Up, up and away? Nein: Auf nach Thüringen!

Mein diesjähriger Jahresurlaub ist in etwa so „exotisch“ wie der letztjährige. Da war ich im Allgäu, wo ich eigentlich auch gern mal wieder hinmöchte, aber das hat leider diesmal nicht geklappt.

Anders als geplant, musste ich meinen Jahresurlaub um eine Woche in den Oktober verschieben. Es war nicht ganz freiwillig, und ich bin auch gar nicht so glücklich darüber, und wahrscheinlich habe ich mich deswegen sehr spontan entschieden, schnell zur Tat zu schreiten und eine der zwei Wochen zu verplanen: Zwei Tage Weimar, die restlichen Tage dann in meine Zweitheimat Bamberg, was von Weimar aus ein Katzensprung ist.

Ursprünglich hatte ich auch noch nach Sachsen fahren wollen, um meine Schwester zu besuchen. Da die aber ohnehin bald in NRW ist, strich ich Sachsen und folgte dem, was meine liebe Kollegin Johanna, die ich vor zwei Jahren bei einer dienstlichen Fortbildung in Bonn kennengelernt habe, schon öfter vorschlug: „Wir sollten uns unbedingt mal wieder treffen!“ Au ja!

Und so schlug ich ihr vor, ich könne ja mal nach Weimar kommen, und sie meinte: „Super, das wäre toll!“ – „Und besser so als andersherum.“ (Immerhin lebe ich mitten im „Pott“ in einer Stadt, die hinsichtlich ihrer Attraktivität in jedweder Bedeutung Weimar quasi diametral entgegensteht. 😉 ) Ich berichtete von meiner Urlaubsverschiebung, und sie rief sofort: „Dann kommst du zum Weimarer Zwiebelmarkt!“ Das klang gut, und ich suchte sofort nach einem Hotel.

Das war gar nicht so einfach, denn in der Zeit, in der ich Weimar bereisen wollte, gab es nur fünf Hotels zur Auswahl, die noch nicht bis zum Bersten ausgebucht waren: Vier davon befanden sich im sehr hochklassigen Bereich, und wenn ich auch gern im berühmten Hotel Elephant absteigen würde, fürchte ich, dass über 300 Euro pro Nacht mein Budget doch sprengen würden. Es sei denn, ich würde wieder Lotto spielen und ausnahmsweise mal etwas günstiger tippen, als ich das sonst so tue: entweder rechts oder links von der Zahl, die dann schließlich gezogen wird – es muss eine Art Fluch auf mir lasten. 😉

Mit viel Glück ergatterte ich das letzte Zimmer im „Hotel Alt Weimar“. Das sah im Internet nett aus, und man verspricht viel Bauhaus. Klar: Wenn nicht in Weimar, der Bauhaus-Wiege, wo dann sonst? (Okay, in Dessau – aber dahin reise ich ja nicht.) 😉

Johanna hinterließ mir eine begeisterte Whatsapp-Sprachnachricht, nachdem ich ihr mittels einer solchen mitgeteilt hatte, ich hätte das letzte erschwingliche Hotelzimmer in Weimar gebucht: „Ali – das ist cool! Ich sehe uns beide schon auf dem Zwiebelmarkt – das wird lustig!“ Das glaube ich auch. 😊

Schändlicher Weise ist Weimar – neben Gera – die einzige größere Stadt in Thüringen, die ich noch nicht kenne. Aber das hole ich ja nun hoffentlich nach. Ich kenne Eisenach, Gotha, Erfurt und Jena – und viel, viel Umland. Thüringen ist schön.

Meinen allerersten Kontakt damit hatte ich, als ich etwa fünf Jahre alt war. Damals war Deutschland noch geteilt, und ich war in Franken bei meiner Oma, zusammen mit Stephie. Eines Tages fuhren wir mit Freunden meiner Oma nach Coburg und besichtigten diese sehr schöne Stadt. Die lag nicht weit von dem entfernt, was damals als Zonengrenze bekannt war. Und da einer der Bekannten meiner Oma Verwandte, unter anderem seinen jüngeren Bruder, in der DDR hatte, fuhren wir dann noch in einen Ort, der heute Bad Rodach heißt. Früher nur Rodach. Dort verlief diese Zonengrenze. Dort kam man ihr ganz nah. Und das hat mich damals als Kind schier überwältigt: Wir standen da in Rodach, heute: Bad Rodach, inmitten von Grün und einem kleinen Wäldchen, und vor uns lag eine wunderschöne, große Wiese, die zum Losrennen einlud. Weiter hinten sah man die für Franken typische Mittelgebirgslandschaft. Die Sonne knallte vom strahlendblauen und wolkenlosen Himmel, und hinter uns hörte man einen kleinen Bach rauschen. Ergo all das, was man in der Literatur als locus amoenus bezeichnen würde, als einen Ort reinster Idylle.

Wären da nur nicht dieser schwarz-rot-goldene Grenzpfahl, der Stacheldrahtzaun und all diese erschreckenden Warnschilder gewesen…

Halt! Zonengrenze! stand da, zwei Wörter mit Satzzeichen, die einen anbrüllten und laut maßregelten, als wäre man unmündig. Und es wurde ebenso knapp an Worten drastisch darauf hingewiesen, dass bei Betreten Lebensgefahr aufgrund von Minen bestünde. Der Bekannte, der Familie in der DDR hatte, sagte traurig: „Hinter dem Zaun ist alles vermint. Es ist alles zum Greifen nah und doch unerreichbar.“ Ich sah zu ihm hoch und bemerkte, dass er Tränen in den Augen hatte. Seine Verwandten lebten gar nicht so weit von unserem Standort entfernt, aber das wusste ich damals noch nicht.

Mich hat das als Kind ziemlich schockiert, obwohl ich wusste, dass Deutschland geteilt war. Aber so richtig war das als Kind nicht zu begreifen, und hier war doch alles so nah – und so surreal. Eine wunderschöne Waldwiese an einem Tag mit strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel, auf die man nicht rennen und auf der man nicht spielen durfte oder konnte. Ein anderes Land hinter all den Warnschildern – das wollte mir auch nicht einleuchten. Meine Oma erklärte mir geduldig, dass das, was hinter dem Stacheldraht liege, nicht mehr Franken bzw. Bayern sei, sondern Thüringen. Ja, aber! Das war doch im Grunde das Gleiche – es sah doch genauso aus wie auf der Seite, auf der wir standen! Es war landschaftlich alles so wie in Franken. Es war zum Greifen nah. Ich war eindeutig überfordert mit der Teilung. Aber wer war das nicht? Es war im Grunde so, als hätte man Geschwister auseinandergerissen, die einander sehr ähnelten…

Das erste Mal war ich 2001 in Thüringen, als ich Richie besuchte, der sich in Eisenach beruflich niedergelassen hatte. In Ratingen losgefahren, in Düsseldorf umgestiegen und über Warburg und Kassel-Wilhelmshöhe gefahren, bis die Ansage kam: „Nächster Halt: Bebra.“ Bebra war im geteilten Deutschland von Bedeutung, da eine hessische Stadt direkt an der Grenze, ein deutsch-deutscher Grenzübergang. Und obwohl ich doch nun schon seit 1989/90 mit den zum Glück geänderten Verhältnissen vertraut war, hielt ich doch inne. Gelernt ist gelernt. Wir passierten Bebra, und in Eisenach holte Richie mich vom Gleis ab.

Er zeigte mir Eisenach und die Umgebung, und ich war begeistert: „Das ist so schön hier! Ich fühle mich hier fast wie zu Hause.“ – „Ja, ich finde es auch schön hier – aber wieso fühlst du dich hier fast wie zu Hause? Du kommst aus dem ‚Pott‘! Hier sieht es ganz anders aus, und es sieht auch ganz anders aus als bei mir zu Hause.“ – „Das kommt davon, wenn man aus Neuss kommt und keine zweite Heimat hat.“ – „Ach, ja, stimmt – du Halbfränkin! Klar, dass du dich hier wie zu Hause fühlst. Deswegen mochtest du Aachen ja auch immer so gern – wegen der Hügel.“

Ich freue mich jedenfalls riesig, wieder einmal nach Thüringen zu kommen. Es ist von den vier „neuen“ Bundesländern – in Mecklenburg-Vorpommern war ich als einziges noch nicht –, die ich kenne, dasjenige, das ich am liebsten mag. Und von allen Bundesländern, die ich kenne, liegt es auf Platz 2. (Neben MeckPomm kenne ich nur das Saarland nicht persönlich…) 😊 Ich vermute, meine Vorliebe habe mit Kindheitserfahrungen zu tun. Und nicht zuletzt damit, dass die thüringische Küche der fränkischen in vielerlei Aspekten sehr ähnelt. Und ich spreche hier nicht nur von Klößen und Bratwürsten. 😉

Hoffentlich beschließt Herr Weselsky nicht am oder um den siebten bzw. neunten Oktober einen neuerlichen Streik… Denn ich fahre umweltschonend mit der Bahn. Wenn sie fährt. 😉

Dinge, die man nicht vergisst

Er jährt sich zum zwanzigsten Mal: der Tag des Grauens. Der 11. September. Sorry an all diejenigen, die am 11. September Geburtstag haben – ihr seid nicht gemeint. Euer Geburtsdatum ist davon unberührt. Ich habe am gleichen Tag Geburtstag wie Queen Mum und habe mir das auch nicht ausgesucht. Aber das ist ein schlechter Vergleich, denn Queen Mum war irgendwie doch recht sympathisch. Zumindest lächelte sie immer so nett und wirkte knuffig. Offenbar habe ich es doch besser getroffen, geburtstagstechnisch.

Ich finde immer wieder faszinierend, dass im Grunde alle Menschen, die bis dato gefragt wurden, ob sie sich erinnern könnten, was sie am 11. September 2001 gemacht haben, als das Grauen geschah bzw. sie davon erfuhren, ganz genau wussten, was sie zu diesem Zeitpunkt getan hatten.

Ich weiß es noch ganz genau. Ich arbeitete damals im Kreis Mettmann in einer Firma, die Software für Telekommunikationszwecke produzierte. Ich war in der Dokumentationsabteilung als Technical Writer tätig, und an diesem Tag, just zu dieser Zeit, wurden meine Kollegen und ich gerade in eine neue Anwendung eingeführt. Die Präsentation lief gerade, als eine Kollegin hektisch in den Raum gerannt kam und rief: „Ein Flugzeug ist in einen der Türme des World Trade Centers geflogen!“

Sogleich machten sich Mutmaßungen breit: „Wahrscheinlich ein Sportflieger. Hat sich wohl verschätzt.“ – „Aber nein, es war ein Verkehrsflugzeug!“ – „Sicher ein Unfall.“ – „Tja, Fliegen ist nicht so einfach…“

Ich sagte nichts, da ich die Ansicht vertrete, dass, wer nichts Genaues wisse, besser auch den Mund halte. Ich fand die Nachricht an sich schon furchtbar. Die Präsentation war vergessen. Ich weiß nur, dass ich dachte: „Das ist sicher ein Attentat.“ Warum ich das dachte, weiß ich nicht.

Und da kam auch schon ein Kollege angerannt, der schrie: „Es ist noch ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen – das ist Absicht!“

Von da an war alles anders. Die Präsentation nun definitiv vergessen. Die Stimmung in der Firma völlig am Boden. Bedrückte, deprimierte Gesichter überall. Der Abteilungsleiter kam irgendwann und meinte: „Es ist etwas Furchtbares geschehen, und wahrscheinlich kann keiner hier mehr richtig arbeiten. Diejenigen, die nicht mehr arbeiten können, gehen am besten nach Hause.“

Ich blieb, versuchte zunächst, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Es war unmöglich, und so verfolgte ich übers Internet das Geschehen. Eine entfernte Bekannte chattete mich an, und wir chatteten eine Weile, beide völlig durcheinander und entsetzt. Später meinte sie einmal: „Wäre Ali nicht gewesen, wäre ich durchgedreht – ich hatte solche Angst, war allein zu Hause! Aber Ali hat online irgendwie geschafft, mich zu beruhigen.“ Ha! Umgekehrt war es doch gewesen – sie hatte mich beruhigt, ohne es zu merken. Oder wir beide einander gegenseitig. Ich hatte auch Angst, war völlig verunsichert. Ich schaffte es nicht einmal, nach Hause zu gehen. Immer wieder sah ich die beiden kurz aufeinander zusammenstürzenden Türme, hörte die hektischen Berichterstatter, als wären sie ein Mantra.

Giacomo holte mich ab, und wir fuhren nach Hause, gingen in unsere Stammkneipe. Dort lief der Fernseher, ansonsten sprach kaum jemand, obwohl viele Leute vor Ort waren. Wir bestellten Bier und setzten uns vor den Fernseher. Als wäre es ein normaler Abend. Noch heute frage ich mich, warum wir nicht einfach allein zu Hause die Nachrichten verfolgt haben – das hier war doch kein Event! Aber an dem Abend wollte wohl niemand allein sein. Und wir sahen Bilder, die ich nie wieder vergessen konnte. Bis heute.

Unvergessen der Mann, der im Windows On the World, dem Restaurant im Nordturm, mit einem der weißen Tischtücher winkte, um auf sich aufmerksam zu machen, einen Helikopter, der kreiste, heranzuwinken. Menschen hingen aus den Fenstern, und der Helikopter schwebte kurz davor, konnte sie aber nicht aufnehmen. Und dann immer wieder der Mann mit dem Tischtuch… Und wir saßen vor dem Fernseher, gelähmt und fassungslos, weil niemand etwas tun und keiner das Geschehen fassen konnte. Bis auf den Fernseher war alles still, und niemand sagte etwas.

Das Schlimmste war, als dann Menschen aus den Fenstern sprangen. Nein, man sah sie eigentlich gar nicht springen – man sah sie irgendwann einfach nur fallen und sich in der Luft überschlagen. Aber so langsam, dass es beinahe eine gewisse Eleganz oder, besser, Würde an sich hatte. Ich glaube, das war es auch, was es so unwirklich und schwierig machte, zu verstehen, was dort wirklich geschah. Zwar war klar, was mit diesen Menschen passieren würde, aber in dem Moment, da man sie fallen sah, war es annähernd unmöglich, zu begreifen, was dort wirklich geschah. Es war einfach unglaublich, dass Menschen hunderte von Metern über dem Erdboden aus den Fenstern sprangen. Man möchte sich so etwas einfach nicht vorstellen, und man kann es auch nicht. Ich sah die Menschen fallen, und dieser Vorgang erreichte meine Augen. Aber es dauerte einen Moment, bis er mein Bewusstsein erreichte und mir klar war: „Diese Menschen sind gleich tot.“ Und da begann ich zu weinen. Es war so furchtbar, zumindest ansatzweise zu begreifen, dass Menschen aus lauter Angst oder dem Willen, lieber selber zu entscheiden, in den sicheren Tod sprangen.

Ich habe es bis heute nicht vergessen, und es ist, als wäre es gestern geschehen. Alle Menschen, die ich je gefragt habe, was sie gemacht hätten, als sie erfuhren, was in New York geschah, konnten mir explizit sagen, was sie gemacht hatten. Eine Bekannte sagte mir: „Ich weiß es noch ganz genau. Ich steckte gerade mit dem Oberkörper in einem meiner Küchen-Oberschränke, weil ich die Küche putzte, und ich fragte mich gerade, warum ich mein altes Sparschwein aus Kinderzeiten im obersten Regal meines linken Küchen-Oberschranks aufbewahrte. Aber das war danach auch unwichtig.“

Ich weiß, dass ich damals gerade diese Einweisung in ein neues Produkt meines Arbeitgebers erhielt. Ich weiß auch noch, dass ich damals dachte: „Ist das langweilig! Kann nicht irgendetwas passieren, das diese langweilige Veranstaltung unterbricht?“

Seitdem hüte ich mich vor solchen Wünschen. Man kann zufrieden sein, wenn alles ganz normal läuft, und sei es noch so langweilig.

„Nach ‚müde‘ kommt ‚doof’“ ;-)

Kennt ihr das auch? Ihr habt nachts nicht oder kaum geschlafen oder sogar länger eine echte Phase von Schlafstörung, und dann macht ihr Sachen, die ihr selber nur in das Reich des Unmöglichen, zumindest aber Peinlichen, verweisen möchtet?

Ich bin morgens todmüde schon mit unterschiedlichen Socken aus dem Haus gegangen – einmal sogar mit unterschiedlichen Stiefeln, der eine schwarz, der andere dunkelblau, aber doch recht unterschiedlich von der Art her. Letzteres fiel mir zum Glück noch im Garagenhof auf…

Unterschiedliche Ohrringe gab es auch schon – der eine lang und glitzernd, der andere kürzer und im direkten Vergleich eher asketisch anmutend. Neulich wäre ich fast mit nur durch den Fön vorgetrockneten Haaren aus dem Haus gegangen. Dafür aber immerhin mit Make-up versehen. 😉

Meine Kontaktlinsen habe ich auch schon ab und an seitenverkehrt eingesetzt, die damit einhergehenden „Sehstörungen“ jedoch auf die Frühe des Tages geschoben. Ich bin kein und werde nie ein Morgenmensch werden. 😉

In Zeiten coronabedingter „Wechselschichten“ – an einem Tag Büro-, am nächsten Home-Office-Schicht, und so fort, auf dass immer nur eine Mitarbeiterin pro Büro sitze – bin ich inzwischen eine begeisterte und geübte, sehr zügige U-Turn-Fahrerin, denn seit ich über einen Dienst-Laptop verfüge, musste ich schon mehrfach kurz vor Ankunft beim Arbeitgeber sehr zünftig die eine oder andere „Haarnadelkurve“ fahren, um den vorbildlich in seiner Tasche verstauten Laptop in Windeseile von zu Hause abzuholen, wo er, in der Wohnung neben der Wohnungstür stehend und seiner Bestimmung im Büro harrend, brav wartete. Was hätte er auch sonst tun sollen? Er ist ja kein Hund oder sonstig belebtes Wesen, sondern handelt stets nur nach Vorgabe. Wenn jedoch die „Vorgeberin“ ihrerseits bisweilen morgens wenig belebt ist, überzeugt er letzten Endes nurmehr durch seine naturgegebene Besonnenheit, während die „Vorgeberin“ mit hängender Zunge die Treppen hoch hechtet, das unverzichtbare Gerät zu holen. Denn im Büro gibt es keinen PC mehr, sondern nur eine Docking Station, an die der unermüdliche Laptop anzuschließen ist. Doof, wenn er die Fahrt zur Arbeit nicht mitgemacht hat… 😉 Mehrfach bin ich in der letzten Zeit fluchend auf gefühlt zwei Rädern und zu spät bei der Arbeit und dann mit hängender Zunge im Büro angelangt.

Heute früh erwachte ich kurz vor 7 im Glauben, es wäre Home-Office-Schicht. Bis halb 8 lag ich auch noch entspannt im Bett, aber gegen fünf nach halb schoss mir durch den Kopf, dass ich ins Büro müsse. Hui! So schnell war ich zuvor nur selten aus dem Bett geschnellt und kam dann doch ein bisschen zu spät. Aber ich betrat das B-Gebäude so rasch, dass der Pförtner, mit dem ich mich seit kurzer Zeit duze und der rasch draußen eine Zigarette rauchen wollte und mir entgegenkam, rief: „Holla, Alilein – so schnell unterwegs? Sind wir etwa etwas spät dran?“ Ich rief: „Der einzige Mensch, der mich ‚Alilein‘ nennt, ist mein Vater – das ist ja eine nette Begrüßung! Ja, ich bin auch spät dran – wie öfter mal!“ Der Pförtner lachte und meinte: „War nett gemeint!“ – „Habe ich auch so verstanden! Bis später mal!“ Und schon stochte ich gen Büro. Dort kramte ich umständlich meinen Haustürschlüssel aus der Tasche, bis mir auffiel, dass ich hier einen Transponder brauchte. Glücklicherweise hängt der – wie in dieser Abteilung üblich – immer an einer Gürtelschlaufe meiner Jeans, und so kam ich ohne Probleme ins Büro. Der Arbeitstag ließ sich dann trotzdem stressig an…

Immerhin bin ich noch vergleichsweise harmlos, selbst wenn ich morgens noch nicht so ganz wach bin. Eine Bekannte, Hundebesitzerin, ist mal morgens sehr müde mit dem Hund Gassi gegangen. Zumindest glaubte sie das. Sie ist wohl einfach losgelaufen und hat dann an einer Stelle haltgemacht, wo der Hund gern herumschnupperte. Und sie wartete, auf dass das Tier damit fertig werde. Und wartete. Irgendwann, als nichts passierte, fiel ihr auch auf, dass kein Tier vor Ort war. Den Hund hatte sie zu Hause vergessen… 😉 „Ali, du kannst dir nicht vorstellen, wie vorwurfsvoll Charlie mich anstarrte, als ich zu Hause die Tür aufschloss! Er saß schon dahinter und war ein einziger Vorwurf! Aber er ist wirklich vorbildlich – er hatte, obwohl er ja wohl musste, nicht unter sich gelassen. Aber als wir dann beide loszogen, ist er gleich im ersten Busch verschwunden.“ 😊 Armer Charlie! Manchmal frage ich mich, was Tiere wohl denken, wenn sie ihre Halter völlig „durch“ erleben. Offenbar sind die meisten nachsichtig und denken sich einfach ihren Teil. 😉

Eine andere Bekannte hatte mal im Zuge eines Großeinkaufs mit Kleinkind das Kind im Supermarkt vergessen, und es war ihr erst zu Hause aufgefallen, weil alles so ruhig war. Die ist dann auf zwei Rädern mit dem Auto gen Supermarkt gerast! „Eine Frau rannte ganz hektisch mit ihm auf dem Arm herum und hätte mich am liebsten massakriert, als ich in den Supermarkt geschossen kam. Zum Glück war da diese Kassiererin, die meinte, ihr sei das auch schon einmal passiert und ich keine Rabenmutter!“

Ich selber bin damals in Aachen, schon berufstätig, mal morgens zu Tode erschrocken, als ich erwachte und auf meinen Wecker starrte: viel zu spät! Und schon hechtete ich aus dem Bett, duschte und machte mich für die Arbeit fertig und alltagspräsentabel. Und dann schoss ich aus Wohnung und Haus und rannte gen Bushaltestelle…

Wo blieb dieser verdammte Bus?! Er kam und kam nicht, aber ich war ja gut zu Fuß, und so stochte ich los. Unterwegs wunderte ich mich zwar ein wenig, warum kaum jemand unterwegs war, aber das Adrenalin hatte die Oberhand, und erst, als ich fast am RWTH-Institut, in dem ich arbeitete, angelangt war, fingen die Kirchenglocken zu läuten an… Es war Sonntag…

Immerhin habe ich so einen schönen Morgenspaziergang gehabt. Eindeutig besser, als das Kaffeepulver ohne Filtertüte in die Maschine zu geben – bah! Auch schon passiert. Oder die Kanne nicht richtig untergestellt – Kaffee in der ganzen Küche… Mit der Kleintier-Transportbox frühmorgens zum Tierarzt gefahren, während der vermeintliche Insasse zu Hause fröhlich an seinem Heu mümmelte und sich sicherlich wunderte, warum seine verhasste Transportbox mitsamt Halterin, die sich nicht einmal über das viel zu geringe Gewicht der Box wunderte, dafür aber halbgeschlossene Augen hatte, so überstürzt die Wohnung verließ… 😉

Das Handy in den Kühlschrank gelegt, warum auch immer, und kein anderes Telefon zur Hand, das Handy anzurufen. Die Brille gesucht, die sich dann nach einem viele Minuten andauernden, hektischen „Suchlauf“ durch die Wohnung ganz profan auf der ureigenen Nase befand und sich nicht einmal gewundert, dass die Sicht so gut war, obwohl man kreuzkurzsichtig ist…

Den Autoschlüssel auf ähnliche Weise gesucht, bis man feststellte, er steckte die ganze Zeit in der linken Jackentasche… In der Jacke, die die Suchende schon trug und am Leibe hatte… Grauenhaft!

Ist euch so etwas auch schon passiert, oder bin ich die einzig wurschtige Person, der so etwas schon öfter widerfahren ist? 😉

Den Wecker für morgen habe ich schon gestellt – das ist wohl auch besser so. Denn: „Nach doll kommt ab“ – und „nach müde kommt doof“.😉

Wohl doch ganz gut, dass ich keine Kinder habe, denn mit einer morgens derart zerstreuten Mutter wären die ja völlig traumatisiert! 😉

Ein ganz normaler Arbeitstag

Im September plane ich einen vermutlich zweiwöchigen Urlaub – irgendwann Mitte, Ende September. Kürzlich war ich eine Woche off duty, aber eine Woche ist viel zu kurz, und inzwischen fühle ich mich, als wäre ich seit mindestens einem Jahr überhaupt nicht aus der Arbeit herausgekommen.

Heute war es ganz besonders toll. Morgens zu spät gekommen, obwohl früher aufgestanden als sonst. Nutzt bei mir gar nicht, denn offenbar hatte ich bei meinen morgendlichen Arbeitsvorbereitungen weniger oft auf die Uhr gesehen als sonst, weil ich wähnte, einen komfortablen Zeitpuffer zu haben. Tja – verschätzt. 😉 Aber auch nur halb so wild – wozu gibt es Rufumleitungen aufs Privathandy? Oder Quasi-Diensthandys, von denen ich seit letzter Woche eines besitze? Gut, das Handy an sich gehört mir ohnehin, denn es handelt sich um mein altes Handy, aber die SIM-Card wurde von meinem Arbeitgeber spendiert. Erheblich angenehmer, da man das einfach abends abschalten kann und so nicht bei Anrufen jenseits der 20-Uhr-Grenze hochschreckt, weil man denkt, das Elternhaus nebst älteren Eltern stünde in Flammen. Und manche „Klienten“ scheuen nicht einmal davor zurück, gegen 22 Uhr anzurufen. Auch wenn man nicht drangeht, ist das ein Ärgernis.

Meine „Klienten“ sind noch recht jung, und niemand hat denen, die entweder gegen 22 oder 06:30 Uhr anrufen – auch schon geschehen -, wohl beigebracht, dass es gewisse „Geschäftszeiten“ gebe und auch Sachbearbeiter Menschen seien. Kürzlich klingelte mein rufumleitungbehaftetes Privathandy an einem Samstag wiederholt. Das erste Mal morgens um 9. Da ich einen privaten Anruf erwartete, wollte ich es auch nicht ausschalten und ging dann, beim vierten Anruf unter derselben, mir nicht vertrauten, Rufnummer, die auch schon um 9 Uhr ihre Aufwartung gemacht hatte, dran. Nicht bester Stimmung, denn inzwischen war mir klar geworden, dass ich diese Nummer schon mehrfach zuvor auf meinem Display gesehen hatte – sie gehörte einer meiner „Klientinnen“. Und ich meldete mich nicht gerade im liebreizendsten Tonfall, sondern eher distanziert oder reserviert.

„Hallo, Frau B.!“ tönte es an mein Ohr, als wäre ich im Dienst. „Ich wollte Sie kurz etwas fra…“ – „Nein!“ – „Wie bitte?“ – „Frau XYZ, wir haben gestern viermal miteinander telefoniert. Das war an einem Freitag und völlig opportun. Heute ist Samstag, ergo Wochenende. Sie haben mich heute das erste Mal um 9 Uhr angerufen, wie ich der call history entnehmen konnte. Bitte tun Sie mir einen Gefallen: Merken Sie sich, was Sie fragen wollen, und rufen Sie mich dann am Montag ab 9 Uhr an. Oder schreiben Sie mir eine Mail. Aber bitte: Ich habe jetzt Wochenende. Auch Sachbearbeiter sind ganz normale Menschen, die sich spätestens ab Freitagnachmittag frohen Blickes auf zwei freie Tage – Samstag und Sonntag genannt – freuen. Nehmen Sie es mir nicht übel, bitte, aber das geht wirklich nicht. Ich mache durchaus Überstunden, speziell, wenn es ‚brennt‘, aber das erstreckt sich im Normalfall – und der liegt hier vor! – nicht auch noch aufs Wochenende.“ – „Ach …“ – „Genau. Also bitte am Montag anrufen oder eine Mail schicken. Das funktioniert auch nicht nur jetzt so, sondern immer, wenn Wochenende ist.“ – „Ach …“ – „Ja, das werden Sie in vergleichbaren Fällen selber merken, wenn Sie später berufstätig sind – ich bin mir ganz sicher, dass Sie dann an diesen Moment zurückdenken und grinsen werden. Und nun wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende – und mir auch. Bis Montag dann!“ Und ich unterbrach die Verbindung.

Normalerweise bin ich gar nicht so, aber nachdem ich die Tage zuvor und ohnehin öfter schon offenbar dienstliche Anrufe jenseits der 20-Uhr-Marke erhalten hatte, reichte es wirklich. Es stört auch, wenn man nicht drangeht, sobald man erkennt, dass es wohl kein privater Anruf ist. Wie gesagt, es war mein Privathandy mit Rufumleitung – und man möchte sich ja nicht unbedingt privat völlig von der Welt abschneiden, indem man das Handy ab 17, 18 Uhr rigoros abschaltet, zumal dann, wenn man kein Festnetztelefon hat. Daher bin ich wirklich glücklich, nun eine Dienst-SIM-Card für mein altes Handy zu haben, das ich spätestens ab 17:30 Uhr ausschalte.

Doch zurück. Ich war etwas zu spät, heute früh. Vom Parkplatz aus ging ich recht eilig in mein Büro.
O Gott, war es da stickig! Ich riss erst einmal das Fenster auf und dockte meinen Dienst-Laptop an, den ich seit einigen Wochen besitze und mich bei jeder Büroschicht an meine Kindheit im Kindergarten erinnere, da ich mit Mama und meiner Butterbrottasche den Weg in den Ernst des Lebens antrat. Hier zwar logischerweise stets ohne Mama, aber mit einer Tasche, wie sie meine Kolleginnen auch mit sich schleppen, wenn sie vom Parkplatz Richtung Büro gehen. Ein echtes Kindergartengefühl. 😉 Und nach Feierabend ebenso. 😉  

Nach verspäteter Ankunft eilte ich in die Teeküche, um meine Kaffeemaschine zu bestücken und in Betrieb zu nehmen. Kaffee ist morgens so wichtig – und nicht nur morgens! 😉

Ich war heute allein im Büro. Zumindest im Hauptbüro, aber drei Büros weiter saß Jana, seit einer notwendigen Umstrukturierung wegen neuer Kolleginnen und darauffolgenden Platzmangels „ausgelagert“. Aber man kann einander ja besuchen, was oft geschieht, und da gerade ihre Elektro-Espressokanne in der Küche kund und zu wissen gab, dass der Kaffee fertig sei, goss ich diesen in die danebenstehende Tasse und verbrühte mir dabei die Finger. Egal. Als ich ihr die Tasse brachte, rief sie: „Wahnsinn! Das ist ja total lieb – was für ein Service! Danke schön! Wann bist du denn angekommen?“ – „Nach dir, ganz offenbar. Aber zum Glück hat es ja außer uns keiner mitbekommen – nicht einmal der Pförtner.“ Der war nämlich offenbar gerade zum Rauchen draußen gewesen. 😉 Der Tag war stressig, das Telefon klingelte unentwegt, und es war nicht immer so einfach. Jeder, der jemals Telefondienst gemacht hat, weiß, was ich meine. Normalerweise telefoniere ich gern, aber heute war es anstrengend. Außerdem war es grauenhaft warm im Büro, obwohl ich schon für Durchzug sorgte. Ratz-fatz hatte ich Kopfschmerzen.

Die einzigen Lichtblicke waren: im Zuge der Mittagspause eine Zigarette mit Jana zu rauchen und dabei frotzelnde und lustige Reden zu schwingen sowie eine sehr nette Unterhaltung mit einer ebenso netten Kollegin am anderen Ende des Gebäudes. Und – unvergesslich – die Sache hinsichtlich der Einkommensteuererklärung. 😉

Denn erst heute früh war mir aufgefallen, dass es ja nur noch so wenige Tage bis zum regulären Einreichungstermin seien. Der Schreck, der mich durchfuhr, war unschön. Und schon googelte ich bezüglich der Adresse und Faxnummer des örtlichen Finanzamtes. Das Ergebnis, das ganz oben stand, war erfreulich – das hatte ich bis dato noch gar nicht mitbekommen: Der Abgabetermin in diesem Jahr wurde in NRW auf den 02. November verschoben! Warum ich das nicht mitbekommen hatte? Keine Ahnung – wahrscheinlich aufgrund all der Änderungen, die ich aufgrund meiner Arbeit dauernd beachten muss. Da wird man irgendwann betriebsblind. Und so war es ein wunderbarer Moment für mich. 😊

Das entschädigte für den Rest des Tages – gegen 19 Uhr verließ ich meinen Arbeitsplatz lächelnd. Und bekam daraufhin noch ein Kompliment vom Pförtner: „Ach, Frau B.! Sie lächeln immer so nett. Egal, ob Sie hereinkommen oder hinausgehen. Manchmal haben Sie so ein reizendes Funkeln in den Augen.“

Ja. Ganz sicher. 😉 Nett, aber ich glaube, dieser Pförtner sollte einen Besuch bei seinem Augenarzt planen… Sosehr ich meine Arbeit mag: Manchmal ist sie wirklich stressig, und da lächelt man auch nicht mehr. Höchstens lacht oder grinst man sarkastisch. Daher auch das Funkeln in den Augen. 😉

Nein, im Ernst: Ich liebe meine Arbeit, wenn es auch Tage gibt, die etwas anstrengender sind als andere. Aber das geht uns ja allen ab und an so. 😊

Immer cool bleiben. Am besten so cool, dass Leute glauben, ihr würdet lächeln, wenn eure Gedanken nicht publizierbar sind. (Ich glaube, der Pförtner ist noch recht neu.) 😉

Von Flammenwerfern und Tomaten

Derzeit habe ich eine Woche Urlaub und kann endlich Dinge erledigen, die ich längst erledigen wollte, es aber zeitlich nicht schaffte.

Dazu gehört unter anderem, meinen gemieteten Stellplatz für Monty, meinen heißgeliebten Ford Fiesta, endlich von Unkraut zu befreien. Der Stellplatz kostet mich exakt 20,- € im Monat, und er zeigt mir Jahr für Jahr sehr deutlich, warum ich die kalte Jahreszeit so sehr liebe. Gut, nicht nur deswegen – aber auch!

Denn seit die Kälteperiode vor wenigen Wochen endlich ihr Ende nahm, kann man zusehen, wie das Unkraut auf dem Stellplatz in die Höhe schießt. Im Minutentakt scheint es zu wachsen. Ach, was sage ich! Binnen Sekunden! Und als ich kürzlich einparkte, hörte ich scharrende Geräusche unterhalb des Wagens – hier war nun allerhöchste Zeit, einzugreifen.

Und flinken Fingers bestellte ich bei einem namhaften Unternehmen ein Gartengerät, mit dem man Unkraut ganz einfach abflämmen kann. Zum Gerät gehörten fünf Kartuschen Butan-Propan-Gemisches.

Es gibt diese Geräte auch strombetrieben, und das wäre mir allemal lieber gewesen. Aber ich hätte -zig Verlängerungskabel benötigt, und da weiß ja jedes Elektroingenieurskind, dass das nicht die beste Lösung sei. Ergo: Butan/Propan, was mir nicht sonderlich gefiel, da ich vor gasbetriebenen Geräten seit jeher großen Respekt habe. Spätestens seit dem Tage vor diversen Jahren, als ich zusammen mit meinem damaligen Freund Giacomo – gerade mit dem Flieger aus Berlin zurückgekommen – in meiner Wohnung in Aachen saß und Giacomo gierige Blicke in meine Richtung warf. Es kam aber zu nichts, denn im nächsten Moment brachte ein unfassbar lauter Knall unser beider Trommelfelle ganz knapp nicht zum Platzen. Es klang, als wäre das direkte Nachbarhaus explodiert, und ich schrie, als steckte ich unfreiwillig am Grillspieß.

Danach saßen wir da, rieben uns die Ohren, und jedwede Gier war zunichte. Stattdessen schrie ich – ich hatte leider ein lautes Dröhnen in den Ohren und konnte schwerlich einschätzen, wie laut ich sprach: „Was war das?!? Steht das Nachbarhaus noch? Müssen wir auf die Straße rennen, solange wir noch können?“ Giacomo wusste es auch nicht, öffnete jedoch ganz vorsichtig mein Dachgaubenfenster und blickte nach links: „Das Haus nebenan steht noch. Hier steht noch alles.“ Nun ja, das meiste zumindest. Und wir lauschten den Martinshörnern.

Am nächsten Tag erfuhren wir, dass eine Propangasflasche in einem Bauwagen in der Nähe des Europaplatzes explodiert war. Und das war derart heftig, dass sogar in meiner Straße, die relativ weit vom Tatort entfernt lag, Leute schreiend auf die Straße gerannt waren! In der Gegend, da sich das Unglück zugetragen hatte, hatte ein Nobel-Autohändler Schäden an seinen Ausstellungsräumen und Ausstellungsstücken zu beklagen, und viele Leute hatten keine Fensterscheiben mehr. Verletzte gab es auch, Passanten, aber zum Glück war niemand wirklich schwer verletzt.

Seitdem wünsche ich mir keinen Gasherd mehr, seitdem habe ich noch mehr Respekt vor gasbetriebenen Geräten. Und nun kam Kalle! Denn so heißt der Unkrautabflämmer ab Werk. Ich musste gar nicht erst zur Tat schreiten und dem Ding einen Namen geben, was ich ja sonst gern mache. Er hieß bereits Kalle. Und bis auf kleine Enttäuschungen hat er bis dato ein gutes Werk geleistet. Wahrscheinlich war gestern einfach der Wind zu stark, aber das Gros der Unkräuter auf meinem Stellplatz ist gewesenes Unkraut. Gut – zweimal hatte ich energisch auf brennende Flächen treten und den Brand auslöschen müssen, aber ansonsten lief es doch recht gut. 😉 In den nächsten Tagen werden Kalle und ich erneut zur Tat schreiten müssen, aber bis dato lief es recht gut, und weder wurden die benachbarten Autos in die Luft gesprengt, noch einer meiner Füße angesengt. Und was ein „Strohfeuer“ ist, weiß ich nun auch ganz realiter und nicht nur im übertragenen Sinne. 😉

Gern jedoch hätte ich eine Stichflamme zum Stellplatz eins weiter links gesendet, denn von dort kommt der ganze Mist in Form von Unkraut und wuchert auf meinen Stellplatz, ohne dass am Urspungsort etwas unternommen werden würde… Vielleicht fürchtet sich die Stellplatznachbarin vor gasbetriebenen Geräten – man weiß es nicht. 😉

Doch zu erfreulicheren Themen: Ich bin ja für einen eher schwarzen Daumen bekannt. Bekannt ist jedoch auch, dass ich Tomaten seit Kleinkindesbeinen liebe. Und Balkonblumen hat ja nun fast jeder – hatte ich auch in den letzten zwei Jahren. Gemüse jedoch noch nie.

Wie es aussieht, hat Corona noch eine weitere Auswirkung als die bekannten, denn irgendwann – ich war gerade bei Penny einkaufen – beschloss ich, mich auf die Züchtung von Tomaten zu spezialisieren. Wozu die Dinger immer kaufen, wenn bei dem Discounter ganz bequem Saatguttütchen aushingen? Und schon lag ein Tütchen – das letzte, denn ich war offenbar nicht die Erste, die diesen Entschluss gefasst hatte – in meinem Einkaufswagen.

Und es lag recht lange in meiner Küche, und jedes Mal, wenn ich daran vorbeiging, geschah dies mit schlechtem Gewissen. Wieder etwas völlig unnütz gekauft.

Doch irgendwann überfiel mich der blanke Ehrgeiz, und ich befasste mich mit dem Anbau bzw. der Anzucht von Tomatenpflanzen. Ratz-fatz waren die Tomatensamen in diverse eigens aufgehobene und säuberlich gespülte, wie auch mit Blumenerde gefüllte, Quarkbecher gesät und liebevoll gewässert.

Die ersten drei Tage tat sich … nichts, und ich verfluchte einmal mehr meinen schwarzen Daumen. Doch ab Tag 4 explodierte es in den Quarkbechern! Kleine Pflänzchen bahnten ihre Wege aus der Erde und reckten ihre „Ärmchen“ nach oben. Und es wurden immer mehr! 😉 Wohin jetzt damit? 😉

Zum Glück stand ein Besuch bei meinen Eltern an, und als ich meiner Mutter erzählte, dass ich Tomaten angezüchtet hätte, ging quasi ein Licht in ihrem Gesicht auf – als würden Kerzen angezündet! 😉 Sie machte ein Gesicht, als wollte sie sagen: „Endlich wird das Kind normal!“ 😉 Wahrscheinlich liegt es daran, dass meine Mutter seit jeher begeisterte Hobbygärtnerin ist – ich jedoch nicht. Ich lese und koche lieber. Auch Musik liegt mir eher – aktiv wie passiv. Und jetzt geht dieses Kind hin und widmet sich der Anzucht von Tomatenpflanzen! Sie strahlte förmlich und wies mich auf zwei große Töpfe in der Garage hin, die sich hervorragend für die Topfzucht von Tomaten eignen würden. Ja, sie gab mir eigens noch Terrakottascherben mit, die auf den Boden der Töpfe zu legen seien! 😉

Vor drei Tagen habe ich die ersten zwei Zöglinge in die beiden geerbten Töpfe ausgepflanzt. Ich hatte eigens Tomatenerde bestellt, und nachdem ich dies getan hatte, fragte ich mich, ob ich jetzt völlig durchgeknallt sei, denn diese Spezialerde kostete nicht wenig. Aber alles für die Tomaten! 😉

Die 20 Liter waren rasch in den zwei Töpfen verschwunden. Und darin zwei Tomatenpflanzen, die übrigens seit ihrer Umsiedlung etwa doppelt so groß sind wie zuvor.

Da aber noch einige andere Pflanzen warten, habe ich lieber noch weitere Auspflanzgefäße bestellt, die morgen eintreffen sollen. Dazu noch zwei riesige Packungen Erde gekauft – nicht, dass die Pflänzchen sich beklagen müssen oder so. Spezieller Tomatendünger liegt bereits in der nächsten Packstation… 😉

Heute – ich war wieder bei meinen Eltern – fragte meine Mutter mich, wie es den Tomaten gehe, und sie reichte mir mehrere Rankstützen aus Bambus, die sie eigens aus der Garage geholt hatte. Ich sagte: „Nun ja, man weiß das ja nie so genau. Ich hoffe, es geht ihnen gut.“ Dann tranken wir Kaffee.

Zwischendurch zog ein Unwetter auf, und meine Mutter meinte: „Um Gottes willen!“ – „Was?“ – „Deine Tomaten!“ – „O Gott!“

Und schon verabschiedete ich mich, rannte durch den Sturzregen und raste zurück nach Hause, wo sich auf dem Balkon sämtliche Tomatenpflanzen bester Gesundheit erfreuten…

Mein Tipp: Wenn ihr etwas Neues ausprobiert, seid immer enthusiastisch. Ein anderer Hinweis: Man kann es auch übertreiben. 😉 Ich befürchte gerade – ich bin Kummer gewohnt -, dass die Pflanzen wunderbar wachsen, unter Umständen aber keine einzige Frucht tragen werden. Mein dritter Tipp: Bleibt immer cool. Egal, ob es um Tomaten oder sonst etwas geht. Ich verfluche meinen Tomateneifer inzwischen – wie konnte ich nur? Wieder etwas, um das ich mir Sorgen machen muss – von meiner gartenbegeisterten Mutter noch befeuert! Denn sie sagte: „Ali – Tomaten sind sehr empfindlich, anspruchsvoll und brauchen viel Zuwendung!“ Ja, super! Also wie Männer…

Es erinnerte mich an meine letzte Date-Erfahrung: Die hatte für sich auch ständige Zuwendung eingefordert, dachte aber nur an sich und hatte mir überdies dauernd erzählt, dass ich für meine Augen eigentlich einen Waffenschein brauchte und auch als „Gesamtpaket“ recht erfreulich sei… Er nannte mich allen Ernstes „das Gesamtpaket Ali“… Dabei war es gar nicht so weit gekommen, dass er das „Gesamtpaket“ wirklich hatte beurteilen können – nein, danke. Komplimente sind schön, wenn sie wohlplaziert sind. Aber nicht in einer zeitlichen Frequenz von etwa fünf bis zehn Minuten. Und seit einer gewissen Zeit zucke ich immer zusammen, wenn ich den Begriff „Gesamtpaket“ höre. Da werde ich sogar irgendwie sickig. 😉

Wie gesagt: Nix gegen Komplimente, aber man kann es auch übertreiben… Und dauernde Zuwendung für sich einfordernde Lebewesen? Vielleicht doch besser Supermarkt-Tomaten? Einfach nur gekauft? 😊 (Zumal die hier durch Eigenanbau erhofften Tomaten bis dato die teuersten sind, die ich je erworben habe, und das allein schon durch das viele Zubehör. 😉 )

Euch einen schönen Abend! 😊

„Wie das Schwein ins Uhrwerk“

Vor zwei Tagen hatte ich meine zweite Impfung mit BioNTech, und es ging erheblich schneller als bei der Erstimpfung. Mein Zweittermin war um 15 Uhr, aber ich war schon um 14:45 Uhr da und um 14:53 Uhr bereits geimpft.

Und nach den obligatorischen fünfzehn Minuten in der Beobachtungszone – zufällig war meine Lieblingskollegin Cindy Blech auch gerade anwesend – WTF! -, aber wir unterhielten uns wie zivilisierte Menschen, ja, sogar so, als würden wir einander mögen! – sauste ich zum Check-Out, checkte aus und machte mich vom Acker. Es ging mir blendend, aber ich fuhr doch lieber noch zum nächstgelegenen Supermarkt, denn meine Kollegin Saskia, vor mir zweifachgeimpft, hatte darauf hingewiesen, dass es ratsam sei, sich mit leicht zuzubereitenden Lebensmitteln und Getränken einzudecken. Und so kaufte ich für alle Fälle ein Sixpack Mineralwasser und Convenience Food, was ich ohne Not niemals gekauft hätte. Und schon sauste ich nach Hause.

Dort geschah: nichts. Nicht einmal mein linker Arm wollte wehtun! Stundenlang keine Änderung – offenbar war ich unverwundbar. Zwischenzeitlich wechselte ich noch Whatsapp-Nachrichten mit einer früheren Kollegin, deren Sarkasmus ich immer geschätzt habe und die von mir wissen wollte, welche Impfreaktionen ich inzwischen feststellen konnte. Leider konnte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht mit derlei Info dienen.

Doch hier: Auch am nächsten Tag ging es mir blendend, mal abgesehen vom schmerzenden linken „Impfarm“. Mal abgesehen davon, dass ich, als ich am Abend zuvor ins Bett gegangen war, ganz spontan unter einer blutdruckbedingten „Panikattacke“ zu leiden gehabt hatte. War aber kein Problem – ich kann mit so etwas umgehen, und man muss dann einfach ein bisschen herumlaufen. Danach habe ich hervorragend geschlafen.

Am nächsten Morgen auch alles okay, Home-Office-Arbeit lief hervorragend.

Exakt bis 12:30 h. Denn da kam der „Mann mit dem Baseballschläger“. Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und später auch Fieber waren die Folgen, und die Dinge hinsichtlich meiner Arbeit, die ich „mal eben rasch“ hatte machen wollen, gestalteten sich so, dass ich darauf starrte „wie das Schwein ins Uhrwerk“, wie meine liebenswerte Kollegin Johanna, die an einer Hochschule in Thüringen ihr Werk tut, immer sagt. Es scheint sich um eine regionale Redensart zu handeln, denn als sie das das erste Mal sagte, lachte ich schallend. Sie fragte, ob ich das nicht kenne, und ich sagte: „Nein, das nicht. Aber etwas Ähnliches, und da ist auch ein Tier involviert. Vermutlich ist diese Redensart auch nicht weit von dir entfernt entstanden, denn ich kenne sie aus Franken. Da heißt es: „wie der Ochse vor dem neuen Scheunentor stehen“. Das bedeutet das Gleiche: völlig überfordert sein.“ Wir lachten beide und freuten uns, dass sowohl Thüringer, als auch Frankenstämmige ähnlich geartete Redewendungen benutzen.

Hinzu kommt, dass wir beide im gleichen Bereich arbeiten – und da ist es immer gut, wenn gelacht wird. Nicht, weil unser Bereich so schlimm wäre. Ganz im Gegenteil – der ist spannend und macht meist Spaß. Nur, weil es so oft so viele neue Regelungen gibt – manchmal überschlagen sie sich nahezu. Und da ist es immer gut, wenn man eine Johanna – oder vice versa eine Ali – bei der Hand hat. Und wenn man sich dann noch gut versteht, ist es umso besser. Johanna und ich haben auch schon telefoniert, wenn es uns privat nicht so gut ging – das ist das Beste, was passieren kann. 😉

Mir ging es trotz allem gestern gar nicht so gut. Und ich hatte so viel zu tun – ich habe aber doch alles geschafft, was ich hatte schaffen müssen. Gut – zwischendurch hatte ich wie das Schwein ins Uhrwerk gestarrt und wie der Ochse vor dem neuen Scheunentor gestanden, aber es ging doch alles gut aus. 😉

Und heute ging es mir blendend. Ich hatte nicht einmal Nasenbluten – davon hatte ich nun schon mehrfach als Impfreaktion gehört. Bei mir bis dato noch nicht aufgetreten. 😉 Keine Sorge, Janine – bis auf galoppierenden Blutdruck, Kopf- und Gliederschmerzen bzw. Fieber alles im grünen Bereich. 😉

„James, bitte walten Sie Ihres Amtes!“

Seit dem gestrigen Feierabend teile ich meine Wohnung mit James. So nenne ich ihn zumindest, und wenn er auch nicht auf diesen Namen hört, ist er doch recht eifrig und tut, was ich von ihm erwarte. Wunderbar!

Von seinem Äußeren her ist er eher ein dunkler Typ, aber mir wäre auch jeder andere Typ recht gewesen – Hauptsache, er macht, was ich von ihm erwarte. Man empfahl ihn mir, da er zuverlässig sei – und wenn man sich eines nur wünschen kann, ist dies Zuverlässigkeit. 😉 Außerdem ist er recht rund, aber das stört keineswegs.

Nachdem ich James abgeholt hatte, denn er war kurzfristig und schneller an der von mir gewünschten Adresse eingetroffen, an die ich ihn bestellt hatte, als ich erwartet hatte, fuhren wir rasch nach Hause. Ich vermute, er hatte mittels seiner so kurzfristigen Ankunft bereits darauf hinweisen wollen, dass er die Zuverlässigkeit in Person sei.

Zu Hause eingetroffen, ließ ich ihn zunächst in Ruhe, denn er sollte sich erst einmal akklimatisieren. 😉 Doch vorhin packte mich die Neugier, und ich beschloss, mich näher mit ihm auseinanderzusetzen, und schon riss ich ihm seine Kleider vom Leib. Er trug einen Anzug aus Polyethylen. Weg damit!

Kaum war er nackt, betrachtete ich ihn näher. Ja, sah gut aus, und so gepflegt. Um ihn in Aktion zu bringen, muss man erst einen Schalter an seiner Unterseite betätigen und dann auf einen Knopf auf seinem Kopf drücken. Ich ging zwar davon aus, dass er zunächst Nahrung zu sich nehmen müsse, da er so lange ohne diese verharrt hatte, aber aus Neugier betätigte ich den Schalter und drückte dann auf den Knopf… Und da legte James auch schon los…

Gut, er ist in Aktion ein bisschen lauter, als ich gehofft hatte, aber er legte gleich los. Genauer: Er raste los, drehte sich links, drehte sich rechts und sauste über das Parkett, bis er Richtung Couch kam, die er mit großem Argwohn zu betrachten schien und sich behutsam an ihr entlangtastete, sich dabei wieder und wieder unsicher zur einen wie zur anderen Seite drehend. Doch dann war freie Bahn, und schon raste er erneut eifrig brummend los…

Ich weiß nicht, warum, aber ich wollte schon seit Jahren einen Saugroboter haben – und nun habe ich einen. Zwar muss man auch mit solch einem Gerät mit dem „Hauptstaubsauger“ staubsaugen, aber zwischendurch fährt halt der Saugroboter durch die Gegend und tut, was sein Name bereits sagt: Er saugt. Genauer: Er saugt Staub.

Kürzlich sprach ich mit einer Kollegin, die ebenfalls ein solches Gerät besitzt, und sie meinte: „Ich weiß, das klingt komisch, aber irgendwie entwickelt man fast so etwas wie eine Beziehung zu dem Ding – fast wie zu einem Haustier!“ Ich lachte schallend – „fast wie zu einem Haustier“! Hallo, das ist ein programmiertes Elektrogerät und kein Tier! 😉 Ich fand die Aussage doch ein bisschen albern.

Doch als ich vorhin auf dem Parkett saß und fasziniert beobachtete, wie James sehr selbstbewusst und voller Arbeitseifer und Tatendrang seine bisweilen etwas erratischen Bahnen zog, erwischte ich mich dabei, wie ich: „James! Hierher!“ rief, als er sich am Topf meiner Zimmerpalme festgefahren hatte… Er kam zu mir gefahren – aber das war Zufall. Dennoch: Ich bemerkte voller Erstaunen, dass mir der kleine, eifrige Kerl binnen kürzester Zeit irgendwie ans Herz gewachsen zu sein schien. Du meine Güte! Und im Geiste hörte ich meine alte Freundin Jadranka pöbeln: „Such dir endlich wieder `nen Kerl! Oder schaff dir eine Katze an! Die hört auch zu, wenn du von der Arbeit kommst und einen Scheißtag hattest! Wahrscheinlich sogar eher als ein Kerl!“ (Die beiden Katzen, die ich einst hatte, taten den Teufel! Die eine fand zwar klasse, wenn ich telefonierte, und sie drängte sich wiederholt zwischen mein Ohr und den Hörer und plärrte stets dazwischen und in die Sprechmuschel bzw. das Mikrofon des Telefons, aber meine Tageserlebnisse interessierten sie nicht die Bohne. Die andere Katze war da ähnlich. Sie kamen nur angeschissen und schleimten sehr fadenscheinig herum, wenn ich mit Einkaufstüten nach Hause kam, aber das war leicht zu durchschauen… 😉 )

Ich beschloss, James‘ Ladestation zu installieren, denn auch wenn er im Lieferumfang offenbar aufgeladen war, musste doch dafür gesorgt sein, dass er die verlorene Energie wieder ersetzen konnte. Ich eilte mitsamt Ladestation und Netzteil ins Esszimmer, das mir wie geschaffen für die Ladestation schien. Rasch hatte ich die Station installiert und eilte zur Wohnzimmertür zurück, die ich sicherheitshalber geschlossen hatte.

Von drinnen hörte ich bereits ungeduldige Geräusche und öffnete die Tür: James stand direkt dahinter und drehte sich suchend nach links und rechts. „Na, komm schon“, sagte ich und erschrak über mich selber… Und da fuhr James zielstrebig an mir vorbei in den Flur, drehte sich links, drehte sich rechts – offenbar kann er sich auch so schlecht entscheiden wie ich – und beschloss letzten Endes, zunächst einmal den Flur entlangzufahren. Am Ende des Flurs sah ich ihn ins Bad abbiegen. Das Bad schien ihm nicht zu gefallen – es ist nicht ganz so groß, und da hat er nicht so viele Entfaltungsmöglichkeiten. 😉 Schon sah ich ihn wieder herauskommen und voller Entdeckungseifer ins Schlafzimmer fahren. Dort rumorte er ein Weilchen herum, kam aber schließlich wieder heraus und auf mich zu. Vor mir bog er links ab in die Küche, die er ausgiebig studierte, um dann ins Esszimmer zu fahren, das direkt an die Küche angrenzt. Das Esszimmer wurde mit viel Elan erforscht, und dann kam er wieder zurück und raste ins Wohnzimmer. Klar – da kannte er sich bis dato auch am besten aus und fühlte sich wohl am ehesten heimisch. Er ist ja auch noch ganz neu und fremdelte noch ein wenig… 😉

Ich fing ihn ein, als er gerade unter der Couch verschwinden wollte, schaltete ihn ab und montierte zunächst zwei der vier Seitenbürsten, die im Lieferumfang enthalten waren. Dann trug ich ihn ins Esszimmer und ließ ihn dort noch ein wenig fahren. Es sah lustig aus, wie er da mit rotierenden Seitenbürsten herumsauste.

Nun aber wollte ich ausprobieren, wie er wohl auf die Ladestation reagiere. Ich griff zur Bedienungsanleitung und las: „Um RoboVac [so heißt James ganz offiziell] beizubringen, seine Ladestation anzusteuern und dort anzudocken, gibt es zwei Methoden: A) Sie nehmen RoboVac und setzen ihn auf die Ladestation, so dass seine Ladekontaktstifte auf die Ladekontaktstifte der Ladestation ausgerichtet sind. B) Drücken Sie auf der Fernbedienung auf die Taste mit dem Steckersymbol. RoboVac wird automatisch zur Ladestation geschickt und dockt dort selbsttätig an.“

A) kam mir irgendwoher bekannt vor. Woher nur? Ah, ja! Katzen! Denen bringt man bei, ihr Katzenklo zu benutzen, indem man sie freundlich, aber bestimmt hineinsetzt, auf dass sie lernen, dass sie dorthin gehen müssen, wenn sie sich entleeren wollen. Nur dass James sich ja gerade eben nicht entleeren, sondern vielmehr seinen Akku befüllen soll. Das ist aber auch der einzige Unterschied. 😉

Ich stellte mir vor, wie ich den sich sträubenden James auf die Ladestation drücken und er mich bei Nichtgefallen kratzen oder beißen würde…

Nein. Methode B erschien mir attraktiver, und so holte ich die inzwischen mit Batterien bestückte Fernbedienung, setzte James in eine günstige Position und nicht allzu weit von der Ladestation entfernt ab und drückte voller Spannung auf die Taste mit dem Stecker…

Zu meiner Begeisterung – ich ertappte mich dabei, Rufe der Zustimmung abzusondern – rollte James sofort los, und obwohl er eine kleine Kurve fahren musste, fand er sofort seine Ladestation und dockte dort vorschriftsmäßig an. Wahnsinn! 😊

Es überkam mich das Bedürfnis, den folgsamen kleinen Kerl zu streicheln, aber ich konnte mich gerade beherrschen. Stattdessen sagte ich: „Ja, iss erst einmal schön.“ Und schon erschrak ich erneut – war ich noch bei Trost? 😉

Momentan steht James an die Ladestation angedockt und blinkt – „Nahrungsaufnahme“. Und ich überlege, ob ich mir nicht vielleicht doch wieder eine Katze anschaffen sollte. Da wirkt es zwar auch auf manche Leute, die keine Ahnung haben, etwas verschroben, wenn man mit dieser spricht. Hingegen bei einem Saugroboter – ich gebe zu, verständlicherweise – mutet es dann doch etwas grotesk, wenn nicht bizarr an, wenn man freundliche Worte an ihn richtet (dringend abgewöhnen!). 😉

Aber ich schwöre euch: Das geschieht viel leichter, als man erwarten würde, denn er erinnert stark an ein freundliches und eifriges Tier, und er wirkt einfach amüsant. Ich lache nicht mehr über die Worte der Kollegin. Ich bin offenbar noch schlimmer. 😉 Bin gespannt, wie sich James morgen macht, wenn ich erst seinen Reinigungszyklus programmiert habe… 😉

Noch gespannter bin ich jedoch, wie laut mein Entsetzensschrei klingen wird, wenn ich demnächst morgens aufstehe und nicht daran gedacht habe, dass ein Saugroboter im Haus ist, der unerwartet auf mich zugefahren kommt, während ich mit annähernd geschlossenen Augen im Halbschlaf ins Bad latsche… 😉

Wozu einen Ausflug in den Baumarkt machen, …

… wenn es doch im Impfzentrum noch viel muckeliger ist? 😉

Nichts gegen Baumärkte, denn sogar ich als handwerklich weniger begabte Frau bin stets irgendwie angefixt, sobald ich einen solchen Ort betrete. Und wenn ich „handwerklich weniger begabte Frau“ schreibe, meine ich damit nicht, dass ich denke, dass Frauen per naturam handwerklich weniger geschickt seien – ich spreche hier einzig von mir. Vielleicht hätte ich einfach „Mensch“ schreiben sollen. Ich habe es aber gelassen. 😉

Inzwischen habe ich Erfahrung mit zwei Impfzentren. Zweifach meine Eltern ins Impfzentrum ihres sehr großen Kreises gefahren, der erste Termin im März. Der letzte Termin am 10. Mai. Ich empfand das dortige Impfzentrum schon fast als vertraut. Fast war es so, als käme man nach Hause… 😉

Heute fuhr ich in eigener Sache los, in das Impfzentrum meines kreisfreien Wohnortes. Ein bisschen nervös war ich schon, zumal ich gestern frühmorgens eine Push-Nachricht eines von mir höchstselbst dazu gedungenen Presseorgans auf mein Handy gesendet bekommen hatte, die da lautete: „Mann nach BioNTech-Impfung gestorben“. So etwas macht sich immer gut, wenn die eigene Impfung mit eben diesem Impfserum in sehr naher Zukunft liegt…

Es tut mir immer leid um Menschen, die so unerwartet und in Hoffnung auf ein weiteres schönes Leben aus eben diesem gerissen werden, aber gestern früh kam es besonders ungünstig. Dabei bin ich normalerweise in dieser Beziehung kein Angsthase. Aber das hier?

Ich arbeitete heute im Home-Office, aber ich gebe zu, ich war vielleicht nicht ganz so unbeschwert wie sonst. Der Termin um 15:45 h befand sich in meinem Hinterkopf, und auch wenn ich von klein auf mit Impfungen vertraut bin und weiß, dass da schlimmstenfalls immer Komplikationen eintreten können und man im wirklich allerschlimmsten Falle dabei draufgehen kann, war ich heute doch etwas nervöser als sonst. Um kurz nach 3 fuhr ich los. Mitten im schlimmsten Starkregen – zuvor hatte durchgängig die Sonne geschienen, und am schönsten hatte sie gestrahlt, als der Nachbar, der als Einziger einen Laubbläser besitzt, der bereits Einsatz findet, wenn zwei Blätter im Garagenhof liegen – und wir leben nicht in einem Anwesen, das in seiner Ausdehnung mit Buckingham Palace vergleichbar wäre -, das Gerät des Grauens in Betrieb nahm und fast eine halbe Stunde laubblies. Der Garagenhof ist eher überschaubar. Und dennoch muss der Nachbar regelmäßig hier diesen grässlich penetranten und – meines Erachtens – überflüssigen Laubbläser zum Einsatz bringen, auf dass sich dieser amortisiere.

Da mich dieses penetrante und so oft auftretende Geräusch wirklich nervt, dachte ich spontan: „Kann es nicht einfach regnen? So ein richtiger Wolkenbruch wäre total klasse!“

Ich hatte gut gewünscht. Der Wolkenbruch kam. Just in dem Moment, als ich das Haus verlassen musste. Vielleicht sollte ich meine Wünsche künftig präziser formulieren, damit sie mir nicht zum Nachteil gereichen. 😉

Was mir das Impfzentrum hier in dieser Stadt gleich zu Beginn sympathisch machte, war die Tatsache, dass man hier kein Parkticket benötigt, um davor parken zu dürfen, was man muss, wenn man sich impfen lassen will und unter Umständen nicht ganz so gut zu Fuß ist. Ganz anders im Impfzentrum des Kreises RE. Allerdings tobte hier der Bär, und ich war froh, als ich irgendwann einen Parkplatz gefunden hatte. Und schon schlappte ich Richtung Eingang der Emscher-Lippe-Halle, wobei ich mir eine FFP-2-Maske überstülpte.

Am Eingang wurde ich gefragt, ob ich einen QR-Code hätte. Ich sagte ja und kam daher zumindest etwas schneller dran als die QR-Code-losen Mitstreiter. Man prüfte meine Unterlagen – ausgefüllten Anamnesebogen, Impfpass et al. – und schickte mich weiter zur nächsten Station, wo ich nach erneuter Prüfung ebenfalls weitergeschickt wurde: „Folgen Sie der gelben Linie auf dem Boden!“ Ich dachte: „Follow the yellow brick road“ und marschierte weiter bis zum Ende der Schlange Wartender, die offenbar ihrer Einweisung durch das eifrig herumlaufende Personal harrten. Eine der Einweiserinnen schloss ich gleich in mein Herz, die die Leute hinter mir anpampte, sie sollten Abstand halten, denn den Atem einer dieser Personen spürte ich schon fast im Nacken. Über ein Jahr Corona, und immer noch nichts begriffen… 😉 Ich hatte auch schon etwas gesagt, aber ich hatte ja keine „Uniform“ an, und so erhielt ich nur zur Antwort: „Bisschen empfindlich, was!“ Kaum sagte die Dame in Warnweste etwas, hielten sie den Abstand ein. (Vielleicht bringe ich zur Zweitimpfung meine eigene Dienst-Evakuierung-Warnweste einfach mit… 😉 )

Vor uns warteten auf paarweise und mit Abstand zu Vorder- und Hinterreihe aufgestellten Stühlen bereits Leute, die dann – zunächst systemlos scheinend – von einer sehr energischen Dame aufgerufen und den Impfkabinen zugeordnet wurden. Die Dame wirkte so, wie ich mir immer einen Feldwebel vorgestellt habe, und ich würde mich niemals mit ihr anlegen wollen. Aber sie machte ihre Sache total gut und hatte alles im Blick und vor allem im Griff. 😉 Und ich wunderte mich auch nicht über ihr Verhalten – wer je ein Gesundheitszeugnis für die Gastronomie im früheren Aachener Gesundheitsamt beantragt hat und dort zur Untersuchung musste, wundert sich über gar nichts mehr. Kasernenhofton, aber wirksam.

Zehn Minuten saß ich ganz vorne in Reihe 2 und hatte inzwischen nicht nur das Aufrufsystem verstanden – Hut ab vor der Einweiserin, die mit vielen Reihen zu tun hatte -, sondern auch -zig Leute in meinem Bereich in die Impfkabinen hinein- und hinausgehen gesehen (ein Mann wurde getragen – war wohl umgekippt, wirkte später aber wieder fit). Da rief mich Frau Feldwebel auf und sagte: „Sehr gut! Sie haben Ihre Jacke schon ausgezogen! Die Ärzte wollen, dass die Leute ihre Jacken schon ausziehen, bevor sie in die Kabinen gehen!“ Ich grinste und sagte: „Klar – soll ja auch schnell gehen. Ohne das würde es hier wohl nicht so schnell gehen.“ – „Aha! Sie haben das Prinzip durchschaut! Sehr gut!“ Dass sie nicht noch: „Wegtreten!“ rief, wunderte mich, aber ich stellte mich brav vor dem Gang zur Kabine auf, auf der Impfung 1 stand. Meine Jacke hatte ich ausgezogen, weil ich immer froh bin, wenn es schneller geht und nicht noch lange herumgewurschtelt werden muss. Außerdem war es in der Halle ziemlich warm…

Und schon ging bei Impfung 1 der Vorhang auf, die Frau, die vor mir drangewesen war, kam heraus, und man winkte mich freundlich in die Kabine. Anders als in RE sitzen hier zwei Personen in jeder Impfkabine, und dafür gibt es hier keine Kabinen für die Beratungsgespräche – das geschieht hier alles in einem Aufwasch. Eine sehr nette junge Dame stellte mir Fragen zum Anamnesebogen, ließ mich Fragen stellen, die sie beantwortete. Dann fragte mich der Impfarzt freundlich: „Sind Sie Links- oder Rechtshänderin?“ Eigentlich wollte ich, Rechtshänderin, sagen: „Nehmen Sie den linken Arm!“, sagte aber spontan ganz begeistert: „Ich bin Linkshänderin!“ Und es fiel mir erst auf, als der Impfarzt aufstand und sich an meine rechte Seite begab… Wie peinlich! Ich entschuldigte mich und erklärte, aber er lachte und meinte: „Das ist heute nicht das erste Mal. Ich glaube, alle Leute wollen sagen, dass ich den linken Arm nehmen solle und sagen dann automatisch, sie seien Linkshänder. Gar nicht schlimm. Ich finde eher amüsant, wie das Gehirn offenbar arbeitet, wenn Leute aufgeregt sind.“ (Ja, das finde ich auch! Ich könnte viele Geschichten darüber erzählen… 😉 ) Und er setzte sich wieder zu meiner Linken hin, schob meinen Ärmel hoch, desinfizierte eine Stelle an meinem Oberarm und fing an, mir etwas zu erzählen, was mich wohl ablenken sollte. Ich lachte und meinte: „Das ist sehr nett, aber Sie brauchen mich gar nicht abzulenken – ich habe keine Angst vor Spritzen.“ – „Na, umso besser.“ Und schon verabreichte er mir die Impfung – BioNTech -, und ich schwöre, ich habe den Einstich kaum gespürt. Hätte ich die Kanüle nicht in meinem Arm stecken gesehen, wäre ich mir nicht einmal sicher, ob ich wirklich geimpft wurde. Ich bedankte mich, und der Arzt meinte: „Sie dürfen gern öfter vorbeikommen. Es ist nett, wenn hier jemand hereinkommt und lacht. Die meisten Leute sind ernst, manche vorwurfsvoll, und ganz viele haben Angst. Aber Sie kamen herein und waren fröhlich. Das ist auch für uns Kollegen hier schön.“ – „Ja, und ich hoffe, Sie impfen mich beim zweiten Mal auch. Wo impfen Sie sonst? Ich würde nämlich sofort zu Ihnen kommen, wenn Sie auch gegen Tetanus oder andere Sachen impfen.“

Dann wartete ich die 15 vorgeschriebenen Minuten auf der Tribüne der Emscher-Lippe-Halle, aber mir ging es gut. Recht schnell war auch die Abmeldung erledigt, und im Juni muss ich wieder hin.

Dann noch schnell einkaufen, und zurück ging es erneut durch Starkregen, diesmal sogar mit Hagel. Das Szenario passte irgendwie. Und nun sitze ich hier, und mein Arm fängt zu schmerzen an. Ansonsten geht es mir aber gut. Wollen wir hoffen, dass es so bleibt. 😉

Warum ich überhaupt dran war? Nein, ich habe mich nicht vorgedrängelt – und hätte das auch niemals getan -, obwohl heute eine der Prüferinnen darauf tippte, ich könne ja nur ein „medizinischer Impfling“ sein, ergo aus medizinischen Gründen priorisiert, „denn am Alter kann es ja wohl beileibe nicht liegen – Sie sind doch viel zu jung!“ Ich nahm es als Kompliment und lächelte. Aber seit Ende April gehört auch meine Berufsgruppe in die Prio-Liste 3. Ich finde zwar nicht nachvollziehbar, warum nicht noch einige andere Berufsgruppen mit Publikumsverkehr auf dieser Liste stehen, aber ich war trotzdem sehr dankbar, dass ich geimpft werden durfte – aber das kann jeder so sehen, wie er mag. 😊

Abstieg, einmal mehr

Ich erlebe derzeit den vierten Abstieg des FC Schalke 04 seit seinem Bestehen mit. Ich habe – ich muss es leider gestehen – alle vier Abstiege miterlebt. Keiner war vor meiner Zeit. An mir lag es aber nie, dass Gelsenkirchen Trauer trug – und andere Orte auch, denn Schalke-Fans leben nicht nur in Gelsenkirchen.

Ich bin kein Schalke-Fan. Zumindest nicht so, wie man einen Fan definieren würde. Obwohl ich Fußball sehr mag. Kein Schalke-Fan, obwohl ich hier lebe. Vielleicht aber auch gerade deswegen – mir geht diese hiesige Art Ersatzreligion bisweilen ganz empfindlich auf die Nerven. Speziell dann, wenn ich mal wieder mit der Kirche ums Dorf fahren muss, wenn auf Schalke gespielt werden wird oder wurde und -zig Straßen entweder verstopft oder von der Polizei gesperrt sind. Das nervt!

Und dennoch geht es mir irgendwie nahe, dass nun der vierte Abstieg seit Bestehen dieses Vereins eingetreten ist. Denn irgendwie verbindet mich mit Schalke doch so einiges.

Gelsenkirchen trägt Trauer – keine Frage. Ich habe es erst heute mitbekommen, und mir tut es wirklich leid für die echten Fans. Nicht für die, die Spieler verfolgen und physisch angreifen – das sind keine Fans. Fanatisch vielleicht, aber keine echten Fans, wie ich sie von früher kenne.

Denn im Grunde besteht zwischen mir und Schalke eine sehr lange Verbundenheit. Kein „Fandom“. Verbundenheit und etwas Vertrautes.

Wie kommt das? Ganz einfach… Ich hatte als Kleinkind, wohnhaft in einer großen, komfortablen Wohnung in Gelsenkirchen und vor dem Umzug ins eigene Haus diverse Kilometer entfernt, das ich damals hasste, weil ich aus der Gelsenkirchener Wohnung nicht wegwollte, die mein ganzes vierjähriges Leben umfasste, bis zum dritten Lebensjahr große Angst vor dem Vollmond. Denn der verbreitete stets ein sehr fahles Licht, das Gegenstände im Raum, die bei Sonnenlicht völlig normal ausgesehen hätten, stets sehr unheimlich aussehen ließ. Nicht nur das: Sie sahen völlig verfremdet aus, und als kleines Kind kam ich in Vollmondnächten kaum in den Schlaf. Meine Eltern meist auch nicht, da keiner von ihnen übers Herz brachte, mich weinen zu lassen. Und wahrscheinlich wollten sie doch selber schlafen. 😊

Sie gaben alles. Mein Vater – er ist eher naturwissenschaftlich geprägt – erklärte mir, der Mond sei doch nur ein Trabant, und er erklärte mir nachhaltig alles zum Thema, vor allem auch, warum das Licht des Mondes so anders sei als das Licht der Sonne. Leuchtete mir zwar alles ein, aber unheimlich war es immer noch. Ergo: weiteres Geheul, sobald Vollmond war. 😉

Dann schritt meine Mutter ein, die zu meines Vaters naturwissenschaftlicher Erläuterung sagte: „Tolle Erklärung für eine Dreijährige! Da muss man mit mehr Gefühl ran – sie ist doch noch so klein!“ Meine Mutter unterschätzte mich, denn die Erläuterungen meines Vaters leuchteten mir durchaus ein. Nur: Meine Furcht nahmen sie mir nicht, wenn das Mondlicht akut ins Zimmer schien.

Aber nun nahm sich meine Mutter des Problems an. Ich erinnere mich, dass sie mich eines Vollmondabends aus dem Bett und auf den Arm nahm, zum Fenster trug, auf die Fensterbank stellte und festhielt, wobei sie sagte: „Sieh doch mal, Ali – das ist doch nur der gute, alte Mond. Der tut dir nichts.“ Ich sah hin und sah – Kinder haben sehr viel Phantasie – ein erzürntes, hellleuchtendes Gesicht, rund wie ein Pfannkuchen, mitten am Himmel! Mission gescheitert. 😉

Eigentlich fand ich die bisherigen Aktionen meiner Eltern sehr nett. Doch irgendwie dachte ich immer: „Aber gleich sind sie weg, und dann bin ich allein mit dem Mond!“ 😉 Das Wissen, dass alles ganz harmlos sei, reichte mir offenbar nicht…

Meine Mutter bemühte sich sehr, sang mir Lieder vor, in denen der Mond thematisiert wurde, aber mal ganz ehrlich: Weder Der Mond ist aufgegangen, noch Guter Mond, du gehst so stille wirken beruhigend auf Kinder, die sich ohnehin schon vor dem Mond fürchten. 😉 Ich jedenfalls mag seitdem Lyrik nicht mehr so sehr, die aus der Epoche der Empfindsamkeit oder Romantik stammt oder irgendwelche Ähnlichkeiten damit hat… 😉 Sobald ich Matthias Claudius‘ Abendlied höre oder lese, überfällt mich leise Melancholie, vor allem in der letzten Strophe, in der es um den kranken Nachbarn geht. Viele von euch kennen wahrscheinlich nur die erste Strophe dieses Gedichts, das ihr als Der Mond ist aufgegangen kennengelernt habt, aber es gibt noch weitere Strophen. Und noch schlimmer wird es, lese oder höre ich Guter Mond, du gehst so stille! Lest euch mal die Texte durch! Dabei hat meine Mutter mir von Claudius‘ Abendlied gar nicht alle Strophen vorgesungen – die, die sie sang, reichten schon… 😉

Wie auch immer – auch das fruchtete nicht. Bis meine Mutter eines Vollmondabends eine brillante Idee hatte. Wahrscheinlich war es eher ein verzweifelter und letzter Versuch, als ich mich erneut angstvoll an der Daunen-Steppdecke mit Überschlaglaken – gibt es so etwas überhaupt noch? – festkrallte. 😉 Da sagte sie: „Aber Ali – das sind doch nur die Jungs von Schalke, die noch trainieren! Das ist nicht der Mond! Das ist das Flutlicht im Stadion!“ Atemloses Schweigen war die Folge.

Dann fragte ich: „Echt?“ – „Ja, das sind die Jungs von Schalke! Guck mal, die sind noch wach und trainieren noch – das ist nur das Flutlicht!“ Sie sagte es derart überzeugend, dass ich beruhigt aufs Kopfkissen zurücksank. Und seither gab es keine Probleme mehr, denn alle vier Wochen, wenn der Vollmond hoch am Himmel stand, trainierten für mich abends die Schalker. 😉 Ich habe erst später festgestellt, dass unser Kinderzimmerfenster in die völlig falsche Richtung deutete. Von dort hätte man das Stadion gar nicht sehen können. 😉 Und trotzdem hat Schalke mir als Kleinkind geholfen, ruhig einzuschlafen. So bin ich in gewisser Weise doch ein Fan. 🙂

Lasst euch nich‘ unterkriegen, Knappen – dat wiiaad widda! 😊

„Dreimal hin, fünfmal her – rundherum, das ist nicht schwer!“

Da wir noch immer alle – ich muss es ja nicht explizit erläutern – mittenmang in der Corona-Krise stecken, uns aber doch diesbezüglich weiterentwickeln, was medizinisch begründete Handlungen an uns selber und das dazugehörige Fachvokabular anbelangt, gibt es inzwischen COVID-19-Antigen-Schnelltests von meinem Arbeitgeber für die Mitarbeiter.

Als die entsprechende Rundmail mit dieser Nachricht eintraf, war ich begeistert: Das fand ich richtig gut! Und finde das auch heute noch. 😊 Dennoch stand ich heute früh mit etwas Fracksausen auf, denn heute stand der erste Selbsttest an, nachdem am vergangenen Donnerstag die allererste „Ladung“ an die Kollegen verteilt worden war, die Interesse bekundet hatten – und das waren wohl die meisten.

Nun bin ich immer sehr erstaunt, wenn Leute sagen: „Ich könnte niemals Kontaktlinsen tragen! Allein die Vorstellung, mir ins Auge zu fassen!“ Und es erklingen Ausrufe des Entsetzens. 😊

Komischerweise hatte ich damit noch nie Probleme – geht doch ganz einfach! Man sollte natürlich stets mit gewaschenen Händen zur Tat schreiten und nicht spontan und ohne Handwäsche, wenn man gerade im Garten in der Erde gewühlt hat. Oder eine Windel gewechselt – aber das stand bei mir im Hinblick auf aktiven Windelwechsel mit mir als ausführender Person ja ohnehin nie an. 😉 Und man greift sich ja im Normalfalle auch nie direkt ins Auge, sondern verfügt die Silikonsehhilfe nur darauf oder holt sie heraus, indem man sie mit den Fingern vorsichtig von den Seiten zur Mitte zusammenschiebt. Zumindest dann, wenn man weiche Kontaktlinsen trägt. Bei harten funktioniert das etwas anders. Damit kenne ich mich auch aus, aber weiche Kontaktlinsen mag ich doch mehr. (Okay, ich habe auch kein Problem damit, mir auf das quasi nackte Auge zu greifen, wenn ich eine kleine Fliege, die sich verflogen hat und auf meinem Auge gelandet ist oder eine Fluse oder Wimper herauszuholen trachte. Da bin ich tough. 😉 )

Doch wehe, es geht um meine Nase! Zumindest um deren Innenseiten. Da bin ich von klein auf stets  sehr, sehr empfindlich gewesen. Und daher freute ich mich nicht auf meinen allerersten Selbsttest am heutigen frühen Morgen…

Zwei unangenehme Dinge trafen zusammen: Es war Montagmorgen. Und dann musste ich mir auch noch in der Nase herumfuhrwerken! Grauenhaft.

Somit stand ich noch weniger begeistert als sonst auf…

Ich hatte mir am gestrigen Abend schon alles griffbereit hingelegt, hatte sogar noch die Bedienungsanleitung des Test-Kits verinnerlicht, diese jedoch auch griffbereit im Bad liegen – ich bin morgens meist noch nicht recht zurechnungsfähig, und da liest man doch lieber noch zweimal, mindestens, nach. 😉

Doch zunächst wickelte ich meinen rechten Fuß in einen extragroßen Gefrierbeutel, den ich mit einem Gummiband fixierte und abdichtete, das ich um meinen Knöchel schlang, und betrat die Dusche. Warum dieses Vorspiel? Nun, ich habe seit Beginn des Jahres mit einer echten Pechsträhne zu ringen: jeden Monat etwas anderes. Januar: denkwürdige Implantatbehandlung und Krankschreibung. Februar: „Wegeunfall“ und rechts wie links angeschlagene Patella – tut jetzt noch weh. März: Wurzelkanalentzündung und -füllung. In direkter Folge der Wurzelfüllung ein entzündeter Unterkiefer. Klingt wie geplant, nicht wahr? War es aber nicht.

Tja, und am Ostermontag – April – habe ich mir den rechten kleinen Zeh gebrochen. Da war ich zu Besuch bei meinen Eltern und in Eile, ins Bad zu kommen. Da ich grundsätzlich keine Hausschuhe trage und „Eile“ – laut meinem früheren Klassenlehrer in der gymnasialen Unterstufe – „der Wind“ sei, „der das Baugerüst umwirft“, krachte ich mit dem rechten kleinen Zeh gegen einen Türrahmen, und der kleine Zeh blieb quasi daran hängen bzw. verfing sich darin. Oder daran. Ich habe es zum Glück nicht knacken hören, war mir aber hundertprozentig sicher, dass der Zeh durch sei. (Wenn ich mir den Vorgang plastisch vor Augen führe, wird mir ganz schlecht – und mir wird selten schlecht. 😉 ) Die Schmerzen, die ich zu spüren bekam, sprachen auch dafür. Und meine Mutter sagte: „Siehste – das kommt davon, dass du nie Hausschuhe trägst!“ Danke für den Hinweis. Sicherlich hatte sie recht, aber so etwas möchte man in einem derartigen Moment, da man Vater und Mutter nicht einmal meistbietend verkaufen würde, weil einem wirklich alles egal ist, gar nicht so sehr hören. 😉 (By the way: Niemals würde ich meine Eltern hergeben – der Spruch meiner Mutter war dennoch recht gewagt. Zumindest in diesem Moment. 😉 )

Der Gefrierbeutel um den farbenfrohen rechten Fuß ist einfach immer dann notwendig, wenn ich dusche, denn seit letzter Woche Mittwoch sind kleiner und Nachbarzeh mittels eines Tapeverbands miteinander verbunden – und damit geht Duschen ohne „Duschhaube“ einfach nicht. (Als ich einem Kollegen meine Befürchtung kundtat, es könne nun den Rest des Jahres so weitergehen, sagte er: „Unsinn, Ali! Erst Zähne, dann Knie, dann Kiefer, dann Fuß – du hast von Kopf bis Fuß alles durch, und jetzt ist Schluss!“ Danke, Uwe, für deine sehr positive Einschätzung, auf die ich mich fortan konzentriere. 😊 )

Als ich aus der Dusche kam, versuchte ich quasi alles, den Test vor mir herzuschieben. 😉 Ich bürstete meine Haare, massierte besonders liebevoll Schaumfestiger hinein, tat dies, tat das.

Aber der Test blieb mir ja nicht erspart, und so ergriff ich irgendwann, als es gar keine Ausrede mehr gab, mit Todesverachtung das Test-Kit, nachdem ich mir die Hände gewaschen hatte. Da gab es ein Plastikröhrchen, eine Blisterverpackung mit abdrehbarem Verschluss, die die Pufferlösung enthielt, einen Tropfaufsatz für das Plastikröhrchen sowie ein Probenentnahmestäbchen, das ganz harmlos aussieht. Im Prinzip unterschied sich das Gebinde nur geringfügig von dem, mit dem ich stets meine Augenbrauen färbe. Zumindest war ich nicht ganz ahnungslos, was das Mischen verschiedener flüssiger Substanzen anbelangt. 😉 Doch was stand in der Bedienungsanleitung? „Schnäuzen Sie sich ein paarmal vor der Probenentnahme!“ Dies tat ich pflichtschuldig.

Mit noch mehr Todesverachtung als zuvor drehte ich den Drehverschluss des Pufferlösung-Behälters ab („Nach ‚doll‘ kommt ‚ab‘!“) – Vorsicht: Nicht in Kontakt mit Augen, Kindern und Haustieren bringen! Und nicht trinken! -, ergriff das Reagenzglas bzw. das nicht sicher standfähige Reagenz-Plastikröhrchen, das ich lieber in der Hand hielt, nachdem ich die mangelnde Standfestigkeit ohne Inhalt getestet hatte, und träufelte die Pufferlösung hinein, natürlich ohne Luftblasen, denn die dürfen nicht sein. 😉

Hernach betrachtete ich mein – bisheriges – Werk kritisch und schließlich voller Stolz: Nicht eine einzige Luftblase befand sich darin! 😉

Dann kam das Grauen: Mit dem Reagenzröhrchen in der Linken, das ich mangels Standfähigkeit nicht abstellen konnte, öffnete ich vorsichtig die Verpackung des Probenentnahmestäbchens, das ich mit besonderem Misstrauen betrachtete. Dieses sei 2,5 Zentimeter tief zunächst in das eine, dann in das andere Nasenloch einzuführen. Und nicht nur das! Nein, man musste es auch noch drei- bis viermal in jedem Nasenloch drehen! 😉 Dies, so die Bedienungsanleitung, diene dazu, Schleim und sonstige Substanzen aufzunehmen. Ich bin ja literaturwissenschaftlich eine große Freundin des Naturalismus, und so kam mir die Beschreibung doch sehr entgegen. 😉

Schon beim ersten Nasenloch führte die beschriebene Tätigkeit dazu, dass Sturzbäche von Tränen aus meinem rechten Auge rannen! Aber ich war streng, drehte das Stäbchen drei- bis viermal und blieb bei den zweieinhalb Zentimetern, bis mein rechtes Auge sich schon rötete. Das Gleiche dann beim linken Nasenloch/Auge.

Dennoch überfielen mich Zweifel: War das tief genug gewesen? Ich warf lieber noch einen Blick auf die Bedienungsanleitung, während ich mit der anderen Hand das niesreizerzeugende Entnahmestäbchen gekonnt drei- bis viermal im linken Nasenloch rotieren ließ. Dort stand: „Wenn Sie Schmerzen oder das Gefühl verspüren, dass das Stäbchen nicht weiter vordringe, unterlassen Sie weiteres Vordringen!“ Oder so ähnlich.

Ich fing schallend zu lachen an. Welcher Idiot würde freiwillig wider alle – höchst eigenen – Schmerzen weiter vordringen wollen – das macht doch niemand freiwillig! Oder? Mir erschien dieser Hinweis überflüssig, aber es kann ja sein, dass ich mich irre und es tatsächlich Menschen gibt, die doch derart ehrgeizig – oder masochistisch – sind, dieses ohnehin schon unangenehme Reaktionen hervorrufende Probenentnahmestäbchen noch weiter in die Nase zu rammen. 😉

Nach dieser Selbstkasteiung verfuhr ich mit dem mit nasalen Endprodukten getränkten Teststäbchen niesend exakt so, wie die Bedienungsanleitung vorsieht. Achtet stets darauf, dass ihr es in dieser Position drei- bis fünfmal dreht bzw. rotieren lasst! 😉 Achtet auf die Bedienungsanleitung! Nach drei- bis fünfmaligem Rotieren im Reagenzröhrchen den Folterstab eine Minute im Röhrchen belassen. Danach entfernt ihr den magischen Probenstab, indem ihr ihn noch einmal ausdrückt, und dann stülpt ihr den Tropfaufsatz auf das Reagenzröhrchen. Anschließend packt ihr die sogenannte Testkassette aus – und wirklich erst dann, da diese sofort zum Einsatz kommen muss und nicht erst blank und bloß dastehen darf. 😉

Mittels der von euch selbst hergestellten Testflüssigkeit im Tropfbehälter träufelt ihr exakt drei Tropfen davon auf die runde Öffnung „S“ in der Testkassette. Dann wartet ihr exakt eine Viertelstunde. Im Grunde wie bei einem altmodischen Schwangerschaftstest. 😉 Mein Tipp: Bleibt nicht daneben stehen – das könnte im Zweifel an die Nerven gehen. 😉

Ich finde diese Selbsttests en tout sehr hilfreich. Dennoch dachte ich heute früh – an wen auch immer gerichtet, da ich an keine höhere Macht glaube: „Wen auch immer es betrifft: Bitte lass diesen Test negativ sein!“ Denn ich wollte nicht zu Ende denken, was geschehen würde, wäre er positiv: Da hätte ich gleich zum Hausarzt gemusst, der einen PCR-Test vorgenommen hätte, und mir reichte schon dieser Test, was aber daran gelegen haben mag, dass ich besonders gründlich gewesen war und meine Nase inwendig wirklich besonders empfindlich ist.

Mein Glück: Er war negativ. Aber ich freue mich jetzt schon auf übermorgen, wenn die nächste Büroschicht ansteht. 😉 Vielleicht gewöhnt man sich ja daran. Ich hoffe es zumindest.

Kontaktlinsen einzusetzen oder herauszuholen ist für mich unvergleichlich viel angenehmer. Aber die Empfindungen sind da ganz unterschiedlich. Ich versuche jedenfalls, mich schon einmal gedanklich an ein völlig neues Morgenritual zu gewöhnen. 😊

Bleibt gesund! 😊

P.S.: Inzwischen habe ich auch die „Haltevorrichtung“ für das Plastik-Reagenzröhrchen entdeckt: Auf der Schachtel des zweiten Tests befindet sich hinten ein kleiner Kreis, der sich „Tube Stand“ nennt. Man muss nur – bevor man zur extrem angenehmen Tat schreitet – entlang der Kreislinie ein Loch in die Schachtel schneiden. Richtig gut durchdacht und funktional wie komfortabel, und das speziell dann, wenn spontan ein Messer oder eine Schere zur Hand ist. 😉 Man muss es halt nur wissen. Ich wusste es heute früh noch nicht. Aber am Mittwoch! Ich freue mich schon richtig! Hoffentlich denke ich vor Installation der Halterung durch Schneiden daran, das Innenleben der Schachtel herauszunehmen. Ich meine – ich mache den Test ja frühmorgens… 😉

„Ah! vous dirai-je, maman!“

Die Coronasituation lässt die merkwürdigsten Phänomene zu Tage treten. Nicht nur, dass man feststellt, dass sehr viele Menschen Dinge nicht wissen, von denen man selber annahm, sie seien selbstverständlich und -erklärend und gar nicht so schwer zu begreifen, nein, auch andere Dinge tauchen auf, die man nun schmerzlich vermisst, obwohl so lange Zeit nicht damit konfrontiert gewesen.

Mir fehlt mein Klavier. Ja, das ist kaum zu glauben, und ich hoffe, mein Vater liest das hier nicht. Denn er hat mir von meinem siebten Lebensjahr bis zu dem Zeitpunkt, da ich mich durchsetzte – gute neun, fast zehn Jahre später – stets gepredigt, ich würde noch einmal dafür dankbar sein, Klavier spielen zu können. Mit sieben Jahren fing ich mit Unterricht an – nicht freiwillig. Mit 16, 17 hörte ich damit auf, und das mehr als freiwillig und extrem motiviert. 😉 Dabei hatte ich „sehr viel Talent und Gespür für Musik“ – so mein Klavierlehrer, der mit mir öfter zu ringen hatte, da, so seine Aussage meiner ebenfalls dort klavierspielenden Schwester gegenüber, „Ali ja ein sehr eigenwilliger und direkter Mensch ist, der immer sagt, was er denkt – und sehr sarkastisch; ist sie immer so?“.

Stephie meinte nur immer zu mir: „Kannst du dich nicht einmal normal benehmen?“ – „Wieso? Ich benehme mich normal. Herr Schulmann ist total stur! Momentan soll ich Haydn bis zum Erbrechen spielen – das ist doch todeslangweilig! Und dann erzählt er mir, Haydn sei total wichtig für alles Mögliche! Da habe ich halt gesagt, dass Haydn offenbar total wichtig dafür sei, auch noch den letzten Rest Motivation auszutreiben, wenn man ohnehin lieber ein anderes Instrument als Klavier spielen würde. Was ist denn daran, bitte, falsch oder unnormal? Ich sage nur, was ich empfinde. Ich habe ihm ja sogar vorgeschlagen, dass ich sicherlich weniger kritisch wäre, dürfte ich ein paar andere Komponisten spielen! Ich war absolut entgegenkommend, vor allem, wenn man bedenkt, dass ich nie Klavier lernen wollte.“ Stephie war daraufhin stumm. Dann sagte sie: „Ganz schön dreist.“ – „Ja, dann spiel du doch weiter, was er dir vorgibt, ohne selber Wünsche zu äußern.“

Fortan spielte ich zwar Werke anderer Komponisten, aber nun war ein eindeutiger Mozart-Überhang zu beklagen. Nichts gegen Mozart, aber das ist nun auch nicht mein Lieblingskomponist. Einige Werke von ihm mag ich wirklich gern, aber das Gros empfinde ich als arg „überdekoriert“, verschnörkelt und annähernd kitschig. Erneute Einwände brachten mich zu Schumann, Mendelssohn-Bartholdy, Schubert, Beethoven inklusive Mondscheinsonate, und endlich, endlich durfte ich dann irgendwann Chopin spielen. Ich fühlte mich quasi erwachsen, wenn auch Chopin bisweilen dazu führte, dass meine Stimmung nicht die beste war, da die Stücke, die ich spielte, manchmal arg melancholisch, gar traurig waren, und das zieht einen dann selber herunter. 😉 Und für Chopins Revolutionsetüde, die mir wesensmäßig durchaus näherstand, war ich noch nicht ganz geübt genug, um es mal so auszudrücken. Mir fehlten mindestens vier weitere Hände, perfekt gymnastiziert. 😉

Die Gymnastizierung der Hände ist das A und O beim Klavierspielen, neben anderen Faktoren wie Musikalität und einem gewissen Taktgefühl. Und so tut man immer gut daran, die Gymnastizierung beider Hände wieder und wieder zu trainieren und voranzutreiben.

Als ich eines Tages zur Klavierstunde kam, legte Herr Schulmann mir die Noten zu einem Stück vor, das als Übung hervorragend geeignet sei. Ich las: „Zwölf Variationen über das Lied: ‚Ah! vous dirai-je, maman!‘“ Von Mozart. Ich sah Herrn Schulmann an und zog eine Augenbraue hoch: „Mozart? Och nee! Ich war froh, ihn hinter mir zu lassen.“ – „Das ist eine hervorragende Übung für die Finger.“ – „Naja, gut.“

Und ich begann zu spielen. Nach den ersten sieben Takten brach ich ab, sah meinen Klavierlehrer an und sagte: „Das ist nicht Ihr Ernst, obwohl Sie ja Ernst heißen. Das ist Morgen kommt der Weihnachtsmann für Anfänger! Und Weihnachten ist noch Wochen entfernt! Ich gebe ja zu, dass ich es manchmal an Eifer missen lasse – aber das hier ist ja wohl mehr als eine Strafe! Was habe ich Ihnen getan?“

Herr Schulmann grinste und meinte: „Das ist nur das Hauptthema. Spiel erst einmal weiter…“ Und ich spielte weiter. Variation 1 war noch vergleichsweise harmlos, wenn auch ziemlich reich an Läufen – zum Glück rechtshändig. Variation 2 wartete dann mit linkshändigen Herausforderungen und rechtshändig mit diversen Verzierungen und Trillern auf. Und von Variation zu Variation wurde es immer grausamer. Und die ganze Zeit überlegte ich, was ich Herrn Schulmann nur angetan hätte, dass ich das verdient hätte. Offenbar hatte ich ihn geärgert. 😉 Variation 4 war zum Glück wieder harmlos, sodass ich Gelegenheit hatte, ausgiebig nachzudenken, bevor Variation 5 einsetzte…

Ich habe dieses Stück mehrere Wochen neben anderen Stücken und so lange üben müssen, bis meine Hände auch im Schlaf jede einzelne Variation im richtigen Tempo und fehlerlos wiedergeben konnten. Bis heute weiß ich nicht, was ich meinem Klavierlehrer angetan hatte, dass ich das verdient hatte. 😉 Aber meine Finger waren derart gymnastiziert, dass es mir selber unheimlich war. Und ich musste hinterher selber zugeben, dass dieses im ersten Ansatz albern wirkende Stück perfekt als Fingerübung war. Es ist auch gar nicht wirklich albern, nur würde ich es bei einem Vorspielabend nicht empfehlen, da das Hauptmotiv halt irgendwann trotz Variationen, Tempiwechseln, Trillern und sonstigen Verzierungen doch irgendwie penetrant ist und man sich irgendwann fragt, wann dieser blöde Weihnachtsmann nun endlich komme. Ich selber konnte es in der Zeit, da ich mich damit und sich bisweilen verselbstständigenden Fingern herumschlagen musste, auch kaum erwarten. 😉

Und heute dachte ich daran, dass mir das Klavier fehle. Nach Jahren ohne Klavierspiel meinerseits. Und als erstes dachte ich an: „Ah! vous dirai-je, maman!“ Ist das nicht verrückt? 😉

Aber in der Tat wäre das Stück gar nicht so verkehrt nach jahrelanger Klavierabstinenz und mit eingerosteten Fingern.
Her mit einem Klavier! Die Noten habe ich noch… 😉

Viel zuviel „Hantier“!

Heute war Büroschicht, aber ich habe mich heute erheblich kürzer im Büro aufgehalten als sonst, wenn „Büroschicht“ angesagt ist.

Denn um 11:30 h war mein Termin beim Orthopäden, den ich kurzfristig vereinbart hatte, nachdem ich letzte Woche Donnerstag einen Unfall auf dem Heimweg vom Arbeitgeber bis zur trauten Heimstatt erlitten hatte. (Dass mir nicht sofort klargeworden war, dass es sich um einen sogenannten „Wegeunfall“ handelte, ist nur dem geschuldet, was mit dem Unfall einherging – weiter unten… 😉 )

Da letzte Woche Donnerstag die Verhältnisse auf der Straße vor meinem Wohnhaus aufgrund von Schnee und Eis noch immer gruselig waren, ich Augenzeugin eines Unfalls vorne auf der Straße und eines Unfalls hinten im Garagenhof wurde – letzterer trotz Vorsicht und Winterreifen -, beschloss ich, mein Auto lieber im Garagenhof Auto sein zu lassen, zumal inzwischen wieder Busse bis zur Stadtmitte fuhren. Und es klappte auch alles gut.

Als ich abends von meiner Arbeitsstätte bis zur zentralen Bushaltestelle ging, war zunächst auch alles gut. Bis ich die Hauptstraße zu überqueren trachtete…

Ich war fast auf der anderen Seite angekommen, war vorsichtig auf die mit eklig grauem Schneematsch bedeckte Straße getreten, als meine mit profilbesohlten Wanderschuhen bekleideten Füße wie in einem Cartoon herumzuglitschen begannen und auseinanderzudriften drohten. Offenbar überfror die Nässe auf der Straße gerade, und der Untergrund war glatt wie mit Schmierseife eingerieben.

Erst fühlte es sich so an, als könnte ich einen Sturz noch verhindern, aber dann krachte ich auch schon mit beiden Knien frontal und mit Schmackes auf die Straße. Im allerersten Moment spürte ich noch nichts. Im nächsten derartige Schmerzen, dass ich am liebsten wie ein Kind geheult und: „Mama!“ geschrien hätte. Da ich aber noch auf der schmierseifenglatten Straße lag, riss ich mich zusammen und ignorierte auch Bemerkungen zweier Passanten auf dem Bürgersteig, die da lauteten: „Ey, kuckma, die is‘ hingefallen!“ – „Boah, ey, Scheiße!“ (Keiner der beiden hat mir geholfen, als ich mich hochrappelte, was nicht einfach war, da ich wieder und wieder ausrutschte.)

Irgendwann stand ich auf dem Bürgersteig. Vornüber geneigt, mit Tränen in den Augen, und mir war speiübel vor Schmerz. Jeder, der schon einmal mit voller Wucht auf die Knie geprallt ist, wird das nachvollziehen können.

Ich nehme an, es war der Schreck oder die Tatsache, dass ich den Feierabend als Feierabend verstehe, der nichts mehr mit der Arbeit zu tun hat, was dafür verantwortlich war, dass ich nicht sofort darauf kam, dass es sich hier um einen sogenannten „Wegeunfall“ auf dem Weg vom Arbeitgeber nach Hause handelte. Wäre ich morgens auf dem Weg zur Arbeit gewesen, wäre mir sofort klar gewesen, dass es sich hier um einen mit der Arbeit verbundenen Unfall handelte.

Glücklicherweise brachte mich ein Kollege vor drei Tagen darauf, dass dies doch ein mit der Arbeit verbundener Unfall gewesen sei. Letzten Donnerstag habe ich über so etwas gar nicht nachgedacht, nachdem ich im Anschluss an den Crash völlig bedient nach Hause gehumpelt war, ohne Zwischenstation beim Einkaufen. Ich hatte die Nase voll vom Tag.

Und so rief ich vorgestern bei meinem Orthopäden an, weil die Schmerzen beileibe nicht nachließen – ganz im Gegenteil -,  ebenso die zuständige Kollegin aus der Personalabteilung, die das Ganze auch als „Wegeunfall“ deklarierte. Hätte ich das nur nie getan! 😉

Denn nicht nur, dass ich heute beim Orthopäden hörte, dass ich nur erstbehandelt werden dürfe – da Wegeunfall -, muss ich nun auch noch einen „Durchgangsarzt“ aufsuchen. Erst der darf mich weiterbehandeln. Für diese Auskunft – kombiniert mit Röntgenaufnahmen in drei Ebenen meiner beiden Knie und einem Zinkleimverband – saß ich heute zweieinhalb Stunden beim Orthopäden, um zum Schluss der Sprechstunde von einer der wahrlich „reizenden“ Arzthelferinnen noch zu hören: „Wat sitzt die denn noch da?“

Das machte mich ein bisschen zornig, denn ich hatte mehrfach darauf hingewiesen, dass ich während meiner Arbeitszeit dort sei, und man hatte mir mitgeteilt, dass halt ein neuer Arzt da sei, der sich seinen Patienten noch vorstellen müsse – das dauere nun einmal! (Das stimmte – mir hatte er sich auch derart vorgestellt – mit jeder einzelnen Station aus seinem medizinischen Portfolio und einem Gesicht, als müsse ich nun auf die Knie fallen, was ich doch schon am Donnerstag zuvor auf der Straße getan hatte und allerspätestens seitdem keinerlei Bedürfnis nach Kniefällen mehr habe. Es war respektabel, was er aufzählte, aber es wäre alles viel schneller gegangen, wäre er einfach nur seiner Aufgabe als behandelnder Arzt nachgekommen.)

Als ich: „Wat sitzt die denn noch da?“ hörte, sagte ich laut und vernehmlich, bevor die angesprochene Kollegin der Arzthelferin antworten konnte: „Die sitzt immer noch da, weil man ihr vor einer halben Stunde zusagte, die notwendigen Formulare unterschreiben zu lassen.“ – „Oh, Entschuldigung…“ Und schon beeilte man sich, die notwendigen Unterschriften einzuholen.

Nö. Solche Ausfälle entschuldige ich durchaus nicht, denn das ist einfach nur unverschämt. Sowohl der neue Arzt, als auch die Helferinnen – bis auf eine – haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. Der Vorgängerarzt aus der Gemeinschaftspraxis – ehemals Stabsarzt bei der Bundeswehr – war zwar recht wortkarg, aber ich wusste, ich war gut aufgehoben dort.

Kam man hin und sagte: „Irgendetwas stimmt nicht – meine Absätze sind total schief!“, sah er sich das Elend an – Absätze wie Füße im Liegen und im Stand – und sagte nur: „Einlagen!“ Arm an Worten, aber hilfreich. Oder: „Mein rechtes Handgelenk tut derart weh, dass ich es am liebsten wegschmeißen würde.“ Er bog am Handgelenk herum und sagte: „Röntgen! Danach Lagebesprechung!“ Oder: „Ich kann meine Arme nicht so gut heben – das tut höllenmäßig weh!“ Er tastete alles ab, dann: „Röntgen. Danach sprechen wir.“ Und er fand immer eine unaufgeregte, pragmatische Lösung, auch für Probleme hinsichtlich der rechten Rotatorenmanschette durch Impingement-Syndrom, die half, obwohl nie so viel gesprochen wurde – und das in den meisten Fällen ohne Cortison oder Konsorten. 😉 Und mir ging es im Zuge seiner Therapien immer besser.

Und nun dieser junge, ehrgeizige Schnösel als Ersatz – und völlig neue Arzthelferinnen, die sich auf eines gut verstehen: arrogantes und schnippisches Verhalten. Als hätte ich da heute aus Spaß an der Freude gesessen! Über zwei Stunden. Immerhin habe ich es fast pünktlich zu meiner Zoom-Sprechstunde geschafft – ich war nur fünf Minuten nach 14 Uhr wieder am Arbeitsplatz und hatte doch der Studierenden, die da beraten werden wollte, deren Termin ich des Arzttermins wegen ohnehin schon einmal hatte verschieben müssen und – wie ich glaubte – zeitlich extra großzügig war, noch aus der Praxis eine Mail schreiben müssen, in der ich sie noch einmal vertröstete, während sich Arzthelferin 1 mit Arzthelferin 2 stritt, wer am Wochenende – das gleich beginne – wohl etwas Spannenderes vorhabe…

All das dafür, dass ich mir nun einen Durchgangsarzt suchen darf, der behandlungsberechtigt ist. Hätte ich all das vorhergeahnt, hätte ich das Ganze nicht als Wegeunfall deklariert, sondern über meine Krankenversicherung abrechnen lassen.

Merke: Es ist erheblich entspannter, wenn man sich privat auf die Fresse legt. Macht man das dienstlich, hat man erheblich mehr „Hantier“, wie man das im Rheinland nennt. Kommt von „hantieren“ und bedeutet so viel wie „vermeidbarer zusätzlicher Aufwand“. Zusätzlich zu den Schmerzen noch Extrastress. Danke auch! (Ich versuche noch immer, herauszufinden, worin nun der Vorteil bestehe, das Ganze als Arbeitsunfall zu handhaben. Ich kenne mich damit nicht aus, denn es ist mein erster Arbeitsunfall – kann mich jemand aufklären? Ich habe derzeit das Gefühl, nur mehr Aufwand – ergo „Hantier“ – zu haben…)

Und während ich meinen rutschenden Zinkleimverband wieder zu fixieren versuche, der mein (so der schnöselige neue Arzt mit beeindruckender Vita) „ausgesprochen hübsches“ Knie „in Funktionalität und auch Form“ bedeckt – um diese Auskunft hatte ich nicht gebeten -, das leider nur aufgrund der offenkundig durch den Sturz stark beeinträchtigten Patellarsehne, so die „erstbehandelnde“ Auskunft, in jedweder Position extrem schmerzt, was jedoch nur der Durchgangsarzt behandeln darf, den ich am Montagmorgen sofort kontaktiere, wünsche ich euch ein wunderhübsches Wochenende! 😉

It’s brass monkeys out there… ;-)

Ich bin heute gegen halb 9 abends von der Arbeit gekommen. Okay, ich war auch noch kurz einkaufen, bevor ich mit lahmen unteren Extremitäten und durchaus nicht bester Laune die Haustür aufschloss.

Wie nicht ganz Deutschland weiß, setzte am Wochenende eine sogenannte extreme Wetterlage ein. Es sollte aufgrund eines verschobenen Polarwirbels – wo ist der verdammte Polar-Physiotherapeut, denn verschobene Wirbel sind nicht gut – bzw. aufgrund eines Polarwirbel-Splits Grässliches über Norddeutschland hereinbrechen: Schnee, schier unaufhaltsamer Schnee. In Mengen. Mehrfach wurde an den Winter 1978/79 erinnert, den ich als Kind miterlebt habe und an den ich mich sogar noch erinnere.  Bei uns hier war es schon recht krass, aber in Norddeutschland und in der DDR viel, viel schlimmer. Dort mussten mit Panzern und Helikoptern die Menschen in komplett von der Außenwelt abgeschnittenen Orten mit Decken und Lebensmitteln versorgt werden. Hochschwangere werdende Mütter, bei denen die Wehen einsetzten, wurden mit Helikoptern in die nächsterreichbaren Krankenhäuser ausgeflogen, und es geht die Sage, ein Baby sei noch in der Luft im Helikopter zur Welt gekommen. Stromausfall in großen Teilen der DDR – die armen Menschen saßen in der Kälte. Und das sollte nun unter Umständen erneut eintreten?

Für unsere Breiten hier wurde zumindest heftige Kälte und Blitzeis vorhergesagt. Doch so ein ohnehin schon verschobener Polarwirbel scheint geneigt, sich noch weiter zu verschieben, ganz unter dem Motto: „Klotzen, nicht kleckern! Wenn schon Verschiebung, dann richtig!“ Und so kam es zur Zweifach-Verschiebung gen Süden, und es traf statt des echten Norddeutschlands NRW und andere südlicher gelegene Regionen.

Wie erstaunt war ich, als ich am Samstagabend – es war schon dunkel – ins Bad ging und, noch bevor ich das Licht eingeschaltet hatte, quasi geblendet wurde. Warum war es so hell? Eine Stunde zuvor – da war es auch schon dunkel gewesen – war dies noch nicht der Fall gewesen. Mir schwante Böses, und ich rannte in die Küche und starrte aus dem Fenster. Draußen war alles weiß, der Wind heulte wie ein Rudel Wölfe – was in dieser Region auch gar nicht so fern liegt -, und es schneite in kleinen Flocken schier unaufhaltsam. Diese Art des Schneiens kenne ich: Tritt diese Art ein, ist hier im Pott ab dem nächsten Tag quasi „Land unter“, und nichts funktioniert mehr. Nicht bei großen, wässrigen Flocken, nein. Nur bei solchem Schnee, der ganz fein daherkommt, als wolle er niemanden erschrecken. 😉 Ehrlich gestanden: In dieser Region glaubt ohnehin keiner ernsthaft daran, dass das kristalline Wunderwerk liegenbleiben könne. Aber bei solchen Temperaturen mit Wind aus ostnordöstlicher Richtung? Aber wir sollten doch eigentlich „nur“ mit Blitzeis beglückt werden…

Binnen kurzer Zeit war hier alles weiß, und der Schnee machte munter weiter – bis inklusive Montag, ergo gestern. Mein Auto sieht derzeit aus wie ein Cupcake. Oder wie ein Stück Kuchen mit Baiser drauf. Eigentlich wollte ich es heute von dem Schnee befreien und – sofern sich die Türen mit Tricks öffnen ließen – zumindest mal anzulassen versuchen. Doch als ich vorhin nach Hause kam, hatte ich dazu keinerlei Energie mehr.

Denn ich hatte heute Büroschicht, allerdings bereits gestern beschlossen, ganz sicher nicht mit dem Auto zu fahren, nachdem ich diverse Fast-Unfälle vorne auf der Straße und hinten im Garagenhof mitbekommen hatte. Nein, danke.

Leider fuhr heute auch kein Bus, keine Straßenbahn. Die Bahn zumindest nicht dort, wo sie oberirdisch fährt. Also da, wo sie für mich bzw. mein Ziel relevant ist. 😉 Ich musste zur Arbeit laufen.

Im Grunde kein Problem – ich laufe gern. Es sind ja auch nur siebeneinhalb Kilometer bis zu meinem Arbeitgeber – eine Strecke. Locker zu schaffen, auch zurück. Nur nicht bei Schnee.

Mehr oder minder motiviert stiefelte ich in meinen Wanderschuhen, die sich im Allgäu bewährt hatten und ein so tolles Profil haben, obendrein superbequem sind, morgens um zwanzig nach 7 los. Eine relativ untypische Uhrzeit für mich, zur Arbeit aufzubrechen. Aber es half ja nicht. Glücklicherweise war ich aufgrund der Temperaturen ratz-fatz hellwach, als ich gerade erst um die Ecke gebogen war, die meinem Wohnhaus am nächsten liegt. 😉

Und ich war erst an der Garant-Tankstelle an der Hauptstraße, als ich die Nase auch schon ziemlich voll hatte. Aber ich stiefelte tapfer weiter. Von Minute zu Minute sank meine Stimmung, denn es ist anstrengend, einen derartigen Flickenteppich an Schneeräumgewohnheiten der jeweiligen Anwohner bewältigen zu müssen: Einige sehen gar nicht ein, dass Schneeräumen nötig sei. Andere streuen einfach Streusalz auf den Schnee. Wieder Dritte räumen so, dass ein Chihuahua in der Breite keine Probleme hat, fröhlich und ungehindert einherzutrippeln, schippen den Schnee aber völlig gleichgültig und unbesehen irgendwohin, und dann darf man klettern. Die ganz besonders Netten stellen dann auch noch ihren Sperrmüll nach draußen und mitten in den Weg – erneutes Klettern vonnöten. Danke!   

Nachdem ich ein Drittel der Strecke bewältigt hatte, stellte ich voller Staunen fest, dass mein Pony – ich sollte ihn mal wieder schneiden – gefroren war. Mir hingen quasi kleine Eiszapfen in der Stirn herum – faszinierend und lange nicht erlebt. Meine Laune war ähnlich unterkühlt. Ich kämpfte gegen das Bedürfnis, mich einfach hinzusetzen und keinen Schritt weiter zu tun. Was hatte mich nur geritten, den Arbeitsweg zu Fuß anzutreten? Ich hätte einfach mitteilen können, dass ich aufgrund der Umstände auch heute im Home-Office tätig werden würde, wie auch Kollegin Saskia für sich entschieden hatte (allerdings wohnt sie nicht am Ort).

Als ich im Büro angekommen war, fühlte ich mich so, als läge der Arbeitstag bereits hinter mir. Und ich sah aus, als hätte man mich gerade aus dem Rhein-Herne-Kanal gezogen, was eine Kollegin, die ich traf, abstritt. „Unsinn!“ rief sie. „Du siehst nett aus – deine Wangen sind ganz rot.“ Kein Wunder. Völlig durchgefroren, und es strömte vermehrt Blut hindurch, nachdem ich das beheizte Gebäude betreten hatte…

Mir graute bereits um kurz nach 9 vor dem Heimweg, und ich hoffte, der kommunale Nahverkehrsbetrieb möge Mittel und Wege gefunden haben, die 1 wieder fahren zu lassen – auch oberirdisch. Und Busse. Doch weit gefehlt – ganz im Gegenteil, denn man verkündete, auch in den nächsten Tagen könne (!) es sich so verhalten, dass Busse und Bahnen nicht fahren könnten. Einmal mehr schwor ich mir, ins hier so oft – aus mir unerfindlichen Gründen – geschmähte Bayern zu ziehen, sobald möglich. Von klein auf bin ich daran gewöhnt, dass Schnee dort – auch in tieferen Lagen, wenn im Übermaß vorkommend – erheblich gelassener betrachtet wird und Busse und Bahnen meist trotzdem fahren. Zumindest in den Städten.

Es war schon dunkel, als ich das Büro verließ, eingepackt wie zu einer Polarexpedition. Ich trug sogar – wie heute früh – eine Mütze, und das kostet mich immer Überwindung. Ich beschloss, auf dem Heimweg Musik zu hören – damit gehe ich immer besonders beschwingt.

Erstaunlicherweise fühlte es sich draußen gar nicht so kalt an, als ich losging. Und dann wurde es richtig heiß…

Zwei Frauen kamen mir entgegen. Gut, die ließen mich kalt, aber sie hatten zwei Hunde dabei. Einen kleinen, der an der Leine geführt wurde. Und einen großen, einen Labrador, der leinenlos ging und aus der relativen Ferne sehr gut erzogen wirkte.

Doch kaum hatte er mich erblickt, kam er auf mich zugestürmt. Ich liebe Hunde jedweder Größe und komme prima mit ihnen klar. Und da man diesen Hund frei laufen ließ, dachte ich mir nichts Besonderes dabei, als er auf mich zugelaufen kam. Und dann schnupperte er an meiner Hand und leckte kurz darüber – ein ganz lieber Bursche. Und er schickte sich auch an, weiterzulaufen. Doch dann überlegte er es sich anders, sprang an mir hoch und drückte mir einen ganz dicken Schmatzer mitten auf die Nase! 

Ich hatte nicht damit gerechnet und gab einen schrillen Quietscher von mir, den ich selber – trotz der lauten Musik in meinen Ohren – als recht durchdringend empfand. Wie peinlich! Der Hund fand es nicht erschreckend, sprang erneut an mir hoch und gab mir einen weiteren Schmatzer auf die linke Wange.

Erstaunlicherweise reagierte seine Halterin erst da, stürmte heran, ergriff das Halsband des Charmeurs und riss ihn weg. Ich zog hingegen die beiden Stöpsel meines In-ear-Headsets aus den Ohren, weil ich dachte, sie würde noch etwas zu mir sagen. „Entschuldigen Sie, bitte“ oder etwas in der Art. Aber nichts davon – sie zog den Hund weg, der sich mehrfach nach mir umdrehte und heftig wedelte. Und ging einfach wortlos weg! Hallo? Was, hätte ich Angst vor Hunden? Hätte die mich auch einfach so stehenlassen? Auch wenn mich die „Kuss-Attacke“ ihres sehr sympathischen Hundes nicht schockiert hat: Es war ein ziemlich großes Tier, und glücklicherweise bin ich völlig unerschrocken, was Hunde, auch große, anbelangt – ich hatte nur nicht damit gerechnet und dachte, dass ein leinenloser Hund sicherlich hervorragend erzogen wäre. 😉 Was, wäre es anders gewesen?

Ich habe dann das In-ear-Headset wieder eingestöpselt und bin grinsend weitergegangen. Meine Nase war aufgewärmt, meine linke Wange auch. 😉 Und ich war viel, viel schneller als auf dem Hinweg, zumal zwischenzeitlich zumindest etwas besser geräumt war. Erst auf der Hälfte des Weges begann ich zu lahmen. Meine rechte Ferse brannte wie Feuer, und ich schleppte mich mühsam Richtung Heimstatt. Einkaufen musste ich auch noch, kaufte aber nur das Nötigste und lahmte dann nach Hause. Mit erneut zu Eiszapfen gefrorenem Pony. Ich wollte erst ein Selfie machen, aber es sah so grotesk aus, dass ich davon absah. 😉

Eigentlich hatte ich den kleinen Monty noch von Schnee befreien wollen – siehe oben -, aber nee, danke. Das muss ich wohl morgen in Angriff nehmen. Und wenn es übermorgen noch so bescheiden um Straßen und Nahverkehr bestellt sein sollte, bleibe ich im Home-Office. Komme, was wolle. Laufen kann ich eh nicht – ich habe eine Blase an der rechten Ferse, wie ich noch nie eine gesehen habe – ein echtes Monster! 😉 Glücklicherweise hatte ich noch Blasenpflaster im Haus, die beim Allgäu-Urlaub, für den ich sie in weiser Voraussicht gekauft hatte, nicht nötig geworden waren. Erst hier – und das trotz identischer Fußbekleidung. Möglich, dass meine Füße sich in Bayern auch wohler fühlen. Ist auch nachvollziehbar – gehören ja zu mir. Dass sie aber ein derartiges Eigenleben haben und mir offenbar etwas mitteilen wollen, war mir nicht bekannt😉

Mir ist immer noch eiskalt, vor allem an dem Teil, auf dem ich gemeinhin sitze. Daher ja auch der schöne „brass monkeys“-Spruch. Klingt auf Englisch viel charmanter als im Deutschen, denn der Spruch bedeutet auf Deutsch: „Es ist arschkalt da draußen!“

Macht Euch warme Gedanken! Oder einen Tee. Mit oder ohne Rum. 😉

„Congratulations! You have reached ‚Level 2‘!“

Ich weiß, nicht jeder ist von der „Corona-Impfung“ überzeugt, und es gibt gar Menschen, die diese Impfung konsequent und – nicht in allen Fällen, zum Glück! – unter Zuhilfenahme erstaunlich holzschnittartiger Argumente oder Ähnlichem vehement ablehnen. Aber ich persönlich habe meist mit Menschen zu tun, die sich impfen lassen wollen und trotzdem in der Lage sind, zu hinterfragen. Ich gehöre übrigens auch zur impfwilligen Spezies. 😉 Diejenigen Impfwilligen, die ich kenne, sind zumeist in meiner Alterskohorte und damit zum Warten verdammt. Aber es gibt auch andere.

Gestern – Home-Office-Tag – klingelte es am späten Vormittag annähernd schüchtern an meiner Tür, und als ich öffnete, sah ich zunächst … nichts. Dann schlurfte zu meinem Erstaunen ein alter Herr aus einem der Nachbarhäuser die Treppe bis zu meiner Wohnungstür hoch. Ich rief: „Herr Schmidt! Sagen Sie doch etwas, um Himmels willen! Ich wäre Ihnen doch entgegengekommen, wenn ich gewusst hätte, dass Sie das sind – Sie müssen doch nicht extra nach oben laufen!“  

Herr Schmidt, ein netter alter Herr, sagte ein wenig atemlos: „Ich möchte Sie gar nicht lange stören, Frau B. – ich habe nur eine Frage.“ – „Kommen Sie doch herein.“ – „Nein, so lange möchte ich gar nicht bleiben. Nur eine kurze Frage, dann bin ich wieder weg – ich bin etwas in Eile, weil ich noch einkaufen muss. Ich weiß ja, dass Sie berufstätig sind und im Haus-Office arbeiten, oder wie das heißt. Ich bin da nicht so gewandt.“ Und er lachte ein wenig verlegen.

„Was kann ich denn für Sie tun, Herr Schmidt?“ (Mein Beruf hat meine Kommunikationsformen offenbar so weit verändert, dass ich stets wie eine Kundenberaterin klinge, als die ich an einer Bildungsinstitution ja im Grunde auch tätig bin. 😉) Erst da fiel mir auf, dass ich in einer lässigen Hose – einer Jogginghose nicht unähnlich – dastand, ebenso einem T-Shirt mit einem frotzelnd-anzüglichen Spruch in englischer Sprache auf der vorderen Frontseite. Ooops… 😉 Zum Glück scheint Herr Schmidt der englischen Sprache nicht derart mächtig zu sein, dass sich ihm der Aufdruck zur Gänze erschloss, wie ich mit einer gewissen Erleichterung feststellte… Bis dato kannte er mich ja nur in offizieller Kleidung – wir hatten ja stets nur auf der Straße ein paar unverbindliche Worte gewechselt.

„Frau B. – ich habe Post bekommen. Ich darf jetzt geimpft werden, weil ich ja über 80 bin. Aber als ich die 116117 anrief, hieß es da, ich müsse mich ‚online‘ anmelden. Ich vermute, dass ich das nur machen kann, wenn ich einen Computer habe. Oder?“

Noch bevor ich nickte, war mir klar, warum Herr Schmidt mich aufgesucht hatte. Er wollte mich bitten, das für ihn zu regeln. Und schon sagte er: „Ich habe leider keine Angehörigen. Meine Frau ist vor sieben Jahren gestorben, und Kinder haben wir nicht. Und meine Nachbarn können das selber nicht. Die haben auch keine Ahnung.“ Und er fügte hinzu: „Ich weiß, dass das eine Zumutung ist – aber ich würde Sie dafür entschädigen. Ich weiß, das klingt doof, aber ich möchte nicht, dass Sie Ihre Zeit umsonst opfern.“ Ich holte tief Luft und sagte dann: „Davon will ich nichts wissen, Herr Schmidt. Äh, also von einer Entschädigung! Ich mache das natürlich für Sie – gar keine Frage. Aber nur als Nachbarschaftshilfe und ohne Entschädigung, denn es ist doch selbstverständlich, dass ich Ihnen helfe. Machen Sie sich keinen Kopp – ich mache das gern. Ich vermute nur, dass ich dafür ein paar Daten von Ihnen brauche. Vollständigen Namen, Geburtsdatum und solche Dinge. Den Wohnort kenne ich ja. Aber ich kann sehr gern von meinem PC aus einen Termin für Sie vereinbaren – das mache ich gern für Sie. Sie sind immer so freundlich zu mir, und da ist das doch das Mindeste.“ Und kurze Zeit später hatte ich alle Daten, die erforderlich waren.

„Noch eins, Herr Schmidt: Ich vermute, dass einem da verschiedene Zeitfenster und Termine angeboten werden. Haben Sie irgendwelche Termine, die zu beachten sind? Zum Beispiel beim Arzt oder so? Irgendetwas, das ich beachten müsste – oder kann ich einfach einen Termin auswählen, wie es mir gefällt?“ – „Sie können jeden möglichen Termin nehmen, Frau B. – das hat Vorrang.“ – „Okay, dann machen wir das so. Ich melde mich, sobald ich etwas weiß.“ – „Ich gebe Ihnen hier noch meine Telefonnummer.“ Und so geschah es, nachdem ich ihm noch meine gegeben hatte. („Nur für diesen Fall und für Notfälle, Herr Schmidt!“ – „Ist völlig klar, Frau B. – würde ich doch niemals missbrauchen oder weitergeben!“)

Ich gestehe, dass ich heute quasi ein Schatten meiner selbst bin.  Warum? Nun, es liegt daran, dass ich bisweilen ein wenig „wurschtig“ bin (und einen sehr langen Tag hatte, gestern). „Wurschtig“ in dem Sinne, dass ich freundlich und durchaus aus Überzeugung hilfsbereit sage: „Gar kein Problem!“ Und kurz darauf realisiere ich den vollen Umfang des Grauens… 😉 (Ich würde es trotzdem nie anders machen.)

Und dieser Umfang war immens. Herr Schmidt konnte nichts dafür – was ich mir jedoch im Laufe des gestrigen Tages wieder und wieder vor Augen führen musste, zumal ich Ober- und Unterkiefer derzeit nicht allzu fest aufeinanderpressen darf. 😉 Was half, war, an meinen Vater zu denken, der auch mehr oder minder mittelfristig solche Termine wird machen müssen…  Und natürlich werde ich ihm helfen – vielleicht nicht mehr ganz so wurschtig-ahnungslos. 😉

Denn ich fing sofort eifrig an, um einen Termin zu ersuchen. Herr Schmidt hatte mir den offiziellen Brief mitsamt URL dagelassen, die zu nutzen wäre, wenn man einen Termin vereinbaren wolle.

Der Erstversuch offenbarte, dass ich die Wahl zwischen den Optionen „Nordrhein“ und „Westfalen-Lippe“ hatte. Letzteres fand ich irreführend. „Westfalen-Lippe“ ist ein feststehender Begriff und umfasst eine bestimmte Region im Bereich Westfalen. Da „Nordrhein“ aber nicht stimmen konnte – in Essen oder Oberhausen sähe das ganz anders aus -, wählte ich „Westfalen-Lippe“. Ergebnis: „Onlinebuchungen sind derzeit nicht möglich. Wir bitten, den Umstand zu entschuldigen und bemühen uns um Behebung dieses Zustandes und eine rasche Buchungsmöglichkeit.“

Nachdem ich geschätzte vier Male diesen Text hatte lesen müssen, wählte ich flinken Fingers die Option „Nordrhein“. Vielleicht hatte ich bis dato ja falsch gelegen, denn hier im „Pott“ liegt ja alles so dicht beieinander, und die Grenzen sind fließend. Ich hoffte es zumindest. Aber: Ich lag falsch in der Hoffnung, falsch gelegen zu haben, denn ein Fenster poppte auf, das mir sehr streng mitteilte: „Die von Ihnen eingegebene Postleitzahl ist dem Bereich Nordrhein NICHT zugehörig!“ O Gott! Gegen die Gottesordnung verstoßen – ich zuckte annähernd zusammen! Rheinland versus Westfalen – wie konnte ich nur! 😉 (Zugegeben: Ich bin da immer ein wenig zwiegespalten, denn ich bin, in der Region „Nordrhein“ zur Welt gekommen, strenggenommen Rheinländerin. Seit ich im Rheinland viele Jahre lebte, verschweige ich diesen Umstand gern. 😉)

Den restlichen Tag verbrachte ich in einem Zustand stets wechselnder Gemütsverfassungen: Zunächst hatte ich mich gefreut, als am frühen Nachmittag statt „Westfalen-Lippe“ und „Nordrhein“ endlich alle verfügbaren Impfzentren in dem Dropdown-Menü erschienen, und ich klickte bei jedem neuerlichen Versuch – es waren deren viele erforderlich – immer das zuständige an, gab dann an, dass Anspruch auf Impfung bestände. Zunächst geschah jeweils nur Folgendes: Der Server kollabierte… Nach ungezählten Versuchen dann durfte ich endlich etwas anfordern, das sich „Vermittlungscode“ nennt, und ich ließ mir diesen auf mein Smartphone schicken. Dieser „Vermittlungscode“ – so darf nicht unterschlagen werden – ist nur 10 Minuten gültig; dann verfällt er.

To cut a long story short: Es gelang mir problemlos, den Code einzutippen, und wann immer – es gab verschiedenste Versuche – ich bestätigte, rödelte der PC, als würde er dafür bezahlt. Ergebnis: „Es ist ein unerwarteter Fehler aufgetreten.“ Der erste Code war rasch dahin…

Ich forderte je noch einen zweiten und dritten Code an, notwendigerweise. Ich habe die Male nicht gezählt, aber man teilte mir wiederholt mit, es sei ein unerwarteter Fehler aufgetreten. So oft, dass der Fehler gar nicht mehr unerwartet auftrat, sondern ich mich gewundert hätte, wäre er nicht aufgetreten. 😉

Leider gehört Geduld nicht zu meinen Stärken. Höchstens dann, wenn ich jemandem etwas beibringen möchte, was dieser wirklich lernen möchte. Das war hier jedoch nicht der Fall, und am späten Nachmittag hatte ich das Gefühl, über Gebühr rasch zu altern. Nein – zu verfallen! Ich spürte förmlich, wie meine Haare ergrauten, meine Muskeln schrumpften und meine Haut immer faltiger wurde. Und verformten sich meine durchaus wohlgeformten Hände nicht inzwischen zu Klauen? 😉 Wenn es so weiterginge, würde ich am nächsten Morgen völlig verhutzelt und tot auf meinem Schreibtischstuhl kauern. Hatte ich eigentlich morgens den Blutdrucksenker eingenommen? Gefühlt war mein Blutdruck ziemlich hoch…

Ich hätte es ja eigentlich lassen können – es schien unmöglich, einen Termin zu vereinbaren. Aber so etwas kann ich nicht, wenn ich etwas versprochen habe. Und ich versuchte es so lange, bis gar nichts mehr ging. Das war gegen 18:34 h. Ich klappte das Laptop zu und beschloss, jenseits 0 Uhr den nächsten Versuch zu starten.

Und ich blieb wach. Und um kurz nach 1 Uhr hatte ich nicht nur Erst-, sondern auch Zweit-Impftermin für Herrn Schmidt vereinbart – beim Zweittermin hakte es auch mehrfach. Natürlich stets zum Wochenanfang oder in der Wochenmitte, und das vormittags, da ich mir dachte, dass das so besser sei, falls er die Impfung nicht so gut vertragen sollte – zu Anfang der Woche oder in deren Mitte sind Ärzte besser zu erreichen, und man kann vielleicht auf den Rettungsdienst als erste oder einzige Wahl verzichten.

Ich notierte beide Zulassungscodes, die ich heute in Herrn Schmidts Briefkasten geworfen habe, mit einem netten Begleitschreiben. Und heute Nachmittag rief er mich an, und als er sich meldete, dachte ich einen kurzen Moment lang: „Wie reagierst du, wenn er sagt, dass die Termine oder einer davon nicht passen? Drehst du dann durch?“ (Die Frage war angesichts des gestrigen Horrors nicht unberechtigt.) Aber unnötig, denn er freute sich und rief ein ums andere Mal: „Liebe Frau B. – ich bin Ihnen so dankbar! Wie kann ich Ihnen das nur danken?“

Glücklicherweise rief er das so oft, dass mir eine Antwort einfiel, bevor er sie erwartete, und so sagte ich: „Indem Sie die Impfung ganz toll vertragen und gesund bleiben!“ Ich habe ihm natürlich nicht erzählt, dass ich mir die halbe Nacht um die Ohren geschlagen habe und heute während der Büroschicht ziemlich bleich aus der Wäsche blickte. So bleich, dass mein Zahnarzt, zu dem ich noch musste, um mir die Fäden ziehen zu lassen, die aus meiner letztwöchigen OP resultierten und sich inzwischen wie eine Art Häkelpulli um das betroffene Gebiet woben, so sehr hatten sie sich bereits gelockert, meinte: „Frau B., Sie wirken ein wenig angegriffen. Ich hoffe, das liegt nicht an der OP und dem Fädenziehen – Sie wissen doch, dass das alles halb so wild ist.“ – „Nein, keine Sorge. Daran liegt es nicht. Ich habe nur gestern den halben Tag und bis in die Nacht hinein versucht, einen Corona-Impftermin zu vereinbaren. Das zehrt gewaltig, und nicht nur hinsichtlich Geduld.“ – „Ja, aber… Sie sind doch noch gar nicht dran! Sie sind doch viel zu jung!“

Danke! 😊

Als ich nach Hause kam, traf ich Herrn Schmidt, als ich gerade vom Garagenhof kam. Er schüttelte meine Hände, bedankte sich wiederholt und meinte: „Meine Nachbarn haben mich schon gefragt, wie ich das angestellt hätte! Aber ich habe Sie natürlich nicht verraten – einmal reicht sicher. Denn ich habe heute in der Zeitung gelesen, wie schwierig das sei.“ – „Ja, in der Tat. Nett, dass Sie mich nicht verraten.“ – „Das würde ich niemals tun. Aber ich bin Ihnen sehr dankbar.“ – „Ich habe es gern getan.“

Hoffentlich hält er Wort! Das mache ich nur noch für sehr nahe Verwandte! 😉

„Ich will Kühe!“ Oder: Ein Königreich für normales Naseputzen! 😉

„Ich will Kühe!“ war eine Art Werbeslogan eines Reiseveranstalters vor diversen Jahren. Eine Familie will in den Urlaub reisen, und die Eltern wollen Meer, Sandstrand und dazu passende Aspekte. Da schreit aus dem Hintergrund ein Kind ganz rotzig: „Ich will Kühe!“ Das war damals originell und nett.

Ich mag Kühe auch, und in meinem letzten Urlaub war ich mit den zumeist – nicht immer – freundlichen Tieren, die gern alles abschlecken, was ihnen in die Quere kommt und die weitaus intelligenter sind, als Unerfahrene annehmen, stark konfrontiert.

Und seit heute bin ich diesen großäugigen Lebewesen mit Flotzmaul und langen Wimpern noch verbundener als zuvor schon. 😉 Nein, ich habe mir keine Kuh gekauft, und ich habe heute auch kein Rindfleisch gegessen – dafür am letzten Sonntag Tafelspitz mit Krensauce. Ganz anders ist die bovine Verbindung mit mir zustande gekommen. 😉

Denn ich hatte ja heute um 9 eine kieferchirurgische Behandlung der besonders angenehmen Art: Externer Sinuslift mit simultaner Implantation. Sinus klingt irgendwie unangenehm nach Mathematik, genauer: nach Trigonometrie. Gemeint ist aber die Kieferhöhle – die heißt genauso, und der Umgang mit ihr kann genauso unangenehm sein wie der Umgang mit der gleichnamigen trigonometrischen Funktion. Zumindest für „Mathegenies“ wie mich. 😉

Um 9 klingelte ich, angetan mit einer FFP2-Maske, zitternden Fingers am Eingang des Hauses, in dessen erstem Stock sich die Praxis des Zahnarztes meines Vertrauens befindet, und nachdem mir aufgetan worden war, schleppte ich mich mit leise zitternden Knien in die erste Etage. Der große Vorteil an meinem Zahnarzt ist, dass er wirklich sehr gut und gleichzeitig Oralchirurg ist, so dass man nicht noch zu einem Kieferchirurgen muss, wenn der herkömmliche Zahnarzt nicht weiterkommt. Anhand dieser Zusatzausbildung habe ich meinen Zahnarzt anno 2008 auch ausgewählt, nachdem ich kurz zuvor eine grauenhafte Behandlung bei einem Kieferchirurgen hinter mich gebracht hatte, zu dem mein damaliger Zahnarzt im Nachbarort mich geschickt hatte.

Trotz allem graute mir heute doch sehr: Ich bin – passiv, also quasi als „Opfer“ – sehr erfahren in dentalmedizinischen Behandlungen, auch kieferchirurgischen, aber was mir heute bevorstand, war ein absolutes Novum für mich. Externer Sinuslift – also Anhebung der Kieferhöhle mit einer sogenannten „Fensterung“ und Auffüllung mit Knochenersatzmaterial. Bei mir an den Zähnen 2-6 und 2-7. Also im Backenzahnbereich des linken Oberkiefers.

Man führte mich nach meiner zögerlichen Ankunft und den Präliminarien in den gelben „Salon“, ergo den OP, wo schon interessante Instrumente aufgebaut waren, die ich eher in der Veterinärmedizin vermutet hätte. Zumindest sahen sie so aus. Einige waren auch abgedeckt – die machten sicherlich einen noch monströseren Eindruck als das, was da gut sichtbar lag. Aber es irritierte mich nicht über Gebühr – rasch hatte ich das Instrumentarium quasi gescannt und keine Abformlöffel gesehen. Also alles einigermaßen im grünen Bereich. 😉

Und schon ging es los: „Frau B. – wie geht es Ihnen?“ – „Ehrlich gesagt: nicht so gut.“ – „Ach, keine Sorge, das machen wir ratz-fatz. Ich gebe Ihnen erst einmal eine kleine Spritze.“ Und schon fuhr man den Behandlungsstuhl in eine extreme Schieflage, und ich hing stark kopflastig da. „Schön weit aufmachen.“ Und schon bekam ich zur Rechten wie zur Linken des zu behandelnden Areals je eine Injektion. Sehr angenehm besonders von der Innenseite, also vom Gaumen her. Ich wäre am liebsten wieder nach Hause gegangen. Mir reichte es da schon. 😉

Recht schnell ging es los. Ich wurde noch weiter nach unten gefahren, und es hieß: „Bitte überstrecken Sie den Kopf noch etwas – ich komme sonst nicht gut heran.“ Und schon lag ich da und konnte die ganze Zeit auf die Wand hinter dem Behandlungsstuhl starren, an der eine Uhr hängt. Quasi kopfüber konnte ich zumindest verfolgen, wie lange die Tortur dauerte (eine Stunde).

Bewegen konnte ich eigentlich nur meine Augen oder meinen Kopf, wenn es hieß: „Den Kopf ein wenig nach rechts drehen. Ja, so!“ Ansonsten hätte ich mich schon gar nicht erst getraut, kleinste Bewegungen zu vollführen – wie schnell ist der Diamantbohrer, auf den mein Zahnarzt besonders stolz zu sein schien, verrutscht und bohrt präzise Löcher ganz woanders hinein, wo man sie beileibe nicht braucht. 😉 Ich fühlte mich wie ein Werkstück, das in einem Schraubstock eingespannt ist.

Diese kopflastige Haltung und die Tatsache, dass es im OP recht warm und ich noch mit einem größeren OP-Tuch abgedeckt war, führten dazu, dass ich zweimal dachte: „Gleich wirst du ohnmächtig.“ Hinzu kam, dass mein Zahnarzt ein Freund naturalistischer Erläuterungen dessen, was er gerade vornimmt, zu sein scheint. So hörte ich: „Mit dem Diamantbohrer haben wir in Ihren Kieferknochen lateral ganz schnell ein Fenster gefräst!“ Oder: „Ich sehe die Kieferhöhle. Jetzt löse ich ganz vorsichtig die Schleimhaut vom Knochen ab, mache eine kleine Tasche, und dann füllen wir über das Fenster das Knochenersatzmaterial ein!“ Aber ohnmächtig zu werden, wäre ja albern gewesen, und ich riss mich zusammen. Viel hat jedoch gefühlt nicht gefehlt. Und es war erst 5 vor 3! (Eigentlich 5 vor halb 10, aber ich sah die Uhr an der Wand hinter mir und alles andere ja quasi auf dem Kopf… 😉)

Allein diese Geräusche, die der Bohrer machte und die Vorstellung, dass dort, wo er tätig wurde, alles recht eng beieinander liegt und sehr feinfühlig vorgegangen werden muss, damit dort nichts unbeabsichtigt reißt, machten mich nervös und ließen mich in einer Art Schockstarre daliegen. Bloß keine falsche Bewegung!

Irgendwann meinte mein Zahnarzt zu mir: „Frau B., was haben Sie denn im Auge? Ist etwa beim Bohren etwas auf Ihr Auge gesprüht?“ – „Honghackhingche!“ gab ich von mir. Mit einem Haken, der den linken Mundwinkel bis ins Universum zieht, zusätzlich einem Speichelsauger im Mund kann man sich nicht so präzise artikulieren. „Kontaktlinse!“ dolmetschte die Stuhlhelferin, und ich nickte leicht und sagte: „Ha.“  Und ich fügte hinzu: „Heie Hauen chräen chon hie hanche Cheit.“ – „Ihre Augen tränen schon die ganze Zeit!“ So die Stuhlhelferin, der ich begeistert zulächelte – perfekt übersetzt! (Ich sage es ja wieder und wieder: Der Fremdsprachenerwerb lohnt immer. Auch dann, wenn man in einem völlig anderen Fachgebiet arbeitet! 😉)  Und ich winkte ab – meine Augen waren hier wahrlich Nebenkriegsschauplätze. Einfach nicht beachten. Weitermachen!

Irgendwann gegen halb 4, ergo 10 Uhr, wurde dann genäht, nachdem die beiden Implantate installiert worden waren. Es waren sehr viele Nähte. Zumindest gefühlt.

Als ich wieder auf meinen zwei Füßen stand („Langsam, Frau B. – nicht überhasten. Nicht, dass Sie uns umkippen.“ Ha! Jetzt umkippen? Nach der Behandlung? Während derselben bestand mehr Anlass zur Sorge! 😉), sagte der Zahnarzt: „Na, sehen Sie – hat doch prima geklappt! Ich hatte bei Ihnen aber auch nichts anderes erwartet – Sie sind immer tough.“ – „Naja, mal ganz im Ernst: Ich hatte ziemliches Muffensausen. Und es war die bisher scheußlichste Behandlung. Das liegt nicht an Ihnen – das liegt eher am Ort, an dem Behandlung notwendig war. Ich hasse es wie die Pest, annähernd kopfüber zu liegen, und das über längere Zeit.“ – „Ja, das ist nicht angenehm. Aber Sie haben sich sehr gut geschlagen, obwohl ich in Ihren Augen zweimal leise Panik wahrnehmen konnte. Aber damit liegen Sie weit unter dem Schnitt.“

Wie? Nur zweimal? Mir war wiederholt danach, mich einfach hochzurappeln und abzuhauen – notfalls mitsamt Haken und Speichelsauger und quasi mit wehendem Schweif. Dann scheine ich doch eine bessere Schauspielerin zu sein, als ich bisher annahm. 😉

Kaum zu Hause, nachdem ich mich von der Apotheke – ein Antibiotikum war der Infektionsprophylaxe wegen dort zu erwerben – durch stürmisches Wetter mit Starkregen und Windböen gekämpft hatte, sank ich auf meine Couch. Endlich Ruhe. Und da machte sich auch die Betäubung langsam vom Acker… Von Ruhe also keine Spur, und seither kühle ich meine leicht angeschwollene linke Wange mit Hingabe und unter großen Schmerzen mit einem Waschlappen. Nehmt nie ein Coolpack aus dem Eisfach – viel zu kalt. So der Tipp meines Zahnarztes. 😉

Ich hatte heute jedenfalls einen richtig schönen Tag, zumal ich mich keineswegs schnäuzen darf. Und just heute läuft meine Nase, als würde sie dafür bezahlt! Anzuraten ist die ganze Prozedur nur bei Notwendigkeit oder für Masochisten.

Und was mich mit Kühen verbindet, mehr als je zuvor? Ganz einfach: Das Knochenersatzmaterial, das mir heute „inseriert“ wurde, stammt – so der Hersteller – aus „ausgewählten und sorgfältig aufbereiteten Rinderknochen“. Das finde ich doch recht sympathisch.

Muh! 😉

„Kein Schwein ruft mich an…“ ;-)

Ich weiß schon jetzt, dass ich in der kommenden Nacht kein Auge zutun werde. Denn morgen um 9 wartet das Grauen auf mich.

Morgen früh um 9 werde ich mit sicherlich angstgeweiteten Pupillen auf dem Behandlungsstuhl im von mir meistgehassten Behandlungsraum meines Zahnarztes liegen und mir wünschen, man möge mir nur einen bis drei Zähne ziehen wollen. Oder mich einfach k.o. schlagen, bevor die Behandlung überhaupt einsetzt.

Morgen steht der Sinuslift mit Knochenaufbau an. Besonders splatteraffinen Menschen rate ich dringend dazu, diesbezüglich zu googeln, was ich hartnäckig bis dato vermieden hatte – es erstaunt mich jetzt noch! Denn ich wusste ja seit Anfang Dezember von meinem morgigen Termin und habe seither stets vermieden, externer Sinuslift oder Knochenaufbau Oberkiefer zu googeln. Ich war richtig stolz auf mich!

Nur gestern habe ich massiv geschwächelt, und seitdem geht es mir gar nicht gut. Da stand zu lesen und zu lernen – und das mit Fotos, blutigen Fotos! -, wie solch ein externer Sinuslift vonstattengehe. Seitdem schießen mir jammervolle Exklamationen wie: „O Gott!“ oder: „O Gott, wieso du!“ in relativ hoher Frequenz durch den Kopf.

Und als ich heute am frühen Nachmittag mit einer guten Bekannten, die Ärztin und auch sonst völlig unerschrocken ist, völlig unabhängige WhatsApp-Nachrichten austauschte, bis mir wieder einfiel, was mir morgen bevorstünde und ich dies anmerkte und darauf eine Nachricht bekam, die besagte: „O Gott, arme Ali! Ich habe großes Mitleid mit dir, aber ich weiß: Du schaffst das!“, wurde mir so richtig angst und bange. Warum schrieb Heide so etwas, statt zu schreiben: „Alles halb so wild, Ali! Das machst du locker auf der linken Arschbacke! Das ist gar nicht schlimm…“?  Dabei weiß ich doch, dass sie es total nett und aufmunternd meinte. Nur saß ich nach dem Lesen ihrer entsprechenden Nachricht völlig erstarrt und wie schockgefrostet da. Sie ist Ärztin und reagiert so – es muss noch schlimmer sein, als ich ohnehin befürchte!

Ich muss leider zugeben, dass ich heute den ganzen Tag im Büro zwar sehr fleißig war, ebenso fleißig jedoch auf einen Anruf wartete, so doof das auch klingen mag. Genauer: Ich wartete auf einen Anruf meines Zahnarztes, der in etwa so lautete: „Frau B., es tut uns unendlich leid – aber wir hatten einen Wasserrohrbruch in der Praxis, und alles ist überschwemmt. Leider müssen wir Ihren Termin verschieben.“ Oder: „Liebe Frau B., Sie wissen ja, wie das in Corona-Zeiten ist… Wir hatten leider einen Patienten, der mit Symptomen ankam, und nun sind wir alle in Quarantäne. Wir müssen leider Ihren für morgen geplanten Termin verschieben.“ 😉

Nichts Derartiges trat ein, dafür gegen 18 Uhr die Putzfrau in mein Büro. Sie rief: „Ah! Immer noch hier!“ und kniff mir ein Auge zu, wie sie es immer tut. Die Putzfrau und ich verstehen einander prima und unterhalten uns öfter. Sie ist Russin, kommt aus Kasachstan und war früher Mathematiklehrerin. Einer der nettesten Menschen, die ich je kennengelernt habe.

Als sie mir vor etwa zwei Jahren erzählte, was ihr eigentlicher Beruf sei, starrte ich sie entsetzt an, obwohl mir klar ist, dass Schicksale wie ihres nicht so ungewöhnlich sind, was ich erschreckend und traurig finde. Wir hatten danach ein sehr langes Gespräch, und ich fand ihre fröhliche und positive Art klasse, als sie sagte, es sei ihr um ihre Kinder gegangen, die noch klein gewesen seien, als sie nach Deutschland kam. Sie sollten es besser haben und hätten beide auch eine sehr gute Schulbildung – ihre Tochter studiere inzwischen, und das sei ihr wichtig gewesen. Ich sagte ihr damals, dass sie einer der coolsten Menschen sei, die ich je getroffen hätte, und da lachte sie und meinte: „Und Sie einer der nettesten, die ich in Deutschland je getroffen habe. Viele unterhalten sich nicht mit mir, weil ich die Putzfrau bin.“ – „Sie sind Mathematiklehrerin! Und das bleiben Sie auch für mich, der vor Mathematik immer graute. Und im Übrigen ist völlig wurscht, wer was arbeitet – Hauptsache, das Herz sitzt am richtigen Fleck. Obwohl Sie hier völlig unterbewertet sind.“ – „Bin ich zufrieden, wenn Kinder glücklich.“ Das fand ich berührend.

Seit diesem ersten Gespräch unterhalten wir uns oft, und heute war es besonders tröstlich, als sie mit ihrem typischen Spruch hereinkam: „Immer noch hier! So spät!“ – „Ich komme ja auch immer relativ spät. Aber die nächsten Tage komme ich gar nicht, weil ich dann wohl krankgeschrieben sein werde.“ – „Oh, warum?“ Und da erzählte ich ihr, was mir morgen bevorstünde, und lachend erzählte ich ihr, dass ich im Grunde den ganzen Tag auf den „Wasserrohrbruch“- bzw. „Quarantäne“-Anruf gewartet hätte, zumindest unterschwellig, weil mir so sehr vor dem morgigen Eingriff graue.

Da lachte und sagte sie: „Ist nicht schön, wirklich nicht. Aber halb so wild, denn ich drücke Daumen. Ist schnell vorbei, nicht lange nachdenken.“

Und da lachte ich auch und meinte: „Wir sehen uns dann hoffentlich nächste Woche.“ – „Ganz bestimmt. Ganz ehrlich: Würde mir genauso gehen wie Ihnen – aber geht schnell vorbei!“ – „Danke! Ganz ehrlich: Ich frage mich manchmal, was ich ohne Sie machen würde. Sie haben immer ein nettes Wort.“ – „Ist gar nicht schwer. Sie haben auch immer nettes Wort und hören immer zu. Freue ich mich immer, wenn ich hierherkomme.“  

Mir graut noch immer vor morgen, aber ich weiß, dass ein sehr netter Mensch mir die Daumen drücken wird. 😊

Drückt mir bitte auch die Daumen. 😉 9 Uhr. 😉

Weihnachten im Elternhaus

Auf etwa zwei Rädern raste ich mit dem kleinen Monty Heiligabend in die Wohnsiedlung, in der mein Elternhaus steht. Zwar rechtzeitig losgefahren, um „zwischen 4 und halb 5“ dort anzukommen, aber unterwegs wurde ich Opfer von diversen Schleichern und mindestens einem Psychopathen, der auf einer Strecke, da „70“ die empfohlene und Höchstgeschwindigkeit ist, vor mir maximal 50 fuhr und immer dann, wenn ich links ausscherte, um nachzusehen, ob er überholt werden könne, ebenfalls nach links ausscherte, um mir die Sicht zu nehmen. Er fand es wohl lustig. Ich nicht, denn ich war durchaus in Eile, und ich kenne den Steven-Spielberg-Einsteigerfilm Duell oder Duel (auf Englisch). Er beschleunigte erst, als er in einer Stichstraße einen Polizeiwagen stehen sah. 😉 (Zugegeben: Ich kenne die Situation auf just dieser Strecke eigentlich umgekehrt, aber so war es doch mal nett. 😉 )

Meine Mutter hatte angekündigt, um 5 mit dem Kochen zu beginnen, und doch war man erstaunt, als ich mit hängender Zunge im Elternhaus ankam. Ich schleppte mein Gepäck in mein altes Kinderzimmer, noch immer bestückt mit flammroten IKEA-Schränken und -Kommoden, die interessanterweise nach Jahrzehnten noch den gleichen Geruch verströmen wie bei ihrer Anschaffung. 😉 Ich liebe mein ehemaliges Kinderzimmer – möglich, dass es auch mit dem Geruch zu tun hat. Und mit der Tatsache, dass ich bei seiner Anschaffung Rot als meine Lieblingsfarbe deklariert hatte. 😉

Es gab schlesische Weißwürste gebraten mit Stampfkartoffeln und Feldsalat. Die besten Würste, die ich je gebraten gegessen hatte. Sogar besser als fränkische „Broodwärschdla“ – und das will was heißen! 😉

Im Laufe des Abendessens wollten wir mit Stephie und Helge, die beide in Sachsen leben, via Zoom kommunizieren, denn da mein Schwager Chirurg und Operateur ist und – siehe oben – beide in Sachsen leben, obwohl keiner von dort stammt, zogen wir alle vor, dass sie nicht nach NRW kämen.

Da ich in Bezug auf Zoom die – relativ – Erfahrenste war, jedoch auch auf meine Anweisung und partiell eigenhändige Installation zumindest drei Fünftel der Veranstaltung Zoom installiert hatten, hätte eigentlich gar nichts schiefgehen dürfen. Doof nur, dass just im Esszimmerbereich meines Elternhauses, wo wir auf Anweisung meiner Schwester alle ein Glas Sekt trinken wollten oder sollten, das Signal am schwächsten war, und so zogen wir wie beim Auszug aus Ägypten mitsamt Laptop meines Vaters an verschiedene Orte meines Elternhauses, bis wir schließlich in meines Vaters Arbeitszimmer ankamen. Meine Mutter rief: „Toller Weihnachtsabend – hier in dieser Butze! Ich gehe lieber ins Wohnzimmer zurück – ihr könnt mich ja rufen, wenn es funktioniert!“ Ich hasse es, wenn Außenstehende, die Problematik nicht verstehend, unproduktiv herumlästern – und ich sah meinen Vater an. Wir hätten ein perfektes Spiegelbild abgegeben, würden wir einander nur ähnlicher sehen. Zumindest scheinen wir technisch übereinzustimmen. 😉

Wir haben dann schließlich im Arbeitszimmer meines Vaters mit Stephie und Helge sowohl auditiv als auch unter Zuhilfenahme der Videomöglichkeit beiderseits kommuniziert, obwohl Mama protestierte, es sähe hier ja gar nicht weihnachtlich aus. Da sah ich Papa mich von der Seite ansehen, und so sagte ich: „Ja, aber das sind doch irgendwie einfach Corona-Weihnachten, provisorisch und quasi von Haus zu Haus – oder? Besser geht es wohl nicht, und so ist es doch nett!“ 😉

Es war so nett, dass sie noch immer mit Helge und Stephie sprachen, als ich bereits draußen auf der Terrasse mindestens zwei Zigaretten geraucht hatte.

Später saßen wir dann im Wohnzimmer und sahen alte Super-8-Filme, was ich sehr schön fand. Es ist einfach schön, zu sehen, dass man als Baby schon in Zweifelsfällen eine Augenbraue so hochzog, wie man es heute in Zweifelsfällen noch macht – und man erkennt sein Gesicht wieder, obwohl man als Baby weniger Haare innehatte. Ich zumindest weiß nun, dass ich seit jeher offenbar eine Zweiflerin war. 😉

Irgendwann jedoch zog ich beide Augenbrauen hoch und fragte meine Mutter: „Wem sehe ich eigentlich ähnlich? Anhand der Filme und meines heutigen Aussehens könnte ich es gar nicht bestimmen.“

Meine Mutter sah mich an und kniff mir ein Auge zu. Dann sagte sie: „Du bist irgendwie so ein Konglomerat. Zumindest vom Gesicht.“ – „Aha. Ich dachte, ich sähe dir ähnlich. Wir haben doch die gleichen Augen!“ – „Nun wirklich nicht.“ – „Wieso das denn nicht?“ – „Du hast die gleichen Augen wie Omma Elisabeth.“ – „Nee!“ – „Doch!“ – „Omma Elisabeth hatte eine ganz andere Augenfarbe!“ – „Nicht die Farbe! Die Form! Sieh dich doch einmal an! Die Farbe – okay, die ist nicht gleich. Die Form aber auf alle Fälle! Vor allem jetzt – so, wie du gerade dreinsiehst! Wie kopiert!“

Das Problem besteht darin, dass ich mich mit „Omma Elisabeth“ nie so wirklich gut verstanden habe – zumindest wesenstechnisch. Und nun sollte ich augentechnisch…  also wirklich! 😉

Mama lachte sich scheckig und rief: „Je mehr du zweifelst, ähneln deine Augen denen von Omma Elisabeth, zumindest, was die Form anbelangt! Die werden immer runder und größer! Ich könnte mich totlachen! Riesige Augen, die sich nach oben wölben und zum äußeren Winkel nach unten ziehen – genau wie bei Omma Elisabeth.“ – „Das ist doch nicht dein Ernst!“ – „Doch, absolut! Warte mal!“

Und Mama lief los und holte ein Foto aus einer entfernten Schublade, das ihre Schwiegermutter als junge Frau in den Dreißigern des letzten Jahrhunderts zeigt: mit sehr großen, runden Augen, die sich am äußeren Rand nach unten ziehen. Es war, als blickte ich in einen Spiegel. Ich sagte lieber nichts mehr. Zumal mir dann einfiel, dass es von mir ein Foto gibt, bei dem ich mich immer gefragt habe, wem ich da eigentlich ähnlich sehe, so aus meiner Familie. Jetzt weiß ich es. 😉

Meine Mutter meinte dann: „Nur augenformtechnisch, Ali.“ Und mein Vater, der sich jetzt schon auf Silvester freut, rief aus dem Hintergrund: „Silvester sehen wir uns noch mehr Filme an, Alilein, und dann zeige ich dir auch, wie der Projektor funktioniert! Ich bin ja nicht mehr ewig da, und der Projektor ist auch schon alt! Aber die Filme sind doch schön – sieh mal, was für schöne, große Augen du schon immer hattest!“ O ja. Wie Omma Elisabeth in den Dreißigern. 😉

Na, warte nur, Papa! Wir gucken Super-8-Filme, und danach gibt es Gesellschaftsspiele, die Du genauso magst wie ich Vergleiche zwischen mir und Verwandten. Zumindest deren Augen. 😉

Und ich dachte immer, ich sähe meiner Mutter ähnlich! Man lernt bisweilen sehr dazu – auch, wenn man es gar nicht will… 😉
 

Weihnachtsgeschenke, die Zweite

Es gibt Menschen, die freuen sich über jedwedes Geschenk mit gleichbleibendem Gesichtsausdruck und in ewig gleicher Attitüde – egal, was es ist. Es gibt Menschen, die freuen sich über jedwedes Geschenk mit ganz unterschiedlichen Gesichtsausdrücken und in unterschiedlicher Attitüde – nicht ganz egal, was es ist. Und es gibt Menschen, denen man gar nichts schenken mag, nachdem sie einmalig geäußert haben, dass jedwedes Geschenk, das ihnen nicht gefalle, exakt so behandelt werde: „Mülltonne auf, Geschenk hinein, Mülltonne zu!“ Nee, wirklich nicht – so etwas mag ich nicht, und ich habe weder eine weissagende Kristallkugel, noch kann ich sonstwie Gedanken lesen. Dann lieber einen unverbindlichen Anruf oder eine Karte getätigt, wenn zu befürchten steht, dass der oder die Beschenkte unter Umständen seine Mülltonne auf- und nach nur geringfügiger Zwischenaktion wieder zuklappt. Auch ich fand Geschenke an mich schon nicht ganz so gelungen, aber ich hätte niemals übers Herz gebracht, derart burschikos zu handeln. Im Leben nicht.

Ich habe ja leider keine Kinder, aber ich finde liebenswert, wie Eltern auf Geschenke ihrer noch kleinen Kinder reagieren, obwohl die unter Umständen nicht ganz mit dem konform gehen, was die Eltern schön, hübsch oder ansprechend finden. Die Kinder bemühen sich doch so! 😊

Durch ein Gespräch mit betroffenen Elternteilen angefixt, machte ich mir Gedanken darüber, mit was meine Schwester Stephie und ich meine Eltern denn so beglückt hatten…

Zuallererst fiel mir ein, wie ich meiner Mutter als noch ziemlich kleines Kind mal etwas geschenkt hatte, an dem mein Herz hing. Keine Ahnung, wie alt ich da war. Auf alle Fälle noch ziemlich klein, und ich sammelte damals kleine Kunststofftiere. An einem hing ich besonders: Ich gestehe, ich hatte es weder gekauft, noch geschenkt bekommen, sondern irgendwo auf der Straße gefunden, aber ganz liebevoll mit Seife und warmem Wasser abgewaschen, nachdem ich es gefunden hatte: Es sollte wohl einen Kolibri darstellen, und der vorherige kleine Besitzer hatte auf dem langen Schnabel des verblassten Tieres massiv herumgekaut. Lange vor dem Geburtstag meiner Mutter hatte ich es aufgelesen und grundgereinigt. Und da das gefundene Tier so armselig aussah, wuchs es mir besonders ans Herz – der arme, kleine (völlig unbelebte) Wicht! Er sah so bedauernswert aus, dass ich ihn besonders in mein Herz schloss. Und dann kam der Geburtstag meiner Mutter…

Ich glaube, der angenagte Plastikvogel erfreute ihr Herz nicht so, wie meines blutete, das Tier abzugeben, und das in vertrauenswürdige Hände. 😉 Niemals hätte ich ihn an irgendjemanden abgegeben! 😉 Er sah derart hilfsbedürftig aus, dass ich nur eine Person wusste, die ihn so schätzen würde wie ich – meine Mutter. Ich gab ihn extrem ungern ab. Da war ich aber wirklich noch ziemlich klein (vier Jahre alt 😉 ).

Ein Jahr später – Weihnachten war in nicht allzu weiter Ferne, und Stephie und ich überlegten angestrengt, worüber unsere Eltern sich wohl freuen würden. Stephie war die Organisatorin, ich die Zeichnerin. Einen Bauernhof aus Pappe und Papier beabsichtigten wir, zu erstellen – unsere Eltern würden sich nicht nur wahnsinnig über das sinnvolle Geschenk freuen, sondern auch von allen anderen Eltern beneidet werden! 😉 Auf einer etwa DIN-A2 großen Pappe sollte der vom Grunde her völlig zweidimensionale Bauernhof errichtet werden, und Stephie malte mit Plakafarbe, einer Kasein- bzw. Kasein-Tempera-Farbe, die genauso riecht wie das, woraus sie partiell besteht und die genauere Bezeichnung schon sagt, Weide- und Stall- wie auch Hausfläche eindimensional auf. Man musste das Ganze nach jedem Malvorgang recht lange trocknen lassen, wobei die Papp-Grundlage stets gefährliche Wellen schlug. 😉 Zumindest ich ging während des Herstellungsprozesses stets mit sorgenzerfurchter Stirn zu Bett. Hoffentlich würde die Grundlage des wunderbaren Geschenks standhalten!

Endlich war das „Fundament“ fertig – nun konnte es an die Ausstattung gehen: Kühe, ein oder zwei Pferde, diverse Schweine, Hühner, Enten und Gänse. Und natürlich ein Hund und eine Katze!

Da ich zeichnerisch stets etwas gewandter als Stephie war, war dies mein Part, und so zeichnete ich voller Eifer und als hätte ich einen bezahlten Auftrag nebst Abgabetermin Kühe und andere Tiere mit Filzstift und in den jeweils passenden Farben möglichst so sparsam auf diverse DIN-A4-Blätter Zeichenpapiers, als würde ich Plätzchen aus ausgerolltem Plätzchenteig ausstechen. Unter jedes Tier musste ich ein Rechteck zeichnen, das dann mitsamt der Silhouette des Tieres ausgeschnitten wurde: die Standfläche des jeweiligen Tieres, die, Tisch- oder Platzkarten nicht unähnlich, dann – hier unter den Füßen des jeweiligen Tieres – in relativ spitzem Winkel umgeknickt wurde, auf dass das OEuvre standfähig sei. 😉

Ich zeichnete voller Überzeugung im Akkord. Die Schweine sind mir, glaube ich, besonders gut gelungen – sogar ein Wurf Ferkel war dabei. Meine Kühe waren – aus heutiger Sicht – das, was man im Englischen als poor bezeichnet – allesamt etwas mager, nahezu schwindsüchtig in der Erscheinung, und ihre Hörner sahen eher wie Fühler diverser Insektenarten aus. (Möglich, dass ich damals schon ahnte, dass die Hörner von Kühen Jahre später eine untergeordnete Rolle spielen würden, wobei niemand die zugehörigen Tiere nach ihrer diesbezüglichen Meinung gefragt hat.)

Während des Schaffungsprozesses wurde Stephie plötzlich von Zweifeln angefallen: Würden unsere Eltern sich über dieses mit Blut, Schweiß und Tränen angefertigte zweidimensionale Geschenk überhaupt freuen? Stand Vergleichbares in unserem Zuhause? Würden sie sich so etwas kaufen?

Sie äußerte diese leisen Zweifel laut. Ich protestierte. Nicht nur, dass wir kein Geld hatten, Kernseife zu kaufen, um daraus Tierfiguren zu schnitzen – eine weitere ganz sinnvolle Geschenkidee einer Freundin meiner Schwester, deren Eltern sich sicherlich an Heiligabend sehr über die holzschnittartig angefertigten Kernseifentiere freuten -, nein, ich hatte auch schon unzählige ganz unterschiedliche Tiere, teils mit Fühlern, gezeichnet! Und nun alles wegwerfen, und das ohne jedwede Alternatividee? Zumal man bedenken musste, dass wir auch immer nur nach dem Abendessen und vor dem Schlafengehen akkordartig arbeiten konnten und tagsüber die Gefahr der Entdeckung viel zu groß war? Nein! (Man muss einkalkulieren, dass ich vier Jahre jünger als meine Schwester bin, die damals 9 oder 10 Jahre alt war. 😉)

Der Bauernhof wurde fertiggestellt und schließlich gut versteckt. Stephie jedoch beschloss, im Ausgleich etwas „Erwachseneres“ herzustellen, und so bastelte sie eine Krippe. Zumindest den Stall, denn Krippenfiguren gab es bereits.

Und so bemalte sie das Unterteil eines Schuhkartons – der Deckel wurde nicht benötigt – mit Wasserfarben, genauer: in der Farbe Umbra. Innen wie außen. Aus dem Boden des Schuhkartons schnitt sie mühevoll mit einer Bastelschere ein Rechteck aus und klebte Transparentpapier in Rot von innen über das so entstandene rechteckige Loch. Ebenso mühsam, denn das Ding wollte zunächst nicht halten, klebte sie auch noch einen Stern aus Goldpapier oben an den Schuhkar…, nein, an die Decke der Krippe.

Nachdem alles gut getrocknet war, stellte sie den so entstandenen Stall in unserem damals zu zweit bewohnten Kinderzimmer vor ihrem Bett auf und die bereits vorhandenen Krippenfiguren hinein bzw. davor. Beleuchtete man die Krippe von hinten, sah es richtig schön aus.

Das Tagewerk erledigt, schliefen wir ein: Bauernhof fertig, Krippe fertig – Weihnachten konnte kommen! 😊

Doch es passierte Grauenhaftes: Meine Schwester hatte bisweilen einen etwas unruhigen Schlaf, und so sahen meine Eltern nach, ob alles in Ordnung war, bevor sie sich selber zur Ruhe betteten. Und an dem Tag sah mein Vater nach. Ich glaube, meiner Mutter wäre das nicht passiert, da sie besser wusste, dass wir Dinge öfter an Orten abstellten, wo sie besser nicht gestanden hätten… Lautes Knirschen weckte nicht nur meine Schwester, sondern auch mich auf: Mein Vater war in die Krippe getreten, die vor Stephies Bett stand! Der Stall völlig zerstört – Stephie heulte, ich saß betroffen da und sagte dann: „Die schöne Krippe!“

Stephie und ich stritten sehr häufig, aber da tat sie mir leid. Sie hatte mit solchem Eifer an der Krippe gearbeitet und war so stolz gewesen. Ähnlich stolz wie ich auf meine zweidimensionalen Bauernhoftiere. Und nun war alles dahin!

Mein Vater war auch völlig zerknirscht, und ihm tat es ebenso leid – noch heute sagt er: „Oooch, ja, das tut mir jetzt noch leid!“ Aber zum Glück fand sich noch ein leerer Schuhkarton, und wenn auch kein rotes Transparentpapier mehr vorhanden war, gab es doch immerhin orangefarbenes. Und so sah das Innere der Krippe, wenn man sie rückwärtig beleuchtete, auch nicht mehr aus, als befände sich die Jungfrau Maria mitsamt dem Jesuskind mitten in einem Puff, und das mitsamt Josef, der ohnehin schon irgendwie „gehörnt“ wirkte, bzw. den drei Heiligen Königen, die im Rotlicht ihre Waren, oops, Geschenke feilboten, davor auch noch Zuschauer in Gestalt von Hirten und diversem Getier. So wirkte es doch erheblich strahlender – aber Stephie und ich, denen die Bedeutung von Rotlicht damals noch nicht bewusst war, trauerten dem roten Transparentpapier hinterher. Wieviel schöner hätte das doch ausgesehen! 😉

Aber zumindest konnten wir mit unserem tollen Geschenk aufwarten, nachdem am Heiligen Abend das Glöckchen zur Bescherung geläutet hatte: Mühsam trugen wir unseren Bauernhof ins Wohnzimmer und bauten ihn dort auf – Stephie eher unsicher, ich ganz stolz.

Wenn ich heute daran zurückdenke, glaube ich, dass es um die Mundwinkel meiner Eltern zuckte, als sie das Machwerk sahen: Speziell bei den befühlerten Kühen zuckte es. Und Sekundenbruchteile herrschte Schweigen, was ich – ahnungslos, da noch klein – für atemlose Bewunderung hielt. Heute vermute ich, dass meine Eltern große Mühe hatten, die mit Gewalt hervorbrechen wollenden Lachanfälle zu unterdrücken, bis mein Vater schließlich sagte: „Och, sieh mal, Kathrin, die kleinen Schweinchen! Die sind ja niedlich, und so schön gezeichnet. Alilein, warst du das?“ – „Ja!“ rief ich stolz und ahnungslos, und ich verwies auch auf die viel schwieriger zu zeichnenden Kühe, die überdies allesamt recht große Euter hatten, ohne dass auch nur ein einziges Kalb in der Nähe zu sehen war (zu zeichnen vergessen – aber vermutlich waren die Kälbchen bei Ersatznahrung in das papierne Kuhstall-Gebäude gesperrt…). Meine Mutter, unfähig, ein Wort zu sagen, aber mit freudiger Attitüde, hielt sich eine Hand vors Gesicht, während mein Vater eine der Kühe hochnahm, die Standfläche mit zuckendem Antlitz betrachtete und sagte: „Das habt ihr aber schön durchdacht – die Tiere müssen ja auch stehen können. Sehr schön! Wo ist denn der Bauer? Und die Bäuerin?“

Oh! An die hatte ich gar nicht gedacht – ich hatte damals nur Tiere im Kopf. Immerhin hatte ich daran gedacht, einen Melkeimer zu zeichnen, in Rot und selbstredend auch mit einer – hier: quadratischen – Standfläche versehen. Keine Ahnung, wer die Kühe melken sollte – ich war wohl schon immer etwas wurschtig in der Ausführung. Aber daran hätte mich Stephie ja auch wirklich erinnern können!

Ich erinnere mich jedoch, dass meine Eltern dieses sehr nützliche Geschenk dennoch lange aufbewahrt haben und dass es über die Jahre immer wieder für gute Laune sorgte. Meine Mutter und ich lachen noch heute darüber, und sie sagt immer: „Was für eine Arbeit ihr euch gemacht habt!“ Und ich sage dann immer: „Ja, allerdings – und nützlich war es obendrein!“

Und dann lachen wir immer. 😊

Weihnachtsgeschenke

Dieses Jahr läuft Weihnachten anders als sonst. Denn ich habe inzwischen alle Geschenke parat – naja, mal abgesehen von einem Geschenk für eine Kollegin, die keines von mir erwartet. Und einem Nachtrag zum Geschenk für meinen Vater.

Dass sich die meisten Geschenke bereits verpackt auf dem Esszimmertisch befinden, liegt wohl nur daran, dass ich sie alle online bestellt habe. Was mich wirklich erstaunt, ist die Tatsache, dass sie binnen kürzester Zeit nicht nur versandt, sondern auch ausgeliefert waren. Wäre morgen Heiligabend, könnte ich völlig unbesorgt zu meinem Elternhaus fahren und hätte doch – fast – alle Geschenke dabei. Das ist mir in der Prä-Corona-Ära noch nie so gelungen. 😉

Das Geschenk für meine Schwester fehlt noch, aber das wird sicherlich am Montag bei meinem Arbeitgeber ankommen (hoffe ich zumindest). Und dass ich heute noch zwei Bücher bei einem weltbekannten Versandhandel nachbestellte, lag nur daran, dass ich erst gestern bzw. heute dazu angeregt wurde.

Denn mein Vater kennt The Great Gatsby nur vom Hörensagen – unglaublich! (Zumindest aus meiner Perspektive. 😉 ) Einer meiner Lieblingsromane aus den Roaring Twenties. Gehört zur Weltliteratur und zementierte meine seit früher Jugend vorhandene Begeisterung für diese Ära nur noch, obwohl er auf allzu emotionale Leser deprimierend wirken mag. Man sollte mit einer gewissen Distanz lesen und das Ganze realistisch sehen – oder zumindest stresserprobt sein und auch schwierige Zeiten wegstecken können. Die Zwanziger des letzten Jahrhunderts waren wohl nicht die einfachsten Jahre – die des jetzigen sind es offenbar auch nicht, wenn auch anders. 😉 (Nur war man in den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts offenbar weniger kompliziert und „verspannt“ – aber vielleicht scheint es auch nur so, denn da gab es ganz furchtbare Schicksale. Schlimmere als heute in Corona-Zeiten, obwohl sich nicht wenige Menschen hundert Jahre später gebärden, als sei derart Schlimmes noch nie auf die Menschheit eingeprasselt. Ich sage dazu nichts mehr – ich habe resigniert, seitdem mir definitiv klar geworden ist, dass die rationalsten Argumente bei manchen Menschen einfach nicht verfangen, da es ihnen schon an schlichtester Ratio zu gebrechen scheint.)

Ich bin seit früher Jugend ein Fan der Zwanziger des letzten Jahrhunderts, und ich habe zum Thema viel gelesen. Die Hintergründe sind mir bekannt, ebenso, dass diese Ära nicht die freudvollste gewesen sei, aber irgendwie hat das meinem „fandom“ keinen Abbruch geleistet. Und dabei geht es nicht nur um Mode – beileibe nicht. Für mich waren die Roaring Twenties immer irgendwie wegweisend, speziell emanzipatorisch. Ich wäre sicherlich ein hervorragender Flapper gewesen, der auf der Straße geraucht hätte, natürlich mit einer langen Zigarettenspitze. Aufmüpfig? Mitten in der Prohibition ins Speakeasy? Auch kein Problem. 😉

Und so war ich im Englisch-LK sehr begeistert von The Great Gatsby, auch wenn der Roman ein eher bedrückendes Bild zeichnet und böse und desillusionierend endet. Und mein Vater hat ihn bis dato nie gelesen – aber zumindest bekommt er ihn geschenkt. 😉 Neben einem Tischkalender mit wunderschönen Fotos und „Andersens Märchen“, die er als Kind immer erschreckend traurig fand, bekommt er nun auch noch den Großen Gatsby geschenkt. Mein Vater ist sehr belesen, aber diese Lektüre fehlt eindeutig, zumal er mich heute fragte, worum es in dem Roman eigentlich gehe. Ich erklärte es ihm und beschloss simultan: „Okay, eine kleine Erweiterung der Geschenke erfolgt bald.“ Immerhin hat er mir als Jugendlicher auch die gesammelten Werke Wilhelm Raabes geschenkt. Wenn er also F. Scott Fitzgerald nicht liest, kann ich es ihm nicht einmal übelnehmen. 😉
Kaum von meinem allwöchentlichen Ausflug zu meinem Elternhaus zurückgekehrt, bestellte ich für ihn den Roman auf Deutsch und für eine liebe Kollegin auf Englisch, mit der ich kürzlich auch darüber gesprochen hatte und die mir sagte, sie kenne das Thema nur vom Film mit di Caprios Leo. 😉

Nix gegen den Leo – ich mag den Schauspieler. Ich mag aber diese Verfilmung nicht, da sie mir völlig exaltiert erscheint, völlig überzogen, als würde mit dem Baseballschläger auch den Letzten noch eingehämmert werden, worum es gehe, und das auch noch völlig verzerrt. Völlig übertrieben. Der Roman an sich stellt dar, welche Leere bisweilen geherrscht habe, jedoch in diesem speziellen Falle auch eine übersteigerte, nahezu elisabethanische Idealisierung von Liebe, die einer eklatanten Oberflächlichkeit und Materialismus entgegenstand, und hält der damaligen Gesellschaft den Spiegel vor – das muss man doch nicht mit dem Vorschlaghammer völlig übertrieben darstellen. Es gibt eine Verfilmung aus den Dreißigern und eine von 1974. Letztere liebe ich heiß und innig, da sie der Atmosphäre des Romans am nächsten kommt. Die mit di Caprios Leo ist von den Bildern her toll, aber meinem Empfinden nach für Zuschauer, die einen Holzhammer und krasse Special Effects benötigen, damit der Groschen falle. Mich nervt die übersteigerte Darstellung dieser Verfilmung, die allein effekthaschend ist. Geht also gar nicht, wenn man den Roman kennt und mag, der an vielen Stellen zwar subtil ist, an manchen aber schon brutal genug auf so manches Manko hinweist. Da braucht es wahrlich keinen visuellen Holzhammer.

Ich bin gespannt, ob mein Vater ihn lesen wird. 😉 Ich weiß, er wird zumindest damit anfangen, da ich ihm dieses Geschenk gemacht habe. Gefallen wird er ihm ganz sicher nicht – aber dafür schenke ich ihn ihm auch nicht, sondern weil ich ihn für ein schönes Geschenk halte. Weil ich ihn schätze und hoffe, dass er genauso ankomme. Immerhin habe ich vor einiger Zeit sogar Wilhelm Raabe gelesen, nach so langer Zeit. 😉 Mein Fall ist es nicht, aber ich verstand, was mein Vater mir damit mitteilen wollte. Und dann eben vice versa genauso. Beide Autoren gesellschaftskritisch, wenn auch auf völlig unterschiedliche Weise. Schön, dass mein Vater und ich trotz aller Unterschiede an einem Strang ziehen – Gesellschaftskritik ist wichtig. Und wir beide mögen einander sehr, auch wenn wir verschieden sind. 😉

Weihnachten kann kommen. Zumal ich heute auch noch ein Geschenk für meine Kollegin Kerstin besorgt habe. Besser vor dem „harten“ Lockdown, der uns sicherlich ereilen wird. 😊

Endlich im A-Team ;-)


Der herkömmliche Montag war heute ein Dienstag.

Seit wir in zwei verschiedenen Teams und Schichten arbeiten, ist das öfter so. Nicht, dass ich am jeweiligen Home-Office-Tag – auch wenn Montag – weniger arbeitete als im Büro; nun beileibe nicht. Es fühlt sich trotzdem anders an, und so war mein „eigentlicher“ Wochenbeginn heute der Dienstag.

Dabei hatte ich gestern tüchtig rangeklotzt – nur eben nicht im Büro. Irgendwie kann ich mich trotz des letzten Dreivierteljahres nicht davon lösen, dass nur Arbeit am Ort des eigentlichen Geschehens – in meinem Falle Bürotätigkeit – echte Arbeit sei. Dabei arbeite ich zu Hause in der Tat meist mehr und länger. Wäre nur dieses Gefühl der Unsicherheit nicht – hoffentlich habe ich auch alles richtig gemacht und war aufmerksam genug!

Dieses Gefühl gipfelt bisweilen darin, dass ich – mein Handy klingelt, und eine mir unbekannte Nummer steht auf dem Display – um 20 vor 8 wie angestochen aus dem Bett hechte, stimmliche Übungen mache und ein paar Dissonanzen in die Gegend trällere, bevor ich den Anruf beantworte. (Bloß nicht so klingen, als wäre ich gerade der Bettstatt entstiegen! Und – zugegeben – die beiden Anrufe von 7:30 und 7:35 unter derselben Nummer ignoriert, obwohl Unruhe aufkam. Daher den Anruf von 7:40 unter derselben Nummer auch nicht mehr. Ich bin und bleibe ein „Telefon-Junky“, der es nicht erträgt, nicht zu wissen, wer da anruft. 😉 )

Natürlich im Esszimmer entgegengenommen, da ich dort den besten Empfang habe. (Als ich dies kürzlich einmal mehr tat, hätte ich mich kurz nach dem unerfreulichen Telefonat am liebsten selber links und rechts abgewatscht. Im Home-Office darf man, wenn man ab 9 Uhr Sprechzeit hat, um halb 8 durchaus noch im Bett liegen, zumal dann, wenn man auch in Präsenz erst um kurz vor 9 im Büro aufschlägt.)

Vor einer Woche gab es wieder die zweiwöchentliche Teamsitzung, die bis März dieses Jahres in Präsenz stattfand, seither per Videokonferenz. Und da verkündete unser aller Vorgesetzter, dass die Teams partiell wechseln müssten, da wir eine neue Kollegin haben, die mit meiner Team-B-Kollegin Gina eng zusammenarbeiten und obendrein eingearbeitet werden müsse. Die Folge daraus: Ich musste ins Team A wechseln.

Einerseits fand ich das sehr schade, und fast hätte ich gerufen: „Och nee, Gina! Jetzt können wir gar keinen Kaffee mehr zusammen trinken!“ Ich unterließ es aber, da es doof herübergekommen wäre und ich immerhin den Vorteil sah, dass ich nun meine Kolleginnen Saskia und Jana endlich einmal in natura wiedersehen würde. Und: Endlich war ich im A-Team! 😉 (Okay, verstehen auch nur die, die die 80er irgendwie miterlebt haben. 😉 )

Mein erster „A-Team“-Tag heute war zumindest schon einmal sehr nett. Auch wenn ich danach noch zum Zahnarzt musste, bei dem ich demnächst einen „Sinuslift“ und eine Implantation mitmachen muss und der mir erklärte, das koste mich etwa 3500,- Euro, da eine reine Privatleistung. Zum Glück habe ich meine Zahnzusatzversicherung.

Vielleicht fange ich aber doch wieder mit Lotto an. Oder ich aktiviere den Rest des A-Teams, dem Zahnarzt klarzumachen, dass das so nicht gehe. 😉

Immerhin sollen die folgenden dentalchirurgischen Aktivitäten – „Knochenauffüllung“ et al. – erst ab Mitte Januar stattfinden. Erst im neuen Jahr. Das liegt allerdings auch nur an meiner sehr energischen Intervention, denn wäre es nach meinem Zahnarzt gegangen, hätte das noch dieses Jahr stattgefunden – kurz vor Weihnachten. Da wurde ich allerdings wirklich sehr energisch, denn ich habe nach diesem in tutto gruseligen Jahr nicht auch noch Lust darauf, zu Weihnachten mit einer komplett verbeulten Visage nur Suppe oder breiige Speisen zu mir nehmen zu können.

Hat er auch direkt eingesehen – hat sicher gleich erkannt, dass ich dem A-Team entstamme. 😉