die Hand gedrückt, und das war es dann! Das ist total doof, und da sieht man doch schon, dass das nichts ist!“ Ah, ja – natürlich. Wer nach solchen Maßstäben urteilt, kann unzweifelhaft nur Recht haben und überzeugen. Nach meinem ersten Schock sagte ich mit fester Stimme und wie vor Gericht: „Ich hatte eine Examensfeier, und die war total klasse!“ – „Ja, aber, ihr habt keine Innung!“ triumphierte man. – „Nein. Wir müssen alles selber organisieren und bezahlen. Ich sehe darin aber keinen Nachteil.“ Mitleidige Blicke waren die Ernte meiner Bemühungen. Leise Zweifel bemächtigten sich meiner. Aber egal – Hauptsache, Arbeit!

Die nächsten Wochen hatte ich dann auch viel Gelegenheit dazu, so viel, dass ich abends vor dem Fernseher, den ich zur Entspannung meiner Nerven einschaltete, im Sitzen auf der Couch einschlief. Denn zwei meiner Kollegen – die Ärmsten – waren offenbar schwerkrank! Kaum war der eine nach dreimaligem Niesen für zwei Wochen krankgeschrieben, folgte am nächsten Tag der zweite, der mit dem ersten in einem Büro saß – auf meiner heutigen Stelle. Ebenfalls zwei Wochen krankgeschrieben, und ich durfte die beiden – was eine große Ehre war – dann zusätzlich zu meiner eigenen Arbeit ersetzen. Leider kein Einzelfall, wie ich feststellen musste. Aber die armen Kollegen waren offenbar wirklich sehr krank, da sie so oft fehlten. Und sie schienen quasi untrennbar miteinander verbunden: Hatte der eine „Halskratzen“ (steht auf meiner Schwarzen Liste, künftig „SL“ genannt) und ein Attest, da die Beulenpest zu befürchten war (mindestens), hatte am nächsten Tag der andere das Gleiche und war ebenfalls krankgeschrieben. Mindestens eine Woche, meist aber gleich zwei. Man muss stets vorsichtig sein und darf ja auch die Kollegen nicht anstecken. Alles andere wäre brutal unsozial.

So gingen die Wochen ins Land, für die einen dahinsiechend, für die anderen für drei Personen schuftend und erst abends von einer Art Siechtum heimgesucht, da stets ausgelaugt und müde. Eines muss ich meinen beiden Kollegen jedoch zugute halten: Ich lernte in dieser Zeit viel über Einbil…, nein Autosuggestion, nein, auch falsch. Vielmehr über besondere Anfälligkeit in Fällen zweier sehr miteinander vertrauter Personen, die sogar gemeinsam krank werden. Zwillingsforschung? Ha! Wozu? Viel zu aufwendig – man hätte sich nur meiner beiden nicht bluts-, jedoch seelenverwandten Kollegen bedienen müssen.

Zum Glück ging der eine der kranken Kollegen dann in eine andere Abteilung, und ich landete auf  seinem Arbeitsplatz und somit in einem Büro mit meinem favorisierten Kollegen mit Grandezza. Eine Ehre war es, dass ich als dümmliche Akademikerin mit ihm, einem besseren Menschen, dieselbe Büroluft atmen, seinen dauernden Problem-Privattelefonaten und persönlichen Gesprächen dieser Art beiwohnen und dadurch viel lernen durfte und ihn entweder im häufigen Krankheitsfalle oder aber in Fällen von Urlaub, den er aufgrund seiner physischen wie seelischen Empfindsamkeit häufig benötigte, vertreten durfte! Eine Ehre! Und ich dumme Kuh sah es irgendwann als Belastung und machte eine Bemerkung, es sei vielleicht nicht ganz so glücklich, wenige Wochen vor Semesterende drei Wochen Urlaub zu nehmen, dann, wenn besonders viel Stress und Arbeitsaufkommen herrsche! Pfui! Typisch Akademikerin – alle zu faul zum Arbeiten!

Es waren keine angenehmen Zeiten in diesem Büro, was aber unweigerlich daran lag, dass ich schlicht zu derb und zu unsensibel für des Kollegen feinfühlige Art war, der als mein „Chef“ trotz gleichen Ranges seine liebe Not mit mir hatte. Zum Glück gibt es entsprechende Sanktionen, und mehrfach gewährte er mir einfach Urlaub nicht, wenn ich glaubte – und wusste -, welchen zu benötigen. Nein, dann und dann gehe es nicht – außerdem müsse er da dringend Urlaub haben, denn es seien schließlich die Osterfeiertage, und er sei ja verheiratet, während ich – damals – nur liiert sei: Da müsse ich schon Rücksicht nehmen, zumal sein letzter Urlaub schon fünf Wochen zurückläge.

Ich nehme durchaus Rücksicht, wenn auch andere Leute betroffen sind, und das ganz freiwillig. Hier jedoch wurde ich zur Rücksichtnahme gezwungen, und das, obwohl ich schon dauernd welche nahm. Das reichte aber noch nicht.

Und so gingen die Jahre ins Land. Ich bewarb mich zwar immer wieder auf andere Stellen, genährt und motiviert durch die Hoffnung, aus dem Jammertal des Grauens, nein, diesem Büro zu entkommen, aber – siehe oben – der moderne Arbeitsmarkt verzeiht Schnitzer nicht. Und das mit nicht nur einem, sondern zwei Chefs, denn mein Kollege behandelte mich wie eine Untergebene, die ich gar nicht war. War er zurück aus dem Urlaub, wurde ich gleich zum Rapport kommandiert, und war eine Sache noch nicht erledigt, weil diese noch nicht zu erledigen gewesen war, hagelte es Vorwürfe. Was mutete ich ihm aber auch zu!

Dinge, die seinem Fortkommen dienlich und damit meist auch für mich relevant waren, da ich alles, was er hinterließ, auszubaden hatte, verheimlichte er mir, bis sie spruchreif waren, schraubte mir aber gern esoterische Traktate und Ansprachen in die Ohren, was bei mir einer Art Folter gleichkommt. Für mich Relevantes blieb verschlossen, bis ich die Konsequenzen ausbaden musste, während er – der Stress! – im Urlaub weilte und mir dann hinterher – ein erneuter Akt der Gnade! – die Urlaubsfotos aufnötig.., ääh, zeigte. Er wertete das wohl als Akt des Vertrauens, ich als notwendiges Übel, wenn der Bürofrieden nicht erneut gestört werden sollte, denn ich war ja eingesperrt mit dem Kollegen, eingesperrt in einem Büro. Kennt Ihr „Huis clos“ von Sartre? Falls ja, wisst Ihr, warum ich es hier erwähne. Falls nicht, lest es, und Ihr werdet verstehen, warum ich es erwähne.

Letzte Woche Mittwoch erklärte er meiner anderen Kollegin, die auch unter seinen selbstgefälligen Allüren leiden muss, und mir dann, er sei ab dem ersten Januar auf einer neuen Stelle – er habe das Drama und die Strapazen der letzten Jahre nicht mehr ausgehalten, seit seine Chefin aufgrund einer zwangsläufigen ministerialen Umbesetzung nicht mehr da sei. Klar, man hatte ihn seitdem als das betrachtet, was er wirklich ist – und mit der schaurigen Realität kommt er wohl nicht klar, die er der Kollegin, speziell aber mir jahrelang doppelt und dreifach zugemutet hat. Nun lässt er uns als Abschiedsgeschenk mit all seinem Müll sitzen. Wie immer, eigentlich. Hier nur final und mit noch größerem Aufwand verbunden. Und er teilte es uns mit, als es sich gar nicht mehr vermeiden ließ. Sicherlich wollte er uns schonen.

Ich glaube, mir ist schon wieder danach, Eric Clapton zu hören, und schon wieder „I Shot the Sheriff“. Hatte ich schon erwähnt, dass ich dieses Lied liebe? Mir ist nur noch nicht ganz klar, warum …