Von Herzen

Da Vorsorge niemals schaden kann, habe ich vorgestern und gestern etwas gemacht, das man sonst nur Hypochondern zutraut, denen im Grunde nichts fehlt. Immerhin tat ich es nicht grundlos, denn ich hatte kürzlich ein Phänomen zu beklagen, das in meiner Familie schon häufiger vorkam: Herzrhythmusstörungen.

So ein kleines Stolpern kannte ich schon, nicht jedoch, dass das von Mittag bis Abend andauerte und man ständig das Gefühl hatte, die nächste Aktion könne auch schon die letzte sein … 😉 Ein größerer Teil meiner Familie väterlicherseits – zumindest der, der nicht mehr lebt – verabschiedete sich von dieser Welt aufgrund von Herz-Kreislauferkrankungen. Ich bin nicht übermäßig ängstlich, aber da hatte ich schon ein wenig Sorge … 😉

Da ich ja in den vergangenen drei Wochen sehr viel Freizeit hatte, wenn auch unfreiwillig, verband ich einen der häufigen Besuche beim Augenarzt gleich mit einem Besuch bei meinem Hausarzt. Abwechslung muss sein. 😉

Man beschloss, ein Ruhe-EKG könne schon einmal erste Hinweise geben, verordnete mir jedoch auch noch ein Langzeit-EKG über etwa 24 Stunden. Und das Belastungs-EKG steht auch noch aus – möge ich es überleben! 😉

Das Langzeit-EKG gestern/vorgestern war nicht mein erstes, da ich vor einiger Zeit aufgrund niedrigen/schwankenden Blutdrucks durchaus das eine oder andere Mal schon einmal wie ein gefällter Baum umgekippt war. Einmal mitten im Bus bei hohen Temperaturen, einmal im Bad meiner vorherigen Wohnung – ich landete zum Glück scharf neben der Waschmaschine und hatte deren Ecken und Kanten knapp verfehlt. Nicht die einzigen Male. Mein Opa hat aufgrund dieses Phänomens sein Leben gelassen, weswegen ich auch ein wenig pisselig reagiere, wenn mir Leute erzählen wollen, dass niedriger Blutdruck zumindest bedeute, dass man daran nicht sterbe. Falsch. Wenn man aufgrund niedrigen Blutdrucks auf eine Tischkante und danach mit dem Hinterkopf massiv auf den Boden prallt, kann man durchaus auch sein Leben lassen. Habe ich nie vergessen, und es brach mir damals fast das Herz, obwohl mein Opa so „preußisch“ war, womit ich nie so recht klarkam. Aber eben auch lieb, und es tut mir heute noch leid, wie er starb. Er hatte immer gesagt, dass er gerne mal mit einem Helikopter fliegen wolle. Und als er dann mit Christoph 8 in die Unfallklinik geflogen wurde, hat er es nicht einmal mehr mitbekommen. Das tut mir heute noch weh, obwohl mein Opa und ich so verschieden waren, dass es unterschiedlicher kaum geht. Und meinen Vater hatte ich zuvor auch noch nie so traurig erlebt.

Vorgestern war ich um Punkt 9 in der Praxis und bekam alsbald drei Elektroden aufgeklebt, sowie das Aufzeichnungsgerät um den Hals gehängt. Es hing und ruhte da ganz sanft und sagte keinen Ton. Klar, es zeichnete nur auf. Was hätte es auch sagen sollen? 😉

Ganz ruhig und gelassen verließ ich damit die Praxis, um mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. Anfangs ging auch noch alles gut, aber ich vermute, gegen 09:21 h könnte die eine oder andere harm- und arglose Sinuskurve etwas aus dem Gleichgewicht geraten sein. Denn da wurde ich massiv ausgebremst, und das von einem Fahrer mit einem GLA-Kennzeichen, der vor mir fuhr und offenbar weder wusste, dass sein Wagen – ein BMW – über Blinker verfügte, noch den Weg kannte oder zuvor bedacht hatte, wie er fahren müsse. Zumindest legte er vor mir eine Vollbremsung ein. Der Fahrer hinter mir hatte auch ein GLA-Kennzeichen, saß mir die ganze Zeit – obwohl ich selber schon viel zu schnell fuhr – auf dem Heck, so dass ich schon ein wenig Angst hatte, wenn ich ganz normal bremsen musste. Immerhin vermochten beide GLA-Fahrer, spontan zu bremsen, denn wir legten allesamt eine Vollbremsung ein, zwei von uns gezwungenermaßen. Es war knapp vor einem Auffahrunfall, und ich würde das EKG gerne sehen, denn ich regte mich lautstark auf – ziemlich lautstark, wobei ich Wörter benutzte, die ich zumindest in meinem Elternhaus gewiss nicht gelernt habe. 😉 Und ich befürchte, ich habe auch ziemlich eindeutig gestikuliert … 😉

Der Arbeitstag verlief weitgehend ruhig. Ein Glück.

Abends fuhr ich nach Hause. Alles ruhig.

Bis ich dann beschloss, mich zu Bett zu begeben. Es war keine kommode Schlafposition zu finden – dauernd drückte mir eine Kante des Aufzeichnungsgerätes in die Brust, und ich wurde immer wacher. Und auch sture Rückenlage war sehr, sehr unbequem, da das Aufzeichnungsgerät schwer auf mir lastete. 😉

Irgendwann hatte ich dann endlich eine einigermaßen erträgliche Position gefunden und dämmerte schon weg, als es plötzlich neben meinem linken Ohr hochfrequent Sssiiii! machte. Ich konnte es kaum glauben: Es frequentieren derzeit kaum Mücken – nur eine offenbar bei mir im Schlafzimmer! Klar! 😉

Reflexartig schlug ich um mich, total genervt – da fiel mir das Aufzeichnungsgerät wieder ein … O Gott! Spontan überlegte ich, wie ich das wohl in den Protokollbogen eintragen solle, den man mir zusammen mit dem Aufzeichnungsgerät ausgehändigt hatte … Das und die völlig enervierte Verfolgungsjagd auf das widerliche Insekt, die folgte. 😉

Ich beschloss nach erfolgloser Jagd, lieber im Wohnzimmer auf der Couch zu übernachten – da war immerhin keine Mücke. 😉 Und das Protokoll habe ich bestmöglich ausgefüllt. Als ich gestern EKG-Gerät und Protokoll abgab, sagte man mir, der Arzt werde mich anrufen, läge etwas Bedrohliches vor. Er rief nicht an, und ich vermute, mein Herz scheine doch recht normal zu funktionieren. Ebenso vermute ich, dass der Arzt das Protokoll gar nicht so bescheuert fand wie ich, die ich nachts wirklich explizit angegeben hatte, weswegen die Haupt-Sinuskurve gar so lebhaft gewesen sei. 😉Vermutlich hält der Arzt meine wohlgewählten Worte für eine Ausrede für etwas ganz anderes. Ganz falsch! 😉

Am 25. folgt das Belastungs-EKG. Hoffentlich sinke ich da nicht bewusstlos vom Ergometer, mangels Kondition. Vielleicht sollte ich vorher noch ein wenig laufen oder endlich mal wieder mein Fahrrad aus dem Keller holen. Wäre ja sonst peinlich. 😉

Immerhin hat sich der sogenannte Vergnügungsausschuss meines Arbeitgebers schon präzise Gedanken gemacht, als es um den diesjährigen Betriebsausflug ging, und der hält vor allem massives Kreislauf- und sonstiges Training vor: Es geht in eine Skihalle in der Nachbarstadt. Tolle Idee! 😉 Sicherlich fällt danach die halbe Belegschaft aufgrund von Knochenbrüchen und Zerrungen oder sonstiger Traumata aus. 😉 Ich war auf alle Fälle ein wenig erleichtert, als ich sah, dass der Ausflug just am Geburtstag meiner Mutter stattfindet – da kann ich ganz unmöglich fehlen! 😉 Ich wollte zwar immer gern Skifahren können, bin aber zu feige – ich gebe es zu. Lieber setzte ich mich auf ein stimmungsschwankendes und ausflippendes Pferd – da weiß ich wenigstens, was zu tun ist.  😉 Und den Geburtstag meiner Mutter kann ich bei allem Trainingsgedanken – bei mir würde beim alleinigen Gedanken, Skifahren lernen zu sollen, sicherlich der Blutdruck massiv gesteigert – keineswegs absagen. Dabei hatte der Vergnügungsausschuss sicherlich Gutes im Sinne und auch an die körperliche Ertüchtigung der Belegschaft gedacht. 😉

Ich glaube, ich fange dann doch besser erst einmal wieder mit Laufen an … 😉

Ein schönes Wochenende! 😊

„Why do birds suddenly appear …”

So zwar nicht der Titel eines gruselig kitschigen amerikanischen Liedes, quasi eines Evergreens, aber so beginnt zumindest dessen erste Strophe: „Why do birds suddenly appear / Every time you are near? […]“

Dieses Lied, beziehungsweise Text und Melodie, schoss mir durch den Kopf, als ich vorgestern meine AU zur Post bringen musste und mich auf dem Weg dorthin im strahlenden Sonnenschein plötzlich hektisch ein wenig duckte: Ein Vogel flog auf mich zu! Zumindest schien es so, denn es war gar kein Vogel … Es war eine jener wundersamen Sehstörungen in Form von (salamanderförmigen, so die Augenärztin, die mich als neuerlichen Notfall am vergangenen Montag behandelte) Schleiern, Wasserwellen, Blasen, kleinen, schwarzen Punkten, die gruppenweise auftreten – vermeintliche Mückenschwärme, die in sich zu rotieren scheinen -, und größeren dunklen Schatten vor, realiter aber in meinem Auge spontan auftauchen, so dass es einem so vorkommt, als wären sie vor, neben oder über einem. Also vor Augen, nicht darin. Man kann das leider nicht so recht unterscheiden. Und so zog ich lieber meinen Kopp ein, als ich im oberen Gesichtsfeld vor mir diese vermeintliche Amsel wahrnahm – denn für eine solche, fehlgeleitete, hielt ich den komischen Schatten, der sich realiter in und nicht vor meinem Auge breitmachte …

Ja, ich weiß – das klingt, als wäre ich nicht ganz von dieser Welt. Bin ich aber, und ich konsumiere auch keine bewusstseinsverändernden Drogen. 😉 Ich höre auch keine Stimmen. Höchstens manchmal das Gras wachsen. 😉 Diese wahnsinnig ersprießlichen Sehstörungen, die ich seit einer Woche Tag für Tag und – ganz spannend! – in immer neuer Ausprägung erlebe bzw. erleide und die mich wirklich massiv nerven, sind verantwortlich, und das Problem liegt in der Tat „nur“ im Auge des Betrachters, ergo meinem rechten.

Am Dienstag war ich in der Augenklinik – da hatte ich wirklich Muffensausen. Würde man gleich lasern oder kryobehandeln müssen? Ich gebe zu: Ich hatte Schiss, und davon nicht zu knapp. Dennoch ließ ich mir auch da brav und erneut atropinhaltige Augentropfen verabreichen und setzte mich dann in den Wartebereich der Station der Evangelischen Kliniken – mit Blick auf den Stationsgang. Es war zwar nicht ganz so spannend wie in der Notaufnahme bzw. Notfallchirurgie, wo man bisweilen völlig absurde Dinge und Verletzungen live und in Farbe sehen kann, und ich will mich beileibe nicht darüber lustig machen. Es ist der reine Galgenhumor. Und ich habe ja selbst mal nachts um ein Uhr in Tränen aufgelöst in der Notaufnahme des Aachener Uniklinikums gestanden … Sicherlich haben da auch einige Leute gedacht: „Aua – was ist denn mit der los?“ (Ich hätte es ihnen sagen können, aber wahrscheinlich hätte es sie gelangweilt. Ein derart massiver Harnwegsinfekt mit Schmerzen, dass man die Tapete mit den Fingernägeln ohne Rücksicht auf eben diese von der Wand kratzen möchte, scheint nicht wirklich spannend  – nicht spektakulär genug … 😉 Wären die Schmerzen nicht gewesen (und obendrein Wochenende), wäre ich niemals freiwillig nachts um 1 in das größte Aachener Krankenhaus gefahren, das von außen wie eine Fabrik aussieht. Man fühlt sich aufgrund des Fabrik-Erscheinungsbildes doppelt ausgeliefert. Viel spannender doch die Fälle, da hyperalkoholisierte Choleriker eingeliefert wurden – und das war ich wahrlich nicht. 😉 )

In der Augenklinik war eine Menge los, und im Wartebereich saß ich zusammen mit anderen armen „Irren“, die alle – wie ich – über kurz oder lang stark erweiterte Pupillen hatten und sich wieder und wieder über die Augen wischten, weil das Licht blendete (nein, immer noch keine bewusstseinsverändernden Drogen – nur blöde pupillenerweiternde Augentropfen), während auf dem Stationsgang mehrfach Betten mit Menschen herumgeschoben wurden, die – in wenigen Fällen – Herren ihrer Sinne waren, in weitaus mehr Fällen still, wehr- und besinnungslos in den Betten lagen und beeindruckende Verbände über einem, schlimmstenfalls beiden Augen trugen. O Gott – das schlug irgendwie aufs Gemüt …

Als ich drankam, wurde ich von dem sehr netten Augenarzt behandelt, der mir vor zwei Jahren bereits gesagt hatte, ich solle besser zweimal im Jahr zur Funduskopie kommen, und er führte zunächst eine solche durch – die vierte in diesem Jahr, die dritte im Verlaufe einer Woche -, und dann kam der Ultraschall. Danach wusste ich dann, dass ich bis dato zwar noch kein Loch in der Netzhaut habe, dafür aber eine Blutung im Glaskörper. Auch schön – aber daher wohl die rotierenden „Mückenschwärme“. Die schwarzen, rotierenden „Mücken“ sind wohl Blut. Igitt! Allein die Vorstellung! Im Auge! 😉

Der Augenarzt gab mir einen Kontrolltermin für heute um 10, und dann ward ich zunächst entlassen.

Und ich war heute auch eine knappe Viertelstunde vor dem Termin da, musste mich jedoch am Ende einer sehr langen Schlange anstellen. Vor mir ein älterer Mann, der wohl unter Morbus Bechterew litt – er stand da stark vornübergebeugt und wohl auch nicht ganz sicher auf den Beinen. Hinter mir ein altes Ehepaar, das allen Umstehenden erklärte, dass sie eigentlich nur die Sehstärkenwerte der Frau benötigten und ein Sehtest durchzuführen sei, da man eine neue Brille anschaffen wolle. Dahinter noch mehr mehr oder minder Leidende … 😉

Es ging und ging nicht vorwärts, da an der Anmeldung nur eine Arzthelferin saß, die noch nicht so lange dort tätig zu sein schien. Das geht beileibe nicht gegen die Helferin! Sie sagte mir später selber, sie sei leider noch nicht so lange dabei, aber an ihr lag es auch nicht in erster Linie, und ich fand, sie mache die Sache doch recht gut.

Als wir da in der langen Schlange standen, fing der ältere Herr vor mir zu schwanken an und drohte, zu stürzen. Ich griff sofort zu und brachte ihn wieder in einen relativ stabilen Stand. „Alles okay?“ fragte ich ihn und sagte: „Halten Sie sich lieber hier an diesem Türrahmen fest.“ (Wir waren immerhin schon bis zur Patiententoilette und deren Tür gekommen.)

Der Mann bedankte sich und erklärte, normalerweise säße er in einem Rollstuhl. Ich fragte nicht nach, warum er nun hier zu Fuß unterwegs sei, zumal es sich um ein Ärztehaus mit Aufzug handelt. Es war im Grunde auch völlig egal. Der Mann tat mir leid, denn er hatte stark gerötete Augen und sah eher so aus, als würde er auf der Straße leben. Er drehte sich jedoch noch einmal zu mir um und meinte: „Ich habe eine schwere Bindehautentzündung.“

O Gott! Das auch noch – hoffentlich hatte ich mir zwischenzeitlich nicht ins Gesicht gefasst! Der Mann tat mir leid, und ich habe auch kein Problem damit, anzupacken, selbst wenn derjenige, der da angepackt werden muss, vielleicht nicht ganz so aus dem Ei gepellt ist. Ich kann doch nicht jemanden hinstürzen lassen, nur weil der vielleicht etwas abgerissen aussieht.

Dennoch wurde mir etwas bange, speziell dann, als er mir ein Päckchen Papiertaschentücher reichte, das schon reichlich angefingert aussah, und mich bat, zwei Tücher herauszuholen, da seine Augen so tränten. Ich tat es, denn er tat mir leid, aber ich nahm mir vor, sehr genau aufzupassen, mir nicht ins Gesicht oder gar an oder in die Augen zu fassen, denn eine Bindehautentzündung zusätzlich würde ich sicherlich nicht brauchen können. Es reicht ja so schon …

Nicht nur mit dem Herrn vor mir kam ich ins Gespräch, denn die alte Dame hinter mir sprach mich auch noch an: „Haben Sie denn einen Termin?“ – „Ja, um 10, auch wenn es inzwischen schon viertel nach 10 ist. Innerhalb einer Woche bin ich nun schon das dritte Mal hier, zweimal als Notfall, und wenn es so weitergeht, sollte ich vielleicht vor der Praxis ein Zelt aufschlagen. Aber so voll war es noch nie!“ Und ich lachte.

Die alte Dame fragte mich, was mir denn fehle, und ich erklärte, man könne es leider nicht von vorne an den Augen sehen und erklärte es ihr. Daraufhin veränderte sich ihr Blick ins Betroffene, und ich fühlte mich plötzlich am Arm gefasst. Die Dame strich mir über die Schulter und meinte in insistierendem Tonfall: „Ich wünsche Ihnen alles, alles Gute. Wirklich – das kommt ganz aus dem Herzen und noch aus etwas anderem. Denken Sie immer daran und vertrauen Sie darauf: Es gibt nur einen, der solche Dinge richten kann!“ – „Ääh …“ – „Das ist unser Herr Jesus Christus! Vertrauen Sie auf Jesus Christus, junge Frau! Dann wird alles gut!“

Ich stand da in einem Zustand, den man nur als stupéfait bezeichnen kann. Ich bin nichtgläubig, und das schon seit geraumer Zeit. Ich hätte zu gern mein Gesicht gesehen! 😉 Und meinen verdutzt-erschütterten Status interpretierte die alte Dame dann wohl ganz falsch, denn sie drückte mich noch fester und sagte: „Denken Sie immer an unseren Herrn Jesus Christus – nur der kann helfen!“

Durch meinen Kopf schoss eine Frage: „Welcher Sekte gehören Sie an?“ Aber ich stellte sie nicht. Ich war zwiegespalten. Denn nicht jeder glaubt an „unseren Herrn Jesus Christus“ bzw. an irgendetwas Ähnliches, und von daher empfand ich das Ganze schon als ein wenig übergriffig. Dann aber dachte ich: „Sie meint es lieb und nett und will dir auf ihre Weise Mut machen!“ Und so reagierte ich dann auch, lächelte die alte Dame an und sagte: „Ganz herzlichen Dank – ich weiß das zu schätzen.“ (Nichtsdestotrotz hätte ich mein Gesicht zu gern gesehen … 😉 )

Immerhin durfte ich mich dann ins Wartezimmer setzen. Dort erlebte ich mit, wie sich ein Ehepaar in etwa meinem Alter oder etwas älter stritt, so dass das ganze Wartezimmer etwas davon hatte. Sie sagte zu ihm: „Du musst aber auch mal genau hinhören, was der Arzt sagt! Der hat nicht gesagt, dass mit deinen Augen alles okay sei. Der hat gesagt, dass im Moment keine Bedenken bestehen! Du musst doch mal zwischen den Zeilen lesen! – „Ja! Ganz toll – dusselige Kuh! Mal wieder kluggeschissen, ne? Ja, das macht dir Spaß! Ich habe genau gehört, was der Arzt sagte! Aber du musst wieder alles besser wissen!“ – „Ja, aber der hat doch gesagt, dass du beileibe nicht beruhigt sein darfst!“ – „Ich habe genau gehört, dass mit mir alles okay ist – nur du findest mal wieder nix an mir okay!“ – „Ja, aber …“ – „Nein – Schluss! Ewig dieses Gemecker – dusselige Kuh!“

Ohne Witz – genauso geschehen in diesem Wartezimmer, und ich beneidete all die, die eine Zeitschrift in den Händen hielten, und ich beobachtete, wie eben diese Zeitschriften immer höher wanderten, so dass die Gesichter der „Lesenden“ zur Gänze verdeckt waren. Zum „Glück“ war zwischenzeitlich eine Arzthelferin gekommen und hatte in meine beiden Augen pupillenerweiternde Tropfen geträufelt -zum vierten Male innerhalb von sieben Tagen …

Mir wäre allerdings noch lieber gewesen, hätte sie mir Ohropax mitgebracht, denn das Gezänk ging noch weiter: „Jetzt sei doch nicht so stur – ich meine es nur gut. Der Arzt meinte …“ – „Boah! Dat geht mir so auf den Geist! Wie habe ich das die letzten 20 Jahre nur ausgehalten? Das ist ja Folter!“ Und erneut hörte ich „dusselige Kuh“. Woran erinnerte mich das nur?

Ach, ja! Ekel Alfred! Mich hätte inzwischen keineswegs gewundert, wenn dessen lange verstorbener Darsteller und Loriot – ebenfalls seit geraumer Zeit tot – Arm in Arm in die Praxis gesteppt wären, im Schlepptau den Moderator der „Versteckten Kamera“. Ich fühlte mich nicht wie einer Augenarztpraxis. Eher wie im Irrenhaus. Erst eine lorioteske Situation in der Warteschlange, dann Ekel Alfred im Wartezimmer … Untermalt von lautem Kindergekreisch, denn es befand sich auch noch eine große Familie mit diversen kleinen Kindern in der Praxis. Herrlich – so etwas bitte jeden Tag! 😉

Glücklicherweise kam der Augenarzt, der mich am Dienstag in der Klinik behandelt hatte, und rief: „Frau B., bitte!“, und so schnell war ich noch nie auf den Beinen, ich schwöre es!

Beide Augen wurden untersucht, das rechte besonders gründlich, und die doofe Blutung ist noch immer präsent und im Gange (so wundert es auch nicht, dass ich den Eindruck habe, dass Vögel zu dicht über mein Haupt hinweg- oder auf mich zufliegen 😉 ). Die Gefahr laut Arzt noch immer nicht gebannt – und er schrieb mich eine weitere Woche krank, obwohl ich zu verhandeln versuchte. Da sah mich der Augenarzt an und meinte: „Sie sind doch, wie ich festgestellt habe, eine intelligente Frau: Ihr rechter Glaskörper hängt quasi noch immer partiell fest, und jederzeit besteht die Gefahr einer Netzhautbeschädigung. Ich kann Sie nicht zur Arbeit schicken – das wäre unverantwortlich!“ Und er erklärte mir en détail und sehr, sehr plastisch noch einmal, was passiere, wenn der Glaskörper durch ein Loch in der Netzhaut schlüpfe, was auch im derzeitigen Zustand tagtäglich passieren könne … Mir war danach ein bisschen schlecht, zumal ich seit einer Woche ohnehin jeden Morgen aufwache und mich freue, rechtsseitig noch sehen zu können.

Zum Abschied meinte er zu mir: „Wir sehen uns dann nächste Woche“, und ich meinte: „Was ist hier eigentlich heute los? Noch in der Warteschlange, erst recht aber im Wartezimmer fühlte ich mich wie in einem Sketch, der mit versteckter Kamera aufgezeichnet werde!“ Da lachte der Arzt und meinte: „Ich weiß genau, was Sie meinen! Das ist nicht nur im Wartebereich so – das wird hier im Untersuchungsbereich unter Umständen noch schlimmer! Ich fühle mich genauso wie Sie – ich hatte hier vorhin ein Ehepaar, das sich beinahe gegenseitig an die Gurgeln gegangen wäre, weil er stets meinte, dass sie versuchte, ihn unterzubuttern und zu belehren. Dabei war sie im Recht.“ – „Ich glaube, die habe ich im Wartezimmer auch noch erlebt. Ist es denn so, dass sich so viele Leute gedacht haben: ‚Hey, es ist Brückentag – da gehen wir doch mal zum Augenarzt!‘?“

Der Augenarzt lachte und meinte: „Ja, so scheint es. Aber wir sind heute auch die einzige Augenarztpraxis, die geöffnet hat. Und Sie können sich vorstellen, was für Fälle da unter anderem so kommen.“ – „Ja, zum Beispiel ich!“ – „Sie, Frau B., sind davon ausgenommen. Sie sind ein Notfall.“

Zumindest ein ophthalmologischer. Ich habe heute ganz andere Notfälle in der Praxis erlebt. 😉

„Lurchis Abenteuer“ mitten in meinem Auge!

Kennt ihr noch Lurchis Abenteuer? Oder Salamander-Schuhe, die den Ursprung von Lurchis Abenteuer bilden? Eine Schuhmarke von anno Pief, und das einzig wirklich Schöne daran die kleinen Hefte über die Abenteuer des kleinen Feuersalamanders Lurchi, stets in Reimform und Schreibschrift verfasst. Unvergessen seine Wegbegleiter namens Mäusepiep, Unkerich, Hopps und Igelmann. 😉

Diese Hefte wurden Kindern in Schuhgeschäften immer dann ausgehändigt, wenn es langweilig war – wenn zum Beispiel die Eltern für sich selber Schuhe auswählten. Ich besitze einen ganzen Stapel dieser Hefte, die ich niemals abgeben würde. 😉

Man kann also sagen, dass meine Vorliebe für Feuersalamander schon im kindlichen Stadium geprägt wurde. (Würde ein solches Tier mich in echt berühren, an mir hochklettern oder so etwas in der Art, bin ich mir ziemlich sicher, dass ihr meine entsetzten Schreie – zunächst zumindest – bis an euren Standort, völlig gleich, wo der ist, hören würdet … Ich sehe Amphibien wie Reptilien gern – nur eben in gewisser Distanz zu mir. 😉 )

Heute früh fuhr ich tapfer gen Arbeitsstätte, und das trotz meiner Augen-Malaise. Ich trug allerdings vorsichtshalber Brille und reiste mit dem ÖPNV an. Man weiß in diesem Zustand nie, ob nicht alsbald ein weiterer spontaner Augenarzt-Notfalltermin angetreten werden muss, zumal seit gestern ganz neue visuelle Phänomene vor bzw. in meinen Augen herumschwirrten: ein vermeintlicher Mückenschwarm in hohem Tempo, in sich rotierend und stets seine Richtung wechselnd – extrem nervend. Und dann – nicht weniger nervend – ein Gebilde, das sich wie eine große Blase oder Wasserwelle stets in mein Gesichtsfeld schob, wenn ich etwas ganz genau betrachten wollte. Ich glaube kaum, dass ich jemals zuvor derart oft geblinzelt habe wie gestern – unter anderem bei der Europawahl – und heute …

Ich konnte heute zumindest länger an meinem Arbeitsplatz verharren als am Freitag: ganze zwei Stunden! Im Verlaufe dieser sah ich dann partiell verzerrte Bilder und wurde ziemlich hibbelig. (Das Ganze hatte bereits in der Straßenbahn begonnen, in der extrem lärmende Schüler mitfuhren. Die, die links von mir lärmten, waren zwar nervend, aber eher zu ertragen als die auf meiner rechten Seite. Dafür schien mein Gehör rechts erheblich besser und aufnahmefähiger zu funktionieren als sonst. Nicht schön, was da unter anderem zu hören war, aber offenbar stellte sich mein Gehör schon darauf ein, unter Umständen demnächst den wegfallenden Sehsinn zu ersetzen … 😉 ) Doof nur, dass alle meine Klienten zu meiner Rechten Platz nehmen müssen, um beraten zu werden … 😉

Meine Chefin hatte ich bereits über mein Augenproblem aufgeklärt, nachdem sie sich gewundert hatte, wieso ich heute mit einer Brille antrat – ich hätte es auch ohne diese Tatsache getan, da ich mir nicht sicher war, ob ich den gesamten Arbeitstag überstehen würde.

Und gegen halb 11 waren die visuellen Phänomene dann so heftig, dass ich mich schnurstracks auf den Weg zum Augenarzt machte. Dort war alles derart überfüllt, dass man mich bat, um 14 Uhr wiederzukommen. Das tat ich dann auch, und obwohl ich keinen Termin hatte, kam ich ziemlich schnell dran – danke an die Arzthelferinnen!

Heute geriet ich an eine sehr nette Augenärztin, die mich zunächst mit rechts Zahlen lesen ließ, nichts Außergewöhnliches feststellte – offenbar noch kein massiver Netzhautschaden -, mir dann Atropintropfen ins rechte Auge träufelte und meinte: „Das dürfte schnell gehen – Ihre Pupillen sind ja eh schon ziemlich groß!“ – „Liegt wohl daran, dass ich wirklich Angst habe, weil das Ganze seit Freitag noch schlimmer geworden ist.“ – „Kann sein. Aber keine Sorge – wir kriegen das ganz sicher hin.“ – „Mir tut es leid, dass ich so ohne Termin noch dazwischengrätsche – aber ich kam am Freitag schon als Notfall.“ – „Frau B. – Sie sind ein wirklicher Notfall, und deswegen wurden Sie auch vorgezogen! Sie sind ein echter Notfall – anders als so viele ‚Notfälle‘, die hier vorgegeben werden. Ich habe doch aufgrund Ihrer Datei gesehen, dass Sie gewiss nicht aus Spaß kommen. Nehmen Sie draußen noch Platz – ich rufe Sie dann wieder herein.“

Ich wartete eine Weile, bis jedwede Lichtquelle von meinem rechten Auge mit einer Art Aureole versehen worden war; dann rief mich die Ärztin wieder ins Behandlungszimmer und gebot mir, schon einmal Platz zu nehmen, während sie noch einmal hinauslief. Recht schnell kam sie durch eine andere Tür, die mir wohl aufgrund meiner Aufregung gar nicht aufgefallen war, wieder herein, in der Hand ein derart großes Lupenglas, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte, und sie rief fröhlich: „Sie scheinen mir genau die richtige Patientin zu sein, dieses völlig neue Lupenglas auszuprobieren! Das haben wir ganz neu!“

Ich rief ebenso fröhlich: „Es freut mich, dass ich Ihnen behilflich sein kann!“ Sie meinte: „O Gott, nein, Frau B., bitte fühlen Sie sich nicht benutzt! Sie sind einfach nur so erfreulich ruhig und cool, dass ich dachte, das sei okay!“ – „An mir soll es nicht liegen, danke für das Kompliment. Legen Sie einfach los! Wenn uns beiden damit geholfen ist, ist doch alles prima!“

Das gigantische Lupenglas nebst Lichtquelle ließ die sehr nette Augenärztin dann sogleich ausrufen: „Wahnsinn, was man damit alles sieht! Das Ding, das Sie dauernd so stört, wenn Sie etwas genauer betrachten wollen, ist eine ziemlich große Glaskörpertrübung – mitten auf dem Auge! Und – ach, das ist ja originell! – sie hat die Form eines Salamanders! Aber keine Angst – das ist nichts Schlimmes, nur störend.“ Da ich die Augenärztin nett fand, lachte ich und meinte: „Na, dann ist ja alles gut – und ich bin auch sehr tierlieb. Nicht auszudenken, wäre es eine Flugabwehrrakete gewesen! Ein Salamander – also quasi Lurchis Abenteuer direkt in meinem Auge! Aber Sie kennen Lurchis Abenteuer sicher gar nicht mehr!“ – „Doch!“ rief die sympathische Augenärztin. „Das kenne ich – das ist total süß! Und ich finde richtig klasse, dass Sie das Ganze mit soviel Humor nehmen! Sie sind eine richtig nette Patientin!“ – „Mal im Ernst – was bleibt mir denn übrig!“ – „Ach, alles wird gut! Da bin ich mir ganz sicher.“

Dann ophthalmoskopierte sie mein rechtes Auge und fand heraus, dass mein rechter Glaskörper – mal abgesehen von Lurchis Abenteuern – seit Freitag so weit gesackt sei, dass eine Region meiner Netzhaut rechts mit Bordmitteln gar nicht mehr einzusehen sei. Und mit leichter Hand vereinbarte sie für morgen um 9 einen Termin in der Augenklinik …

Hurra! Ich muss morgen zum Augen-Ultraschall! Und – falls dabei Risse oder Löcher in der Netzhaut gefunden werden – dann werde ich auch gleich gelasert und/oder kryobehandelt … Ich freue mich jetzt schon! Und Lurchi auch … 😉

„Die Augen … GERRRAAADEAUSSSS!“

Gut, mit eher militärischen Kommandos bin ich ja vertraut, seit ich früher geritten bin – mich schockt daher so etwas nicht wirklich. (Und im Vertrauen: Es wurde auch gar kein solches Kommando gegeben – zumindest nicht so wörtlich. 😉 )

Der gestrige späte Abend hielt noch eine hübsche Überraschung für mich parat. Denn als ich mich gerade zur wohlverdienten Nachtruhe aufs Ohr hauen wollte, passierte gar Merkwürdiges in meinem rechten Auge: Plötzlich sah ich schwarz-güldene und gleißende Blitze, dem Effekt eines Lichtbogens nicht unähnlich, und das, was man fachsprachlich und in charmantem Französisch als mouches volantes – fliegende Fliegen – bezeichnet und mir wohlvertraut ist, zumindest in schwächerer Ausprägung, in der es harmlos ist, war im rechten Auge plötzlich verstärkt zu sehen. Das linke Auge hielt sich bedeckt, und ich kann mich über sein Verhalten nicht beklagen. Umso mehr irritierte mich das alleinige Auftreten rechts, und nicht nur das: Es beunruhigte mich in stärkerer Art.

Es war schon ziemlich spät, und als die Phänomene schwächer wurden, beschloss ich, mich erst einmal zur Ruhe zu betten, allerdings im Alert-Modus zu bleiben und dann – wären die Phänomene heute nicht verschwunden – zum Augenarzt zu eilen.

Heute früh war ich zwar verschnarcht wie immer, wenn ich morgens aufstehen muss, aber, als ich den ersten Blitz im rechten Auge sah, als ich beide Augen bewegte, um nach der Zahnpasta zu greifen, sofort hellwach. Verdammt – das doofe „Zeug“ war ja immer noch da!

Ich rang mit mir – ich musste doch zur Arbeit! Da war etwas, das ich heute dringend erledigen wollte – Terminarbeit. Und ich hatte diesen Monat schon zwei Tage nacheinander wegen Migräne fehlen müssen – ich hasse Fehltage wie die Pest! Aber ich bin ja quasi vom Fach und geübt, wenn es um Kompromisse geht. Und so fuhr ich zur Arbeit, natürlich mit dem Auto, um gegebenenfalls dort einen Augenarzttermin zu vereinbaren – noch immer hielt ich das Verschwinden der merkwürdigen Phänomene für möglich. Wie naiv! 😉

Ich schlug bei der Arbeit auf und machte mich gleich ans Werk. Offenbar aber wirkte ich anders als sonst, denn Jana meinte: „Du wirkst so hektisch. Und wieso wischst du dir immer übers rechte Auge?“ Ich berichtete, und Jana starrte mich an und meinte: „Ja, bist du denn wahnsinnig? Warum bist du hier und nicht beim Augenarzt?!?“ – „Ich muss dringend diese Sache hier erledigen – die hatte ich für heute angekündigt. Es geht doch um meine Klienten!“

„Ja, aber die haben doch nichts von einer Sachbearbeiterin, die auf einem Auge blind ist!“ rief Jana energisch. „Ruf sofort bei deinem Augenarzt an! Oder gib mir die Nummer – dann rufe ich an. Und zur Not schleppe ich dich an den Haaren hin!“ Huch! Ich hatte doch selber anrufen wollen – nur diese eine Sache noch … Jana rang die Hände, und das tat sie noch mehr, als ich sagte: „Und außerdem habe ich schon zwei Tage wegen meiner Migräne gefehlt – das ist doch Mist!“ Sie meinte: „Ali! Das sind Dinge, die du dir doch nicht selber ausgesucht hast!“ Ja, das stimmte – gewiss nicht. 😉 „Rufst du jetzt bei deinem Augenarzt an? Oder soll ich das machen?!?“ – „Ich rufe ja schon an – hatte ich ja eh vor. Und nun ist das, was ich erledigen wollte, ja auch schon erledigt.“ – „Ich fasse es nicht,“, rief Jana Saskia zu, die gerade von nebenan hereingekommen war, „da kommt sie extra wegen dieser einen Sache ins Büro, weil sie meint, das müsse heute sein, statt gleich zum Augenarzt zu fahren!“ Saskia meinte, indem sie mir ein Auge zukniff: „Wir können ihr ja schon einmal einen Blindenführhund aussuchen. Labradore machen sich da gut. Bevorzugst du eine bestimmte Fellfarbe, Ali?“ – „Schwarz!“ rief ich, fügte jedoch hinzu: „Wozu aber auf die Fellfarbe achten? Ihr geht doch davon aus, dass ich ohnehin bald erblinde. Da sind die Fellfarbe und sogar die Rasse des Assistenzhundes völlig egal. Allerdings hätte ich gern einen Schäferhund.“ Saskia lachte, Jana rang erneut die Hände.

Ich rief dann auch umgehend bei meinem Augenarzt an. Man erklärte mir, dass ich bis spätestens 11 Uhr vorstellig werden müsse – aber bitte ohne Auto -, nachdem ich meine Beschwerden dargelegt hatte. Ich versprach, mein Auto noch rasch nach Hause zu fahren – mir war ja selbst schon klar gewesen, dass eine Funduskopie notwendig werden würde. Wie passend! Just heute scheint seit geraumer Zeit endlich die Sonne vom blauen Himmel! 😉 Und das dann mit erweiterten Pupillen auf dem Heimweg … 😉

Kaum hatte ich den Hörer aufgelegt, rief Herr Schmuck an, der diensthabende Pförtner im Hauptgebäude meines Arbeitgebers. Er sagte: „Hallo, liebe Frau B. – hier ist Schmuck! Der Paketdienstfahrer weigert sich, Ihre Retoure mitzunehmen. Es tut mir leid, ich weiß ja, dass Sie inzwischen schon alles versucht haben …“ Es ging noch immer um das falsch gelieferte Motoröl …

In jenem Moment sah ich besonders viele Blitze … Vermutlich deswegen, weil mein Blutdruck spontan anstieg. Ich klang Herrn Schmuck gegenüber wohl ein wenig genervt, denn er meinte: „Frau B. – ich kann doch auch nichts dafür …“ – „Ja, Sie meine ich ja auch gar nicht, Herr Schmuck! Tut mir leid!“ – „Frau B. – ich will Sie auch nicht nerven. Ich möchte einfach nur, dass Sie Ihr Geld wiederbekommen.“ – „Das weiß ich, Herr Schmuck, danke schön.“ Und trotzdem klang ich dem völlig schuldlosen, hilfsbereiten Menschen gegenüber nicht so wie sonst, sondern hektisch und genervt. Aber inzwischen war ich selbst extrem besorgt: Bei meinem Augenarzt bekommt man sonst erst einen Termin, der – bei Anruf – etwa vier bis sechs Wochen in der Zukunft liegt.

Jana sah mich an und meinte: „Nein! Die nehmen deine Retoure trotz all deiner Bemühungen immer noch nicht mit?“ – „Richtig. Kein Wunder, dass ich da Blitze sehe!“ Jana lachte sich schlapp, meinte aber, ich solle mich lieber auf den Weg machen.

Und so brach ich auf – Jana gab mir noch ein Stück banana bread mit, das sie gestern gebacken hatte. Ich fuhr rasch mein Auto nach Hause, klaubte dort die Kontaktlinsen aus meinen Klüsen und hechtete  gen Straßenbahn, die auch sehr schnell kam …

Beim Augenarzt kam ich recht schnell dran. Die sehr nette Arzthelferin, die mich zuerst behandelte, erschrak, als ich ihr sagte, dass ich noch eine Stunde zuvor Kontaktlinsen getragen hatte. „Ich befürchte, dass Sie dann gar nicht behandelt werden. Eine Funduskopie machen die Ärzte hier nur, wenn mindestens 48 Stunden keine Kontaktlinsen getragen wurden – die saugen sich ja an der Hornhaut fest. Das ist der Grund.“ – „Ja, ich weiß. Hätte ich geahnt, was mir gestern Abend passieren würde, hätte ich die Linsen auch 96 Stunden vorher gemieden. Aber ich wusste doch nicht … Und hier geht es ja nicht um die Hornhaut, sondern eher um den hinteren Teil des Auges …“ – „Frau B. – keine Sorge! Ich frage nach! Ich bin gleich wieder bei Ihnen, und ich verspreche Ihnen: Sie werden hier heute behandelt – es ist doch Wochenende, und wir können Sie unmöglich so wieder wegschicken. Noch dazu, nachdem neulich in Ihrer Familie ein ähnlicher Fall vorkam!“

Denn vor wenigen Wochen musste sich Stephanie, meine Schwester, einer Not-Laser-OP unterziehen. Ähnliche Symptome wie die, die ich just jetzt habe. Nur hatte sie wohl schon einen Riss in der Netzhaut. Daher hatte ich auch schon heute früh beschlossen, in jedem Falle heute noch zum Augenarzt zu gehen – nur eben diese eine Sache bei der Arbeit noch erledigen … (Inzwischen frage ich mich selber, wie leichtsinnig man sein könne.)

Ich saß und wartete. Dann kam die Arzthelferin zurück und meinte: „Alles okay, Frau B. – ich habe den Arzt gefragt, der die Dinge nicht ganz so rigide sieht. Wir können Sie doch unmöglich so wegschicken, und das sieht der Arzt genauso. Schauen Sie mal nach oben!“ Und ich blickte nach oben, und sie träufelte diese atropinhaltigen Tropfen hinein, die dafür sorgen, dass die Pupille sich erweitert und – quasi gelähmt – auch eine Weile so verharrt. Und sie träufelte diese dann nach kurzer Nachfrage auch noch in mein linkes Auge, da sie meinte: „Besser beide Augen überprüfen.“ Wir gingen da Hand in Hand. 😉

Später träufelte sie auch noch einmal nach, und kurz darauf wurde ich in eines der Behandlungszimmer gerufen. Ein junger Augenarzt behandelte mich, der ein wenig gebrochen deutsch sprach. Dennoch verstand ich sehr gut, was er sagte, als er zunächst mein rechtes Auge extrem sorgfältig und gründlich untersuchte. Ich musste in alle denkbaren Richtungen blicken, wie ich das ja schon gewohnt bin, da ich ohnehin zweimal im Jahr zur Funduskopie muss. Ich schwöre jedoch: Ich musste noch nie derart extrem nach oben, unten, scharf rechts (und danach noch nach oben wie unten) und scharf links (und danach noch nach oben wie unten) blicken wie bei diesem sehr sorgfältigen Ophthalmologen. Als ich nach unten blicken sollte, erklärte er mir: „Nicht genug – weiter nach unten, bitte!“ Und ich glotzte derart gen Boden, dass ich schon Sorge hatte, meine Iris und Pupille würden alsbald hinter das Unterlid rutschen und mein Blick künftig ins Innere gerichtet sein, während ich mit der Spaltlampe geblendet wurde. 😉

Bei der Untersuchung des rechten Auges sagte der Arzt Dinge, die mir nicht gefielen. Das linke Auge – dieser kleine Streber – war ohne besonderen Befund. Streber! 😉

Nachdem die Untersuchung beendet war, fasste mich der Augenarzt scharf ins Auge und sagte: „Frrrau B. – Sie haben eine Glaskörrrperrrabhebung in rrrechtem Auge. Daheerrr die Blitze und sonstige Phänomene. Das muss beobachtet weerrrden! Das meine ich ganz errrnst! Es kommt das Wochenende! [Ja, das hatte ich auch schon festgestellt und mich sogar noch gefreut.] Achten Sie auf rrrechtes Auge – linkes ist okay! Wenn in rrrechtem Auge noch mehrrr Blitze oder Sehausfall oder Voorrrhang wie in Theaterrr – soforrrt Rrrettungsdienst rrrufen! Geht dann um Augenlicht! Wirrrklich soforrrt rrreagierrren – sonst blind auf eine Seite! Und weerrr weiß, wie lange anderrre Auge hält!“

Ja, so hatte ich die Anweisungen, die er während der Untersuchung an die Arzthelferin weitergab, auch schon verstanden. Ganz toll! (Und ich war erst vor kurzem zur regulären Funduskopie gewesen …)

Dann erklärte mir der Augenarzt noch, wie man im besonderen Notfall mit Rettungsdienst – ein Notfall war ich ja offenbar heute schon – vorzugehen gedenke: „Entweederrr – in beste Fall – Laserrr-Eingrrriff. Oderrr grrroße OP mit Vollnarrrkose, um Netzhaut wiederrr an rrrechterrr Stelle zu platzierrren.“

Aaah! Womit habe ich das verdient? Einen frei flottierenden, unbezähmbaren Glaskörper rechts, der – schlimmstenfalls – auch noch „Netzhaut mitrrreißt“? Und wieso exakt einen Monat nach der Laser-Not-OP meiner Schwester? Wir sind keine Zwillinge, sondern eher ziemlich verschieden, zoffen uns oft, obwohl ich jedem, der meiner Schwester etwas antäte, ganz gehörig den einen oder anderen auf die Zwölf gäbe und mir gar nicht vorstellen möchte, wie es ohne meine Schwester wäre.

Zum Schluss gab mir der dankenswerterweise sehr gründliche Augenarzt noch Verhaltensmaßregelungen mit, die an oben genannte militärische Kommandos gemahnten: „Augen nicht zu viel bewegen! Augen besser immer geradeaus! Nicht lesen! Keine Bücher! Augen möglichst ruhig halten – Glaskörper rechts nicht provozieren, daher Augen nicht von rechts nach links oder umgekehrt bewegen! Sonst könnte Netzhaut mitgerissen werden! [„Dann blind!“ So sagte er mir ganz zu Anfang, obwohl es mir schon klar war …] Am besten alles ruhighalten! In vier Wochen Kontrolle! Krankschreibung für heute!“

Das Leben war vor zwei Tagen noch vergleichsweise normal und nicht übermäßig mit Sorgen behaftet – zumindest nicht existentiellen. Mal abgesehen vom üblichen Kummer. 😉

Drückt mir die Daumen, dass ich zumindest das Wochenende ohne Einsatz des Rettungsdienstes überstehe … 😉 Und darüber hinaus auch. Und geht immer gleich zum Arzt, wenn Euch merkwürdige und außergewöhnliche Phänomene ereilen – speziell am Auge. Die Arbeit ist wichtig – anderes ist noch wichtiger. 😊

Nachtrag: Als ich mit der Straßenbahn nach Hause fuhr, habe ich dann noch die Nummer des Pförtners gewählt, denn es tat mir leid, dass ich Herrn Schmuck so hektisch und wenig freundlich abgefertigt hatte. Als er sich meldete, erklärte ich ihm die Sachlage, und er meinte: „Oooch, Frau B. – das tut mir leid. Aber ich habe Ihnen das ohnehin nicht krummgenommen. Ich hörte ja schon, dass Sie offenbar im Stress waren. Und Sie sind immer freundlich – ich wertete das als Ausnahme und dachte mir schon, dass Sie anderweitig Stress hätten. Aber ich finde sehr nett, dass Sie anrufen, obwohl es nicht nötig gewesen wäre – macht beileibe nicht jeder. Das ist wirklich total nett. Und ich wünsche Ihnen von Herzen gute Besserung und alles Gute.“

Und als die Straßenbahn so vor sich weiterfuhr, klingelte mein Handy plötzlich, und als ich mich meldete, war Herr Schmuck dran: „Frau B. – Sie hatten doch gesagt, dass das Paket, das Sie retournieren wollen, von einem KFZ-Zubehör-Händler komme!“ – „Ja! Warum?“ – „Ach, wissen Sie – ich möchte mir eine Anhängerkupplung und Reifen bestellen. Und da habe ich im Internet recherchiert und ein tolles Angebot gefunden. Ich bin aber nun aufgrund Ihrer Erfahrung vorsichtig geworden. Könnten Sie mir den Namen der Firma nennen, bei der Sie Ihr Motoröl bestellt haben?“

Ich nannte ihn. Und Her Schmuck rief: „Okay, dann suche ich lieber weiter! Danke, liebe Frau B. – und alles Gute!“ 😉

Öl auf die Wogen …

Ja, einer größeren Menge Öles – mehr als 5 l – auf die Wogen hätte es von vorgestern an mehrfach bedurft.

Warum? Und wie entstanden die Wogen? Und warum sehen nicht nur meine Kolleginnen mich mit völlig anderen Augen, sondern ich auch? 😉

Es fing ganz harmlos an. Ich machte einen Termin für die alljährliche Inspektion meines Wagens in meiner Vertragswerkstatt. Eigentlich sollte die Inspektion morgen stattfinden – doch zum Glück musste der Termin werkstattseitig verschoben werden, und nun muss ich am siebten Juni hin.

Wie – zum Glück? Man ist doch froh, wenn das auch erledigt ist. Ich zumindest. Aaaber …

Ich hatte diesmal nachgefragt, ob ich das für den Ölwechsel benötigte Motoröl mitbringen dürfe, denn das kostet, selber erworben, etwa ein Drittel dessen, was die Werkstatt für Öl aus ihrem Bestand veranschlagt, und ich habe exakt zweimal je 90 Euro für je fünf Liter Öl in der Werkstatt bezahlt und sah und sehe nicht mehr ein, dies auch weiterhin zu tun. Ich pflücke das Geld ja auch nicht vom Baum. 😉

Selbstverständlich dürfe ich das, erfuhr ich seitens der Werkstatt, und so bestellte ich fünf Liter des für meinen kleinen Fiesta vorgesehenen Öles online. Rasch bekam ich eine Bestellbestätigung, auf der exakt das stand, was ich ganz korrekt bestellt hatte. Sicherheitshalber fragte der Händler auch noch zweimal nach – einmal per Mail, einmal telefonisch – ich hätte da schon hellhörig werden sollen. 😉

Am letzten Sonntag – an einem Sonntag! – bekam ich dann die Nachricht, dass das Öl versendet worden sei und spätestens am Dienstag bei meinem Arbeitgeber ankommen werde. Denn dorthin hatte ich es schicken lassen, seit die Packstation in Nähe meiner Wohnung immer häufiger defekt ist.

Am Dienstag rief mich der Pförtner an: „Frau B. – hier ist ein Paket für Sie!“ Ich freute mich – endlich war das Motoröl da und ich perfekt auf die Inspektion vorbereitet. Und so schritt ich fröhlich zur Pforte und holte das Paket ab, das ich im Büro öffnete und den 5-Liter-Kanister herauszog.

Ich zog ihn nicht sehr weit heraus, denn ich sah sofort, dass der Inhalt völlig falsch war: „Stop-Start 0W-30 D“ stand auf dem Etikett, das ganz anders aussah als das Etikett der Sorte, die ich völlig korrekt bestellt und zweimal bestätigt hatte – auf Anfrage des Händlers.

„Das kann ja wohl nicht wahr sein,“, grummelte ich zornig, „wozu fragt ihr eigentlich per Mail und telefonisch nach, ich bestätige euch den richtigen Typ – und ihr schickt mir dann etwas völlig Falsches! Wollt ihr mich veräppeln?“

Kollegin Jana sah mich besorgt an: „Was ist passiert?“ – „Die haben mir ein komplett falsches Motoröl geschickt! Ich habe keinen Diesel! Ich brauche kein Stop-Start-Öl! Wozu fragen die zweimal nach und schicken mir dann doch etwas völlig Falsches? Ich hasse es, wenn ich für blöd verkauft werde.“ – „Aber vielleicht kann man das Öl ja trotzdem verwenden?“ – „Ja, sicher. Ich könnte mir natürlich noch rasch einen Diesel kaufen und meinen Wagen dafür verschachern. Dann könnte ich mit dem Öl etwas anfangen. Ich finde aber, dass das der falsche Weg sei.“ – „Bist du dir sicher, dass das nur für Dieselmotoren ist?“ – „Ja.“

Jana sah mich überwältigt an und meinte: „Ich gestehe, ich habe gar keine Ahnung, was für Öl welcher Wagen braucht – ich lasse das immer die Werkstatt machen. Wie finde ich denn heraus, ohne die Werkstatt anzurufen, welches Öl mein Wagen braucht?“ – „Entweder im Betriebshandbuch oder unter der Motorhaube. Da findest du ein Etikett, auf dem die richtige Ölsorte angegeben ist.“ – „Und du hast es aus dem Betriebshandbuch?“ – „Nee, aus dem Motorraum. Mein Betriebshandbuch habe ich erst kürzlich unter dem Sitz wiedergefunden. Ist wohl bei einem heftigeren Bremsvorgang dorthin geschlittert. Und ich musste ja ohnehin Scheibenwaschflüssigkeit nachfüllen.“ – „Guckst du öfter unter die Motorhaube?“ – „Ja, immer dann, wenn der Scheibenwaschtank leer ist und ich auffüllen muss. Dann kontrolliere ich auch schon mal den Ölstand und die Bremsflüssigkeit.“ – „Wow – das habe ich noch nie selber gemacht.“ Jana sah mich an wie eine Erscheinung, und ich fing zu lachen an: „Du hast ja auch eine Garage und musst wahrscheinlich nicht so oft die Scheibenwaschanlage benutzen.“ – „Ich wüsste gar nicht, wo und wie man den Tank auffüllt!“ – „Das ist beileibe kein Hexenwerk – sogar ich kann das!“ – „Ich bin überwältigt – du scheinst das ja alles total unerschrocken anzugehen.“ – „Naja, wenn es sein muss. Ich finde so etwas eigentlich auch recht interessant.“ – „Und das Öl kannst du also überhaupt nicht gebrauchen?“ – „Absolut nicht – und jetzt rufe ich da an!“

Das Telefonat gestaltete sich – für den Hotline-Mitarbeiter – nicht sonderlich angenehm, denn ich war ziemlich kiebig, vor allem, als der Herr nachfragte, ob ich als Frau denn wirklich sicher sei, dass das das falsche Motoröl sei. Da wurde ich richtig giftig und meinte: „Was erlauben Sie sich eigentlich, wenn ich mal fragen darf?! Natürlich bin ich mir sicher! Eine Unverschämtheit, erst trotz zweimaliger Nachfrage, trotz einer korrekten Bestellbestätigung etwas total Falsches zu schicken und dann auch noch die Bestellerin für unfähig zu halten! Was für eine Geschäftspolitik ist das denn?!? Und es mag Sie enttäuschen, dass nicht alle Frauen hinsichtlich ihrer Autos so dämlich sind, wie manche Männer offenbar gern glauben, Herr … ich habe Ihren Namen vergessen, aber fühlen Sie sich angesprochen!“

„Frau B., entschuldigen Sie bitte – das tut mir leid. Ich dachte, ich mache einen kleinen Witz …“ – „Falsch! Sie dachten: ‚Ich mache mal einen schlechten Witz vom Stammtisch, und die dumme Tussi lacht dann sicher dümmlich und arglos!‘ Leider ganz falsch gedacht!“ Und ich verkniff mir den Satz: „Deswegen arbeiten Sie sicherlich auch im Callcenter!“ Das wäre sehr unfair und nicht korrekt gewesen, denn abseits dieses Herrn arbeiten auch sehr viele nette und intelligente Menschen als Callcenter-Agenten. Vor diesem Wissenshintergrund hielt ich mich auch zurück. Aber es war nicht ganz einfach – ich gebe es zu … 😉

Hui! Ich erkannte mich selbst kaum wieder – so giftig war ich bisher selbst bei absoluten Unverschämtheiten nicht gewesen, wenn es etwas „Geschäftliches“ zu klären gab. Eigentlich eher besonnen, aber der Typ war gar zu unverschämt in seinem Sinnen und Trachten, mir die Verantwortung für den Fehler der Firma unterzujubeln. Und da verstehe ich echt keinen Spaß. Das ist unfair.

Der Mitarbeiter versprach, die Bestellung zu stornieren – er werde mir sofort das richtige Motoröl bestellen. Ich schnaubte leicht und sagte: „Nein, danke. Ich kaufe es lieber woanders. Stornieren Sie bitte ohne Neubestellung und sagen mir bitte, wie ich die Retoure in die Wege leite, denn ich habe gesehen, dass kein Retourenschein im Paket war.“ – „Frau B. – das geht alles elektronisch bei uns. Sie brauchen das Paket nur dem Fahrer des Paketdienstes wieder mitzugeben.“ – „Tatsächlich? Das erscheint mir etwas einfach, und ein Schritt scheint zu fehlen.“ – „Nein, das funktioniert immer so bei uns.“ – „Nun gut. Sollte es nicht klappen, hören Sie wieder von mir.“

Kurz darauf sagte meine Vertragswerkstatt den Termin für Freitag ab – irrrtümliche Doppelbelegung -, und nun habe ich bis zum siebten Juni Zeit, endlich das richtige Öl zu kaufen.

Nur: Gestern erklärte mir der sehr hilfsbereite Pförtner, dass der Paketdienstfahrer mein Paket mangels Retourenschein nicht hatte mitnehmen wollen. Es war kurz vor Feierabend, und ich schrieb dann zu Hause eine ziemlich erzürnte Mail an den KFZ-Ausstatter. Sie war nicht freundlich.

Kurz darauf ging eine Mail meines Vertragspartners ein: Man bedauere die Umstände, und man schickte mir eine Paketnummer – nur für einen völlig anderen Paketdienst als den, den mir der fröhliche Hotline-Mitarbeiter genannt hatte. Einen ganz anderen als den, der das falsche Produkt geliefert hatte … Ich solle mit dem Paketdienst Kontakt aufnehmen.

Und heute früh im Büro bekam ich einen Anruf vom KFZ-Ausstatter: „Hallo, Herr B. – es tut uns leid, dass Sie Unannehmlichkeiten hatten!“ – „Hatten? Haben! Und nachdem ich mich am Telefon gemeldet habe, sollte Ihnen eigentlich klar sein, dass ich nicht Herr, sondern Frau B. bin, zumal ich gestern schon in einer Mail auf diesen Umstand hinwies. Sorry, aber mein Eindruck von Ihrer Firma ist nicht der beste!“ – „Vielleicht kann ich Sie mit einem kleinen Witz aufmuntern, Frau B.: Was ist die Steigerung von Mai?“ – „Wie bitte?“ – „Was ist die Steigerung von Mai?“ – „Ist alles in Ordnung? Was hat das jetzt mit der Angelegenheit zu tun, über die wir hier sprechen?“ – „Ach, bitte! Ich finde den Witz so witzig!“ – „Maier!“ rief ich – der „Witz“ war leicht zu durchschauen. Und fügte hinzu: „Und der Superlativ ist dann am maisten! Haben Sie sonst noch irgendwelche Probleme? Oder wollten Sie mir etwas mitteilen, das mir irgendwie von Nutzen sein könnte?“ – „Ja, Frau B.! Wir haben total tolle Sommerreifen im Angebot!“ – „Bitte – was?“ – „Total tolle Sommerreifen …“ –

„Jetzt reicht’s aber!“ schnaubte ich in den Hörer und bekam noch mit, wie der Herr meinte: „Aber – das war wirklich ernst gemeint – Sie bekämen Sie der Unannehmlichkeiten wegen auch günstiger. Das war nur nett gemeint …“ – „Hören Sie! Was ich Ihnen jetzt sage, ist auch total nett und überdies extrem ernst gemeint: Ihr Geschäftsmodell ist Scheiße! Sie sind offenbar nicht in der Lage, Ihre Kunden zufriedenzustellen, wie ich inzwischen aufgrund gewisser Recherche herausgefunden habe. Dafür versuchen Sie es dann mit abgestandenen Herrenwitzen und höchst albernen Aktionen. Ein Fehler. Ich erwarte, dass Sie mir mein Geld umgehend erstatten. Falls das nicht geschehen sollte, können Sie sich gewiss sein, dass Sie von meinem Anwalt hören.“ – „Aber – Sie bekommen Ihr Geld natürlich wieder. Wir würden Sie nur nicht gern als Kundin verlier..“

Da legte ich auf. Und sah mich nach etwaigen versteckten Kameras um. Stattdessen erschienen meine Kolleginnen, und sie meinten: „Wow! So kennen wir dich gar nicht! Du bist doch immer so freundlich. Manchmal zu freundlich, wenn unsere Klientel anderes verdient hätte. Jetzt sehen wir: Du kannst auch anders!“ Und sie lachten und beglückwünschten mich. 😉

Ich war selber erstaunt. Offenbar bedarf es manchmal nur eines Kanisters mit 5 Litern Motoröl, meine besonderen Fähigkeiten hervorzulocken. 😉 Öl in die Wogen? Ha! Öl erzeugte diese Wogen erst! 😉

Und auf Anfrage nenne ich Euch gerne den KFZ-Ausstatter, der in einer – von meinem Standort aus gesehen – etwas weiter nördlich gelegenen Landeshauptstadt sein Gewerbe betreibt und bei dem man niemals bestellen sollte – es sei denn, man steht auf Herrenwitze, abgestandenen Humor und schlechte Geschäfts- und Kundenpolitik. 😉

Typisch Frau! ;-)

Man sagt ja, dass man mit jedem Tag dazulerne. Seit gestern bin auch ich einmal mehr davon überzeugt. Und was mir am meisten stinkt, ist die Tatsache, dass in diese neuerliche Erkenntnis ein grauenhaftes Klischee involviert ist. Genauer: das Klischee, dass autofahrende Frauen sich in erster Linie für die Farbe des Gefährts interessierten.

Nun habe ich sogar mal ein silberfarbenes Auto besessen, obwohl ich die Farbe Silber bei Autos stets als extrem spießig empfunden habe. Seit knapp drei Jahren besitze ich jedoch ein dunkelblaues Auto, und die Tatsache, dass ich das silberfarbene Auto nach kurzer Zeit wieder verkaufte, hatte rein gar nichts mit seiner Farbe zu tun. Wirklich und ausschließlich nur mit seinem Getriebe.

Gestern war ich bei der Physiotherapie, und Doris, meine Physiotherapeutin, mit der ich demnächst wieder essen gehen werde, da wir einander hervorragend verstehen, erzählte mir Folgendes: „Eine Freundin von mir hatte kürzlich eine Reifenpanne. Und stell dir vor, was passierte, als sie in ihren Kofferraum und unter diese Abdeckung sah, wo früher immer das Reserve- oder Notrad lag!“

Ich war gespannt, was Doris‘ Freundin dort wohl entdeckt habe. Einen Wurf Hundewelpen? Eine Familie von Mardern? Drei Kannen Milch? Den Leibhaftigen höchstpersönlich?

Doch nein. Doris berichtete: „Sie fand dort nur eine Flasche mit so einem komischen Gebräu drin – und noch ein paar andere Sachen. In neueren Autos ist ja nicht einmal ein Notrad mehr.“

Ich war sofort peinlich berührt, dass ich mir darüber eigentlich so recht nie Gedanken gemacht hatte. Und seit gestern Abend bin ich heilfroh, dass ich bis dato noch keine Reifenpanne gehabt habe … 😉

Denn kaum am kleinen Monty angelangt und ihn aufgeschlossen, riss ich auch schon den Kofferraum auf! Immerhin ist Monty erst drei Jahre alt und zählt damit auch noch zu den „neueren“ Autos. Rasch zerrte ich die darin befindliche Klappbox mit wichtigem Zubehör – Scheibenenteiser, Mikrofasertücher, Scheibenreiniger und weiteren Utensilien – heraus und deponierte sie neben dem Wagen, neugierig-skeptisch beäugt von zwei Männern, die unweit standen und sich unterhielten. Ich ahnte, was sie dachten: „O Gott! Eine Frau öffnet den Kofferraum und entnimmt ihm Ballast. Was macht sie denn jetzt? Da! Sie reißt die innere Abdeckung hoch! Was sucht sie da? Liegt vielleicht eine Panne vor? […] Nein, der Wagen steht auf vier funktionsfähigen Reifen. Was will sie da? Was macht sie denn da?“

Ich ignorierte die Blicke und zog die innere Abdeckung im Kofferraum an der dafür vorgesehenen Schlaufe hoch. Und lachte in mich hinein, denn ich fand ein perfektes „Negativ“ eines typischen kleinen Fiesta-Reifens. Es sah aus wie eine Gussform – sogar die Radmuttern waren als Negativ perfekt abgebildet! 😉 Es war klar, wofür diese Mulde da ist – im Optimalfalle würde ein Reserve- oder Notrad in Montys Radmaßen perfekt hineinpassen. (Der Optimalfall besteht für meine Begriffe im Vorhandensein des einen oder anderen Rades.)

In dieser Mulde lag jedoch kein Rad. Sie war aber auch nicht leer. 😉 Es lagen darin: ein Behälter mit einer milchig-trüben Flüssigkeit – offenbar Dichtmittel; ein sehr merkwürdiges Instrument, dessen Bestimmung ich morgen dem Betriebshandbuch hoffentlich entnehmen werden kann (zum Glück habe ich das Handbuch nebst Serviceheft auch wiedergefunden, das wohl kürzlich aus dem Seitenfach in der Beifahrertür unter den Beifahrersitz geschlittert war, als ich einmal eines Radfahrers wegen, der unter massiver Missachtung gängiger Verkehrsregeln von rechts quer über die Straße schoss, um eine Abkürzung zu nehmen, heftig bremsen musste).

Zudem fand ich ein kleines kastenförmiges Gerät in einer Blisterfolie, das ich schnell als Kompressor identifizierte. Das Pannenset war vollständig vorhanden. Für den Fall, dass ich ein Loch in der Reifen-Lauffläche haben würde, wäre also der Weg in die nächstgelegene Werkstatt gesichert. So ich denn mit diesem Pannenset umgehen könnte …

Ein Reserve- oder Notrad nebst Wagenheber, Radmuttern- bzw. Drehmomentschlüssel wäre mir allerdings erheblich lieber gewesen. Immerhin habe ich in meinem bisherigen Leben schon zweimal beim spontanen (Notfall-)Reifenwechsel aktiv mitgewirkt und weiß, wie man da vorgehen muss. Mit so einem albernen Pannenset habe ich bis dato keine Erfahrungen gemacht, und die solide Reifenwechsel-Lösung wäre mir von daher erheblich lieber.

Ich senkte beklommen die innere Kofferraumabdeckung wieder auf die Mulde des Grauens und packte alles, was in den Kofferraum gehörte, wieder ein. Dann setzte ich mich ins Auto und fuhr los, weiterhin neugierig beäugt von den beiden Männern, die noch immer dastanden. Was hatte diese Frau da gemacht? (Inzwischen habe ich gelernt, dass manche (!) Männer Frauen, die ihre Motorhaube öffnen, fixieren und mehr oder minder konzentriert unter diese starren, um dann dort höchstselbst mit den Händen tätig zu werden, indem sie zum Beispiel die eine oder andere Flüssigkeit einfüllen, für Wesen von einem anderen Stern zu halten scheinen. Hinsichtlich des Kofferraums scheint es erstaunlicherweise ähnlich zu sein, und in diesem speziellen Falle bin ich recht froh, dass keiner herankam, um seine Hilfe anzubieten. Was hätte ich auch sagen sollen? „Oh, ich wollte nur nachsehen, ob der Kompressor auch noch da ist!“)

Als ich vom Mitarbeiterparkplatz fuhr, wurde ich von einem massiven Lachanfall übermannt: Da fahre ich seit fast drei Jahren mit diesem Auto herum und weiß nicht, was sich unter der Abdeckklappe im Kofferraum befindet! Oder eben auch nicht … 😉

Und der Lachanfall steigerte sich noch, als sich das Kopfkino einschaltete: Ali hat eine Reifenpanne. Sie fährt rechts heran, schaltet die Warnblinkanlage ein. Steigt aus, öffnet den Kofferraum, dem sie das an der linken Seite mit Klettband fixierte schwarze Päckchen entnimmt; zieht sich die darin befindliche Warnweste an, stellt das ebenfalls darin enthaltene Warndreieck im vorgesehenen Abstand zum Auto auf. Geht zurück und öffnet voller Zuversicht und im Vertrauen, gleich Notrad, Wagenheber und Radmutternschlüssel vorzufinden, die Abdeckklappe im Kofferraum. Findet eine leere, fein „ziselierte“ Mulde für ein Rad vor – sogar Ausbuchtungen für Radmuttern sind, einem Negativ gleich, eingeprägt! Aber kein Rad! Nur eine Flasche mit einer milchig-trüben Flüssigkeit, ein merkwürdiges Utensil, sowie ein kastenförmiges Instrument … Und das blöde Betriebshandbuch in den Tiefen des Wagens verschollen … 😉

Bei der Vorstellung musste ich derart lachen, dass ich beinahe das Lenkrad verriss … Zum Glück kann ich über mich selber lachen, und genau das tat ich auch. Wie blöd kann man sein! 😉 Seit drei Jahren besitze ich dieses Auto – und ich weiß nicht einmal, dass ich zwar eine wunderbare Reserve- respektive Notradmulde im Kofferraum habe, aber kein Rad, sondern so ein tolles Pannenset! 😉 Wenn das nicht typisch Frau ist! Echt peinlich … 😉

Ehrlich gestanden: Ich bin abergläubisch, ein wenig zumindest. Und es würde mich nicht wundern, würde ich exakt jetzt und in nächster Zeit, nachdem ich weiß, dass ich nur die „Deppenausrüstung“ im Kofferraum habe, vor deren Handhabung mir weit mehr graut, als ein solides Rad zu wechseln, eine Reifenpanne haben werde. 😉

Zu Hause googelte ich gleich: Notrad Ford Fiesta. Fand auch diverse Angebote und hielt die Luft an: Neu sollte solch ein „Sekundär“-Rad allen Ernstes etwa 150,- Euro kosten!

Dann lachte ich und dachte: „Kein Wunder – die Händler können solche Preise verlangen, wenn man die Alternative betrachtet, vor der wahrscheinlich nicht nur dir graut!“ 😉

Und ich lachte noch mehr, als ich erneut daran dachte, wie naiv und arglos-dumm ich die letzten Jahre durch die Gegend gefahren war. Und dann musste ich an all meine „Klienten“ denken, denen ich stets einschärfe, nicht naiv zu sein und alle Gegebenheiten immer ganz genau zu prüfen. Sehr überzeugend, wirklich. 😉

Euch eine schöne Restwoche – und mir bloß keine Reifenpanne! 😊

Warum es manchmal gut ist, Latein gelernt zu haben …

Zugegeben, es war kein Vergnügen, diese „tote“ Sprache zu lernen, aber ihre Kenntnis war mir bisher ausschließlich von Nutzen, wenn man davon absieht, dass ich in der Oberstufe in der jeweiligen Doppelstunde Latein-GK (eine Einzel- und eine Doppelstunde in der Woche) stets Mühe hatte, nicht einzuschlafen, woran mich jedoch der spezielle und sehr sarkastische Humor Herrn Feldbergs hinderte. Und so langweilig ich diese Sprache auch fand, war mir doch bewusst, dass die Kenntnis sicherlich nicht verkehrt war. Speziell dann, wenn man einen Vater hat, der sehr gern lateinische Zitate von sich gibt, wenn man mal wieder aufgrund einer gewissen Unbesonnenheit Schiffbruch erleidet. Der sagt dann nämlich: „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem!“ Heißt soviel wie: „Was auch immer du tust, handle klug und bedenke das Ende!“ Es geht also um vorausschauendes Handeln, und bei mir als Kind und Jugendlicher war dieser Hinweis manchmal durchaus nicht ganz unangebracht. 😉

Und schaffte ich trotz besten Willens etwas nicht so, wie ich es hatte schaffen wollen und ärgerte mich darüber, hieß es: „Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas.“ Das bedeutet: „Wenn auch die Kräfte fehlen, so ist der gute Wille doch zu loben.“ (In Arbeitszeugnissen kann man dazu lesen: „Er/Sie hat sich stets bemüht …“ 😉 ) Vielleicht dachte mein Vater sich damals, dass Kritik in einer kuriosen „Geheimsprache“ besser herüberkomme als ein markiges deutsches: „Siehste, das kommt davon, wenn man impulsiv handelt. Erst den Kopp einschalten!“ Oder: „Sieh doch einfach ein, dass Tennis nicht dein Ding ist.“ Nur als Beispiel. 😉

Eines hat er immerhin erreicht: Ich wollte diese „Geheimsprache“, vulgo: Latein, auch lernen. 😉 Und als ich darin schon fortgeschritten war und er wieder mal mit: „Ut desint vires …“ ankam, konterte ich stets: „Per aspera ad astra!“ Dann lachte er und meinte: „Sehr gut. Nie aufgeben – da hast du schon recht.“ (Und doch gab ich in aussichtslosen Fällen irgendwann auf. Aber man musste es zumindest versuchen.) Übrigens wollte mein Vater mich mit diesem Zitat keineswegs entmutigen. Wohl eher im Gegenteil – ich habe einen sehr lieben Vater. 😊

Diejenigen, die keinerlei Nutzen im Erlernen der lateinischen Sprache sehen und von „tote Sprache, wozu braucht man die“ sprechen, scheinen keinerlei Ahnung von deren immensem Nutzen zu haben. Nicht nur, dass man es, hat man die lateinische Grammatik und auch deren Vokabular verinnerlicht, erheblich leichter hat, viele Sprachen zu lernen, vor allem romanische wie zum Beispiel Spanisch, Französisch, Italienisch oder Rumänisch, aber auch die germanischen wie Schwedisch, Norwegisch, Dänisch und andere. Und Englisch, eine wunderbare Mischung aus germanischen und romanischen Elementen. Nein, auch die eigene Muttersprache und deren Grammatik wirkt gleich viel fluffiger und besser nachvollziehbar. 😉 Und auch viele Fremdwörter sind plötzlich kein Buch mit sieben Siegeln mehr, begegnet man ihnen dann im Lateinunterricht. Echte Aha-Erlebnisse tun sich da auf! 😉

So helfen Kenntnisse in dieser Sprache auch im Alltag oft weiter. Erst heute durfte ich das einmal mehr feststellen.

Ich habe derzeit Urlaub und hatte heute um 12:15 Uhr einen Termin bei meinem Hautarzt zwecks Hautkrebsscreenings. Ich musste insgesamt eine Stunde nutzlos herumsitzen, trotz Termins. Dann endlich kam eine Ärztin zu mir. Um 13:10 Uhr, als ich schon langsam unleidlich wurde. Normalerweise werde ich nicht unleidlich in dieser Praxis, da ich weiß, dass ich längere Wartezeiten in Kauf nehmen muss. Aber ich habe vor zwei Wochen mit Intervallfasten begonnen, und ich durfte um 13 Uhr meine allererste Mahlzeit des Tages zu mir nehmen, war also mit extrem nüchternem Magen eingetroffen. Mein Blutzuckerspiegel also eher niedrig, und wer sich etwas mit der Materie auskennt, weiß, dass mit sinkendem Blutzuckerspiegel der Adrenalinspiegel steigt, was auch Menschen, die im Grunde friedliebend und freundlich sind, etwas ungeduldiger und gereizter werden lässt. Doch keine Sorge: Ich hatte mich im Griff. 😉

Ich bin nun schon seit sechs Jahren Patientin in dieser Praxis und trotzdem immer wieder erstaunt, dass ich manchen Ärztinnen (denn es gibt hauptsächlich Ärztinnen in dieser Praxis, obwohl der Inhaber ein männlicher Arzt ist) nur zwei- oder dreimal begegne und dann immer neue, mir unbekannte Ärztinnen da sind. Auch heute erschien erneut eine mir völlig fremde Ärztin. Sie war Asiatin, und nachdem sie gehört hatte, was der Grund für mein Erscheinen in der Praxis war, sagte sie: „Alle ausßiehen!“ Ich sah mich um: Wo waren die anderen, die sich mit mir zusammen ausziehen sollten? Doch ich riss mich schnell zusammen und mir die Klamotten vom Leib, bis auf die Unterwäsche. Dann wurde ich in sehr genauen Augenschein genommen, und das nicht nur mit bloßem Auge, sondern auch mit einem Dermatoskop an heikleren Stellen. Manchmal rief die sehr sachliche, aber nette asiatische Ärztin: „Achtung, wild kalt!“ Und sie sprühte mir ein alkoholhaltiges Desinfektionsmittel auf eine bestimmte Stelle und presste dann das Dermatoskop darauf, auf dieses wiederum eines ihrer Augen. Und so zog sie die gesamte Fleischbeschau durch. 😉

Doch dann fiel ihr ein, dass sie etwas vergessen hatte, und sie rief: „Sseige Planta!“ Ich stutzte. Bitte, was sollte ich ihr zeigen? Ich habe doch kein Händchen für Pflanzen und auch keine Plantage! Doch dann fiel der Groschen recht schnell, und ich danke Herrn Feldberg noch heute für die gründliche Unterweisung im Fach Latein! 😉 Sie wollte meine Fußsohlen sehen! Planta ist die Fußsohle. Das Gegenstück, die Handinnenfläche, heißt palma. (Da hätte ich auch unverzüglich reagiert, da das Ganze im Englischen palm heißt.) Klingt alles sehr pflanzlich. Kein Wunder, dass ich da nur mit Verzögerung reagiere – ich habe einfach keine Begabung für Pflanzen. 😉

Sie war sowohl mit der rechten als auch der linken Planta zufrieden und gebot mir dann: „Mache Mund auf!“ Schnell schluckte ich das Kaugummi hinunter, das ich in meiner Intervallfasten-Verzweiflung gekaut hatte, und riss meinen Mund auf. „Ah, ssieht gut aus, alles okay!“ So die Ärztin, während ich aufgrund der überhasteten Schlucktätigkeit ein Problem mit meinem Zwerchfell bekam. Kurz: Ich erlitt einen Schluckauf. Aber egal … Es war immerhin alles okay.

Rasch zog ich mich wieder an und wurde sehr freundlich verabschiedet: „Schüss! Bis ssu nächste Mal!“ – „Herzlichen Dank und einen schönen Tag!“ – „Helzliche Dank! Und ist alles in Oldnung, fleut mich. Schüss!“ Und schon verließ sie U2. Das ist kein U-Boot, nur das Untersuchungszimmer, in dem ich mich befunden und Planta links und Planta rechts vorgezeigt hatte. Und ich dachte: „Du meine Güte! Ich hielt es immer für ein Klischee, dass manche Asiaten kein R sprechen können!“

Immerhin hatte ich fast alles verstanden. Das ist nicht immer einfach bei einem sehr starken Akzent wie einigen asiatischen. Ich habe einmal zwischen chinesischen Kongressteilnehmern und meinem damaligen Chef drei Tage gedolmetscht – ich konnte eine ganze Woche darauf kaum ein Auge zubekommen, weil ich derart unter Adrenalin stand, dass ich wie aufgezogen und unter Spannung gesetzt war, denn ich hatte wie ein Schießhund aufpassen und mich konzentrieren müssen – das ist echt anstrengend. Und ich bin ja keine durchtrainierte Dolmetscherin.

Eines habe ich heute aber einmal mehr gelernt: Egal, welche Sprache ihr sprecht, ist Latein doch immer total hilfreich. Bei einer Prophylaxeuntersuchung in puncto Hautkrebs hatte ich damit allerdings auch nicht zwingend gerechnet. 😉

Danke, Herr Feldberg – ohne Sie und Ihr penetrantes Beharren darauf, dass Latein auch heute noch superwichtig sei, hätte ich heute wie ein Knalldepp dagestanden. Und das im wahrsten Sinne, denn ich hätte ohne Ihr Beharren darauf, wie wichtig Lateinkenntnisse seien, nicht einen Fuß gehoben! 😉

Gegen babylonische Sprachverwirrung hilft also nur eines: Latein! 😉

Euch einen schönen Abend! 😊

Prüfung bestanden! :-)

Gestern musste der kleine Monty, mein heißgeliebter kleiner Ford Fiesta, erstmalig zum TÜV. Drei Jahre alt ist er nur, und doch war ich etwas aufgeregt. Wusste der Henker, ob ich ihm nicht Schaden zugefügt hatte in diesen drei Jahren … Schäden, die nun unweigerlich zutage treten würden. 😉

Vorgestern fuhr ich ihn noch durch die Waschstraße, denn er sah verboten aus. Das wechselnde Wetter sowie infolgedessen frühzeitig ausgeklinkte Birkenpollen hatten ihre Spuren hinterlassen, und speziell an den Flanken bzw. Kotflügeln sah er grauenhaft aus. Fast so, als wäre er in eine Jauchegrube gefallen. So konnte ich unmöglich damit in die Werkstatt, befand ich, obwohl ich diesbezüglich ansonsten recht schmerzfrei bin.

Aber weiß man, ob sich TÜV-Prüfer nicht doch ganz unwillkürlich durch die bloße Optik eines Gefährts beeinflussen lassen? 😉

Und so leerte ich nicht nur meinen Kofferraum, sondern spendierte meinem Wagen auch noch eine Premium-Wäsche mit Triple-Pflegeschaum, nachdem ich mit Mühe die Antenne vom Dach abmontiert hatte. Ich bin sogar für meinen kleinen Fiesta eindeutig zu klein bzw. habe zu kurze Arme und werde künftig wohl eine Fußbank in den Kofferraum packen müssen … 😉 Wie gut, dass ich kein SUV-Fan bin und mir solcherlei Gefährt nicht leisten kann – da wäre wohl ein Kran für mich vonnöten …

Gestern früh, viel früher als sonst, verließ ich das Haus und fuhr gen Vertragswerkstatt. Dort parkte ich schwungvoll ein (zum Glück waren viel mehr Stellplätze als sonst frei) und gab nicht nur Fahrzeugschein und Schlüssel, sondern auch die gesamte Verantwortung für mein KFZ ab. Am Vortag hatte ich noch sämtliche Beleuchtungselemente getestet – funktionierte alles. Die Handbremse desgleichen. Ich prüfte alles, was ich selber prüfen konnte. Ich hasse Prüfungen wie die Pest – und das offenbar auch, wenn sie nicht mich selber, sondern von mir abhängige unbelebte Gegenstände betreffen. Und auch belebte „Objekte“, denn mir graute vor jedem Tierarztbesuch, den ich mit meinen bisherigen Tieren absolvieren musste, jedes Mal: Würden mir gleich die Ohren abgerissen werden, weil ich mit den mir anvertrauten Wesen etwas falsch gemacht hatte? Ein Grund dazu war wohl nie vorhanden. Im Gegenteil: Ich wurde stets gelobt, und mein ehemaliger Tierarzt bemerkte stets, dass meine Tiere mir sehr am Herzen lagen und mir darob vertrauten. Aber irgendwie sitzt das wohl drin. Das Gefühl, nicht hinreichend Sorge getragen zu haben, dass es allen gut gehe. Und das trotz gegenteiliger Urteile. Woran mag es liegen? 😉

Nach Abgabe des Fahrzeugs und Aufgabe jeglicher Verantwortung fuhr ich mit Bussen und Bahnen zur Arbeit, wo ich meinen Aufgaben nachkam. Der Herr in der Werkstatt, der mein Auto, Fahrzeugschein und Schlüssel an sich genommen hatte, hatte mir zugesagt, selber angeboten, mich anzurufen, sobald der Wagen „fertig“ sei. Allein, es erging kein Anruf. Und obwohl es absolut unwahrscheinlich war, dass ein drei Jahre altes Auto den TÜV nicht überstanden habe, wurde ich nervös. Diese ewigen Selbstzweifel! Woher kommt das nur? 😉

Und vor meinem geistigen Auge – einem sehr, sehr lebhaften solchen! – entspann sich folgendes Szenario: Ali fährt mit dem 42er Bus, der direkt bei ihrem Arbeitgeber abfährt und quasi vor der Werkstatt eine seiner Haltestellen hat, um 16:23 h los und kommt fast fahrplanmäßig – Verspätungen sind an der Tagesordnung und müssen einkalkuliert werden – an der Werkstatt an. Betritt den Verkaufsraum, und sogleich springen zwei besonders belastbare und kräftige männliche Mitarbeiter auf, rennen auf sie zu, packen sie an den Armen und reden beruhigend auf sie ein, während sie sie zu einer Sitzgruppe führen: „Liebe Frau B. – wie geht es Ihnen? Kommen Sie, setzen Sie sich erst einmal hin. Möchten Sie ein Wasser? Oder lieber gleich einen Schnaps?“ Und dann rücken sie mit der grauenhaften Nachricht heraus: „Sorry, aber Ihr Auto ist außerplanmäßig von der Hebebühne gestürzt.“ Oder: „Es kommt wohl so ein bisschen und einiges auf Sie zu: Wir konnten uns auch nicht erklären, warum ein gerade einmal drei Jahre altes Fahrzeug so viele Schäden habe! Zum Glück ist ja noch Garantie darauf. Aber mal im Ernst, Frau B.: Wo haben Sie Ihren Führerschein gemacht?“

Derlei Dinge hielten sich in meinem stets misstrauischen Hinterkopf auf, als ich bei der Arbeit saß … Und um 16:23 h, als der Bus total pünktlich losfuhr, saß ich gespannt wie ein Flitzebogen auf meinem Sitz. Ich hätte ja zuvor in der Werkstatt anrufen können, wollte aber nicht wie eine Helikopter-PKW-Mami wirken. Und man lässt sich ja doch gern überraschen.

Als ich den Verkaufsraum betrat, stürmten zwei Männer auf mich zu. Einer davon der Werkstatt-Mitarbeiter, dem ich die Verantwortung für mein KFZ übergeben hatte, Stunden zuvor. Den anderen kannte ich nicht, aber sicherlich würden sie mich gleich bei den Armen packen und zur Leder-Sitzgruppe geleiten …

Doch sie liefen an mir vorbei, während ich schon den Kopf senkte, wobei der Werkstatt-Mitarbeiter mir noch fröhlich zuwinkte! Sollte mehr oder minder unerwartet doch alles in Ordnung sein? Die kleine Bedenkenträgerin vermochte es kaum zu glauben. 😉

Aber sie bekam kurz darauf ihren Autoschlüssel und Fahrzeugschein ausgehändigt, nachdem sie die Rechnung beglichen hatte, ebenso das „Zeugnis“ von der DEKRA und die Bescheinigung über die AU. Im Fahrzeugschein prangte ein Stempel: Nächste HU: April 2021. (Und am Hintern bzw. auf dem hinteren Nummernschild des kleinen Monty eine gelbe Plakette – weit hübscher als das orangebraune Ding zuvor.)

Ja. Eigentlich war es zu erwarten gewesen und mehr als wahrscheinlich. Aber kleine Bedenkenträger tragen halt Bedenken und haben oft ein schlechtes Gefühl. 😉

Immerhin hatte es einen Mangel gegeben, wie im DEKRA-Protokoll steht: „Feststellbremse Betätigungseinrichtung Hebelweg/Pedalweg zu groß“. Es steht aber auch drin, dass dieser Mangel zwar um 08:27 h festgestellt worden, jedoch um 08:39 h schon behoben war. Cool.

Ich gebe zu, ich starrte auf diesen völlig unerwarteten Mangel und verstand diese bürokratische Sprache zunächst nicht. Nicht beim ersten Lesen. Beim zweiten Lesen dann schon: „Ach, die Handbremse! War wohl zu durchlässig. Na, gut, ist ja behoben.“

Dann fuhr ich vom Hof und zum Einkaufen. Mein Wagen war auf dem Werkstattgelände mit gelöster Handbremse geparkt gewesen, nur mit eingelegtem Rückwärtsgang. So merkte ich zunächst gar nicht, was sich nun geändert habe. Erst als ich auf dem riesigen Parkplatz des Einkaufsmarktes meiner Wahl parkte und die Hand-, Verzeihung: Feststellbremse, betätigte, merkte ich den Unterschied deutlich. Sehr, sehr deutlich, und mein rechter Arm nebst Schulter und Impingement-Syndrom bedanken sich sehr herzlich: Die Feststellbremse reagierte, als wäre sie einbetoniert und war extrem schwer zu betätigen. So schwer, dass ich am liebsten zur Werkstatt zurückgefahren wäre, um anzufragen, was der Unsinn solle! 😉

So schwergängig und „straff“ war diese Bremse selbst kurz nach dem Kauf des damaligen Neuwagens nicht! So straff, dass ich wünschte, mein Hintern würde es ihr gleichtun! 😉

Aber bald. Denn ich faste in Intervallen und betätige mich sportlicher als sonst. Mein neuestes Motto: „Sei wie deine Feststellbremse! Es muss im Grunde nur der Hebelweg verringert werden!“ 😉

Euch schon einmal frohe Ostern und schöne Feiertage von einer Bedenkenträgerin, die sich wider besseres Wissen Gedanken macht.  😊

Was habe ich mir denn da wieder ins Haus geholt …

Erstmalig in meinem Leben hier in meiner in der Tat eigenen Wohnung, die über einen Balkon verfügt, habe ich mir Balkonpflanzen bzw. -blumen gekauft. Irgendwie war mir danach, obwohl ich beileibe keinen grünen, sondern eher einen schwarzen Daumen habe. Und obwohl ich gern unabhängig bin. Aber so ein paar schöne Geranien und Fuchsien … Die könnten doch nicht schaden – im Gegenteil! Zumal ich bereits im letzten Jahr drei Blumenkästen aus dem Angebot eines Discounters mitgebracht habe – bis dato ungenutzt …

Dazu noch ein reizendes Margeritenstämmchen, das bereits in seinen ersten Tagen auf meinem Südwest-Balkon dadurch auffiel, dass es recht anspruchsvoll ist. Dabei hatte es doch beim Ankauf geheißen, es handle sich um ein pflegeleicht-bequemes Gewächs. Sonst hätte ich es doch nie gekauft! 😉

Doch nein! Kaum wandte ich dem bis dato kraftstrotzenden Wesen, das all seine kleinen Zweige leuchtend grün und energisch in alle Richtungen reckte, einige gutgelaunt wirkende Blüten dazwischen, den Rücken, schien es sich einsam zu fühlen. Denn wenn ich kurz darauf stolzgeschwellter Brust meinen Blick auf das fröhlich wirkende Gewächs richtete, kam es mir vor, als hingen die bis zum Endpunkt meiner ungeteilten Aufmerksamkeit kräftigen Zweiglein leicht depressiv in der Gegend herum. Auch die Blüten wirkten ein wenig niedergedrückt. Und schon fing ich an, mir Sorgen um das offenkundig sensible Lebewesen zu machen … Wahrscheinlich hatte ich mit sicherer Hand das einzig neurotische Margeritenstämmchen aus der großen Zahl seiner Geschwister ausgewählt! 😉

Ich habe ein Händchen für so etwas. Ich habe in meinem bisherigen Leben vier Wellensittiche besessen. Ein rein männliches und ein gemischtes Pärchen. Das eingeschlechtliche Pärchen bestand zunächst aus einem Einzelvogel, der während des ersten Tages in meiner Obhut zunächst kummervoll in seinem Käfig saß und ab und an ebenso kummervoll tschilpte.

Ich nahm mir viel Zeit für den neuen Mitbewohner, sprach Worte voller Liebe und Zuneigung zu ihm, und dies in einer Stimmlage, die für mich im Grunde völlig untypisch ist – viel zu hoch. Aber ich passte sie wohl intuitiv der Stimmqualität des kleinen, blauweißen Vogels an, den ich aus einer großen Zahl männlicher Sittiche ausgewählt hatte, weil er der einzige war, der sich in dieser großen Gruppe nicht recht behaupten konnte, keinen Sitzplatz fand und dauernd hektisch durch die Volière flatterte. Was blieb ihm auch übrig, wenn die anderen ihn immer verscheuchten und sich besonders breit machten, damit er keinen Platz fände!

Vormittags war er eingezogen, und am späteren Abend tschilpte er schon viel fröhlicher! Dennoch kam mir der Gedanke, dass der kleine Wendelin, wie ich ihn getauft hatte, als Einzelvogel sicherlich unglücklich sein würde. Mit diesem Gedanken begab ich mich, nachdem ich ein Tuch über des fröhlich zwitschernden Wendelins Gehäuse gelegt hatte, zu Bett.

Am nächsten Tag war ich wildentschlossen, einen Kumpel für den kleinen Wicht zu kaufen. Da Weihnachten nahte, meinte eine Freundin zu mir, sie wolle mir diesen schenken. Und zu zweit zogen wir los, nachdem der kleine Wendelin mich morgens schon ganz heiter begrüßt hatte und gar nicht mehr fremdelte. Offenbar hatte er sich nicht nur mit mir abgefunden, sondern mochte mich sogar! 😉

Sonja und ich standen erneut vor der Volière, und die Qual der Wahl stand mir erneut bevor. Und ich kann leider nicht aus meiner Haut heraus, und so wählte ich einen grasgrünen Sittich, der aus der Masse hervorstach, weil er wie angestochen und nervös auf seiner Sitzstange von links nach rechts und retour seittrabte …  Ein offenbar nervöser Geselle, der mich an meinen damaligen Ex-Freund Richie erinnerte. Der war auch immer etwas nervös gewesen – und die Trennung lag noch nicht lange zurück. Ganz im Gegenteil. 😉

So kam Konrad ins Haus und zu Wendelin in den Käfig. Der freute sich zunächst. Aber die Freude war nur von kurzer Dauer … Denn Konrad entpuppte sich als autoritäres und dominantes Arschloch. Sorry, anders kann man das kaum sagen. 😉 Wendelin hatte nicht mehr viel zu melden, aber er war in jeder Hinsicht ein liebenswerter kleiner Geselle und passte sich an. So kamen die beiden auch miteinander klar, auch wenn mir das dominante Gebaren Konrads nicht gefiel. Wahrscheinlich habe ich mich mit dem kleinen Wendelin identifiziert, und so betrachtete ich Konrad bisweilen mit einem gewissen Zorn, auch wenn ich niemals zugelassen hätte, dass jemand ihm etwas zuleide fügte. 😉

Beim zweiten Pärchen Jahre später wollte ich weit umsichtiger vorgehen. Außerdem dachte ich, die Gefahr einer derartigen Dominanz wäre geringer, würde ich ein gemischtes Pärchen nehmen.  Wie falsch man doch bisweilen liegen kann! 😉

Ich stand beim Händler und starrte in die Volière. Es saßen nur sieben Sittiche darin: fünf Hähne, zwei Hennen. Sechs Sittiche saßen auf einer Stange nebeneinander, niedlich aneinandergeschmiegt. Nur einer der Hähne saß entfernt auf einer anderen Stange. Jeder rational agierende Mensch hätte gedacht: „Irgendetwas stimmt hier nicht – nimm nicht den türkisgelben Einzelsittich!“ Auch mir schoss dieser Gedanke durch den Kopf, doch schon hörte ich mich sagen: „Ich nehme zum einen den türkisgelben Sittich da rechts!“ Und schon griff der Händler in die Volière, und der Sittich, der noch am selben Abend auf den Namen Julius getauft wurde, ließ sich ohne Gegenwehr einfangen. (Auch das hätte mir zu denken geben sollen … 😉 )

Auf der anderen, weitaus mehr belebten, Stange war eine gewisse Unruhe entstanden, und die dort sitzenden Sittiche flatterten und tschilpten aufgeregt. Der Händler meinte: „Und welcher soll dazukommen?“ – „Nun, ein Weibchen, bitte schön.“ – „Da hätten wir das blassgelbe da und das blauweiße.“

Manchmal habe ich hinterher überlegt, ob das blassgelbe Weibchen vielleicht besser zu Julius  gepasst hätte, denn es blickte ein wenig blass-lethargisch in die Gegend, nachdem die erste Aufregung sich gelegt hatte … Ich wählte das blauweiße, das mich von seiner Optik ein wenig an den kleinen Wendelin erinnerte, obwohl der von hellerem Blau gewesen war …

Der Händler – ich bewundere ihn noch heute! – griff unerschrocken in die Volière und in Richtung des blauweißen Weibchens. Was für ein Aufruhr, und was für ein Geschrei! Es dauerte weit länger, bis er den kleinen Vogel, dessen Wellen bis zur Wachshaut oben am Schnabel reichten – ein noch sehr junger Vogel – in der Hand hielt. Der kleine Vogel wehrte sich mit Schnabel und Klauen, und nur mit Mühe unterdrückte der Händler offenbar wilde Flüche. 😉 Rasch steckte er das erbittert kämpfende Geflügel in eine Schachtel, die er – zusammen mit der anderen Schachtel, die da so still stand und den türkisgelben Sittich enthielt – rasch zur Kasse trug, wo die Händlersfrau dann einspringen musste, da der Händler selber seine Verletzungen, zwei blutige Scharten, verarzten musste, die das wehrhafte Weibchen flinken Schnabels in zwei seiner Finger geschreddert hatte …

Beide Schachteln befanden sich neben der Kasse, und während aus der einen kein Laut zu hören war, entwickelte die andere ein Eigenleben: Sie hüpfte zornentbrannt auf den Rand des Tresens zu, während wütendes – und sehr lautes – Gekreisch herausdrang.

„O Gott! Welcher der beiden ist das?“ fragte ich die Händlerfrau. Die blickte nicht einmal in die Schachtel, griff diese nur, bevor sie vom Tresen stürzen konnte, und meinte: „Das ist das Weibchen. Die sind im Allgemeinen viel energischer.“ – „Ach so,“, sagte ich arglos lachend.

Und so, wie ich sie kaufte, blieben sie auch: Julius immer ein wenig feige, Jakobine, wie ich die kleine Giftnudel nannte, immer eine kleine Xanthippe. Aber auch sehr beeindruckend, denn sie war absolut unerschrocken, zäh und hatte einen sehr starken Willen. Den zeigte sie auch, als sie, fast vierzehnjährig, physisch nicht mehr konnte und mehrfach von der Stange fiel. Geistig war sie aber total fit, und so brachte ich die Sitzstangen halt etwas niedriger an, damit sie es schaffte, wieder hochzuklettern. Als aber auch diese Maßnahmen eines Tages nicht mehr halfen, musste ich sie zum Tierarzt bringen, der meinte, sie sei in Ehren sehr alt geworden, aber sie würde sich künftig nur noch quälen. Ich musste sie einschläfern lassen – das einzige meiner Tiere, das mit mir in meine jetzige Wohnung umgezogen war und sich als Einzelvogel nach dem Ableben ihres ohnehin nicht sonderlich geliebten Partners offenbar durchaus nicht unwohl gefühlt hatte – sie lebte förmlich auf.

Ich habe offenbar wirklich ein Händchen dafür, immer irgendwelche Neurotiker ins Haus zu holen – zumindest bei Tieren. Anscheinend aber auch bei Pflanzen …

Denn als ich vorhin den Wetterbericht sah, nahm ich mit Schrecken wahr, dass es wieder richtig kalt werden solle! Und das Margeritenstämmchen, dem ich ohnehin schon täglich gut zurede, stand draußen auf dem Balkon! Und das nicht mehr allein, denn es hatten sich sieben weitere Pflanzen hinzugesellt: fünf Geranien und zwei Fuchsien! Rasch googelte ich, inwieweit diese Gesellen winterhart seien, fand jedoch recht widersprüchliche Aussagen. Man riet unter anderem, die empfindlichen Wesen mit Blisterfolie abzudecken. Klar – habe ich immer laufenden Meters im Hause …

Besorgt starrte ich die pflanzliche Gesellschaft an, und sofort ließ das Margeritenstämmchen, das zuvor noch so hemdsärmelig ausgesehen hatte, die Ohren hängen …

Nun stehen sie alle in der Wohnung. Sieben in der Küche, das Margeritenstämmchen im Wohnzimmer. Es reckt fröhlich sämtliche Zweige in alle Richtungen, und soeben sehe ich, dass eine Knospe erblüht ist, die vorhin auf dem Balkon noch geschlossen war! Ha! Gesiegt! Ich habe mich durchgesetzt! Ich bin in der Wohnung – sie hat mich hereingeholt! So zumindest sieht aus, was die Margerite derzeit darstellt – aufgeblüht.

Was habe ich mir da nur wieder ins Haus geholt! Und das derzeit im doppelten Sinne … Erpresser, wie es aussieht. Und Dominanz in Reinform … 😉

„Aber nicht von einem metallenen Löffel!“

Letzte Woche musste ich mal wieder zu meinem Orthopäden, bei dem ich seit Jahren Patientin bin. Eher unregelmäßig, aber zuverlässig.

Mein erster Besuch in dieser Praxis trug sich anno 2006 zu, und dies im Zuge des sogenannten Sommermärchens. Genauer: der Fußball-WM 2006, die bekanntermaßen hier in Deutschland stattfand. Umstritten, wie es dazu kam, aber darum geht es hier nicht. Und: Nein, ich hatte nicht mitgespielt. Ich war nur auf sandigem Untergrund massiv umgeknickt, als wir damals in Düsseldorf direkt am Rhein ein Spiel unter freiem Himmel ansahen, auch als „Public Viewing“ bezeichnet, wenngleich jeder, der die englische Sprache genauer kennt, ganz andere Assoziationen bei dieser Bezeichnung hat, was aber inzwischen hinlänglich bekannt ist.

Ich hatte nur zur Toilette gewollt, knickte aber – meine Fußknöchel sind keine meiner Stärken, waren das auch noch nie – im rechten Knöchel um, der durch einen vor vielen Jahren stattgehabten Unfall noch schwächer ist als sein schon per naturam nicht ganz so kräftiger linker Kollege. Ich knickte derart heftig um, dass ich mich nicht mehr abfangen konnte und auf beiden Knien landete. Das war aber nicht das Schlimmste, zumal die Verletzung nicht lebensbedrohlich war. Und ich bin ja auch nicht aus Porzellan. 😉

An jenem Abend bewegte ich mich nur noch humpelnd fort, verlor aber die gute Laune nicht, und als mein damaliger Freund und ich in seiner Wohnung ankamen, gab es gleich einen kalten Umschlag auf den geschwollenen Knöchel.

Als ich anderntags früh aufwachte – wir mussten ja zur Arbeit -, traf mich fast der Schlag, als ich meinen Knöchel erstmalig sah, und instinktiv schloss ich gleich meine Augen und ließ mich zurück in die Kissen sinken, denn mir war ganz flau geworden bei dem Anblick. Es brauchte etwa fünf Minuten, bis ich bereit war, dem Elend erneut ins Auge zu blicken: Mein Knöchel etwa zweieinhalbmal so dick wie normal – und rabenschwarz! Als wäre das Gewebe bereits abgestorben! Ich schluckte heftig, als ich das Grauen sah, zwang mich jedoch, weiter hinzusehen. Und ich stand sogar auf, wenn ich mich jedoch eher hüpfend fortbewegte, als ich mich Richtung Bad aufmachte, mich dann anzog und wir beide zur Arbeit fuhren, wo ich auch durch eine eher originelle Fortbewegungsart auffiel.

Mein damaliger Chef schimpfte mich aus, als er erfuhr, was Anlass dazu sei. Er verstand nicht, warum ich überhaupt zur Arbeit gekommen sei – das sei nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Und so machte ich einen Termin beim Orthopäden, zu dem eine Teilzeit-Kollegin mich dann fuhr, da die Praxis eh an ihrem Heimweg lag. Und danach hatte ich nicht nur die Auskunft, dass ich einen heftigen Bluterguss im Gelenk hätte – daher die ungesunde schwarze Verfärbung -, sondern erst einen Zinkleimverband, dann eine Aircast-Schiene und die Gewissheit, dass eine Bänderdehnung, wie ich sie erlitten hatte, weit unangenehmer sei als ein glatter Bänderriss. Und es stimmt: Jedes Mal, wenn sich das Wetter von sonnig zu regnerisch und feucht ändert, ziept es in meinem rechten Fußgelenk … 😉

Diesmal aber war ich wegen Schultern und Armen da. Wegen dieser Sache, die mir letztes Jahr Physiotherapie bescherte. Ich war eines Morgens aufgewacht, und es dauerte fünf Minuten, bis ich mich dem Bett enthoben hatte. Heben ist überhaupt ein tolles Stichwort! Denn ich konnte meine Arme nur bis maximal Schulterhöhe heben, und selbst das nur unter Schmerzen. Alles, was darüber hinausging, bereitete mir Sorge angesichts der Tatsache, dass ja manchmal Leute einen quer von der Seite anreden. Ich hatte Schmerzen, dass ich in solchem Falle sicherlich das Bedürfnis verspürt hätte, dem Verursacher eins auf die Zwölf zu geben …

Allerdings belief es sich nur auf das Bedürfnis. Zum einen weiß ich mich sehr wohl mit Worten zu wehren. Zum anderen hätte ich meine Arme gar nicht so bewegen und heben können, wie es für Schläge auf die Zwölf vonnöten wäre. 😉 Ja, ich hatte sogar Mühe, meine Jacke anzuziehen, denn ich stellte fest, dass nicht nur das Heben der Arme problematisch sei, sondern eigentlich die meisten Bewegungen, die mit Torsion und Rotation zu tun haben, auch die, die man machen muss, will man sich eine Jacke anziehen. Und auch das Autofahren machte richtig Spaß! 😉

Nachdem ich zwei Nächte so gut wie gar nicht geschlafen hatte, stürmte ich die Orthopädenpraxis.

Dort bekam ich zwei Spritzen mit einem Muskelrelaxans in den Nacken-Schulterbereich. Und man verschrieb mir ein Schmerzmittel, das laut Arzt etwas besser vertragen würde als die Genossen Ibuprofen, Diclofenac und Novalgin. Alles Gestalten, die ich aufgrund ihres Wirkstoffes nicht vertrage, und das in einem Maße, dass mir sogar die Schmerzen, die sie bekämpfen sollen, attraktiver erscheinen.

Kaum aus der Praxis heraus, googelte ich das etwas besser verträgliche Schmerzmittel. Surprise, surprise! Es enthält exakt den Wirkstoff, den ich auch bei seinen „Geschwistern“ nicht vertrage … Was dachte sich dieser Arzt? Niemand hat gern jemanden um sich, der in hohem Bogen speit, lieber Dr. H.! 😉

Aber irgendwie müssen ja diese Schmerzen beseitigt werden – dass ich wohl an dem leide, was sich Impingement-Syndrom nennt, hatte mir der Arzt einmal mehr gesagt. Und er drohte mit einer OP, wenn die Symptome nicht nachließen. Ich war eindeutig verzweifelt, zumindest in der Nähe dieses Zustandes. 😉

Ein guter Freund gab mir dann einen Tipp: „Probier es mit Luffa!“ – „Wie – Luffa? Meinst Du diesen komischen Kürbisschwamm, den manche unter der Dusche benutzen?“ – „Ja, das ist das mechanisch wirksame Produkt. Ich meinte aber die entsprechenden Tropfen.“ – „Wie – davon gibt es Tropfen? Das klingt irgendwie nach Hokuspokus. Und das soll helfen?“ – „Mir hat es geholfen. Ich habe auch nicht daran geglaubt, aber es hat geholfen. Und meinem Schwager auch. Der ist Chirurg und steht nicht so auf Homöopathie. Zumindest dann nicht, wenn das Ganze so sektiererisch gepriesen wird und die Fundamentalisten unter den Homöopathen glauben machen wollen, dass man damit – und damit allein – alles heilen könne.“

Mein guter Freund ist ein bodenständiger Ingenieur und steht im Grunde nur auf messbare Ergebnisse, räumt aber auch dem Placebo-Effekt Wirksamkeit ein. Wenn ihm das geholfen hatte und dem ebenfalls zweifelnden Chirurgen-Schwager auch, so überlegte ich, sollte ich dem Ganzen zumindest eine Chance geben.

Und im Zuge meines Einkaufs in einem großen Einkaufsmarkt am gestrigen Abend betrat ich die ebenfalls dort befindliche Apotheke und verlangte auf Anfrage dann: „Luffa – Synergon Nr. 70“.

Der junge Apotheker sah mich an, als wäre ich eine fundamentalistische Impfgegnerin. Dann checkte er, ob das Präparat vorrätig sei und beschied mir, das müsse er bestellen. „Ist das okay?“ – „Ja, klar – bestellen Sie, ich hole es ab, wenn es da ist,“, rief ich fröhlich, mir die linke Schulter massierend, die gerade besonders fies schmerzte.

„Ich muss Sie allerdings darauf aufmerksam machen, dass es sich um ein homöopathisches Präparat handelt.“ So der Apotheker. Ich gab fröhlich zurück: „Ja, das ist mir bekannt.“ – „Wenn Sie meinen – ich habe ja so meine Zweifel …“

Ich brach in lautes Gelächter aus und sagte: „Keine Sorge, das weiß ich. Und Sie haben hier beileibe auch keine fundamentalistische Homöopathieverfechterin vor sich, sondern einen Menschen mit Humor. Aber einen Versuch ist es doch wert. Oder nicht?“ Und ich berichtete von den beiden höchst weltlichen und naturwissenschaftlich tätigen Menschen, die mir den Tipp gegeben hätten. Beide weder Esoteriker, noch Anthroposophen, sondern total bodenständig. Ansonsten stünde ich doch gar nicht mit dem Bedürfnis in dieser Apotheke! 😉

Da lachte der Apotheker auch beruhigt auf und meinte: „Ich bestelle es sofort!“

Heute habe ich das Wundergebräu abgeholt. Die Dame, die mich heute bediente, war sehr aufgeschlossen, als ich bezahlte, und sie meinte: „Benutzen Sie zur Einnahme aber immer einen Löffel aus Horn!“ – „Wie bitte?“ – „Benutzen Sie keineswegs einen Löffel aus Metall! Es wirkt sonst nicht!“ – „Ich habe keine hörnernen Löffel. Und auch keine Kaviarlöffel aus Schildpatt. Liegt wohl daran, dass ich mir echten Kaviar nicht leisten kann. Und ich frage mich auch gerade, warum ein metallener Löffel die Wirkung des Mittels verhindern solle.“ – „Es ist so,“, bekam ich zur Antwort.

Und da konnte ich mir nicht verkneifen, zu fragen, ob ich denn vor Einnahme noch rasch frisch geraspelte Hufspäne jungfräulicher Ziegen bei Neumond an der Nordseite meines Hauses vergraben, wobei ich dreimal gegen den Uhrzeigersinn um die eigene Achse rotieren und dazu: „Alle guten Geister loben Gott!“ deklamieren müsse. Alles Dinge, die mir extrem fernliegen. 😉

Ich erschrak selbst über mich, aber es hatte mich mitsamt meiner losen Zunge einfach überkommen. Und ich befürchte, ich sollte mich in dieser Apotheke in der nächsten Zeit nicht blicken lassen, denn die Dame reagierte so wie das, was ich heute in der verzweifelten Hoffnung auf Schmerzabschaltung allen Ernstes kaufte, auf metallene Löffel reagieren würde: unverträglich. 😉

Morgen früh nehme ich fünf Tropfen. Von einem Eierlöffel aus Kunststoff. Und wenn es hilft: prima. Völlig wurscht, ob es sich dabei um den Placebo-Effekt handelt. 😉

Sollte ich mir dann doch wieder einmal …

… einen Hund zulegen, wird es sich um eine ganz bestimmte Rasse handeln.

Ja, ich bin ein Fan mancher großen Hunderasse. Aber auch ein Fan von Dackeln. Doch es ist weder ein Dackel, noch eine hochgewachsene Rasse, die auf meiner Wunschliste ganz oben steht …

Als ich heute am späten Nachmittag, kurz vor Feierabend, aus dem Bürofenster blickte, sah ich einmal mehr ein „Gespann“, bestehend aus einem Hund und seinem Halter bzw. seiner Halterin. Halter/Halterin ist ganz richtig, denn immerhin halten sie das obere Ende der Leine, an deren unterem der Hund befestigt ist. 😉 Und da jenseits des Bürofensters eine große Wiese mit einem Weg mitten hindurch gelegen ist, sieht man öfter – manchmal sogar mehrmals täglich dieselben – „Gespanne“ aus Hunden und Haltern.

Kurz vor Feierabend – ich telefonierte gerade – schweifte mein Blick erneut gen Westen aus dem Fenster. Und da sah ich diese Hundehalterin, die ich nicht ganz so oft sehe wie den Herrn mit den drei Windhunden, einem Greyhound, einem Whippet und einem Italienischen Windspiel, die bis vor einigen Tagen noch Hundemäntel umgeschnallt hatten, weil sie nicht nur höchstselbst dünn sind, sondern auch ihr Fell diese Charaktereigenschaft innehat – keine Unterwolle, denn damit rennt es sich nicht so schnell. 😉  Diese Hundehalterin geht wohl nicht immer diese Hunderunde, sondern bisweilen auch andere Wege mit ihrem Hund.

Ein kleinerer Hund ist es. Einer, der mir bis zur Mitte des Unterschenkels reicht. Ein Terrier. Genauer: ein Foxterrier. Aber kein Drahthaar-, sondern ein Glatthaar-Fox. Ich sah den aufmerksam, überaus eifrig dahintrippelnden kleinen Foxterrier, und mein Herz ging auf. 😊

Erinnerungen kamen zurück, denn ein solcher Glatthaar-Fox hat mich diverse Jahre meines Lebens begleitet. Nicht mein Hund, leider, aber der meiner langjährigen besten Schulfreundin Bea – was fast genauso gut war -, bei der ich längere Zeit ein- und ausging, als gehörte ich zur Familie. Ich war in der Tat so etwas wie ein Familienmitglied, nicht zuletzt anerkannt von Queenie, einem der (mir) liebsten Hunde, die ich je kennengelernt habe. 😊

Ich lernte die kleine Queenie kennen, als sie gerade 12 Wochen alt war. Ihr Name war irgendwie kitschig, aber sie entstammte einem Q-Wurf, einem Wurf von Welpen, deren Namen alle mit Q begannen, und so hießen ihre kleinen Geschwister Quarta, Quinta, Quintus und Quirin. So ein Q-Wurf ist namenstechnisch wirklich undankbar, und was sie, die Kleinste aus dem Wurf, anbelangte, fiel dem Züchter nur noch Queenie ein. Wie gut, dass es nur fünf Welpen waren – weiß der Henker, was sonst noch dabei herausgekommen wäre! 😉

Queenie war nicht nur die Kleinste des Wurfs, nein. Sie wurde auch noch erheblich günstiger verkauft als ihre makellosen Geschwisterchen, da sie – wie der Züchter wohl sagte – zur Zucht nicht tauge, denn sie hatte ein Merkmal, das bei Züchtern wohl ein Zeichen dafür ist, einen solchen Welpen als „Ausschuss“ zu verkaufen: Im Gegensatz zu den strengen Rassevorgaben war nur eines ihrer Öhrchen rassetypisch abgeknickt – man nennt das Knopfohr -, während das andere permanent in die Höhe stand. Ich fand das besonders reizend, weil – so fand ich und hatte auch noch recht – charaktervoll, aber ich mag ja auch Ecken und Kanten. 😉

Queenie sollte, so Beas Familie, ihren Züchternamen weiter tragen, und sie trug ihn auch zu Recht: eine kleine Königin war sie. Ein auffallend intelligentes Tier, charmant dazu und hilfsbereit. Als sie schon ausgewachsen war, kamen Bea und ich auf die Idee, sie mal zu testen. Ich sollte vermeintlich kollabieren und regungslos liegenbleiben. Wir wollten sehen, wie Queenie reagierte.

Sie reagierte unverzüglich! Sie kam sofort angerannt, stupste mich mit der Nase an, wieder und wieder, leckte mir, wohl in der Absicht, mich zu „reanimieren“, wiederholt über die Hände, zwickte mich gar in die Hand, als nichts half. Und als ich trotz aller Rettungsversuche nicht reagierte, fing sie sofort laut und alarmierend zu bellen an, rannte zu Bea, rannte zu Beas Mutter, rannte zu Beas Bruder, der im Garten saß: „Hilfe! Kann denn nicht jemand helfen? Schnell! Es ist etwas Furchtbares passiert!“

Bea und ich mussten ob ihres rührenden Eifers lachen. Doch Queenie, voller Sorge, war gerade zurückgekommen und bekam mit, dass ich keineswegs in Not war. Da baute sie sich vor mir auf und bellte mich empört und vorwurfsvoll an! Zu Recht. Es war gemein gewesen, dieses so freundliche und hilfsbereite Tier zu verarschen, und so meinte ich: „Ach, Queenie, komm mal her!“ Aber sie zog es vor, mich zunächst noch vorwurfsvoll anzukläffen, empört zu schnaufen, und dann ging sie erst einmal weg. Richtig so! Ich nahm es ihr keineswegs übel, sondern schämte mich ein wenig. Was war uns nur in den Sinn gekommen? Auch Bea meinte: „O je! Ich glaube, die ist sauer!“ – „Zu Recht! Das mache ich nie wieder! Ich hoffe, sie vergisst es wieder!“

Sie vergaß sicherlich nicht, war aber so großmütig, dass sie zu uns zurückkam. (Vielleicht war ihr klar, dass wir blöde, pubertierende Gören waren … 😉 ) Und da meinte ich: „Komm mal her, Süße! Es tut mir leid – das war gemein!“ Und da kam sie an, leckte mir über die Nase und ließ sich knuddeln. Alles war wieder gut, das aber nur dank Queenies großzügiger und nachsichtiger Art. 😊

Einmal waren Bea und ich mit ihr am Lippedamm spazieren. Sie trippelte zunächst wie ein aufgezogenes Spielzeug vor uns her, hatte rechts, links, vor und hinter uns alles im Blick, und jenseits der Straßen und schon auf dem Lippedamm ließen wir sie von der Leine. Gleich preschte sie los! Aber sie kam immer wieder zurück, um zu sehen, wo wir lahmen Trinen denn blieben. 😉 Die „lahmen Trinen“, mitten in der Pubertät, hatten einiges zu beratschen, zumal abends Beas Bruder eine Party veranstaltete, derentwegen ich auch bei Bea übernachten sollte … Wir waren komplett abgelenkt, und ein großer Teil unserer wichtigen Unterhaltung handelte von… Jungs! 😉

Da machte es plötzlich Platsch! Und wir blickten auf und sahen einen kleinen, braunweißen Hund vom Ufer der Lippe weggetrieben werden! Und laut schrien wir: „Queenie! QUEENIE!“

Das war kein Spaß, denn der Fluss verfügt just an dieser Stelle über eine starke Strömung. Und Queenie war klein!

Und schon rannten wir ohne Rücksicht auf Verluste zum Flussufer hinunter, laut „QUEENIIIIIEEEE!“ schreiend. Nicht auszudenken, würde sie verlorengehen! Und wer wusste, wo sie herauskommen würde … Bea und ich sprangen am Ufer auf und ab, zwei pubertierende Mädels, die mit schrillen, annähernd überschnappenden Stimmen des Hundes Namen schrien. Ich schrie: „QUEENIE! HIERHER! SCHWIMM! DU SCHAFFST DAS!“ Bea schrie: „QUEENIE! BEI FUSS!“

Die kleine Terrierhündin legte sich ins Zeug, paddelte, was das Zeug hielt, wurde zunächst weiter in die Mitte des Flusses gezogen. Ich schrie so laut, dass ich hinterher heiser war, während Bea in Tränen ausbrach. Ich schrie sie auch gleich an, denn ich war in Übung: „Nicht! Wir müssen sie anfeuern! Sonst schafft sie das nicht!“ Und wir schrien, als stünden wir in Flammen! 😉

Und in der Tat: Anfeuern hilft. Queenie paddelte gleich viel kräftiger, und sie schaffte es bis in die Nähe des Ufers. Bea schmiss sich auf den Bauch und robbte bis an den Uferrand vor. Da ihre Haltung wenig stabil war, schmiss ich mich als Gegengewicht auf sie, und gemeinsam schafften wir es, den kleinen „Seehund“ aus dem Wasser zu bergen, als er sich besonders ins Zeug legte und nahe genug ans Ufer paddelte. Bea packte die Kleine am Geschirr, und zunächst verharrten wir in der Stellung, bis alles stabilisiert war. Ich nahm Bea den Griff ins Geschirr ab und zerrte Queenie an Land. Dann half ich Bea auf, und wir fielen einander in die Arme, während die kleine Queenie zunächst hechelte, als würde sie dafür bezahlt, wobei ihre Zunge fast bis zum Boden reichte, uns, einigermaßen erholt, dann nassschüttelte und uns zum guten Schluss die Hände leckte. Die Kleine hatte genau verstanden, dass es hart auf hart gewesen war. Wir auch. Wir gingen kleinlaut nach Hause zurück, während der Hund schon wieder fröhlich war.

Danach war das kleine Tier auch mir gegenüber noch anhänglicher. Jedes Mal, wenn ich zu Besuch kam und an der Tür des Zweifamilienhauses klingelte, hörte ich aus dem Inneren schon das für jedwede Art von Terriern typische Gebell. Dann wurde die Außentür per Türöffner geöffnet, und ich trat ein, während die Tür zur Wohnung im Parterre aufging. Stets stürmte ein kleines, braunweißes Wesen freudig bellend hervor und sprang vor mir so hoch, dass wir auf Augenhöhe waren, ganz so, als hätte es Sprungfedern unter den Sohlen. 😊 Und die Begrüßungszeremonie verlangte, dass ich es dann in meinen Armen auffing und knuddelte, während es begeisterte Laute von sich gab und mir über die Nase leckte. Das normale Begrüßungsprozedere und einfach nur rührend. 😊

Dann ging Beas und meine Freundschaft zwar nicht auseinander, ruhte allerdings einige Zeit. Erst, als wir zusammen Abi machten, waren wir wieder im gewohnten Kontakt, wenn auch nur in der Schule. Und als ich schon zwei Monate lang in Aachen studierte, ein echtes Erstsemester, war ich nach einigen Jahren erstmalig wieder in ihrem Elternhaus. Bea hat Mitte Dezember Geburtstag, und sie hatte mich eingeladen, mit ihr und einer anderen Mitschülerin einen netten Nachmittag zum Teetrinken und Quatschen zu verbringen.

Ich klingelte an der Außentür. Von innen ertönte lautes und schrilles Terriergebell. Der Türöffner summte, und ich drückte die Tür auf, betrat den Hausflur. Die Innentür öffnete sich, und ein braunweißes Tier schoss auf mich zu, laut bellend und eindeutig fremdelnd. Ich durfte die Wohnung betreten, und ich sprach auf das Tier ein, das jedoch weiterhin laut bellte.

Beas Mutter war in der Küche, und ich wollte sie begrüßen, zumal wir einander lange nicht gesehen hatten. Sie freute sich, und wir unterhielten uns, während die kleine Queenie misstrauisch dabei saß und mich argwöhnisch betrachtete. Einmal fing sie erneut an, mich anzubellen, und da meinte Beas Mutter: „Aber Queenie! Das ist doch Ali! Die kennst du doch! Deine Ali! Die kannst du doch nicht so anbellen!“ Ich lachte und meinte: „Ich war so lange nicht hier – vollkommen richtig, dass ich ausgeschimpft werde!“ Beas Mutter lachte und meinte: „Aber kein Grund, das nicht zu ändern.“

Und dann saßen wir zu dritt in Beas Zimmer, tranken Tee und tratschten. Ich hatte Beas anderen Hund, die kleine Ira, auf dem Schoß, da das Tier mich offenbar mochte. Und wir lachten und tauschten Erinnerungen aus, als plötzlich die Tür hinter mir, nur angelehnt, vorsichtig aufgeschoben wurde und sich jemand kleinlaut an mich heranschlich, sich dann zwischen meinen Arm und meinen Oberkörper schob und mich schelmisch von der Seite von unten herauf anblickte: Queenie. Ich grinste und meinte: „Aha! Da erinnert sich offenbar jemand!“ Und schon wurde mir über die Nase geleckt! Und als Nächstes die kleine Ira von meinem Schoß verscheucht. Hier war jemand, der ältere Rechte hatte. 😉

Queenie habe ich nie vergessen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es, falls ich mir irgendwann wieder einen Hund zulege, ein Glatthaar-Fox werden wird. Zumindest hat mich der kleine Kerl heute beim Blick aus dem Bürofenster so angenehm erinnert, wie er da so eifrig an der Leine dahertrippelte, die Augen überall. Er erinnerte mich doch sehr an die kleine Queenie, und das ist eindeutig eine sehr schöne Erinnerung. 😊

Wider Erwarten blieb mir wohl manches erspart …

Ich habe mich immer ein bisschen benachteiligt gefühlt, weil ich keine Kinder habe. Gut, werdet ihr sagen, hätte die dumme Nuss ja ändern können. Aber nein – das konnte ich leider nicht. Eine OP im Alter von 23 Jahren, in deren Zuge mir der behandelnde Arzt nach dem Befund sagte: „Hattän wir grroße Glück – ist doch kein Krrääbs gewesen, wie ich befürrchtät hattä!“ stand dem entgegen.

Ich habe gelernt, damit umzugehen, aber es war ein ziemlich unschöner Prozess. Dabei hatte mir der Arzt damals gar nicht explizit sagen können, dass ich nach der OP an der Portio keine Kinder haben könnte. Es bestand die sehr hohe Wahrscheinlichkeit dazu, und er hatte sehr deutlich gesagt, dass er diese OP nur durchführen würde, wenn ich bereits die von mir gewünschte Anzahl an Kindern (mindestens zwei, höchstens drei) hätte, sofern es nicht zwingend notwendig sei. Er nannte die Bedingungen, unter denen es notwendig werden würde, und einige Jahre ging alles gut. Dann traten die Bedingungen für die OP ein. Da war ich 23.

Und danach – ich war inzwischen mehrfach umgezogen und hatte wechselnde Ärzte – erzählten mir weibliche Bekannte und Freundinnen oft, ihr Arzt habe sie gefragt, ob sie denn einen Kinderwunsch hätten. Keiner der Ärzte nach meiner OP hat mich in den Jahren danach gefragt, machte aber immer ein nachdenkliches Gesicht, nachdem er mich untersucht und ich erwähnt hatte, dass ich Kinder sehr möge. Ich machte mir so meine Gedanken.

Erst vor einem Jahr habe ich mich getraut, meinen Arzt, den ich nun seit Jahren hier habe, zu fragen, für wie wahrscheinlich er es einschätze, dass ich jemals Kinder hätte haben können. Ich wollte endlich Gewissheit und Ruhe für mich selber haben. Nicht selten, wenn eine Kollegin mit ihrem neugeborenen Baby ankam, um es vorzustellen, war mir das Weinen näher als das Lachen, obwohl ich immer lachte und mich freute. Neid verspürte ich nie. Mehr Kummer.

Mein Arzt holte tief Luft, und dann sprach er … Seither geht es mir prima. Es war wohl ziemlich aussichtslos, und ich hatte nun Gewissheit. Ich hatte nichts falsch gemacht, und ich kann in der Tat damit leben. Es ist zwar nicht schön, sich bewusst zu werden, dass man Jahre seines Lebens völlig umsonst gehofft und gebangt hat, da immer eine Art grundsätzlicher Sorge da war, weil ja niemand Aufschluss verlangte (ich, und das aus Angst vor dem unwiderruflichen Resultat, völlig irrational) oder geben wollte – aber ich fühle mich, seit ich im höchstwahrscheinlichen Bilde bin, wirklich gut. 😊

Und seit meiner letzten Fortbildung weiß ich auch, dass ich in mancher Hinsicht rein gar nichts verpasst habe. Zumindest gesellschaftlich gesehen, denn Kinder mag ich nach wie vor. Sogar sehr. Vor allem deswegen, weil sie so erfreulich unparteiisch sind, von Natur aus. 😉

Denn: Nicht nur, wenn man kinderlos ist, ist das Mist, egal, ob frei- oder unfreiwillig. Zumindest aus Sicht mancher Menschen und/oder Eltern. 😉 Ja, selbst in der privilegierten Elternschaft scheinen manche noch drastische Unterschiede zu machen, wie ich vorgestern hörte, das jedoch auch nicht zum ersten Mal.

Wie das kam? Nun ja, ich unterhielt mich mit einigen Kolleginnen. Bis auf zwei hatten alle Kinder, mindestens zwei, manche sogar drei. Alle gingen mit der Tatsache erfreulich natürlich um. Warum auch nicht, wird man sich da fragen, aber eine Kollegin, Mutter von drei Söhnen, blähte sich auf und erklärte allen, die es hören wollten – oder auch nicht -, dass sie mit ihren drei Jungs total glücklich sei. Und überhaupt sei ja allgemein be- und anerkannt, dass Jungsmütter ohnehin viel cooler seien als Mädelsmütter!

(Ich dachte an meine Mutter, eine reine Mädelsmutter, die sich zwei Söhne gewünscht hatte und eine der coolsten Mütter ist, die ich je kennengelernt habe … Und obwohl sie sich zwei Söhne gewünscht und zwei Töchter bekommen hat, fand sie das wohl okay und hat meine Schwester und mich wohl genauso cool und liebevoll aufgezogen, wie sie es mit Jungs sicher nicht anders gemacht hätte. Vielleicht etwas anders, aber gewiss nicht „cooler“. 😉)

Eine weitere Jungsmutter stimmte zu. Komischerweise hatte ich diese bis dato als recht hektisch und keineswegs cool empfunden, und auch die erstgenannte Jungsmutter, die das Coolsein quasi zum unwiderruflichen Erkennungsmerkmal unter Müttern erhoben hatte, wirkte eher nervös, fast schrill und stets bemüht, sich ins rechte Licht zu rücken.

Als beide dann aufstanden, um zu Hause anzurufen, da sie ja nun schon immerhin seit einigen Stunden nicht im Einflussbereich der cool erzogenen Söhne waren, meinte eine reine Mädelsmutter ironisch: „Das sind die echt coolen Mütter von Söhnen! Ich werde heute Abend mal zu Hause anrufen und nachhören, ob alles laufe. Ansonsten vertraue ich auf meinen Mann und WhatsApp. Wenn irgendetwas anliegt, bekomme ich sicherlich Nachricht. Da das noch nicht der Fall war, muss wohl alles laufen.“

Sowohl reine Mädels-, als auch Gemischtmütter, als auch die Kinderlosen lachten. Allerdings auch noch eine Jungsmutter. Sie meinte: „Meine Jungs sind pflegeleicht. Ich vertraue darauf, dass mein Mann das hinbekommt und finde diese Unterscheidungen zwischen Jungen und Mädchen bzw. entsprechenden Müttern einfach nur peinlich.“ Und während die coolen Jungsmütter hektisch und besorgt telefonierten, lachten wir alle zusammen.

Und spätestens seitdem weiß ich, dass ich nicht nur nicht benachteiligt bin, sondern mir sogar einiges erspart geblieben ist, denn: Man macht es immer falsch. Zumindest im Hinblick auf – manche – Mütter. Und Väter. Denn auch da gibt es in manchen Fällen derlei Unterscheidungen. 😉 Was wäre nur passiert, wie würde ich wohl eingeschätzt werden, wäre ich eine Mädelsmutter geworden, die den kleinen „Weibern“ vorgelebt hätte, dass Prinzessin beileibe kein erstrebenswerter Beruf sei! Ich hätte wahrscheinlich gar nicht ins Raster gepasst! 😉 Umgekehrt ebensowenig. Ich wäre ganz sicher eine ganz miserable Mutter gewesen, wenn man das Jungs- und Mädelsmütter-Raster zugrunde legt, da ich die geschlechtsunabhängige und ganz individuelle Persönlichkeit von Menschen respektabel finde … 😉

Ich fände es nach wie vor toll, wenn nicht ständig Hauen und Stechen bestünde: weder gegenüber Kinderlosen, noch gegenüber Eltern. Aber bei Letzteren dann bitte auch nicht „intern“ zwischen Jungs- bzw. Mädelsmüttern. 😉

Das menschliche Miteinander scheint stets eine Herausforderung zu sein, und Leben und leben lassen für manch einen schier unmöglich. Aber zum Glück sind auch hier nicht alle gleich. 😉

Ein schönes Wochenende! 😊

Von Puppenstuben, Tapas und panischen Kolleginnen

Was ist Fortbildung? Meine Definition lautet: „Man fährt fort, um anderenorts gebildet zu werden.“

Und so bin ich heute aus Bonn zurückgekehrt, wohin ich gestern frühmorgens mit der Deutschen Bahn AG gefahren war. Die Hinfahrt begann stressig, aber dafür konnte die DB AG nichts – es gab bereits zuvor Chaos mit der hiesigen Straßenbahn, die – zumindest erweckte es den Eindruck – gestern mehr nach eigenem Gusto und nicht nach Fahrplan fuhr, und ich erwischte den Zug, den ich erwischen musste, zwar sehr knapp, aber zum Glück doch noch, da ich ansonsten ein neues Ticket hätte lösen und dieses auch noch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit aus der eigenen Tasche hätte zahlen müssen (das Zauberwort heißt Super-Sparticket bzw. – damit einhergehend und daraus resultierend – Zugbindung, was soviel heißt, dass man höchst unflexibel ist und wirklich nur diesen einen Zug nutzen kann – den ich fast versäumt hätte, wenn auch nicht aus eigener Schuld). Ich gestehe, ich fiel in der Straßenbahn, die schließlich und letzten Endes doch noch kam, nachdem ich bereits eine halbe Stunde an der Haltestelle gewartet hatte – ohne dass sich etwas Straßenbahnähnliches am Horizont zeigte (zumindest, was meine Fahrtrichtung betraf, denn in Gegenrichtung sah ich, meiner Not zum Hohn, drei Bahnen höchst pünktlich ihres per Schienen vorgegebenen Weges fahren) -, nicht gerade durch übergroße Gelassenheit auf, und als an einer Haltestelle ein kleiner Junge bereits ausgestiegen war, dann jedoch noch zurückkam und sich in die offene Tür stellte, um einer alten Dame die Mitfahrt mit exakt dieser Bahn noch zu gewährleisten, litt ich unter einer von mir deutlich verspürten Adrenalinausschüttung; einer Dame, die in quasi noch gedrosselter Zeitlupe, einem annähernd stehenden Bild nicht unähnlich, am Horizont sichtbar wurde …

Normalerweise finde ich es wunderbar, wenn Rücksicht genommen wird, was auch mich als aktiv Rücksichtnehmende einschließt; vor allem aber finde ich es toll, wenn noch relativ kleine Kinder das tun, weil das beileibe nicht mehr an der Tagesordnung ist. Gestern – ich muss es leider gestehen – zuckten meine Finger, ja, mein gesamter Körper bereits, aufzuspringen, um den kleinen Jungen energisch, aber liebevoll aus der offenen Tür zu entfernen, sei es durch einen vorsichtigen (!) Schubser hinaus oder durch Hineinziehen des etwa Zehnjährigen, auf dass die blöde Tür sich endlich schließe! 😉 (Nein, das hätte ich nie getan, aber ich bin ehrlich genug, zuzugeben, dass ich dieses Bedürfnis verspürte – es war zwischen 5 und 10 nach 9. Und mein Zug sollte die heiligen Hallen von GE Hbf um exakt 09:15 h verlassen … Und das, wie es aussah, ohne mich mitsamt meinem zuggebundenen Ticket!)

Ich bin dann die laufende Rolltreppe aus dem Souterrain, wo die Straßenbahn im Hauptbahnhof hält, hinaufgehechtet, ebenso die Rolltreppe ins Zwischengeschoss und auch die Rolltreppe, die zu den Gleisen 4 und 5 führt. An Gleis 5 stand der IC nach Koblenz Hbf über Bonn Hbf schon, und ich schaffte es haarscharf noch, einzusteigen.

Annähernd atemlos ließ ich mich auf den von mir reservierten Platz sinken, und als wir in Bonn Hbf, dem schlimmsten Hauptbahnhof, den ich derzeit kenne, einliefen, war ich wieder die Alte.

Schnell die kombinierte Stadt-/U-Bahn geentert, und ab ging es nach Bad Godesberg. Im Villenviertel lag mein Hotel, das ich auch relativ schnell fand. Geschäftemäßig sah es dort mau aus: Bis auf ein Delikatessengeschäft und eine Apotheke war dort außer Villen und diversen Magnolienbäumen: nichts.

Ich checkte ein, und man gab mir netterweise den Schlüssel bereits, obwohl ich die normale Check-in-Zeit bei weitem unterschritt. Man meinte jedoch, da von oben nach unten geputzt werde, sei mein Zimmer ohnehin garantiert schon fertig. Ich hatte nicht nur beim Zugticket, sondern auch beim Hotelzimmer ein Schnäppchen gemacht. Nicht, dass ich selber derart sparsam wäre, aber es gibt bei Dienstreisen eben ein bestimmtes Budget. 😉 Und ich hatte auf der Buchungsbestätigung bereits gelesen, dass das Zimmer als Puppenstube bezeichnet wurde, zumal auch alle anderen Zimmer dort klingende Namen tragen, was ich auch schön finde. Und meines trug seinen Namen in jedem Falle zu Recht, denn als ich seine Tür aufschloss und schwungvoll hineintrat, prallte ich auch schon gegen den Schreibtisch, der direkt vor dem Fenster am anderen Ende des Zimmers stand. 😉

Ein Zimmermädchen folgte meinen Spuren, das mir erklärte, das Bad sei noch nicht geputzt – ob ich denn den ganzen Tag nun im Zimmer sein würde? Nein, versicherte ich, ich wolle nur meine Reisetasche abstellen und mich etwas restaurieren, aber gewiss nicht duschen. Ansonsten sei ich den ganzen Tag bis zum Abend nicht da – nur die Ruhe! 😉 Sie atmete auf, und zum Dank fand ich später gleich ein ganzes Bündel an Mini-Gummibärentütchen auf meinem Kopfkissen, wo bei meinem Ersteintritt nur eines gelegen hatte. 😊

Und schon machte ich mich auf zum Wissenschaftszentrum. Die Empfangsdame, von mir nach dem Weg zum Workshop gefragt, offenbarte Heimatklänge. Ich hatte mich schon weggedreht, wollte dann aber doch noch nachfragen: „Darf ich Sie etwas fragen?“ – „Ja. O je, was kommt jetzt?“ – „Nix Schlimmes! Sind Sie von hier?“ – „Nein.“ – „Kann es sein, dass Sie aus Franken stammen?“ Die Empfangsdame, die zuvor professionell-freundlich gewesen war, starrte mich an und rief dann begeistert: „Jo! Frrreilich! Woher wissen Ssie des? 17 Jahrrre hier, und ma hört’s fei immer nuch! Ned allä, obba Ssie offenbaarr! Woher wissen Ssie des?“ – „Mei Muddä kummt aus Frrangn.“ – „O! Des is ja nett! Woher kummt Ihr Muddä?“ – „Aus Bamberch!“ – „A Nachbarrrin! I bin aus Wäatzberch!“ – „Aus Würzburg – wie schön!“ Und schon fand ich die Fortbildung viel netter. 😉

In derselben mit etwa 50 Teilnehmern fanden sich noch zwei weitere Fränkinnen, und das machte mir die Fortbildung, deren Anfang so hektisch gewesen war, gleich besonders sympathisch. 😉

Anstrengend war sie, aber abends waren wir vom Veranstalter in eine Tapas-Bar eingeladen, und ich hatte das Glück, am nettesten Tisch zu sitzen zu kommen. Es war nicht nur der netteste, sondern auch der gemütlichste Tisch, denn wir saßen in einer muckeligen Nische. Und es wurde sehr viel gelacht an unserem Tisch in der Tapas-Bar, die vom Veranstalter zur Gänze und nur für uns als geschlossene Gesellschaft reserviert worden war. 😊

Als es ans Zahlen ging, meinte die Kellnerin zu uns: „Eine Frage: Ihr hier an dem Tisch kennt einander schon länger, nicht wahr?“ – „Nein. Erst seit heute um etwa 13 Uhr. Warum?“ – „Weil ihr so fröhlich seid und hier soviel gelacht wird. Die an den anderen Tischen sprechen offenbar nicht einmal miteinander. Und gelacht wird schon gar nicht. Bei euch haben wir besonders gern serviert, weil ihr einfach so fröhlich seid. Ihr könnt auch gern meine Kollegin fragen. Seid ihr wirklich alle vom selben Verein?“ Wir bedankten uns fröhlich für das Kompliment und lachten erneut los. 😉

Und dann ging es an den Heimweg. Ich ging zusammen mit zwei Kolleginnen. Eine der beiden, Johanna, hatte im selben Hotel wie ich ein Zimmer gebucht, aber noch nicht eingecheckt. Und wir brachen um 21:30 h auf – um 22:00 h schloss die Rezeption. Und keine von uns kannte sich wirklich aus … Noch dazu war der Akku von Johannas Handy leer, mein Handy hatte unerfindliche Ausfallerscheinungen, zumindest war die „Navi“-App wie abgestürzt, und die andere Kollegin sorgte sich in der Hauptsache um sich. Kurz: Wir irrten umeinander, dass es schlimmer kaum ging. Ich bin mir sicher, dass wir den Weg schneller gefunden hätten, wären zwei von uns nicht völlig unter Druck gewesen, die sich gegenseitig noch hochpushten, während ich mehrere Passanten fragte, ob sie uns gegebenenfalls den Weg bis zur gewünschten Straße erklären könnten, da wir fremd und navigationstechnisch derzeit ein wenig limitiert seien. Keiner konnte uns helfen, lediglich eine Frau mit einem sympathischen und freundlichen Hund versuchte, uns auf den richtigen Weg zu bringen. Sie hatte zunächst bedauert, auch nicht zu wissen, wo unser Ziel läge, kam aber extra noch einmal zurück, weil ihr eingefallen war, dass der Weg gar nicht so kompliziert sein könne. Der Hund, ein Englischer Setter, freute sich auch, uns wiederzusehen. An mir sprang er sogar hoch und wurde von mir geknuddelt. Er leckte mir über die Hand, vermochte jedoch nicht, uns den Weg wirklich hundertprozentig zu weisen … Aber sein Frauchen war in der Lage, uns die ungefähre Richtung zu zeigen. 😉

Nun hatte ich das Glück, bereits eingecheckt zu sein und einen Schlüssel zum Hotel zu haben. Daraus ergab sich eine gewisse Gelassenheit, wenn ich auch darauf bedacht war, zügig weiterzukommen. Immerhin schloss die Rezeption von Johannas und meinem Hotel um 22 Uhr, und wenn ich auch einen Schlüssel zum Haus und meinem Zimmer hatte, hatte Johanna davon wenig. Und Jadwiga, die andere Kollegin, war beileibe keine Hilfe, weil sie nur jammerte, dass sie endlich in ihr Zimmer – in einem anderen Hotel – wolle. Als wir zufällig an ihrem Hotel vorbeikamen, rief sie auch fröhlich: „Gott sei Dank – da ist mein Hotel! Gute Nacht!“ Und schon war sie im Hauseingang verschwunden.

Ich wählte kurzentschlossen die Nummer unseres Hotels und reichte mein Handy an Johanna weiter. Offenbar erklärte am anderen Ende jemand ihr, was zu tun sei, aber Johanna war sehr, sehr hektisch, und als wir am Hotel ankamen, war die Rezeption definitiv zu, keiner ging mehr ans Telefon, und so kam es, wie es kommen musste …

Wir schleppten uns ins zweite Stockwerk in mein „Wohnklo“, denn ich hatte Johanna Asyl angeboten. Und – ich muss es gestehen – wir haben die gesamte Minibar leergemacht, denn eine solche gab es trotz der klaustrophobiebefähigenden Enge in meinem Miniaturzimmer doch! 😉 Drei Schoppen Wein, zwei Flaschen Bier, Wasser, Erdnüsse und eine Tafel Schokolade …

Was hätte ich tun sollen? Ich konnte sie ja nicht im Hausflur übernachten lassen! 😉 Aber es war eine gruselige Nacht – auch das Bett war eher so geartet, als wäre es einer echten Puppenstube entnommen worden! 😉

Wir waren jedenfalls heute nicht ganz so taufrisch und motiviert, als wir zum Frühstück gingen. Johannas Arbeitgeber muss ihr Zimmer voll bezahlen. Klar. Immerhin hat sie alles bezahlt, was wir meiner Minibar entnommen haben. 😉 Lustig war alles – im Nachhinein – aber schon.

Allerdings war der Tag dann doch etwas anstrengend, und nachdem mein Zug dann auch noch eine Stunde Verspätung hatte, kam ich nicht sonderlich gutgelaunt hier wieder an. Wenigstens kam gleich eine Straßenbahn, aber die war rappelvoll. Wenigstens hatte ich noch einen Sitzplatz ergattert, aber es war sehr eng, zumal direkt vor mir eine Mutter mit Kopftuch und vier Kindern stand: drei Mädchen und einem kleinen Jungen. Ich gestehe, ich war erst etwas genervt, zumal die beiden kleinsten Kinder total nörgelig waren, und wenn ich selber nörgelig bin, nerven mich andere nörgelnde Menschen noch mehr. 😉 Aber irgendwie fand ich die Kinder doch nett, und ihre Mama schien auch sehr liebevoll zu sein. Die Mädels hatten wild gefärbte, künstliche Haarsträhnen bekommen, die man mit Clips in die echten Haare stecken kann. Im Vertrauen: Es sah gruselig aus, aber die kleinen Mädchen waren ganz stolz, und nachdem mich das jüngste, etwa drei Jahre alt, dauernd anstrahlte, lächelte ich auch.

Und ich sah die Mädels, so stolz auf ihre künstlichen Haarsträhnen, mit denen sie dauernd zugange waren, und mir fiel ein, dass man als Kind manchmal ganz geschmacklose Dinge schön findet. Und mir fiel auch wieder ein, dass man sich als Kind dann freut, wenn man Zuspruch bekommt und trotz aller Geschmacklosigkeit doch respektiert wird, dass man das schön findet. Und so sagte ich, als mich eines der Mädchen ansah: „Ihr seht sehr hübsch aus!“ Und die Kleine strahlte und rief voller Inbrunst: „Danke!“ Und sie fügte hinzu: „Sie sehen auch sehr hübsch aus!“ Das fand ich sehr süß. Denn ich sah überhaupt nicht hübsch aus – ich war genervt, ich war müde, ich war übernächtigt. 😉 Aber so nett von dem Kind gesagt. 😊

Und die Mutter meinte zu mir: „Das ist sehr nett von Ihnen – sie freuen sich! Ich wollte ihnen das ja gar nicht kaufen, weil ich es hässlich finde. Aber es sind Kinder, und sie haben sich so gefreut. Und ich finde es so nett, dass Sie gesagt haben, dass sie hübsch aussehen. Ich finde es ja nicht schön, aber sie finden es schön. Und Sie haben das verstanden. Sie haben sicher auch Kinder.“ – „Nein, leider nicht. Aber ich war selber mal ein Kind.“ – „Ach … Aber das ist eine schöne Erklärung, wenn sich Erwachsene noch daran erinnern.“ – „Mir bleibt ja gar nichts anderes übrig, weil ich leider keine Kinder habe.“ – „Ja, das ist schade, gerade in diesem Fall. Aber nicht alle Erwachsenen erinnern sich.“ – „Danke.“

Das war völlig unerwartet – ein nettes Highlight an einem stressigen Tag, an dem man sich wünscht, es möge einen Knall tun und man in seiner Wohnung sitzen, während man noch immer beschwerlich mit Bussen und Bahnen unterwegs ist. 😉

Und so endete der Tag doch noch schön. 😊

Aber den Bonner Hauptbahnhof mag ich nach wie vor nicht. Und bei der nächsten Fortbildung werde ich gewiss keine Super-Sparangebote mehr wahrnehmen, sondern einfach ganz normal buchen und dann hoffentlich ein hinreichend großes Zimmer mit einem größeren Bett bekommen. Denn es könnte ja immer sein, dass man einer versprengten Kollegin Asyl gewähren muss … 😉

„Für die Tage dazwischen …“ Oder: Was tun, wenn der eine Sprachkurs pausiert und der andere dringenden Ansporns bedarf? ;-)

Ich liebe Sprache(n), und ich liebe den Spracherwerb. Nicht ohne Grund lerne ich Niederländisch und Polnisch, wobei Niederländisch eine echte Erholung gegenüber dem Erwerb der polnischen Sprache ist.

Leider pausiert der Niederländischkurs derzeit, was immerhin den Vorteil hat, dass ich Sprit spare und nicht jeden Mittwoch nach M. fahren muss. Und peu à peu wiederhole ich nun alle Lektionen, bis – hoffentlich! – im VHS-Wintersemester der Kurs fortgesetzt werden kann.

Mit Polnisch, das ich mit einem kostenlosen Online-Dienst lerne – ein Tipp meiner ehemaligen „Elevin“ Marta, die aus Polen stammt -, ist es so eine Sache. Ich verfolge das Ziel beharrlich, aber Polnisch ist eine slawische Sprache mit ganz eigenen und eigentümlichen sprachlichen Konstrukten – zumindest für Menschen, denen slawische Sprachen völlig fremd sind -, und ich habe jedes Mal nach einer Lerneinheit das Gefühl, meine Zunge führe ein Eigenleben bzw. es sei ein Knoten darin. Es ist nicht leicht, und ich musste zu meiner Überraschung feststellen, dass der Niederländischkurs offenbar nicht nur erholsam sei, sondern auch dazu ansporne, auch hinsichtlich der polnischen Sprache, ganz privat und ohne Kurs zu lernen begonnen, stets weiterzumachen.

Nun stand ich vor einem Problem, als der NL-Kurs zum Pausieren verdonnert war, so komisch das klingen mag. Doch die Lösung des Problems lag so nahe! 😉

Vor einigen Tagen hörte ich durch Zufall ein uraltes Lied – ein spanisches. Irgendwann in den 80ern hatte ich es erstmalig gehört und sofort geliebt. Zumindest die Melodie – den Text verstand ich ja nicht. Und so googelte ich den Text, fand, dass das im Grunde gar nicht so schwer sein könne, wenn man nicht nur Latein – wenn auch ungern – und Französisch in der Schule hatte. Und überdies noch Kenntnisse in Italienisch.

Und ich beschloss – mich zu verzetteln, gehört zu meinen Schwächen -, bei dem Online-Dienst auch noch einen Kurs in Spanisch zu belegen.

Gedacht – getan! Und ich bin begeistert! Ich bin seit einigen Tagen schon relativ weit gediehen.

Und konnte sogar zwei Lektionen überspringen, obwohl ich Spanisch weder in der Schule, noch sonstwo gelernt habe.

Dabei hatte ich vor -zig Jahren beim Urlaub in der DomRep schon einige Erfolgserlebnisse bei Einheimischen gehabt, denen ich die wenigen spanischen Brocken, die ich mir angeeignet hatte, um die Ohren haute. Mehrfach wurde ich, die zuvor mehr oder minder flüssig artikulierte Sätze auf Spanisch (alle auswendiggelernt oder durch die anderen romanischen Sprachen, mit denen ich bis dato zu tun gehabt hatte, hergeleitet) geäußert hatte, auf Spanisch gefragt, ob ich Spanisch spräche, was ich auch verstand. Meine Antwort darauf stets ein entschlossenes: „No!“ Und dabei hob ich lächelnd meine Schultern, woraufhin mich das jeweilige hispanophone Gegenüber sicherlich stets für geisteskrank erklärte, denn zuvor war ich ja in der Lage gewesen, mich auf Spanisch zu artikulieren, da das Gegenüber kein Englisch sprach, was mir lieber gewesen wäre. Und sogar die Frage, ob ich Spanisch spräche, verstand ich und konnte sogar energisch in der Amts- und Landessprache antworten! 😉

Blöd ist, wenn man zuvor schon in Ansätzen Italienisch gelernt hat. Zwar gibt es Überschneidungen in beiden Sprachen, und Ja bzw. Nein sind quasi identisch. 😉 Auch sind diverse Begriffe ähnlich. Leider nicht alle, und so fragte ich beim Frühstück die ausschließlich hispanophone Bedienung mittels eines auswendiggelernten Satzes, ob sie mir noch „burro“ bringen könne. Sie starrte mich an, als hätte ich von ihr verlangt, sich sofort bis auf die Socken auszuziehen, und sie vermittelte sowohl mit Sprache, als auch Mimik und Gestik, dass mein Begehr sie vor Probleme stelle. Genauer: Sie sah mich an, als wäre ich wahnsinnig.

Zum Glück fiel der Groschen bei mir: Burro gibt es in beiden Sprachen. Im Italienischen bedeutet es Butter, und das war das, worum ich die Bedienung gebeten hatte. Im Spanischen bedeutet „burro“ etwas anderes, und mir schwante, warum die Bedienung so entgeistert dreinblickte: Was will man beim Frühstück auch mit einem Esel? 😉 Und so stammelte ich, dass ich noch ein wenig mantequilla brauchte, nachdem mir das Wort wieder eingefallen war. Nix burro! Und dazu lachte ich verlegen. Ich bekam die Butter dann auch und erklärte mit Händen, Füßen und Verzweiflung, dass ich mit der italienischen Sprache ins Gehege gekommen sei. Die Bedienung lachte und gestikulierte, sie habe verstanden. Und fortan, wenn sie Dienst hatte und wir beim Frühstück saßen, kam sie manchmal, wenn sie mitbekam, uns war die Butter ausgegangen, mit einer Extraportion Butter, lachte und rief: „Burro!“ Dabei strich sie mir über die Schulter. Ich lachte dann auch immer, bedankte mich und kniff ihr ein Auge zu, kann jedoch nur den Tipp geben: Italienisch und Spanisch besser nicht parallel erlernen. Manches kann verwirren. 😉

Wie auch immer: Seit einigen Tagen lerne ich Spanisch und kann nur sagen, dass ich seither auch mit dem Polnischen wieder weiterkomme. 😉 Nur geht es mit dem Spanischen irgendwie schneller, und mir kommt es auch etwas einfacher vor als Italienisch. Ich kann mich natürlich irren. Einfacher als Polnisch ist es allemal – zumindest für mich. 😉

Und morgen kommt les drie dran, die ich wiederhole, und das in der Hoffnung, dass der NL-Kurs im kommenden VHS-Semester wieder stattfinde.

Wenn es so weitergeht, bin ich bald das, was man polyglott nennt, zumindest in Ansätzen. Aber polyglott ist ein aus dem Griechischen stammendes Wort … Griechisch will ich aber nicht lernen. Dazu fehlt mir irgendwie der Draht, was aber nicht wertend gemeint ist. 😊

Immerhin habe ich eine neue Lernmethode entdeckt: Wenn der NL-Kurs nicht stattfindet und man parallel Polnisch lernt, was aber irgendwie stagniert, wenn keine weitere Herausforderung da ist, schafft man eine weitere Herausforderung – und schon klappt es wieder. 😉

Vermutlich werde ich alsbald in der Lage sein, mich in drei mir vergleichsweise neuen Sprachen zu verständigen, aber in allen fehlerhaft … Oder in allen dreien gemischt! Vielleicht kommt eine Art neuer „Weltsprache“ dabei heraus. Ähnlich wie Esperanto – wer weiß das schon? 😉

¡Buenas noches! Dobranoc! Goede nacht! 😊

„Per aspera ad astra“

„Weg mit der Putzwolle!“

So sagte ich heute, als ich den Friseursalon meines Vertrauens – und das seit neun Jahren – betrat.

Meine Haare werden dort in unregelmäßigen (!) Abständen zweifarbig gesträhnt und gekappt, bis sie zu dem geworden sind, was man als Bob bezeichnet. Ein Haarschnitt, der derart klassisch ist, dass er bis in die Roaring Twenties zurückreicht, in denen er erfunden wurde und den es in ganz verschiedenen Längen gibt.

Ich bin aus dem Friseursalon seit neun Jahren immer mit einem Bob hinausgegangen. In ganz verschiedenen Längen. Heute ist er genau so, wie ich ihn immer haben wollte: vorne „lange“ Spitzen, die bis zum Mundwinkel reichen. Durchgestuft und hinten besonders kurz gestuft. Das ist der kürzeste und beste Bob, mit dem ich den Salon jemals verließ! 😉 Dabei hatte ich immer ganz genau angegeben, wie das Ganze auszusehen habe!

Wie kam es dazu, dass just heute der Haarschnitt exakt so geriet, wie ich ihn seit jeher haben wollte? Nun ja, das ist einfach erklärt … 😉

Ich war irgendwann vor Weihnachten – vermutlich vier bis fünf Wochen davor – das letzte Mal zum Strähnen und Schneiden gewesen. Danach war erst einmal Ruhe und mein Haar in erträglicher Länge.

Irgendwann Mitte Januar wollte ich zum Schneiden, aber es passte zeitlich nicht. Mein letzter Versuch Ende Januar – aber es kam etwas dazwischen. Und ab dann haben sich meine Haare verselbstständigt, zumal ich ein neues Haarspray benutzte, das meine Haare, auf die wohl jemand nachts, wenn ich schlief, Wachstumsdünger gestreut haben muss, binnen kurzem aussehen ließ, als wolle man sie als Borsten für ein Kehrwerkzeug à la Reisigbesen einsetzen.

Ich opferte daher heute Überstunden, indem ich das Arbeitszeitmodell Spät kommen, dafür früh abhauen anwendete und zum Friseur eilte. Es war nicht mehr auszuhalten.

Melly, die Friseurin, die mich heute in ihre Obhut nahm, rief, als sie mir die Haare kämmte, entgeistert: „Um Gottes Willen – was ist mit Ihren Haaren los! Was für ein Haarspray haben Sie benutzt?“ Ich nannte den Namen, und sie schrie: „Machen Sie das nie wieder, Frau B.! Das Zeug ist die Hölle! Da können Sie sich gleich Silikon zum Abdichten direkt aufs Haar drücken!“

Ich verstand sofort, was sie meinte. Immerhin muss ich mich ja jeden Morgen kämmen und frisieren, und ich bin keine Masochistin, fuhr allerdings seit den längerfristigen Auswirkungen der Silikon-Attacke immer relativ angenervt und nicht ganz so gutgelaunt zur Arbeit. Die Kopfhaut brannte, weil ich mir bei jedwedem Kämmen gleich diverse Haare mitsamt Wurzel ausriss … 😉

Melly verlor also in puncto Haarspray deutliche Worte und ordnete an: „Sofort wegwerfen!“ – „Zu spät! Habe ich schon erledigt.“

Das Strähnen dauerte etwas länger. Und als die Farbe ausgewaschen wurde, rief Melly mehrfach: „Cool! Ihr Haar fühlt sich auf fünf Zentimeter Länge von unten wie Stroh an!“

Dann ging es ans Schneiden. Es fielen diverse Zentimeter, und als mein Haar schließlich – nach Zugabe eines Mittels, das bei besonders hoffnungslos spröden Haaren Wunder bewirke, da wohl fetthaltig – geföhnt wurde, sah ich: Das war der ultimative Bob! So kurz war er noch nie gewesen, aber genauso, wie ich ihn immer gewollt hatte! 😉

Im Grunde meine eigene Schuld: Ich hätte den Friseurinnen zuvor einfach nur sagen müssen, dass sie noch ein, zwei Zentimeter mehr abschneiden sollten, aber sie waren immer so stolz auf ihr Werk gewesen, dass ich es nicht übers Herz brachte. Nun weiß ich, was zu tun ist. 😉 Ich muss nur mein Haar mit einem extrem silikonhaltigen Haarspray eines namhaften Herstellers kontaminieren. Schon  – schwupp! – komme ich mit der Frisur aus dem Salon, die ich schon immer haben wollte! 😉

Das war es doch wert, oder nicht? Gut, ich soll mein Haar in der nächsten Zeit einmal über Nacht mit Olivenöl tränken und gut einwickeln, damit die Bettwäsche nicht benetzt werde. Und in spätestens vier Wochen zum Schneiden kommen. (Was auch immer beruflich anliegen mag: Das werde ich einhalten, denn diesen genial kurzen Bob möchte ich in der Tat gern beibehalten. 😉 )

Ich habe nur vergessen, ob das Olivenöl zum Braten oder nur für Salatdressings geeignet sein müsse – vielleicht muss es ja extra vergine sein … 😉

Immerhin ist nun die spröde weißlichblonde Putzwolle weg, als die sich die Haare im unteren Bereich gestalteten. 😉

Offenbar muss man manchmal – unwillkürlich – Dinge ganz falsch machen, um ans erklärte Ziel zu kommen. Auf Anfrage gebe ich Interessierten auch gern den Namen des „toxischen“ Haarsprays preis.

Wie auch immer: Ich sehe wieder aus wie ein halbwegs normaler Mensch. 😉

Ältere Schwestern sind bisweilen grausam – jüngere aber auch …

Ich bin ja ein Fan ausgleichender Gerechtigkeit, auch wenn ich weiß, dass das im Großen ein schöner Wunschtraum ist.

Im Kleinen funktioniert das aber manchmal. Zumindest dann, wenn zwei „Parteien“ aufeinandertreffen, von denen mindestens eine, wenn nicht gar beide ein gutes Gedächtnis ihr eigen nennen. 😉

Die Sache mit der „Geschwisterliebe“ halte ich manchmal für ein Gerücht. Meine Schwester Stephanie sicher auch – wie auch unzählige andere Geschwisterkinder. Und doch verbindet einen eine Menge, auch wenn man das „Geschwisterkind“ manchmal am liebsten erwürgen würde, mindestens aber massive Zweifel an jedweder Blutsverwandtschaft hegt.

Es begab sich zu der Zeit, da ich gerade in den letzten Zügen der Grundschule lag – kurz vor dem Wechsel auf die sogenannte „weiterführende Schule“. Stephanie war in Klasse 7 auf dem Gymnasium, das ich dann auch später besuchen sollte. Und sie hatte gerade mit der zweiten Fremdsprache begonnen. Cool! Fremdsprache war damals für mich im wahrsten Sinne fremd – ich sprach, las und verstand nur Deutsch. Und sie war mir weit voraus, sprach nicht nur Englisch, sondern nun auch noch Französisch! 😉 Sie sprach ohnehin immer sehr viel, nun auch noch in zwei anderen Sprachen – das nervte mich! 😉

Irgendwann Ende Oktober des damaligen Jahres riefen mein Onkel und meine Tante an und luden sowohl Stephanie als auch mich zur Soester Kirmes ein, auch als Allerheiligenkirmes bekannt und daher Anfang November stattfindend. Im Jahr zuvor waren wir schon mit ihnen dort gewesen, und das war total klasse gewesen – da wollten wir doch wieder mit. Zumal wir immer mit einer ganzen „Mannschaft“ hingingen, mit Bekannten und Freunden meines Onkels und meiner Tante. Diesmal sollte auch noch die Tochter eines Freundes meines Onkels mitkommen, mit der Stephanie befreundet war: Sandra. Ebenso ihre ganze Familie, die gerade die ganze Austauschfamilie Sandras zu Besuch hatte, denn Sandra hatte zuvor einen Schüleraustausch nach Frankreich gemacht. Sie war ein Jahr eher eingeschult worden als Stephanie. Es versprach, ein besonders interessanter Kirmesbesuch zu werden.

Ein wenig verunsicherte mich, dass ich ja keine einzige Fremdsprache beherrschte – und es sollten insgesamt fünf Menschen dabei sein, die ausschließlich die französische Sprache sprachen. Ich würde mich nur mit Händen und Füßen verständigen können – nicht optimal. Fand auch Stephanie. Aber da sie ja nach einem halben Jahr Französischunterrichts so etwas wie ein Profi war, wusste sie auch sogleich, Abhilfe zu schaffen …

„Alichen, was machen wir nur mit dir? Du kannst mit den Franzosen ja nicht einmal sprechen!“ rief sie in besorgt wirkender Attitüde und fügte sogleich hinzu: „Und das wirkt ja immer ein bisschen so, als wäre man total doof, nicht wahr?“

O Gott! Ich wollte nicht doof wirken, nur weil ich keine einzige Fremdsprache beherrschte! Zum Glück wusste Stephanie Abhilfe! Und vertrauensvoll sagte sie zu mir: „Ich kann dir ein paar Sätze beibringen, damit du wenigstens etwas sagen kannst! Natürlich musst du die Sätze auswendiglernen und kannst nicht ganz frei sprechen!“ Und sie gerierte sich, als sei sie Guy de Maupassant höchstpersönlich! 😉

„Pass auf, Ali! Wenn du einer der Französinnen [die Austauschfamilie bestand aus Vater, Mutter und drei Töchtern] sagen möchtest, dass die Kirmes total schön sei, sagst du einfach: ‚Devant la maison, il y a un camion.‘ Sprich mir nach!“

Ich vertraute meiner Schwester und übte bis zur gefühlten Gesichtslähmung diesen Satz, der da heiße: „Die Kirmes ist toll, ne?“ Oder so ähnlich.

Irgendwann war Stephanie zufrieden, und sie meinte: „Und wenn du fragen willst, ob eine der Französinnen mit dir Autoscooter fahren möchte, fragst du einfach: ‚Est-ce que tu aimes danser avec moi?‘“ Ganz geheuer war mir das Ganze nicht, aber Stephanie sah ernst drein – und Fremdsprachen zu lernen, war ja nie falsch, nicht wahr? Und ich übte und übte.

Irgendwann kam meine Mutter dazu, und sie hörte genau hin. Dann fragte sie: „Ali, weißt du denn, was das bedeutet, was du da so schön sagst?“ – „Ja!“ rief ich stolz, und ich erklärte meiner Mutter, was Stephanie mir dazu gesagt hatte, die plötzlich behauptete, einen wichtigen Termin zu haben … Und schon wollte sie die Biege machen, aber meine Mutter rief: „Stop! Hiergeblieben! Findest du es in Ordnung, deine Schwester vorzuführen, indem du ihr französische Sätze beibringst, von denen du behauptest, dass sie etwas ganz anderes bedeuteten?“ Stephanie lachte und meinte, das sei doch lustig, während ich verärgert fragte, was das denn wirklich heiße. Meine Mutter erklärte mir – und es zuckte um ihre Mundwinkel -, dass Devant la maison, il y a un camion bedeute: Vor dem Haus steht ein Lastwagen. Und der andere Satz, die Frage: Est-ce que tu aimes danser avec moi, sei die Frage, ob der/die Angesprochene mit mir tanzen wolle. Nix mit Autoscooter! 😉

Doch bevor ich mich zornentbrannt auf meine Schwester stürzen konnte, packte meine Mutter mich am Schlafittchen und sagte mir: „Das war ein Scherz! Ein blöder und unfairer, zugegeben, aber kein Grund, sich zu prügeln – ist das klar?“ Und zu Stephanie sagte sie: „Total klasse, Stephanie – ich bin stolz auf dich … Vielleicht ist es Strafe genug, wenn ich dir sage, dass deine Schwester diese Sätze sehr schön ausgesprochen hat und die Aussprache schneller heraushatte und beherrschte als du!“ Da war sofort Ruhe im Karton. Ich habe eine coole Mutter. 😉

Die Soester Kirmes war toll, und in einem Fahrgeschäft saß ich neben Marie-Anne, der ältesten französischen Tochter, einige Jahre älter als ich. Das Fahrgeschäft war eine echte „Kotzschleuder“, und wir brüllten uns beide die Seelen aus dem Leib – unartikuliert. Und wir klammerten uns aneinander und verstanden einander ohne Worte – hier ging es ums blanke „Überleben“! 😉 Das geht auch ohne Sprache, ob gemeinsam oder nicht. Und danach nannte Marie-Anne mich „amie“ und ich sie „Freundin“, und wir verstanden einander ohne Worte, mehr mit Gesten und Mimik. Ging doch!

Später waren wir alle noch in einem Restaurant, und ich saß neben Annabelle, der jüngsten Französin, so alt wie ich. Sie war irgendwann müde und sagte zu ihrer Mutter: „Je suis fatiguée!“ Da man ihr diesen Zustand deutlich ansah, verstand ich sofort, und: „Ich bin müde!“ war dann der erste Satz, den ich auf Französisch verstand. 😉

Meine Schwester hat mir jedenfalls nie wieder fremdsprachige Sätze beigebracht. 😉

Aber umgekehrt war es auch nicht besser. Nur, dass ich mir die Gelegenheiten aufsparte. 😉

Irgendwann während unserer Studienzeit hatte meine Schwester, mit der ich mir zu Beginn meines Studiums die Wohnung teilte – nicht lange, da wir einfach zu verschieden sind -, jemanden kennengelernt, von dem sie mir begeistert erzählte und mit dem sie mehrfach telefonierte und verabredet war, bevor ich ihn kennenlernte.

Ich kam eines Tages nach der Uni und nach dem Einkaufen nach Hause, und in unserer Wohnküche saß da jemand, den ich nicht kannte, mir allerdings an zwei Fingern ausrechnen konnte, dass es sich wohl um den sagenumwobenen Volker handeln musste, zumal meine Schwester besonders liebreizend daherparlierte. 😉

Ich hatte ihr ein Eis mitgebracht und sagte: „Sieh mal, Stephanie, ich habe dir ein Eis mitgebracht!“ – „Ja, danke – leg es ins Eisfach …“ Es war so klar wie Kloßbrühe, dass sie mich dringend loswerden wollte. 😉 Im Normalfalle hätte ich das Feld auch geräumt, aber wir hatten morgens noch ziemlichen Zoff gehabt, und ich hatte mich massiv geärgert, da sie einmal mehr die Allwissende gemimt hatte, obwohl sie nicht recht gehabt hatte. Pech gehabt, jetzt! 😉

Und als hätte ich nichts gemerkt, setzte ich mich sogleich auch an den Tisch, sah Volker unverhohlen an und meinte: „Du musst Volker sein! Nicht wahr?“ – „Ja. Woher weißt du das?“ – „Ach, das ist gar nicht schwer! Stephanie hat derart von dir geschwärmt, dass der Fall ganz klar ist! Aber sie hat recht! Du siehst wirklich gut aus und scheinst in der Tat nett zu sein!“ Volker grinste, und Stephanie hatte mit einem Mal einen derart knallroten Kopp, dass ich mir fast ein wenig Sorgen machte: Das sah echt ungesund aus. Und so meinte ich abschließend noch: „Oh!“ und legte meine Hand auf den Mund, als wäre mir da etwas herausgerutscht, das nicht hätte herausrutschen dürfen. 😉

Ich gebe zu, das war gemein. Aber die beiden kamen dennoch zusammen, zumal Volker laut meiner Schwester meinte: „Deine Schwester ist, glaube ich, ein Schlitzohr. Das hat sie doch mit Absicht gemacht!“ – „Ja, wir hatten Krach, und ich war wohl doof zu ihr.“ – „Na, dann ist das doch eine sehr gelungene Retourkutsche gewesen. Ich konnte jedenfalls sehen, dass ihre Augen funkelten, und mir war der Sinn und Zweck der Maßnahme klar. Aber ich fand es einfach nur sympathisch – keine Sorge.“ Und meine Schwester meinte hinterher noch zu mir: „Ich muss dir wohl noch dankbar sein! Ohne deinen liebreizenden Einsatz hätte das noch Wochen ohne Ergebnis weitergehen können.“ Na, da hatte mein etwas nickeliger Einsatz doch zu etwas Positivem geführt! 😉 Und seitdem war Stephanie auch immer etwas vorsichtiger mit mir. 😉

Man sieht: Ältere Schwestern können ätzend sein. Jüngere aber auch. 😉 Und es lohnt sich stets, Fremdsprachen zu erlernen. Und das am besten so früh wie möglich.

Nomen est omen

So heißt es seit jeher. Oder aber: „Der Name ist Programm.“

Das stimmt nicht immer. Ich bin mit zwei Namen behaftet, die in Kombination besagen, dass ich ein besonders edelmütiger und rechtschaffener Mensch sei. Ich bemühe mich zwar stets, der Vorgabe gerecht zu werden („Sie hat sich stets bemüht …“), aber ich bin auch nur ein Mensch. 😉 Und manchmal denke ich: „Verdammt, zumindest beim Vornamen hatte man doch keine so strengen Vorgaben!“ 😉

Doch immerhin habe ich keinen Doppelnamen als Nachnamen. Denn Doppel-Nachnamen sind seit geraumer Zeit gebrandmarkt. Natürlich keine Namen wie „von Ebner-Eschenbach“ oder „Mendelssohn-Bartholdy“, beides echte Kulturschaffende – nein, solche Namen nicht.

Eher geht es um Namen, die zumeist von Frauen geführt werden, die – zunächst den Gesetzen Folge leisten müssend – bei Heirat ihren Mädchennamen beibehalten wollten, eine Sache, die ich durchaus verstehen kann. Zumindest in Bezug auf Zeiten, da eine freie Namenswahl für Frauen nicht möglich war und sie ganz automatisch den Nachnamen ihres Ehemannes annehmen mussten, als seien sie dessen Besitz. (Nein, ich bin gewiss keine Feministin. 😉)

In Zeiten, bevor die freie Wahl in puncto Nachnamen im Falle einer Eheschließung galt, blieb Frauen nach einigen legislativen Zugeständnissen und leisen Lockerungen nur die Möglichkeit, einen Doppelnamen zu führen, wollten sie ihren Mädchennamen weiterführen. Und da war die Reihenfolge noch vorgegeben.

Doch gab es mehr und mehr Lockerungen, und seit geraumer Zeit dürfen Ehepaare sogar unterschiedliche Nachnamen führen – Doppelnamen sind gar nicht mehr notwendig. Und doch gab und gibt es auch nach den verschiedenen Lockerungen noch immer Frauen, die unbedingt einen Doppelnamen wünsch(t)en. Als es gar nicht mehr notwendig war, seit es nicht mehr notwendig ist. Warum?

Ich habe mich auch oft gefragt, warum manch Frau so zwingend einen Doppelnamen wünschte. Speziell dann, wenn der „Mädchenname“ schon drei oder mehr Silben umspannte und der des Ehemannes ebenso viele.

Doch wenn es nur um die Anzahl der Silben geht, ist der Fall zwar bisweilen grotesk, aber noch nicht gar nicht so schlimm, wie wenn man sich offenbar überhaupt gar keine Gedanken darüber machte, dass es auch ganz bizarre Namenskombinationen gibt.

So rief mich einst eine Dame an, die mir etwas verkaufen wollte. Arglos ging ich ans Telefon, und schon schallte mir: „Guten Tag, Frau B.! Herbst hammer!“ entgegen. Nach der ersten Schrecksekunde rief ich: „Äh – es ist Frühling!“ – „Herbst hammer hier!“ – „Nein, wirklich nicht! Frühling hammer!“ rief ich zurück, im Glauben, ich würde verarscht. Die Dame reagierte völlig humorlos und pikiert: „Mein Name ist Herbst. Verheiratete Hammer. Herbst-Hammer!“ – „Oh! Entschuldigen Sie, bitte, Frau Herbst-Hammer – das war mir nicht bewusst …“ Und dann brach das Lachen aus mir heraus – Situationskomik hat mich seit jeher amüsiert. Frau Herbst-Hammer fühlte sich ihrerseits verarscht, und unter wenig freundlichen Worten legte sie auf. Nun ja – offenbar kein Verlust. Kann ich denn etwas für irreleitende Doppelnamen, die aus einer Laune heraus gestaltet wurden, ohne zuvor (und offenbar auch danach) darüber zu sinnieren, wie diese sich wohl auswirken würden? 😉

Mit einer Frau Silber-Fuchs habe ich auch schon telefoniert. Und einmal wurde ich einer Frau Spielvogel-Ast vorgestellt („Ast bitte mit Doppel-S!“) – ich bewundere mich noch heute ungemein für meine Selbstbeherrschung! 😉

Dreckmann-Schlingmeier, Stäblein-Stolz, Grünfeld-Roth, Daxheimer-Wolf – liebe Doppelnamen-Frauen: Wisst ihr eigentlich, was ihr mir antut? Und dann wundert ihr euch auch noch, wenn ich lachen muss? Ich bin ein Mensch, der nicht nur nahe am Wasser gebaut hat, sondern – vice versa – auch verdammt schnell laut herauslacht und sich kaum bremsen kann. 😉

Es geht auch nicht darum, dass Doppelnamen per se Mist seien – manch einer kann gar nichts dafür! Männer haben sich das meist nicht ausgesucht, ebensowenig die Frauen, die vor Lockerung der Namensbestimmungen einen Doppelnamen annehmen mussten, wollten sie ihren „Mädchennamen“ doch noch weiterführen.

Es geht um die Frauen, die aus purer Selbstverliebtheit (oder einem Gefühl der Minderwertigkeit – ich weiß es nicht!) einen Doppelnamen annahmen, einfach nur, um einen Doppelnamen zu haben. Ich frage mich nach wie vor, was für einen Sinn und Zweck das Ganze habe. Ist man dann mehr wert?

Wohl kaum und schon gar nicht, wenn man auf einer Karnevalsveranstaltung auf den gerade performierenden „Komiker“ zustürzt und völlig humorbefreit moniert, dass man so etwas ja kaum ertrage und damit Doppelnamenträgerinnen veräppelt würden. Ich gebe zu, ich bin kein Karnevalsfan und auch kein Fan platter Witze. Aber hier hielt ich mit dem „Komiker“, für den ich eigentlich auch gar nicht soviel übrig habe und staunte einmal mehr:

Manche Menschen beklagen sich über Klischees und sind doch in sich das, was sie da beklagen: ein Klischee. 😉

Hätte ich mich bei Aufkommen der Blondinenwitze derart echauffiert wie die Dame, die den „Komiker“ angriff, hätte ich schon lange keine blonden, sondern eher graue Haare. Und die wären sehr früh aufgetreten.

Inzwischen frage ich mich, ob derlei Vorkommnisse an den Zeiten liegen, in denen wir leben – oder ob das Klischee bezüglich der Frauen, die ohne Not einen Doppelnamen tragen, stimme, das besagt: meist humorlos, ideologisch geprägt. Und nicht selten Lehrerinnen.

Aber an so einen klischeehaften Mist glaube ich natürlich nicht. Niemals. Und nie habe ich diesbezüglich Erfahrungen gemacht. Nie! 😉

Und ich entschuldige mich sogleich bei den Frauen, die aus ästhetischen Gründen und ohne Hintergedanken einen Doppelnamen annahmen – es sind ja nicht alle gleich. 😉

Was man mit berühmten Autoren gemeinsam haben kann ;-)

Ich finde immer wieder faszinierend, Dinge mit Menschen zu teilen, die man gar nicht persönlich kennt und durch Zufall kennenlernt. Wie mit meiner neuen Brieffreundin Leslie aus Texas, die es vorzieht, durch echte Briefe, also via snail mail, zu kommunizieren.

Ich hoffe, sie hat meinen ersten Brief bekommen, den ich abschickte, als ich schon zwei von ihr bekommen hatte, weil sie wohl hochfrequent schreibt. Denn sie schreibt und wirkt so liebenswert. Nachdem ich nun noch nichts bekommen habe, befürchte ich, dass sie meinen noch nicht bekommen habe oder er ihr nicht gefiel. Dabei fand ich gerade so liebenswert, wie sie mir erzählte, ihr Vater sei Ingenieur, und Gute-Nacht-Geschichten, die er ihr und ihren Geschwistern erzählte, wären gar keine solchen im herkömmlichen Sinne gewesen, sondern mehr Lehrstunden über Ingenieur- und Naturwissenschaften. Da – ich gestehe es – habe ich hellauf gelacht! Nicht etwa, weil ich das albern fand, nein. Weil ich das kannte und absolut nachvollziehen konnte. Das habe ich ihr auch geschrieben, einmal mehr fasziniert davon, dass zwei einander völlig unbekannte Menschen, die tausende Kilometer entfernt voneinander ihr Dasein fristen, durchaus vieles gemeinsam haben können, auch wenn sie in völlig unterschiedlichen Situationen, gar Systemen, leben. (Obwohl mein Vater mir, als ich vierjährig einmal fiebernd und krank im Bett lag, Goethes Zauberlehrling vorlas, weil er wohl der Meinung war, dass man allgemein- und nicht nur einseitig bildend tätig werden müsse. Und er hat das so liebenswert und lebhaft-amüsant gemacht, dass ich es nie vergaß und den Zauberlehrling seit damals ins Herz geschlossen habe, zumal dieser in der Tat einen gewissen Humor in sich trägt. 😉 )

Gestern Abend hatte ich einmal mehr ein solches Erlebnis, als ich – nach des Tages Fron und einer schlafgestörten Nacht sehr, sehr müde – in die U11 stieg, die mich nach Essen bringen sollte. Dort war ich mit Jana verabredet, vor der „Lichtburg“, einem sehr alten und ehrwürdigen Kino mit einem ehrwürdigen Kinosaal. Denn dort sollte eine Autorenlesung stattfinden, und nicht nur irgendeine! Nein! T. C. Boyle höchstselbst sollte dort lesen – und tat es dann auch.

Ich gehöre nicht zu den ausgesprochenen Boyle-Fans – zumindest gehörte ich bis gestern nicht dazu -, und so erstaunte mich, wie unterschiedlich das Publikum aussah, als ich vor dem altehrwürdigen Kino auf Jana wartete.

Als sie ankam, nahmen wir alsbald unsere Plätze ein, und als wir einmal aufstehen mussten, um später eingetroffene Leute auf ihre Plätze zu lassen, sah ich zwar diesen bärtigen Mann nebst Begleitung, der mir irgendwie bekannt vorkam. Aber ich schaltete nicht, zumal Jana mir gerade etwas zuraunte, weswegen ich meinen Kopf zu ihr wandte. Da hörte ich von links plötzlich: „Guten Abend, liebe Ali!“

Ich war wirklich ziemlich geschafft, gestern, und so sah ich mich zunächst erstaunt um: Noch eine Frau, die „Ali“ hieß, und das ganz in meiner Nähe? Dann sah ich nach links und dem bärtigen Herrn ins Gesicht: Der war mir so bekannt! Aber ich schaltete nicht, und so meinte er: „Erkennst du mich nicht mehr?“ – „Äääh …“ – „Ich bin es, Norman!“ Da fiel der Groschen! Norman, natürlich! Ein früherer Kollege! Erst vor knapp drei Jahren ausgeschieden – und schon erkannte ich ihn nicht mehr! (Her mit dem Ginkgo-Extrakt! 😉 ) Aber mit dem Bart, den er früher nicht gehabt hatte, war das auch kein Wunder. Ich sprang auf und entschuldigte mich zunächst für meine Ladehemmung, dann nahm ich Norman in den Arm, woraufhin seine Frau mich böse anstarrte und ich dachte: „Keine Angst, ich mache ihn dir gewiss nicht streitig! Wir waren nur einst Kollegen!“

Wir wünschten einander einen interessanten Abend und ließen das Ehepaar, das – was für ein Zufall! – in derselben Reihe wie wir saß, durch.

Und dann ging es auch schon los. Nach einer kurzen Ankündigung kam der Maestro in Begleitung einer Journalistin und eines Schauspielers, der die deutschen Passagen, die man ausgewählt hatte, vorlesen sollte, höchstselbst auf die Bühne. Applaus brandete auf, aber Mr Boyle war keineswegs eingebildet, sondern winkte ganz natürlich ins Publikum und rief markige Begrüßungsworte.

Ich fand ihn gleich absolut sympathisch. Er sieht aus wie ein flippiger Alt-Hippie, verfügt über einen wunderbaren Humor, und die Journalistin, die im Gegensatz zu ihm recht konservativ aussah, war ebenso hervorragend. Der Schauspieler, der die deutschen Passagen lesen sollte, saß im Halbdunkel, nachdem man erklärt hatte, dass er derzeit als Vogelscheuche im Zauberer von Oz Erfolge feiere.

Jana und ich kicherten ein wenig – was für eine Vorstellung für den Schauspieler! Dabei ist der Wizard of Oz doch ein wunderbares Stück. Dennoch: Als Vogelscheuche vorgestellt zu werden, und sei es auch dieser wichtige Charakter aus dem Zauberer von Oz, wirkt recht erheiternd.

Nach einem einleitenden Interview las dann Mr Boyle den ersten Part, nachdem er mehrfach Frrrau Boyle erwähnt hatte, seine Frau, die er wohl wirklich „Frau Boyle“ nennt, da sie deutsche Vorfahren hat. Alle lauschten gebannt in diesem riesigen, altehrwürdigen Kinosaal, der insgesamt 1250 Sitzplätze umfasst. Er las wirklich hervorragend – wir waren alle gefesselt von seinem neuesten Roman, in dem er über Timothy Leary erzählt.

Weiter ging es mit „Plauderei“, und irgendwann fragte die Journalistin, ob er uns denn seinen Lieblingsfilm benennen könne. Da kam wie aus der Pistole geschossen: „The Big Lebowski“! Und schon johlten und applaudierten diverse Menschen aus dem Publikum – auch ich, und das zur Überraschung Janas und der sonstigen Sitznachbarn, denn in unserer Ecke war ich wohl die Einzige. 😉

Und was Mr Boyle auch sonst so zu erzählen hatte, begeisterte mich. Mit dem hätte ich mich gern mal unterhalten – er sprach mir in manchen Dingen aus der schwarzen Seele! 😊

Der Schauspieler las dann eine sehr lange Passage aus der Übersetzung – hervorragend gelesen, wunderbare Stimme, wunderbare Betonung. Danach las Mr Boyle noch einmal selbst und auf Englisch.

Und danach konnten wir uns Bücher signieren lassen. Da merkte ich, dass ich etwas vergessen hatte: Ich hatte kein Buch! Dabei werden solche Lesungen doch gerade deswegen veranstaltet, um Bücher zu verkaufen! 😉

Aber einmal mehr muss ich Jana, meine liebenswerte Kollegin, preisen: Sie hatte zwei Exemplare dabei! Eines hatte sie zwar – wie sie sagte – ggf. für ihre Kinder gedacht, aber da diese noch klein seien, im Grunde auch für mich. Ich kaufte es ihr spontan ab, und schon standen wir – und das auch für die nächste knappe Stunde noch – in einer endlos scheinend langen Schlange vor der Bühne. Und lernten einmal mehr, dass kleiner gewachsene Menschen in jedem Falle schon sehr früh eines gelernt haben: sich durchzusetzen! 😉

Denn wir – Jana ist exakt 2 Zentimeter kürzer als ich – standen hinter zwei sehr hochgewachsenen Herren, die jedoch wie festgewurzelt stehenblieben, obwohl von rechts Menschen sich vordrängelten! So etwas macht mich wahnsinnig – und Jana offenbar auch. Es mag daran liegen, dass wir, da kleiner gewachsen, als Kinder und auch später so oft abgedrängt wurden, weil wir eben nicht so groß sind. Man lernt als kleinerer Mensch aber sehr schnell, und während Jana ein wenig eingekeilt dastand, hatte ich bessere Möglichkeiten – und wir wollten doch nicht dort übernachten, oder? 😉 Ich bahnte einen Weg, natürlich diskret, aber nachhaltig, und rasch standen Jana und ich relativ weit vorn.

Und nach über einer Stunde dann auch auf der Bühne. Und schon rückten wir näher, und dann war ich schon dran. Verdammt! Ich hatte mir gar nicht überlegt, was ich sagen wollte! Und ich wollte doch nicht einfach nur schwachsinnig grinsend mein Buch hinlegen und signieren lassen …

Doch schon brach es aus mir heraus, als T. C. Boyle mich aufmerksam anblickte, und ich rief fröhlich: „Good evening, Mr Boyle!“ – „Good evening, young lady!“ Ich lachte. Dann meinte ich: „Thank you very much for this wonderful evening. I was so pleased to learn one of your favourite films is one of my favourite films as well: The Big Lebowski!” Da lachte er und meinte: “Really?” – “Yes – I like the Dude!“ Da meinte er: „You should see O Brother Where Art Thou and Fargo as well if you like the Dude!” Und da lachte ich und rief: “I know and like both films, and I especially love Fargo! Frances McDormand is so brilliant, and I’ll never forget her yelling Aw, Jeez! And everything is so bizarre, nobody’s perfect, and this makes you feel good!” Mr Boyle sah mich an, lachte und meinte, das fände er ja mal total gelungen, und ich hätte einen guten Geschmack. Und was Frances McDormand eigentlich in der Synchronisation sagen würde. Ich sagte: „In the German synchro she always yells Jesses!” – “Does that mean the same as Jeez?” – “Absolutely. In Southern Germany.” T. C. Boyle kniff mir ein Auge zu, ich zwinkerte zurück, und obwohl ich nur eine aus einer nervig langen Reihe war, fand ich das alles prima, zumal er meinte, er glaube, mit mir könne er sich lange über Filme unterhalten. Keiner der zahllosen Leute zuvor hätte so begeistert auf seine Filmvorlieben reagiert. 😉

Ich fand das nett. Halt ein paar freundliche Worte an eine völlig unbekannte Person. Unverbindlich, aber freundlich. Der Abend war definitiv gerettet. Außerdem ist Mr Boyle Anglist – noch etwas, das ich sympathisch finde.

Nun besitze ich das neue Buch von T. C. Boyle, von ihm höchstselbst signiert, habe mich mit ihm persönlich unterhalten und über Filmvorlieben ausgetauscht. Damit hätte ich zu Beginn des Tages nie gerechnet! 😉

Ebensowenig, dass ich ausgerechnet mit T. C. Boyle so einiges gemeinsam haben würde … 😉

Braut und Bräutigam sagen: „Evet!“

Ich bin vorhin aus H., einer der Nachbarstädte, zurückgekehrt, wo ich bei einer Hochzeitsfeier war. Einer meiner Kollegen, Özcan, hat heute seine Verlobte Sevgi geheiratet, und all meine Kolleginnen und ich waren eingeladen.

Von uns allen war ich die Einzige, die überhaupt schon einmal an einer türkischen Feier und Zeremonie teilgenommen hatte, wenn es auch keine Hochzeitsfeier gewesen war, damals in Aachen. Doch dazu später.

Immerhin war ich somit diejenige, die die meisten „Vorkenntnisse“ hatte, auch bezüglich der Geschenkübergabe an die zu Feiernden, die sich sehr von dem, was meine Kolleginnen und ich von klein auf kennen, unterscheidet. Wie sich so einiges unterscheidet.

Ich greife vorweg: Es war eine wunderschöne Feier, auch wenn uns vieles ungewohnt und fremdartig erschien, aber das ist ja nun beileibe kein Hinderungsgrund, etwas schön zu finden. Ich fand es jedenfalls klasse und freue mich sehr, dass ich daran teilnehmen durfte.

Gegen 18:30 h sollte die Trauzeremonie in einem türkischen Festsaal in H. stattfinden. Ich kenne mich – obwohl meine Heimatstadt direkt an H. grenzt – dort nicht wirklich aus, und so musste das Smartphone als Navi herhalten. Um 17:45 h fuhren der kleine Monty und ich vom Hof. Ich kam zügig voran, aber die Strecke, die das Navi mir wies, war nicht mein Favorit, zumal ich über eine größere Distanz über eine komplett unbeleuchtete und einsame Straße fahren musste – war ich in der Walachei gelandet? Ich habe für so etwas ein Händchen … Ausgestiegen wäre ich dort jedenfalls nicht gern, hätte ich eine Reifen- oder Motorpanne gehabt, zumal weder hinter noch vor mir andere Autos fuhren.

Endlich kam das Ortseingangsschild, und ich war froh, wieder in der Zivilisation zu sein, und so nahm ich das 30-Schild am rechten Fahrbahnrand nur peripher wahr. Ich fuhr 55, als ich plötzlich vor mir eine Polizeikontrolle sah. Und schon winkten sie mich an den Rand!  Nun ja, es wunderte mich nicht sehr, und doch rief ich: „Scheiße!“

Einer der Polizisten, der, der mich an den Rand gewinkt hatte, machte mir Zeichen, ich solle das Fenster auf der Beifahrerseite hinunterlassen, was ich auch tat und dann schnell meine Brieftasche aus meiner Tasche zog, da ich dachte, man wolle meine Papiere sehen. Doch der Polizist rief entschuldigend: „Tut mir leid – wir müssen das machen! Die Papiere können Sie ruhig wieder wegtun!“ Und schon leuchtete er Montys Innenraum mit einer Taschenlampe ab, während ich rief: „Kein Problem – Sie machen nur Ihre Arbeit!“ Dann musste ich noch den Kofferraum öffnen, der dann auch ausgeleuchtet wurde, wofür sich der Polizist erneut entschuldigte. Ich vergaß, zu fragen, was eigentlich kontrolliert oder gesucht werde, war aber auch froh, dass ich weiterfahren konnte und niemand sagte: „Äääh – einen Moment noch! Sie waren viel zu schnell …“

Ich war nur etwa 500 Meter weiter, als ich schon in die nächste Polizeikontrolle fuhr. Was zum Henker war hier los? Netterweise ließ man mich passieren, und ich bog links ab – wo schon das nächste Polizeiaufgebot wartete. Ich komme ja selber aus einer Stadt, die nicht ganz unproblematisch ist, manchmal zumindest, aber H. scheint – zumindest heute – noch „interessanter“ zu sein. Was war hier los? Rasterfahndung? Razzia? War jemand aus dem Knast ausgebrochen, war ein Schwerkrimineller auf der Flucht? Ich aktivierte lieber die Zentralverriegelung.

Glücklicherweise war ich dann auch bald da und parkte bei einem Einkaufsmarkt, da ich davon ausging, dass direkt vor dem Festsaal die Parksituation eher ungünstig sein würde. Zu Fuß legte ich dann den Rest der Strecke zurück und fand meine Kolleginnen schon im Saal vor. Dann harrten wir der Dinge, die da kommen sollten. Genauer: der Braut. Endlich fuhr der Wagen vor, und Sevgi betrat den Saal bzw. blieb in der Tür stehen. Ihr Kleid musste noch zurechtgezupft und -gerückt werden. Sie sah sehr schön aus und wurde dann von ihrem Vater in den Saal geführt, wo sie von Özcan in Empfang genommen wurde. Zu zweit gingen sie zu einem Tisch vor der Bühne. Kollegin Rita meinte: „Kommt jetzt gleich der Rabbi?“ Wir anderen fingen zu lachen an, und ich meinte: „Rita, wenn ich gleich mitten in der Zeremonie herausplatze, bist du schuld!“ Und sehr gedämpft rief ich: „Rabbi!“ Und ich kniff Rita ein Auge zu. Die lachte auch und meinte: „Verdammt! Klar, Rabbi ist natürlich falsch! Aber ich komme ums Verrecken nicht auf den Namen des muslimischen Pendants – das kann doch nicht wahr sein!“ – „Imam!“ riefen Jana, Steffi und ich, und das unisono und leider einen Tick zu laut. Einige Hochzeitsgäste sahen uns irritiert an, aber Steffi, Jana und ich lächelten gewinnend, und da wurde zurückgelächelt.

Die Zeremonie war dann sehr schön, durchgeführt von einem Imam. 😉 Das Brautpaar wurde eine vor dem anderen gefragt, ob sie aus freien Stücken und ohne Zwang die Ehe eingehen würden, und beide sagten laut: „Evet!“ Also Ja. Und auch die beiden Trauzeugen sagten: „Evet!“ Und wir alle freuten uns und applaudierten.

Danach kam der Brauttanz, und zuvor lüftete Özcan Sevgis Schleier und küsste sie auf die Stirn. Wirklich schön, und es freute mich für die beiden.

Inzwischen wurden die Vorspeisen serviert, und die waren hervorragend. Später gab es das Hauptgericht, Rindergeschnetzeltes mit Reis und Fladenbrot, und das war ebenfalls hervorragend und schmeckte exakt so wie der Gulasch, den meine Mutter kocht. Also sehr gut. 😉

Wir waren alle pappsatt, als Özcan an unseren Tisch kam und besorgt fragte, ob wir denn auch alle hinreichend zu essen bekommen hätten – endlich könne er uns auch begrüßen. Wir versicherten ihm, alles sei hervorragend, und dann standen wir auf, gratulierten ihm, drückten ihn und versicherten ihm, dass es sehr schön sei und wir sehr freundlich fänden, dass er eigens zu uns gekommen sei. „Aber ihr seid doch meine Kolleginnen und immer nett – natürlich komme ich da zu euch! Ich möchte doch, dass es euch gut geht!“ Wir versicherten ihm, es gehe uns sehr gut.

Später gab es dann auch noch Gelegenheit, Sevgi zu beglückwünschen, und wir wurden gedrückt, geküsst und geherzt und drückten, küssten und herzten zurück, kurz bevor Steffi und ich uns verabschiedeten. Sie fror, und ich merkte, dass ich Kopfschmerzen bekam, weil die Musik derart laut war, dass ich sicher war, dass sie mich noch im Traum verfolgen würde. Doch zunächst bestand einer der zahlreichen Fotografen darauf, dass noch ein Foto des Brautpaares mit Özcans sämtlichen Kolleginnen gemacht werde. 😉 Und so bauten wir uns rund ums Brautpaar auf, das in einem Pavillon auf zwei thronartigen Polstersesseln Hof hielt. Wie gut, dass ich mir noch ein neues Kleid gekauft hatte (ja, ich trug ein Kleid! 😉).

Es war ungewohnt, aber wirklich eine wunderschöne Feier. 😊

Den Taki haben Steffi und ich nicht mehr mitgemacht, die feierliche Geschenkübergabe, bei der dem oder den zu Feiernden die Geschenke, meist in Gestalt von Geld, angesteckt werden, während per Mikrophon mitgeteilt wird, wer was bzw. wieviel gegeben habe.

Das habe ich in Aachen einmal miterlebt, als ich zu einer türkischen Beschneidungsfeier eingeladen war, zusammen mit meinem damaligen Freund, Frank. Keine Sorge, die beiden kleinen Jungen, Brüder, waren bereits operiert worden, und die Feier fand einige Wochen danach statt …

Frank und ich waren die einzigen nichttürkischen Teilnehmer der Feier, und wenn wir auch das Prozedere als recht fremd empfanden, fanden wir sehr nett, eingeladen zu sein. Ich erkundigte mich jedoch lieber vorher bei den Eltern des kleinen Ömer und des kleinen Ünal, wie denn so eine Feier vonstattengehe. Harun und Şengül erklärten mir alles, und Frank und ich beschlossen, beim Taki je 25 DM zu geben – wir studierten beide noch.

Als dann unsere beiden Namen mitsamt der Höhe des Geldgeschenks per Mikrophon verkündet wurden, schossen alle Köpfe zu uns herum: „Ali und Frank“ hatten 50 DM gegeben – zwei Männer! In einem Atemzug genannt, als wären sie ein Pärchen! Die Gäste konnten ja nicht ahnen, dass „Ali“ hier kein Männername war … 😉 Schnell sagte ich zu Frank: „Komm, lass uns aufstehen und uns kurz verneigen, denn ich habe den Eindruck, dass hier gerade ein Missverständnis entstanden sei!“

Gesagt – getan. Und da lächelten uns alle zu. Als mich hinterher jedoch jemand ansprach und sich darüber wunderte, dass ich „Frank“ hieße, was er immer für einen Männernamen gehalten hatte, wurde mir klar, dass noch immer ein Missverständnis vorzuliegen schien … 😉

Wie auch immer: Eine schöne Feier war es heute – aber meine Ohren klingen noch immer von der (zu) lauten Musik. Nun ja – ich werde es sicher überleben. 😊

Im Tierpark

Da ich Tiere sehr liebe, halte ich mich auch gern in ihrer Nähe auf und sie sich vice versa offenbar auch gern in meiner. Daher besuche ich auch Tierparks durchaus gern, und im Zuge meiner Eselsbrücken-„Abhandlung“ fiel mir plötzlich ein Jahre zurückliegender Besuch des Aachener Tierparks zusammen mit meinem guten Freund Fridolin wieder ein. Ein sehr abwechslungsreicher Besuch dieses Tierparks, der keineswegs als Zoo durchgeht, obwohl es dort sogar Erdmännchen gab und hoffentlich noch immer gibt.

Es war ein Sonntag, und irgendwann vormittags rief Fridolin mich an und meinte: „Hättest du Lust, mit mir in den Tierpark zu gehen?“ Ich rief: „Ja!“ Und kurz darauf fuhr auch schon Fridolins weißer Suzuki-Kleintransporter vor, in dem man sich immer wie in einer Konservenbüchse fühlte. 😉 Seine Firma war damals noch am Anfang – inzwischen fährt er andere Autos. 😉

Am Eingang des Tierparks kaufte ich vorsorglich drei Tüten Tierfutter, obwohl Fridolin meinte, ich würde wohl übertreiben. Ich lächelte nur – Fridolin war noch nie mit mir im Tierpark gewesen. 😉

Es ging harmlos los. Wir schritten zum Enten- und Gänseteich, wo ich bereits einen kleinen Teil des Futters loswurde. Als eine große Kanadagans auf mich zuschritt, die sehr zahm wirkte, gab ich ihr das Futter von der Hand. Man musste die Körner, aus denen es bestand, nur auf die flache Hand legen – schon kam die Gans heran, legte ihren Schnabel flach auf die Hand und fraß sehr vorsichtig das Futter auf. Reizend. 😊

Wenige Meter neben uns tauchte ein Pärchen auf, das Mädel mit einer Kamera in der Hand, der junge Mann mit einer Tüte Tierfutters. Und die Frau meinte: „Los, Thorsten, ich will Fotos machen, wie du eine der Gänse fütterst!“ Thorsten spurte, und an Gänsen, die gefüttert werden wollten, gab es keinen Mangel. Doch die junge Frau fügte noch hinzu: „Aber nicht einfach hinstreuen – füttere die Gans mit der Hand, so wie die Frau da!“ Sie meinte mich. 😉

Thorsten ging in die Knie und streute sich Futter auf die ausgestreckte Hand. Eine der Kanadagänse, die ziemlich große „Brocken“ sind, nahte unverzüglich und machte bereits Anstalten, das Futter von Thorstens Hand zu nehmen. Doch da sprang Thorsten auf und rannte einige Meter weit weg! Die Gans staunte. Die andere Gans kreischte: „Thorsten! Verdammt nochmal! Was soll das? Warum rennst du weg? Los! Nochmal!“

Und Thorsten begab sich erneut in die Knie. Die Gans näherte sich. Und es passierte das Gleiche wie zuvor … Ein dritter Versuch scheiterte desgleichen, und Thorstens Freundin kreischte: „Wo ist das Problem? Du sollst einfach nur diese doofe Gans füttern, damit ich ein Foto machen kann, wie du die Gans fütterst!“ – „Aber … Ich habe Angst!“ – „Mein Gott! Angst! Die Frau da [ich war gemeint] macht das doch auch ohne Problem, und die ist viel kleiner als du!“

Da mir Thorsten leid tat, und das nicht nur wegen der Kanada-, sondern auch der anderen „Gans“, erhob ich mich, und Fridolin und ich gingen weiter, zunächst verfolgt von einer Graugans, die mit unserem spontanen Aufbruch und der damit abrupt abgebrochenen Fütterung so gar nicht einverstanden war. Ich musste rennen, da sie mich empört schreiend und flügelschlagend verfolgte …

Vorbei am Nandu-Gehege, an dessen Zaun Schilder standen, die darüber informierten, dass die Nandus nicht nur bissen, sondern auch stahlen! 😉 Vorbei an den Emus, die aussahen, als wäre ihr „Designer“ im Drogenrausch gewesen, als er ihre „Frisuren“ kreierte. Am Gehege der Helmkasuare blieben wir stehen.

Helmkasuare sind große, flugunfähige Vögel, Laufvögel, die eine absurd wirkende Hornplatte vertikal auf dem Schädel haben, weswegen sie ohnehin etwas albern aussehen. Dieser zutrauliche Geselle, der ganz dicht ans Gitter kam, verfügte obendrein auch noch über eine recht intensive und bunte „Gesichtskolorierung“. Wirklich leuchtende Farben, die dem ansonsten eher hässlichen Vogel eine gewisse Attraktivität verliehen. Ich vermutete, dass er wohl sogar im Dunkeln leuchte. Fridolin meinte: „Guck mal, Ali, wie überschminkt! Naja, manche meinen wohl auch, dass sie dadurch attraktiver wirkten!“ Und er lachte laut.

Neben uns ertönte: „Frechheit!“ Als wir hinsahen, standen da Thorsten und seine Freundin, die sich wohl angesprochen gefühlt hatte. Zu Recht, denn sie war dermaßen geschminkt, als stünde sie auf einer Theaterbühne. 😉 Und so meinte ich: „Entschuldigung, aber er meinte den Vogel. Also – diesen hier!“ Als hätte es mehrere Vögel zur Auswahl gegeben … Doch ich deutete auf den Helmkasuar, der prompt nach meiner Hand schnappte. Fridolin zog mich lieber weg, und wir schritten vorbei an dem Gehege mit den Sattelschweinen und hin zum „Kinderbauernhof“.

Aaah! Das war etwas für mich, denn den „Kinderbauernhof“ durfte man betreten. Esel, Ziegen, Hühner, Enten und Gänse lebten dort. Sofort öffnete ich das Gatter und betrat den „Kinderbauernhof“, das Gatter hinter mir sorgfältig verschließend. Da ich meine Futtertüten noch immer in der Hand hielt, schritt gleich ein Esel auf mich zu, den ich auch sofort fütterte und dann seinen Hals klopfte. Staubschwaden stiegen auf, und ich musste mehrfach niesen. Und so sagte ich lachend zu dem Esel: „Was für eine Mogelpackung! Du bist gar kein Esel – du bist ja ein Schwein!“

Der Esel schien zu überlegen und interpretierte das Gesagte als Beleidigung, und zur Strafe versetzte er mir einen massiven Schubser mit seinem Kopf, so dass ich Mühe hatte, mich auf den Füßen zu halten und mich etliche Meter weiter entfernt vom Esel wiederfand. Lektion gelernt: Beleidige niemals einen Esel – das sind sehr sensible und intelligente Tiere! Dieser hier war so sensibel, intelligent und gekränkt, dass er sich auch nicht mehr umstimmen ließ, sondern mir nur noch die Kehrseite zuwandte. Seitdem bin ich bei Eseln stets vorsichtig – offenbar verstehen sie mehr, als man gemeinhin annehmen würde. 😉

Weiter ging es zu den Erdmännchen und Luchsen. Vor dem Luchsgehege stand ein junger Vater mit seinem kleinen Sohn. Der Kleine rief laut und begeistert: „Kuckma, Papa – Löwen!“ – „Das sind keine Löwen – das sind Luchse!“ – „Nein! Löwen!“ beharrte der Kleine. Der Vater tat erneut sein Bestes, dem Kleinen zu erklären, dass dies keine Löwen, sondern Luchse seien und damit erheblich kleiner. Davon wollte der kleine Junge aber gar nichts wissen, und es endete damit, dass er sich schreiend auf den Boden warf und darauf beharrte, dass die Luchse Löwen seien! 😉

Und weiter ging es, Richtung Waschbären- und Polarfuchsgehege. Die Polarfüchse trugen ihr Winterfell ganz in Weiß, und sie lagen allesamt auf einem Haufen, schliefen und sahen süß aus. Man sah hauptsächlich weiß – bis auf die schwarzen Näschen. Nebenan im Waschbärengehege hingegen war es weniger süß. Denn einer der Waschbären hing am Gitter, hatte wohl etwas klettern wollen, und das möglichst ungestört. Aber ein alter Herr, der wohl mit seinem Enkelsohn im Tierpark war, fand es wohl witzig, den noch relativ kleinen Waschbären mit seinem Spazierstock zu sekieren. Keine Ahnung, was er damit erreichen wollte, aber mich packte der kalte Zorn, als ich sah, wie er mit dem Spazierstock wieder und wieder den Waschbären piekte, und das nicht einmal vorsichtig. Der Waschbär hing da hilflos am Gitter, versuchte ebenso hilflos, die Attacken abzuwehren, was aber nicht gelang. Und da platzte mir der Kragen! Ich rief: „Ja, toll und so mutig, eingesperrte Tiere zu quälen! Was soll das? Lassen Sie sofort den Waschbären in Ruhe!“ – „Was geht Sie das an? Der Waschbär gehört Ihnen nicht! Dumme Pute!“ – „Ihnen auch nicht! Und was wollen Sie damit sagen? Dass man Lebewesen, die einem ‚gehören‘, ruhig quälen darf? Was für ein Vorbild sind Sie eigentlich für Ihren Enkel – das ist ja echt peinlich!“

Fridolin zog mich schnell weiter, aber im Weggezogenwerden sah ich noch, wie Opa und Enkel ihrerseits hastig weitergingen. 😉 Wenigstens hatte der Waschbär nun seine Ruhe.

„Warum zerrst du mich eigentlich weg? Bin ich dir peinlich?“ fragte ich Fridolin. „Nein. Du hattest recht, aber der Alte ging mir auf den Keks. Der wurde dir gegenüber ja auch noch frech. So ein Blödmann!“

Da ich noch eine ganze Tüte Tierfutter übrig hatte, ging es zum Ziegengehege, und die Ziegen – eine Tierart, die ich auch sehr mag – wurden mit viel Hingabe gefüttert. Nur war ich kurz abgelenkt, und da riss mir einer der frechen Paarhufer die Tüte aus der Hand! Ich griff danach, aber die Ziege zog, als ich die Tüte beinahe erreicht hatte, ihren Kopf ein wenig zurück, so dass ich so gerade eben nicht mehr heranreichte. Das geschah mehrfach, und hilflos musste ich mitansehen, wie die Ziege gleichmütig das Futter mitsamt der Tüte fraß … 😉 Zum Glück war es eine Papiertüte.

Danach wurden wir durch lautes und durchdringendes Eselgeschrei angelockt. Genauer: zum Stall, in dem die Esel die Nacht verbrachten. Ein einsamer Esel stand darin, der laut schrie. Da gerade ein Pfleger in der Nähe war, fragte ich, was es mit dem offenkundigen Protestgeschrei des Esels auf sich habe.

Der Pfleger lächelte und meinte: „Das ist unsere Lotti. Sie steht im Stall, weil sie trächtig ist und kurz vor der Niederkunft steht. Es ist ihr erstes Fohlen, und da dachten wir, dass es sicherer sei, wenn sie im Stall stehe. Wahrscheinlich vermisst sie ihre Kollegen, aber wir haben ihr extra eine Ziege in den Stall gestellt, damit sie nicht so einsam ist.“

Nun, offenbar erfüllte die Ziege nicht die Anforderungen, die die arme Lotti an ihre Umgebung stellte und daraufhin laut und eselartig penetrant schrie. Ich blieb am Stall stehen und sprach mit dem unglücklichen Esel, der daraufhin die bis dato angelegten langen Ohren aufstellte, nach vorn klappte und sich zu mir umdrehte. Da war jemand, der sich für sie, Lotti, interessierte! Und sie lauschte gebannt.

Ich sprach etwa fünf Minuten zum Esel, dann wandte ich mich zum Gehen, da Fridolin ungeduldig wurde. Doch kaum wandte ich mich zum Gehen, legte Lotti erneut die Ohren an und erhob wieder ihr Wehgeschrei. Wir blieben fünf weitere Minuten …

Und unter den klagenden Schreien der armen Lotti eilten wir gen Ausgang. Kaum waren wir draußen, meinte Fridolin: „Was für ein ereignisreicher Nachmittag! Ich hatte mir das Ganze ruhiger vorgestellt, aber so war es viel interessanter. Verfolgt von einer Gans, eine Frau vermeintlich beleidigt, du wirst von einem Esel quer durchs Gelände katapultiert, Löwen, die eigentlich Luchse sind, und dann schreist du diesen doofen Opa an … Nicht zu vergessen die diebische Ziege. Und zum Schluss noch die gelangweilte werdende Eselmutter. Ein schöner Nachmittag und ganz und gar nicht langweilig.“

Ich war danach noch einmal mit Fridolin in einem Zoo, einem echten. Aber im Tierpark in Aachen war es erheblich spannender. 😉