Im Hotel

Ich bin ja jemand, der durchaus gern reist. Ich fliege auch gern. Und ich mag auch das, was manche Menschen gar nicht so gern mögen: Ich wohne gern im Hotel. Nix gegen Camping-Urlaub – auch das macht mir viel Spaß, aber wenn man ein schönes Hotel mit nettem Team hat, ist es eben auch schön.

Man steht morgens auf, geht unter die Dusche, macht sich zurecht und geht frühstücken. Für die Zubereitung des Frühstücks sind andere verantwortlich, anders als sonst muss man sich den Kaffee oder Tee nicht selber aufbrühen, nein, er wird einem an den Tisch gebracht. Nicht, dass es eine allzu große Zumutung wäre, sich einen Kaffee aufzusetzen, aber bei mir reicht es – bevor ich zur Arbeit fahre – meist nur zu einem Blick Richtung Kaffee- oder Teedose. Ich bin meist spät dran, zugegeben. 😉

Und so ist es richtig schön, sich hinzusetzen, ganz in Ruhe, der Kaffee wird gebracht, und man trinkt erst einmal eine halbe Tasse, bevor man sich ans Buffet begibt, auf dem sich im Optimalfall dann eine Vielzahl an Dingen befindet, die man – wenn man morgens eben nicht frühstückt – zu Hause eher selten hat.

Mir hat mal ein Zimmermädchen gesagt, ich sei ein sehr angenehmer Gast, da ich Duschhandtücher nicht bereits nach einmaliger Benutzung auf den Fußboden im Bad werfe, sondern zweimal benutze, das Badezimmer nicht komplett unter Wasser setze, sondern zusehe, kein unnötiges Chaos zu hinterlassen. Stattdessen hinterlasse ich in regelmäßigen Abständen ein Trinkgeld, zusammen mit einem freundlichen Schreiben und meinem Dank. Als ich Anfang Januar aus meinem Hotel in Bamberg ausgecheckt hatte und mit meinem Trolley Richtung Bahnhof aufbrach, begegnete mir das Zimmermädchen, das für den Bereich zuständig war, in dem mein Zimmer lag, und gerade auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz war. „Grrüß Gott!“ rief mir die junge Frau zu. „Ssie rreisen ab? Des is obba schod‘ – und des soggich fei ned weecha demm Drringgeldd. Ssie ssan fei immer sso frreundlich zu mei Kolleechinnen und mir g’wes’n – mancha Gäst‘ mooch mer hold lieber als annere.“ Ich rief zurück, ich käme sicherlich wieder vorbei, zumal es nicht mein erster Besuch dort gewesen sei, und sie wünschte mir eine gute Reise. Nett. 😊

Natürlich ist es immer wichtig, eine Unterkunft zu buchen, die nicht einem Horrorkabinett ähnelt, sowohl Einrichtung, als auch Mitarbeiter betreffend. Manchmal erlebt man ja durchaus unangenehme Überraschungen, zumal im Internet auf der Hotelbuchungsplattform die Fotos alle irgendwie viel freundlicher aussahen, als man arglos seine Buchung vornahm, stolz, einen echten „Schnapper“ getätigt zu haben.

Ich erinnere mich an eine Irland-Rundreise anno 2014. Ich liebe Irland. Immer, wenn ich dort bin, würde ich am liebsten gleich bleiben. Ich war mit Stephie unterwegs, und nach der Landung in Dublin fuhren wir zu unserer ersten Unterkunft in Blessington im County Wicklow. Die Hotelanlage lag gut versteckt im Grünen und war für Auswärtige gar nicht so einfach zu finden, da nur ein winziger Wegweiser, leicht zu übersehen, vorhanden war, an dem man so rasch vorbeigefahren ist. Auf dem Weg dorthin und nach meiner ratsuchenden Frage an einer Texaco-Tankstelle, wie man wohl hinkomme, begegneten uns mehrere ebenso ziel-, plan- und hilflos umherkreisende Autos, die wir dann später auf dem großen Parkplatz der Hotelanlage erneut trafen, als ihre Fahrer aufatmend dort einparkten. 😉

Eine tolle Hotelanlage übrigens – ein Golfresort. Sehr schöne Zimmer, sehr schöne Umgebung – alles grün. Nichts zu klagen, gutes irisches Frühstück, nette Mitarbeiter. Alles da, was man braucht, und ich schwöre, ich habe sogar das niedliche kleine Bügeleisen mitsamt niedlichem kleinen Bügelbrett benutzt, obwohl ich so ungern bügle. 😉 Ich war richtig traurig, als wir weiterfuhren. Ins County Waterford ging es, nach Dungarvan. Das Hotel sah bereits von außen so aus, als hätte es mal bessere Tage gesehen. Auf ins Abenteuer! Und schwungvoll parkte Stephie den putzigen Nissan Micra vor dem ehemals noblen Haus.

Schon beim Betreten merkte man, dass man hier bereits am Wasser war. Es roch durchdringend nach … Fisch. Gebratenem Fisch. Es roch wie gebratene grüne Heringe, und das im ganzen Hotel bis ins oberste Stockwerk. Einen Aufzug gab es auch nicht, und so schleppten wir unser Gepäck im Schweiße unserer Angesichter in den dritten Stock, umwabert von dem ein- wie aufdringlichen Fischgeruch. Immerhin war ich, als ich schließlich vor meiner Zimmertür stand, wohl schon so imprägniert, dass mir gar nicht mehr auffiel, dass es in meinem Zimmer ganz sicher auch nach Bratfisch roch. Der Vorteil des Zimmers: Es war recht hell, und wenn man aus den Fenstern sah, blickte man direkt auf das Ästuar, das sich jenseits der Straße, von der wir gekommen waren, ausbreitete. Öffnete man die Fenster, roch es weniger nach Bratfisch, dafür mehr nach Tang. Es klopfte. Stephie wollte sich mein Zimmer ansehen. Es schien ihr besser zu gefallen als das ihre, das ich dann kurz darauf besichtigte. Ich konnte sie verstehen. In ihrem Zimmer hätte ich garantiert Alpträume bekommen: Es war dunkel, das Bett sah aus, als würde man darauf eher aufgebahrt, und das Bad war ebenfalls nicht sonderlich ansprechend. Die Vorliebe für dunkle Farben zeigte sich auch hier: Die Badewanne hatte eine Verkleidung aus sehr dunklem Holz und erinnerte an einen Sarg. Schaudernd wandte ich mich ab. Stephie zeigte anklagend Richtung Fenster: „Hörst du die Lüftungsanlage, oder was das ist?“ Klar hörte ich sie. Man musste mindestens schwerhörig, wenn nicht stocktaub sein, um sie nicht zu hören. „Möchtest du tauschen?“ fragte ich großherzig, aber Stephie lehnte ab: „Danke, das ist nett, aber wir bleiben ja nur eine Nacht.“ Es klang wie die famous last words, und ich warf noch einen letzten zweifelnden Blick auf das monströse Bett, das den Anschein erweckte, als würde es jeden, der sich arglos hineinlegte, heimtückisch mit Haut und Haaren verschlingen. Wir machten erst einmal einen langen Spaziergang, auf dem ich mehrfach äußerte, sosehr ich Irland liebte: Hierher würde mich nicht so viel ziehen. Dann tranken wir noch zwei Bier und schlichen auf unsere Zimmer. Meines war in der Tat das bessere, wenn auch die Badezimmertür immer ein unheilvolles Quietschen und Knarren absonderte, wenn man sie öffnete – wie in einem Horrorfilm.

Nach dem Frühstück am nächsten Tag, eingenommen in einem relativ dunklen Frühstücksraum, reisten wir ab. Stephie meinte im Auto: „Wir sollten die Fenster öffnen, sogar hier im Auto stinkt es nach Fisch. Fandest du nicht auch, dass es heute früh im Hotel noch schlimmer danach roch als gestern? Meinst du, die frischen den Geruch täglich auf, weil es das Markenzeichen des Hotels ist?“ Ich vermutete, dass es sich um einen Bestandteil des Frühstücks handelte: kipper, gebratenen Bückling …

Und weiter ging es nach Cork, mit einem mehr oder minder kurzen Abstecher ins County Tipperary bzw. zum Rock of Cashel. Wir mussten uns danach ziemlich beeilen, nach Cork zu kommen (denn Stephie hat ein Faible für historische Monumente, und der Rock of Cashel ist in der Tat sehr beeindruckend, so dass unser Aufenthalt dann doch länger als geplant ausfiel).

Dort, in Carrigaline, bezogen wir ein relativ großes Hotel und bekamen je ein Vierbettzimmer … Das Hotel-Abendessen war aber gut, nur das dargebotene Wasser war Leitungswasser und stark gechlort. Dann doch lieber ein Weiß- (ich) und ein Rotweinchen (Stephie). Dafür war es in Cork am nächsten Tag richtig schön – die Sonne strahlte.

Von Cork aus ging es ins County Kerry, genauer: nach Tralee. Dort wartete das Hotel auf uns, das ich am gemütlichsten fand. Es war richtig „cosy“ dort, und Stephie und ich hatten einander gegenüberliegende Zimmer, die richtig nett und gemütlich eingerichtet waren. Gut, zu Hause würde ich mir solche Möbel nicht aufstellen, aber hier war es total gemütlich. Tagsüber fuhren wir durch die Gegend, besichtigten dies und das, fuhren über den Ring of Kerry – wunderschön. Ganze zwei Übernachtungen in diesem muckeligen Hotel mit total netten Angestellten und gutem Frühstück. Nur den Tee – in England, Schottland, Irland trinke ich meist Tee statt Kaffee, weil der Tee gemeinhin besser schmeckt – bekam ich nicht hinunter. Das Wasser, mit dem er zubereitet worden war, war so stark gechlort, dass sich in mir alles sträubte. Also doch Kaffee, und der war hervorragend und so gut, dass man kein Fitzelchen Chlor mehr durchschmeckte. 😉

Die erste Nacht war auch prima gewesen, und sehr erholt war ich aufgewacht. Die zweite Nacht, am nächsten Tag war mein Geburtstag, war dann … ganz anders. Noch heute vermute ich, es fand dort eine hen party oder etwas Vergleichbares statt: also ein Junggesellinnenabschied. Bis in die frühen Morgenstunden hatte ich den Eindruck, mein Zimmer befinde sich direkt über einem Großraum-Club, und die Bässe schienen das gesamte Zimmer in Schwingung zu versetzen. Sogar die Vorhänge zitterten. Dazu lautes Grölen und Johlen. Ich stopfte mir mein In-ear-Headset in die Ohren und übertönte das Ganze mit anderer Musik. Irgendwann muss ich erschöpft eingeschlafen sein.

Doch morgens um halb sieben riss mich mein Handy aus dem Schlaf. Was zum Henker … Es waren meine Eltern, die mir zum Geburtstag gratulieren wollten. Bei ihnen war es eine Stunde später. Ja, wieder ein Jahr älter – obwohl ich nach dieser weniger „cosy“ Nacht das Gefühl hatte, um mindestens zwei, wenn nicht fünf Jahre gealtert zu sein … 😉

Nach dem Frühstück – ich nahm wohlweislich gleich Kaffee – ging es weiter. Unsere nächste Station war ein kleiner Ort nahe Galway. In Galway selber hatten wir leider kein Quartier mehr bekommen – ausgerechnet in meiner irischen Lieblingsstadt. Aber der kleine Nachbarort hieß Claregalway, immerhin eine Gemeinsamkeit.

Und das war dann auch die einzige solche. Wir kamen in ein schmuckloses Kaff, das mich zu denken bewog: „Wenn ich zwischen Dungarvan und dem hier als Lebensmittelpunkt entscheiden müsste, würde ich mit fliegenden Fahnen nach Dungarvan rennen und dort um Asyl bitten.“ Es hatte etwas Deprimierendes an sich, dieses Claregalway. Und dabei hatte ich das Hotel nebst Zimmer noch nicht einmal gesehen!

Es war ein mittelschwerer Schock. Das Zimmer war nicht wirklich sauber, das Fenster ging zur Straße hinaus, und just unter meinem Fenster war eine Leuchtreklame in Pink, die in regelmäßigen Abständen auch noch blinkte! O Gott! Und nur so dünne Vorhänge … Das Zimmer wirkte so schmuddelig, dass ich am liebsten im Stehen geschlafen hätte. Als ich dann auch noch das Bad sah, beschloss ich, besser erst im nächsten Hotel wieder zu duschen. Immerhin blieben wir hier ja nur eine Nacht, dachte ich, als ich niedergeschlagen in die Dusche blickte: abgesprungene Fliesen, Haare vom Vor- oder gar Vor-Vorbewohner dieses Zimmers – und Schimmel. Nein, danke. Lieber notdürftig waschen. Nichts bekäme mich in diese Dusche, die auch noch über einen stockfleckigen Duschvorhang verfügte. Wenn ich badtechnisch eines hasse, speziell in Hotels, sind dies Duschvorhänge. Die machen oft einen versifften Eindruck und haben während des Duschens die unschöne Angewohnheit, sich ganz anhänglich an die Beine oder sonstwohin zu schmiegen. Iih!

Irgendwie zog mich das Ganze so herunter – zumal Stephie aus Zeitgründen auch Galway aussparen wollte, obwohl sie gemeint hatte, an meinem Geburtstag dürfe ich mir aussuchen, wohin wir fahren würden -, dass ich auf das Bett sank und in Tränen ausbrach. Das ist sonst gar nicht meine Art, aber hier passierte es. Blöd, dass just da meine Patentante anrief, die mir zum Geburtstag gratulieren wollte. Ich riss mich zusammen und meldete mich einigermaßen normal. Als sie aber dann fragte: „Na, ist es denn schön dort? Erzähl doch mal – was macht ihr denn heute noch Schönes?“, ließ ich meinen trüben Blick über die Einrichtung des Zimmers schweifen. An einer unsagbar kitschigen Nachttischlampe, die in allen Farben schillerte, ebenso schillernde Fransen hatte und meines Erachtens nur ein Trostpreis einer Kirmes-Losbude gewesen sein konnte, blieb er hängen, und schon plärrte ich erneut los. Meine Tante war schockiert: „Alichen, was ist denn los?“ – „Ach, nichts, es ist nur so furchtbar hi-hi-hier …“ – „Aber du hast dich doch so auf Irland gefreut!“ – „Aber nicht auf das hier …“, schluchzte ich. Doch ich riss mich schnell zusammen und schilderte meiner Tante, dass Claregalway nun mal nicht Galway sei und dieses Hotel einfach gruselig und schmuddelig. Und dann nicht einmal nach Galway, weil Stephie auf dem Weg von Tralee hierher so viele Kirchen und sonstige Bauwerke wie Souvenirläden gesehen hatte, die sie unbedingt besuchen wollte, dass nun für Galway keine Zeit mehr sei. Und das Ganze auch noch ein Jahr älter – irgendwie hatte mich all dies in Kombination umgehauen, nachdem ich die Alternative zum Besuch Galways in Gestalt des Hotelzimmers gesehen hatte. 😉

Immerhin war ich dann später in der Lage, zwei, drei Bier auf meinen Geburtstag zu trinken. Mit geröteten Augen. Und am nächsten Tag waren wir dann immerhin noch drei Stunden in Galway, bis es weiter ging.

Genauer: ins County Mayo, nach Belmullet, das auf Irisch Béal an Mhuirthead heißt und etwa 950 Einwohner hat. Und doch so ein großes Hotel! Man konnte sich glatt darin verlaufen, vor allem ich, die ein Zimmer in einem weiter entfernten Gebäudetrakt hatte, wo ich zuallererst unter die Dusche stürzte. Stephie bekam ein Zimmer mit einem normalen Bett, während ich in einem riesigen Zimmer mit vier Betten residierte. Mit Blick auf das hoteleigene Kinderschwimmbecken, das in einem Nebengebäude lag. Neben dem großen Pool. (Ich erzählte einem Freund, der anrief, um mir nachträglich zu gratulieren, ich blickte von meinem Hotelzimmer aus direkt aufs Wasser … 😉)

Frühstück gut, die Bar abends auch gut – ansonsten sehr viel Torfmoore, Wasser, Gegend und Gelegenheit zum Wandern. Es war doch etwas einsamer in dieser Gegend des Countys Mayo, und trotzdem mochte ich es. Auch das Hotel – es war ganz anders als das in Claregalway, auch wenn ich mich in meinem riesigen Zimmer etwas verloren fühlte. 😉

Drei Tage blieben wir in Belmullet. Stephie meinte, vielleicht hätten wir besser drei Tage in Tralee bleiben sollen – ich glaube, sie fand es im County Mayo etwas sehr einsam … 😉 Dann fuhren wir zurück gen Dublin, sahen uns Ballina an, was schnell ging, besichtigten unterwegs noch einiges, tranken Tee in verschiedenen tea rooms und langten schließlich in Dublin an, wo wir die letzte Nacht in einem sehr großen Hotel in Flughafennähe verbrachten. Da gab es rein gar nichts zu bemängeln, nur war es halt etwas „steril“. Aber besser das als so etwas wie in Claregalway … 😉

Mein Lieblingshotel in Irland befindet sich natürlich in … Galway. Da habe ich damals während einer Dienstreise gewohnt, und es war so hübsch verwinkelt. In den wenigen Tagen habe ich sogar einen Zimmerwechsel mitgemacht und mich eindeutig verbessert: größeres Zimmer, gemütlicher noch als das erste, mit Badewanne. Da ich im November dieses erste Mal in Galway und es draußen kalt war, habe ich das damals gleich ausgenutzt und ein schönes Bad genommen. Und da hat mich dann nicht einmal gestört, dass aus der Wasserleitung auch das eine oder andere Stückchen Torf kam. Wenn ansonsten alles stimmt, kann einen auch Torf im Badewasser nicht schrecken. 😉

Ich liebe diese individuellen Hotels – Hotelketten, wo jedes Zimmer gleich aussieht, egal, ob in Sydney oder München, sind auch nicht so mein Ding.

So, und jetzt haben wir den Salat: Ich habe Fernweh. Und das in Zeiten von Corona … 😉

Über Missverständnisse

Ich gebe zu, nicht der geduldigste Mensch zu sein. En gros war ich bis dato aber eher ungeduldig mit mir selber. Inzwischen bin ich allerdings mit mir selber gar nicht mehr so ungeduldig. Eher mit dem „Umfeld“.

Die Situation ist derzeit bescheiden – keine Frage. Warum manche derzeit aber derart bescheuert und ungeduldig reagieren, ist mir dennoch nicht klar. Und ich staune darüber, wie viele Mitmenschen davon sprechen, dass wir unter „Quarantäne“ seien. Ich mache mir Sorgen um die Allgemeinbildung – das allerdings auch nicht erst jetzt.

Viele Menschen sprechen derzeit von Quarantäne, wenn sie diese Kontaktsperre meinen, die wir seit einiger Zeit durchmachen. Eine echte Quarantäne ist etwas ganz anderes.

Ich war als dreijähriges Kind einmal ein echtes Quarantäne-„Opfer“. Mehrere Wochen lang, nicht nur maximal zwei. Diverse Wochen vor Weihnachten mit unklarem Befund ins Krankenhaus eingeliefert worden. Aus Übereifer des diensthabenden Chef-Chirurgen meines Appendix beraubt, danach dann die Diagnose Paratyphus. Anschließend isoliert. Immerhin durften Mama und Papa mich besuchen, wenn sie Kittel und Mundschutz wie Handschuhe trugen. Niemand anderes durfte mich besuchen, und die Tür meines Krankenhauszimmers ließ sich nur von außen öffnen.

Heiligabend wurde ich entlassen. Laut Krankenhaus seit einer Woche negativ getestet, aber das Gesundheitsamt war misstrauisch. Die wollten, dass ich noch länger im Krankenhaus bleiben sollte, und nur dem Einsatz eines Arztes des Krankenhauses und meiner Mutter ist zu verdanken, dass ich an jenem Heiligen Abend entlassen wurde. Ich erinnere mich übrigens heute noch daran, wie Schwester Felicitas mich in den Arm nahm und mir eine weihnachtliche Tüte mit Süßigkeiten in die Hand drückte und sagte: „Mach’s gut, Kleine – du bist gesund!“ und wie wir dann durch das Foyer liefen und dann endlich im Auto saßen. Und obwohl ich noch so klein war, wurde mir damals schon einigermaßen klar, dass es Dinge gebe, gegen die im Zweifel nicht einmal die eigenen Eltern ankommen, nachdem ich die Erleichterung in den Gesichtern meiner Mutter und meines Vaters gesehen hatte. Nach dem zuvor erfolgten erleichterten Entlassungsgespräch mit Arzt und Schwestern.

Und so war ich total glücklich, wieder in mein gewohntes Umfeld zu kommen – vor allem am Heiligen Abend! Ich kann mich sogar noch an zwei Geschenke erinnern, die ich just da bekommen habe. Eines besitze ich heute noch: einen Steiff-Teddybären von meinem Onkel Christoph. 😊 Das zweite war ein „Bausatz“ von Lego.  Den habe ich – lange gesund – mit allen anderen Legosteinen, die ich besaß, anderweitig verbaut. 😉 Den Teddy besitze ich heute noch, obwohl er nicht mehr brummen kann. Seine Stimme hat er schon lange verloren. 😉

Was ich nie vergessen habe, waren die Wochen nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus. Ich war einfach nur froh, wieder bei Mama und Papa zu sein – und sogar bei meiner Schwester. 😉 Mir war zunächst nicht klar, was damit verbunden war. Ich wunderte mich damals allerdings nicht nur darüber, dass ich meine Hände nach dem normalen Waschen in einer Lösung baden musste, die ekelhaft roch. Den Namen „Sagrotan“ habe ich nie vergessen, ganz zu schweigen von dem Geruch,  und ich fühlte mich schon als Kind irgendwie schuldig, dass jeder, der mit mir zu tun gehabt hatte, seine Hände in diesem ekelhaften Zeug baden musste.

Was aber noch krasser war, war die Tatsache, dass regelmäßig Stuhlproben abzugeben waren. Von der ganzen Familie. Glücklicherweise hatten wir damals einen sogenannten Flachspüler. 😉 Und mehr oder minder regelmäßig kam ein „Inspektor“ vom Gesundheitsamt, sich davon zu überzeugen, dass die Quarantänemaßnahmen in meiner Familie eingehalten würden. Die waren derart gelagert, dass zwar meine Eltern das Haus für Arbeit und Einkaufen verlassen durften, meine Schwester und ich aber nur in unserem Kinderzimmer bleiben sollten. Und das Zugeständnis an meine Eltern – Arbeiten und Einkaufen – auch nur unter der Voraussetzung, dass dann eben Proben eingesammelt werden würden. Und nicht nur das – ich glaube, meine Mutter hat damals jeden Tag mindestens einmal die Waschmaschine anwerfen müssen. Ganz zu schweigen von dieser Sagrotan-Maßnahme. Ich weiß nur, dass ich damals ein schlechtes Gewissen hatte – das geschah alles meinetwegen. (Und danach war ich auch nicht mehr im Kindergarten …) 😉

Regelmäßig kam Herr Fischer-Voor zu uns. Ein freundlicher Mensch, und er war eigentlich ziemlich cool. Während meine Mutter die vier in adäquate Vorrichtungen gefüllten Stuhlprobenbehältnisse noch in einer Extrapackung in Gestalt einer Plastikverpackung verstauen wollte, sagte Herr Fischer-Voor nur: „Nein, alles okay!“ und steckte sich die vier Proben relativ „nackt“ völlig ungerührt in die Tasche seines Jacketts. Das Gesicht meiner Mutter werde ich nie vergessen! 😉

Herr Fischer-Voor war im Grunde immer pünktlich, und wenn er seinen Besuch angekündigt hatte, erreichte er meine Familie auch immer so, wie sie zu erreichen war, ganz nach Vorgabe. 😉

Nur einmal kam er unangekündigt. Da tobten Stephie und ich, die wir gemäß Vorgabe des Gesundheitsamtes nicht nur das Haus, sondern sogar das Kinderzimmer nicht verlassen durften, mit Mama, die meinte, man könne Kinder doch nicht wochenlang in ein kleines Zimmer sperren (so die Vorgabe des Gesundheitsamtes: „Die Kinder dürfen das Kinderzimmer nicht verlassen!“), laut lachend quer durch die Wohnung, als es an der Tür klingelte. Mein Vater öffnete die Tür, und ich habe ihn nie wieder so laut und vermeintlich freudig den Besucher an der Tür begrüßen hören. 😉 So laut, dass auch Mama, Stephie und ich das hören konnten. Und sofort waren wir stumm, während wir meinen Vater sagen hörten, dass die Kinder leider gerade schliefen, als Herr Fischer-Voor angab, nachsehen zu wollen, ob die Kinder auch brav in ihrem Zimmer seien … Mein Vater hat irgendwie geschafft, dem Gesundheitsamt-Inspektor die vier Proben auszuhändigen, ohne dass dieser noch darauf bestand, „nach dem Rechten“ zu sehen. Mein Vater behauptete hinterher, es sei hart an der Grenze gewesen, gab allerdings auch zu, der Inspektor habe gegrinst. 😉

Ich habe das nie vergessen, denn das war einschneidend. In der Tat wurde man überwacht. Was mich derzeit stark verwundert, ist die Tatsache, dass es Menschen gibt, die sich allen Ernstes einbilden, unter Quarantäne zu stehen, obwohl doch nur eine Kontaktsperre besteht. Die finde ich auch unangenehm, da ich – unter anderem – meine Eltern nicht besuchen kann oder darf. Aber eine echte Quarantäne ist das nicht. Das ist noch viel krasser. 😉 Und so verstehe ich auch das vielerlei anzutreffende „Geheul“ nicht. Liebe Leute – ihr habt keine Ahnung, was Quarantäne wirklich bedeutet. 😉

Bleibt gesund und munter! 😊

„Ali the Kid“ ;-)

Letztes Wochenende ließ sich eigentlich ganz normal an nach der inzwischen als normal akzeptierten Arbeitswoche. Wir arbeiten inzwischen in Wechselschicht: den einen Tag im Büro, den nächsten zu Hause, modern Homeoffice genannt – auch so ein „schöner“ Anglizismus. 😉 Denn das Home Office ist in Großbritannien das Innenministerium. In amerikanischem Englisch der Hauptsitz eines Unternehmens. Wahrscheinlich daher die im deutschen Sprachgebrauch übliche Zusammenschreibung. 😉

Nach zwei Wochen im Wechsel und nach zwei Wochen, in denen ich zwischen GE und dem Wohnort meiner Eltern mehrfach hin und her raste, um für sie einzukaufen, da ich nicht will, dass sie in den Geschäften herumturnen, ereilte mich am Samstag etwas, das mich normalerweise niemals derart in Unruhe stürzen würde: Ich hatte Halsschmerzen. Echte Halsschmerzen, nicht etwa Halskratzen, wie Ex-Kollege Birger es genannt hätte.

Ich beschloss, das Ganze zunächst zu ignorieren, verließ aber vorsichtshalber das Haus auch nicht.

Am Sonntag litt ich sowohl unter Hals-, als auch Kopf- und Gliederschmerzen. Alles normal bei einem grippalen Infekt. Doof nur, dass ich gedacht hatte, die Erkältungssaison längst hinter mir gelassen zu haben. Im Laufe des Tages 37,8°C Temperatur – war am Tag davor höher und knapp jenseits der 38°C gewesen – 38,2°C.

Am nächsten Morgen – inzwischen nur noch 37,6 Grad und Homeoffice-Tag – rief ich lieber bei der Arbeit an und fragte, wie hier vorzugehen sei. Nachdem ich bereits meine Hausärztin zu erreichen versucht hatte. Kein Durchkommen – dauernd besetzt.

Mein Vorgesetzter meinte, ich solle zunächst und auch am nächsten Tag zu Hause bleiben und von dort arbeiten, bitte aber auch noch meinen Hausarzt anrufen. Auf keinen Fall am nächsten Tag mit den genannten Symptomen zur Arbeit kommen. Leuchtete ein, und meine Team B-Kollegin Gina will ich ganz gewiss nicht mit irgendetwas anstecken, was auch immer es sei. 😊

Gegen 15 h erreichte ich jemanden in der Praxis. Die sehr nette junge Dame fragte nach meinen Daten und nach meinen Symptomen. Ihre Stimme klang dabei zunächst völlig normal. Doch nachdem ich ihr die Symptome aufgezählt hatte, nahm die Stimme plötzlich einen recht schrillen Ton an, und sie schrie: „Frau B. – Sie dürfen die Praxis nicht betreten!“ Ja, das wusste ich theoretisch auch schon. Ebenso theoretisch hatte ich dafür absolutes Verständnis gehabt – war ja auch völlig logisch.

In der Praxis (damit ist keineswegs die des Arztes gemeint, die man ja nicht betreten darf) und wenn einem das höchstselbst gesagt wird, fühlt sich das auf wundersame Weise und ganz plötzlich ganz anders an. Egal, was es ist: Ab in die Leprastation am ganz anderen Ende des Dorfs! Dahin, wo niemand hingehen will. Sorry, ich weiß, wie geschmacklos das klingen mag, aber exakt so fühlte sich das an. Ich wurde direkt und am Telefon aus dem Verkehr gezogen. Als ich sagte, dass ich niemanden hätte, der die AU abholen könne, sagte man mir hektisch, man würde sie mir schicken – bis heute nichts da.

Immerhin hatte man mir noch gesagt, ich dürfe auf gar keinen Fall zur Arbeit gehen. Und ich solle bitte die Wohnung am besten gar nicht verlassen. Ich fragte noch, ob man mir nicht etwas verschreiben könne, woraufhin ich die Antwort bekam: „Wir verschreiben doch nichts! Nehmen Sie halt die Mittel, die sonst bei grippalem Infekt und Bronchitis helfen – die helfen dann am ehesten auch bei Corona!“

Ehrlich gestanden: Danach war ich doch ein bisschen schockiert. Mich schockte nicht die Aussicht, in der Wohnung bleiben zu müssen, denn ich habe als Kind schon eine mehrwöchige echte Quarantäne erleben müssen und habe sie überlebt. Eigentlich war ich schockiert darüber, dass man so schrill und schnoddrig reagierte. (Auf der anderen Seite und nach dem ersten Schrecken war mir dann auch klar, dass die arme Frau sicherlich an diesem Tag wie vielen Tagen zuvor schon -zig Anrufe dieser Art angenommen hatte. Im Grunde kenne ich Ähnliches ja selber. Schön war es trotzdem nicht.)

Immerhin teilte mir die Dame noch mit, dass ich umgehend anrufen solle, wenn es schlimmer werden würde. Nun, immerhin. (Allerdings fragte ich mich, was dann wohl passieren würde: Fernheilung per Telefon? Oder würde man mir gleich eine Abordnung des zuständigen Gesundheitsamtes schicken, die in Schutzanzügen ankommen und mich in Frischhaltefolie gewickelt in einen Sonder- und Isolier-Krankenwagen schaffen würde, dessen Türen sich nur von außen öffnen lassen? 😉)

Danach telefonierte ich mit meinem Chef, der meinte: „Wenn du irgendetwas brauchst, sag Bescheid, Ali! Dann fahre ich los, bringe es zu dir und stelle es dir vor die Tür – und das meine ich absolut ernst! Mach dir keine Sorgen! Ruf mich einfach an – ich meine das ernst.“ Das fand ich total klasse. 😊

Danach durchforstete ich meinen Badezimmerschrank, wo ich auch Medikamente ablege. Nur noch geringe Vorkommen derjenigen, die gegen Bronchitis und sonstige Erkältungserscheinungen helfen. Was jetzt? Meinen Chef anrufen?

Nein. Ich zog meine Jacke an, wickelte mir einen langen Webschal zweimal um den Hals und zog ihn dann doppelt über Mund und Nase. Billy the Kid hätte mich sofort engagiert! Ich sah echt cool aus. 😉

Die nächste Apotheke ist nicht weit entfernt. Auf dem Weg dorthin hielt ich mich von entgegenkommenden Leuten fern, nahm sogar einen kleinen Umweg. Am Eingang der Apotheke ein Riesenschild: „Bitte betreten Sie die Apotheke nur, wenn weniger als drei Kunden darin sind!“ Ich spähte hinein: Die Apotheke war leer, und ich öffnete die Tür und ging hinein.

Der Apotheker, der an den mit Plexiglas von den Kunden abgeschotteten Tresen trat, rief trotz meiner Maskerade nicht die Polizei, und ich zog rasch den Schal hinunter und rief: „Bronchipret, Bronchoforton und ein digitales Fieberthermometer, bitte!“ (Mein eigentliches Thermometer hatte ich kurz zuvor unwiederbringlich zerstört, indem ich mich draufgesetzt hatte.)

22 Euro bezahlte ich und eilte maskiert nach Hause zurück, froh, dass mir im Hausflur niemand begegnete, denn ich ähnelte wirklich einem Outlaw und hatte keine Lust auf Erklärungen.

Die letzten Tage ab 8 Uhr Arbeit von zu Hause. Morgens immer alles prima und konzentriert immer bis Mittag bzw. bis zum frühen Nachmittag. Dann kam immer der Typ mit dem Baseballschläger …

Will heißen: Ab Mittag/frühem Nachmittag ereilte mich stets eine Art Rückfall. Ab dann Fieber, massive Gliederschmerzen, Kopfschmerzen – seit Montag jeden Tag das Gleiche. Seit Dienstag auch noch Husten, aber ganz anders als bei einer Bronchitis.

Testen will mich trotzdem niemand, obwohl ich am Mittwoch telefonisch in meiner Hausarztpraxis nachfragte. Es hieß nur: „Nein, Frau B. – das ist nicht vorgesehen, und das wird auch nicht gemacht. Nehmen Sie einfach nur die Medikamente, die Ihnen bei einem grippalen Infekt helfen.“

Vermutlich werde ich auch die kommende Woche durchgängig von zu Hause aus arbeiten müssen, wenn es so weitergeht, denn richtig gut geht es mir wirklich nicht. Ganz toll! Ich hätte auch nie damit gerechnet, dass ich je sagen würde, dass mir das Büro fehle!

Tut es aber. Da habe ich nicht nur Zugriff auf die notwendigen Akten, nein. Da sitzt im Nebenbüro jemand, mit dem ich – natürlich mit Sicherheitsabstand – wunderbar quatschen und ein Käffchen trinken kann. Ich sage nur: Team B rules! Immerhin habe ich meine Team-B-Kollegin Gina heute bei unserer Team-Videokonferenz gesehen, und nachdem ich mich angemeldet und eingeklinkt hatte, winkte sie auch schon begeistert und schrie: „Hey, Ali! Hoffentlich bist du bald wieder im Büro! Ich hab‘ zwar gut zu tun – aber ganz allein ist es doch doof! Werd‘ schnell gesund, Trulla!“ Ich lachte und hustete direkt – Gina darf „Trulla“ zu mir sagen. Ich weiß, wie sie es meint, und ich würde sie umgekehrt ebenso ungestraft so nennen dürfen. 😊

Corona geht mir auf den Senkel – jetzt fangen meine qua „Hausarrest“ massiv unterforderten Eltern schon aus Langeweile an, Masken zu nähen, die Mund und Nase bedecken, von denen meine Mutter meinte: „Besser als nix!“ Zwei davon haben sie heute an mich geschickt – total lieb, und darüber freue ich mich auch. Gespannt bin ich, wie lang meine Haare wohl gewachsen sein werden, wenn gefahrlos die Restriktionsmaßnahmen, in Teilen durchaus zu begrüßen, zurückgefahren werden und man wieder zum Friseur gehen kann. Ich habe den Eindruck, meine Haare wachsen derzeit besonders drastisch, und eine meiner Kolleginnen meinte heute bei der Videokonferenz: „Ich wusste gar nicht, dass du so relativ dunkle Haare hast, Ali!“ Tja … 😉 Immerhin: dunkel. Nicht grau. 😉

Euch alles Liebe und Gute – und erkältet Euch nicht oder werdet sonstwie krank! Das ist immer unangenehm, im Moment aber so richtig doof.

Ich weiß, wovon ich spreche. 😉

„Bella ciao!“

Es ist erstaunlich, welche Auswirkungen die Corona-Krise hat. Ich rase seit kurzem jede Woche nach D. und kurz darauf wieder zurück nach G., nachdem ich den Wocheneinkauf für meine Eltern vor deren Haustür gestellt und gewartet habe, dass sie diesen aus dem Mehrweg-Einkaufskarton geholt haben, den ich dann wieder in Montys Kofferraum stelle. Sie legen Geld in den Karton, auch mal einen Brief, den ich in den Briefkasten werfen soll. Sie – immer sehr selbstbestimmt – finden zum Kotzen, dass sie nunmehr zu Hause bleiben sollen, und ihnen wie mir ist klar, dass sie irgendwann sterben werden – aber bitte nicht so, nicht an diesem Virus!

Ich könnte losheulen, wenn ich sie da in der Tür stehen sehe. Ich kann sie nicht einmal in den Arm nehmen, kann sie nicht drücken, nur so gut einkaufen, wie es eben möglich ist. Letzten Samstag war ich zur rechten Zeit am rechten Ort und habe das letzte Stück Tafelspitz ergattert – ich glaube, so stolz war ich zuletzt am Tage meines Uni-Examens. Sie geben mir Geld, das ich eigentlich gar nicht haben möchte. Aber sie sind korrekt, und so kaufe ich von meinem Geld immer ein paar kleine Dinge, von denen ich hoffe, dass sie sich darüber freuen. Auseinanderrechnen muss ich es anschließend, denn beim allerersten Einkauf, bei dem ich ihren und meinen Einkauf bereits an der Kasse trennen wollte, stellte ich fest, dass es nicht gut möglich sei, da immense Hektik im Supermarkt herrschte.

Man besinnt sich in dieser Krise auf die wirklich notwendigen Dinge – und doch kann man ein bisschen „Luxus“ dazupacken. Denn vom Luxus gibt es nach wie vor reichlich. Weniger dann von wirklich wichtigen Dingen. Ich habe am Samstag auf der Rückfahrt von D. tanken müssen. Im Tankstellen-Shop sah ich ein Achterpack Toilettenpapier bei den Hygieneartikeln, wie es politisch korrekt heißt. Klopapier! Ein ungewohnter Anblick, zumindest im Verkauf! Da mein Bestand empfindlich zur Neige ging, stürzte ich mich – zu meinem eigenen Schrecken – wie ein Aasgeier darauf und sagte zur Verkäuferin noch mit annähernd fassungs- und schier atemlosem Timbre: „Klopapier!“ (In etwa so ähnlich, wie Verdurstende mit letzter Kraft: „Wasser …“ absondern. Ich schämte mich auch sogleich.) Sie lachte und sagte: „Ja, greifen Sie schnell zu! Es sei denn, Sie hamstern! Das finde ich nämlich abstoßend!“ – „Ich auch! Nein, ich hamstere nicht – ich finde das massiv unsozial, und ich möchte nur diese acht Rollen, weil ich selber nur noch wenig habe. Ich würde sogar teilen!“

Ich habe für acht Rollen zweilagiges „Nein!“-Toilettenpapier 3,99 € bezahlt! Aus purer Verzweiflung. Hätte man mir das vor zwei Monaten gesagt, hätte ich gönnerhaft grinsend mit meinem Zeigefinger gegen meine Stirn getippt. Als ich den Tankstellen-Shop verließ, zog ich meine Jacke aus und verbarg das Corpus delicti lieber darunter. Naja – so ähnlich zumindest. Nicht ganz so, und doch sah ich die kritischen Blicke derer, die draußen noch ihre Autos betankten. Ich fuhr mit quietschenden Reifen davon … 😉

Kürzlich haben einige Leute in Bamberg, um den extrem schwer geschlagenen Menschen in Italien Solidarität zu bekunden, Bella ciao! gesungen und das Ganze im entsprechenden Medium gepostet. Die Aktion fand Anklang in den Medien – und auch in Italien, wie ich hörte. Und prompt trat der Typus Mensch auf den Plan – häufig als typisch deutsch bezeichnet -, der an allem etwas zu motzen und zu meckern hat! Zum Kotzen!

„Das ist ein Kommunistenlied!“ – „Da will man sich nur in Szene setzen!“ – „Da könnte ja jeder kommen – ein linkes Lied, ekelhaft!“

Aha. Ekelhaft also eine Aktion, in der Solidarität bekundet wird. Bella ciao! ist ein Partisanenlied. Das Lied italienischer Partisanen speziell aus dem Zweiten Weltkrieg. In der Tat waren Partisanen wohl eher das Gegenteil von „rechts“, und, ja, es gab auch Trittbrettfahrer, aber in Gänze weiß ich nicht, was derart gegen ein Lied von Partisanen zu sagen ist, die ihr Land und ihre Freiheit verteidigt haben. Ein Kampflied in der Tat, ja, eines, das anfeuert, aber vielleicht sollten die Kritiker – so des Italienischen mächtig – sich den Text mal genau ansehen und vielleicht ein paar Geschichtsbücher studieren. Und es einfach doch selber besser machen, statt gar nichts zu tun oder nur zu motzen.

Aus mehreren berufenen italienischen Quellen hörte ich jedenfalls, dass man das toll und sehr sympathisch und aufmunternd gefunden hätte. Und genau darum ging es ja auch. Nicht um mehr.
Was mich dieser Tage total ankotzt, ist diese defätistische Haltung, die besagt: „Ach ja, an irgendwas sterben wir doch alle!“ Ja, richtig, aber ich möchte eigentlich jetzt noch nicht sterben! Kopp hoch, nicht so negativ! Das nervt.

Und richtig wütend werde ich, wenn ich höre: „Ach, ja, aber das trifft doch eh hauptsächlich die Alten!“ Ganz toll! Wie arschig muss man sein, so etwas zu sagen! Egal, wie alt – keiner möchte sterben, wenn er nicht ohnehin schon todkrank darniederliegt und Schmerzen leidet. Kopp einschalten, liebe Leute – möchtet ihr denn jetzt so einfach ohne vorheriges Leiden sterben? Sterben, wenn es euch ansonsten gut geht? Sicherlich nicht. Und ich schwöre Euch: Auch wenn ihr älter werdet, werdet ihr im Normalfalle gern noch weiterleben wollen, wenn ihr nicht an einer schlimmen Krankheit leidet und/oder massive Schmerzen habt. Wie ignorant, so damit umzugehen – und wie dumm!

Haltet Abstand, wenn ihr zum Einkaufen müsst – nicht einmal das schaffen alle, obwohl es recht einfach ist! Bleibt zu Hause, so oft es geht.

Ich hoffe, dieser Spuk möge bald zu Ende sein. Ich finde es auch nicht schön. Aber das Gejammer und die Verschwörungstheorien, die inzwischen wie Pilze aus dem Boden sprießen, helfen niemandem.

Alles Gute für euch – und bleibt gesund und munter! 😊

„Boom!“  

Meine neue Brille ist da. Gestern habe ich sie abgeholt, und heute sollte die Premiere bei der Arbeit sein, denn normalerweise kennt man mich nur ohne Brille und mit Kontaktlinsen. Aber diese Brille finde ich so schön, dass ich sie sogar in der Öffentlichkeit tragen möchte. 😊

Und so machte ich mich heute mit exakt dem gleichen Gefühl auf den Weg, mit dem ich früher zur Grundschule ging, wenn ich ein neues T-Shirt besaß. Ein schönes Gefühl war es, und völlig sorglos bog ich, kaum aus dem Hof gefahren, nach links ab. Ich fuhr mit Tempo 30 durch die Kurve, ich fuhr mit Tempo 30 weiter – da, Rechts vor Links, aber es kam keiner. Und fröhlich fuhr ich weiter Richtung Kreisverkehr.

Da kam mir von weit vorn ein Auto entgegen. Ein alltägliches Phänomen, und vorsichtshalber nahm ich meinen Fuß vom Gas, schaltete in den zweiten Gang und tuckerte mit 20 km/h weiter, während der Entgegenkommende unbeirrt weiterbretterte, und das gewiss mit mehr als 30 Kilometern in der Stunde.

Auf meiner Seite parkten zur Rechten Autos, aber so, dass sie fast zur Gänze auf dem Bürgersteig standen. Auf der anderen Seite können sie so nicht parken, sondern ragen in die Fahrbahn hinein. Der Fall war klar: Ich hatte Vorfahrt, aber ich war bereit, diese notfalls zu opfern – warum hielt der Entgegenkommende nicht oder bremste wenigstens ab?! Und ich stieg auf die Bremse und wollte rechts einscheren. Aber da gab es nichts einzuscheren – keine Ausweichmöglichkeit.

Und so konnte ich nur innehalten und hoffen: „Vielleicht passt es ja doch so haarscharf!“ Kaum zu Ende gedacht, knallte und rummste es auch schon, und fasziniert und wie in Trance sah ich zu, wie mein linker Außenspiegel in erstaunlich viele Einzelteile zerlegt wurde. Die Glühbirne, die sich im Inneren befindet, nur noch an ihrer Leitung und ansonsten albern heraushängend, leuchtete zumindest zuerst noch, erlosch dann jedoch … Es ging alles so schnell, und mein erster Gedanke war: „Ich muss zur Arbeit!“ Mein zweiter: „Fahr vor den ersten Parkenden, Warnblinkanlage an, und dann steigst du aus und killst den Idioten, der so bescheuert fährt!“

Ich stieg aus, hob das Hinterteil meines linken Außenspiegels auf, das auf der Straße lag, bevor ein nachfolgendes Auto es völlig in Schutt und Asche legen konnte, und stürmte auf die Frau zu, die hinter mir auf der anderen Seite mit eingeschalteter Warnblinkanlage rechts angehalten hatte. Ich rief ihr zu: „Sehen Sie das? Das kommt davon, wenn man einfach weiterbrettert! Danke auch! Mein Außenspiegel ist völlig fratze – ganz herzlichen Dank! Sie hatten keine Vorfahrt!“

Ich gebe zu, dass ich in derlei Ausnahmesituationen nicht immer das an den Tag lege, was mir seitens meiner Eltern in puncto Höflichkeit für den Alltag beigebracht wurde. Ich muss allerdings dazusagen, dass es so laut geknallt hatte, dass ich im Grunde mit Schlimmerem gerechnet hatte und unter Adrenalin stand.

Die Frau deutete ebenso hektisch auf ihren linken Außenspiegel, und nachdem längs der Häuserfronten zur Rechten und zur Linken ein Fenster nach dem anderen geöffnet worden war und immer mehr Köpfe sichtbar wurden, kamen die Frau und ich überein, dass ich zunächst wenden und hinter ihr parken würde, bevor die Polizei – von uns gerufen – käme. Und so geschah es dann auch.

Als ich hinter ihr geparkt hatte, sah ich, dass sie die hintere Tür auf der Fahrerseite geöffnet hatte, aus der infernalisches Geschrei in den höchsten Tönen quoll. Ich trat hinter sie und sah zu meinem Entsetzen, dass ein Kleinkind in einem Kindersitz an Bord war, das so infernalisch schrie, dass mir ganz schlecht wurde: O Gott – ein Kleinkind involviert. Hoffentlich war der kleine Wicht nicht verletzt! Immerhin hatte es doch einen heftigen Knall gegeben.

Sowohl meine Stimmung, als auch meine Stimme veränderten sich sofort, und ich sagte: „O mein Gott, Sie haben ein Kleinkind im Auto! Ist alles in Ordnung?“ Die junge Frau war inzwischen auch ruhiger geworden, und sie sagte: „Ich glaube, sie hat sich nur erschreckt.“

Und von da an war zwar nicht alles tutti, aber wir unterhielten uns freundlich, und die kleine Janina wurde immer fröhlicher. Ich glaube, sie war die Einzige, die das Ganze sogar total spannend und lustig fand. Jedenfalls lachte sie die ganze Zeit fröhlich und schenkte mir sogar die Abdeckung ihres Teefläschchens, während ihre Mutter und ich, inzwischen unter meinem Regenschirm vereint, auf die Polizei warteten.

Da kam auch endlich ein VW-Bus mit Polizei-Aufschrift und -Lackierung. Ein Polizeibeamter, der sowohl Janinas Mutter als auch mich nicht nur bei weitem überragte, sondern im Gegensatz zu dem Weiberclub, bestehend aus Janina, Janinas Mutter und mir, auch noch über erheblich mehr Testosteron verfügte, stieg aus, begrüßte uns und sah sich dann die Schäden an den beiden noch immer warnblinkenden Autos an. Und dann sagte er: „Tja, das ist ja wohl einmal mehr ein völlig vermeidbarer Unfall.“ Ach! Nee! Im Ernst? Ist das jetzt die neue Formulierung für „Frau am Steuer“?

Ich schnaubte leicht und sagte: „Ja, das ist uns auch klar, und wir haben das auch nicht aus Spaß oder Absicht getan! Es ist nun einmal passiert, und wir finden das beide selber richtig blöd, zumal wir beide keinen linken Außenspiegel mehr haben, was ärgerlich genug ist!“ Da grinste der Polizist und meinte: „Sorry, war nicht böse gemeint. Wie ist das Ganze denn passiert, und wer kam aus welcher Richtung?“

Und nachdem er das von uns Erklärte analysiert hatte, erklärte er Janinas Mutter: „So, wie Sie beide das beschrieben haben, sind Sie die Unfallverursacherin. Sie haben Frau B. die Vorfahrt genommen und dadurch diesen Unfall verursacht – Frau B. hatte keine Möglichkeit, auszuweichen. Und Sie hätten hinter den parkenden Autos anhalten müssen.“ Und nachdem er das Ganze noch einmal zusammengefasst hatte, fragte er sie: „Haben Sie eine EC-Karte dabei?“ – „Ja.“ – „Denn Sie müssen ein Verwarngeld zahlen, da Sie den Unfall verursacht haben. Hiermit verwarne ich Sie.“ Janina lachte fröhlich dazu, und sie griff nach des Polizisten Hand, der sie wohl auch süß fand und meinte: „Na, immerhin konnte heute einer hier eine Freude gemacht werden.“ Dann kniff er mir ein Auge zu. Ich kniff zurück.

Ich bekam ein Formular in die Hand gedrückt, vorzulegen bei meiner Werkstatt, die anhand des gegnerischen Autokennzeichens die entsprechende Versicherung in Kenntnis setzen werde.

Am Freitag habe ich den Termin zum Wechsel meines Außenspiegels. Mir war nach alldem so kodderig, dass ich von der Werkstatt direkt nach Hause fuhr – nicht ganz so angeschlagen wie mein Außenspiegel, aber ähnlich …

Ich hoffe, ich habe nie einen schwereren Unfall, und das aus ganz verschiedenen Gründen.

Immerhin hatte Janinas Mutter zum Abschied gesagt: „Das ist zwar alles totaler Mist, aber wenn dieser Unfall schon passiert ist, bin ich froh, dass Sie meine Gegnerin sind, denn Sie sind sehr nett gewesen. Nicht auszudenken, wäre ich an jemand anderen geraten!“ Na, dann! 😉

Von Schusterjungen, Hurenkindern und Heidelberger Druckmaschinen …

Ich bin gestern völlig erschlagen nach Hause gekommen. Nicht nur, dass ich vorletzte Nacht kaum geschlafen hatte, was daran lag, dass ich grauenhafte Zahnschmerzen hatte, nein – ich hatte von Montag bis gestern eine zunächst harmlos wirkende Schulung. Wirklich harmlos, denn ich sollte dort nur die Grundlagen einer praktischen Layout-Software einer namhaften Firma erlernen. Inzwischen bin ich – das Druckereigewerbe betreffend – zumindest weit über die arg- und harmlose Kenntnis hinaus, dass ein 500-seitiges Gebinde bzw. eine entsprechende Verpackungseinheit von Papier sich Ries nenne. Das wusste ich schon lange.

Inzwischen bin ich weit besser im Bilde und mit Papiermusterbüchern vertraut. Mit diversen Grammaturen – bis dato kannte ich qua eigener Berufung nur Grammatik -, mit Offset weiß und so vielen anderen Aspekten aus dem Druckgewerbe, da unser Dozent offenbar ein Faible dafür hat. Zum Schluss der anstrengenden, wenn auch sehr interessanten, Schulung legte er uns einen Besuch der Drupa ans Herz, obwohl er befürchtete, dass die vielleicht wegen Corona gar nicht stattfinden würde …

Die Drupa sagte mir etwas, da ein Cousin meines Vaters in der Papierbranche war (daher auch die Ries-Kenntnis). Das brachte mir gleich Pluspunkte. Verwandt mit einem Menschen, der eine gewisse Bedeutung bei einem Papierhersteller aus Süddeutschland hatte – wenn das nichts ist! 😉 Darüber hinaus hatte ich – als ich noch in Ratingen lebte – eines schönen Freitagabends nach Feierabend zusammen mit Giacomo in unserer Stammkneipe gleich zwei Iren kennengelernt, die zur Drupa nach Düsseldorf gekommen waren, jedoch nur noch in Ratingen Hotelzimmer bekommen hatten. Ein sehr lustiger Abend war es – unvergessen. 😊 Ich sprach danach ein paar Worte Gaeilge oder Irisch-Gälisch, hatte – nach einem Telefonat Pádraigs mit seiner Frau – ein originalirisches Rezept für Irish Stew, während er im Gegenzug ein Originalrezept – nach einem Telefonat mit meiner Mutter – für Sauerbraten mit Klößen und Blaukraut hatte (hatte ich damals noch nie selber zubereitet). 😉 Er war begeistert – seine Frau, Siobhán ihr Name, würde sich freuen. Schon so oft wäre sie gern mit nach Deutschland zur Messe gekommen, was der Kinder wegen nicht ging. Und er selber freue sich immer auf die Drupa, nicht zuletzt des rheinischen Sauerbratens wegen, den er dann immer äße. Ich gab zu bedenken, dass das Rezept meiner Mutter nicht für rheinischen, sondern fränkischen Sauerbraten sei (ohne Rosinen, dafür mit Saucenlebkuchen), aber er meinte, Rosinen möge er eh nicht („No sultanas! Never ever!“). Die würde er immer aus der Sauce heraussortieren, denn: „They look like drowned houseflies“. Sehr sympathisch. Rosinen in einer Sauce sehen auch für mich wie ertrunkene und darob aufgeblähte Stubenfliegen aus.😉

Die Schulung war auf drei Tage angesetzt – jeweils von 9 bis 16 Uhr. Ich lachte zunächst noch – am letzten Tag würde es sicherlich schon früher enden. Weit gefehlt, denn am zweiten und dritten Tag überzogen wir sogar! 😉

Wir lernten im Schnelldurchlauf, wie man mit der faszinierenden Software nicht nur kleine Anzeigen, sondern auch Flyer (in Wickel- und Leporellofalz!) druckfertig vorbereite – und am letzten Tag wagten wir uns sogar an eine kleine Broschüre im Buchformat, die eine Bindung verlangte.

Im Gegensatz zu den anderen Teilnehmern war ich die Einzige, die wirklich noch nie mit diesem Programm gearbeitet hatte, und es war wirklich anstrengend. Und so sah am Ende des zweiten Tages mein Flyer auch anders aus als die der anderen Teilnehmer – zumindest zwei Seiten davon. Ich betete, dass der Dozent nicht noch einmal durch den PC-Schulungsraum schreiten möge, um sich die Resultate anzusehen!

In der Nacht auf den dritten Schulungstag schlief ich schlecht, wobei hinzukam, dass ich monströse Zahnschmerzen hatte. Wenn ich denn schlief, träumte ich von Prüfungssituationen. Das ist eigentlich nicht meine Art, aber hier war ich wirklich peinlich berührt meines defizitären Flyers wegen. 😉

Am dritten Tag, ergo gestern, lernte ich allerdings ratzfatz etwas, das man uns gar nicht beigebracht hatte, durch learning by doing, und noch bevor der Dozent seine Runde drehen konnte, hatte ich meinen Flyer soweit re- bzw präpariert, dass man ihn vorzeigen konnte. Zumindest die Seiten 4 bis 6. Die Seiten 1 bis 3 sahen zwar für Laien auch so aus, dass sie den Seiten der anderen Teilnehmer insofern frappierend ähnelten, als nur geringfügige Unterschiede bei genauem Hinsehen – wirklich nur für Laien! – erkennbar waren. Der Dozent hätte es sofort erkannt, aber als er sich meinem Arbeitsplatz näherte, scrollte ich schnell auf die Seiten 4 bis 6, die exakt so waren, wie sie sein sollten. 😉 Und er sagte: „Ja, super!“ (Klar, ich hätte ihn beizeiten bitten können, zu helfen, aber ich wollte den Kurs nicht aufhalten.)

Das dachte ich auch. Super, Ali, wie schnell du unter Druck improvisiert hast. Glücklicherweise geht dein unter Druck entstandenes Werk nie in den Druck! Und ich lächelte den Dozenten fröhlich an. 😊

Und ich schrak dann nicht einmal zusammen, als wir an Tag 3 eine vielseitige und gebundene Broschüre mit Buchrücken und unter Benutzung einer Musterseite in Angriff nahmen – komischerweise klappte da (fast) alles auf Anhieb, sogar Zeichen-, Absatz- und sonstige Optionen und Funktionen, und hinterher sah es so aus, wie es aussehen sollte. Ich war begeistert!

Ich werde mir das Ganze aber dann doch im Alleingang mit einer Anleitung ganz in Ruhe aneignen müssen – das war schon immer so und klappte dann auch immer.

Eine Meisterin werde ich beileibe nie werden – es muss zuviel gerechnet werden, und räumliches Denken kann auch nicht schaden. Beides nicht meine größten Stärken. Klar, rechnen kann ich – aber in Kombination mit mehr oder minder räumlichem Denken stoße ich dann doch schneller, als erhofft an meine Grenzen. Das gebe ich auch zu! 😉

Zum Schluss sang der Dozent dann noch ein Loblied auf das Druckereigewerbe, und ich musste an die Worte eines Professors während der ersten Zeit meines Studiums denken, als wir gerade die Geschichte der Druckkunst abrissen, so nebenbei, als Johannes Gutenberg erwähnt wurde, auf dem Weg von Höhlenmalereien zum Buch. Prof. Weinberg sagte: „Der beste Freund des Philologen ist und bleibt der Drucker, denn er fertigt das kunstvoll an, womit sich der Philologe dann beschäftigt. Ohne Drucker wären wir hier ziemlich aufgeschmissen.“ Vorlaut rief ich: „Und auch ohne Papiermühlen bzw.
-fabriken!“ (Wahrscheinlich war ich durch den Cousin meines Vaters „vorgeschädigt“ … 😉) Prof. Weinberg meinte: „Genau!“, während ich – mir meiner Rolle als kleines Erstsemester bewusst werdend – über meine eigene vorlaute Art erschrak. Das Hierarchiebewusstsein wirkte. 😉 Aber Prof. Weinberg lachte und kniff mir ein Auge zu. 😉 (Dem Himmel war dank, und – wenn auch so nicht geplant – ich machte mein Examen dann bei Prof. Weinberg, der sich meinen „Papierfabrik“-Kommentar sogar bis dahin gemerkt hatte. Als er es während meines mündlichen Examens kurz erwähnte, war ich etwas peinlich berührt, aber da grinste er mich an und meinte: „Das fand ich sehr sympathisch, keine Sorge. Ich war so immerhin gewiss, dass zumindest eine mir zugehört hatte, denn bei der Geschichte des Buchdrucks schalten viele Studenten erfahrungsgemäß schnell ab. Sie offenbar nicht.“)

Stimmt. Ich schaltete erst ab, als das Thema vertieft wurde – zum Glück fragte mich nie wieder jemand im Alltag, was eine Quarto-Edition sei. (Ein ganz altes Buchformat, und Anglisten kennen das von Shakespeare. Oder sollten es zumindest wie aus der Pistole geschossen erklären können – wenn sie nicht zuvor abgeschaltet haben … 😉 ).  Zumindest nicht während meines und kurz nach meinem Studium. Das Bedürfnis, es erklären zu können, kam dann erst nach dem Examen. 😉

Arbeitsreiche Zeiten kommen auf mich zu, denn in der Schulung ging alles ratzfatz … Aber ich kenne mich – das wird. 😉 Und ich weiß nun immerhin, dass man mit 3 mm Anschnitt immer auf der sicheren Seite sei … Und letzte Nacht träumte ich von Büchern … Immerhin hatte ich im Kurs Punkte machen können, als ich als Einzige wusste, was Schusterjungen und Hurenkinder seien (obwohl man diese Phänomene heutzutage wohl auch anders nennt) und mir die Heidelberger Druckmaschinen AG etwas sagte. Ich glaube, der Dozent war dann auch mit mir ausgesöhnt.  😉

Euch ein schönes Wochenende! 😊

Die echte Coronation, ääh, Krönung des Tages – Einkaufen im Einkaufsmarkt in Zeiten der Krise

Ich habe dieser Tage beschlossen, mich nicht von der allgemeinen Panik hinsichtlich des sich immer weiter ausbreitenden Virus anstecken zu lassen: des Corona-Virus, aber das wisst ihr alle schon. 😉 Man kann dem Ganzen ja kaum entgehen. 😉

Und doch ertappte ich mich gestern dabei, wie ich – täglich beruflich mit Publikumsverkehr konfrontiert – nach einem Händeschüttler, der es nett meinte und den ich unmöglich vor den Kopf stoßen wollte, etwa zwei Minuten wartete und dann heimlich beobachtete, wie mein „Kunde“ sich fröhlich und nett lächelnd durch den Haupteingang aus dem Gebäude entfernte, bis ich Richtung Damentoilette stochte und mir dort die Hände wusch. (Selbstredend gemäß der Anleitung, die neben dem Waschbecken hängt … Nein, eigentlich so, wie ich mir von klein auf die Hände wasche. Für die Anleitung brauchte ich damals lediglich eine kurze, aber prägnante Einweisung meiner Eltern und keinen „Cartoon“ neben dem Waschbecken … 😉 ). Niemals hätte ich gewollt, dass er mitansehen müsse, wie ich nach seiner freundlich gemeinten Geste sofort zur desinfizierenden Tat schreite!

Zu spaßen ist mit dem Virus sicherlich nicht, aber was derzeit los, losgebrochen ist, ist in der Tat geeignet, Panik zu erzeugen oder zu schüren.

Nicht nur, dass es berufliche Konsequenzen völlig anderer Art, als zuvor geahnt, für mich hat, nein, auch mein Einkaufsverhalten scheint sich dem Chaos anpassen zu müssen. Und ich gestehe, dass ich heute auch auf verschlungenen Pfaden noch versteckt vorhandenes Handdesinfektionsmittel bestellt habe. Ich gab vor, Heilpraktikerin zu sein, und trotzdem wird das Desinfektionsmittel erst um den 20. März bei mir eintreffen. Ich habe es nicht für den privaten Gebrauch bestellt, sondern eher im Gedanken an die Situation im Büro, wo seit jeher privat angeschafftes Handdesinfektionsmittel steht, das jedoch fast aufgebraucht ist. Nachschub muss her, völlig unabhängig von Corona. Verstehen sicherlich nur Menschen mit hohem Aufkommen an Publikumsverkehr. 😉

Ich las heute die schauerlichsten Push-Artikel, schlug mich mit unangenehmen dienstlichen Aspekten herum, bis ich um kurz vor halb sechs das Büro verließ – es reichte ja auch. Und schon raste ich gen Einkaufsmarkt. Richtig dringend brauchte ich eigentlich nur Brot, Toilettenpapier, Obst und Gemüse und Mineralwasser. Ich muss allerdings sagen, dass ich – im Normalfall – sehr gern einkaufe. Und manchmal mache ich mir auch gern eine Freude und kaufe etwas, das ich gar nicht zwingend benötige.

Dazu kam ich heute gar nicht, denn es herrschte unglaublicher Stress nicht nur schon auf dem Parkplatz des Einkaufsmarktes, wo ich nur noch mit Mühe einen freien Parkplatz fand, sondern erst recht in seinem Inneren.

Als ich den Markt betreten wollte, wurde ich schon fast von zwei wildgewordenen, bis über reale Sichtgrenzenverhältnisse beladenen Einkaufswagen über den Haufen gefahren, deren erheblich kürzer gewachsene Lenker offenbar die Kontrolle verloren hatten. Ich sah sehr viele Nudelpackungen in den Wagen, Mineralwasser, Hülsenfrüchte – und Fertigsaucen-Tüten! Hallo? Ihr braucht für Saucen keine Fertigpackungen, nur Tomatenmark und viel Kreativität!

So dachte ich, als ich schnell zur Seite sprang, um von den schwerstbeladenen Wagen nicht umgemangelt zu werden.

Im Markt war es nicht viel besser, zumal viele Angestellte in den Gängen damit beschäftigt waren, mit fliegenden Händen speziell Nudel- wie Wurstdosenregale und Vergleichbares aufzufüllen. Als ich mich gerade im Wurstdosentrakt aufhielt, wenn auch nicht beabsichtigt, sondern einfach nur, um dem aggressiv nachrückenden Nudelsturm auszuweichen und aus purer Verlegenheit eine Dose Dicke Sauerländer in meinen bis dato normal bestückten Einkaufswagen lud, sprach mich die das Nachbarregal mit Dosen von Lange Jungs auffüllende Angestellte an: „Na, auch auf Hamsterkurs?“ – „Ääh, nee, eigentlich nicht …“ Die Dame warf einen Blick in meinen Wagen, in dem sich inzwischen neben einer frischen Knoblauchknolle und einem einzelnen Paket Lavazza nur die Dose Dicke Sauerländer, Obst und Gemüse wie eine Packung Toilettenpapier und Brot befanden. Dann grinste sie und meinte: „Endlich ein normaler Mensch! Sie hamstern nicht, nicht wahr?“ – „Durchaus nicht. Ich staune selber über den Andrang. Und ich möchte mich dazu besser nicht äußern.“

Da rief die Angestellte: „Danke! Endlich ein normaler Mensch! Sie werden mir das nicht glauben, aber mein Kollege und ich räumen schon seit heute früh immer die gleichen Artikel in die Regale! Und kurz darauf ist wieder alles leer! Wahrscheinlich werden wir bald wahnsinnig!“ – „Nein! Bitte nicht! Sie sind zwei völlig normale Menschen! Ich bin nur hier im Wurstdosen-Gang, weil ich dem Nudelsturm ausweichen wollte! Und da ich diese Sauerländer Würste mag …“ – „Nein! Packen Sie gern noch eine weitere Dose ein – Sie sind normal!“ – „Ach, eine Dose reicht mir.“ – „Und wenn nicht, kommen Sie morgen wieder! Ich bin dann auch hier – und der Niko, mein Kollege, auch!“ – „Gut zu wissen. Vielleicht komme ich morgen wieder, falls ich etwas vergessen haben sollte, aber ich schwöre Ihnen, dass ich keine weiteren Sauerländer Dicke kaufe!“ – „Egal, was Sie kaufen – Sie sind wenigstens nett!“

Ich schob meinen Wagen lieber weiter. Inzwischen drehen die Regal-Einräumer schon durch … Aber es wundert mich nicht. 😉

Als ich in die Getränkeabteilung kam, sah ich, dass mein bevorzugtes Lemon-Mineralwasser wie alle anderen Lemon-Mineralwassersorten ausverkauft war. Ich war ein wenig verstimmt. Dann musste ich an eine Unterhaltung denken, die ich heute mit Kerstin, einer meiner Lieblingskolleginnen, geführt hatte. Die hatte gesagt: „Inzwischen drehen ja wohl alle durch! Ich war gestern bei Fiedel, um ein Sixpack meines Lieblings-Mineralwassers zu kaufen!“ Sie liebt dieses Grapefruit-Zeug. Das gab es nicht mehr, weil wohl vor ihr Leute den gesamten Bestand aufgekauft hatten. Sehr schön, dass Arbeitnehmer da wohl einmal mehr die Arschkarte haben, weil sie nicht zu Unzeiten einkaufen können … Doch egal – Kerstin und ich kamen überein, dass sogar Menschen, die gar nicht „hamstern“ wollen, künftig dazu gezwungen sein könnten, um überhaupt noch etwas vom gewünschten Produkt abzubekommen.

Aus Protest lud ich noch zwei völlig „hamsterinadäquate“ Produkte in meinen Einkaufswagen: zwei Gläser Erdnussbutter einer namhaften niederländischen Firma, die auch weitere typisch niederländische Produkte herstellt und vertreibt! Einmal creamy, einmal crunchy, weil ich mich nicht zwischen beiden entscheiden konnte, pindakaas aber sehr liebe. 😉 Dann stürmte ich gen Kasse, wo ich in einer endlos scheinenden Schlange stand …

Endlich bis ans hintere Ende des Kassenbandes vorgerückt, wollte ich gerade meine Waren auf das Band laden, als sich die Frau vor mir umdrehte, in meinen Wagen blickte und mich fröhlich anlachte: „Sie hamstern auch nicht, wie ich sehe. Ach, das ist ja sympathisch! Seit gestern fühle ich mich nämlich wie in einem Paralleluniversum!“ Ich gebe zu, ich starrte sie zunächst an, als sei mir ein Geist erschienen, aber als sie dann sagte: „Oder wie in einem dystopischen Roman!“, lachte ich auch. Ja. Genauso fühle ich mich auch. Dann wies ich die Frau darauf hin, dass das zum Teil kopflose Gehamstere anderer Leute unter Umständen notwendig mache, seinerseits größere Einkäufe zu tätigen, um überhaupt noch etwas von gewünschten Artikeln zu erwischen, und da meinte sie: „Wie immer im Leben: Der Egoismus anderer zwingt dazu, seinerseits großzügig zuzugreifen. Erschreckend.“

Und als ich meine 10 Rollen Toilettenpapier auf das Band lud, meinte von der Nachbarkasse jemand: „Wir haben das Klopapier vergessen! Bring besser fünf Zehnerpacks!“ Da konnte ich es mir nicht verkneifen, zu sagen: „Soweit ich informiert bin, betrifft das Corona-Virus eher die Atemwege. Das letzte Magen-Darm-Virus hat mich vor knapp drei Wochen niedergestreckt, ist aber ausgestanden. Kaufen Sie lieber Papiertaschentücher! Lassen Sie aber noch etwas für andere übrig, bitte.“ Die Frau vor mir drehte sich um und kniff mir ein Auge zu. 😉

Ich kann nur konstatieren, dass Einkaufen dieser Tage auch keinen Spaß mehr macht, denn zuweilen wurde vorher schon über Gebühr zugegriffen, oder man trifft auf zu Recht durchgeknallte Regal-Einräumer. Oder auf Leute, die 50 Rollen Toilettenpapier zu benötigen glauben und wahrscheinlich einen eigens gebauten Bunker haben …

„Frau B. – das ist ja eine Katastrophe!“ ;-)

Nun kann man über Begrifflichkeiten ganz unterschiedlicher Meinung sein und diese ganz verschieden und divers werten. Auch den Begriff der Katastrophe. Auf die Interpretation kommt es an.

Für mich ist eine Katastrophe ein wahrhaft furchtbares und grauenerregendes Ereignis mit gravierenden Folgen für den oder die Betroffene/n. Für den Arzt, der mir gestern eine Viggo legen sollte, einen – fachsprachlich – peripheren Venenverweilkatheter, scheint dieser Begriff weit enger gefasst.

Denn als ich gestern gegen 10 Uhr in den Katakomben des Luisenhospitals – der Röntgenabteilung – saß und in einen kleinen Nebenraum gerufen wurde, wo mir eben diese Viggo gelegt werden sollte, da ich einmal mehr in den MRT musste, was mit der Gabe eines Kontrastmittels einhergeht, das nach Hälfte der 40-minütigen Folterqual für Menschen mit mehr oder minder ausgeprägten klaustrophobischen Gefühlsregungen infundiert wird, sah sich der Arzt einer – wie er meinte – Katastrophe ausgesetzt, während ich ganz ruhig dasaß. Der Grund für die Katastrophenstimmung des Arztes war ich selber bzw. Teile von mir.

Er war telefonisch herbeigerufen worden, da er derjenige war, der die Berechtigung hatte, intravenöse Installationen vorzunehmen. Die sehr nette Krankenschwester hatte bereits mehrere Ausfertigungen von Venenverweilkathetern in einer Nierenschale aus Pappe neben mir abgestellt. Man weiß ja nie vorher, welche Größe bzw. Stärke die richtige ist. Ich fand, sie sahen alle gleichermaßen scheußlich aus, aber bitte, wenn es sein musste, doch eine mit blauem Andockstück. Blau ist meine Lieblingsfarbe, und die mit dem rosa Ansatzstück sah noch monströser aus als die blauen … 😉

Der Arzt kam, hieß mich, rechts eine Faust zu machen und warf einen Blick auf die Innenseite meines Armes, genauer: auf die Ellenbeuge. Da sah er schon ein wenig frustriert drein. Er warf noch einen Blick auf das linke Pendant, nachdem ich dort eine Faust gemacht und wirklich fest zugedrückt hatte. Dann entrang sich ihm ein tiefer Seufzer: „O Gott, Frau B. – das ist ja eine Katastrophe!“ – „Wie bitte? Was ist eine Katastrophe?“ Der Arzt deutete auf meine Arme, und ich meinte fröhlich lachend: „Das ist keine Katastrophe – das sind Arme! Genauer: meine Arme. Und bevor Sie es sagen: Ich weiß, dass ich schwer zugängliche Venen habe. Das ist mir nicht neu und hat mich – neben anderen Überzeugungen, das nicht anzufangen – vor einer Karriere als Fixerin bewahrt.“

Der Arzt starrte mich entgeistert an. Im Gesicht der Krankenschwester zuckte es, und sie kniff mir ein Auge zu. Ich nickte ihr zu und fing zu lachen an. Der Arzt starrte mich immer noch an, dann sagte er: „Ah! Sie haben einen ganz eigenen Humor, Frau B. – ich war jetzt erst etwas verwirrt.“ – „Ich mache mir hier nur ein wenig Mut. Denn a) weiß ich um die Besonderheit meiner Venen und die Folgen daraus, b) bin ich leider etwas nervös wegen des MRT-Besuchs. Entschuldigen Sie bitte.“ – „Alles gut,“, sagte der Arzt, „wir müssen uns nur etwas einfallen lassen.“ Und da fiel ihm auch schon etwas ein, denn er ergriff meinen rechten Arm und schlug auf die Ellenbeuge ein, während ich interessiert zusah – ich kenne diese Versuche bereits von zahlreichen Blutabnahmen. Und der Arzt erklärte: „Ich versuche gerade, Ihre Venen etwas hervorzulocken. Die sind wirklich sehr zurückhaltend – das ist ja furchtbar.“ – „Ja, mir wäre es auch lieber, hätte ich etwas dreistere Venen, die deutlich hervortreten und quasi rufen: ‚Hier bin ich! Punktiere mich, bitte!‘“ Die Krankenschwester lachte in sich hinein.

Noch bevor ich sagen konnte: „Versuchen Sie es lieber links – der linke Arm ist der bessere“, hatte der Arzt bereits ein Opfer erblickt. Eine Vene, die eher am Rand gelegen ist, dafür aber recht dünn. Und schon sprühte er mir Desinfektionsspray auf die Stelle, schlug noch einmal auf die Stelle, bevor er die Kanüle hineinstach. Aber so richtig zufrieden war er nicht, sondern murmelte vor sich hin: „Zu schwach, zu dünn – ich weiß nicht so recht …“ Als er „zu schwach, zu dünn“ sagte, wurde mir ein wenig flau – ganz untypisch für mich, der man sogar im Stehen Blut abnehmen kann. Der Arzt zauderte, mir war flau, aber dann zog er die Kanüle wieder heraus. Ich atmete auf. Und da es aus der schwachen und dünnen Vene blutete, bekam ich einen schicken Tupfer mit Leukosilk appliziert. Ich sah aus, als wäre ich bereits im MRT gewesen …

Dann versuchte er es noch einmal rechts, aber mittig. Ich glaube, ich habe die Vene, die er punktieren wollte, lachen hören – das war auch nichts. Und so fokussierte sich das Ganze auf den linken Arm. Aber auch der eine „Katastrophe“, und schon konzentrierte sich der Arzt auf eine Vene auf der Hand.

Alles – nur das nicht! Und so machte ich die festeste Faust, deren ich mächtig bin, und da entdeckte der Arzt eine Vene, nachdem er noch ein wenig die Ellenbeuge malträtiert hatte. „Sie liegt zwar in der Tiefe, aber die sieht gut aus. Und wir wollen Ihnen doch ersparen, den Katheter in die Hand zu legen.“ – „Das ist sehr nett! Lieber die Vene in der Tiefe bemühen – bitte nichts an oder in der Hand. Ich bin zwar Kummer gewohnt, aber die Hand muss wirklich nicht sein.“ Der Arzt lächelte erstmalig, und die profunde Vene spielte mit – schwupp, war die Viggo installiert.

Und ich machte mich auf den Weg zum Foltergerät, mit sehr, sehr gemischten Gefühlen. Glücklicherweise kam ich schnell dran, und ein junger, sehr netter MTRA nahm mich in Empfang und hieß mich, bis auf den Slip alles auszuziehen, Ohrringe, Armbanduhr, nichts Metallenes durfte bleiben. Und er reichte mir eines dieser attraktiven OP-Hemden und sagte in polnischem Akzent, ich möge bitte dieses „sährrr schiiickää Gääwaand“ anlegen, mit der Öffnung nach vorn, denn die Untersuchung erfolgte ja in Bauchlage – ganz toll … Ich lachte. Eindeutig besser als bei meinem letzten MRT-Besuch für diese Untersuchung, denn da hatte ich in der Um- bzw. Entkleidekabine vor lauter Anspannung mit den Tränen gerungen. Es ist immer gut, wenn das behandelnde und ausführende Personal Humor hat. Das wirkt ansteckend. 😉

Dann ging alles recht schnell, und ich betrat den Raum mit dem Tomographen, dessen Betriebsgeräusche ich bereits in der Entkleidekabine in annähernd voller Schönheit gehört hatte: Er klingt immer wie eine etwas ältere Waschmaschine in einem der Waschgänge – und ein bisschen wie eine Wäschetrommel sieht er ja auch aus. 😉 Wie beim letzten Mal beruhigte mich der Siemens-Schriftzug – all meine Küchengeräte sind von dieser Firma, in der mein Vater als Jungingenieur tätig gewesen war. Da gab es mich noch gar nicht, aber als jemand, der mit Beklemmungen in engen Räumen zu tun hat, in denen es auch noch verboten lärmt, und das in wieder und wieder wechselnden Frequenzen und Arten, klammert man sich an jeden vertrauten Strohhalm. 😉 Ein Satz meines Ex‘ Richie fiel mir ein, als ich ihm von meinem ersten Besuch in diesem Gerät vor einigen Jahren erzählt hatte: „Ali, wenn du wüsstest, was in dem Gerät passiert bzw. was es macht, möchtest du da nie wieder hinein!“ (Als würde ich ernsthaft aus eigener Entscheidung hinein wollen!) Richie hat Maschinenbau studiert und kennt sich mit so etwas weit besser aus als ich, aber ich sagte nur: „Ich will es auch gar nicht wissen – mir reichen schon die Beklemmungen. Ruhe jetzt – nein, nicht erklären! Aus!“ (Zwar habe ich dann selber recherchiert und kam zum Schluss, dass ich das eigentlich gar nicht hatte wissen wollen – wenn ich da hineinmusste, musste es eben so sein. Und so ließ ich mich auch diesmal hineinfahren, mit Gehörschutz auf den Ohren und dem Alarmknopf in meiner schweißnassen linken Hand, den ich allerdings lieber an seiner Leitung festhielt, nicht den Knopf selber, denn bisweilen erschrickt man doch etwas, wenn sich die irritierende Geräuschkulisse mal wieder spontan ändert. Und da möchte man doch nicht ganz unbeabsichtigt auf den Knopf drücken. Denn dann wird die Untersuchung abgebrochen, und man muss alles wieder von vorn mitmachen. 😉 )

Ich habe die 40 Minuten irgendwie überstanden, und es gab nur zwei Momente, da ich kurz davor war, den Alarmknopf zu drücken – noch jetzt bin ich stolz auf mich. 😉 Einer davon war der, da das Kontrastmittel in meine Vene gepumpt wurde – das merkt man deutlich. Das Zeug ist leider ziemlich kalt, und man merkt genau, wie es seinen Weg durch die Vene an der Ellenbeuge bis zur Schulter nimmt und sich dann verteilt. Nicht zwingend angenehm.

Aber die Bilder zeigten wohl nichts Besorgniserregendes, wie mir der „katastrophen“affine Arzt in der Röntgenabteilung dann sagte, der mir die Viggo gelegt hatte. „Ich habe mir Ihre Bilder schon oben angesehen – sieht alles okay und nicht besorgniserregend aus. Sehen Sie mal – hier einmal längs durch: Das hier ist Ihre Leber. So sehen Sie von innen aus, Frau B.!“ – „Was sind das da für schwarze Stellen?“ – „Wo?“ – „In der Leber, die Sie mir gerade zeigten.“ Es stellte sich heraus, es waren keine schwarzen Stellen – es ging nur alles so schnell auf dem Weg zu den beiden „Objekten“, deren Untersuchung im Fokus gestanden hatten, und der Arzt meinte beruhigend: „Alles gut – ich dachte, ich mache Ihnen eine kleine Freude, Ihnen mal zu zeigen, wie Sie so von innen aussehen.“ Ja – hatte ich mir immer schon gewünscht. 😉 Ich sagte: „Dem Himmel sei Dank!“ Der Arzt sah mich an, und da sah ich eine echte Gefühlsregung: „Ach, herrje, Frau B. – hatten Sie sich denn solche Sorgen gemacht?“ Sorgen? Ich hatte seit Tagen nicht richtig geschlafen! Das sagte ich dann auch, und der Arzt meinte: „Dann kann ich Sie beruhigen – es ist wirklich nichts zu sehen, was Sie oder mich in Sorgen stürzen sollte. Und jetzt gleich gehen Sie schön nach Hause, und dann legen Sie erst einmal die Füße hoch.“ Und mit diesen Worten verabschiedete er mich und wirkte gleich viel menschlicher.

Am Mittwoch habe ich noch einen Besprechungstermin mit dem Facharzt, und ich hoffe, der sagt das Gleiche wie der Radiologe.

Nach dem Termin fühlte ich mich total erschlagen, und ich sah auch so aus. Schnurstracks fuhr ich nach Hause – das muss ich auch nicht jeden Tag haben. Dann lieber drei Wurzelbehandlungen ohne Betäubung. 😉

Wohin mit dem Klavier?

Heute habe ich meine Eltern endlich mal wieder besucht – es war seit einiger Zeit überfällig. Wir wohnen nur 20 Kilometer voneinander entfernt, und ich wollte sie schon seit einigen Wochen mal wieder länger besuchen, was ich sonst öfter tue – aber es kam dauernd etwas dazwischen.

Erst war meine Mutter krank, und das ansteckend. Das Wochenende darauf war für meine Tante reserviert, die allein ist und sich über Besuch freut, die ich auch sehr gern besuche, weil ich sie sehr mag. Das stand schon länger fest. Letzte Woche lag ich mit einem Magen-Darm-Virus so richtig flach. Flacher ging kaum.

Nun endlich in dieser Woche, und so fuhr ich heute hin. Es gab ein hervorragendes Mittagessen – Kalbsbäckchen mit Klößen und Gemüse. Sehr lecker. Ich hätte mir sicherlich nur einen Salat gemacht, wäre ich nicht gefahren. Schmeckt zwar auch, aber das hier war wirklich hervorragend.

Nach dem Essen gab es Kaffee, von mir gekocht, und meine Mutter rief, ob ich sie umbringen wolle – der Kaffee sei ja derart stark, dass man Sorge um das Herz-Kreislaufsystem haben müsse. Mit Milch ging es dann aber.

Beim Kaffee meinte meine Mutter: „Ali, bist du am Klavier interessiert?“ Und sie deutete auf das wundervolle, alte Klavier, mit dem ich groß wurde. Es ist ein echter Methusalem und über hundert Jahre alt, klingt aber – wenn gestimmt – wunderbar und hat einen schönen, ein wenig weichen Anschlag. Es ist kein besonders hochklassiges Piano, kein Bechstein, aber schon seit vielen Jahrzehnten in der Familie, ein echtes Erbstück, und ich saß schon als etwa Dreijährige daran und klimperte darauf herum, wobei ich behauptete, ich spielte den Rosenkavalier, eine Oper von Richard Strauss. Hatte ich wohl irgendwo aufgeschnappt. Auf dem Notenhalter das alte Grundschul-Liederbuch meiner Mutter, welches auf dem Kopf stand … 😉

Auf diesem Klavier habe ich die ersten Tonleitern und die ersten kleinen Übungsstücke erlernt, und es nahm mir mein überschäumendes Temperament nie übel, wenn ich wieder eine Stufe weiter war und ein Stück üben musste, dessen Technik, Fingersatz und Dynamik noch übungswürdig und -bedürftig war. Es war erfreulich duldsam, wenn ich haareraufend daran saß und – wenn ich so richtig fuchtig wurde, wenn meine Finger sich zu verknoten schienen bei einem besonders schnellen Lauf – mit beiden Händen bzw. allen zehn Fingern auf die Tasten eindrosch, um meinem Zorn Luft zu verschaffen, zumal ich nie Klavier hatte lernen wollen. Auch das nahm das Klavier nie übel. Aber es erlebte auch die Zeiten, da ich voller Freude darauf spielte – da war ich allerdings auch schon so weit, dass ich mich mit Chopin auseinandersetzen konnte.

Ich habe es so kennengelernt, wie es heute aussieht, aber meine Mutter beklagte seit jeher, dass es so ein wunderschönes Jugendstilklavier gewesen sei, bevor mein Vater, der Jugendstil nicht mag, alle floralen Elemente auf beweglichen Teilen des Pianos von einem Schreiner entfernen ließ. Auch die beiden Kerzenhalter, denn es ist ein wirklich altes – und ehrwürdiges – Klavier. Ein Klavierstimmer, der vor einigen Jahren an ihm tätig wurde, als es einen gewissen Dämpfklang aufwies, wollte es meinen Eltern abkaufen, denn er identifizierte es als echtes Zimmermann-Klavier aus Leipzig, das um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert gebaut worden sei. Er war begeistert, monierte lediglich die Tatsache, dass die floralen Jugendstil-Elemente beseitigt worden seien. Meine Mutter lachte dreckig, mein Vater überging den Einwand und erklärte, das Klavier sei nicht zu verkaufen. Der Klavierstimmer bedauerte dies – so ein schönes, altes Instrument, das nach der Stimmung wieder hervorragend ohne Dämpfklang funktioniere! Und er setzte sich an das Piano und spielte einige gefällige Läufe, wobei er meinte, es mache Freude, auf dem so gut erhaltenen und gepflegten Instrument zu spielen. Wenn meine Eltern es sich anders überlegen sollten – sie hätten ja seine Kontaktdaten.

Als meine Mutter mir davon erzählte, rief ich: „Nein, nicht verkaufen!“ – „Aber man musste dich doch früher fast ans Klavier prügeln, bevor du übtest!“ (Zur gefälligen Kenntnis: Ich bin niemals geprügelt worden – und schon gar nicht ans Klavier. Musik soll Freude machen, und das hat man mir auch so vermittelt. Und irgendwann griff der Ehrgeiz. 😉) „Ja, aber ihr könnt das Klavier doch nicht verkaufen! Ich hänge daran! So viele Stunden habe ich daran gesessen, voller Frust, manchmal aber auch mit Spaß! Bitte nicht abgeben!“

Damals meinte meine Mutter schon: „Dann musst du es aber auch irgendwann übernehmen. Wir werden nicht jünger, und einer muss dann das Klavier nehmen.“ – „Ja, ist doch kein Problem! Stephanie hat doch schon Opas Klavier übernommen – dann nehme ich das hier! Ich dachte, das sei klar.“

Und heute kam das Thema erneut zur Sprache. Was ich etwas spooky fand, war die Tatsache, dass ich vor zwei, drei Tagen daran denken musste, was mit dem Klavier werden würde, wenn dereinst mein Elternhaus möbeltechnisch reduziert werden würde (meine Mutter liebt seit einiger Zeit möglichst leere Räume). Keine Ahnung, wie ich darauf kam – ich finde es vor dem heutigen Hintergrund auch ein wenig gespenstisch. Noch gespenstischer, dass ich schon darüber nachgedacht hatte, wie man hier im Wohnzimmer die Möbel derart zusammenrücken könne, dass das Klavier einen geeigneten Platz finden würde. Meine Mutter und ich scheinen telepathisch verbunden zu sein – oder so etwas Ähnliches. 😉

Heute eröffnete sie mir beim Kaffee den Plan zum Klavier: „Ali, hast du Interesse an diesem Klavier?“ – „Ja, sicher – habe ich doch immer gesagt!“ – „Und wohin willst du es dann stellen?“ – „Für das Klavier wird sich Platz finden!“ – „Ansonsten wird es zerlegt und dann zum Wertstoffhof gebracht.“

Ich schnappte nach Luft, dann rief ich: „Mama! Das ist ein Musikinstrument und keine olle Kommode!“ (Man muss dazusagen, dass meine Mutter selber das Klavierspielen beherrscht und kulturbewusst ist – und dann so ein Vorschlag! Ich war entsetzt!) Sie grinste und sagte: „Ja, und?“ – „Das ist ein Musikinstrument, Mama! Das derart zu behandeln, ist Frevel! Das ist, als würde man Bücher zerstören – das geht gar nicht! Ich werde Platz finden – und dann kommt es zu mir!“ – „Was willst du mit dem völlig verstimmten Ding?“ – „Man kann es stimmen lassen, und dann fange ich wieder mit Spielen an! Auf keinen Fall wird es brutal entsorgt – das geht gar nicht!“

Meine Mutter grinste noch mehr. Mein Vater atmete auf. Er hatte die Unterhaltung mit Unbehagen verfolgt – er hängt auch an dem Klavier.

Ich habe eigentlich gar keinen Platz für das Klavier, aber ich werde welchen schaffen. Und irgendwie habe ich den Eindruck, dass ich genauso reagiert habe, wie es auch meiner Mutter recht ist. 😉

Und das Schönste: Ich werde wieder mit dem Klavierspielen anfangen. Obwohl ich das ja nie hatte lernen wollen, fehlte etwas. 😊

Ein Klavierstimmer, der bestenfalls auch noch Klavierbauer ist, sollte allerdings schon her: Die Taste ganz links klemmt, und der angeschlagene Ton erzeugt einen derartigen Dämpfklang, dass man gar kein Pedal benötigt, ihn zu erzeugen. Aber das darf ein Klavier-Senior auch. 😉 Man kann es leicht beheben lassen.

In den nächsten Tagen überlege ich, wie man das Piano hier am besten unterbringen kann. Alles, nur keine Entsorgung! 😊

„Mutter, wir danken dir.“ – „Ein Klavier! Ein Klavier!“ Loriot lässt grüßen … 😉

Ein freier Tag für die Zukunft – Oder: Dieser Tag war nicht der Hit!

Den freien Tag hatte ich heute nicht – ich war brav bei der Arbeit und musste obendrein einen Vortrag halten, was ich aber gern tue, wenn es darum geht, die Arbeitsinhalte meiner Abteilung unters ausbildungswillige „Volk“ zu bringen, da es davon profitieren kann. Und damit wir alle – gut ausgebildete Menschen werden gebraucht –, und das bezüglich jedweder Art von Ausbildung. 😊

Bei meinem Arbeitgeber, einer Einrichtung, die für eine Form der Ausbildung mehr oder minder junger Menschen Sorge trägt, fand ein Informationstag für Leute statt, die kurz vor dem Schulabschluss stehen. Eine Art Messe. Die, die daran teilnehmen wollen, haben an diesem Tag schulfrei.

Bis dato hatte ich diese Veranstaltung eher passiv miterlebt, aber diesmal sollte ich aktiv mitgestalten, indem ich oben erwähnten Vortrag hielt. Um kurz vor 10 war ich am Tagungsort, konnte diesen jedoch kaum betreten, da schon jetzt Massen an Interessenten vorhanden waren, die partiell den Eingang verstopften, während im Inneren des Raumes bereits die gesamte Bestuhlung besetzt war und auch schon viele Leute standen, die keinen Sitzplatz mehr hatten ergattern können.

Jana hatte mich zunächst begleitet, da ich Bedenken hatte, mit unserem bisweilen etwas heiklen Laptop zurechtzukommen, das ich heute erstmalig benutzte und das ein erstaunliches Eigenleben zu führen scheint. Als sie den Raum verließ, sah ich, dass sie mit einem Besucher eine kurze Diskussion hatte, aber es ging unter in der Geräuschkulisse, die aufgrund der Masse der Interessenten herrschte. Und so begann ich meinen Vortrag: „Hat denn jemand von Ihnen schon einmal einen Schüleraustausch mitgemacht?“

Zunächst antwortete niemand, aber das kannte ich schon von meinem früheren Dozentenjob. Im Plenum traut sich oft keiner, aber hinterher kommen sie angerannt und schütten einen mit Informationen zu … 😉

Doch da hinten meldete sich einer! Ich erteilte ihm freundlich lächelnd das Wort, und er erklärte in abfälliger Attitüde, er sei in Italien gewesen. Aber da sei alles Scheiße gewesen. Ich lächelte vorgeblich fröhlich – das fing ja ganz toll an … 😉 „Was war denn so schlimm?“ fragte ich, und es erscholl: „Alles!“ Und nachgeschoben wurde: „Und das Essen da ist auch scheiße!“

Ich lächelte wahrscheinlich noch sanfter als zuvor und dachte: „Ja, mag nicht jedermanns Geschmack sein, auch wenn es mich verwundert, aber du bist offenbar hier, um einfach diese Veranstaltung zu stören.“ Und ich sagte sanft: „Das tut mir sehr leid für Sie.“ Und als ich etwas möglicherweise noch Sanfteres und Verständnisvolleres nachschieben wollte, meldete sich ein junges Mädchen ganz heftig, das freudig und voller Begeisterung erzählte, es habe einen Austausch nach Südamerika gemacht, und der sei so toll gewesen! Seither habe sich ihr Spanisch extrem verbessert, und sie habe ein Land kennengelernt, das sie zuvor nie realistisch habe einschätzen können.

Ich gestehe es: Am liebsten hätte ich das nette Mädchen sofort in den Arm genommen und geknuddelt, denn ich stand da vor einer Horde von Menschen, von denen ein Teil mich derart anstarrte, als sei ich nicht wert, ihnen auch nur einen guten Tag zu wünschen. Als mir dies zu Bewusstsein drang, musste ich unwillkürlich lachen – Galgenhumor -, und ich bedankte mich bei der jungen Dame, das dann aber wirklich aufrichtig. Und nach ihr berichteten auch noch andere Teilnehmer von ihren Austauschen, und das ebenso begeistert.

Das war zuviel für den Störer, der Italien nicht nur ganz bescheiden gefunden, sondern danach auch noch mehrfach recht prollig gestört hatte, und er rief: „Dat ist mir hier zu langweilig!“ Und schon stürmten er und zwei Kumpels abrupt aus dem Raum. Erst hinterher erfuhr ich, dass er sich in anderen Veranstaltungen genauso benommen hatte. Wollte es uns wohl mal so richtig zeigen. Ist aber wohl nicht ganz gelungen. 😉

Im ersten Moment dachte ich noch: „Soll ich jetzt sagen: `Kein Problem, ich will Sie ja nicht langweilen‘?“ Im nächsten Moment war mir klar, dass man so etwas ganz einfach nur ignorieren müsse. Außer ihm und seiner Entourage ging niemand. Im Gegenteil. Sie hörten alle brav zu, und hinterher – sie haben sogar applaudiert, als mein Vortrag beendet war – kamen viele Zuhörer zu mir, um sich beraten zu lassen, was ich gerne tat, zumal die Fragesteller alle sehr nett und sympathisch waren. 😊 Ein Mädel meinte sogar noch: „Ich habe mir Ihren Namen nicht merken können, aber zu Ihnen komme ich gern zur Beratung, sollte ich nach dem Schulabschluss hierherkommen – und ich finde Sie ja sicher auch ohne Namen.“ – „Ich kann ihn auch ganz einfach aufschreiben oder Ihnen eine Visitenkarte geben.“ – „Ach ja – klar. Danke schön! Sollte ich hier landen, melde ich mich sehr gern bei Ihnen!“ Und das Mädel strahlte mich an – ich strahlte zurück und sagte: „Darüber würde ich mich sehr freuen!“. So etwas ist immer schön. 😊

Und so lief der Tag dann doch recht gut. Dachte ich. Zumindest der Vortrag war prima gelaufen.

Ich saß schon wieder im Büro und widmete mich meiner anderen Arbeit – Jana war im Haus unterwegs -, als es von außen an unser Bürofenster klopfte. Ich sah hoch und sah Ulli, einen früheren Nachbarn meines Arbeitgebers, der seit Monaten jedoch schon in einem der Nachbarorte lebt, dennoch mit seiner lieben Luna, einer weißen Schäferhündin, immer noch in vertrautem Terrain spazieren ging.

Luna kenne ich seit ihrer Welpenzeit, und sie war so süß, wie sie da – ein schneeweißes, kleines Schäferhundbaby – in ihrem ersten Winter durch den Schnee sprang! Das habe ich nie vergessen, da es so niedlich war: schneeweißes Hundekind im Schnee, und das so fröhlich! 😊

Ich öffnete das Fenster, als wären wir ein Kiosk, der Zigaretten, Bier und Weingummi verkauft. Und ich sagte: „Ulli – nett, dich mal wieder zu sehen!“ Dabei sah ich, dass hinter ihm ein Fahrrad stand, und ich beugte mich aus dem Fenster, um zu sehen, was neben seinen Füßen war, denn ich hatte eine furchtbare Ahnung, die sich auch sogleich bewahrheitete: kein Hund. Keine Luna. Dabei waren die beiden unzertrennlich.

Ich sah Ulli ins Gesicht und sagte: „Du musst nichts sagen – mir ist es schon klar: Luna ist tot. Nicht wahr?“ Und da fing Ulli fast zu weinen an, und mit erstickter Stimme sagte er: „Ich bin eigentlich nur hierhergekommen, um dir das zu sagen und mich zu verabschieden, denn ich bin mit die Luna ja eigentlich nur noch hier spazieren gegangen, weil sie den Weg kannte und so mochte. Wir mussten sie vorgestern einschläfern lassen. Sie war voller Krebs. Sie ist wieder und wieder zusammengebrochen.“ Da kamen mir auch die Tränen. Luna war so ein liebes Tier, und noch heute finde ich in meinem Auto an den unmöglichsten Stellen relativ lange, weiße Haare, obwohl sie doch nie in meinem Auto gesessen, mich nur immer so begeistert angesprungen hatte, wobei sie Haare an meiner Kleidung hinterließ, die selbst bei gründlicher Reinigung sowohl der Kleider, als auch des Autos auf erschreckende Weise Ewigkeitsanspruch zu haben scheinen und mir einmal mehr beweisen, dass man gar keinen eigenen Hund haben muss, um massive Trauer zu empfinden.

„Ulli, ich bin mir sicher, dass wir uns hier noch häufiger sehen. Er wird Luna niemals ersetzen können, aber ich bin mir ganz sicher, dass du und deine Frau einen neuen Hund haben werden. Das ist nicht pietätlos gemeint.“ – „Nee, ich weiß, watt du meinz. Ohne Huund gehtet nich mehr. Unnich weiß ja auch, datt du die Luna sehr mochtess. Ohne Huund gehtet gaa nich.“ – „Ich mochte Luna sehr und hatte sie in mein Herz geschlossen – ich könnte selber so losheulen! Aber es ist trotzdem nicht verkehrt, wenn ihr euch einen anderen Hund anschafft. Er wird Luna niemals ersetzen können, weil sie einzigartig war. So ein liebes und liebenswertes Tier! Aber er wird euch helfen, und ihr werdet ihn ebenso liebgewinnen, auch wenn er anders als Luna ist.“ – „Danke! Dat habbich getz gebraucht. Ich wollte dir dat aber sagen, weil ich ja weiß, datt du die Luna auch mochtess. Danke!“ Und mit diesen Worten fuhr er ab.

Da erst wurde mir klar, dass er wohl eigens mit dem Fahrrad hergefahren war, um mir all das mitzuteilen! Das berührte mich sehr – er schöpfte wohl Trost daraus, und ich konnte nicht einmal das Büro verlassen, um ihn einfach mal zu drücken! Das tut mir jetzt noch leid. Ich war allerdings auch geschockt von der Nachricht – mir kamen selber die Tränen, und die kommen sogar jetzt noch, obwohl Luna doch nicht einmal mein Hund war.

Der Tag war mit einem Mal bescheiden geworden, und bedrückt ging ich in unsere Teeküche, um frischen Kaffee aufzusetzen.

Als er wohl fertig war, erhob ich mich mitsamt meiner Tasse, um Nachschub zu holen. Als ich in die Teeküche kam, sah ich drei halbwüchsige „Knaben“, eindeutig Besucher der „Schülermesse“, die gerade laut lachend von Janas und meinem privat bezahlten Kaffee, zubereitet von meiner privaten Kaffeemaschine, in ihre Plastikbecher gossen!

Der Tag hatte gut begonnen, war dann aber richtig unschön geworden, und das nun auch noch! Ich staune jetzt noch, aber ich brüllte los: „Ey! Stellen Sie das sofort wieder hin! Geht es eigentlich noch?!? Was haben Sie hier überhaupt zu suchen – das ist eine Küche für Mitarbeiter!“ – „Ja, ey, doof gelaufen, steht nicht drrrann.“ – „Ja, ganz doof gelaufen, aber nicht für mich! Hier steht Teeküche drrrann, und für jeden Menschen, der mitdenkt, ist klar, dass es sich hier um einen Mitarbeiterbereich handelt! Und Ihre Verarsche lassen Sie sofort stecken!“ Und ich holte Luft und brüllte noch lauter: „Sie stellen jetzt sofort alles wieder hin und machen sich unverzüglich hier vom Acker!“

Da stand schon Jana neben mir, und sie sagte zu einem der Eindringlinge: „Sie sind vorhin schon unangenehm aufgefallen, schon vor dem Vortrag unserer Abteilung. Würden Sie also unverzüglich die Küche verlassen?“ – „Ey, wo bin isch unangenehm aufgefallen, Tussi?“ – „Sie wissen genau, was ich meine!“ So Jana. Hui, Jana – total cool! 😊

„Dann geh isch jetz nach Hause!“ „drohte“ der junge Mann, und ich lachte und meinte: „Sie sind ein freier Mensch – Sie können gehen, wohin Sie wollen. Aber Sie verlassen auf alle Fälle unsere Küche – und das sofort!“ – „Ey, aber Dreistischkeit siegt! Den Kaffee haben wir trotzdem!“ – „Möge er Ihnen wohl bekommen!“

Jana und ich sahen einander an, als die drei Typen verschwunden waren. Ich sagte: „Danke, Jana! Du bist im richtigen Moment dazugekommen.“ – „Zum Glück hattest du die Bürotür offengelassen. Und dann hörte ich jemanden brüllen und musste erst einmal überlegen, wer das wohl sein könnte. Ich hatte dich ja zuvor noch nie wütend erlebt, weil es nie notwendig war. Hut ab! Coole Stimme! Und sehr energisch! Und ich bin dann gekommen, weil ich dich unmöglich alleinlassen konnte – du warst in Unterzahl, denn die waren ja zu dritt!“ Ich starrte meine Kollegin an, dann drückte ich sie. Eine bessere Kollegin könnte ich wohl nicht haben. 😊

Wie man eine Fastenphase konsequent durchhält

Bis dato habe ich mein in Intervallen stattfindendes Fastenprogramm nie so ganz durchgehalten, zumal ich auf 5:2 umgestiegen bin – fünf Tage ohne Fasten, zwei Tage Fasten und maximal 600 Kalorien pro Tag (die ich allerdings auch nicht immer einhalte – manchmal werden es auch 700 Kalorien). Dennoch habe ich mit Grund den Eindruck, abgenommen zu haben, und ich wollte noch nie päpstlicher als der Papst sein. Mit dem habe ich eh nix am Hut. 😉

Von gestern 16 Uhr bis heute 16 Uhr fand einmal mehr ein solcher Fastentag statt. Mir graute zugegebener Weise, wie mir vor jedem Fastentag graut, und daran wird sich auch nichts ändern, obwohl ganz viele Mit-Faster behaupten, man gewöhne sich ganz leicht daran. Nein, das konnte ich bis dato nicht bei mir feststellen, obwohl ich mal mehr, mal weniger streng mit mir bin. Hinreichend streng zumeist. Aber vielleicht sollte ich doch einfach öfter mit Grund zum Augenarzt gehen. Dann geht es unter Umständen ganz leicht.

Zumindest mit dem Grund, der mich heute spontan hinführte. Nein, es war keine augenlichtbedrohende Situation, auch keine lebensbedrohliche. Es sieht einfach nur verboten aus, und es tut wirklich ganz gemein weh.

Kurz: Ich verfügte mich irgendwann, als noch Freitag war, ins Bett. Da sah ich ganz normal aus, und ich fühlte mich bestens.

Als ich am Samstag aufwachte, war alles anders. Schmerzen am linken Auge, massive Schmerzen, und als ich vor dem Badezimmerspiegel stand, wollte ich es kaum glauben: Abends zuvor als Ali ins Bett gegangen – morgens darauf als Karl Dall wieder aufgestanden! 😉

Noch kürzer: Mich traf beinahe der Schlag! Mein linkes Oberlid hing zwar nicht, war aber derart angeschwollen, dass sogar der obere Teil der Pupille partiell im Schatten lag. Und so sah ich dann auch … Als wäre eine partiell geschlossene Jalousie vor meinem linken Auge.

Und wie das Lid aussah! Sofort musste ich an die Tochter einer deutschen Prominenten denken, die – zuvor durchaus hübsch – plötzlich mit einem Mund auftrat, der wie ein Schlauchboot aussah, wiewohl sie stets beteuerte, dass Botox nicht im Spiel gewesen sei, was natürlich jeder glaubte. 😉

Es sah grauenhaft aus – als hätte ich mein linkes Oberlid mit Botox pimpen lassen, warum auch immer. Schlauchboot bzw. Ballon wie auch der Vorname der Prominententochter schossen mir als Erstes, Zweites und Drittes durch den Kopf. Und noch schlimmer: Ich musste heute mit meiner Brille zur Arbeit gehen! In dem Zustand noch eine Kontaktlinse ins linke Auge zu friemeln – das leuchtete sogar mir ein, die bisweilen weder Tod noch Teufel scheut -, wäre sicherlich eine ziemliche Scheißidee. 😉

Die Woche fing ganz besonders bescheiden an, und als ich bei der Arbeit ankam, meinte Jana: „Muss ich dich eigentlich immer erst fragen, warum du nicht gleich morgens zu deinem Augenarzt gehst?“ – „Ist ja schon gut! Ich rufe da an!“

Zwischen 14 und 16 Uhr solle ich in der Praxis sein, hieß es, und entsprechend fuhr ich mit dem Bus auch hin. Den kleinen Monty ließ ich auf dem Mitarbeiterparkplatz stehen. Ich wollte ja nur kurz zum Augenarzt.

Als ich in der Praxis ankam, stellte ich fest, dass dort Bauarbeiten herrschten, die den normalen Praxisablauf störten. In Folge verschanzten sich die beiden diensthabenden Ophthalmologen schließlich in des einen Behandlungsraum, wo sie wahrscheinlich geraume Zeit über die Innenarchitektur und Beleuchtung der Praxis diskutierten, denn noch bevor sie sich dorthin zurückzogen und der Praxisablauf zum Stocken kam, bekam ich mit, wie einer zum diensthabenden Handwerker sagte: „Wir möchten hier am besten auch LED-Beleuchtung!“ Das hielt ich hinsichtlich einer augenärztlichen Praxis für eine ganz besonders hervorragende Idee, denn es ging wohl um das Wartezimmer. Patienten, die zur Funduskopie kommen und pupillenerweiternde Augentropfen verabreicht bekommen, freuen sich sicherlich ganz besonders über LED-Beleuchtung, denn da kann es ja gar nicht blendend genug sein. 😉

Und so saß, harrte und wartete ich fast eineinhalb Stunden, während derer ich beschloss, künftig nur noch dienstags und freitags – wenn möglich – diese Praxis aufzusuchen, denn da hat der angestellte Augenarzt Dienst, der mich im letzten Jahr so gut betreut hatte, als es um Schlimmeres ging. Der hat auch keine Befugnis, über Beleuchtungskörper zu befinden, und ich bin mir sicher, dass er sich gegen LEDs entschieden hätte. 😉

Als ich schließlich aufgerufen wurde, hieß es, ich litte wohl unter einer Lidrandentzündung. So weit war ich auch schon gewesen. Als der Arzt mich schließlich höchstselbst untersuchte, drückte er wieder und wieder mit einem Wattestäbchen gegen die Innenseite meines nach außen geklappten Oberlids. Ich meinte staccatomäßig, da es wehtat: „Das ist ja herzallerliebst, was Sie da mit mir machen!“ – „Ja, Sie sollten nur etwas ruhiger sein und nicht immer so zucken. Das ist ein klassisches Hordeolum internum, und ich muss jetzt etwas dagegen drücken. Vielleicht haben wir Glück, und es macht gleich platsch!, und dann sind Sie die Schmerzen los. Wissen Sie, wenn es platsch! macht, kommt der ganze Mist heraus, der Druck ist weg, und der Schmerz auch!“

Ich würgte leicht. Es tat höllenmäßig weh, und die Vorstellung, dass es gleich platsch! machen und Sekrete verschiedenster Provenienz in mein Auge laufen würden, machte mir mehr oder minder leise zu schaffen. Blut – kein Problem! Aber diese Vorstellung – nein, danke! 😉

Da nichts platschte, trug man mir auf, zu Hause meinerseits mit Wattepads oder Kosmetiktüchern zu Werke zu gehen. Zusätzlich verschrieb man mir eine antibiotische Augensalbe, die auch Cortison enthält.

Als ich – kalter Schweiß stand auf meiner Stirn – die Praxis verließ, war mir nicht klar, wie man überhaupt je etwas essen könne, zumal mir der Augenarzt nach all den schmerzhaften Wattestäbchen-Bemühungen das letzte noch unter die Nase bzw. Augen gehalten hatte, und das mit den Worten: „Sehen Sie – manchmal muss man einfach nur konsequent sein!“ Danke – ich esse nie! 😉

Und während ich vorhin Augensalbe auf und unter mein Oberlid praktizierte (mit einem Wattestäbchen), hatte ich noch immer keinen Appetit. Er wird wiederkommen, da bin ich mir sicher. Aber nicht heute.

Ist aber eh Fastentag. 😉

„Flight EW 08/15, operated by LGW – do you read me?”

Nachdem seitens einer Gewerkschaft einmal mehr zum Ausstand, vulgo: Streik einer bestimmten Airlines-Kooperation aufgerufen wurde, bin ich schon vorgestern etwas nervös geworden, denn am kommenden Montag gedachte oder -denke ich, gen NUE zu fliegen, wie das Kürzel des entsprechenden Flughafens so hübsch lautet.

Ja, klar, ich hätte auch klimaschonend mit der Deutschen Bahn fahren können, aber das ist – ungelogen – fast doppelt so teuer und dauert mehr als doppelt so lange. Mindestens. (Und ich heiße nicht Krösus. Oder Krösa – wenn man denn besonders genderaffin ist. 😉 )

So berichteten zumindest nicht nur meine Eltern, sondern auch noch diverse andere Menschen, die sich guten Willens auf den Weg im Bahn-Fernverkehr begaben, um das Klima zu schonen, und dabei interessante Erfahrungen machten, auf die sie strenggenommen auch hätten verzichten können, wie sie unisono und trotz unterschiedlicher Toleranzgrenzbereiche verkündeten.

Da war ein Bekannter, der von Amrum im äußeren Norden dieses Landes in die mittelfränkische Peripherie – ausgehend von Nürnberg – zurückreisen wollte, nachdem er drei Wochen auf dieser Insel in Nordfriesland verbracht und sich hervorragend erholt hatte. Im Vertrauen: Die Erholung war dahin, nachdem er die Rückfahrt mit der Bahn endlich überstanden hatte, die ihn auf Umwegen – offenbar sehr beliebt bei der Bahn – sogar über Luxemburg geführt hatte!

Anderen Bekannten erging es ähnlich, und als meine Eltern sich Anfang Oktober gen Franken aufmachten – die Heimat meiner Mutter -, frotzelten sie noch und meinten, so ein Mist könne unmöglich in größerer Häufung geschehen. Ganz falsch!

Zwar durchfuhren sie nicht Luxemburg, kurvten aber auf erstaunliche Weise kreuz und quer und von Süd gen Nord, dann wieder West und Ost und sogar Nordnordwest et al. durch Deutschland, obwohl sie doch eigentlich nur auf kürzestem Wege von Bamberg ins Ruhrgebiet zurückfahren wollten, erster Klasse und nicht wirklich preisgünstig. Zwei unfreiwillige Taxifahrten waren auch noch dabei, da auf der Hinfahrt der ICE unerwartet – und unangekündigt! – eine größere und ungeplante Schleife fuhr und schließlich in SEV mündete. Schienenersatzverkehr. Erfurt stand eigentlich per se nicht auf dem Plan, noch weniger jedoch der schleppende Bus-Ersatzverkehr, während dem meine Eltern viele neue Orte mit spannenden Ortsnamen wie Zimmernsupra kennenlernten. Man fragt sich, wie solche Ortsnamen entstanden seien … Da lachten meine Eltern immerhin noch.

Die Rückfahrt – womit keiner nach dem doofen Einstand auf der schließlich neuneinhalb (statt viereinhalb) Stunden andauernden Hinfahrt gerechnet hatte – war ähnlich blöd, da erneut unerwartete Schleifen und Umwege gefahren, gar mehrere Bahnhöfe angesteuert wurden, die fern der eigentlichen Strecke lagen. Ich vermute, es handle sich um ein besonderes Angebot der Bahn: „Lerne dein Land und die angrenzenden Länder besser kennen!“ Oder so etwas in der Art.

Meine Eltern brauchten zurück jedenfalls auch über acht Stunden, nachdem ihr ICE, der eigentlich bis Dortmund fahren sollte, außerplanmäßig in Düsseldorf endete. Wegen der eklatanten Verspätung – wohl entstanden durch die „Schleifen“ und Umwege, die man gefahren war -, wie man den Reisenden bei Einfahrt ins Düsseldorfer Gleis völlig überraschend mitteilte, die noch ganz gemütlich in den Sitzen lehnten und wähnten, dies auch noch ein wenig länger tun zu können. Meine Mutter meinte zynisch: „Ich weiß zumindest inzwischen, dass außer den ehemaligen Metropolen-Bahnhöfen auch noch ganz viele andere Bahnhöfe, die ich nie kennenlernen wollte, zumal nicht an der Strecke liegend, Kopfbahnhöfe sind. Es wurde einem schon ganz schwindlig bei dem ewigen Richtungswechsel!“

Es tat mir leid, das zu hören. Ich war und bin Kummer gewohnt, aber mehr im ÖPNV. Dass es im Fernverkehr der Bahn inzwischen genauso bescheiden zu sein scheint, war mir nicht bekannt, denn ich versuche, und das aufgrund meiner gruseligen ÖPNV-Erfahrungen, Bahnfahrten nach Möglichkeit per se zu vermeiden.

Daher auch meine schändliche Angewohnheit, von DUS nach NUE zu fliegen, obwohl ich sicherlich Flugscham empfinden sollte. Tue ich aber nicht, solange die Bahn es nicht schafft, die ureigenen Gegebenheiten anständig und kundenfreundlich darzubieten. Und ich sehe partout nicht ein, neuneinhalb Stunden zu fahren, um von A nach B zu kommen, die lächerliche 500 Kilometer voneinander entfernt sind (ja, reißt mir nur den Kopp ab! 😉 ). Und das für einen derart hohen Preis. Monetär. Von den Nerven wollen wir gar nicht erst sprechen. 😉

Aus diesem Grunde buchte ich Anfang des Monats auch ein Ticket – hin und rück – bei einer bekannten Airline, die eine Tochter einer noch viel bekannteren Airline, der deutschen Airline, ist. Dem europäischen Gedanken angelehnt ist ihr Name, obwohl es noch eine weitere Tochtergesellschaft gibt, deren Name ähnlich klingt, aber eher national begrenzt. 😉

Letztere wird am Montag in Streik treten, wie heute bekanntgegeben wurde. Mit einiger Nervosität hatte ich die Kundgebung der Flugbegleiter-Gewerkschaft erwartet, und ich jubelte zwar nicht, als ich hörte, dass nur „Avio German“ betroffen sei, war aber dennoch etwas erleichtert. Es ist doof, kurz vor Toresschluss mitgeteilt zu bekommen, dass man dann doch auf die Bahn umbuchen müsse, die um diese Jahreszeit auch voll ausgebucht sein dürfte und in der man noch von Glück sagen kann, wenn man durch Zufall einen Sitzplatz bekommt – und sei es auf der Zugtoilette! (Wenn man nicht gleich im Einstiegsbereich auf dem Fußboden kampieren muss, dicht an dicht mit anderen Reisenden, was ich als Studentin öfter erlebte, ohne dass dies in den Medien veröffentlicht oder eine von uns „Ölsardinen“ bemitleidet wurde …)

Dann fiel mir ein, dass „Avio German“ ein Drittel der Flüge der anderen, europäisch „benamsten“, Airline durchführt – und da wurde mir kurz noch einmal ganz anders. Bis ich meine Buchungsbescheinigung sichtete, die sich in den Tiefen meiner in Riga gekauften großen Tasche nach einiger Recherche wiederfand (kauft nie große Taschen, wenn es auch praktischer erscheint – man findet darin nichts so schnell wieder!): Operated by LGW stand da! Das bedeutete wohl, dass mein Flug wirklich nichts mit „Avio German“ zu tun habe. Sicherheitshalber aber fragte ich auf der Seite der Airline auf einem bekannten Sozialen Medium noch einmal nach, auf der sich zwei Servicemitarbeiter der Airline gerade von wildgewordenen Kunden verbal die Köppe einschlagen lassen mussten, obwohl sie wieder und wieder beteuerten, ihr Arbeitgeber könne nichts dafür und wolle diesen Streik auch nicht. Man bestätigte mir, mein Flug sei nicht betroffen, und ich wünschte allen Anwesenden, speziell aber den Servicemitarbeitern, nur das Allerbeste und zog mich zurück. Beruhigt.

Ich werde am Montag fliegen. Und hoffentlich am Samstag darauf wieder zurück. Ansonsten bleibe ich einfach in Franken. In einen Zug bekommen mich keine zehn Pferde, auch wenn es sicherlich reizvoll ist, auch noch Abstecher nach Österreich, Luxemburg, Belgien, die Niederlande oder Frankreich zu machen oder alle Kopfbahnhöfe Deutschlands kennenzulernen … 😉

Na, dann – frohe Weihnachten!

Endlich Urlaub! So dachte ich, als ich heute früh zu einer Zeit erwachte, da ich im normalen Arbeitsalltag nie erwache, denn es war zwanzig vor fünf. Mein Unterbewusstsein schien mir signalisieren zu wollen, dass ich vergessen hatte, meinen Wecker zu stellen … (Macht es leider nur in solchen Situationen und nie dann, wenn ich wirklich zur Arbeit muss und tatsächlich vergessen habe, den Wecker zu stellen – so typisch.) 😉

Zunächst fluchte ich leise in mich hinein, dann fiel mir ein, dass ich vom 23. Dezember bis 09. Januar Urlaub habe, und ich freute mich – wenn auch gedämpft, da noch so früh – halbtot und drehte mich auf die andere Seite, um weiterzuschlafen. Das Ausmaß dieser Freude erschließt sich sicherlich nur den Menschen, die exakt in der Vorweihnachtszeit jobtypisch jedes Jahr immer besonderen Stress haben. Und keine Morgenmenschen sind.

Alles war erledigt, was ich noch erledigen wollte – naja, fast alles. Ich konnte tun, was immer ich wollte – im Zweifel auch gar nichts. Gestern hatte ich noch eine Fuhre Wäsche gewaschen, und das mit meiner flammneuen Maschine, die mir mehr und mehr ans Herz wächst, denn sie tut, was man von ihr verlangt, ist nicht aufmüpfig und hat bis dato noch nicht einmal versucht, sich von dem Waschmaschinensockel im Keller zu Tode zu stürzen und im Zuge dessen den Keller zu fluten. Ganz anders als die alte Maschine, die allerdings wirklich alt war. Und eigenwillig, was unter Umständen daran lag, dass sie ein Erbstück meiner Oma Margareta war, die auch einen ausgeprägten eigenen Willen hatte – ich vermisse sie, also die Oma, noch heute sehr, seit sie Anfang Dezember 2011 starb.

Da ich heute tun und lassen konnte, was auch immer ich wollte, hatte ich einen wunderbaren Gammeltag. Bis mir einfiel, dass ja das Paket, das ich einer Bekannten zu Weihnachten hatte schicken wollen, qua Sendungsverfolgung als „nicht zustellbar“ erkannt worden war und als Retoure an meine Wohnadresse zurückgeschickt werden würde. Und wahrscheinlich würde es heute eintreffen. DHL und ich – eine neverending story! Selbst wenn ich einen expliziten Wunschtag zur Auslieferung von Paketen angebe, hat es bis dato noch nie geklappt, dass mal ein DHL-Bote sich die Mühe machte, bei mir zu klingeln. Und ich befürchtete, dass der Nachbar im Hochparterre einmal mehr das Paket angenommen haben könnte – wahrscheinlich schon aus purer Bosheit! 😉

Denn mit dem Nachbarn hatte ich mich neulich anne Köppe gehabt! Und bin ihm seitdem sehr gekonnt aus dem Weg gegangen. Ich hatte mich schon mehrfach über ihn geärgert, sehr sogar, und kürzlich kam es zur Eskalation, als ich abends nach Hause kam, nach einem wirklichen Scheißtag, und da lauerte er mir auf und ging mich wegen einer Sache an, die ohnehin schon spießig-albern war. Ein Wort gab das andere, und ich wünschte ihm, nachdem ich erklärt hatte, dass das Gespräch nunmehr für mich beendet sei, obwohl er noch weiter diskutieren wollte, einen schönen Abend und ging meiner Wege die Treppe hinauf in den ersten Stock. (Nein, es ging nicht um die Treppenhausreinigung, der ich stets nachkomme. Es ging mehr um selbstherrliches Gebaren des vor erst kurzer Zeit hinzugezogenen Nachbarn in puncto Waschkeller, und man kann sich ja nicht alles gefallen lassen. 😉 Ich hasse es wie die Pest, mich über solche Dinge streiten zu müssen, aber alles kann man sich in der Tat nicht gefallen lassen. 😉 )

Und so hatte ich meine Stimme nicht nur gehoben, sondern sogar anklagend mit dem Finger auf ihn gezeigt, als wolle ich ihn erstechen! 😉

Zu Recht war das geschehen, aber ich tue mich bisweilen schwer damit, mein Recht einzufordern und mich trotz der Tatsache, im Recht zu sein, gut zu fühlen. Und so hatte ich es seither erfolgreich geschafft, dem Nachbarn aus dem Weg zu gehen, der, seit er hier wohnt, schon drei Pakete für mich angenommen hat (worum ich beileibe nicht gebeten hatte).

Ich hoffte, der DHL-Bote möge die Retoure einfach an den nächsten DHL-Paketshop geliefert haben, als ich mir ein schönes, warmes Bad einlaufen ließ, gegen 17 Uhr.

Als ich gegen 18 Uhr der Wanne entstieg, klingelte es an meiner Wohnungstür. Ich rief: „Einen Moment, bitte!“ Und rasch wickelte ich ein Handtuch um meine nassen Haare und mich selber in meinen Bademantel. Dann eilte ich gen Tür und öffnete sie … Hoffentlich war es Frau Wolski oder die neue Nachbarin.

„Hallo, Frau B. – ich habe dieses Paket für Sie entgegengenommen. Wollte ich Ihnen nur rasch bringen.“ Es war Herr Fischer, der Nachbar, mit dem ich mich neulich gestritten hatte, wie ich erkannte, obwohl ich weder Kontaktlinsen, noch Brille trug. Ich musste daher auch erst zweimal hinsehen. Herr Fischer sicherlich auch, da ich eher ungewohnt aussah im Vergleich zu den sonstigen Gelegenheiten. „Turban“ auf dem Kopp, Bademantel, eher derangiert. Als ich sah, wer mir da ein Paket brachte, wurde mir ganz anders – ausgerechnet!

Dann aber dachte ich: „Wahrscheinlich bringt er dir das Paket extra – eine Etage höher -, weil er denkt, dass du es sonst niemals bei ihm abholen würdest, trotz Benachrichtigung im Briefkasten. Er findet die Situation wohl auch scheiße.“ Und so sagte ich: „Herzlichen Dank, dass Sie mir das Paket extra bringen. Sorry, dass ich neulich etwas giftig war. Ich war zwar zu Recht verärgert, aber ich war wohl etwas unhöflich. Das hätte man auch anders machen können – es tut mir leid, denn das ist normalerweise nicht meine Art.“ – „Alles okay, Frau B. – vergessen wir das einfach. Okay?“ – „Ja, klar – gerne.“ – „Ich wünsche Ihnen ein schönes Weihnachtsfest und alles Gute fürs neue Jahr.“ – „Ich Ihnen auch. Viel Glück und Gesundheit.“

Ich hätte das Paket zwar auch bei diesem Nachbarn abgeholt, aber es hätte Überwindung gekostet. Umgekehrt gegebenenfalls aber ähnlich. Immerhin. Doof nur, aber typisch, dass ich in Bademantel und Handtuchturban die Tür öffnen musste. Wann auch sonst? 😉

Mein Tipp zum Weihnachtsfest und Jahresende: Verzeiht euren Feinden, auch wenn ihr hinsichtlich des Verzeihungsprozesses in vergleichsweise wenig präsentablem Zustand seid. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben und/oder Herausforderungen. 😉

Ich hoffe trotzdem oder gerade deswegen, Herrn Fischer in der nächsten Zeit nicht zu begegnen … 😉

Und all das für ein läppisches Unentschieden? ;-)

Ich hatte heute einen schönen Abend. Zumindest, nachdem ich endlich dort angekommen war, wo ich hatte ankommen wollen – in einem Lokal, in dem ich mit Kerstin, einer meiner Lieblingskolleginnen, zum Essen verabredet war. Der Tisch war für 18:30 h reserviert, und wir freuten uns beide auf den Abend, nachdem wir es – anders als geplant – nicht mehr geschafft hatten, Tickets fürs Weihnachtssingen auf Schalke zu bekommen.

Immerhin ist das Lokal, in dem wir uns treffen wollten, nicht weit von der Veltins-Arena entfernt. Gesungen haben wir dennoch nicht. Nein, was ich zuvor im Auto tat, war kein Gesang. Beileibe nicht. Und ich schwöre, das, was da meinen sogenannten Sprechwerkzeugen entfleuchte, habe ich nicht in meinem Elternhaus gelernt. 😉

Ich lebe zwar hier in dieser Stadt, in der der lokale Fußballclub bei vielen eine Art Religion ist, ich bin auch auf dem Laufenden, was die Bundesliga-Tabelle anbelangt, und auch ich freue mich mit, wenn Schalke siegt. Ich bin aber kein Fan, und so habe ich nie auf dem Schirm, wann ein Heimspiel stattfindet. Sollte man als Bewohner dieser Stadt besser wissen …

Denn als ich mich heute für den Abend fertigmachte, zuvor noch die Treppe putzte, kam mir irgendwann zu Bewusstsein, dass die aus einer gewissen Entfernung zu mir gedrungene Geräuschkulisse, aus vielen Kehlen stammend und von mir meist nur beiläufig und als normal wahrgenommen, dafür sprach, dass wohl „auf Schalke“ gespielt wurde. Ich schaltete leider erst, als ich bereits mit Tasche und Weihnachtsgeschenk für Kerstin zur Wohnungstür schritt. Genauer: Es durchzuckte mich – und da klingelte auch schon mein Handy. Mir war sofort klar, dass es sich beim Anrufer nur um Kerstin handeln konnte, die mir garantiert mitteilen wollte, dass Schalke heute gespielt habe und ein riesiges Verkehrschaos herrsche, inklusive Straßensperrungen. Und genauso war es – um 18:10 h.

Ich brauche für die Strecke normalerweise maximal fünfzehn Minuten inklusive Parken. Es war klar, dass ich das nicht schaffen würde, und so bat ich Kerstin, schon einmal den reservierten Tisch in Anspruch zu nehmen – ich käme so schnell, wie möglich (was auch immer das heißen möge).

Und rasant fuhr ich vom Hof und geriet alsbald auf dem konventionellen Weg in einen Stau. Rasch wendete ich auf recht risikofreudige Weise und fuhr erst einmal ein Stück zurück, um dann eine andere Strecke zu wählen. Eine Strecke, die Auswärtige nicht so gut kennen dürften. Da musste ich leider erneut wenden, erneut risikofreudig, und so nahm ich eine dritte, besonders raffinierte Route – wie ich dachte. Dort stand ich dann im Stau, und ich fluchte wie ein Kesselflicker. Wieder gewendet, neue Strecke. Am Marktkauf geparkt, weil ich keine Lust mehr hatte, noch bis zum Parkplatz des Lokals zu fahren, der sicherlich inzwischen proppenvoll war – nach Schalke-Heimspielen nicht ungewöhnlich -, um dort festzustellen, dass ich dann doch nicht dort parken könne, da auch der hinterletzte Platz belegt. Ist mir schon zweimal passiert, und ich kalkulierte, dass das dann noch mehr Zeit in Anspruch nehmen würde, als nun hier etwas weiter entfernt zu parken und zu Fuß zum Lokal zu stochen.

Um 18:55 h enterte ich das Lokal und hatte so immerhin einen kleinen Spaziergang gemacht. 😉 Kerstin saß in Sichtweite, und sie sprang auf, als sie mich kommen sah. Riss mich erst einmal in den Arm und meinte ganz auf Kerstin-Art: „Ich dachte schon, ich müsste eine Suchhundestaffel aussenden! Da sind wir auch ein bisschen spät losgefahren, Frau B., ne?“ – „Wäre mir klar gewesen, dass Schalke heute ein Heimspiel hatte, wäre ich eher losgefahren. Aufgefallen ist es mir auch erst ganz kurz vor deinem Anruf. Normalerweise brauche ich maximal eine Viertelstunde – mit Parken!“ – „Ist doch alles halb so wild – ich wollte nur etwas frotzeln. Hauptsache, du bist jetzt da!“

Und wir bestellten Essen und Getränke und überreichten einander unsere Weihnachtsgeschenke. Meines wirkte nicht ganz so liebevoll wie Kerstins – fand ich zumindest -, aber ich hatte ohnehin vorgehabt, sie zum Essen einzuladen, was sie – auch ganz Kerstin – erst nicht annehmen wollte.

Es war ein sehr schöner Abend mit viel Lachen und grandiosen Geschichten. Als es ans Zahlen ging, holte Kerstin ihr Portemonnaie heraus, aber ich sagte: „Weg damit – zurück in deine Tasche, aber zackig! Ich dachte, wir hätten das geklärt.“ Und ich kniff ihr ein Auge zu. Kerstin meinte zum Kellner: „Die Frau hier ist manchmal echt schwer zu ertragen – man kommt nur selten gegen sie an! Und ich bin darin normalerweise ziemlich gut!“ Ich meinte: „Wir sind beide einzeln schon schwer zu ertragen, und zusammen sind wir unausstehlich, aber ich zahle trotzdem alles zusammen, egal, was sie sagt!“ Der Kellner lachte und meinte: „Ich finde Sie beide sehr nett und sympathisch, und Sie scheinen einander doch sehr gut zu verstehen.“ – „Ja, das tun wir auch!“ rief Kerstin. – „Dann ist doch alles prima, und Sie können sich ja einfach abwechseln.“ – „Das werden wir tun,“, rief Kerstin, „denn das machen wir bald wieder, ne, Ali?“ – „Auf jeden Fall!“

Sie fuhr mich dann noch zum Marktkauf, wir drückten einander, und Kerstin meinte: „Danke für die Einladung, Ali – ich fand den Abend richtig schön.“ – „Ich auch – es war sehr lustig, auch wenn es mir leidtat, dass du so lange warten musstest.“ – „Ach, halb so wild! Ich wusste ja, warum, und ich wusste, du würdest auf alle Fälle kommen. Und das machen wir auf alle Fälle bald wieder – aber dann zahle ich!“ – „Sehr gern – und wir wechseln uns einfach ab.“

Zu Hause eingetroffen – ich war noch an der Packstation, bei der Sparkasse und an der Tanke, da mein Tank fast leer war – erwarteten mich schon einige WhatsApp-Nachrichten von Kerstin. Eine lautete: „Boah, die haben heute nur unentschieden gespielt! Und dafür reißen wir uns den … auf, um einfach nur mehr oder minder pünktlich zum Lokal zu kommen, trotz Schikanen, Sperrungen und Staus!“

Ich schrieb zurück: „Waaas? Für ein läppisches Unentschieden überschreite ich mehrfach die erlaubte Höchstgeschwindigkeit? Da, wo kein Stau herrschte? Mache Wendemanöver unter größter Todesverachtung und drohender Lebensgefahr? Fluche im Auto, bis meine Stimme fast versagt? So nicht, Schalke! So nicht!“

Nein. Sowas nicht noch einmal, denn Kerstin und ich kamen überein, beim nächsten Treffen besser vorbereitet zu sein, was Heimspiele anbelange. Aber sowas von! 😉

Liegt das etwa an Weihnachten? ;-)

Irgendwie lief in letzter Zeit nicht alles so geschmeidig. Tut es ja öfter, aber vielleicht nimmt man es in der Vorweihnachtszeit schwerer – ich weiß es nicht. Sollte denn nicht gerade in dieser Zeit alles besinnlich-muckelig sein? 😉

Immerhin ist zumindest mir nichts wirklich Schlimmes widerfahren – toi, toi, toi! Aber ein Bekannter von mir muss mit einer Trennung zurechtkommen. Das ist immer schlimm, wenn man im Grunde (noch) am Partner hängt. Kurz vor Weihnachten aber ist es die Hölle.

Es ist schon einige Jahre her, da musste ich diese wahrlich verzichtbare Erfahrung auch machen: Eine Woche vor Heiligabend teilte mein damaliger Freund mit, dass er „eine alte Flamme“ – so sagte er – wiedergetroffen habe, und nun gehe es halt nicht mehr. Gut, in der Beziehung hatte es bereits gekriselt, aber das war dann doch ein Schlag. Noch dazu, da er es mir bei der Arbeit sagte, direkt morgens. (Seither sehe ich Beziehungen mit Arbeitskollegen erheblich kritischer als vorher – man läuft denen danach unter Umständen tagtäglich über den Weg, und ganz gleich, von wem die Trennung ausging: Das ist nicht angenehm.)

Damals taumelte ich nach der Verkündigung des Status quo ziel- wie blicklos als erstes in die Teeküche, wo ich auf Lydia traf. Sie rief: „Ali! Hallo – na, wie geht es dir?“ Sofort brach ich ob der freundlichen Ansprache in Tränen aus, und Lydia sah mich erschrocken an, nahm mich sofort in den Arm und fragte mit gedämpfter Stimme: „Was ist passiert?“ Ich brachte schluchzend und stockend hervor, was passiert sei, und sie wurde wütend: „Warum das denn? Und wenn es schon so ist: Warum bei der Arbeit? Ist der bescheuert?“ Sie sah mich an und meinte: „Ali, wenn du möchtest: Ich gehe sofort zu ihm und sage ihm meine Meinung dazu! Schlimm genug, dass er das gemacht hat! Aber auch noch bei der Arbeit – ist der total bekloppt? Du musst jetzt hier achteinhalb Stunden sitzen – mit Publikumsverkehr! Und du darfst nicht einmal weinen! Der Typ hat sie doch wohl nicht mehr alle – wie unsensibel ist das denn?“

Ich drückte Lydia und meinte, sie solle das vielleicht besser nicht tun – schade eigentlich, und ich habe es hinterher bereut. 😉 Lydia meinte, falls ich meine Meinung ändern sollte: Sie säße bereit, denn das fände sie so arschig, dass sie es nicht einmal adäquat in Worte fassen könne. Und sie sah danach mehrfach nach mir, die ich wie gelähmt, aber so tränenlos an meinem damaligen Arbeitsplatz saß, dass nicht einmal Kollege Birger mitbekam, was passiert war. Einzig Giacomo, der mich überraschend gegen Mittag anrief, um zu fragen, wie es mir denn gehe und ob ich mich schon auf Weihnachten freue, sagte ich, was geschehen sei (da war Birger gerade essen), und er rief: „Wann machst du Feierabend? Du kannst unmöglich allein sein – das ist ja wohl der Hammer!“ – „Keine Ahnung, mir ist alles egal. Warum willst du das wissen?“ – „Weil ich dich abhole. Nein, keine Widerrede!“ – „Ich widerspreche doch gar nicht. Mir ist eh alles egal.“ – „Gut, dann stehe ich um 17 Uhr vor dem Gebäude deines Arbeitgebers. Oder soll ich dich im Büro abholen?“ – „Nein, ich komme raus. Aber wieso holst du mich ab – du arbeitest in Alsdorf und wohnst in der Nähe von Düsseldorf, und ich arbeite in Gelsenkirchen.“ – „Weil mir das leidtut und ich finde, dass dich wenigstens jemand abholen sollte, wenn du schon so einen Scheißtag hattest. Ich rufe an, kurz bevor ich ankomme. Gib mir bitte die Adresse.“

Gegen 17 Uhr wankte ich mit zitternden Knien aus dem Gebäude. Da stand Giacomo schon, nahm mich in den Arm und führte mich wie eine Invalidin zu seinem noblen Dienstwagen. Im Auto brach ich in Tränen aus und schluchzte: „Wir wollten Weihnachten doch zusammen feiern – ich wollte kochen. Er hat sich Wildschweinbraten gewünscht, und der ist auch schon bestellt! Und die meisten anderen Zutaten habe ich auch schon gekauft! Das kann ich jetzt alles wegschmeißen!“ – „Aber nein! Das kann man doch noch verwerten!“ Typisch Giacomo – er liebt Kochen und Essen. Wahrscheinlich würde er auch noch an Essen denken, wenn das Jüngste Gericht kurz bevorstünde. Er ist Italiener. Mir hingegen hatte es komplett den Appetit verschlagen.

Giacomo meinte: „Und wenn ich mal mit ihm spreche? Wir kennen einander ja recht gut.“ – „Ich glaube kaum, dass das etwas bringt.“ – „Ich versuche es trotzdem – ich kann nicht ertragen, dich so zu sehen! Mir bricht das Herz!“ (Das mag übertrieben klingen, aber Giacomo ist Italiener, und manchmal treffen Klischees zu. 😉)

Und er stieg aus und rief meinen Ex an. Ich sah, wie er via Handy auf ihn einredete und dabei wild und sehr energisch gestikulierte. Als er wieder einstieg, meinte er: „Und jetzt fahren wir los und kaufen einen Weihnachtsbaum!“ – „Was hat er denn gesagt?“ – „Ihr beide feiert zumindest Heiligabend zusammen! Das ist das Mindeste, was er tun sollte! Denk an das Wildschwein!“ Na, großartig … 😉

Wir fuhren los, kauften einen Weihnachtsbaum und viel Bier. Giacomo rief seine Freundin an und sagte, er müsse die Nacht durcharbeiten. Dahinter steckte nichts Böses, nur mochte sie mich nicht, und Giacomo wollte mich nicht alleinlassen, obwohl die übergroße Sorge unbegründet war. Mir war eh alles egal. Wir schmückten den Weihnachtsbaum und leerten dabei die eine oder andere Bierflasche.

Eine Woche später, es war Heiligabend, schob ich am späten Nachmittag einen Bräter mit dem Wildschweinbraten bei Niedertemperatur in den Backofen. Mein Ex öffnete eine Flasche Rotwein. Als nach der Vorspeise das Wildschwein und die Klöße nebst Beilage fertig waren, speisten wir durchaus diszipliniert, aber die drei Gläser Rotwein über Vorspeise und Hauptgang verteilt machten sich sehr unschön bemerkbar, als ich aus der Küche das Dessert holen wollte. Ich hatte die Woche davor kaum essen können, hatte diverse Kilos verloren und war darob recht geschwächt. Außerdem vertrage ich keinen Rotwein – aber mir war ja eh alles egal. Kurz: Mir wurde schwindlig, und ich stürzte wie ein gefällter Baum um, als ich die Türschwelle gerade überschreiten wollte. Immerhin bekam ich noch mit, dass mein Ex wie angestochen aufsprang und – offenbar besorgt – zu mir hechtete. Danach lag ich mit einem kalten, nassen Waschlappen im Gesicht auf der Couch, um die Blutung zu stillen, die aus einer Platzwunde über meiner Nase resultierte. O Gott! Wie bei Prolls! Mama sternhagelvoll – und das schon vor dem Dessert! 😉  Durchaus und absolut nicht üblich bei mir – daher auch die geschockte Reaktion meines Ex.  Recht geschah ihm.

Mein Ex blieb über Nacht, schlief auf der Couch und machte sich am nächsten Tag grauenvolle Vorwürfe, als er meine zerbeulte Visage sah. 😉 Mir war eh alles egal – mein Leben vorbei. 😉

Abends machte er sich dann vom Acker, nachdem er mehrere mysteriöse Anrufe entgegengenommen und geführt hatte, und er gebot mir, sofort anzurufen, wenn es mir schlecht gehe. Ich lachte dreckig und fragte, ob ich ihn jetzt gleich und sofort anrufen solle oder erst, wenn er schon weg sei … Eine Standleitung vielleicht …?

Ich bereute sehr, Weihnachten nicht bei meiner in Sachsen lebenden Schwester verbracht zu haben, wo auch meine Eltern zu Besuch aus NRW waren, und der Rest des ersten sowie der zweite Weihnachtstag gehören bis heute zu den schlimmsten Tagen, die ich überhaupt je erlebt habe. Hätten Giacomo und Richie, der inzwischen auch im Bilde war, mich nicht mehrfach angerufen, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, wäre es noch schlimmer gewesen.

Am zweiten Feiertag riefen meine Eltern aus Sachsen an und legten mir nahe, doch Silvester nach Dresden zu kommen – da wäre ich wenigstens nicht allein. Ich solle sofort einen Hin- und Rückflug buchen. Da es in der Tat das Vernünftigste war, das ich zu dem Zeitpunkt tun konnte, setzte ich mich an den PC und buchte …

Und am 28., als ich gerade einmal mehr düsteren Gemüts blicklos auf den Bildschirm des Fernsehers starrte, klingelte mein Telefon. Giacomo war dran, und er sagte: „Was machst du gerade?“ – „Ich sitze hier herum …“ – „… und deine Gedanken kreisen, und du bist wahrscheinlich nicht zurechtgemacht?“ – „Wozu auch?“ – „Du machst dich jetzt fertig. In einer Stunde bin ich bei dir und hole dich ab.“ – „Wohin?“ – „Zu mir.“ – „Aber das wird Sylvana nicht passen.“ – „Doch. Es tut ihr leid, was dir passiert ist – sie findet das auch nicht schön. Ich hole dich ab, und dann koche ich etwas. Du hast doch, wie ich dich kenne, sicher noch nichts gegessen.“ – „Das ist vergebliche Liebesmühe – ich bekomme eh nichts hinunter.“ – „Ah, komm, etwas Pasta geht immer. Du machst dich jetzt fertig – in einer Stunde stehe ich vor der Tür! Pack etwas für die Nacht ein – heute kommst du nicht mehr nach Hause.“

Sylvana nahm mich in den Arm, als wir in der Nähe von Düsseldorf ankamen, zog sich dann aber dezent zurück, und Giacomo kochte für mich Strozzapreti („Die magst du doch so gerne!“) mit einer wunderbaren Pilz-Tomatensauce. Er gab sich solche Mühe, aber ich konnte kaum etwas essen und brach erneut in Tränen aus. „Nicht weinen! Hier – etwas Weißwein! Und deine Nase sieht doch auch gar nicht so schlimm aus. Gar nicht so geschwollen, wie du behauptet hast. Nur bist du erschreckend dünn geworden – versuch doch noch einmal von der Pasta! Komm, nur ein bisschen!“

Da ich nicht nur nicht essen, sondern auch nicht schlafen konnte, schlug sich Giacomo die Nacht mit mir um die Ohren, und wir redeten und hörten Musik. Und am nächsten Tag bekam ich Kaffee an die Couch geliefert, und am späten Nachmittag fuhr mich Giacomo nach Hause. „Wenn es dir schlecht geht, rufst du sofort an!“ gebot er mir.

Silvester war ich dann in Dresden und litt dort ebenso wie zuvor – nur mit mehr Leuten um mich herum, die mich abzulenken trachteten. So richtig gelungen ist es ihnen nicht, aber ich fand rührend, dass sie es versuchten, und ich gab mir große Mühe.

Am besten gelang die Ablenkung übrigens dem Hund, der den Vermietern meiner Schwester und meines Schwagers gehörte: einer Colliehündin. Am Silvesterabend hatte sie, die offenbar sehr kommunikativ und menschenfreundlich war, an der Wohnungstür gekratzt, war eingelassen worden und hatte alle Anwesenden freundlich begrüßt. Meine Mutter wusste zu berichten, dass sie bereits Heiligabend dagewesen sei, um ihr Weihnachtsgeschenk zu präsentieren: ein Stofftier, einen kleinen Fuchs aus Plüsch, den sie stolz allen Anwesenden zeigte, indem sie rund um den Tisch schritt und das Plüschtier jedem präsentierte! 😉

Bei mir blieb sie Silvester länger, sah mich lange an, setzte sich neben mich, legte mir die Schnauze aufs Knie und leckte wiederholt meine Hand. Und am nächsten Tag begegnete ich ihr im Garten, wo sie mich freudig begrüßte und mich dazu animierte, mit ihr Fangen zu spielen. In einer kurzen Pause ging ich vor ihr in die Knie, um sie zu streicheln, und sie legte mir eine Vorderpfote auf den Arm, sah mich an und leckte mir über die Nase. Offenbar spürte das Tier, dass hier Ansprache dringend vonnöten war. 😊 Am liebsten hätte ich es mitgenommen, als ich nach Hause reiste. 😉

Ich hatte hervorragende Unterstützung damals, und ich habe das Ganze auch überstanden. Es war scheußlich, aber ich bin noch heute ganz gerührt, wenn ich daran denke, wie sich -zig Leute, darunter gar ein Hund, bemüht haben. 😉 Und heute greife ich mir an die Stirn, wenn ich an diese exorbitante Trauer denke – im Grunde war es verschwendete Energie gewesen, aber das weiß man ja immer erst später. Nicht, wenn man jemanden noch liebt. Erst hinterher fragt man sich oft, warum eigentlich. Aber das braucht seine Zeit. 😉

Dennoch – und wenn Trennungen immer Scheiße sind – sollte man sich nicht gerade kurz vor Weihnachten trennen. Das macht alles noch schlimmer. Ich weiß, wovon ich spreche. Zum Glück aber kann mir das derzeit immerhin nicht passieren. Wenn es nur solche Petitessen sind, wie sie mir kürzlich passiert sind, ist es nicht so schlimm.

Euch ein schönes Weihnachtsfest ohne Stress, Streit oder gar Trennungen! 😊

„Miss Hochdruck“ – Oder: Immer unter Strom

Heute früh um 8 Uhr stand ich im Hausflur vor der Eingangstür meiner bis dato verschlossenen Hausarztpraxis. Meine linke Hand hielt ein Folterinstrument umklammert, das ich erst eine knappe Stunde zuvor selbsttätig abgelegt bzw. mich davon „entkabelt“ hatte. Denn gestern stand mein LZ-RR-Termin an, kurz: die Langzeit-Blutdruckmessung, die man noch vor meiner Dienstreise als dringend vonnöten deklariert hatte. Und so hatte ich mir gestern um 8 Uhr das Gerät, das sich als Folterinstrument entpuppte, anlegen lassen und alle Maßgaben beachtet, denn die Messung sollte ja genau sein und Aufschluss über das mir innewohnende Problem leisten.

Die erste Messung gestern, als Testmessung bezeichnet, war bereits ein Schlag ins Kontor, da viel zu hoch. Mir graute. Wie würde das weitergehen, wenn der erste Wert am frühen Morgen schon so bescheiden hoch war? Allerdings habe ich seit dem Besuch bei meinem Gyn, da das Problem entdeckt wurde, auch ein massives Problem, was das Messen meines Blutdrucks anbelangt. Kurz: Ich habe den Eindruck, dass dieser bereits eklatant hochschnelle, wenn ich nur ein Blutdruckmessgerät sehe … 😉 Das Phänomen ist rasch erklärt: Ich rechne seit erstem Auftreten bei Anblick eines Messgerätes bereits mit dem Schlimmsten, und schon haben wir das altbekannte Phänomen der self-fulfilling prophecy. Ich scheine für so etwas durchaus anfällig zu sein, und sogar meine Hausärztin meinte heute: „Sie sind einfach ein sehr sensibler Mensch, Frau B. – Sie strahlen das bereits aus!“

Echt? Es gibt Menschen, die mich für einen unsensiblen Klotz und Haudegen halten – vermutlich liegen die falsch. 😉

Heute früh nahm man noch ein EKG vor, das laut Ärztin „sehr gut“ aussehe. Dann gingen wir die Langzeit-Blutdruckmessung durch, und ich reichte ihr mein dazu erstelltes Protokoll. Sie lachte mehrfach und rief: „Faszinierend, Ihr Arbeitstag! Sie haben einen Blutdruck von 178:100 mmHg, wenn Sie in die Finanzabteilung gehen? Und kaum sitzen Sie wieder an Ihrem Arbeitsplatz, sinkt Ihr Blutdruck schlagartig auf 129:81 mmHg? Der Gang war wohl nicht angenehm?“ – „Ach, eigentlich völlig harmlos – aber wenn ich jetzt sehe, wie da die Unterschiede beim Blutdruck sind, scheine ich erheblich nervöser vor dem Gang gewesen zu sein, als mir bewusst war. Völlig zu Unrecht! Aber … Sagten Sie ernsthaft 178:100? Das ist ja grauenhaft! Das sind ja völlig abstruse Werte! Solche Werte kenne ich von mir nicht. Abstruse Werte schon – aber eher in die andere Richtung gehend! So etwas wie 90:45 mmHg und bei maximaler Aufregung 110:70 – aber doch so etwas nicht!“

Sie lachte noch mehrfach, als sie meine Werte sah und ich versuchte, ein entsprechendes Tagesereignis zuzuordnen, was beileibe nicht immer gelang, versicherte mir jedoch, dass das keine wirklich entgleisten Werte seien, wenn auch immer ein bisschen zu hoch. Meine Nachtwerte seien hervorragend normal, bis auf einen kleinen Ausreißer (wahrscheinlich hatte ich schlecht geträumt) – nur tagsüber sei mein Blutdruck das kalte Grauen, da er stets zu hoch sei bzw. – in manchen Fällen – schlagartig von zu hoch auf vergleichsweise normale Werte stürze. (Bei allen normalen Werten befand ich mich laut Protokoll in meinem Büro. 😉 )

„Und nun?“ fragte ich. Sie meinte: „Ihre Werte sind im Schnitt etwas zu hoch, aber nicht im wirklich schlimmen Bereich. Dennoch sollten wir etwas tun.“ Und sie schrieb ein Rezept aus: „Ich schreibe Ihnen hier einen Betablocker auf – da Ihre Nachtwerte so erfreulich normal und nur Ihre Tageswerte kritikwürdig sind, nehmen Sie den bitte morgens. Es kann sein, dass Sie zunächst etwas abgedämpft sind, aber das spielt sich schon ein! Da Sie ohnehin ein kleiner Hibbel zu sein scheinen, kann das sicherlich nicht schaden. Und messen Sie bitte regelmäßig Ihren Blutdruck, damit wir sehen können, ob die Dosierung reicht!“

Na, hervorragend! „Kleiner Hibbel“! Ja, ich bin eine etwas hektische Person, aber „kleiner Hibbel“? Das klingt nicht nett, und das sagte ich der Ärztin auch. Da lachte sie und meinte: „Das war nicht böse gemeint. Ich glaube einfach nur, dass Sie sich manchmal etwas zu viele Gedanken machen und sich selber derart pushen, dass das den Blutdruck noch mehr steigert.“ Na, dann … 😉

Ich fuhr nach dem Arztbesuch zur Arbeit, und als ich mich einstempelte, rief der diensthabende Pförtner: „Mahlzeit, Frau B.! Kommen Sie heute auch noch mal vorbei?“ Ich rief zurück: „Ich komme vom Arzt, Herr Schnäther! Da ist das ja wohl erlaubt.“ Und ich grinste.

Herr Schnäther kam zu mir herüber und meinte: „Was sagt denn die Langzeit-Blutdruckmessung?“ (Er hatte gestern mitbekommen, dass ich den ganzen Tag mit dem Messgerät herumrannte, zumal Herr Schnäther und ich ohnehin ein lustiges Frotzelverhältnis pflegen und ich im Zuge dessen weiß, dass er auch unter Bluthochdruck leidet.) – „Nix Gutes – ich muss einen Betablocker nehmen!“ – „Was bekommen Sie denn da?“ – „Hier, das! Habe ich gerade aus der Apotheke geholt!“ Und ich zeigte das Präparat.

Herr Schnäther nickte anerkennend und meinte: „Das Zeug ist okay – damit kommt man klar. Ich glaube, ich bekomme das Gleiche.“ Ich stutzte, dann wurde mir die Absurdität der Situation klar, und ich lachte laut: „Cool, Herr Schnäther! Da kennen wir uns so lange, und jetzt können wir endlich die uns verschriebenen Medikamente vergleichen!“ Herr Schnäther stutzte ebenfalls, und dann lachten wir beide los. Es war wirklich grotesk. 😉

Nachmittags rief meine Mutter mich an, die von dem unangenehmen Langzeit-Blutdruck-Ding wusste: „Und? Wie lief es?“ – „Bescheiden. Mein linker Arm ist zwar unerwarteter Weise nicht grün und blau, aber er tut weh, und ich muss einen Betablocker nehmen.“ – „Um Himmels willen! Mach das nicht – das ist ganz großer Mist! Ich habe den einzigen Betablocker, den ich je nehmen sollte, nach zwei Wochen abgesetzt, weil es mir derart bescheiden ging!“ – „Danke! Das hat mir jetzt noch gefehlt! Vielen Dank! Ich muss den nehmen, sagte man mir!“ – „Ach so … Naja, dann wird sicher alles gut werden, mach dir keine Sorgen …“ Ja. Das wirkte sehr überzeugend. 😉

Ich werde morgen früh die erste Tablette nehmen und dann sehen, was mit mir passiert. 😉

Zur Not rufe ich meine derzeit krankgeschriebene Kollegin Kerstin an, die mich heute überraschend anrief und meinte, unsere ansonsten täglichen Gespräche fehlten. 😉 Wir unterhielten uns über eine Stunde lang und planten unseren Besuch beim Weihnachtssingen auf Schalke. Beide derzeit angeschlagen, aber wir singen trotzdem auf Schalke! 😉

Drückt mir die Daumen für morgen, bitte … Ich habe ein bisschen Angst … 😉

Ein echter „Lauf“! ;-)

Vorgestern war ein Tag, an dem ich etwa 22 Stunden am Stück auf den Beinen und mehr oder minder geistig anwesend war.

In Riga war ich um halb vier morgens aufgestanden – da war es hier halb drei. Schnell unter die Dusche, schnell angezogen und fertiggemacht. Schnell noch die letzten Teile in den Trolley geworfen, der – als Handgepäck deklariert – 12 kg nicht überschreiten durfte. So die Vorgaben meines Flugtarifes der Koninklijke Luchtvaart Maatschappij, kurz KLM, mit der ich nicht zum ersten Mal unterwegs war. In Kooperation mit airBaltic. Der Hinflug war auch wirklich gelungen, und auch bei vorherigen Flügen hatte es keinen Anlass zu Beschwerden gegeben.

Als ich um 05:25 Uhr aus dem rotzgrüngelben Baltic Taxi sprang, das mich fünfundzwanzig Minuten zuvor vom Hotel abgeholt hatte – die Fahrt war sehr nett gewesen, da der Fahrer und ich einander blendend verstanden und einen ganz ähnlich schwarzen Humor hatten -, mir Rinalds, der Fahrer, noch alles Gute gewünscht und gemeint hatte, es wäre sehr nett, mich einmal wieder zu treffen, stochte ich mit meinem kleinen roten Trolley gen Flughafenlobby. Schnell eingecheckt – der kleine rote Trolley wurde entgegen den Bestimmungen, die mit meinem Ticket einhergingen, einmal mehr als Aufgabegepäck behandelt und diesmal bis Düsseldorf durchgebucht -, ging es direkt zum Security Check. Wusste der Henker, wie lange es da dauern würde … Und das war eine blendende Entscheidung, denn dort tobte bereits der Bär. 😉

Ich hasse den Security Check aus ganzem Herzen. Zumindest habe ich immer ein ziemlich schlechtes Gefühl, obwohl ich mich sicherheitshalber stets an die Regeln halte. Und obwohl ich ganz harmlos aussehe – wie ich zumindest glaube -, werde ich wieder und wieder hinausgewinkt, muss nicht nur Hände vorzeigen und Arme heben, um daraufhin abgetastet zu werden, nein! Meist muss ich auch noch meine Schuhe ausziehen, denn es könnten ja Handgranaten oder Spionagematerial darin enthalten sein – ganz sicher, und man weiß ja nie …

So auch Samstag früh, gegen 06:00 Uhr, als die Uhr hier noch 5 schlug und ihr alle zu Recht in tiefem Schlaf lagt. 😉 Zur Entspannung musste ich dringend den Duty-Free-Shop aufsuchen und ein Parfum von Burberry kaufen. 😉

Der Flug von Riga nach Amsterdam startete einigermaßen pünktlich – erheblich pünktlicher jedenfalls als alles, was ich von deutschen Flughäfen und anderen Airlines kenne. Der Pilot hieß Andreij Wassilijew und war offenbar Russe. So nahm ich zumindest an, und sofort schlug der kleine Klischeedetektor an: „Der kann sicher besonders gut fliegen, weil er beim russischen Militär war und ganz hervorragend Jagdbomber geflogen hat!“ (Ja, ich schämte mich auch sofort! Zumal Andreij Wassilijew wirklich hervorragend flog und ich ihn von ganzem Herzen beneidete, dass er etwas konnte, was ich so gerne können würde. 😊 ) Andreij flog uns aufs Beste die knapp 1500 Kilometer, steuerte uns durch wundervolle Wolkenformationen gen Boden, und als wir gelandet waren, war noch hinreichend Zeit, sich zum Nachfolge-Gate zu begeben. Anders als beim Hinflug, wo ich rennen musste. Danke, Andreij! 😉 Nie wieder werde ich blöde Klischees bemühen, wenn ich auf einem Flug einen russischen Namen höre, der den Piloten betrifft. (Bisher war es allerdings auch nicht dazu gekommen, da ich innereuropäisch noch nie so weit östlich geflogen war.) 😊

In Amsterdam-Schiphol angekommen (was die lettischen/russischen Flugbegleiterinnen immer so reizend als „(Chch-)Hamsterdam“ deklariert hatten), eilte ich sogleich ans Folge-Gate, und es war völlig klar – da in Riga so angekündigt -, dass mein kleiner roter Trolley bis Düsseldorf durchgebucht sei. Also stieg ich vertrauensvoll in den Cityhopper, und er und ich landeten auch in Düsseldorf voller Zuversicht.

Aber die Zuversicht nahm ab, je mehr unabgeholte Gepäckstücke auf dem unentwegt kreisenden Gepäckband zirkulierten und keines hinzukam. Als das Band dann stoppte, war auch mir klar, dass da nichts mehr kommen würde. 😉

Ich begab mich an den entsprechend zuständigen Schalter, und nachdem ich diverse Angaben getätigt hatte, versicherte man mir, dass mein Trolley und ich alsbald wieder vereint sein würden – sobald man ihn gefunden habe, werde er mir mit dem entsprechenden Lieferservice nach Hause gebracht. (Inzwischen hatte ich diverse Angaben erhalten: Mein Trolley sei kurz nach mir von AMS nach DUS gereist, inzwischen gelandet, und man werde sich alsbald melden. Kurz darauf die Nachricht, mein Gepäck sei gefunden worden und nun alsbald nach DUS unterwegs – ich solle warten.)

Innerlich fluchend, äußerlich immer schlimmer erkältet machte ich mich gen Flughafenbahnhof auf, um den RE Richtung Hamm zu nehmen, der über GE fährt. Am Bahnhof angelangt, stellte ich fest: Dieser Zug fuhr heute … nicht. Warum? Keine Ahnung, denn es gab keine Erklärung dafür. Also nahm ich den nächsten Zug, der über Essen fuhr und auch erst eine knappe halbe Stunde später kam, in der ich frierend und fröstelnd ausharrte, mit eklatanten Gliederschmerzen: Es ging mir gar nicht gut.

Endlich fuhr der Zug ein, und mit Mühe zwängte ich mich hinein, denn er war zum Bersten voll. Da dachte ich: „Danke, KLM, dass mein Trolley nicht mitgekommen ist! Nicht auszudenken, hätte ich jetzt noch einen Koffer bei mir!“ 😉

Beim nächsten Halt in Duisburg war auch noch alles okay. Aber beim übernächsten in Mülheim standen wir schon erstaunlich lange am Gleis, als eine Durchsage kam: „Meine Damen und Herren, es klingt vielleicht bescheuert, aber: Die Türen lassen sich nicht öffnen!“ Wir, die wir dort im Einstiegsbereich unseres Wagens standen, starrten einander ungläubig an – wie bitte? Die neben mir stehende Frau meinte lachend: „Das ist doch kaum zu glauben!“ Und sie grinste mich an. Ich sagte: „Nun ja, ich habe heute eh einen Lauf – mich würde daher gar nicht wundern, würde gleich die Feuerwehr kommen, um uns alle aus diesem Zug hier zu schneiden, weil sich die Türen nicht öffnen lassen.“ Die Frau lachte schallend, ich grinste etwas gequält. Ich wollte nur nach Hause. Es war nach halb 1 – ich war seit vielen Stunden auf den Beinen, eine Stunde länger als alle Mitreisenden, die hier in Deutschland auch mitten in der Nacht um halb vier aufgestanden waren, denn in Lettland gehen die Uhren eine Stunde vor.

Nachdem wir endlich hatten weiterfahren können, in Essen das gleiche Spiel. Mein zuvor als hervorragend angesehener ziemlich rascher Anschluss weg. Aber ich versuche immer, möglichst pragmatisch vorzugehen, und da ich ohnehin noch hatte einkaufen wollen, dies nun eben in Essen. Der nächste Anschluss in einer Dreiviertelstunde. Ich stürmte die Kettwiger Straße und dort die erste Apotheke, deren ich ansichtig wurde – es mussten Mittel gegen diese immer schlimmer werdende Erkältung her. Meine Stimme war bereits da etwas brüchig, und der Apotheker hatte wohl Mitleid mit mir und rückte ganz freiwillig einen Kalender für das kommende Jahr heraus. Wahrscheinlich dachte er: „Arme Frau – die klingt so scheiße, dass sie sich sicher freut, wenn ich ihr zutraue, noch das nächste Jahr zu erleben.“ 😉

Dann rasch in einen Supermarkt und das Nötigste erworben, bevor es zurück zum Hauptbahnhof ging. Noch fünf Minuten bis zur Abfahrt des Zuges an einem entlegenen Gleis. Doch da! Da stand am Zugang zum Gleis ein Schild, auf dem stand: „Der Tunnel zu den Gleisen […] und […] ist derzeit gesperrt. Sie erreichen die Gleise durch […]“ Und ein Weg wurde genannt, der zu weit war, den in fünf Minuten abfahrenden Zug noch zu erreichen, vor allem mit meinem durch die Erkältung kurzatmigen Handicap.

Ich bin ein friedliebender Mensch, gestehe jedoch, in diesem Moment das Bedürfnis verspürt zu haben, dem nächsten Menschen, der mich aus Unachtsamkeit anrempeln würde, lachend rechts und links ins Gesicht zu schlagen. (Ich würde so etwas nie tun. Das Bedürfnis war dennoch da.)

Ich bin schließlich mit der U11 nach GE-Horst gefahren – ein Akt der Verzweiflung, da die U11 die letztpriorisierte Möglichkeit war, die ich überhaupt in Betracht zog, da ich die U11 sehr gut kenne. Ein Erlebnis, das ich auch nicht jeden Tag haben muss. Neben mir saßen zwei ältere Frauen, die darüber sinnierten, dass „die Heidi“ sich nun einen Hund anschaffen wolle und auch schon einen Vertrag auf einen Abkömmling bzw. einen Welpen aus einem Züchterwurf abgeschlossen hatte – „iiiaagendsone Jagdhundart, und der Hund heißt Leo – den hatt se auch schon zweimal besucht. Bekloppt, ey!“ – „Ja, vooaa allem, weil sonn Hund doch Haare väaaliiaat!“ Ja, nee, is klar – total bescheuert! So’n Hund verliert doch Haare! Wie kann man sich nur einen Hund anschaffen, wenn der doch Haare verliert – und dann liegen die aum Sofa rum, ne! (Ich fragte mich, ob „die Heidi“ keinen Staubsauger besitze und wie oft die beiden um Heidis Sofa besorgten Damen denn selber so staubsaugten, aber schon kam Ablenkung …)

Denn im Einstiegsbereich, der dem Vierersitzbereich, auf dem die beiden Damen und ich saßen, am nächsten lag, standen zwei stark alkoholisierte Personen. Die eine weiblich, die andere männlich, beide eine Flasche Bier in der Hand bzw. wechselweise am Kopp. Und an einer Haltestelle bremste die U11 etwas stärker … Und da ließ der Mann sich eben etwas noch einmal durch den Kopp gehen und trank rückwärts … Ein erhebender Moment. Nach dem ersten Schock dachte ich: „Wenn du irgendjemandem das alles erzählst, wird der sagen: ‚Amüsant, aber unwahrscheinlich – in der Häufung gibt es doch solch doofe Ereignisse gar nicht!‘“ Doch. Gibt es. Ich war auch verblüfft.

Ich machte drei Kreuze, als ich in GE-Horst in die Straßenbahn umsteigen konnte, und noch mehr Kreuze machte ich, als ich in meiner Wohnung war und die Schuhe von den schmerzenden Füßen ziehen konnte. Für den restlichen Samstag hatte ich Ruhe – ein Gefühl wie Weihnachten. Und zum Glück rief mich auch niemand mehr an – meine Stimme war kurz vor dem Versagen.

Am Sonntagmorgen, ich erwachte noch schlimmer erkältet als zuvor, wollte ich meine Stimme testen, denn mein Handy hatte mir für diesen Tag den Anruf des KLM-Gepäck-Lieferservice prophezeit, der meinen Trolley bringen sollte. Es ereilte mich das Grauen, denn es kam … nichts. Nur heiße Luft und jämmerliche quietschende Laute, die klangen, als solle eine Katze ersäuft werden, die mit letzter Kraft um Hilfe ruft. In dem Moment hoffte ich, der Lieferservice möge sich noch einen Tag Zeit lassen – so dringend war das mit meinem Trolley ja nun auch nicht. Immerhin waren keine verderblichen Dinge darin. 😉

Keine zehn Minuten später klingelte mein Handy. Eine mir unbekannte Nummer stand auf dem Display – mit höchster Wahrscheinlichkeit war das der Lieferservice! 😉 Ich raffte mich nebst Stimmbändern zusammen und meldete mich, indem ich trotzig und massiv Luft durch die Stimmwerkzeuge stemmte, aber es kam nur ein armseliges Quieken. Mein Gesprächspartner legte direkt auf. Ich konnte es ihm nicht verdenken – ich hätte mich auch verarscht gefühlt. Er versuchte es noch einmal – ich desgleichen, aber das Ergebnis war das gleiche. Ich sank ermattet aufs Sofa – übrigens ganz hundehaarfrei, da ich keinen Hund besitze. Würde ich meinen kleinen roten Trolley je wiedersehen? Ich hackte eine Whatsapp an KLM und schickte sie ab, aber man teilte mir nur mit, ich solle den Lieferservice anrufen. Hallo? Ich hatte doch mitgeteilt, dass ich erkältungsbedingt keine Stimme hatte … 😉

Wie durch ein Wunder meldete sich mein bester Freund Fridolin über den Messenger eines Sozialen Mediums: Wie es denn in Riga gewesen sei, wollte er wissen. Ich schrieb: „Dazu später. Könntest du mir einen Gefallen tun? […]“ Und ich schilderte ihm meine absurde Situation. Er fand es lustig und fragte, warum mir so oft solch völlig groteske Dinge passierten wie Sprachlosigkeit, wenn ausnahmsweise mal Sprachfähigkeit zwingend vonnöten, versprach jedoch, die von mir übermittelte Nummer anzurufen und mitzuteilen, dass ich in freudiger Erwartung meines Trolleys zu Hause sei. Und keine fünf Minuten später wusste ich: Zwischen 18 und 20 Uhr würde mein Trolley geliefert werden.

Doof war dann nur, dass der Lieferant zehn Minuten vor Auslieferung noch einmal anrief, wohl, um mir mitzuteilen, dass die Lieferung alsbald stattfinden würde. Als ich mich stimmlos meldete, legte er auf, und mich wundert noch jetzt, dass er danach tatsächlich noch angefahren kam, um mir das Gepäck zu bringen. 😉

Eine Kette unangenehmer Dinge, die grotesk endete – so etwas Bescheuertes war mir in dieser Häufung auch noch nie passiert. Aber immerhin sind mein Gepäck und ich wieder vereint. 😉

Und in Riga war es wirklich schön gewesen – am liebsten wäre ich gleich dageblieben, obwohl es die meiste Zeit wie aus Eimern schüttete. Mir wäre dann wohl auch der Samstag/Sonntag in dieser Form erspart geblieben. 😉

„There was a young lady of Riga” … ;-)

So fängt ein Limerick an, der einst in einem meiner Unterstufen-Englischbücher stand und den ich nie vergessen habe:

There was a young lady of Riga
Who rode with a smile on a tiger.
They returned from the ride
With the lady inside
And the smile on the face of the tiger.

Wie gut, dass ich mehr oder minder aus dem Raster der young lady  herausfalle. 😉 Wie auch immer: Am kommenden Montag werde ich in aller Herrgottsfrühe aufbrechen, um nach Riga zu reisen. Natürlich nicht auf dem Rücken eines Tigers, sondern zunächst mit einem profanen Taxi gen Flughafen Düsseldorf, das ich heute zum Festpreis von 78,- € und mit der Kondition Kreditkartenzahlung buchte. Bei meinem plötzlichen Aufbruch gen Baltikum handelt es sich um eine Dienstreise, da dort – am Geburtsort Heinz Erhardts in Lettland – eine Tagung stattfindet, die mit dem Inhalt meines Berufs konform geht.

All die Menschen, die mich mit all meinen Macken und Schrullen kennen, zumindest die, die bei meiner Taxi-Buchung anwesend waren, lachten sich scheckig, als ich ganz selbstbewusst und mit fröhlichem Timbre am Telefon sagte: „Ihr Fahrer holt mich also um 5 Uhr 10 morgens ab – sehr gut! Ich warte vor der Haustür.“

Saskia brach in helles Lachen aus, als ich aufgelegt hatte; Gina fiel ein, und sie meinten: „Hast du gerade von dir gesprochen, als du sagtest, die Person, die da transportiert werden soll, stünde um 5 Uhr 10 vor der Haustür?“ – „Ja, lacht ihr nur – ich bin ganz sicher pünktlich!“ Gina rief: „Sagt die, die erst kürzlich hier proklamiert hat, dass regelmäßiges Zuspätkommen auch eine Art von Zuverlässigkeit sei!“

Wir lachten alle laut, und ich meinte: „Und wenn ich die ganze Nacht wachbleibe! Ich werde um 5 Uhr 10 vor der Haustür stehen – mit all meinem Gepäck!“ (Und ich hoffe, dass es wirklich so sei! 😉 )

Außerdem bin ich immer pünktlich, was die Öffnungszeiten meiner Abteilung anbelangt, und ich kann meist sogar noch Kaffee aufsetzen, bevor das zu erwartende Publikum eintrifft. Meist mindestens zwei Minuten vor Öffnung der „Tore“. Und fast immer mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht. 😉 Gut, man könnte etwas eher eintreffen, zumal man sich dann nicht so abhetzen müsste … 😉

Mit dem Abhetzen wird es sowieso ein Ende haben müssen, seit ich am vergangenen Montag bei meinem Gyn war, der mir hinsichtlich der diesjährigen MRT-Untersuchung zweier Anhängsel meiner Wenigkeit eine Überweisung ausstellen sollte. Standardmäßig wurde mein Blutdruck gemessen. Und als ich nach Ende der Messung auf das Display des digitalen Messgerätes blickte, stockte mir erst der Atem, doch dann rief ich selbstbewusst: „Ihr Messgerät ist wohl defekt!“ Denn das, was da abzulesen war, konnte unmöglich stimmen: 151:106! Ein dreistelliger diastolischer Wert konnte nur ein Gerätefehler sein – ebenso der systolische Wert!

Man maß erneut. Ähnliche Werte, und ich stutzte. Ich hatte seit jeher eher niedrige Werte und war froh, wenn ich den Standard 120:80 mmHg erreichte. Die Arzthelferin meinte: „Nach der Untersuchung kommen Sie noch einmal ins Labor, bitte. Dann alles in Ruhe. Ich kann das unmöglich so in Ihre Akte schreiben – der Arzt reißt mir die Ohren ab!“ Ich sagte: „Ja, klar.“ Aber so richtig klar war mir das alles nicht – ich hatte doch immer eher niedrige Werte gehabt. Und ich wollte ganz gewiss nicht, dass der Arzt dieser immer so netten Helferin die Ohren abrisse.

Nach der Untersuchung dann eine weitere Messung, und ich sagte unheilschwanger: „Ich glaube nicht, dass das niedriger sein wird!“ Aber ein wenig niedriger war es schon, wenn auch immer noch im ziemlich kritischen Bereich, und mein polnischer Gyn, der hinzugekommen war, sagte nur: „Frrraauuu B., gäähäään Sie unväärrzieglich zu Ihrräääm Haauuusaarzt!“

O Gott! Das sagte dieser ruhige Mensch, der stets deeskalierend agiert – hier bestand wohl wirklich Handlungsbedarf! 😉

Ich fuhr nicht sonderlich ruhig zum Einkaufen und danach nach Hause, und am nächsten Morgen rief ich um 8 gleich in meiner Hausarztpraxis an und schilderte mein Problem. Man gab mir einen Termin für heute. Da der mich regulär behandelnde Arzt – es ist eine Gemeinschaftspraxis – nicht zur Verfügung stand, wurde ich der einzigen Ärztin in diesem Dreierbund zugeteilt, bei der ich vor zwei Jahren schon einmal war, als ich einen kurzfristigen Termin benötigte.

Und ganz ehrlich: Bei dieser Ärztin möchte ich bitte auch bleiben. Kein paternalistisches „Ach, Frau B., alles wird gut, machen Sie sich keine Sorgen! Ganz ruhig …“ Sie hörte zu, grinste mich an und meinte: „Sie gefallen mir, da Sie Ihre Aufgaben wohl ernstnehmen. Willkommen in der Liga der Betablocker.“ – „Betablocker?“ rief ich entsetzt. – „Ja. Was ist so schlimm daran?“ – „Aber die bekommen nur alte Leute!“ – „Nee, die bekommen alle Leute, die genauso sympathisch-hibbelig hier vor mir sitzen, einen bisweilen etwas zu hohen Blutdruck haben und ein kleines bisschen gedimmt werden müssen, damit der Blutdruck wieder normal ist. Aber das checken wir nach Ihrer Rückkehr erst einmal mit einer 24-Stunden-Blutdruckmessung und sehen dann, was Sache ist. Nehmen Sie Ihr Blutdruck-Messgerät nach Riga mit, und wenn es nötig sein sollte, nehmen Sie eine Tablette hiervon. Aber erst ab 180:110 mmHg, was Sie bisher ja beileibe nicht erreicht haben.“ („Hiervon“ ist ein ACE-Hemmer, wie ich erst erfuhr, nachdem ich ihn aus der Apotheke abholte, nach Hause trug und googelte. Wir breiten mal besser den Mantel des Schweigens über die Nebenwirkungen – besser nie googeln! Und beileibe: Solche Werte wie die oben genannten sind mir bis dato fremd! 😉)

Großartig. Genauso habe ich mir diese Dienstreise und auch den Rest meines Lebens vorgestellt: Ich messe meinen Blutdruck und werfe nach Bedarf Tabletten ein. 😉

Wahrscheinlich aber ist es gut, sich möglichst früh daran zu gewöhnen – dann fällt es leichter, wenn es wirklich nötig ist. Meine Ärztin fand übrigens gut, dass ich immerhin in der Lage zu sein scheine, Hochdruck-Symptome zu verspüren, nachdem sie mir erklären wollte, dass die nicht spürbar seien. Ich lachte und meinte: „Sorry, aber dieses Dröhnen und Druckgefühl im Kopp und das Rauschen in den Ohren kann doch ein normaler Mensch kaum nicht spüren!“ 😉 Da sagte sie: „Sie glauben kaum, was manche Menschen nicht spüren! Sie scheinen da feinfühliger zu sein.“ – „Nicht freiwillig!“ Und dann lachten wir beide.

Ich fliege nun als „medium old lady“ nach Riga, werde ganz sicher weder von einem Tiger gefressen noch sonstwie „vernascht“ werden, aber ich freue mich unbändig auf diese Dienstreise. Und natürlich messe ich brav meinen Blutdruck! 😉

Euch ein schönes langes Wochenende, falls Ihr ein solches haben solltet. Und mir einen schönen Hinflug, eine wunderschöne Zeit in Riga und einen noch besseren Rückflug. 😊

Recken und Strecken – nur ein wenig zur Entspannung, natürlich … ;-)

Gestern fragte mich Saskia: „Kommst du morgen mit zum Kurs Immer fit – immer fröhlich? Ich wollte da mal hingehen – und etwas Recken und Strecken bei der Arbeit kann ja nicht falsch sein!“ – „Klar!“ rief ich fröhlich (und das bereits, ganz ohne fit zu sein! 😉 ), denn ein beim Arbeitgeber angebotener Kurs mit allgemein gymnastizierendem Effekt kann nur gut sein, vor allem, wenn man tagein, tagaus in Vollzeit im Büro sitzt. Und vor diesem Hintergrund trompetete ich erneut: „Klar – Superidee!“

Saskia fand es auch super, und so machten wir uns heute um kurz vor halb eins auf den Weg zum Sportraum unseres Arbeitgebers. Außer uns kamen noch zwei weitere reck- und streckwillige Kollegen und warteten brav mit uns vor der Tür des Sportraums, in dem der 12-Uhr-Kurs gerade tätig war.

Als die Tür aufging, kamen diverse Kolleginnen und Kollegen heraus, die ich mehr oder minder gut kannte. Sie alle sahen völlig normal aus, völlig normal hinsichtlich des Stylings und der Gesichtsfarbe. Na, also – das konnte ja gar nicht so anstrengend sein … 😉

Und schon schoben wir vier Musketiere uns in den Raum, mussten uns auf einer Liste verewigen, und schon wies uns die sehr junge und sympathische „Schleiferin“ an, uns jeweils eine der im Kreis angeordneten Gymnastikmatten auszusuchen. Ich nahm die Matte in der linken Ecke – weit von der Kursleiterin entfernt.

Es fing im Grunde ganz harmlos an, aber ich hatte (zu) lange keinen Sport gemacht, und ich konstatierte, dass speziell in vertikaler Körperhaltung meine Balance nicht mehr das ist, was sie mal war, vermute jedoch, dass hier der allseits bekannte Vorführeffekt zum Tragen kam, denn vorhin habe ich hier zu Hause – ganz ohne Publikum und „Schleiferin“ – ganz bequem mit nach oben gezogenem Knie, rechts wie links – minutenlang auf einem Bein gestanden, ohne mich abstützen zu müssen. Cool! (Ausprobieren musste ich es doch noch einmal!) 😊

Nur halt im Kurs nicht, was mich ärgerte. Ganz so ungymnastiziert bin ich ja nun auch nicht! 😉 Als ich die Kursleiterin grinsen sah, meinte ich, ebenfalls grinsend: „Ja, ich muss auch lachen – zu lange nix gemacht, und es ist allerhöchste Zeit. Ich komme jetzt regelmäßig, denn so geht es ja nicht weiter!“ Die Kursleiterin lachte und meinte, binnen kurzer Zeit würde ich feststellen, dass ich viele Dinge wieder könne, die durch den zwischenzeitlich eingetretenen Mangel eingerostet seien. Ja, sehr schön – nächste Woche bin ich auf alle Fälle wieder dort, und dann alle zwei Wochen, da der Kurs ab dann nur zweiwöchentlich stattfindet. Ha! Danach reden wir weiter! 😉

Dennoch war ich froh, als wir uns in Vierfüßerposition begaben – ab da funktionierte alles weitgehend prima, und bei einer Übung wurde ich sogar mehrfach gelobt! Sie ähnelte einer der Basisdisziplinen bzw. -figuren, die man beim Voltigieren lernt. Meine Lieblings-Basisübung vor vielen Jahren auf dem Pferderücken: die Fahne (Leistungsklasse L). Einziger Unterschied: Man verharrt auf dem Rücken des galoppierenden Pferdes in dieser Position mit optimaler Körperspannung. Heute mussten wir uns erst fahnenartig strecken, dann kurz beugen, dann wieder strecken. Aber meine gestreckte Haltung gefiel der Kursleiterin wohl: „Wow! Das beherrschen Sie richtig prima! Das sieht sehr gut aus!“ – „Habe früher voltigiert …“ japste ich und fügte hinzu: „Man mag es kaum glauben – ist auch ewig lange her …“ – „Das sieht sehr gut aus!“

Manches bleibt wohl ewig haften … 😉

Blöd waren die kurzen Entspannungspausen, denn da konzentrierte man sich weder auf die Körperspannung, noch auf sonstige Dinge. Und just in einer dieser kurzen Pausen fiel mir auf, dass meine Herzfrequenz ziemlich hoch war. Kurz: Mein Herz hämmerte derart gegen die Rippen, dass es ungesund erschien. Sicher normal für mehr oder minder untrainierte Menschen, und doch dachte ich in diesem Moment: „Wäre jetzt blöd, würdest du mangels Trainings umkippen, denn du bist hier die einzige Ersthelferin. Und was ist das da? Läuft dir schon Blut in die Augen? Wo ist ein weiterer Ersthelfer?“ (Nein. Es war kein Blut; Schweiß war es – aber auch nicht angenehm für Kontaktlinsenträger. 😉 )

Doch dann fiel mein erschöpfter Blick auf die beiden rechts neben mir: Die kannte ich doch aus den Ersthelfer-Lehrgängen …  Gut, der gleich rechts neben mir wirkte jetzt auch nicht so durchtrainiert, aber Anne Wirschmann, eine sehr nette Kollegin rechts von ihm, sah zu allem entschlossen aus. 😉

Die halbe Stunde, die der Übungskurs andauert, fühlte sich für mich viel, viel länger an. Aber: Nächste Woche gehe ich wieder hin – und danach alle zwei Wochen. Das wollen wir doch mal sehen! 😉 (Aber ich bringe mir dann Kleidung zum Wechseln mit – wie auch Saskia für sich beschloss, obwohl die regelmäßig Sport macht – mich wundert jetzt noch, dass ich durchgehalten habe. 😉 )

Wie eine Erlösung aus dem Schlund der Hölle fühlte es sich an, als ich um 13:01 Uhr aus dem Sportraum taumelte, hinter mir Saskia. Als wir die Treppe aus den Katakomben ins Erdgeschoss hochschritten, rief Saskia hinter mir: „Ali – die Übungen sind vorbei! Wow! Wie kannst du jetzt noch die Treppen so voller Schwung hochstochen?“ Ich fragte sie, ob sie mich veräppeln wolle, aber sie rief: „Nein, ernsthaft – du läufst wirklich voller Schwung und viel schneller als ich!“ Da fiel es mir auch auf: So schwungvoll war ich noch nie eine Treppe hinaufgelaufen. 😉

Und genauso beschwingt ging es zurück ins Büro. Und danach in den Vorraum der Damentoilette, bewaffnet mit einem Deo, das ich – man muss stets gewappnet sein – in einer meiner Rollcontainerschubladen habe.

Der Blick in den Spiegel wirkte ernüchternd: Ich sah nahkampfmäßig geschafft aus! 😉 Danach beschloss ich, wirklich – und ich meine: wirklich – von nun an regelmäßig diesen Kurs zu besuchen.

So geht es ja nicht weiter! 😉 Und doch blickte ich Saskia, nachdem meine Gesichtsfarbe wieder normal wirkte, mit leise grimmigem Humor an und meinte: „Recken und Strecken, ne?“ Und dann lachten wir beide. 🙂

Wat de Buer nich kennt …

Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich ist ein Satz in Niederdeutsch, gemeinhin auch als Platt bekannt. Was der Bauer nicht kennt – und so fort. Kennt sicherlich jeder.

Es schwingt eine vermeintliche Herabsetzung darin mit, die den Beruf des Landwirts zu betreffen scheint, was jedoch unzutreffend ist. Es ist wohl nicht der Landwirt als solcher gemeint, sondern eher ein Mensch, der sich – egal, welchen Beruf er ausübt – gegen alles sträubt, was er nicht kennt und sich somit in einem gegebenenfalls vergleichsweise engen Erfahrungsraum bewegt.

Bezogen auf Essen, bin ich ja der Ansicht, dass man beileibe nicht alles mögen müsse, dass man manches auch nicht vertrage. Um Letzteres festzustellen, muss man allerdings mindestens einmal probiert haben. Überhaupt finde ich, sollte man doch zumindest probieren und ehrlich zu sich und anderen sein, bevor man ein bestimmtes Gericht, eine Angewohnheit oder einen Brauch ablehnt. Es sei denn, man ist Allergiker hinsichtlich einer bestimmten Zutat in einer Speise. Die dann nicht essen zu wollen, leuchtet ein, und dafür hat jeder mit einem gewissen Restverstand Verständnis.

Ich hingegen reagiere allergisch darauf, wenn Leute hingehen und aus bloßer Verwöhntheit und – sorry – Engstirnigkeit Essen ablehnen, weil sie es nicht kennen. Ich war noch klein, als meine Eltern mal verschiedene Gäste zum Essen hatten. Eine Frau fiel ständig dadurch auf, dass sie zu allem und jedem sagte: „Ach, tut mir leid, das mag ich gar nicht!“ Sie mochte offenbar nicht viel, und dabei ist meine Mutter eine sehr gute Köchin, und es standen weder gegrillte Heuschrecken, noch Schneckenschleim auf dem Tisch. Den anderen schmeckte es offenbar sehr, dem männlichen Part dieses Pärchens war es offenkundig peinlich, und meine Mutter rannte hin und her und versuchte, der verwöhnten Dame, deren einzige Begabungen darin zu bestehen schienen, dass sie nichts mochte und wiederholt ein penetrantes Lachen absonderte, etwas ihr Genehmes zu essen zu bieten, etwas, mit dem der offenbar limitierte Gaumen sich zufriedenstellen ließ. Sie bereitete ihr sogar eigens etwas zu.

Ich war noch so klein, dass ich mich mit Diplomatie überhaupt noch nicht auskannte, und so warf ich der Dame, die beim nächsten Besuch in etwa gleicher Besetzung nicht mehr dabei war, sehr böse Blicke zu. Eigentlich hätte sie tot vom Stuhl stürzen müssen, so böse starrte ich sie an. Es leuchtete mir ums Verrecken nicht ein, warum um eine Vollzeitzicke ein solches Gewese gemacht wurde, während ich dazu erzogen wurde, dass Mäkelei an weniger genehmen Gerichten nicht angemessen sei und dass man zumindest probieren müsse, bevor man feststellen könne, dass einem eine bestimmte Speise in der Tat nicht schmecke. Und schon öffnete ich meinen Mund, um etwas Entsprechendes zu sagen, doch ein Studienfreund meines Vaters, der das Ganze wohl beobachtet hatte, meinte: „Ali, sag mal, was willst du denn später mal werden, wenn du groß bist?“ Ich blickte irritiert hinüber – was sollte die Störung? Gerade eben hatte ich doch eine dumme Ziege … „Sag doch mal, Ali“, ertönte die Aufforderung erneut. Und da sagte ich leicht verärgert: „Tierärztin!“ – „Ach, interessant – warum?“ – „Weil ich Tiere mag.“ – „Welche Tiere magst du denn besonders?“ – „Hunde! Und Pferde! Ziegen nicht so!“ rief ich, dabei mochte ich auch Ziegen. Zumindest tierische solche, aber irgendwie musste heraus, was herausmusste. Über das Gesicht des Studienfreundes meines Vaters lief ein leises Grinsen, das sich im Gesicht meines Vaters zu spiegeln schien, und die Mundwinkel zuckten. Er war aber so klug, nicht zu fragen, warum ich Ziegen – vorgeblich – nicht mochte. 😉 Stattdessen bat er darum, doch mal rasch meinen Malblock und die Wachsmalstifte aus dem Kinderzimmer zu holen – er würde sich so sehr über ein Tierbild von mir freuen. Ich fand das irgendwie albern – wieso sollte ich just jetzt ein Bild malen? Aber wenn es denn gewünscht wurde … 😉 Und ich zog ab, während meine Mutter, die – nur für Eingeweihte – ebenfalls leicht verärgert wirkte, aber sehr charmant lächelte, das eigens bereitete Essen für die verwöhnte Dame ins Esszimmer trug.

Gut, dass ich einen Auftrag hatte, denn ansonsten hätte ich wahrscheinlich sehr empört zum Ausdruck gebracht, dass ich sogar Graupensuppe essen müsse, obwohl die total ätzend sei! Es hätte peinlich werden können, denn ich trug bereits als Kleinkind mein Herz auf der Zunge. 😉

Mir nutzte solch zickiges Verhalten nie, aber ich bin sehr dankbar dafür. Es müsse zumindest probiert werden, so die Maxime in meinem Elternhaus, bevor man entscheiden könne, dass einem etwas wirklich absolut nicht schmecke. Und auch, wenn einem etwas nicht schmecke, habe man – speziell als Gast – keine „langen Zähne“ zu machen. Daher esse ich bis heute Graupensuppe und mache die „langen Zähne“ auch nur innerlich.

Ich finde total spannend, Gerichte aus anderen Ländern und Kulturen zu probieren und zu essen und bin dank der elterlichen Anleitung auch sehr aufgeschlossen und nicht mäkelig. 😉 Es gibt nur wenige Gerichte, die ich – und das aus Prinzip – nicht probieren würde, und wären sie noch so schmackhaft. Dazu gehören Froschschenkel und Schildkrötensuppe. Bei foie gras bin ich leider schon schwach geworden, aber bei dem einen der beiden Male stand ein belgischer Sternekoch hinter mir, der den Eindruck machte, er werde unverzüglich jeden mit dem Küchenbeil dahinmetzeln, der sich auch nur einem der verschiedenen Gänge des Abendmenüs entziehen würde. Zweimal gegessen, aber nicht begeistert, speziell der Entstehung dieser Gänse- oder Entenfettleber wegen. Schnecken esse ich, aber ich würde sie mir nicht eigens bestellen. Austern habe ich einmal gegessen, aber ich mag sie nicht, und auch die Art und Weise, die armen Viecher zu konsumieren, hält mich davon ab, ein zweites Mal folgen zu lassen.

Aber ich bin zumindest recht unerschrocken, was mir unbekannte Speisen anbelangt. Der Grundstein wurde in meinem Elternhaus gelegt. Und damals in Jugoslawien.

Da war ich 10 Jahre alt und über Ostern mit Onkel, Tante, Schwester und Cousine in Kroatien bzw. Dalmatien. Eines Abends waren wir von den Betreibern der Pension, Freunde meines Onkels und meiner Tante, zum Essen eingeladen. Ein privates, regionales Essen in der Wohnung der Pensionsbetreiber. Und meine Tante und mein Onkel schwärmten davon, was für wunderbares regionales Essen es doch gebe – beide ganz gespannt, was man uns kredenzen würde.

Und schon saßen wir im Esszimmer der Gastgeber am schön gedeckten Tisch. Es gab eine durchaus schmackhafte Vorspeise, die nur noch durch die Hauptspeise getoppt werden konnte. Und da wurde sie auch schon hereingetragen, in einem großen Topf.

Gespannt blickten wir hinein, nachdem der Deckel gelupft worden war und dem Topf wahrhaft wunderbarer Duft entströmte! Aber … was war das?

Merkwürdige, weißliche Gebilde schwammen in der duftenden Brühe – was war das? Der die deutsche Sprache beherrschende Gastgeber erklärte, das sei eine lokale Spezialität: gekochte Tintenfische. Genauer: Kalmare. Die Tiere, die jeder zumindest in Ringe geschnitten kennt, der frittierte Kalamares bzw. Calamari mit Knoblauchsauce liebt. Nur: Hier schwammen sie im Ganzen gänzlich unfrittiert in einer Brühe und sahen – sorry! – aus wie Wasserleichen.

Stephanie und meine Cousine Christina waren plötzlich auf Diät und wollten „nur eine ganz kleine Portion, bitte, wenn überhaupt“. Mein Onkel hatte wie aus dem Hut gezaubert schon den ganzen Tag ominöse Magenprobleme. Nur meine Tante und ich blieben übrig, und wir waren tapfer. Keine Frage: Die Brühe war wunderbar! Aber diese wachsartigen Kalmare waren eine Herausforderung. Ich aß einen großen Teller voll. Dann war ich gesättigt … Meine Tante nahm noch zwei Nachschläge – es war ihr peinlich, dass drei Teile der fünfköpfigen Reisegesellschaft ausfielen. Leider konnte sie vom Nachtisch dann nur noch wenig essen, und mein Onkel, Stephie und Christina gar nichts – es hätte etwas blöd ausgesehen. Die drei Letztgenannten gingen hungrig zu Bett, aber ich konnte immerhin noch vom Dessert essen. 😉

Und derart gestählt war ich vor einigen Jahren, kurz nach dem Urlaub mit Johann, Sabrina und meinem Ex-Freund Dirk in Skandinavien, auch bereit, eine ur-nordschwedische Spezialität zu probieren: Surströmming! Das ist jener vergorene Ostseehering, auch Strömling genannt, der in Nordschweden erfunden wurde und in Dosen verkauft wird. Dosen, die hierzulande nur kurz vor dem Verhungern Stehende allen Ernstes öffnen würden und die von zwei mir bekannten Fluggesellschaften als Fracht ausdrücklich ausgeschlossen sind, denn durch die Gärung sind die Dosen aufgebläht, was schon nichts Gutes ahnen lässt. Dirk und ich aber waren voller Elan, auch diese schwedische Spezialität zu probieren – immerhin hatten wir bereits älgkorv, Elchwurst, und Rentierschinken wie auch tunnbröd versucht. Ganz zu schweigen vom schwedischen Brot, das es in heller und dunkler Variante gab. Die Konsistenz: schwammartig, und die Brotsorten, die wir probierten, unterschieden sich nur in der Farbe. Und merkwürdig süß war das Brot, auf das wir salzige Butter strichen. (Gesalzene Butter esse ich aber auch hierzulande. Ungesalzene kaufe ich nur, wenn ich mal backen will, was selten genug der Fall ist.)

Dirk bestellte den vergorenen Ostseehering im Internet, weil man ihn sonst nirgendwo bekam. Und als er eingetroffen war, bestaunten wir die aufgeblähte Konservendose von allen Seiten. Wir hatten uns kundig gemacht, wie man das Ganze optimal öffne: in einem Zehnliter-Eimer, zu zwei Dritteln voll mit Wasser. Man muss die Dose unter Wasser drücken und dort öffnen. Und während Dirk sich dergestalt auf dem Balkon zu schaffen machte, stand ich in der Balkontür, jederzeit bereit, ins Innere der Wohnung zu fliehen. 😉 Immerhin schaffte es Dirk, die Dose zu öffnen, und die leichte Brise, die aus westlicher Richtung wehte, trug den odeur, der aus dem Eimer drang, auch zu mir. Ich hegte starke Zweifel, ob das, was in der Dose war, wirklich essbar sei, nachdem ich nach der Geruchsattacke wieder in die Balkontür trat und rief: „Wir müssen die Fische erst wässern – die sind ja sonst nicht genießbar!“ Und so legten wir die sehr schön und bläulich schimmernden Heringe in frisches Wasser und warteten. Und warteten. Und warteten, während wir an diesem schönen Sommerabend auf dem Balkon saßen und Wein tranken.

Nach dreieinhalb Stunden trauten wir uns. Dirk holte Vollkornbrot und Butter dazu und kredenzte – woher hatte er den denn? – Wodka.

Wir probierten den Fisch simultan. Er war ja lange gewässert worden. Ich glaube aber, ich wurde grün im Gesicht, und ich mühte mich, den Fisch, ohne noch lange darauf herumzukauen, hinunterzuschlucken. Dann trank ich ein Pinnchen Wodka auf ex – ich hasse Wodka! 😉 Und nicht einmal der konnte helfen – dieser Fisch roch schweflig, und er schmeckte schweflig, und trotz des Wodkas hatte ich diesen widerlichen Geruch in der Nase. Ich aß mehrere Scheiben Vollkornbrot – schließlich hatte ich auch Hunger. Und ich sagte zu Dirk: „Dein Fisch! Du kannst gern alles allein essen, wenn du mir nur das Brot und die Butter lässt.“ – „Nein, danke – ich glaube, das ist auch für mich nichts. Ich habe noch eine Pizza im Tiefkühlfach.“ – „Aber hoffentlich nicht mit Fisch!“

Da hörten wir ein scharrendes Geräusch vom Dach knapp über uns. War bereits der Mond aufgrund des Gestanks heruntergefallen und kratzte am Dach? Doch nein! Es war eine Katze aus der Nachbarschaft, die mit großen Augen begierig auf das reichhaltige Fischangebot blickte. Wir riefen ihr katzengerecht und sanftmütig zu, sie solle ruhig zu uns kommen, und schon sprang sie auf meinen Schoß, und wir hielten ihr den appetitlich blauschimmernden Fisch hin …

So schnell habe ich nie eine Katze abhauen sehen! Ich sah so etwas wie einen schwarzweißen Blitz, und schon war sie verschwunden. Von ferne hörten wir sie beleidigt miauen: Was für eine Frechheit, einer unbescholtenen und freundlichen Katze so ein schwefliges Ekelzeug anzubieten, das wie Fisch aussah! Verarschung einer arglosen Katze – wo war der Tierschutzverein, wenn man ihn brauchte? 😉

Dirk und ich aßen das ganze Vollkornbrot auf und bereiteten auch noch die Pizza zu. Danach waren wir wenigstens satt. Nur ein Problem hatten wir noch: Wohin mit den Fischresten? „Wir können das unmöglich in den Hausmüll werfen – das wäre sicherlich ein Kündigungsgrund!“ rief ich. „Und in die Toilette können wir es auch nicht werfen und spülen – sämtliche Kanalratten Duisburgs würden aus deiner Toilette springen und sich an uns rächen wollen.“

Ich gestehe: Wir haben am nächsten Tag einen Spaziergang gemacht und das ganze Gebinde, gut verpackt und in drei Plastiktüten geschnürt, in einen städtischen Müllbehälter geworfen. Und wir hofften, dass dieser bald geleert werden würde, denn es war sehr warm in jenen Tagen. 😉

Ich vermute seitdem, dass Surströmming wahrscheinlich keinem einzigen Menschen schmecke und einfach nur als Grund zum Saufen herhalten müsse … 😉

Und dennoch: Gebt fremden Speisen immer eine Chance. Bei manchen solltet ihr allerdings wirklich vorsichtig sein – man macht sich so schnell Feinde … 😉