„Das macht die Kleine doch mit links!“ Oder: Warum ich so ungern zu Ärzten gehe …

Arztbesuche sind im Allgemeinen nicht sonderlich erbaulich, denn zumindest Leute meiner Couleur gehen nur mit echten Beschwerden und ungern hin. Es soll aber auch andere geben, die ganz ohne nach außen erkennbare Beschwerden und mit Begeisterung dorthin eilen. Meist erlebt man sie, sitzt man selber röchelnd mit einem widerlichen Fließschnupfen und einer Stimme wie Bonnie Tyler, die sich dann nicht lange darauf vermeintlich final verabschiedet (die Stimme, nicht Bonnie Tyler) oder kurz vor einem ambulanten Eingriff (wohinein auch immer …) im Wartezimmer, an diesem Ort, wo sie begeistert über ihre Hammerzehen, stattgehabte operative Eingriffe mit viel Blut, Schweiß und Tränen (exakt den gleichen, von denen einer direkt vor einem liegt) und natürlich Schmerzen, schlimmen, nahezu apokalyptisch anmutenden Schmerzen, fabulieren. Oder von Lungenwürmern, der Beulenpest, einer anhänglichen Neigung zu Blutstürzen, zumeist nasal, an denen sie bereits mehrfach fast dahingeschieden wären.

Bei Erwähnung der Lungenwürmer – man selber sitzt mit einer schwereren Bronchitis dort – glaubt man sofort, Bewegungen im Brustkorb zu spüren, kriechende, schleichende Bewegungen. O Gott – Lungenwürmer! Auch bei mir! Warum? Wieso ich? Woher kommen die Tiere? Und was wollen sie? Dagegen wirkt die Schilderung der Hammerzehen nahezu beruhigend, und nur ein neuerlicher Hustenanfall hindert einen daran, zu fragen, ob man nicht, bitte, bitte, noch etwas über die Hammerzehen-OP hören dürfe, gerne auch von damit einhergegangenen Blutungen, Schweiß, Tränen, kaum zu bewältigenden Schmerzen und etwaigen Lähmungen (reversibel).

Ihr seht: Ich liebe Arztbesuche, vor allem des anregenden Aufenthalts im Wartezimmer wegen. Kein Wunder, dass es so viele Hypochonder gibt. Die saßen auch mal ganz harmlos mit einer Erkältung, einer Blasenentzündung oder einem geprellten Daumen bei ihrem Hausarzt – und trafen dort auf den Trigger, der ihre Hypochondrie auslöste, meist in Gestalt einer „lieben Oma“, die leider nie die Chance hatte, ihrem Berufswunsch als Alleinunterhalterin nachzukommen und die Erfüllung ihrer Bedürfnisse nun im Arztwartezimmer nachholt. Mit zum Teil verheerender Wirkung.

Doch nicht bei mir. Ich scheine dagegen annähernd immun zu sein, seit ich mit einem Kollegen ein Büro teile, der stets unter den abstrusesten Beschwerden leidet und im Alter von Anfang 40 bei sich „Altersstürze“ diagnostizierte. Warum? Nun, er war vom Badewannenrand abgerutscht, auf dem er balanciert hatte, um einen seltenen Vogel durch das recht hoch eingebaute Badezimmerfenster zu beobachten. Als die Kohlmeise dann unerwartet wegflog, erschrak der Kollege so sehr, dass es ihn vom Badewannenrand haute! Gut, dass ein Badewannenrand einen schmalen Grat darstellt, hatte mein Vater, als eingefleischter Diplom-Ingenieur der Gattung der Bedenkenträger zugehörig, mir schon im Kleinkindalter sehr anschaulich erläutert und mich davor gewarnt, darauf herumzuturnen. Als ich es dennoch einmal tat und abrutschte, habe ich es ihm lieber gar nicht erzählt. Die Erklärung, es habe sich um einen Alterssturz gehandelt, hätte er einer Fünfjährigen wohl auch nicht abgenommen, sondern eher gesagt, es handle sich um etwas anderes.

Nein, seit ich mit dem Kollegen in einem Büro sitze, sind Anfälle hypochondrischer Natur bei mir so rar wie Wasser in der Wüste Gobi. Einige Ausnahmen mag es geben, aber die sind so selten, dass sie kaum der Erwähnung würdig sind. Meine Beschwerden sind alle echt.

Seit einigen Wochen bereits hatte ich Schmerzen in meinem Handgelenk, die auch alsbald Richtung Arm und inzwischen Schulter strahlten. Mir fiel auf, dass dies stets im Zuge meiner Bildschirmarbeit auftrat. Später leider jedoch auch in Ruhe. Der Kollege tippte auf Alterserscheinungen, ich tippte mir an die Stirn. Was der Kollege dann übelnahm, doch darauf konnte ich keine Rücksicht nehmen. Mag er doch allein seiner Altersaffinität frönen – ich fühle mich noch sehr jung! Leider nahm dieses Gefühl zunehmend ab, als mein Arm zunehmend schmerzte. Auch stellten sich Schmerzen in so vielen anderen Knochen und Gelenken ein. Der Kollege tippte auf altersbedingte Arthrose. Ich biss die überkronten Zähne zusammen und hob mühsam meinen rechten Arm, um mir schmerzzitternden Zeigefingers gegen die gefurchte Stirn zu tippen, wobei mir eine Träne aus dem rechten Auge rann. Was bildete sich der Kollege eigentlich ein!

Kürzlich habe ich allen Mut zusammengenommen und einen Termin bei meinem Orthopäden gemacht, den ich erst wenige Wochen zuvor heimgesucht hatte. Mein jugendlicher linker Fuß hatte unerklärliche Fisimatenten gemacht und starke Schmerzen verursacht, und das war vor meinem Urlaub ungünstig. Ich ging zum Arzt, der eine Überlastung im Sprunggelenk feststellte. Wie das? Ich springe nie! Bin ich ein Pferd? Oder ein Springbock? Hinaus ging ich mit einem stinkenden Zinkleimverband. Ich gehe bei diesem Orthopäden immer mit einem Zinkleimverband aus der Praxis! Mehrere Male am rechten Fuß, diesmal am linken. Duschen fällt aus, nur Waschen geht. Sehr schön, vor allem im Hochsommer, den wir bis vor einiger Zeit ja noch hatten. Es ist daher verständlich, dass ich den neuerlichen Gang zum Orthopäden scheute. Aber meine alters…, ääh, arbeitsbedingten Schmerzen im Handgelenk und Arm waren kaum zu ertragen.

Bekanntes Prozedere: Die geplagte Gliedmaße wurde zunächst betastet, dann geröntgt. Zuvor hatte ich noch auf meine anderen Schmerzen, nein, die Phänomene in Füßen und Beinen hingewiesen. Dann auch auf meine schiefgelaufenen Absätze und das Gefühl, „irgendwie schief“ zu sein. Der Orthopäde, er war einst Stabsarzt bei der Bundeswehr, kommandierte: „Einlagen!“ Es klang wie: „Tod durch den Strang!“ Mehr sagte er nicht, aber die Arzthelferin spurte, während ich von Trauer umfangen war und meine Gedanken kreisten: Einlagen! Ich! Mit meinen grazilen und jugendlich-elfenhaften Füßen! Die gar nicht mehr so jugendlich-elfenhaft wirkten, als ich sie bei Licht betrachtete … Und die Abdrücke gemahnten dann eher an ein blutsverwandtschaftliches Verhältnis mit einem Wasservogel mit flossenartigen Schwimmfüßen. Enten sind niedliche Tiere, wenn man von ihren Füßen absieht … Obwohl die bei Enten auch irgendwie niedlich wirken. Nicht jedoch bei Menschen. Seufzend stützte ich meinen Kopf in die rechte Hand – aua!

Dieselbe, so meinte der Orthopäde, schreie nahezu nach einem Zinkleimverband, da ich unter einer Tendovaginitis litte (nein, das ist nichts Unanständiges, und zum Glück kannte ich den Fachbegriff für eine Sehnenscheidenentzündung wie jeder olle Lateiner) und sei nach Abnahme desselben längere Zeit in einer Handgelenksbandage zu tragen. „Sehen Sie, wie meine Helferin, Frau […], hier!“ Ich sah die Helferin, die mir bereits den kürzlich zuvor notwendigen Zinkleimverband um den linken Fuß gewickelt hatte, an. Sie wirkte frustriert, irgendwie verbissen, anders als beim damaligen Besuch. Und nachdem der Arzt mir noch den erfreulichen Hinweis gegeben hatte, ich brauchte an meinem Arbeitsplatz dringend diverse ergonomische Dinge und müsse dringend an meiner Handhaltung und Sitzposition etwas ändern, sonst drohe ein Karpaltunnelsyndrom, und das sei nicht lustig, verschwand er mit dem Wunsch nach guter Besserung. Kaum war er draußen, fragte ich die Helferin: „Und? Hat Ihnen die Handgelenksbandage geholfen?“ Die Helferin sah mich an, und fast glaubte ich, Tränen in ihren Augen zu sehen. Es waren wohl Tränen der Belustigung, denn sie lachte schallend und meinte: „Mir nicht! Ich kann nur noch stundenweise arbeiten. Im Moment zumindest.“ – „Danke, ich habe einen Eindruck.“ Wir lachten beide, und irgendwie war ich mir ziemlich sicher, sie alsbald wiederzusehen.
Nun sitze ich hier mit meinem Zinkleimverband. Und es werfen sich einige Fragen auf. Wie um alles in der Welt soll ich mir morgen die Haare waschen? Auch andere Dinge, die ich sonst mit rechts mache, sind nun mit links zu erledigen – au weia! Aber wie sagt mein Vater immer? „Das macht die Kleine doch mit links!“ Wenn er es sagt, wird es stimmen.

Schade, dass morgen Nachmittag alle Arztpraxen geschlossen sind. Mir ist im Moment so danach, mich grundlos in ein Wartezimmer zu setzen und ein paar echte Patienten zu alarmieren …