I cooked, I fried – nothing worked!

Man sagt ja immer, dass Liebe durch den Magen gehe. Habe ich zumindest so gelernt – sogar meine Oma behauptete das schon. Vor und nach ihr wahrscheinlich auch schon Millionen anderer Omas und Mütter. Ich wollte es nie hundertprozentig glauben, denn schließlich – auch das predigten Oma und Mutti – komme es in erster Linie auf die inneren Werte an. Wenn ich auch sonst an nichts glaube, daran glaube ich. Noch immer.

Da ich aber ein Mensch bin, der stets zweifelt, und das nicht nur an sich, sondern sogar an Gott, pfui Teufel, fing ich doch eines Tages mit dem Kochen an. Man ist doch lieber auf der sicheren Seite, wenn es ums Seelenheil geht. Wie – Ihr nicht? Kauft Euch lieber sofort ein Kochbuch und fangt an, zu üben!

Die ersten Versuche gingen schief, aber Hauptsache, es saß alles, wenn dann der Richtige auf den Plan träte. Es traten einige, aber nicht nur auf den Plan, sondern gern auch meine Füße, Schuhgröße 38, Standardgröße.

Lag es etwa an meinen frugalen Kochkünsten? Ich studierte zahlreiche Kochbücher, probierte aus, lernte, was ein Schweinenetz sei, mit dem selbst die tristesten Kohlrouladen zum fett- und damit geschmacksgeschwängerten, saftigen Highlight werden, umwickelt man sie nur nicht mit Küchengarn, sondern wickelt sie höchst liebevoll in Schweine- oder – noch besser! – Lammnetz! Welchselbiges man zunächst höchstselbst in der Metzgerei seines Vertrauens vorbestellen und dann abholen muss. Unter den argwöhnischen Blicken ganz alteingesessener Hausfrauen, die: „Schweinenetz? Wat is dat denn? Ich kenn nur Einkaufsnetz – aber dat kennen die jungen Hühner ja aunimmehr!“ vor sich hin brummeln, während man horrende Summen für schlichtes Fettgewebe, im Grunde einen Schlachtabfall, zahlen muss. Bei Lammnetz noch schlimmer. „Lamm? Wir ham früher nur Hammel mit grüne Bohnen bekommen! Wenn die Bohnen nich gerade aus waren. Sonst nur Hammel vonne Freibank!“

Dann kam Henrik. Henrik liebte alles an mir. Er liebte auch mein Essen, egal, was ich ihm vorsetzte, sogar Thunfischsteaks, die mir stets zu trocken gerieten (vielleicht hätte ich Schweinenetz benutzen sollen). Nur leider liebte ich Henriks Angewohnheit keineswegs, nach dem Essen immer gar zierlich sein Besteck zusammenzulegen, mich umflorten Blickes anzusehen, um mir dann mit sanftem Timbre zuzusäuseln: „Danke schön! Danke für das gute Essen.“ Er sagte das immer so, als hätte ich ihm, der, mit dem Tode ringend, schon halb auf dem OP-Tisch läge, eine lebensrettende Niere gespendet. Mama und Oma hatten mich leider nicht vorgewarnt, welche Folgen Kochen haben kann. Beim ersten, wiewohl gut gemeinten, Säuseln dachte ich noch: „Wie nett!“, fand die ergriffene Reaktion aber schon irgendwie theatralisch. Ich bin zwar sensibel, aber mein Verhalten ist oft eher handfest und burschikos. Theatralisches Gebaren ist nicht so mein Ding. Beim zweiten Mal wurde ich nervös und meinte: „Du musst das nicht immer sagen, aber vielen Dank!“ Beim dritten Mal meldete sich ein Migräneanfall an, der letzten Endes drei Tage anhielt. Vielleicht hätte er nicht ganz so lange angedauert, doch Henrik trachtete danach – und er trachtete nicht nur, sondern war ungewohnter Weise plötzlich ein Mann der Tat -, mir unentwegt mit nassen Lappen das Gesicht abzuwischen, obwohl ich bei Migräne einfach nur allein gelassen werden möchte und dies mit immer schwächer werdender Stimme auch anmerkte. Schließlich lag ich nicht in den Wehen! Ich musste an Monteverdis „Ariadne“ denken, an deren Klagelied „Lasciatemi morire“ – „Lasst mich sterben!“ Nichtmigräniker werden das nicht nachvollziehen können. Die fänden sicherlich auch ganz liebevoll, mit einem nassen Lappen traktiert zu werden. Ich nicht.

Das war nicht der Grund, weswegen ich mich schließlich von ihm trennte. Es kam so vieles zusammen. Wir passten wohl einfach nicht zusammen.

Dann kam Dirk. Dirk war, was Essen anbelangte, höchst unkompliziert. Er liebte Essen, egal, was es war. Ich konnte ihn mit „Chili con carne“ ebenso beglücken wie mit Hummer à l’armoricaine. Bequem nennt Ihr das? Nein! Keineswegs, denn ich versuchte immer, ihn mit neuen kulinarischen Herausforderungen zu begeistern. Er aß alles, als wären es Spaghetti bolognese aus der Packung. Oder Schokoladenpudding von Dr. Oetker mit Vanillesauce von Dr. Oetker. Vielleicht lag es daran, dass er ebenso spannend und vielseitig wie Spaghetti bolognese aus der Packung war – ich weiß es nicht, vermute aber so etwas. Immerhin ist Dirk Jurist, und die müssen sich ja schon verbal verausgaben. Da reicht es dann auf anderen Gebieten nicht mehr, und so macht man nur das Nötigste. Das muss man verstehen.

Giacomo war da ganz anders. Giacomo ist Italiener, noch dazu Toskaner, ergo Etrusker, und obwohl er mich zur „Ehren-Etruskerin“ ernannte (ich konnte genauso gut wie er beim Sprechen wild gestikulieren und habe eine angeblich etruskische Nase – was für Zinken die Leute damals in der Region hatten, erschreckend!), monierte er doch meine Kochkünste. Da müsse noch viel gelernt werden, befand er, und so standen wir oft Seite an Seite in seiner Küche: Ich kochte, er dozierte. Ich erinnere mich mit Schaudern, wie er mir beibrachte, wie eine vernünftige Polenta zubereitet werde. Eine halbe Stunde musste ich mit zunehmend lahmen Armen die immer zäher werdende Maismasse in einem riesigen Topf rühren und umwälzen, während er mit seinem besten Freund in Lucca telefonierte und zwischendurch immer wieder rief: „Nicht aufhören! Nicht nachlassen!“ Am liebsten hätte ich ihm den Topf mit der träge blubbernden, gelben Masse über den Kopf gestülpt, aber ich schwor mir, mit der Rache noch einige Zeit zu warten, denn Rache muss – anders als ein Soufflé – grundsätzlich kalt genossen werden.

Ein anderer Freund wurde dann mit sehr viel Muße bekocht. Jedes Mal fragte ich: „Was möchtest du denn essen? Was soll ich denn kochen?“ – „Ach, das ist mir egal. Mach nur, was du gerne möchtest, ich bin da ganz unkompliziert.“ Ja. Sicher. Und die Erde ist eine Scheibe, denn ich bin wiederholt darauf hereingefallen und musste mir jedes Mal anhören: „Ach, das ist jetzt etwas unglücklich. Ich mag keine grünen Bohnen und auch kein Lamm!“ Oder: „Das tut mir jetzt leid, aber ich mag keine Kichererbsen.“ Oder: „Jetzt hast du dir so viel Mühe gemacht, aber ich mag gar keinen Fisch. Den musste ich bei meiner Mutter auch nie essen. Die hat dann für mich immer etwas anderes gekocht.“ Dieser Spruch führte dazu, dass ich meiner ansonsten stets ausgeglichenen und gelassenen Natur verlustig ging. Ich schrie: „Dann geh doch zu deiner Mama und lass dir einen babygerechten Grießbrei kochen! Den isst du sicher gern – aber nur, wenn Mama ihn gekocht hat und dich auch noch füttert!“ Ende der Beziehung.

Liebe Mutti, liebe Oma – ich bedanke mich für eure hilfreichen Tipps zur erfolgreichen Beziehungsanbahnung und –bewältigung mit Hilfe der Bereitung diverser Speisen verschiedenster Schwierigkeitsgrade! Ihr habt leider nur immer verschwiegen, dass man sich durch diese Kunst gleich –zig Nachteile ins Haus holt – sogar Migräneanfälle. Ich kann dazu nur sagen: Kochen kann sehr hilfreich sein, was die Anbahnung von Beziehungen anbelangt – ihren Erhalt kann es jedoch nicht immer sichern. Im Gegenteil!

Epilog:

Rache müsse kalt genossen werden, sagte ich, und so traf es auch Giacomo, denn ich wartete nach meiner Polenta-Erfahrung fünf Jahre lang und kann diese Zeitspanne nur jedem empfehlen, da selbst hartgesottene Menschen mit einem Elefantengedächtnis in dieser Zeit vergessen haben, was Anlass zur Rache war bzw. dass es überhaupt Anlass zur Rache gebe. Anno 2007, Giacomo und ich waren bereits seit Jahren getrennt, trafen wir uns mit mehreren Leuten am Wochenende bei ihm und seiner Freundin zum Kochen. Ich wollte eine Kürbis-Orangensuppe kochen. Giacomo und ich waren vorher beim Einkaufen gewesen, und in Ermangelung praktischer Hokkaido-Kürbisse, die man mit Schale verarbeiten kann, mussten wir auf zwei sogenannte „Bischofsmützen“ zurückgreifen, einen Speisekürbis, der eher wie ein Zierkürbis aussieht und aufgrund seiner eher filigranen äußeren Erscheinung sehr umständlich zu schälen ist.

Als wir in der Küche standen, meinte ich zu Giacomo: „Würdest du netterweise schon einmal die Kürbisse schälen und zerkleinern?“ – „Iiiich?“ – „Ja, sicher! Das ist Männerarbeit! Sieh dir mal meine fragilen Handgelenke an – da essen wir ja um Mitternacht!“ Murrend fügte sich Giacomo ins Unvermeidliche, und bereits nach einer Minute sonderte er bedrohlich klingende, italienische Flüche ab. Ich grinste leise. Laut sagte ich: „Nicht aufhören! Nicht nachlassen!“ Unter lautem Gestöhn entfernte Giacomo die sperrige Schale, die so spröde war, dass –zig Partikel durch die ganze Küche flogen. Ich grinste noch mehr und meinte: „Geht das nicht etwas schneller? Ich brauche die Kürbisse!“ Weitere Flüche waren die Folge, und sie wurden immer bedrohlicher. Inzwischen war die gesamte Arbeitsfläche mit Kürbisschalenpartikeln übersät, und nicht nur diese … Ich grinste noch mehr, denn Giacomos Freundin ist sehr pingelig. Ihm fiel dann mein diabolisches Grinsen irgendwann auf, und er rief mit der ihm eigenen italienischen Theatralik: „Womit habe ich das eigentlich verdient? Was habe ich dir getan?“ Ich meinte: „Denk mal nach! Es hat mit Kochen zu tun.“ Er grübelte und schrie plötzlich: „Ha! Das ist deine Rache für die Polenta!“ Ich lachte nur, und Giacomo lachte dann auch. Und als er und seine Freundin Jahre später aus ihrer Wohnung auszogen, fanden sie hinter den Küchenmöbeln noch immer Kürbisschalen …