Wenn es so weitergeht, werden wir bald eingebürgert …

Derzeit habe ich ein paar Tage Urlaub, was ich noch immer nicht ganz fassen kann. Mein letzter richtiger Urlaub war vor einem Jahr – exakt heute vor einem Jahr saß ich vormittags im Flieger von Düsseldorf nach Glasgow … Darüber hinaus hatte ich zwar mal einzelne Tage Urlaub, aber weniger zur Erholung, mehr, um Termine wahrnehmen zu können, die mit Erholung wenig zu tun hatten. Zwischen Weihnachten und Neujahr hatte ich auch ein paar Tage frei, aber da musste die Klausur für die Nebentätigkeit erstellt werden. Wie auch immer: Mein letzter erholsamer Urlaub begab sich vor exakt einem Jahr – und sogar der fing wenig erholsam an. 😉

Heute früh erwachte ich und erschrak nach einem Blick auf die Uhr: O Gott – viel zu spät dran! Und schon wollte ich aus dem Bett hechten, als die Erkenntnis, dass ich ja Urlaub habe, sich allmählich in meinem Brägen manifestierte. Mit einem erleichterten Seufzer sank ich wieder zurück in die Kissen und auf meine ramponierten Schultern (mein Orthopäde hat vorgestern einen Bandscheibenschaden in der HWS diagnostiziert und mir Physiotherapie verschrieben …) – wie herrlich, im Bett liegenbleiben zu können, während andere bereits der Fron nachkommen müssen. 😉

Und ich schlief noch eine Runde, soweit es die schmerzenden Schultern zuließen, denn aufgrund der Bandscheibenproblematik walte – so der Orthopäde – dort eine Entzündung ihres Amtes. Nachdem er es gesagt hatte, habe ich auch akzeptiert, dass ich mir diese Schmerzen beileibe nicht – wie zuvor geglaubt – eingebildet hatte. Nach dem vorgestrigen Ersthelfertraining war es besonders schlimm gewesen, aber zum Glück war danach der Termin beim Arzt, der mir zwei Spritzen gab, nachdem er mich geröntgt und mir ein Rezept für die Physio ausgestellt hatte. Und nachdem er, hinter mir stehend, meinen Kopf erst nach rechts, dann nach links gedreht und zu seiner Helferin gesagt hatte: „Rechts 80. Links 80.“ Da er nichts erklärte, meinte ich frotzelnd: „Wenn Sie den Kopf einseitig mit Schwung bis 100 oder darüber hinaus drehen, habe ich danach sicherlich gar keine Probleme mehr.“ Der Arzt lachte und strich mir über die Schultern: „Ich mag Ihren Humor, Frau B.!“ Es machte mich nicht gerade froh, dass er zum Abschied zu mir sagte: „Wir sehen uns in der nächsten Zeit öfter, Frau B.!“

Den weiteren heutigen Tag vertrieb ich mir eher gemächlich, und am frühen Nachmittag ließ ich mir ein schönes, warmes Bad ein – das würde sicherlich auch meinen Schultern guttun. 😊 Ich nahm ein Buch mit, als ich mich in die Eckbadewanne begab. Ich hatte viel Zeit – erst um Viertel vor 6 sollte ich bei Jana sein, denn heute stand ja unser Niederländisch-Kurs wieder an, und wir fahren meist zusammen.

Gegen kurz vor 5 wurde ich wach. In der Badewanne – ich war vor lauter Entspannung eingeschlafen! Mein Buch hat es leider nicht überlebt … Aber zum Glück war es ein Paperback.

Ich schickte Jana eine WhatsApp-Nachricht: Ich würde aufgrund der Umstände, die ich ihr beschrieb und wofür ich mehrere Tränen lachende Emojis erntete, von hier aus direkt mit meinem Auto nach M. fahren. Das tat ich auch, mit Hilfe meines Smartphones, denn ich bin orientierungsmäßig bekanntermaßen komplett unbeleckt.

Ich kam sogar noch vor Jana im Parkhaus an. Als ich gerade zurücksetzte, um einen der Frauenparkplätze zu ergattern (ja, lacht nur, aber dieses Parkhaus ist wirklich spooky!), an denen ich vorbeigefahren war, sah ich gerade noch, wie ein silbergrauer Volvo exakt auf den Platz fuhr, den ich einnehmen wollte! 😉 Ich sah das Nummernschild – Jana! 😉 Und so fuhr ich auf den nächstgelegenen Männerparkplatz, in einer dunkleren Ecke gelegen. Ppphhhh! Ich stieg aus, und da sah ich, dass Jana schon im Weggehen begriffen war. Sie hatte offenbar gar nicht gesehen, wem sie da zuvorgekommen war, und so rief ich ihren Namen. Sie drehte sich um und rief: „Hey! Cool! Wir kommen gleichzeitig an!“ Und schon machten wir uns auf zum Kurs. Jana meinte: „Du musst kurz vor mir angekommen sein – ich habe dich gar nicht gesehen!“ – „Ich war die, die vor dir zurücksetzte, um den Frauenparkplatz noch zu bekommen.“ – „Oh! Du warst das? Sorry, das tut mir leid – ich war so froh, den Platz zu bekommen, denn das Parkhaus ist echt etwas gruselig.“ – „Ich war ja auch schon vorbeigefahren und schon ein Stück entfernt.“ – „Ja, ich hatte zwar gesehen, dass da jemand zurücksetzte, aber du warst in der Tat ein Stück entfernt. Tut mir leid.“ – „Unsinn. Alles in Ordnung.“ Und schon eilten wir gen NL-Kurs.

Als wir den Kursraum betraten, saßen nur zwei Teilnehmerinnen da. Und natürlich Thijs, der sich freute, dass doch noch zwei Leute kamen. Und da heute alles so leger war, sprachen wir über niederländische Bräuche. Wusstet ihr, dass man, wenn man bei Niederländern zum Kaffee ist, exakt nur einen Keks oder exakt ein Stück Kuchen bekommt? Sabrina, die eine der beiden zuvor Anwesenden, sprach mich gleich an: „Ali, du kennst das sicher auch, oder?“ – „Äh, eigentlich ist mir das nicht so bewusst. Obwohl … Moment! Ich glaube, ich habe das schon einmal gelesen – es gibt wirklich nur einen Keks oder ein Stück Kuchen. Ich kann das aber nicht beurteilen, da ich in den Niederlanden selten Kuchen gegessen habe, weil ich nicht so der ‚süße Typ‘ bin.“ (Kekse hatte ich schon gegessen, meist tatsächlich singulär. Auch solche, da mehr als einer unvorbereitet ohnehin weniger ratsam sein könnte. Aber das ist schon länger her … 😉 )

Kurz darauf traf dann noch Birte ein, und der Unterricht ging los. Wir haben heute weniger gelernt als sonst – Thijs schien weniger gesammelt als sonst, was mir schon zu Anfang aufgefallen war, lange bevor er sagte, er habe gestern Nacht schlecht geschlafen. Kenne ich noch aus meiner eigenen Dozententätigkeit. Man wirkt dann etwas fahrig und lässt sich leichter dazu hinreißen, Anekdoten zu erzählen (über Kekse und Kuchen, zum Beispiel 😉 ).

Immerhin lernten wir heute einiges über Personalpronomina, was wir noch nicht wussten. Dann einige Hörverständnisübungen und nette Dialoge. Ebenso einige landeskundliche Aspekte. Sabrina wollte wissen, was der Unterschied zwischen Holland und den Niederlanden sei. Thijs blickte in die Runde und meinte: „Kennt jemand den Unterschied?“ Ich grinste leider ein wenig und war prompt dran. Zum Glück kannte ich den Unterschied, und zum Dank durfte ich dann die ganzen zwölf Provinzen aufzählen, aus denen die Niederlande bestehen. Nach einigem Nachdenken fielen sie mir auch alle ein – die hatte ich alle vor Jahren im ersten NL-Kurs auswendiglernen müssen. So etwas prägt, und dann vergisst man nie wieder Flevoland oder Drenthe. Ganz zu schweigen von Noord-Brabant oder Overijssel. 😉

Ich lernte heute, dass die meisten Niederländer nicht wirklich böse würden, bezeichnete man sie als Holländer. Das kannte ich noch anders, und ich erwähnte, dass einer meiner Bekannten sich noch vor einigen Jahren dagegen verwahrt hätte, als Holländer bezeichnet zu werden. Thijs grinste und meinte: „Ja, das mögen Limburger nicht so gern.“ (Ich stellte fest, dass ich offenbar seit meinem ersten Auftreten und der Bekenntnis, diverse Jahre in direkter Nähe zu Limburg gelebt zu haben, als limburglastig gelte … 😉 ) Aber ich meinte: „Nee! Der kam gar nicht aus der Provinz Limburg – der kam aus Gelderland!“ – „Oh, das ist eher selten.“ – „Ja, aber er reagierte ziemlich angepieselt, wenn er mal wieder als Holländer bezeichnet wurde und hob stets hervor, er sei Niederländer.“ – „Ist ja eigentlich so auch korrekt.“ – „Ja, und dieser Niederländer war stets sehr, sehr korrekt! Wehe, jemand sprach das ui falsch aus!“ Thijs lachte und meinte, derlei Verhalten kenne er eigentlich nur von Limburgern. Ich warf ein, der Gelderlandse jong habe zum damaligen Zeitpunkt immerhin auch schon länger an der südniederländischen Grenze, ergo im Limburger Einzugsbereich, gelebt, woraufhin Thijs noch mehr lachte und meinte, das färbe sicherlich ab. Die Limburger würden ja auch frieten und frietjes zu dem sagen, was im großen Restbereich der Niederlande als patat bezeichnet werde und hierzulande als Pommes oder Fritten bekannt sei.

Als wir dann mehrere Dialoge lesen mussten, meinte Thijs zu mir: „Eigentlich gehörst du in den A2-Kurs. Jana auch.“ – „Um Himmels willen – mir fehlen die notwendigen Kenntnisse in der Grammatik. Ich hoffe, ich darf hierbleiben!“ Und Jana meinte: „Das gilt auch für mich! Ali und ich sind einfach niederländischverrückt, und sie hat auch noch Jahre an der Grenze gelebt – aber uns beiden fehlt das Grammatikfundament. Dürfen wir bleiben?“ Thijs lachte einmal mehr und meinte: „Ja, klar – das ist doch ohnehin selbstverständlich. Ich wollte euch eigentlich nur ein Kompliment machen.“

Wenn es so weitergeht, werden Jana und ich demnächst in den Niederlanden – vielleicht auch in Holland – eingebürgert. 😉

„Du spielst … was?“ – Eine Theorie zum Thema „Erlernen von weniger populären Musikinstrumenten von klein auf“ …

Ich spiele seit meinem siebten Lebensjahr Klavier, in Musikerkreisen und gehobener Gesellschaft auch Piano genannt, was vom italienischen Namen dieses Instrumentes kommt, der da Pianoforte lautet. Ein sehr populäres Instrument, mit dem – abgesehen von echten Fans – Generationen von Kindern und Jugendlichen gequält wurden. Keine Frage, ich finde gut, ein Musikinstrument spielen zu können. Auch das Pianoforte, obwohl es – wenn es auch ein sehr schönes Instrument ist – niemals mein Lieblingsinstrument gewesen ist. Lieber wäre mir die Querflöte gewesen, mein Lieblingsinstrument seit früher Kindheit. Schuld daran trägt ein Nachbar meiner frühesten Kindheit, der Erster Geiger in einem Sinfonieorchester war, aber neben der Violine auch Klavier, Klarinette, Saxophon und Querflöte hervorragend spielte. Da sage noch einmal jemand etwas gegen frühkindliche Prägung! 😉

Jenem Nachbarn – abgesehen von meinem Vater, der klassische Musik liebt und auch dafür Verantwortung trägt, dass ich Klavier zu spielen in der Lage bin – ist zu verdanken, dass ich erste Einblicke in das erhielt, was als symphonische – wahlweise auch sinfonische – Musik bekannt ist. Dafür gibt es ein probates Mittel. Es heißt Peter und der Wolf und ist ein sogenanntes symphonisches bzw. Musikmärchen und wurde von seinem russischen Komponisten, Sergej Prokofjew, dazu geschaffen, Kindern die Instrumente eines Sinfonieorchesters spielerisch vorzustellen und sie mit einem Orchester vertraut zu machen.

Ich habe erst kürzlich eine ältere Version davon auf einem Ableger eines Hauptsenders im TV gesehen. Sie war aus den ausgehenden 90ern und vom Orchester der Deutschen Oper Berlin nebst Loriot als Erzähler gestaltet. Ich war durch Zufall auf diesen Kanal geraten, als das Werk gerade begann, indem das Orchester die Instrumente stimmte und der Kammerton a‘ in der Luft hing, anhand dessen die Instrumente gestimmt werden, und ich blieb prompt hängen. Allein das Stimmen der Instrumente des Orchesters erzeugte bei mir Spannung. Kindheitserinnerungen kamen auf, und so blieb ich die ganze gute halbe Stunde dabei, denn es ist ein wirklich auf auch noch kleine Kinder abgestimmtes Werk und daher entsprechend kurz. 😊 Wer das als kleines Kind durchhält, hat gute Chancen, als Erwachsener eine drei- oder vierstündige Oper ohne größere Schäden durchzustehen. Wenn er denn will. 😉

Als Herr Wuttke Stephanie, seinen Sohn Gernot und mich, damals fünf Jahre alt, damals zu der Aufführung von Peter und der Wolf mitnahm, an der er selber als Bestandteil der Streicher teilhatte, die das Motiv und Thema des kleinen, tapferen Peters spielten, der mit Hilfe seines Freundes, des kleinen, ebenso tapferen Vogels, dargestellt durch – na, was wohl? – eine Querflöte, den Wolf mit einfachen, aber cleveren und garantiert nicht tödlichen Mitteln besiegt, war ich ganz aufgeregt. Mein erster offizieller Konzertbesuch! 😉 (Das dachte ich damals zwar nicht so, war aber dennoch aufgeregt.)

Bis die Vorstellung begann, war noch einiges an Zeit, und Herr Wuttke musste noch an einer Vorabprobe teilnehmen. Er meinte zu uns: „Seht euch das Musiktheater an. Aber macht keinen Ärger. Und um 17 Uhr seid ihr pünktlich hier und auf euren Plätzen.“ Und Stephanie, Gernot und ich rannten durchs Musiktheater und sahen uns alles an. Gernot war nicht zum ersten Mal dort – er kannte sich aus, und wir landeten dank seiner Kenntnisse im Großen Haus sogar hinter der Bühne, wurden mehrfach fortgejagt, aber es gab auch Mitarbeiter, die Gernot erkannten und uns dann einiges zeigten, was mit ihrer Arbeit zu tun hatte. Ich war ja noch klein und fand damals die vielen Türen, die in den Konzertraum des Großen Hauses, ins Parkett und die beiden Ränge führten, am interessantesten. Es war für mich wie ein Ausflug in eine andere, spannende Welt. Viel zu schnell mussten wir ins Kleine Haus, wo Peter und der Wolf beginnen sollte.

Das Kleine Haus war erheblich weniger spektakulär, doch dort harrten andere interessante Dinge. Denn das Orchester stimmte gerade seine Instrumente. Eine gewisse Kakophonie, aber gerade dadurch interessant – es lag Spannung in der Luft. Und schon ging es los. Der Erzähler hob an, die Geschichte zu erzählen, dann wurden die verschiedenen Charaktere vorgestellt – ergo die verschiedenen Instrumente. Und die Geschichte nahm ihren Lauf. Ich fand es spannend, aber als der Wolf, von drei Hörnern intoniert, erschien, wäre ich vor Furcht am liebsten unter dem Vordersitz verschwunden. Drei Hörner, untermalt von anderen Instrumenten und Schlagwerk, die ein sehr unheilschwangeres und unheimliches Motiv spielten. Und schon verzog ich mein Gesicht, aber da tönte von rechts: „Wehe, du heulst! Da ist kein Wolf! Das ist nur Musik.“ Es war Stephanie, die mich da warnte, sie nicht zu blamieren. Dabei hatte ich mich schon beim Motiv des Großvaters, der von einem Fagott dargestellt wird, ein wenig verunsichert gefühlt. Auch das Fagott hatte für mich einen etwas dräuenden Klang … 😉

„Nur Musik“! Ich sah Stephanie an – was sagte sie da? Das ist doch nicht „nur“! Das waren für mich keine drei Hörner – das war ein Wolf, der drohend nahte! Und das Fagott war kein Fagott, sondern ein knorziger, Pfeife rauchender Großvater, bei dem man auch nicht so recht wusste … Die Klarinette eine Katze, die auf samtenen Pfoten einherschlich oder -lief, die so nasal klingende Oboe eine Ente, die Querflöte ein munter zwitschernder Vogel, die so heiter schrammelnden Streicher der kleine, fröhliche Peter, und die Pauken und die Große Trommel waren Gewehrschüsse! „Nur Musik“! Ha!

Auf der Rückfahrt im Auto „fachsimpelte“ ich mit Herrn Wuttke und pries Peter, den Vogel und die Katze – alles Instrumente, die ich mochte. Um die Ente, die vom Wolf gefressen worden war, tat es mir leid (da hätte ich während der Aufführung fast zu weinen begonnen – immerhin war ich passionierte Entenfütterin … 😉 ), und ich war sehr beeindruckt von diesem musikalischen Werk. 😉 Herr Wuttke freute sich, und er meinte zu Stephanie und Gernot: „Wenigstens eine, die offenbar Freude daran hatte – der kleinen Ali hat es wohl gefallen.“

Seit damals frage ich mich jedoch, wie man auf die Idee komme, Instrumente wie Horn, Oboe oder Fagott von klein auf freiwillig zu erlernen. Keine Frage: Sie werden in klassischen Orchestern stets benötigt. Aber – freiwillig?

Mein Ex Richie hat mir mal vor vielen Jahren ein altes Tonband vorgespielt, das er als Kind aufgenommen hatte („Ich wollte damals Toningenieur werden!“). Man hörte ihn – als Kind – sprechen, im Hintergrund seine Eltern. Doch da waren noch andere Laute, die sehr merkwürdig klangen. Und so fragte ich: „Was ist das da im Hintergrund? Es klingt wie ein Nebelhorn oder wie ein Elefant mit schlimmen Verdauungsproblemen.“ – „Das ist mein Bruder Benno. Er hat da gerade Fagott geübt.“ Ich kannte Benno bereits. Er war Fotograf, und ein wirklich guter, ein echter Künstler. Und so fragte ich: „Benno? Fagott? Nun ja, er ist in der Tat ein wenig exzentrisch … Dennoch: Hat er das freiwillig gespielt?“ – „Nee. Er wollte eigentlich Trompete lernen.“ – „Warum dann der Schwenk vom Blech- zum Holzblasinstrument?“ – „Meine Eltern dachten, es sei nur ein Strohfeuer, und so wollten sie ihm keine Trompete kaufen, aber er meinte, in der Musikschule gäbe es Leihinstrumente. Aber alle Trompeten waren bereits verliehen, und es gab nur noch ein freies Fagott.“ – „Das wundert mich nicht!“ – „Was?“ – „Dass das Fagott noch frei war. Wer sucht sich das freiwillig aus? Ich meine … Hör doch mal hin! Das klingt wirklich nach Verdauungsproblemen. Aber gut – es ist sicherlich eine seiner ersten Übungen.“ – „Nee, da hatte er schon ein Jahr Unterricht.“ Ich schluckte. O Gott! Schlimmer als jeder Geigenschüler in der Anfangszeit. Aber – zu Bennos Verteidigung – Fagott ist sehr schwer zu spielen. „Tapfer,“, meinte ich, „wie lange hat er denn durchgehalten?“ – „Danach nur noch knapp ein Jahr – er hatte halt immer noch auf die Trompete gehofft, denn man hatte ihm gesagt, er würde die erste freiwerdende Leihtrompete bekommen, wenn einer der Trompetenschüler aufgäbe. Zunächst solle er doch mit dem Fagott beginnen …“ – „Es wurde aber keine Trompete frei, nehme ich an?“ – „Richtig. Benno selber hätte aber noch länger als die knapp zwei Jahre durchgehalten – er war wirklich fixiert auf die Trompete.“ – „Aber?“ – „Mein Vater hat ihm Geld geboten, wenn er nur mit dem Fagottspielen aufhöre.“ – „Okay, angesichts dieser Foltertöne aus der Kammer des Schreckens oder dem Zoo kann ich deinen Vater verstehen.“ – „Wir haben alle gelitten.“ – „Glaube ich sofort. Wusstest du, dass manche Orchestermusiker das Fagott auch als ‚Furzröhre‘ bezeichnen?“

Mit der Oboe, die mit dem Fagott verwandt ist, verhält es sich ähnlich. Ich habe mal eine Gruppe Oboenanfänger – auch die hatten schon fast ein Jahr Unterricht gehabt – gehört und kann nur sagen: Ja, Übung macht den Meister … Hier muss viel Übung her – extra viel Übung. Aber es sind wirklich schwierig zu spielende Instrumente mit einem heiklen Mundstück – das Erzeugen von Tönen generell, ganz zu schweigen von sinnstiftenden und beabsichtigten solchen, ist nicht von Pappe. Daher frage ich mich auch immer, ob Kinder und Jugendliche Instrumente wie Oboe und Fagott wirklich freiwillig auswählen … Auf diese Idee wäre ich nie verfallen.

Ob sie von den Eltern gezwungen werden? Ob das eigentlich gewünschte Leihinstrument in der Musikschule vergriffen war und man sie mit der Aussicht auf das erste freiwerdende Wunschinstrument in die Doppelrohrblatt-Mundstück-Falle lockte, worunter dann die gesamte Familie zu leiden hat, ebenso die Nachbarn? 😉

Oder ob sie – wie ich – als Kinder in Peter und der Wolf gebracht wurden, wo sie dann die Ente bzw. den Großvater zu ihren Lieblingscharakteren erwählten und die die beiden Figuren darstellenden Instrumente unbedingt erlernen wollten? 😉

Dennoch habe ich mir diese Neunziger-Aufführung sehr gern angesehen. Sehr niedlich, was man beim Kameraschwenk ins Publikum sehen konnte: gebannt auf die Bühne starrende Kinder mit aufgerissenen Augen und offenem Mund. Nett auch die Kommentare, das Lachen – und einmal hörte man Weinen (das tat mir etwas leid), als die Ente, die doch selber schuld war, vom Wolf verspeist wurde … Ich habe mal im Fernsehen einen Orchestermusiker lachend erzählen hören, das lebhafteste Publikum habe man stets bei Peter und der Wolf. Laute Zwischenrufe der Begeisterung oder des Bedauerns, der Sorge und Lachen seien an der Tagesordnung. Aber deswegen sei man als Musiker dabei eigentlich immer gut gelaunt, denn es sei schön, die Begeisterung und das Mitfiebern der Kinder zu erleben.

Das kann ich aus Publikumsperspektive nur bestätigen. 😊 Und wer weiß? Vielleicht sind ja einige künftige Oboisten und Fagottisten im Publikum … Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. 😉

Euch ein schönes, harmonisches Wochenende! 😊

Vielleicht sollte ich einfach wieder in mein Elternhaus ziehen …

Ich habe inzwischen das Gefühl, nach der Arbeit oder am freien Wochenende jeden Tag gen D. zu rasen, wo mein Elternhaus steht. In Wirklichkeit fahre ich nur jeden zweiten Tag. Aber das reicht auch, da ich derzeit wirklich sehr viel zu tun habe. Irgendwie reißt es nicht ab …

Heute war es ziemlich warm, und so strich ich gegen kurz nach 5, als ich im Büro meine Sachen packte, das Rasenmähen. Mochte der Rasen alles andere überragen – nicht bei diesem Wetter und nicht nach diesem Arbeitstag! Aber hin musste ich – der Garten musste gewässert werden. Außerdem musste ich mich erneut als Pest Control betätigen, da ja alle zwei Tage gegen die Plage des asiatischen Zünslers Maßnahmen ergriffen werden müssen, wie man mir im Gartencenter erklärte, als ich aus dem Bereich der ABC-Waffen die C-Variante kaufte (obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, ob nicht auch B mit hineinspielt – zumindest wurde dies behauptet;  A jedoch auf keinen Fall – das wäre dann doch etwas übertrieben 😉) Außerdem wollte ich endlich diesen vielgepriesenen Algenkalk kaufen, um nach meinen bisherigen Bemühungen den Buchsbaum noch für die Nachbrut zu vergällen. Einen Sack hatten sie im Gartencenter noch übrig, und der freundliche Inhaber des Centers meinte auch, er würde ihn mir durchaus verkaufen, wenn ich darauf bestünde. „Jedoch“, so sein fachmännisches Profigärtner-Urteil, „sind inzwischen schon zahlreiche Kunden angekommen und haben gesagt, dass das überhaupt nichts bringe. Es wurde in der letzten Zeit ein großer Hype betrieben. Es mag nutzen, wenn man vor dem Einfallen der Tiere die Sträucher damit präpariert, aber wenn die Tiere schon da sind, würde ich es nicht empfehlen. Und letzten Endes wirkt sich Kalk auch mehr auf die Bodenqualität aus. Hätten Sie noch kein Vorkommen, würde ich sagen: ‚Probieren Sie es aus!‘ Da Ihre Pflanzen jedoch schon befallen sind … Ich verkaufe Ihnen den Algenkalk, keine Frage – aber ich hatte jetzt schon so viele Reklamationen, dass ich das guten Gewissens nicht machen könnte.“ – „Es erübrigt sich ohnehin – an dem Sack hebe ich mir ja einen Bruch! Vielen Dank für die ehrliche Beratung. Dann kaufe ich doch lieber noch ein bisschen Gift.“ Der Gärtner lachte und meinte: „Klingt toll – dann kaufe ich doch lieber noch ein bisschen Gift! Sind Sie verheiratet?“ – „Mitnichten. Auch nicht verwitwet – ich vermute, Ihre Frage zielte darauf und auf die Tatsache ab, dass Giftmorde überproportional von Frauen begangen werden. Mir geht es aber wirklich nur um die Zünsler … Obwohl … Vielleicht nutzt dieser zentnerschwere Sack ja auch im einen wie anderen Falle. Wirft man ihn auf das, was man nicht oder nicht mehr mag, ob nun nörgeliger Ehemann oder Zünsler, kommt man vielleicht auch ans Ziel!“ Der Gärtner lachte heftig und meinte: „Jetzt weiß ich wieder, wer Sie sind! Sie waren in den letzten Tagen schon einmal hier und haben mich auch da zum Lachen gebracht. Kann man Sie für Veranstaltungen engagieren?“ – „Ich überlege mir das und teile Ihnen dann das Resultat meiner Überlegungen mit – sicherlich komme ich noch öfter vorbei, wenn meine Eltern nicht bald selber wieder für ihren Garten sorgen. Inzwischen gewöhne ich mich beinahe an diesen Zwei-Tage-Rhythmus, in dem ich nach der Arbeit immer nach D. fahren muss, um erneut als Blumenpflegerin, Bewässerungsexpertin wie Schädlingsbekämpferin, in größeren Abständen auch als Rasenmäherin tätig zu werden. Und das, obwohl ich Gartenarbeit nicht sonderlich mag – das geht nicht gegen Sie! Erschreckend, dass ich inzwischen über Buchsbaum und Zünsler besser Bescheid weiß als meine gartenbegeisterte Mutter, die sich mit Botanik und Gartenarbeit ziemlich gut auskennt!“ – „Können Ihre Eltern sich nicht um ihren Garten kümmern?“ – „Im Moment nicht, weil sie nicht vor Ort sind. Sie haben einen Zweitwohnsitz in der Heimat meiner Mutter und sind zweimal im Jahr für längere Zeit dort. Im Herbst-Winterhalbjahr ist das für mich entspannter – da muss man nur Blumen gießen und nach Post sehen. In der warmen Jahreszeit ist es meist stressiger, vor allem, wenn gierige Raupen sich marodierend über einen größeren Pflanzenbestand hermachen …“

Ich kaufte noch eine Portion Gift, das jedoch bienen- und vogelverträglich sei, wie auf der Packung stand, obwohl die Inhaltsstoffe furchterregende Namen hatten. Nun gut, ich bin keine Chemikerin … Dies hier war zum eigenhändigen Anmischen und von einem anderen Hersteller. Dann raste ich zu meinem Elternhaus – es war schon kurz nach 6, und irgendwann wollte ich auch endlich mal zu Hause sein.

Zunächst einmal stand das Wässern der Pflanzen an – einige Rhododendren hingen schon wie ein Schluck Wasser in der Kurve … Zunächst war der Vorgarten dran. Dazu musste ich in die Garage und hatte wohlweislich den kleinen Monty so geparkt, dass er nicht mit dem Garagentor in Konflikt geriete, das  selbstverständlich über einen Elektro-Antrieb verfügt, zumal  mein Vater Ingenieur ist. Und weil er das ist, ist er ein Bedenkenträger und hat grundsätzlich stets sämtliche Ventile sämtlicher Wasserleitungen in Haus und Garage sehr, sehr fest zugedreht, wenn er und meine Mutter längere Zeit nicht da sind – mit Überschwemmungen ist jederzeit zu rechnen. 😉 Ich kämpfe schon immer mit dem Hauptventil im Haus – das in der Garage war noch fester zugedreht …

Ich erinnerte mich prompt an eine Gegebenheit, die etwa drei Jahre zurückliegt. Ich sollte im Haus irgendetwas prüfen, musste dazu auf eine Leiter steigen und ein Ventil über Kopf öffnen. „Kein Problem, Alilein,“, hatte mein Vater gesagt, „du steigst einfach auf eine Leiter, und dann öffnest du das rote Ventil über Kopf – unten im Keller, du weißt schon …“ Das Ventil zu finden, war kein Problem, das mit der Leiter auch nicht. Aber dann – ich hatte das Telefon zwischen Schulter und Ohr geklemmt – bekam ich das Ventil nicht auf, und ich sagte zu meinem Vater: „Wo ist eine Rohrzange? Das Ding geht nicht auf!“ – „Nein, Kind, lieber keine Rohrzange – Laien sollten keine Rohrzange benutzen. Am Ende ist das Ventil hin!“ – „Sonst noch irgendwelche Tipps, wie ich das Ding öffnen kann?“ – „Dreh einfach dran.“ – „Ja, für wie blöd hältst du mich? Was mache ich hier die ganze Zeit? Ich versuche, zu drehen! Das Ding ist wie einbetoniert! Hast du es vielleicht mit einer Rohrzange festgezogen? Mit bloßen Händen doch sicher nicht!“ Ich durfte dann zwar keine Rohrzange benutzen – ich hätte das Ventil ja beschädigen können! -, aber immerhin ein anderes Werkzeug zu Hilfe nehmen. Damit klappte es irgendwann auch, aber ich schnaubte in den Hörer: „Das ist echt eine Zumutung! Nächstes Mal schraubst du das Ding nicht so fest zu, bitte! Du bist doch immer derjenige gewesen, der sich mokierte, wenn Leute Schrauben doll drehten oder Wasserflaschenverschlüsse wie die Berserker festzurrten, dass kaum jemand sie ohne Werkzeug öffnen konnte!“

Dann wollte meine Mutter mich sprechen. Und während wir sprachen, rief mein Vater etwas aus dem Hintergrund – ich sollte noch irgendetwas kontrollieren. „Was denn jetzt?“ – „Papa möchte dich noch einmal sprechen.“ Und schon war mein Vater dran, und giftig fragte ich: „Was nun? Würde ich dir eine Freude bereiten, indem ich noch ein paar Ventile auf- und zudrehe? Oder soll ich nachsehen, ob die Garage noch da ist?“ Das war es dann nicht. Aber etwas ähnlich „Spektakuläres“ … 😉 Ich liebe meinen Vater sehr, aber die Ingenieure seiner Generation sind nicht immer einfach in ihrem Bedenkenträgertum … 😉

Das Wässern des Vorgartens heute stellte – nachdem das Ventil endlich offen war – dann kein Problem dar, und ich ging sehr großzügig vor. Als ich gerade den Schlauch zum linken Teil des Vorgartens zerrte, um dort die Pflanzen zu bewässern, hörte ich hinter mir auf der Straße einen Knall, und kurz darauf schrie ein Kind und weinte bitterlich …

Ich drehte mich um – o Gott, hatte das Ganze mit meiner Turbo-Bewässerung zu tun? Nein, niemand war über den Schlauch gestürzt, der Unfall außer Reichweite geschehen. Aus dem Augenwinkel hatte ich kurz vor dem Knall eine sehr schnelle Bewegung wahrgenommen, und nun sah ich, was es gewesen war: Ein kleiner Junge, etwa sechs, sieben Jahre alt, war voller Übermut mit dem Fahrrad die Straße entlanggerast, wohl seitlich weggerutscht und dann gestürzt, und das so richtig mit Schmackes. Nun lag er da, das Fahrrad halb auf ihm, und er schrie zum Steinerweichen. Ich stellte sofort den Schlauch ab und rief: „Ganz ruhig! Liegenbleiben!“ Und ich rannte zu dem Kleinen, der bitterlich weinend bäuchlings auf dem Boden lag. Im ersten Moment hatte ich mit Kopfverletzungen, hohem Blutverlust und sonstigen Katastrophen gerechnet – es hatte wirklich laut geknallt. Und mein alle zwei Jahre stattfindendes Ersthelfertraining steht doch erst am nächsten Montag wieder an … Und es ist dringend nötig …

„Ganz ruhig liegenbleiben – warte, ich helfe dir,“, sagte ich zu dem Kleinen. Und ich hob das kleine Fahrrad auf und legte es an die Seite. „Ich kann nicht aufstehen,“, jammerte der kleine Kerl, während ich ihn begutachtete. Am Kopf, von hinten und seitlich war keine Verletzung erkennbar, und so sagte ich, die ich weiß, dass Kinder oft – wie auch hier – im ersten Schrecken gar nicht schreien, dies danach umso lauter tun – auch aus Schreck: „Komm, ich helfe dir aufstehen, das kriegen wir hin.“ Und ganz vorsichtig packte ich dem kleinen Kerl unter die Achseln und hob ihn auf, wobei er aktiv mithalf. Dann sah ich ihn mir genauer an, und ich sah, dass zwar nichts Dramatisches passiert war, er aber einige Schürfwunden hatte, von denen ich weiß, dass sie zwar harmlos sind, aber richtig fies wehtun. An beiden Knien, obwohl da nur oberflächlich und ohne Blut, aber an einem Arm eine kleine blutige Schürfwunde, am anderen Ellbogen auch.

„Das tut jetzt sehr weh, das weiß ich, aber es ist nicht so schlimm. Wo wohnst du?“ – „Da hinten,“, jammerte der Kleine, und ich fragte: „Schaffst du es bis dahin?“ Der Kleine nickte. „Deine Mama oder dein Papa sollen das desinfizieren, und dann heilt das auch ganz schnell.“

Ich erschrecke noch jetzt ein bisschen über mich – ich war wohl im Ali-als-Kind-Modus. Ich hätte den kleinen Fratz nach Hause begleiten müssen, obwohl er sagte, er schaffe das allein. Eine tolle Ersthelferin bin ich! Lässt das Kind allein nach Hause gehen! Es tut mir jetzt noch leid – ich kannte das so aus meiner eigenen Kindheit, hätte hier aber doch anders reagieren müssen.

Mein Gedanke war jedoch nicht böse oder unachtsam gewesen: Ich habe – auch im Ersthelfertraining – gelernt, dass Kinder meist viel gelassener auf kleine (!) Verletzungen reagieren, wenn man kein so großes Brimborium macht, sondern ruhig und ganz normal mit ihnen umgeht. Warum mache ich mir jetzt Sorgen? Ach, ja – weil ich den kleinen Fratz nicht allein hätte gehen lassen sollen … Am besten, ich spreche das Ganze im Ersthelfertraining in sechs Tagen an. Sicherlich werde ich verbal in der Luft zerfetzt …

Zur Strafe musste ich dann noch den hinteren Garten bewässern – es wäre alles einfacher gewesen, hätte mein Ingenieurvater mich zuvor mit der Funktionsweise des wasserführenden Systems vertraut gemacht, das er in den letzten Jahren offenbar mehrfach geändert hat … 😉

Als ich zu Hause eintraf, war es nach 21 Uhr, und meine Frisur war etwas zerzaust. Ich hatte mir wohl einmal zu häufig die Haare gerauft … 😉

Zum Glück kommen meine Eltern am Donnerstag zurück. Wäre ich gläubig, würde ich meinem Schöpfer auf Knien danken … 😉

Und noch etwas habe ich gelernt: Nie wieder werde ich unmündige Opfer ihres eigenen überhöhten Fahrverhaltens allein nach Hause gehen lassen. Das spukt mir noch immer im Kopp herum … 😦

„Ich sehe tote Raupen …“

Ich muss hier ein Zitat aus einem US-amerikanischen Film mit Bruce Willis ein wenig verfremden. Ich bin ein wirklich tierlieber Mensch, und mir tat es ja auch leid, aber diesen gefräßigen und zahllosen Zünslerraupen, die ich zu meinem Entsetzen kürzlich in meiner Eltern Garten entdeckte, wie sie sich völlig hemmungslos über den Buchsbaum, den Ort ihrer Geburt, hermachten, konnte nur Einhalt geboten werden. Und leider helfen da keine liebevoll-energischen Ansprachen. Wäre mir ja auch lieber gewesen, aber hier mussten andere, schwerere Geschütze aufgefahren werden. Nicht einmal ein Wutanfall hätte genutzt. Und so nebelte ich sämtlichen Buchsbaumbestand mit einer Brühe ein, die verboten riecht, aber immerhin gebrauchsfertig in Flaschen mit einer Sprühpistole erhältlich ist. Nicht besonders günstig, man muss Handschuhe tragen, sollte darauf achtgeben, dass man nicht gegen den Wind sprühe – aber sie sei nützlingsfreundlich. Sprich: Sie killt weder Vögel, noch Bienen, noch andere nützliche Insekten.

Vorgestern war die Erstanwendung gewesen, und der freundliche Herr im Gartencenter hatte mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich alle zwei Tage tätig werden müsse, und das am besten abends. Ergo fuhr ich heute gegen 17:30 Uhr los und raste gen D., parkte schwungvoll vor der Garage meiner Eltern und hechtete voller Spannung aus dem Auto, denn im Vorgarten stehen auch drei Buchsbaum-Kugeln, die ich am Freitag behandelt hatte. Wie mochten sie wohl aussehen?

Ich mache es kurz: Sie sahen noch immer ziemlich scheiße aus … Aber aus jeder wuchsen hellgrüne Blättchen! Ich ging erst einmal ins Haus, zog mir die Pest-Handschuhe an und eilte auf die Terrasse, wo ich die Zerstäuber mit Zünslerkiller deponiert hatte. Ich machte mich gleich ans Werk, re-imprägnierte die eine der beiden kleinen Zierhecken. Beim letzten Mal war daraufhin wilde Bewegung in das zuvor ruhige Blattwerk gekommen – so noch Blattwerk vorhanden war. Heute: nichts. Auch bei der anderen kleinen Hecke: nichts. Und ebenso verhielt es sich mit den anderen Buxus-Objekten. 😉 Entweder waren die kleinen Plagen wirklich tot, oder sie hatten hinzugelernt und verhielten sich einfach nur ruhig.

Sogar im Vorgarten. Doch ich entdeckte diverse tote Raupen, die mir zwar nicht alle Viere, aber all ihre Extremitäten – ich habe keine Ahnung, wie viele Stummelfüßchen Raupen so haben – entgegenstreckten.

Einerseits war ich geneigt, laut: „Strike!“ zu rufen, als ich die kleinen Leichen sah, von denen einige sich bereits im Zustand der Zersetzung befanden. Andererseits dachte ich: „Schöne Scheiße, wenn man als Zünsler zur Welt kommt. Zum Abschuss freigegeben.“ Ein bisschen tat es mir leid. Aber die neuen Triebe des Buchsbaums, ja auch ein Lebewesen, die so ganz ohne Verbissspuren aus dem gemarterten Buchsbaumgesträuch wuchsen, trösteten mich.

Ich hoffe, sie trösten auch meine Mutter! 😉

Und wenn ich am Dienstag zum Rasenmähen nach D. fahre, werde ich garantiert Algenkalk über das zwischenzeitlich raupenbefreite Gesträuch schütten. 😉 Als längerfristige Lösung.

Wenn es so weitergeht, entwickle ich – ausgerechnet! – mich noch zur Gartenexpertin. Oder Schädlingsbekämpferin. Aber wie alles im Leben fällt wohl auch das unter die Rubrik: „Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.“ Meine Mutter war zumindest zwischenzeitlich bass erstaunt, wie viel ich über Buxus sempervirens und alles, was damit zu tun hat – ergo auch den Buchsbaumzünsler – wisse. Und das binnen weniger Tage! Nun ja – sie hat ihren Garten noch nicht gesehen … Hier war rasches Handeln gefragt. Rasches, aber nicht kopfloses Handeln. 😉

Am Donnerstag kommen meine Eltern aus Franken zurück. Ich sollte wahrscheinlich Urlaub nehmen und ohne Angabe meines Ziels verreisen … 😉

„Caterpillar Killer“

Heute war ich einmal mehr in D. in meinem Elternhaus bzw. in dessen Garten. Ich kam nicht unbewaffnet.

Eine Schachtel mit annähernd zahllos scheinenden Einmal-Handschuhen hatte ich dabei, falls ich doch die nicht sonderlich einladend aussehenden Larven oder Raupen des Buchsbaumzünslers manuell würde einsammeln müssen. Aber ich hatte auch noch ein anderes Mittel bei mir. Auf der Fahrt zu meinem Elternhaus in einem am Wege gelegenen Gartencenter gekauft. Gebrauchsfertig. Drei Flaschen mit Sprühpistole für knapp 33,- €, insgesamt fast zweieinhalb Liter hochwirksamer – so hieß es! – Flüssigkeit, die neben diversen anderen Schädlingen auch dem gefräßigen Zünsler das Mundwerk legen soll. So hieß es, und ich war wild entschlossen, dem Ganzen Glauben zu schenken.

Meine Eltern haben einen großen Garten, und in diesem befinden sich diverse Vorkommen der Gattung Buxus sempervirens, in deutscher Sprache: Gewöhnlicher Buchsbaum. Eine wunderschöne immergrüne Pflanze, die man ebenso wunderschön zu hübschen Kugeln, Kegeln oder sonstigen Figuren schneiden kann, ohne dass sie es übelnähme. (Als Kleinkind hatte ich im nahegelegenen Schlosspark einen Buchsbaum-Teddybären in mein noch kleines Herz geschlossen. Zwei davon gab es, und der auf der rechten Seite des Französischen Gartens „gehörte“ meiner Schwester, der auf der linken Seite mir. Wahrscheinlich „gehörten“ die beiden in Bärenform gekappten Buchsbäumchen außer uns noch ganz vielen anderen kleinen Kindern … 😉 )

Edward mit den Scherenhänden hatte auch ein Händchen oder – „naturgegeben“ – Faible für Buxus sempervirens. Leider nicht nur er. Auch der sogenannte Buchsbaumzünsler, eine qua Globalisierung aus Ostasien unfreiwillig importierte Art bzw. Neozoon – ähnlich wie der erheblich niedlichere Waschbär hierzulande auch ein Neozoon ist -, ist auf Buchsbaum spezialisiert. Denn seit einiger Zeit fällt er jedes Jahr erneut die von stolzen Gartenbesitzern gehegten und gepflegten Buchsbaumbestände in marodierender Absicht an, obwohl er wahrscheinlich gar nicht marodieren, sondern sich einfach nur ernähren und wachsen möchte, auf dass noch viel mehr Zünsler das Licht der Welt erblicken mögen … Er weiß und kann es nicht anders. Er agiert qua Instinkt. 😉

Es handelt sich um einen vergleichsweise unscheinbaren Kleinschmetterling, der seine Eier in Buchsbaum ablegt und die daraus geschlüpften Raupen ab einer gewissen Lufttemperatur – vergleichsweise niedrig, was viele Gartenbesitzer, meine Mutter eingeschlossen, offenbar nicht wissen, denn sonst hätten sie knapp diesseits der Bodenfrostgrenze schon etwas unternommen  (ich wusste es bis vor einigen Tagen auch nicht, habe mich inzwischen aber schlau gemacht, da ich dem Inferno entgehen möchte, das zwangsläufig ausbrechen würde, würde meine derzeit in Franken befindliche Mutter ihren komplett kahlgefressenen Buxus-Bestand nach ihrer Rückkehr entdecken – der Schock wird so oder so erfolgen …) – aktiv werden, deren Aufgabe darin besteht, ihren Geburtsort kahl- und, wenn kein Laub mehr vorhanden ist, auch die Rinde abzufressen und fressend bis ins Pflanzeninnere vorzudringen, bis sie – leider tun sie das nicht – umfallen. Zwischenzeitlich erfolgt die eine oder andere Häutung, und dann verpuppt sich der grünschwarze Raupenvielfraß, um schließlich – die klassische Metamorphose – als Schmetterling erneut zu schlüpfen, der alsbald neue Eier legt. Und so geht es immer weiter …

Wären es wenigstens schöne und bunte Schmetterlinge, was ja zumindest einen kleinen Ausgleich schaffen könnte! Aber nicht einmal das – es ist wirklich schmachvoll … (Obwohl meine Schwester Stephanie, die erst kürzlich – vor ihrem Urlaub auf einer berühmten nordfriesischen Nordseeinsel, der offenbar alles Ungemach vergessen lässt – heftigen Zünslerbefall in ihrem Garten öffentlich kund- und zu wissen gab, dass die Viecher nun sogar ihre Koniferen angefallen hätten – , mir gegenüber dreist behauptete, das seien „wunderschöne Schmetterlinge“! Ich dachte: „Es stimmt! Schönheit wird offenbar sehr subjektiv beurteilt.“ Immerhin: Offenbar passen sich die subjektiv beurteilten Tiere inzwischen in der nicht heimischen Umgebung an das Nahrungsangebot an … 😉)

Und um den mütterlichen Buchsbaumbestand zu retten oder zumindest Schadensbegrenzung zu betreiben, raste ich heute nach der Arbeit gen D. und machte kurz nach dem Ortseingangsschild nur kurz halt, um die bereits erwähnten drei Sprühflaschen mit – garantiert bienen- und vogelfreundlichem, generell Nützlinge schonendem „Schädlingskiller“ im Gartencenter zu kaufen. Der Herr an der Kasse gab mir Tipps: „Ziehen Sie Handschuhe an, sprühen Sie niemals gegen den Wind, atmen Sie das Zeug nicht ein.“ – „Sind Sie sicher, dass das Bienen, Vögeln und anderen nützlichen Tieren nicht schade, wenn Sie mich schon warnen?“ – „Nein, keine Sorge! Sie sollten es halt nur nicht einatmen. Und die Hände waschen, wenn die damit in Kontakt gekommen sind. Aber ansonsten ist das Produkt biologisch abbaubar.“ – „Nun, das bin ich auch. Mal abgesehen von meinem Zahnimplantat.“ Der Mann lachte und meinte: „Am besten, Sie sprühen ins Zentrum der Pflanzen. Sie müssen die Zweige ein bisschen auseinanderbiegen …“ – „Ach, ich glaube, das wird nicht nötig sein, nachdem ich kürzlich sah, dass da schon zu größeren Teilen Kahlschlag herrscht. Der Vorteil: Da, wo bereits Lichtungen sind, kann man bequem und ohne irgendetwas auseinanderbiegen zu müssen, direkt in medias res sprühen, wo die Viecher sitzen.“

Der Kassierer lachte sich fast schlapp und meinte: „Na, Sie scheinen aber einen goldigen Humor zu haben! Erst das Zahnimplantat, nun noch die ‚Lichtungen‘! Das ist wohl Galgenhumor – das ist ja klasse!“ – „Ich mache mir nur ein bisschen Mut. Sie haben die Pflanzen nicht gesehen.“ – „Auch, wenn sie schon kahl sind, kann das Mittel helfen!“ – „Na, dann beten Sie schon mal für mich! Denn das ist nicht mein Garten und damit auch nicht mein Buchsbaum …“ – „Ich bete für Sie – und denken Sie daran: Alle zwei Tage müssen Sie sprühen!“

Alles klar. Ich muss also auch am Sonntag nach D. … Danke auch! Das zum Thema „entspanntes und ungestörtes Wochenende“!

Im Garten angelangt, zog ich mir sogleich Handschuhe an, packte eine der drei Flaschen mit der Sprühpistole und ließ sie wie einen Colt um meinen rechten Zeigefinger rotieren: „So, ihr kleinen Scheißer! Eure Tage sind gezählt!“ Und schon nebelte ich die beiden kleinen Zierhecken, die ein Beet vor der Terrasse säumen, ein, die da so still und friedlich standen und in denen sich nichts regte. Doch kaum ging der erste Niederschlag auf die kleinen Hecken nieder, begann es, sich in ihnen zu regen, zu winden und zu wuseln – echt eklig! Ich imprägnierte die beiden Hecken, als imprägnierte ich ein neues Paar Schuhe, das ich mir vom Munde abgespart hätte … Dann ging es weiter, quer durch den Garten, und erstaunt nahm ich zur Kenntnis, wie viel Buchsbaum dieser beheimate. Alsbald musste ich die zweite Flasche in Betrieb nehmen.

Angenehmer Geruch hatte ich durch Zufall darauf gelesen, und grimmig dachte ich: „Wenn das hier angenehmer Geruch sein soll, möchte ich nicht wissen, was der Hersteller als unangenehmen Geruch bezeichnen würde! Wäre ich eine Zünslerlarve, würde ich, so schnell meine Stummelbeinchen mich trügen, das Weite suchen!“ Es erinnerte vom Geruch her an das Marder-Abwehrspray, mit dem ich mein Auto imprägniert hatte, als wir hier in der Siedlung gehäuft Marderbefall gehabt hatten … Kein Marder, der etwas auf sich hält, würde in ein Auto eindringen, das derart widerlich riecht. Nachteil: Auch der Fahrer fühlt ähnlich. 😉

Sogar im Vorgarten hat meine Mutter drei kugelförmig geschnittene Buchsbaumpflanzen unterschiedlicher Größe! Die sahen besonders schlimm aus, waren annähernd kahl, und dort sprühte ich besonders intensiv. Als eine Raupe zu Boden stürzte, besprühte ich sie zu Testzwecken besonders heftig mit der stinkenden Brühe und merkte mir den Ort, an dem sie zu liegen gekommen war, bevor ich mich den anderen Objekten zuwandte.

Zehn Minuten später lag die Raupe noch immer dort, wand sich heftigst – offenbar (hoffentlich) in Agonie! Eine zweite Raupe lag daneben und wand sich ebenfalls …

Da tat es mir dann doch ein wenig leid – es sind doch immerhin Lebewesen, die nix dafür können, dass sie derart penetrant sind. Das ist halt ihr Instinkt, und niemand hat sie gefragt, ob sie überhaupt als Ei gelegt werden wollten … Moment! Was dachte ich denn da?!? „Ali, das sind Schädlinge!“ rief ich mir in Gedanken ins Gedächtnis, und wenn es auch nicht schön war, so war es doch vonnöten, um zu retten, was zu retten war.

Nach der Rundum-Intensivimprägnierung fuhr ich dann nach Hause. Meiner Mutter erstattete ich noch Bericht und erwähnte auch die beiden in Agonie befindlichen Raupen, die ich nach dem Effizienztest beobachtet hatte. Und was sagt meine Mutter? „Ali! Die armen Tiere!“

Was hatte ich erwartet? Vor vielen Jahren, als ich noch klein war und zur Schule ging und naturgemäß in meinem Elternhaus lebte, hatten wir mal Mäuse im Haus gehabt. Eine davon im Schlafzimmer meiner Eltern, und meine Mutter hatte zu meinem Vater gesagt: „Karl-Heinz! Stell bitte eine Falle auf – ich kann nicht schlafen, weil diese Maus nachts dauernd herumrennt und irgendwo nagt!“ Mein Vater, der auch keine Mäuse im Haus, geschweige denn: Schlafzimmer, haben wollte, stellte eine konventionelle Falle auf. Fast eine Woche tat sich nichts, obwohl ein Stückchen Speck als Köder in der Falle klemmte und täglich minutiös von meinem Vater ausgewechselt wurde. Das Mäuschen war wohl zu schlau, dranzugehen, wie auch meine Mutter voller Bewunderung mitteilte. Fast klang es, als triumphierte sie.

Doch eines Nachts schnappte die Falle zu, und das so laut, dass meine Mutter davon erwachte. Und sie weckte meinen Vater: „Karl-Heinz! Wach auf! Ich glaube, die Maus ist in die Falle gegangen! Kannst du sie bitte entfernen?“ Mein Vater erhob sich schlaftrunken, machte das Licht an und ging zur Falle. Ja. Das Mäuschen lag darin – tot, mit gebrochenem Genick. Es hatte sich den Speck holen wollen, da es wohl Hunger gehabt hatte.

Mein Vater musste selber schlucken, als er das niedliche kleine Tierchen da so sah, aber er nahm die Falle und wollte sie entsorgen. Doch da erscholl die Stimme meiner Mutter: „Ooch  – das arme, kleine Ding! Du … Mörder!“ – „Kathrin! Du selber hast angeordnet, dass ich eine Falle aufstellen solle! Keiner von uns will Mäuse im Haus! Und trotzdem tut es mir immer leid – es sind ja doch sehr niedliche Tiere. Aber sie machen Dreck, sind unhygienisch, fressen alles an und vermehren sich sprunghaft. Lass nur eine andere Maus im Haus sein – wenn sich dann ein Paar findet, haben wir hier bald Hundertschaften!“

Meine Mutter wusste das selber, wollte auch keine Mäuse im Haus, aber irgendwie war ihr das kleine Ding in all den Nächten, die sie nicht ungestört hatte schlafen können, wohl ans Herz gewachsen. 😉

Doch am nächsten Tag wurde es noch schlimmer, denn beim Frühstück fragte ich nach der Maus. Und da sagte meine Mutter mit Blick auf meinen Vater, dass die Maus tot sei. Sogleich schnellte mein Kopf zu meinem Vater herum, und ich rief ihm empört zu: „Na, toll! Das arme Mäuschen! Wie kann man nur?!?“ Mein Vater seufzte nur resigniert und meinte: „Offenbar bin ich von Irren und Sozialromantikern umgeben – was aufs Selbe herauskommt …“

Inzwischen kann ich meinen Vater verstehen. 😉

Der wichtigste Satz für jede Gelegenheit

Heute bin ich schon relativ früh von der Arbeit aufgebrochen – denn ich musste ja noch nach M., eine der Nachbarstädte, wo Janas und mein Niederländisch-Kurs stattfindet. Heute war der vierte Termin, und ich hatte an den Terminen 1 und 3 nicht teilnehmen können, was mich sehr wurmte, denn einmal muss es doch klappen und ich diese Sprache, die ich seit Äonen authentisch zu erlernen wünsche, wirklich from scratch, von der Pike an lernen. Aber es war nicht zu ändern gewesen.

Heute musste ich allein hin, denn Jana ist im Urlaub. Da ich meinen sogenannten Orientierungssinn kenne – und das trotz eines Navis -, fuhr ich nicht auf dem letzten Drücker los. Das führte dazu, dass ich zu früh vor Ort war. Dabei hatte ich mich sogar einmal ein wenig verfahren, weil das Navi übereifrig gewesen war und die sehr freundliche weibliche Stimme mich an einer Stelle hieß, jetzt links abzubiegen, obwohl die richtige Stelle erst einen halben Kilometer später kam, wie ich feststellte, als ich eine mehr oder minder große Schleife fahren musste und mich dann entgegen den Anordnungen der „Dame“ auf dem linken Geradeausstreifen einordnete, als ich an die Stelle kam, an der ich zuvor auf der Linksabbiegerspur gestanden hatte (bevor ich links abbog und dann die redundante Schleife zu fahren gezwungen war).

Ich vertrieb mir die Zeit damit, dass ich in dem Einkaufszentrum, in dem sich die VHS von M. befindet, ein wenig herumflanierte, mir eine Flasche Mineralwasser kaufte und mir das Einkaufscenter, das ich zuletzt besucht hatte, als ich 15 Jahre alt war, genauer ansah. Es war noch deprimierender, als es damals auf mich gewirkt hatte. Manche Dinge werden einfach nicht besser. Inzwischen sind dort in der Hauptsache Läden, die ihre Waren für 1 Euro oder nur geringfügig mehr verticken – aber immerhin auch zwei Drogeriemärkte, in dessen einem ich das Mineralwasser kaufte. Lebensmittelgeschäfte gibt es dort nämlich nicht; zumindest nicht in der Form von Supermärkten.

Danach ging ich auf den größeren Platz vor – oder hinter – dem Einkaufscenter, um erst einmal eine zu rauchen. Auch das deprimierte mich ein bisschen, und so ging ich zurück ins Einkaufscenter und in den Trakt, da sich die VHS befindet. Ich war noch immer viel zu früh, und da der Seminarraum noch nicht aufgeschlossen war, nahm ich im Wartebereich Platz. Alsbald kam Thijs des Weges, grinste und grüßte. Ich grinste ebenfalls und meinte: „Ich neige zu Extremen: Entweder komme ich gar nicht, oder ich bin viel zu früh!“ Er meinte: „Keine Sorge – du hast nicht viel verpasst!“ Und er schloss den Seminarraum auf und ließ mich sowie eine Teilnehmerin, die heute zum allerersten Mal da war, hinein.

Alsbald kam eine weitere Teilnehmerin, die die Neue und mich irritiert ansah und meinte: „Entschuldigung – ich suche meinen Niederländisch-Kurs …“ Ich rief fröhlich: „Dann bist du hier richtig – hier findet der Kurs statt!“ Sie sah mich noch irritierter an (klar, ich war zweimal nicht dagewesen), aber ich meinte: „Ich war zweimal nicht da! Wahrscheinlich erinnerst du dich nicht an mich. Habt ihr hier eigentlich feste Sitzplätze?“ – „Ja, da drüben sitzen immer die beiden Arbeitskolleginnen [ich hatte mich frevelhafter Weise auf einen anderen Platz gesetzt …] …“ – „Ah! Okay, dann setze ich mich mal um, denn ich bin die eine der beiden Arbeitskolleginnen!“ – „Ach, jetzt sehe ich es! Ja, klar! Du bist Ali! Sorry, ich habe ein ganz grauenhaftes Personengedächtnis! Aber deinen Namen habe ich mir gemerkt, weil man ihn oft für einen Männernamen hält.“ – „Ist doch kein Problem, und ich habe bis jetzt ja auch zu zwei Dritteln gefehlt! Wie soll man sich da ein Gesicht merken?“

Allmählich trudelten auch die anderen Teilnehmer ein, und dann kam auch Thijs dazu, und der Unterricht begann.

Beim letzten Mal hatten sie besondere medeklinkers behandelt, Konsonanten, die umgangssprachlich im Deutschen auch Mitlaute heißen, im Niederländischen eben medeklinkers, „Mitklinger“. 😉 Heute stand Grammatik an, genauer: die Konjugation oder Beugung von Verben. Damit habe ich im Allgemeinen kein Problem, und auch hier funktionierte es – obwohl es im Niederländischen einige Besonderheiten in der Schreibweise zu beachten gilt. Aber einmal mehr stellte ich fest, dass man schon „unbewusst“ viel lernt, wenn man nur lange genug in einer Grenzregion lebt. 😉

Dann lernten wir das niederländische Alphabet, und da kamen Erinnerungen hoch …

Einst, in den Neunzigern, besuchte ich meinen besten Freund Fridolin in seiner neuen Wohnung. Als ich eintraf, lief der Fernseher und dort – eher ungewöhnlich für Fridolin – der „Juniorensender“. Soeben sangen etwa zwanzig Kinder das „Alphabetlied“, wie als Untertitel eingeblendet wurde. Und ich hörte: „Aah, bej, sssej, dej, ej, eff, chchee …“ Hätte es sich um „Die Sendung mit der Maus“ gehandelt, hätte ich sofort geschaltet, aber so sah ich Fridolin an und meinte: „Der ‚Juniorensender‘ ist aber wirklich sehr sozial – das finde ich gut!“ – „Wie meinst du das?“ – „Nun ja, hör doch hin! Sie lassen auch sprachbehinderte Kinder ein nettes Lied singen! Die gehören doch auch dazu – ich finde das klasse, dass man nicht-sprachbehinderten Kindern gleich klar macht, dass andere Kinder, die da ein leichtes Handicap haben, genauso schön singen können!“

Fridolin sah mich lange und ungläubig an. Dann fragte er: „Sag mal, Alilein – wie lange lebst du schon in Aachen?“ – „Wieso fragst du mich das? Vier Jahre!“ – „Welche Länder grenzen hier in der näheren Umgebung an Deutschland?“ – „Was soll das denn? Wir leben hier bekanntermaßen im Dreiländereck Belgien-Deutschland-Niederlande! Warum fragst du mich das? Hältst du mich für doof?“ – „Das nicht, aber für ein wenig geistesabwesend, wenn du meinst, diese Kinder hätten ein sprachliches Handicap. Wo leben wir hier?“ – „In Aachen. Im Drei…länder…eck…,“, sagte ich mit ersterbender Stimme. Und es fiel mir wie Schuppen aus den Haaren, als Fridolin auch schon meinte: „Das sind kleine Holländer! Das ist das Alphabet auf Niederländisch!“ – „Tu mir einen Gefallen – erzähl das niemandem! O Gott – wie konnte ich so begriffsstutzig sein! Natürlich sind das kleine Holländer! Und wie süß sie singen! Aah, bej, sssej, dej, ej, eff, chchee …“

In Erinnerung an diese Peinlichkeit fing ich gleich zu grinsen an. Dummerweise hielt Thijs das wohl für eine Wortmeldung, und so musste ich das gesamte Alphabet auf Niederländisch aufsagen … Beim G hätte mich fast ein Lachanfall ereilt, aber ich hielt tapfer durch. Bis zu dem, was Niederländer als het lange ij bezeichnen, das Ypsilon, das sich im Grunde genauso ausspricht wie het korte ei, das ei …

Glücklicherweise hatte keiner mehr zum Alphabet Fragen, nachdem wir dann noch unsere Namen und Mailadressen mit jedem punt, apenstaartje, streep und streepje  hatten buchstabieren müssen.

Nachdem wir diese Hürde überwunden hatten, galt es, zusammenhängende niederländische Texte zu lesen, und da fiel mir auf, dass keiner so recht wollte und alle auf ihre Unterlagen auf dem jeweiligen Tisch vor sich starrten, mich eingeschlossen. Mir fiel jedoch aus dem Augenwinkel auch auf, dass Thijs‘ Blick stets auf mich gerichtet war, wenn es darum ging, dass eine(r) den Anfang machen sollte. Und so gab es mehrere Situationen, da ich anfing, denn ich kenne die Situation, wenn man als Dozent vorne sitzt oder steht und wünscht, dass jemand sich einfach traue. Und schon legte ich los.

Das werde ich künftig nicht mehr machen, egal, wie Thijs guckt! Denn mein Sitznachbar meinte: „Jetzt traue ich mich nicht mehr.“ – „Wieso?“ – „Du kannst das ja schon.“ – „Nee, nur die Aussprache – den Rest kann ich auch nicht.“ – „Ja, aber …“ – „Dann melde dich doch mal – ich will auch nicht dauernd!“ – „Ja, wahrscheinlich hast du Recht.“ – „Ja, dann hup-hup, Holland!“

So richtig wohl fühlte ich mich danach nicht mehr – bis wir dann jenen Satz lernten … Den Satz, der einfach nur klasse ist und zu jeder unliebsamen Situation passt, die es im Leben gibt.

Dat is niet mijn pakkie-an.

Diesen Satz merke ich mir, und wenn demnächst jemand eine Frage an mich hat, die mit meiner eigentlichen Aufgabe nichts zu tun hat, werde ich ihm lächelnd: „Dat is niet mijn pakkie-an!“ entgegenschleudern. „Das ist nicht meine Aufgabe!“ bzw. „Das ist nicht mein Sachgebiet!“

Umso schöner, als ich heute den letzten Einschreibwilligen eingeschrieben habe. Wer nun noch kommt, hört von mir nur noch diesen magischen Satz. Nicht auf Deutsch. Auf Niederländisch, denn da klingt er so niedlich, dass kaum jemand böse sein kann. 😉

Und eines meiner Lieblingsverben habe ich im Niederländischen auch schon gefunden: aaien. Seit ich weiß, was das heißt, frage ich nicht mehr nach, was an: Schacklin, mach dat Mäh mal ei so witzig sein soll. 😉 Denn aaien heißt streicheln. Das ist doch wirklich süß. 😊

Und so lerne ich im Niederländisch-Kurs auch noch ganz eigene Eigenheiten meiner Muttersprache. 😉 Wie ich auch schon vor geraumer Zeit lernen musste, dass einer der Lieblings-Brotbeläge meiner Kindheit auch aus den Niederlanden stamme, wo er als hagelslag bekannt ist: Kenne ich von klein auf, wusste aber bis vor ein paar Jahren nicht, dass diese Angewohnheit aus Holland kommt. Man nehme eine Scheibe Graubrot, bestreiche sie mit Butter und streue danach Schokostreusel darüber. Aber ganz besondere Schokostreusel, die wie winzige Würmer aussehen: hagelslag eben. 😉

Ich bin gespannt, was ich in dem Kurs noch so alles kennenlerne, was ich für deutsch hielt … 😉

Meine Schultern singen Opernarien oder: Die Rückkehr des „Zünslers“ …

Irgendwie wusste ich schon zuvor, dass es eine Scheißidee sein würde, zum Rasenmähen nach D. zu fahren, da ich derzeit massive Probleme mit meiner rechten Schulter habe. Nachts weiß ich kaum, wie ich mich betten solle, da diese blöde Schulter widerliche Schmerzen erzeugt, die sonstwohin strahlen und derart impertinent sind, dass es einem gleich die Stimmung verschlägt. Lege ich mich linksgelagert: Schmerz. Drehe ich mich auf die rechte Seite: Schmerz. Liege ich platt auf dem Rücken – ich kann in Rückenlage hervorragend schlafen: Schmerz; und so kann ich selbst in Rückenlage nicht schlafen, obwohl diese Schlafposition erst kürzlich gepriesen wurde, da sie der Faltenbildung entgegenwirke. 😉 Fast glaube ich, die Bauchlage wäre derzeit am schonendsten für mich. Aber in Bauchlage kann ich per se nicht schlafen …

Eigentlich hätte ich am Donnerstagnachmittag einen Termin bei meinem Orthopäden gehabt, da es so ja nicht weitergehen kann. Selbst eine Spritze in Elefantengröße hätte mich nicht geschreckt, wenn nur diese Schmerzen endlich abgestellt sein würden. Doch als ich gerade auf dem Weg zur Praxis war, klingelte mein Handy: Die Praxis war dran und teilte mir mit, es tue ihnen furchtbar leid, aber Herr Doktor habe einen Notfall in der Familie und daher überstürzt die Praxis verlassen und die Sprechstunde beenden müssen. Dafür hatte ich selbstredend Verständnis, aber glücklich war ich nicht. Habe nun aber einen neuen Termin am nächsten Donnerstag.

Da meine Eltern derzeit in Franken weilen und ihr Garten in D. sich selbst überlassen ist – keine gute Idee, da die Natur ja frech einfach macht, was sie für richtig hält -, war mir klar, dass das so nicht gehe. Ich fahre zwar regelmäßig hin, aber die letzten beiden Male war ich nach der Arbeit zu spät da, den Rasen zu mähen: Die Nachbarn hätten sich recht herzlich bedankt. Und so sah ich nur nach der Post und goss die Pflanzen, die gegossen werden mussten, während ich mit Sorge das Wachstum des elterlichen Rasens betrachtete, der sich einen Spaß daraus zu machen schien, annähernd vor meinen Augen binnen Minuten an Höhe zuzulegen. (Wahrscheinlich habe ich mir dieses Turbowachstum nur eingebildet, aber ich fand doch erschütternd, wie sehr das grüne Zeug binnen weniger Tage an Länge zugelegt hatte …)

Es führte kein Weg daran vorbei: Ich musste heute hin und mähen – Schulter hin, Schulter her. Das ist so, wie wenn frau sich die Beine rasiert: Einmal damit angefangen, muss man in hoher Frequenz wieder zu Werke schreiten, denn ansonsten droht Wildwuchs. Und wer will das schon? 😉

Nicht allerbester Stimmung, raste ich heute am frühen Nachmittag gen D., vor meinem geistigen Auge das Grauen von in den letzten vier Tagen übersprungartig gewachsenen Grases, denn vor vier Tagen war ich letztmalig in D. gewesen, da irgendein Zähler in meinem Elternhaus abgelesen werden musste und der Ableser netterweise auch am späten Nachmittag des Ablesens willens und mächtig war (ich habe schon anderes erlebt).

Schwungvoll parkte ich vor der Garage, schwungvoll schloss ich die Haustür auf. Weniger schwungvoll betrat ich das Wohnzimmer, und mit angehaltenem Atem trat ich an die Terrassentür: Was würde mich erwarten?

Allzu sehr war das Gras in den vier Tagen nicht gewachsen, da wir einen Temperatursturz erfahren hatten, aber es sah dennoch beängstigend hochgewachsen aus – da musste dringend jemand ran! Doof war, dass jemand ich war. Aber durch Warten würde es nicht besser werden, und so eilte ich gen Garage und holte alles, was ich brauchte, schloss den Rasenmäher, ein Elektrogerät, sorgfältig an, um kurz darauf festzustellen, dass dieser reizende „Abstandhalter“ für die Schnur nicht mit dem Gegenstück zusammenpasste – offenbar war das Originalteil, das ich noch von vorherigen Mähaktionen kannte, defekt und von meinem Vater durch etwas ersetzt worden, mit dem er – aber auch nur er! – hervorragend klar kommt …

Schnaubend warf ich mir die Schnur über die linke Schulter und mähte los … Die elterliche Rasenfläche ist – wenn man es realistisch betrachtet – wahrscheinlich gar nicht so riesig, dafür aber mit vielen mehr oder minder sanften Bögen und diversen Winkeln versehen. Das bedeutet häufigen Schnur- bzw. Schulterwechsel. Fluchend mähte ich meiner Wege …

Zweimal signalisierte mir der Rasenmäher: „Ich kann nicht mehr! Keinen Bock mehr, blöde Trine! Hätteste halt eher gemäht!“ Und er schaltete sich aus … (Ja, toll – ich hätte auch gern eher gemäht, aber zeitlich ging es nicht – blöder Mäher! 😉 ) Überhaupt schien er zu schwächeln, da er nicht den gesamten Schnitt in den Auffangbehälter zu schaufeln gewillt war. (Vermutlich war das Ausmaß des Schnitts einfach zu groß, und zudem hatte es in den letzten Tagen mehrfach geregnet … 😉 ) Und während sich der Mäher ausruhte, ging ich mit einem Rechen daran, den nicht aufgefangenen Schnitt zusammenzuharken. Ein selten blöder Rechen von anno Pief – er bohrte sich aufs Impertinenteste in die Grasnarbe, und das Zusammenfassen des Schnitts war ein ziemlicher Kraftakt. Meine Schulter meldete sich ebenso impertinent, aber ich beschloss, die Einwände zu ignorieren. Es musste die gesamte Fläche gemäht werden – Stückwerk ging bei der Höhe des Grases gar nicht! 😉

Und so mähte ich, bis alles, was höher als vier, fünf Zentimeter war, eliminiert war. Keine Ahnung, wie oft ich den Auffangbehälter ausgeleert habe – ich habe nicht mitgezählt. Aber als ich fertig war, sang mein rechte Schulter vor Freude. Doch nicht nur sie – auch die linke Schulter! Und ich hatte den Eindruck, dass es sich um eine Opernarie handelte. Um eine ganz bestimmte. Genauer: Es kann sich nur um Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen aus Mozarts Zauberflöte gehandelt haben, eine Sopranarie mit ganz vielen Koloraturen – sehr anspruchsvoll und schwer zu singen, zumal der Tonumfang über zwei Oktaven geht. In etwa so äußerten sich meine Schultern, und ich bin gespannt, ob ich mich morgen normal bewegen kann. Es zahlt sich nicht aus, wenn man die letzten Wochen und Monate hauptsächlich an den Schreibtisch gefesselt war … 😉

Als ich gerade alles wieder in die Garage gebracht hatte, klingelte mein Handy: Meine Mutter war dran, und sie bat mich, doch mal einen Blick auf ihren Buchsbaum-Bestand zu werfen: ob da alles in Ordnung sei, wollte sie wissen. Da ich botanisch-gärtnerisch wohl beim Verteilen der diesbezüglichen Qualitäten entweder vernachlässigt wurde oder nicht anwesend war, war mir zunächst nicht klar, warum ich nachsehen sollte. Aber man lernt ja dazu, und schon fiel mir ein, dass es letztjährig bereits ein Problem gegeben hatte, das sich Zünsler nannte. Beim Zünsler handelt es sich um einen Schmetterling, dessen Larven, vulgo auch als Raupen bekannt, sich auf Buxus spezialisiert haben: den Gemeinen Buchsbaum.

Ich ging hin und begutachtete den Bestand: Vor der Haustür sah ich kahles Gewächs, nur aus einer Buchsbaumkugel ragte oben grünes Blätterwerk – alles andere war kahl. Im hinteren Garten ein ähnliches Szenario, und als ich mich über eine der beiden kleinen Zierhecken beugte, schrak ich zurück: Eklige Raupen bahnten sich ihren Weg – gerade riss eine quasi ihr Maul auf, biss in ein Buchsbaumblatt, und binnen Sekunden hatte sie es bereits aufgefressen!

Ich erstattete Bericht, und meine Mutter meinte: „Du musst sie einzeln mit der Hand einsammeln!“ Bitte was? Igitt! Nee! Niemals! Nicht ohne Handschuhe! Ich bin normalerweise nicht so fies vor den meisten Dingen, aber diese Raupen sahen eklig und fleischig aus – nicht ohne Handschuhe … Und – zum Glück sah meine Mutter es nicht – ich trat mit Schmackes gegen die kleine Zierhecke, worauf zahlreiche grünschwarze Raupen gen Boden stürzten. Da ich Handfeger und Kehrblech zur Hand hatte, fegte ich sie rasch auf und verklappte sie im Gartenteich. Nicht nett, aber zumindest freuten sich die Fische … Noch jetzt kribbelt es überall, wenn ich an diese sich windenden Raupen denke – bah!

Als ich dann noch die Terrasse fegte, da einiges an Schnitt daraufgeweht worden war, sprach mich eine Nachbarin an: „Hallo, Frau B. junior!“ – „Hallo, Frau S.! Ich hoffe, ich habe Sie nicht allzu sehr mit dem Rasenmäher gestört! Tut mir leid, wenn doch – das Gras war schon sehr lang. Ich habe leider nicht die Zeit, öfter herzukommen.“ – „Kein Problem, Frau B.! Und Sie haben es jetzt auch geschafft. Mir tat leid, dass Sie so viel Arbeit hatten. So ein Garten macht ja wirklich viel Arbeit. Meine Familie und ich sind auch schon seit geraumer Zeit damit beschäftigt – und immer kommt etwas Neues hinzu. Aber es macht ja auch Spaß.“ – „Ja, wenn man zusammen im Garten arbeitet, macht das wirklich Spaß!“

So hörte ich mich sagen. Und schon dachte ich: „Was, zum Teufel, redest du da?“ Denn Gartenarbeit hat mir noch nie Spaß gemacht, weder im Verbund, noch allein! 😉 Das ist einfach nicht mein Ding. Im Garten sitzen – toll! Im Garten grillen, ein Bierchen dabei – supertoll! Aber im Garten arbeiten? Gar nicht toll! Ich arbeite gern – aber nicht im Garten! 😉

Und doch werde ich alsbald wieder hinmüssen. Mit Gummihandschuhen, um die letzten Reste des Buchsbaums zu retten – sofern möglich …

Euch ein schönes Wochenende! Meine Schultern „singen“ immer noch … 😊

„Herr, wirf Hirn – bitte!“

Ich bin zwar nichtgläubig, aber es gibt Tage, da ich kurz davor bin, zu rufen: „Herr, wirf Hirn vom Himmel – und bitte schnell und reichlich!“

Wir haben sicherlich alle mal Tage, da nicht alles so geschmeidig und reibungslos läuft, und es gibt auch Tage, da wir vielleicht nicht ganz so geistesgegenwärtig sind. Ich ertappte mich an Tagen, an denen es mir selber so erging, ergeht, ergehen wird, schon dabei, wie ich: „Herr, wirf Hirn, bitte!“ vor mich hin- und dabei an mich selber dachte. Ich bin ja nicht sakrosankt – ganz im Gegenteil. 😉

Solange es dabei nur um mich selber geht, ist ein etwaiges Fail-Syndrom zwar ärgerlich, aber es schadet niemand anderem. Sollten andere involviert sein, sehe ich zu – und das zack-zack! -, dass ich meinen Fehler ausbügle und eine Lösung anbiete.

Zum Glück habe ich noch nie etwas verursacht, das schwerwiegende oder gar tödliche Folgen hatte. Zumindest weiß ich von nichts Derartigem.

Am vergangenen Wochenende las ich in einer überregionalen Zeitung in der Onlineversion etwas, das mir fast das Herz zerriss. Ich bin sehr tierlieb, und ich finde furchtbar, wie manche Menschen mit Tieren – aber auch Mitmenschen – umgehen. So gedankenlos – Bosheit muss nicht immer im Spiel sein. Ich nenne es mal Gedankenlosigkeit, obwohl es so viele andere Begriffe gibt, die hier passen würden. Einer fängt mit einem D an und hört mit –heit auf, der andere beginnt mit einem I und lautet auch auf I aus. Wird auch gern kombiniert mit einem Adjektiv: dem Gegenteil von leer oder unbefüllt.

Da war ein dreifacher Hundehalter mit seinem Kleintransporter zu einem Termin gefahren – die Hunde hatte er bei sich, denn diese – so seine später erfolgte Auskunft – hätten mitgewollt. Ja, klar – Hunde möchten immer bei ihrer Bezugsperson sein … Nichts Neues unter der Sonne. Nur ist schade, wenn die Bezugsperson wenig oder gar nicht mitdenkt.

Da er sie wohl nicht mitnehmen konnte und/oder wollte, ließ er die Hunde – alle drei kapitale Burschen – in dem bei fast 30 °C Lufttemperatur in der Sonne geparkten Wagen zurück. Kam auch erst fast zwei Stunden später zurück. Und dann: Großes Erstaunen, denn die armen Tiere kamen ihm gar nicht wie sonst fröhlich entgegengesprungen, sondern lagen apathisch hechelnd in Seitenlage in der mutmaßlich über 60 °C aufgeheizten Todesfalle, die doch bei Abfahrt nur ein konventionelles Auto gewesen war. Ein konventionelles Auto mit drei kapitalen Hunden auf der Ladefläche, die nun gar nicht mehr so kapital, sondern eher arm und klein wirkten. Einer hatte sich erbrochen, und er hatte Blut erbrochen, wie es hieß.

Immerhin war „Herr Hundehalter“ so schlau, die Tierrettung zu rufen, die sofort kam, und schnell schleppte man die armen drei Kerle aus dem Wagen in den Schatten, verabreichte Infusionen, versuchte, die Tiere mit Wasser zu kühlen. Anwohner schleppten eimerweise Wasser an den Tatort, Schläuche kamen zum Einsatz, und völlig Unbeteiligte maßen bei den völlig apathischen Hunden die Temperatur. Als die Infusionen nicht reichten, wurde die Feuerwehr alarmiert, die umgehend mit einem ganzen Karton Infusionen ankam und sogar dafür sorgte, dass ausnahmsweise dem Wagen der Berufstierrettung von der Feuerwehr mit Sonderrechten der Weg zur nächstgelegenen Tierklinik freigemacht wurde, als die drei Hunde dann kreislaufstabil waren.

Genutzt hat all das dennoch nicht: Ein Hund nach dem anderen starb innerhalb weniger Stunden. Aber – so der schlaue Halter – sie hatten ja mitgewollt …

Mitgegangen – mitgefangen – mitgehangen, so heißt es. Immerhin ist der völlig gedankenlose Halter (ich vermeide andere Adjektive, die besser passen würden) inzwischen wegen Tierquälerei angezeigt worden. Aber was bringt das, wenn Tiere doch noch immer als Sachen gelten. Ist doch nur Sachbeschädigung …

Das alles zu lesen, hat mich ziemlich aufgebracht. Fast noch mehr jedoch die Reaktionen mancher Kommentatoren unter dem Artikel, denn einige waren sich weder zu schade, noch zu schlau, sich zu beschweren, dass in Deutschland die Tierliebe doch wohl kranke Formen annähme. Und sie verglichen die beschriebene Situation mit der, da vor kurzem ein Hund seine zwei Halter getötet habe, was – da der Hund tierquälerisch gehalten wurde – eine Petition ins Leben gerufen hatte, den Hund am Leben zu lassen, da er lange genug gelitten habe. Ich habe sie nicht unterschrieben. Ich fand die Situation tragisch, und mir taten Mensch und Tier leid. Ich war mir jedoch nicht sicher, wie man sicher sein könne, einen solchen, über Jahre hinweg offenbar misshandelten, Hund resozialisieren zu können, wenn er nicht einmal vom Grunde her sozialisiert war. Mich störte die Tatsache, dass jeder Hinz und Kunz – ganz neutral gemeint – sich ohne jedwede Vorkenntnis einen Hund anschaffen könne.

Dennoch nervte mich die Gleichsetzung im Kommentarbereich sehr. Ja, es gibt sicherlich Menschen, die Tiere verhätscheln, vermenschlichen, womit Tieren ganz sicher nicht gedient ist. Aber es gibt auch Menschen, die mit Tieren umgehen, wie es sich gehört, weil sie sich mit den Bedürfnissen des jeweiligen Tieres zuvor auseinandergesetzt haben. Und dazu gehört meines Erachtens auch Mitgefühl, wenn ein Tier schlecht behandelt wird. Mitgefühl ganz ohne Zuckerguss, ohne swarovskibesetzte Halsbänder, putzige „Hundekleidung“ (gruselig!) – einfach für ein Lebewesen, das ebenfalls in der Lage ist, zu fühlen.

Nachdem ich den Artikel, jedoch auch die Kommentare gelesen habe, mache ich mir um meine in vielen Jahren anstehende Rente noch mehr Sorgen … Und um Denk- und Differenzierungsvermögen, die doch eigentlich vorausgesetzt werden können sollten. Oder nicht? 😉 Klingt vielleicht arrogant, ist aber gar nicht so gemeint. Ihr habt die Kommentare nicht lesen müssen … 😉

Fazit: Nie, niemals Kinder und/oder Tiere bei höheren Außentemperaturen allein im Auto lassen. Immer mitnehmen. Oder zu Hause lassen und jemanden abstellen, der auf sie achtgeben kann.

Es wird Jahr für Jahr in den Medien gewarnt. Dabei sollten doch schon der normale Menschenverstand oder zumindest eigene Erfahrungen ausreichen: Sicherlich hat jeder von uns schon einmal im Spätfrühling oder Sommer in einem stehenden Auto gesessen und am eigenen Leib verspürt, wie heiß das da drin ist. Ich erst letzte Woche, nach dem Arbeitstag, als mein Auto über acht Stunden Zeit hatte, sich derart aufzuheizen, dass ich erst gar nicht einsteigen konnte und mir – als Motor und Klimaanlage schon liefen – die Hand am Schalthebel verbrannt habe. Dabei reicht schon eine Viertel-, eine halbe Stunde, um ein Auto für ein kleines Kind oder einen Hund zur Todesfalle werden zu lassen. Aber viele Menschen scheinen es – trotz aller medialen Warnungen – nicht zu begreifen. Von gesundem Menschenverstand gar nicht erst zu sprechen.

Sorry – kein netter Text. Aber ich war wirklich fassungslos, als ich den Zeitungsartikel las.

Trotzdem: Euch einen schönen Abend! 🙂

 

„Prettig met u kennis te maken!“

Heute fuhren Jana und ich nach der Arbeit gemeinsam los. Der zweite Termin des Niederländisch-Kurses stand an, und diesmal konnte ich problemlos teilnehmen. 😉

Es ist ein kleiner Kurs, denn es gibt nur 7 Teilnehmer, obwohl mehr auf der Liste standen, die heute wohl erstmalig zur Verfügung stand und auf der man die einzelnen Termine abhaken muss. Offenbar hatte die Liste auf mich gewartet. 😉

Während die anderen Teilnehmer alle ihre Haken oder Kreuzchen machten, verkündete Thijs, der Dozent, heute komme noch ein Mann dazu. Wie zu erwarten, waren – abgesehen von Thijs selber – fast nur Frauen im Kursraum. Bis auf einen versprengten Mann, der mit seiner Freundin Niederländisch lernen möchte, da sie beide mit dem Gedanken spielen, sich in „het kikkerlandje“ dauerhaft niederzulassen.

Jana raunte mir zu: „Wahrscheinlich fühlt sich Thijs wohler, wenn noch ein weiterer Mann anwesend ist,“, und ich lachte gedämpft, da man ja nicht gleich durch eine dreckige Lache auffallen möchte. Offenbar jedoch war der Mann verspätet. Und nicht nur das – er tauchte gar nicht auf! Dafür aber hörte ich von Thijs ein erstauntes: „Ach!“, als ich ihm die Liste zurückgab, und da fiel der Groschen. Er hatte mich meines Vornamens wegen, den er wohl für einen männlichen gehalten hatte, völlig falsch eingeschätzt. 😉 Ich grinste ihn an und hob meine Schultern, und er grinste zurück.

Dann wurde wiederholt, was letztmalig behandelt worden war, und Thijs meinte zu mir: „Versuch es einfach – wir sind ja noch ganz am Anfang.“ Ich war ratz-fatz mit dem Übungszettel fertig. Ich hatte ja schon einen halben Niederländisch-Kurs vor vielen Jahren gemacht – offenbar war viel hängengeblieben. Sogar die Uhrzeiten, die meine frühere Aachener NL-Dozentin Marjolein so schmählich vernachlässigt hatte, hauten hin. Es ist nicht so schwer. Und ich bin hier besonders lernwillig, weil ich diese Sprache schon immer lernen wollte – schon von Kindesbeinen an, da ich sie so mag.

Dann ging es – wie Jana mir schon von der letzten Stunde zu berichten gewusst hatte – an die Aussprache. Da hatte ich schon gegrinst, denn noch immer hatte ich ganz plastisch vor Augen, wie Mike, ein Bekannter aus Aachen, der mit meiner damaligen Kurskollegin und guten Freundin Marilu verheiratet und darüber hinaus Niederländer ist, nach den jeweiligen Kursstunden das „ausbügelte“, was uns seiner Meinung nach dort nicht optimal beigebracht worden war. Speziell an unserer Aussprache des für Nicht-Niederländer sehr, sehr heiklen Lautes ui hatte er vieles zu meckern, und es stellte sich heraus, dass er ein echter „Schleifer“ sein konnte. Als ich nach etwa zweistündigem – gefühlt längerem – Üben sämtlicher UI-Wörter, die ihm einfielen, schließlich das Wort uien, Zwiebeln, authentisch aussprechen konnte, hatte ich fast Tränen in den Augen stehen, in etwa so, als hätte ich diese Scheiß-Zwiebeln allesamt geschält und kurz und klein geschnitten. Und an Marjolein hatte er auch zu meckern: „Was hat die euch als Beschwerde im Restaurant beigebracht, wenn das Hähnchengericht nicht schmeckt? De kip is niet lekker? Sagt das nie, niemals, nicht einmal dann, wenn es stimmt, in den Niederlanden! Denn dann könnte man euch für niet lekker halten, denn das heißt auch nicht ganz dicht sein. Ich sehe schon, was Idiome anbelangt, besteht hier großer Aufbesserungsbedarf.“ Wir versprachen und schworen, dass niemals derartige Formulierungen unseren Sprechwerkzeugen entfleuchen würden. Ich zumindest habe mich seither immer daran gehalten, und lieber hätte ich behauptet, jegliches noch so wenig genießbare Gericht wäre eine wahre Offenbarung gewesen, nur um die Wendung niet lekker zu vermeiden. 😉
Auch lernte ich, dass man niemals sagen dürfe, man sei satt. Denn den Begriff gibt es auch im Niederländischen, und er schreibt sich zat. Heißt aber etwas ganz anderes als im Deutschen, nämlich be- oder sturztrunken.

Mike war in der Hinsicht zwar ein echter Einpeitscher, aber offenbar im besten Sinne. Niemals würde ich in Holland äußern, das Essen sei zwar niet lekker gewesen, ich aber trotzdem zat. 😉

Thijs machte es spannend, als es um die korrekte Aussprache ging, und schon präsentierte er uns eine Liste von Wörtern, die wir der Reihe nach laut aussprechen sollten, dazu entscheiden, ob ein Laut lang oder kurz ausgesprochen werde – die Regeln hatte er kurz zuvor erklärt. Und er begann auf der anderen Seite der U-förmig aufgestellten Tische. Ich zählte die Begriffe ab – bei der Nummer 7 würde ich dran sein. O Gott! Passend zu meiner unvergleichlichen Fähigkeit, ständig die Arschkarte, das kürzere Streichholz zu ziehen, stand hinter der Nummer 7 in de tuin, was, so wusste ich noch, im Garten heißt. Ich war die Einzige, die einen Begriff mit diesem für Neusprachler undurchdringlichen ui-Laut hatte! Das war extrem unfair, wie ich fand. 😉 Alle anderen hatten so schöne Wörter und Begriffe, und es half mir auch nicht, dass Thijs auf meine vorherige Frage, wie man den ui-Laut am besten isoliert und nachhaltig übe, gesagt hatte: „Stell dir die Geräusche vor, die Seehunde machen, und dann machst du die nach!“ Sehr schön! Ich finde ja immer, dass der typische Ruf von Seehunden (zeehonden) immer ein wenig so klinge, als übergebe sich gerade jemand. „Ah, ja“, sagte ich und fügte hinzu: „Die Nachbarn werden sich freuen!“ Dann aber dachte ich: „Kopp hoch – nur die Harten kommen in de tuin!“

Gespannt blickte Thijs mich an. Ich räusperte mich, hängte meinen Unterkiefer aus, um einen seehundartigen Laut zu produzieren, und dann fing ich zu sprechen an. Ich bin mir sicher, dass Mike mich noch mindestens eine halbe Stunde lang tuin, uit, uien und weitere Wörter, die, von Muttersprachlern artikuliert, immer so charmant klingen, monoton hätte wiederholen lassen.

Thijs hingegen war begeistert! Er sah mich an, als hätte ich soeben das Rad erfunden, und dann rief er: „Das war perfekt!“ Ich staunte nicht schlecht. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Thijs aus Den Haag stammt, Mike hingegen aus Arnhem. Man muss die unterschiedlichen Dialekte, Akzente und Mundarten beachten. 😉

Als wir dann noch in unserem Lehrbuch, das Wat leuk! heißt, was in etwa mit Wie schön/nett/lustig/toll! zu übersetzen ist, obwohl ich der Ansicht bin, dass man dieses Wort gar nicht mit dem Gefühl, das dahinter steht, ins Deutsche übersetzen könne, seit ich Mascha kenne, die insgeheim bei mir auch Leukje heißt (sie sagt es immer mit derartiger Inbrunst, dass selbst toll dieser Inbrunst nicht gerecht wird), mehrere Dialoge per Lückentextauffüllung stemmen sollten, wobei wir den Text von einer CD hörten, muss ich wohl Zweifel bei Thijs ausgelöst haben. Denn als ich mich freiwillig zum Vorlesen des zweiten – sehr formellen – Dialoges meldete und sogar alles richtig hatte, sah er mich nachdenklich an und bat mich nach der Stunde zu sich.

„Das ist nicht deine erste Niederländischstunde gewesen, oder?“ meinte er in seinem reizenden niederländischen Akzent. „Nee,“, sagte ich, „ich hatte mal einen Kurs angefangen, aber der war nicht so gut wie dieser hier, und da habe ich ihn wieder abgebrochen – es machte einfach keinen Spaß. Und sich hinzuzwingen, bringt ja nichts. Aber das ist viele Jahre her.“ – „Wo war das? Kann es sein, dass du an der niederländischen Grenze gelebt hast – oder in der Nähe?“ – „Ja, mittendrin im Dreiländereck. In Aachen. Quasi am drielandenpunt.“ – „Ha! Lag ich doch richtig! Das habe ich sofort gehört! Da sind einige Besonderheiten in deinem Akzent!“ – „O je, das ist sicherlich schlecht.“ – „Nein. Man hört halt nur den Einfluss. Man hört aber auch, dass du offenbar ein annähernd natürliches Gespür für die Sprache hast. Das ist sehr gut. Unbedingt weitermachen.“

Super. Da ich in nächster Nachbarschaft der Provinz Limburg gelebt habe, klinge ich für jemanden, der Hoch-Niederländisch spricht (klingt irgendwie auch ein bisschen bekloppt: Hoch-Niederländisch), sicherlich so, wie es für einen Norddeutschen klingt, der ins tiefste Bayern zieht. Ich grinste Thijs an, der grinste zurück und meinte: „Man hört es ein bisschen an den Vokalen. Aber alles wunderbar und authentisch! Unbedingt weitermachen!“

Ich war überrascht: Ich lebe doch schon so lange nicht mehr in Aachen und sehe auch Mascha nur selten. Was einem alles ganz unbewusst so anhaftet! Sogar in Fremdsprachen …

Offenbar hat der sprachliche Einfluss aus Vaals, Maastricht und Umgebung mehr hinterlassen als die Bemühungen von Mike, der aus der Provinz Gelderland stammt. Glücklicherweise lebt er, denn sonst würde er im Grab rotieren – er fand die Limburgse Mundart immer ziemlich furchtbar … Armer Mike – da hatte er sich solche Mühe gegeben … 😉

Ich werde mich künftig bemühen, doch mehr die Hochsprache zu lernen. 😉 Spaß macht es allemal! 😊

Von „slingerschijt“ und „mierenneukers“

Vorgestern fand das erste Treffen des Niederländischkurses für groentjes en beginnelings statt, für den Jana und ich uns angemeldet haben – beide große Fans der Nederlandsche taal. Leider ohne mich, denn ich musste an jenem Mittwoch überstürzt und ohne mein tägliches Arbeitspensum geschafft zu haben, die Stätte der Fron verlassen. Mir ging es gar nicht gut. Ich hatte von halb 9 bis halb 12 Weiterbildungswillige eingeschrieben und war heilfroh, dass Jana – leise zwar, aber hörbar – Musik laufen hatte, denn ich hatte mir wohl am Tage zuvor etwas eingefangen, das nun Magen-Darm-Konsequenzen hatte. Mein Bauchbereich sonderte Geräusche ab, als kämpften zwei verfeindete Wolfsrudel oder sonstige Raubtiere miteinander … Ich hoffe, es lag nicht an der Veranstaltung vom Tage zuvor, da im internationalen Austausch befindliche Kunden uns kulinarische Spezialitäten ihrer jeweiligen Heimat kredenzt hatten. Falls doch, bin ich mir nicht ganz sicher, ob die getrocknete Mango aus Vietnam oder nicht doch der auf einer Eigenkreation beruhende „Auflauf“ aus den Vereinigten Staaten, der sehr viel Tabasco enthielt, dafür verantwortlich war.

Fakt war: Es ging mir gar nicht gut, und ich musste überstürzt nach Hause, teilte Jana aber noch mit, ich würde ihr Bescheid geben, wenn mit meiner Teilnahme am NL-Kurs wirklich nicht zu rechnen sei.

Gegen 17:15 h schickte ich ihr eine WhatsApp-Nachricht. Es ging so gar nicht, zumal ich quasi auf zwei Rädern mit dem Auto zu Hause eingetroffen war und meine Zeit danach hauptsächlich im Badezimmer fristete … Jana schickte mir liebe Grüße und Genesungswünsche, während ich mich ärgerte: Wie gerne wäre ich in die Nachbarstadt zum Kurs gefahren, auf den ich mich schon lange gefreut hatte!

Ich gebe zu, ich hatte schon ein bisschen überlegt, wie ich die Nachricht schicken sollte, nachdem ich recht schnell festgestellt hatte, dass meine Teilnahme an der ersten Stunde nicht gegeben sein würde (allerspätestens ab 17 h). Sollte ich ihr eine markige niederländische Bezeichnung meines Zustandes übermitteln, die sie dem Kursleiter gleich ebenso markig mitteilen könnte? Ich eruierte – wozu gibt es Online-Wörterbücher? -, dass mein Zustand ganz langweilig auch im Niederländischen als diarree bezeichnet werde. Langweilig.

Doch was war das? Da standen noch diverse Synonyme! Und eines davon war slingerschijt! Ich brach vor Lachen fast zusammen, wobei ich zum Glück ja schon saß. Und dachte einmal mehr: „Wie liebenswert-direkt diese Sprache doch ist – wie für mich geschaffen!“ Übersetzt das doch mal wörtlich ins Deutsche (was man eigentlich und normalerweise nicht so 1:1 darf – hier aber schon … 😉 )! Einfach grandios! 😉

Gestern bin ich eigentlich nur zur Arbeit gegangen, weil ich keine Lust darauf hatte, dass mein ohnehin schon immenses Arbeitspensum noch mehr zunähme, mein Schreibtisch, den ich derzeit ohnehin schon bisweilen gern einfach in die Luft sprengen würde, noch voller wäre. Richtig gut ging es mir immer noch nicht, und ich habe den ganzen Tag statt Kaffees nur Tee getrunken, schwarzen Tee, echten englischen schwarzen Tee mit viel Tannin. Der scheint auch geholfen zu haben. (Rührend war aber, wie meine Kolleginnen reagierten: „Das liegt alles nur an deiner Doppelbelastung!“ Fand ich richtig lieb, sagte jedoch: „Ich denke eher, es war die getrocknete Mango. Ich scheine darauf allergisch zu reagieren.“)
Jana meinte: „Ich glaube, du hast nicht so viel verpasst bei dem Kurs – ich denke, das, was wir gelernt haben, kanntest du schon. Wir haben Farben und Uhrzeiten gelernt.“ Die Farben kannte ich in der Tat schon, aber hinsichtlich der Uhrzeiten musste ich feststellen, dass meine Niederländisch-Dozentin an der RWTH da etwas hat schleifen lassen … 😉

Gleich fragte ich Jana nach den anderen Teilnehmern und dem Kursleiter. Kaum überraschend, teilte sie mir mit, dass bis auf einen Teilnehmer nur Frauen anwesend wären. Und der Kursleiter sei Niederländer und total nett, obendrein Sprachwissenschaftler. „Und da ist so eine Frau dabei, die wie eine Bibliothekarin oder Archivarin wirkt – eine echte Korinthenkackerin.“ – „Ah, so eine gab es in meinem früheren NL-Kurs auch – das scheint eine Art Standard in Sprachkursen zu sein. Die schien zum Lachen in den Keller zu gehen und schüttelte immer ihr weises Haupt, wenn wir alle mal wieder über einen knuddeligen niederländischen Begriff lachten – sogar die niederländische Dozentin. […] Was heißt eigentlich Korinthenkacker auf Niederländisch?“

Und schon bemühte ich eines der Online-Wörterbücher, und dies in Erwartung eines neuen erheiternden Begriffs, während Jana, genauso niederländischverrückt wie ich, mich gespannt ansah. Ich las laut: „Mierenneuker!“ Dann lachte ich. Jana rief: „Los! Was heißt das?!?“ – „Nun ja, was neuken heißt, weiß jeder, der schon mal den Spruch: Lekker neuken op de Wallen zonder te betalen gehört hat. Oder: Lekker neuken in de keuken!“

Jana sah mich an, dann fing sie heftig zu lachen an. Sie hatte sofort verstanden … Dann meinte sie: „Zumindest der hintere Teil des Wortes ist klar. Aber was sind mieren?“ – „Keine Ahnung – ich kenne nur Nieren. Aber warte …“ Und schon gab ich mieren ein. Sekundenbruchteile später versank ich in einer Art Lachflash …

„Los! Was heißt das? Was sind mieren?!?“ schrie Jana. „Nun sag schon – das ist unfair! Den hinteren Wortteil habe ich verstanden – aber warum lachst du jetzt so? Es muss etwas völlig Bescheuertes sein!“ Ich sah sie an und meinte: „Ja! Mieren sind Ameisen! Und nun kombiniere das eine mit dem anderen Wort – das ist ja noch besser als unser Korinthenkacker, obwohl ich den Begriff schon sehr schön finde!“ Und ich schüttete mich erneut vor Lachen aus. Jana meinte nur: „O Gott!“ Dann lachte auch sie hemmungslos. Und meinte schließlich: „Ali, wir sind genau richtig in einem Kurs, der uns diese Sprache lehrt – das ist einfach nur grandios und witzig!“ – „Einer der Gründe, weswegen ich diese so plastische Sprache lernen will.“

Jana erklärte mir dann noch, dass nächste Woche primär an der Aussprache gearbeitet werden würde, und dass der Kursleiter schon gesagt habe, dass das niederländische ui etwas schwieriger sei. Aber wenn man die korrekte Aussprache des Begriffs Feuilleton beherrsche, könne gar nichts schiefgehen. Merke: Man sollte die französische Sprache beherrschen, wenn man Niederländisch korrekt lernen will. Da sind Jana und ich zum Glück richtig.

Und selbst wenn unsere Aussprache vom Kursleiter moniert werden sollte, können Jana und ich nun immerhin dem Kursleiter sagen: „Hey! Wil je een mierenneuker zijn?“

Das ist doch schon einmal ein guter Anfang. 😉 Oder nicht?

Viele Wege führen nach Bonn – doch wehe, man will wieder weg …

„Wäre ich doch mit dem Auto gefahren!“ So dachte ich heute mehrfach, als ich die Stadt Bonn – einst Bundeshauptstadt – anderweitig verlassen wollte. Schon nach meinem Erstbesuch dieser Stadt hatte ich mich – damals noch ein Kind – schon gefragt, warum man just diese Stadt ausgewählt habe, obwohl sie zweifellos partiell sehr hübsch ist – es sei denn, man geht von ihrem Bahnhof aus … Denn der ist das Grauen. Zumindest momentan. Und Bonn an sich ist eine nette, wenn auch provinzielle Stadt.

Glücklicherweise bin ich eine Freundin des Realismus, und meine Eingangsfrage beantwortete ich mir selber: „Weil du Autobahnfahren hasst wie die meisten Katzen das Wasser!“ (Bis auf die aus der Türkei stammende Van-Katze, die Wasser so sehr liebt, dass sie sich voller Elan in die für ihren Halter wohltemperiert gefüllte Badewanne stürzt … 😉 Einige Ausnahmen mag es geben, aber die meisten Katzen verabscheuen Wasser und mögen es höchstens in geringer Darreichungsmenge zum Trinken.)

Am Mittwoch war ich zu einem vom DAAD veranstalteten Workshop gefahren, und auf der Hinfahrt war auch alles tutti. Mal abgesehen von dem eindeutig kurz vor der Abwrackung stehenden ehemaligen „InterRegio“-Zug, der inzwischen umgespritzt und – gefärbt als „InterCity“ unterwegs ist … Und „inzwischen“ bedeutet auch, dass er offenbar schon kurz nach Beginn der Geschichtsschreibung als solcher eingesetzt wurde. Aber was erwarte ich von einem IC, der tatsächlich in meiner Heimatstadt hält! 😉

Der Workshop war richtig toll, und ich kann rein gar nichts Schlechtes sagen, außer die Tatsache anmerken, dass die hervorragende Dozentin diesen auf absehbare Zeit nicht mehr veranstaltet, was wirklich ein Verlust ist. Sie erläuterte mir heute in der U-Bahn vom Gustav-Stresemann-Institut bis Bonn Hbf, warum dies so sei, und ich fand Gelegenheit, mich persönlich zu entschuldigen, dass mein vermeintlich auf lautlos gestelltes Smartphone gestern mitten im Seminar geklingelt hatte … 😉 (Bis gestern hielt ich mich für eine erbärmliche Sprinterin. Nun ja – auch diese Zeiten sind vorbei …)

Irgendwie verband diese Dozentin und mich offenbar etwas, denn als ich am Mittwoch eingecheckt, mein Zimmer im Institutshotel eingenommen hatte und nun mit dem Aufzug nach unten fuhr, um noch um den Block zu marschieren und mir etwas zu essen zu kaufen, prallte ich beim Aussteigen mit einer mich um Haupteslänge überragenden Dame zusammen, die direkt vor dem Aufzug gestanden hatte und unvermittelt eintreten wollte, dann jedoch rasch ihren Trolley beiseite fuhr, um den bisherigen Fast-Umfall zumindest zu minimieren. Ich dachte, warum auch immer: „Das ist garantiert die Dozentin!“ Keine Ahnung, warum. Doch! Wann immer ich Fortbildungen mache oder gemacht habe, gab es bei meiner Ankunft oder vice versa Zusammentreffen vorher, bei denen ich dachte: „Das ist garantiert der Dozent/die Dozentin!“ Oft mit irgendwelchen Peinlichkeiten oder Missgeschicken verbunden – und nicht selten trog meine Ahnung nicht.

Es wunderte mich daher am nächsten Morgen keineswegs, dass ich kurz vor Beginn des gestrigen Seminartages just dieser Frau gegenüberstand, die all ihre Eleven persönlich und mit Handschlag begrüßte. Als ich vor ihr stand, stutzten wir beide, und dann fing ich zu lachen an – ich kann leider nicht aus meiner Haut. Sie lachte mit und meinte: „Irgendwoher kennen wir uns!“ – „Ja, wir wären gestern fast zusammengeprallt.“ – „Wo?“ – „Als Sie wohl gerade ankamen und den Aufzug nehmen wollten, aus dem ich gerade ausstieg …“ – „Ach, ja! Das ist ja nett! Wohnen Sie auch im dritten Stock?“ – „Nein, im ersten.“ Trotzdem schüttelte sie mir heftig die Hand, und ich konnte mir sicher sein, dass ich nicht mehr aus dem Auge gelassen werden würde.

Ehrlich gestanden: Da hatte ich die Befürchtung, dass ich nunmehr zu jeglichen unangenehmen Übungen herangezogen werden würde. Ich kenne das von manchen Dozenten: Sie kennen ein Gesicht und greifen dann in Zweifelsfällen gern auf dessen Inhaber zurück. Wie auf einen Rettungsanker. Ich habe das in meiner Dozententätigkeit nie gemacht, war aber während eines Seminars im Rahmen einer Fortbildung schon einmal „Opfer“.

Die Dozentin hier war jedoch wirklich gut und behandelte uns alle gleich. Und sie war nett, dennoch unnachgiebig, und wir haben gestern wirklich von 9 bis Viertel vor 6 gearbeitet, und das, da es auch um Themen ging, die den Umgang mit Emotionen in der Beratungstätigkeit behandelten, wirklich energieraubend. Heute von 9 bis Punkt 1. Und sie hat geschafft, dass auch ich inzwischen glaube, in ferner Zukunft mal eine gute Beraterin zu werden. 😉 Offenbar habe ich bis dato auch viel durchaus richtig gemacht, wie sie mir bescheinigte, da ich mich trotz geringer Erfahrung häufig einbrachte. Sie sagte mir heute in der U-Bahn: „Ihre Eingangsfrage fand ich wirklich nett, als ich fragte, wie Sie alle Ihre Kunden begrüßen würden: ‚Was führt Sie zu mir?‘ Und Ihre Attitüde fand ich so nett: Sie vermittelten wirklich, interessiert zu sein, und Sie bringen etwas herüber, das dem Ratsuchenden zeigt, dass er Ihnen alles erzählen kann.“ Ich grinste, weil ich dachte: „Ja, derzeit bin ich liebreizend, da ich noch nicht viel von der Tätigkeit weiß und mir die Ratsuchenden leidtun, da sie just auf mich treffen. Da muss man doch wenigstens lieb sein und sie lieb begrüßen.“ Das sagte ich auch der Dozentin, die schallend zu lachen begann.

Dann meinte sie: „Ich glaube, Sie unterschätzen sich. Sie scheinen wirklich sehr schön mit Ihren Kunden umzugehen. Sie müssen sich nur Zeit lassen – Sie sind doch noch ganz am Anfang. Hat sich denn schon mal jemand über Sie beschwert?“ – „Nein. Eher im Gegenteil.“ – „Na, sehen Sie! Das meine ich.“ So erzählte sie mir heute in der U-Bahn Richtung Chaos, auch Bonn Hbf genannt.

Dort trennten sich unsere Wege, denn sie musste weiter nach Köln, während ich für drei Stunden strandete.

Da der Arbeitgeber Öffentlicher Dienst nurmehr die günstigsten Tickets bei Dienstreisen akzeptiert und erstattet und da ich mit Verzögerungen gerechnet hatte und nach Möglichkeit ohne Umsteigen zurück ins Ruhrgebiet wollte, hatte ich mir eine bestimmte Verbindung herausgesucht. Ging erst zwei Stunden nach meiner Ankunft an diesem … Bahnhof.

Ich war schon am Mittwoch entsetzt, als ich dort eintraf. Es schienen nur drei Gleise überhaupt befahren zu sein, davon eines lediglich geringfügig. Die Gleise 2 und 3 dafür verstärkt, und exakt diese Situation bot sich mir heute erneut. Der Bahnhof eine Großbaustelle, Gleis 1 gesperrt, die Gleise 2 und 3 dafür übervölkert.

Nachdem ich etwas gegessen hatte – an Gleis 1 eingenommen, da dort hinreichend Sitzgelegenheiten warteten -, machte ich mich auf zu Gleis 2, wo mein Zug später abfahren sollte. Ein Gewühl dort, als bestünde irgendein Notstand. In all dem Gewühl sah ich Malina, eine Seminarkollegin, als ich mich gerade auf den hinteren Gleisbereich begeben und den Raucherbereich suchen wollte. Sie sah mich auch und winkte heftig – ich schwenkte um und kämpfte mir den Weg zu ihr durch.

„Das ist ja schön – so sehen wir einander noch einmal!“ schrie sie. „Hoffentlich hast du mehr Glück mit deinem Zug als ich!“ – „Der fährt erst in über einer Stunde, und eigentlich könnte ich noch in die Stadt …“ – „Mach das bloß nicht! Auf die Weise habe ich schon mal den letzten Zug verpasst!“ – „Ja, es lohnt sich auch für mich nicht. Aber was ist mit dir?“

Es stellte sich heraus, dass sie – sie kam von der Uni in Frankfurt – eine Verbindung hatte, die mit mehrmaligem Umsteigen u. a. in Köln verbunden war. Aber am Nebengleis war eine Direktverbindung nach Frankfurt Hbf angezeigt, die bei der Vorab-Buchung nicht angezeigt worden war. Ebensowenig auf bahn.de, wie mir Malina sehr lebhaft sofort auf ihrem Smartphone zeigte und beteuerte, sie habe inzwischen alles versucht, umzubuchen, was aber mit einem Sparticket nicht gehe.

Ich sah eine Bahnbedienstete am Gleis und sagte: „Da hinten ist eine Bahnbedienstete – los, die fragen wir jetzt!“ Gesagt – getan, und sie war eine sehr gute Beraterin. 😉 Denn sie erklärte, dass sie, sobald der Zug einfahren würde, mit dem Zugführer sprechen würde, der Malinas Sparticket, mit dem man nur und ausschließlich den zuvörderst gebuchten Zug besteigen dürfe, sicherlich umwandeln könne. Ich weiß noch, dass wir ihr sagten: „Wir setzen uns dort vorn hin!“ Sie meinte, sobald der Zug einführe, würde sie uns ganz sicher finden …

Malina und ich redeten und redeten … Sie erzählte mir, dass sie in der zwölften Woche schwanger sei und sich so freue. Ich dachte: „Die Dritte in der reinen Frauenveranstaltung dieses Seminars!“ Denn offenbar verirren sich wenige Männer in diese Tätigkeit, warum auch immer, denn es war in der Tat eine reine Frauenveranstaltung gewesen. 😉

Ich freute mich aber auch für sie, und als wir beide kaskadenartig redeten, muss wohl der Zug eingefahren sein, der ohne Umstieg nach Frankfurt gefahren ist, heute, von Bonn Hbf … 😉

Als Malina zehn Minuten später die Nähe der zuvor gedungenen Bahnbediensteten suchte, sah ich nur noch, wie diese in einer Art gestikulierte, die für mich so aussah, als sagte sie: „Wo waren Sie denn?“ Es bestätigte sich, als Malina dann zu mir zurückkam. Immerhin: Wir lachten beide, und ich habe sie dann in den nächsten Zug verfrachtet, der gen Köln fuhr. Sie nahm mich zum Abschied in den Arm, ich drückte sie auch, wies dann auf ihren Bauch und meinte: „Alles Gute für euch!“ Das hatte immerhin zur Folge, dass nicht ich – wie ich es eigentlich geplant hatte – ihren Trolley in den Zug hob, sondern ein Mann, der Richtung Malina meinte: „Sie dürfen nicht schwer heben!“ Ich kniff ihr ein Auge zu, sie kniff zurück.

Und mein IC – zumindest besser als das Ding, mit dem ich am Mittwoch gen Bonn gefahren war – kam auch irgendwann mit nur 40 Minuten Verspätung nach eigentlicher Abfahrzeit.

Immerhin war es ein schönes Seminar mit netten Kolleginnen, deren Probleme mit den meinen zumindest arbeitstechnisch bisweilen fast deckungsgleich sind. Mindestens drei waren schwanger – das bin ich nicht. 😉

Der Bonner Hauptbahnhof ist – zumindest derzeit – jedoch eine Katastrophe. Nichts fährt, wie es sollte, und es gibt nur zwei ernsthaft befahrene Gleise, aber der Nutzer dieser Institution wird zumindest darauf hingewiesen, dass derzeit 150 Bahnhöfe innerhalb Deutschlands auf ähnlich schöne Weise nicht nur renoviert, sondern beglückt werden.

Ich kann nur eines sagen: Den Bonner Hauptbahnhof habe ich als Kind oft befahren, wenn auch nur auf der Durchreise zu schöneren Zielen. Und wenn es so bleibt, wie es ist, wird sich daran nichts ändern. 😉

Aber es gab wohl einmal ein sehr schönes – aus meiner Sicht – Staatsgeschenk seitens Deutschlands an Großbritannien, und das vor der Wiedervereinigung: ein Pferd. Ich glaube, es war ein Hannoveraner Wallach, der wie eine Eins in die britische „Kavallerie“ passte, die an Tagen bemüht wurde, da Repräsentationspflichten anstanden. Der Rappwallach aus deutschen Gefilden trabte in schönem Gleichschritt mit seinen Kollegen anderer Provenienz mit. Sein Name: Bonn.

Was für ein Name für ein so stolzes Tier! 😉

Der Fels in der Brandung – das Auge des Hurrikans: Ali …

Ostern ging viel zu schnell vorüber. Vier Tage der Ruhe. Gestern Abend saß ich ein wenig niedergeschlagen auf der Couch – niedergeschlagen, weil alles immer so schnelllebig ist und ich am Folgetag, ergo heute, wieder in das eintreten würde, was man gerne metaphorisch als Hamsterrad bzw. – für Anglophile – als rat race bezeichnet.

Ich arbeite gern, und ich möchte gar nicht dauernd zu Hause sitzen, aber derzeit dreht sich das Hamsterrad für mich noch schneller als gewöhnlich, etwa doppelt so schnell, da ich schneller treten muss, weil die Tätigkeitsfelder zweier Stellen von mir bedient und erledigt werden müssen. Und beide sind mir neu … 😉

Ergo hoffte ich, als ich heute den Weg zur Arbeit antrat, darauf, es möge ein relativ ruhiger Tag werden. Mit absoluter Ruhe rechne ich schon gar nicht mehr. 😉

Er fing auch ruhig an, der Arbeitstag. Ich gratulierte meiner Kollegin Saskia nachträglich zum Geburtstag und überreichte ihr ein kleines Geschenk. Wir waren heute allein in unserer Abteilung, da alle anderen noch Urlaub hatten. Und ich kochte erst einmal Kaffee …

Dann begann ich, das zu erledigen, was ich am Donnerstag nicht mehr hatte erledigen können. Vergleichsweise wenige Mails in der jeweiligen Mailbox meiner vier Dienstaccounts – ich begab mich auf die Seite der Deutschen Bahn, da ich für morgen und Freitag ein Ticket benötigte, denn morgen am frühen Nachmittag muss ich mich zu einer Fortbildung aufmachen, einen Workshop, in dem es um die Optimierung von Kundengesprächen geht. Ich freue mir schon jetzt die Hucke voll, da einer der Programmpunkte Rollenspiele lautet. Ich hasse Rollenspiele! Zumindest dann, wenn ich Bestandteil und nicht nur Beobachter bin. 😉

Dann klingelte mehrfach das Telefon, und glücklicherweise konnte ich den Anrufern helfen. Na, also! Es lief doch alles prima, obwohl Jana im Urlaub war und mehrere Leute nicht nur telefonisch, sondern höchstpersönlich Rat suchend auftauchten. Ich glaube, ich habe das ganz gut hinbekommen. 😉

Doch bei einem weiteren Telefonat, das auch recht erfolgreich verlief, pochte es plötzlich an meine Bürotür, und ein junger Mann streckte seinen Kopf durch die Tür. Ich kannte ihn, ich hatte ihn bzw. seine Unterlagen erst am vergangenen Donnerstag weiterbildungstechnisch geprüft und registriert, auf dem letzten Drücker, da er eine Prüfung absolvieren wollte, die bereits diese Woche stattfinden soll. Ich nickte und lächelte ihm zu und bedeutete ihm mimisch wie gestisch, einen Moment vor der Tür zu warten, bis ich das Telefonat beendet hätte. Er verschwand sofort wieder auf dem Gang vor Janas und meiner Bürotür.

Als ich mit dem Telefonat mit dem anderen Kunden, meinem zweiten Themengebiet zugehörig, fertig war, holte ich den jungen Mann wieder ins Büro. In der Zeit, da ich den Hörer aufgelegt, mich erhoben hatte und zur Tür schritt, durchliefen mehrere Gedanken mein Hirn: „Was will er hier? Es ist doch alles gut ausgegangen, und er wurde gerade noch rechtzeitig eingeschrieben … Was ist passiert? Er sah so besorgt aus! O Gott!“ Ich hatte kein gutes Gefühl …

„Herr […]? Kommen Sie doch bitte herein! Entschuldigen Sie, bitte – ich musste das Gespräch noch zu Ende führen, aber jetzt bin ich ganz für Sie da!“ rief ich derart strahlend, als hätte ich an der Losbude auf der Kirmes – nach vielen kostspieligen und Löcher ins Kinderportemonnaie reißenden Nieten – endlich den großen himmelblauen Plüschelefanten gewonnen, dessen Materialwert den Preis der dafür aufgewendeten Lose bei weitem unterschreitet. (Verzeihung! Heute wäre es sicherlich ein in den Farben des Regenbogens schillerndes Riesen-Einhorn mit güldenem Plüschhorn auf der Stirn – und da komme ich mit Elefanten! 😉 )

„Nehmen Sie doch bitte Platz!“ rief ich womöglich noch strahlender und mit fanfarenartig fröhlicher Stimme und wies auf einen der beiden Besucherstühle vor Janas und meinen Arbeitsplätzen. Insgeheim dachte ich: „Warum kann Ostern nicht doppelt so lange dauern? Was will er? Und hoffentlich bin ich in der Lage, das Problem zu beheben!“ Denn dass es sich um ein solches handeln musste, war mir so klar, wie etwas nur klar sein kann.

Und mit aufmunterndem, fröhlichem Lächeln ließ ich mich auf meinem Bürostuhl nieder. „Was gibt es denn, Herr […]?“

Mit besorgter Miene hielt mir der junge Mann drei Schriftstücke entgegen. Bei dem einen handelte es sich um seinen von mir höchstselbst ausgestellten Zulassungsbescheid, aber offenbar um eine Kopie aus dem Prüfungsamt, denn zwei Aspekte waren mit grünem Textmarker hervorgehoben. Ich erinnerte mich dunkel daran, dies mit leichter Hand selber getan zu haben, den zweiten Aspekt besonders nachdrücklich, bei dem es sich um die Bezeichnung der Prüfung handelte, die der junge Mann absolvieren wollte. Der nachdrückliche Markierduktus trat sogar auf dieser Farbkopie deutlich hervor. 😉

Das zweite war seine Registrierungsbescheinigung, die jedoch nur bis zum 31. März und damit vorläufig gültig war, da er eine endgültige erst nach Überweisung des Beitrages erhalten würde. Das dritte Papier war der Überweisungsnachweis seiner Bank. Er hatte wohl direkt nach seiner Registrierung am Donnerstag brav den Beitrag angewiesen. Dazu sagte er: „Ich muss mich morgen mit einer gültigen Registrierungsbescheinigung ausweisen, wenn ich die Prüfung antreten will. Ich habe aber nur diese hier, und die ist seit drei Tagen abgelaufen. Was mache ich denn jetzt?“

Diese Frage stellte sich mir auch. Ich bin noch völlig neu in diesem Metier und leider noch nicht mit allen Wassern gewaschen. Es war doch alles nach Plan gelaufen – nur war der Plan zumindest offenbar partiell scheiße … 😉 Ich merkte, dass ich selber etwas unsicher wurde, aber ich verstärkte mein Lächeln daraufhin und meinte: „Sie haben alles richtig gemacht und sofort überwiesen. Es kann natürlich ein paar Tage dauern, bis der Betrag auf unserem entsprechenden Konto gebucht ist – und es war ja auch Ostern.“ (Ja, genau. O Gott! Und morgen war die Prüfung!)

„Warten Sie, das haben wir gleich,“, meinte ich optimistisch. Zumindest nach außen.

Ich habe früher oft und viel mit Kindern gearbeitet, und Kinder brauchen Sicherheit, die man ihnen am besten auch dann möglichst überzeugend vermittelt, wenn man selber gar nicht so sicher ist. Das ist mir offenbar in Fleisch und Blut übergegangen, und es scheint sich nun, da ich mit Erwachsenen arbeite, auszuzahlen. Denn die brauchen auch Sicherheit.
😉

Und schon wählte ich meine Kollegin Sabrina an, die immer alles weiß. Sie verwies mich an den Vorgesetzten. Den rief ich kurz darauf an, und er meinte: „Ein Fall fürs Prüfungsamt.“ Dort rief ich an, erreichte aber niemanden. Ich rief erneut den Vorgesetzten an, der mich an eine andere Stelle verwies. Dort meldete sich auch niemand. Mir wurde ganz anders, aber ich ertappte mich dabei, wie ich meinen armen „Kunden“ gewinnend ansah und derart optimistisch, dass es schon fast an für mich völlig untypische Euphorie grenzte, sagte: „Keine Sorge, Herr […], alles wird gut!“

Wie viele Anrufe an verschiedene Stellen ich insgesamt startete, habe ich nicht gezählt. Sie gingen allesamt erfolglos aus, und ich habe irgendwann sogar in der Finanzabteilung angerufen und eine der Buchhalterinnen gefragt, ob denn inzwischen die Buchung eingegangen sei. Sie war total nett, und ich hatte den Eindruck, es tue ihr leid, dass sie mir keinen positiven Bescheid geben konnte. Mein Mut sank, aber ich lächelte den jungen Mann gewinnend an und rief: „Keine Sorge! Alles wird gut!“ Dabei stand mir der kalte Schweiß auf der Stirn …

Nachdem ich noch weitere Stellen vergeblich angerufen hatte – Ferien und Urlaubszeit! – und ziemlich allein auf weiter Flur stand, meinte ich: „Bei wem schreiben Sie die Prüfung?“ – „Bei Herrn Müller!“ – „Alles klar, dann rufe ich jetzt den an! Und keine Sorge: Alles wird gut!“ strahlte ich den jungen Mann an, wobei meine Schläfenadern aufs Empfindlichste pochten. Die Erholung über Ostern ebenso empfindlich dahin …

Herr Müller ging gleich nach dem ersten Klingeln dran – fast hätte ich vor Schreck den Hörer fallengelassen! Aber ich bin ja professionell – zumindest musste ich es hier sein. 😉 Und so rief ich vermeintlich fröhlich: „Herr Müller! Guten Tag – und ich hoffe, Sie hatten ein erholsames und schönes Osterfest!“ – „Ich hoffe, Sie auch, Frau B.! [Ja. Nur das, was danach kam, war nicht so erholsam …] Was kann ich für Sie tun?“

Rasch schilderte ich das Problem, dabei stets mit aufmunternder Alles-wird-gut-Attitüde zu meinem „Kunden“ blickend und nickend, der inzwischen einen unserer Dienstkulis vor Nervosität irreversibel auseinandernahm. Ich habe den Kuli danach entsorgt – er war nicht mehr zu gebrauchen.

Herr Müller meinte: „So ein Zufall! Ich sitze gerade vor der Teilnehmerliste der Kandidaten für die morgige Prüfung! Herr […] ist zugelassen. Und er soll einfach den Zulassungsbescheid mitbringen, ebenso einen amtlichen Ausweis mit Lichtbild. Und dann noch […]. Und auch […] noch! Dann kriegen wir das hin.“ – „Danke, Herr Müller. Ich gebe es weiter. Herzlichen Dank – Sie haben sehr geholfen!“

Und ich legte auf und strahlte den jungen Mann an: „Sehen Sie! Ich habe doch gesagt, dass alles gut werde! Sie müssen nur morgen einiges vorlegen …“ Und ich zählte alles auf, er notierte sich alles, und dann sagte ich erneut: „Alles gutgegangen – wie ich es sagte!“

Da meinte der junge Mann: „Frau B. – ich bedanke mich bei Ihnen ganz herzlich. Ich bin selten derart nett behandelt worden. Ich hatte irgendwann den Eindruck, dass Sie an Ihren eigenen Worten zweifelten, dass alles gutgehen würde. Aber ich hatte auch danach keine Minute Zweifel an Ihnen. Sie waren so engagiert, dass ich dachte: ‚Es sieht zwar offenbar nicht so gut aus, aber sie wird sicherlich eine Lösung finden‘. Und das haben Sie – ganz herzlichen Dank! Auch für Ihre gekonnte Ansprache, dass alles gut werden würde – ich habe erst relativ spät gemerkt, dass Sie sich dessen ganz und gar nicht sicher waren.“

Ich platzte vor Lachen heraus und meinte: „In der Tat. Aber jetzt ist ja wirklich alles in trockenen Tüchern, und das freut mich sehr. Und ich drücke Ihnen für die Prüfung morgen ganz fest die Daumen!“ – „Danke. Und Sie empfehle ich weiter – ich habe selten jemanden erlebt, der derart überzeugend beteuert, alles werde gut und man dann erst mit einiger Verzögerung merkt, dass die Dinge gar nicht so sicher liegen. Ich hatte aber dennoch wirklich keine Zweifel an Ihnen.“

Als ich den in seinen Grundfesten zerstörten Kunden-Kugelschreiber in meinen Papierkorb entsorgte und durch einen neuen ersetzte, grinste ich. Denn im Grunde hatte ich mich selber zu beruhigen versucht, als mir klar war, dass ich in der Tat allein auf weiter Flur stand – hatte durchaus genutzt. 😉

Danach rauchte ich erst einmal eine Zigarette mit Kerstin, die offenbar auch einen stressigen Tag hatte. Aber ich meinte nur: „Keine Sorge, Kerstin! Alles wird gut!“ Sie war danach auch schon viel besser gelaunt. 😉

Ganz im Ernst: Wozu da noch die Fortbildung bis Freitag? Am heutigen Kundengespräch wäre nichts mehr zu optimieren gewesen … 😉 Und künftig verlasse ich mich nur noch auf mich selbst und frage in vergleichbaren Fällen gleich nach dem Prüfer, wenn der vorgeschriebene Dienstweg schon in ersten Ansätzen nicht funktionieren will. 😉

„Décoluchisée“

Heute, am Karsamstag, hatte ich endlich Zeit, mal wieder zum Friseur zu gehen – meine Haare reichten schon fast bis zu den Schultern, ließen sich morgens nicht mehr so recht bändigen, und meinen Pony hatte ich bereits zweimal höchstselbst ein wenig gekappt, weil er schon weit über die Augen reichte, zumindest im nassen Zustand, und sich seinen Weg bis zur Nase bahnen wollte. Ich erinnerte im Aussehen mehr und mehr an den Bobtail meiner Patentante – Gott habe es selig, das liebe, wenn auch ein wenig unbedarfte Tier, das einmal vor meinen Augen versehentlich gegen eine Wand rannte, weil sein „Pony“ rassetypisch weit über die Augen reichte, die man nur sehen konnte, wenn man den Schopf des Hundes anhob. Da es so schnell ging, hatte ich leider nicht mehr eingreifen können. Zum Glück aber war ich da, den armen Kerl zu trösten, als er nach der Kollision weinend durch die Gegend taumelte … Und er erholte sich auch glücklicherweise schnell und hatte fortan immer einen echten Pony, so geschnitten, dass man nicht nur seine Augen, sondern er auch ungehindert aus denselben sehen konnte … 😉 (Wenn ich es recht überlege, ist es total pervers, einem Hund die Rute derart zu kupieren, dass er, wenn er mit dem Schwanz wedeln will, mit dem gesamten Hinterteil wackeln muss, aber seine Stirnhaare derart lang wachsen lässt, dass er dauernd Gefahr läuft, gegen Hindernisse zu rennen. Meine Patentante, die sehr an dem lieben Tier hing, schnitt ihm daraufhin höchstselbst immer einen Pony, der ihn ein bisschen wie Coluche aussehen ließ. Es fehlte nur die Brille.)

Ein bisschen erinnerte auch ich – vor dem Friseurbesuch – an diesen französischen Humoristen, wenn auch sein Pony erheblich kürzer war als meiner und an seiner Stirn klebte, als hätte man ihn dort mit Sekundenkleber fixiert. Das tat meiner nicht, ganz im Gegenteil – er verfügte eher über ein flatterhaftes Wesen. 😉 Ansonsten aber sahen meine Haare ähnlich sauerkrautartig aus wie die seinen. Nur dass meine nicht dunkel und auch nicht lockig sind.

Nachdem ich gestern einen Film gesehen hatte, in dem dieser leider bei einem Motorradunfall tödlich verunglückte, recht krasse und provokante, mir aber nicht zuletzt daher sehr sympathische Humorist mitspielte, war mir klar, dass ich heute keineswegs ausschlafen, sondern schnurstracks zum Friseur eilen würde. Ich sah den Film zunächst auf Deutsch, dann auf Französisch, da ich meine brachliegenden Fertigkeiten in der französischen Sprache, die ich einst fast fließend sprach, ein wenig aufpeppen wollte. Und wenn ich auch Coluche seiner provokanten und kompromiss- wie furchtlosen Art dem sogenannten Establishment gegenüber schätze, wollte ich doch nicht so aussehen wie er. 😉

Als ich beim Friseursalon eintraf, war ich mir nicht sicher, ob ich auch wirklich drankommen würde – es war Samstag, und da sitzen sehr gern Rentnerinnen da. Ausgerechnet am einzigen Tag, da auch Berufstätige die Dienste der Inhaberin dieses Unternehmens ohne Einschränkungen in Anspruch nehmen können. Obwohl Rentnerinnen jeden Tag in der Woche – abgesehen von Montag, da Friseure traditionell frei haben – Zeit für den Friseurbesuch haben.

Und exakt so war es, als ich eintraf: Im Wartebereich saßen bereits eine Rentnerin und eine Frau, die nicht viel älter als ich gewesen sein mag, aber offenbar ein inniges Verhältnis zu Sonnenbänken und sehr, sehr lange blondierte Haare hatte. Etwas zögerlich rief ich: „Guten Morgen!“ Und Frau K., die Inhaberin des Salons, ihres Zeichens Friseurmeisterin, grüßte zurück und rief gleich, als sie mein zögerliches Verhalten sah: „Nein, nix da – nicht weggehen. Es kann etwas dauern, aber Sie kommen auf jeden Fall noch dran, Frau B.!“ – „Gehen auch noch Strähnchen – oder nur Schneiden?“ Schneiden war zwar vorrangig vonnöten, aber ich konnte meinen Ansatz auch nicht mehr ertragen – er sah aus wie eine Start- oder Landebahn auf einem Flughafen … 😉 Frau K. meinte: „Kommt ganz darauf an, wann Sie drankommen – ich kann das im Moment nicht genau abschätzen.“ Denn sie und Melly, die heute Dienst hatte, hatten da einige Damen jenseits des Erwerbstätigenalters sitzen, und eine meinte mit Blick auf mich: „Ach herrje, Frau K.! Da sollen Sie auch noch strähnen! Sie wollen doch auch mal Feierabend haben! Ach, könnten Sie mir bitte noch die Augenbrauen färben, wenn Sie mit meinen Haaren fertig sind? Die Haare bitte gründlich waschen, denn ich habe das jetzt seit zwei Wochen nicht gemacht.“ Die Dame hatte ziemlich kurze Haare, und ich fragte mich, weshalb sie überhaupt dort saß, indem ich meine Haare ordnete, die sich erneut coluchemäßig verselbstständigt hatten, nachdem ich meinen Schal abgenommen hatte. Und im Spiegel sah mein recht dunkler Haaransatz noch mehr wie eine Landebahn aus. Einzig die Bahnbefeuerung fehlte … Und da regte sich eine Rentnerin, die von Dienstag bis Freitag jeden Tag nutzen könnte, an einem Samstag auf, dass eine Berufstätige sich um kurz vor 10 erdreistete, sich Strähnchen machen und die Haare schneiden zu lassen, weil sie sonst keine Zeit dazu hat … 😉

Die Frau mit den langen blondierten Haaren und dem gegerbten Antlitz sah mich grinsend an, und ich hob die Schultern und meinte: „Ich kann nur samstags.“ Sie grinste noch mehr und meinte: „Ich auch. Und ich hätte auch gern so richtig ausgeschlafen. Aber einige alte Damen sind zeit ihres Lebens immer samstags zum Friseur gegangen, weil der Samstag ja auch der Badetag war. Das kriegen Sie und ich denen nicht mehr ausgetrieben. Die kommen gar nicht auf die Idee, dass der Samstag im Grunde anderen vorbehalten sein sollte, die sonst nicht können, weil die Arbeit es nicht zulässt. Die meisten von denen kennen das wahrscheinlich gar nicht. Der Höhepunkt ist allerdings, dass dann auch noch Bemerkungen kommen, die besagen, dass sie es ungeheuerlich finden, dass Sie oder ich sich erdreisten, eine umfangreichere Behandlung vornehmen lassen zu wollen, während sie – nachdem sie jeden anderen Tag Zeit hätten – an einem Samstag mit ihrem Hintern einen Platz blockieren.“ Und sie kniff mir ein Auge zu. Ich platzte in einem Lachanfall heraus. Die Rentnerin, die mit uns im Wartebereich saß, warf uns vorwurfsvolle Blicke zu, und ich meinte schnell: „Wir meinen nicht Sie – Sie sitzen ja genauso hier wie wir und warten.“ Da meinte die alte Dame: „Wenn ich es recht überlege, haben Sie Recht! Ich könnte auch an jedem anderen Tag. Ich werde mir das merken. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht. Übrigens … ich fand die Bemerkung der Dame da, die offenbar auch Rentnerin ist und kritisierte, dass Sie sich Strähnchen machen lassen wollen, auch doof.“ Und sie strahlte mich an, ich strahlte zurück. Und sie meinte: „Ich werde künftig nicht mehr samstags zum Friseur gehen. Eine muss ja den Anfang machen, junge Frau! Immerhin arbeiten Sie auch für meine Rente!“ Ich grinste sie an und bedankte mich, und die Langmähnige bedankte sich ebenfalls.

Immerhin brachte der Friseurbesuch heute neben der Aufhübschung meiner sogenannten Frisur und Haarfarbe ein Erfolgserlebnis mit sich. Aber nicht nur eines: Ich hatte hinreichend Zeit, mich über die neuesten Trends zu informieren, und gleich am Dienstag werde ich mir violetten Lidschatten besorgen. Der dernier cri – einmal wieder. Einen kleinen Rest dieses dernier cri , quasi den avant-dernier cri habe ich noch im Badezimmerschrank, denn als ich den Friseursalon verließ, hatte der Drogeriemarkt leider schon geschlossen. So muss der Rest aus dem Badezimmerschrank bis Dienstag reichen. Endlich ein Ende dieser Nude- und Erdton-Phase! Violett passt auch viel besser zu meinen Augen, da Rot darin enthalten ist, und das ist die Komplementärfarbe zu meiner Augenfarbe. 😉

Höchst befriedigt verließ ich den Friseursalon und tauchte ein in den Wahnsinn, der sich im nächstgelegenen Supermarkt abspielte. Denn morgen und übermorgen droht ja Ostern – und da muss man sich bevorraten … Ich wollte doch nur Kaffee, All-in-one-Lösung für meine Kontaktlinsen, die dieser Supermarkt erfreulicherweise führt, Mineralwasser sowie Sardellenfilets, Kapern und Tomaten, da ich morgen als Osteressen Spaghetti alla puttanesca zubereiten möchte. Strozzapreti am Vorabend des Karfreitags, Spaghetti alla puttanesca am Ostersonntag: Merkt man, dass ich zu Kirche und Religion ein gespaltenes Verhältnis habe? 😉

Nein, nicht wahr? 😉 Ich muss jedoch sagen, dass Strozzapreti zu meinen Lieblings-Pastasorten gehören und dass ich alla puttanesca einfach nur gern esse. 😊

Euch ein schönes Osterfest!

Das richtige Outfit fürs Kino

Gestern war einmal mehr ein anstrengender Tag. Von morgens bis mittags prüfte ich Unterlagen der zahlreichen Bewerber, die mir ihre Anträge zwecks Fort- und Weiterbildung gesendet hatten, die inzwischen geprüft und die Bewerber somit zugelassen waren und von mir eingeschrieben werden konnten. Es war der einzige Tag in dieser Woche, da ich einen solchen Zulassungstermin hatte. Und es war der einzige Tag, da es eine Netzwerkstörung gab …

Das war – um mal mit einem bekannten Sozialdemokraten zu sprechen – suboptimal, denn zwar hatte ich mir die nötigen Prüfunterlagen schon am Vortage ausgedruckt, da ich a) gerne vorbereitet und b) morgens immer etwas später dran bin – und meine ersten beiden Bewerber kamen bereits um halb neun.

Leider hatte ich zwei wichtige Unterlagen in all dem Stress vergessen. Und die liegen auf dem Laufwerk unserer Abteilung – ohne Netzwerkzugriff kam ich nicht dran. (Habe mir schon vorgemerkt, diese Unterlagen und alles, was ich sonst so brauche, an anderer Stelle zusätzlich abzuspeichern … Aber erst am Dienstag.) So begann meine Zulassungs-Session etwas hektisch und strubbelig, aber zum Glück hatte eine Kollegin noch einen Schwung dieser Formulare, die ich brauchte, auf Halde liegen …

Um 11:45 h war dann zum Glück auch der letzte Bewerber abgefrühstückt, und ich ging mit Kerstin eine rauchen. Danach hängte ich mit Jana einige Poster im ganzen Gebäude aus, die auf eine Veranstaltung unserer Abteilung hinwiesen. Wir holten uns etwas zu essen aus der Cafeteria und gingen dann – das Aufhängen der Poster war so anstrengend gewesen – auch noch einmal eine rauchen.

Danach arbeitete ich alles, was noch anlag, soweit ab, dass ich wieder etwas „Luft“ hatte – weiter geht es am Dienstag. Jana hatte sich bereits in den Urlaub verabschiedet, aber ich war abends noch mit ihr zum Essen verabredet, und danach wollten wir ins Kino.

Beim Verlassen meines Arbeitsplatzes winkte der diensthabende Pförtner mir noch zu und rief: „Frau B. – kommen Sie doch bitte mal her!“ Und als ich zu ihm ging, überreichte er mir eine österlich dekorierte Packung Raffaello, die in einem Eierbecher stak und mit Klarsichtfolie und einem Geschenkband versehen war. Wohl eine Osteraktion des Herstellers, die Herr A. gekauft hatte, und ich freute mich sehr über die nette Geste und bedankte mich. Daraufhin meinte Herr A.: „Ja, ich bin mit Ihnen aber auch noch nicht fertig, Frau B.! Sie haben mir neulich so nett geholfen, und ich fahre bald in den Urlaub in meine Heimat. Da bringe ich Ihnen noch etwas Schönes mit.“ – „Aber ich habe doch nur ein paar Seiten korrekturgelesen, Herr A.! Das ist doch nicht nötig! Ich freue mich doch schon sehr über das hier – auch wenn selbst dies nicht nötig gewesen wäre.“ – „Bekommen hier auch nur die liebsten Mitarbeiter.“ Ich sah noch drei weitere Gebinde dieser Art an seinem Arbeitsplatz stehen, grinste und bedankte mich.

Dann raste ich los, denn ich wollte noch kurz in einen Einkaufsmarkt, der in der Nähe des örtlichen Konglomerats aus mehreren Systemgastronomie-Niederlassungen verschiedener Couleur und dem Kinocenter gelegen ist. Schnell noch einkaufen, denn der Tisch in der systemgastronomischen Niederlassung italienischer Ausrichtung war für 18:30 h reserviert, die Kinovorstellung begann um 20:30 h. Falls es so klingen sollte: Ich habe nichts gegen Systemgastronomie – und das Essen war gut!

Ich war vor Jana da und nahm schon einmal Platz und bekam zur normalen Karte auch noch die Wochenkarte, auf der hauptsächlich Pastagerichte vermerkt waren. Da kam auch schon Jana, und wie üblich lächelte sie fröhlich und rief: „Hey, da bist du ja!“ Ich stand auf, und sie drückte mich und meinte: „Du warst aber doch nicht bis jetzt noch im Büro, oder?“ – „Nee, noch kurz einkaufen, aber zu Hause war ich bis dato noch nicht. Daher auch nur dieses hier – ich konnte nicht mehr nach Hause, sonst bekämst du jetzt schon ein richtiges Osternest. Kommt dann halt erst nach deinem Urlaub.“ Und ich überreichte ihr einen güldenen sitzenden Schokoladenhasen mit einer roten Schleife und einem Glöckchen daran um den Hals. Seit meiner Kindheit mein all-time-favourite unter den Schokoladen-Osterhasen. Sie rief: „Das wäre doch nicht nötig gewesen! Und ein Osternest? Das ist ja süß, da freue ich mich schon! Aber das musst du doch nicht!“ – „Also: Ich musste nicht, aber ich wollte, denn ich mag dich, und darüber hinaus hilfst du mir auch sehr viel.“ – „Naja, du bist ja auch völlig überlastet mit deinen zwei neuen Tätigkeitsfeldern, denn du musst ja auch noch die Sachen deiner Vorgängerstelle machen! Ich sehe doch, dass du rotierst! Aber: Ich mag dich auch – direkt von Anfang an. Ich glaube, wir haben denselben Humor und auch sonst einiges gemeinsam. Danke!“ – „Ich habe zu danken.“ – „Ach, Unsinn. Wir machen uns jetzt erst einmal einen netten Abend!“

Und schon studierte sie die Karte. Und wir bestellten zweimal Pasta. Jana Spaghetti mit Bärlauchpesto, ich eine meiner Lieblings-Pastasorten mit Rindfleischstreifen, Pilzen und einer Marsalasauce, die ich aufgrund ihrer Form und ihres Namens besonders mag: Strozzapreti. Das heißt aus dem Italienischen übersetzt: „Würg den Priester!“ Ich fand, das passe hervorragend zum Gründonnerstag. 😉 Jana lachte, als ich ihr den Namen übersetzte, meinte ebenfalls, das passe perfekt, und wir aßen, tranken und lachten sehr viel. Jana meinte einmal: „Wir haben sogar eine ähnliche Lache!“ – „Ja. Dreckig.“ – „Aber von Herzen kommend.“ Da lachten wir noch mehr.

Fast hätten wir darüber das Kino vergessen, und so zahlten und brachen wir schleunigst auf. Kerstin hatte uns bei der Arbeit zwar schon für eindeutig verrückt oder wenigstens, naja, experimentierfreudig erklärt, als wir ihr von dem Film erzählten, dessen Trailer sie sich angesehen und befunden hatte, das sei nichts für sie, und ich solle sie ja nicht nachts anrufen, weil ich vor Angst nicht schlafen könne, wie sie lachend sagte. Denn wir wollten uns Unsane ansehen, einen Film, der mit einem Smartphone gedreht worden war. Und wir waren schon sehr gespannt.

Da wir etwas spät dran waren, waren die besten Plätze schon besetzt, und so kamen Jana und ich recht weit vorn zu sitzen. Ich glaube, ich habe im Kino noch nie so weit vorn gesessen, aber das kommt davon, wenn man lachend und mit Logorrhoe bei Spaghetti und Strozzapreti sitzt und die Zeit vergisst. 😉 Dennoch waren die Plätze in Ordnung – ich hatte es mir schlimmer vorgestellt.

Wir pellten uns aus Jacke bzw. Mantel und nahmen Platz. Ich hatte einen Loop-Schal um den Hals und überlegte noch, ob ich ihn auch abnehmen solle, folgte aber, als mir Kerstins Worte wieder einfielen, einem Impuls und behielt ihn um.

Der Film war in dem Sinne kein Horrorfilm, aber er wirkte sehr dicht und bedrückend, teils bedrohlich, und es gab einige Szenen, die unvermittelt heftig waren. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Jana plötzlich nach ihrem Mantel griff und ihn wie eine Decke über sich legte. Und als ich bei einer wirklich unvermittelt auftretenden und erschreckenden Szene meinen Loop-Schal vors Gesicht riss, nahm ich noch wahr, dass Jana das Gleiche mit ihrem Mantelkragen machte. Und da musste ich trotz der erschreckenden Szene lachen. Jana lachte auch und meinte: „Gut, dass ich meinen Mantel und du deinen Schal hast!“ Und wir lachten noch mehr – es lockerte die bedrückend-bedrohliche Grundstimmung des Films zumindest ein bisschen auf … 😉

Die richtige Kleidung ist wichtig, wenn man sich Filme ansieht. 😉 Eine Komödie kann man sich problemlos ansehen, aber bei bedrückenden, bedrohlichen Filmen, Horror- oder Psychothrillern ist es ganz gut, wenn man Kleidungsstücke trägt, die man sich zur Not vors Gesicht ziehen kann. Hoodies sind da auch sehr praktisch, denn ich erinnere mich, als Studentin mal mit meinem damaligen Freund einen wirklich heftigen Horrorfilm gesehen zu haben, bei dem ich einen Hoody trug. Eigentlich kann ich gar nicht sagen, dass ich diesen Film wahrhaftig gesehen habe, denn es gab so viele Stellen, da ich mir die Kapuze auf den Kopp und deren Rand über die Augen zerrte. Das ist zwar albern, sieht aber noch besser aus, als ständig mit den Händen vor dem Gesicht dazusitzen oder gar unter dem Kinositz Zuflucht zu suchen, wie ich einmal im Kino mitbekam, als sich ein Mädel in meiner Reihe unter dem Vordersitz zu verkriechen versuchte … So eine Kapuze ist sehr praktisch, dämpft sie doch zumindest ein wenig auch die furchtbaren Geräusche, die bei einer Gewaltszene entstehen können. 😉

Und wie ich gestern feststellte: Auch Loop-Schals oder ein Mantelkragen sind sehr geeignet, dämpfen auch erschreckte Ausrufe … 😉

Nach dem Film beschlossen Jana und ich, alsbald wieder ins Kino zu gehen. Ein französischer Film soll es beim nächsten Mal sein. Noch eine Gemeinsamkeit: Wir mögen beide französische Filme. 😉 Da es kein Horrorfilm ist, können wir uns ganz normal gekleidet hineinsetzen … 😉

In diesem Sinne: Auch bei Kinobesuchen immer pragmatisch handeln! 😉

Die berühmte Duplizität der Ereignisse Nummer II oder: Telefonieren mit verheirateten Frauen …

Heute fiel mir wieder einmal etwas auf, das mir schon öfter begegnet war. Ein interessantes Phänomen, über welches viel zu selten berichtet wird: die berühmte Duplizität der Ereignisse. Ich schrieb schon einmal darüber.

Hier jedoch in einem besonderen Rahmen, über den – wohl mit Grund – auch viel zu selten berichtet wird: Telefonate. Telefonate mit anderen Frauen. Genauer: mit verheirateten Frauen. Denn bereits mehrfach fiel mir auf, dass Telefonate mit unverheirateten Frauen oft ganz anders ablaufen. Seltener als bei Telefonaten mit den Verheirateten kommt es hierbei zu Unterbrechungen, die entweder spontan geschehen oder aber durch ein hektisches: „Warte einen Moment!“ eingeleitet werden.

Just heute trat dieses Phänomen erneut auf den Plan. Denn meine Mutter rief an, um mir etwas zu erzählen. Wir plauderten, lachten und alberten ein wenig, als ich sie plötzlich sagen hörte: „Einen Moment!“ Und schon hörte ich sie in ganz anderem, viel strengerem und rigiderem Tonfall etwas äußern, das da lautete: „Hast du etwa wieder aus irgendwelchen Kelchen getrunken?“

Automatisch drängte sich mir die Frage auf: „Wer hat aus meinem Becherchen getrunken?“ Aber das ist wieder etwas völlig anderes.

Und so starrte ich nur mit hochgezogenen Augenbrauen mein Smartphone an, als könne es mir diese merkwürdige Kelchfrage erläutern und beantworten, während meine Mutter insistierend nachbohrte: „Nun sag schon – ich hoffe, nicht! Wir wollen nächste Woche nach Franken!“

Ich rief: „Ich trinke nicht aus Kelchen! Und schon gar nicht um diese Uhrzeit! Was bedeutet das überhaupt?“ Sie antwortete: „Ach! Du warst doch gar nicht gemeint! Dein Vater ist vom Gottesdienst zurück, und neulich hat er sich dabei eine heftige Magen-Darm-Grippe eingefangen.“ – „???“

Dann fiel der Groschen! Mein Vater ist evangelisch, und er geht sonntags öfter in den Gottesdienst. Und nimmt als echter Protestant natürlich auch am Abendmahl teil, wo dann ein Kelch mit Wein oder Traubensaft kreist. (Mein Vater geht allerdings, wenn er mit meiner katholischen Mutter in deren Gottesdienst geht, auch dreist mit zur Kommunion – er meint, vor Gott seien alle Menschen gleich, und dazu grinst er immer etwas sarkastisch. Ich finde das gut: „Protestant“ in des Wortes reinstem Sinne … 😉 )

Offenbar hatte er sich beim Abendmahl vor einiger Zeit in der Tat einen Magen-Darm-Infekt eingehandelt, da wohl in der Runde der Abendmahl-Teilnehmer jemand – wahrscheinlich selber noch ahnungslos – irgendein Virus mit sich schleppte und munter per Gemeinschaftskelch ganz gerecht in der Gemeinde verteilte. Nun war mir die Kelchproblematik klarer, und ich lachte schallend.

Danach ging das Telefonat fast ohne Unterbrechung weiter. Nur zweimal noch rief meine Mutter streng irgendwohin: „Nein, lass das bitte stehen!“ bzw. „Das gehört nicht in den Restmüll, Karl-Heinz!“ Ich lachte in mich hinein – es ist bei jedem Telefonat das Gleiche.

Dann rief Mama plötzlich: „Ali, hier blinkt: Anruf wartet! Was bedeutet das?“ – „Dass parallel jemand anzurufen versucht.“ – „Was muss ich denn jetzt machen?“ – „Ich kenne mich mit eurem Telefon nicht so aus – vielleicht ist es aber wichtig. Ich lege auf – wir können ja immer noch telefonieren. Vielleicht ist es ja Stephie.“ Denn meine Schwester ging in diesem Falle vor. Sie wollte sicherlich meinen Eltern mitteilen, ob sie heute tatsächlich aus Sachsen zu ihnen reisen wollte, um dann ein paar Tage zu bleiben und meine Eltern dann nach Franken zu fahren – und von dort aus nach Sachsen zurück.

Wir legten auf. Zwei Minuten später ertönte erneut die Melodei meines Smartphones, und als ich dranging, meldete sich meine Schwester. Sie wunderte sich, dass bei meinen Eltern niemand drangehe, und ich klärte sie auf.

Aber dann hatte sie mir doch noch einiges zu erzählen. Und sie plauderte und plauderte. Plötzlich zuckte ich zusammen, denn sie schrie unvermittelt: „Nein! Lass das liegen! Das brauche ich fürs Essen! Ich muss doch gleich noch vorkochen!“ Und zu mir sagte sie: „Schöne Grüße von Harald.“ Derweil versuchte ich, das Klingeln und Pfeifen in meinem linken Ohr zu ignorieren, denn meine Schwester gehört zu den verheirateten Frauen, die einen nicht vorwarnen, wenn sie ihren Mann anzuschreien oder sonstwie zurechtzuweisen trachten … 😉

Binnen einer Viertelstunde zweimal dieses Phänomen, das ich auch aus Telefonaten mit Ehefrauen kenne, die nicht mit mir blutsverwandt sind. 😉 Ich lachte albern in mich hinein und dachte: „Wie gut, dass du nicht verheiratet und derzeit allein bist. Ob du auch so klingen würdest?“

Ich strengte mich an und überlegte, wie ich denn bei Telefonaten mit Verwandten und Freunden mit meinem jeweiligen Ex umgegangen war. Ich glaube fast, ich bin da etwas anders. Ich tendierte wohl eher zu nonverbalen Signalen, wenn ich mitteilen wollte, dass ich etwas nicht wolle oder man bitte warten solle, bis ich aufgelegt hätte. Ich bin eher der Typ, der wild herumgestikuliert und mimisch darstellt, was ich – telefonierte ich nicht gerade – verbal äußern würde. Ich erinnerte mich immerhin, einmal auf diese Weise mit wildem Gesichtsausdruck mit meinem rechten Zeigefinger vor meinem Hals eine rasche Bewegung von links nach rechts gemacht zu haben, die international so gedeutet wird, dass man jemanden ins Jenseits befördern wolle, um mir danach ebenso energisch mit demselben Zeigefinger wild gegen die Stirn zu tippen, als mein Ex Giacomo laut rief: „O Gott! Ist da etwa deine unmögliche Freundin Lena dran?!? Och nee! Die labert immer so lange und hat immer Probleme, und wir wollen doch noch weg!“ Und während ich dies tat, sprach ich mit etwas lauterer Stimme, aber so liebreizend-harmonisch wie zuvor mit Lena, die mich fragte: „Was hat der gesagt?“ – „Er erinnerte mich gerade daran, dass wir jetzt gleich zu einer Geburtstagsfeier aufbrechen müssen …“ So sagte ich mit sanfter Stimme und bedachte Giacomo mit Blicken, die empfindlichere Naturen sofort lang und tot hätten hinschlagen lassen. Ja, Lena redet viel, und sie pflegt stets in unpassenden Momenten anzurufen, aber sie hatte Liebeskummer, und ich mag sie.

Ich glaube fast – wenn auch nicht ganz im Ernst -, dass aufgrund meiner Telefonerfahrungen dieses Phänomen besonders häufig bei schon länger verheirateten Frauen auftrete … 😉 Egal, ob sie Kinder haben oder nicht. Denn solche Telefonate sind für gewöhnlich bei Müttern von Kleinkindern nicht ungewöhnlich. 😉 Wahrscheinlich ist es einfach eine Reminiszenz an das vielgerühmte Kind im Manne.

So dachte ich grinsend, als meine Mutter erneut anrief, weil sie mich noch etwas fragen wollte. Auch hier wieder zwei Unterbrechungen mit Zurufen an meinen Vater, und ich wies sie darauf hin, dass ich beim Telefonat mit Stephanie Ähnliches erlebt hatte. Und ich meinte: „Wenigstens muss ich beim Telefonieren niemanden anschreien oder energisch auf etwas hinweisen.“ Sie lachte, und da schrie ich plötzlich: „Hey! Nein! Gehst du hier raus! Sofort! Aber zackig! Zurück!“

Meine Mutter rief: „Was ist denn da los?“ – „Ach, wieder das Eichhörnchen! Ich habe die Balkontür zum Durchlüften offen – und das kleine Vieh kommt einfach ungeniert herein, und das nicht zum ersten Mal! Ich muss auflegen!“

Ich hörte noch, wie meine Mutter lachte und mich nachäffte: „Wenigstens muss ich beim Telefonieren niemanden anschreien oder energisch auf etwas hinweisen …“

Meine Theorie war also Unsinn. Man muss gar nicht verheiratet sein. Manchmal reicht eine offene Balkontür, um beim Telefonieren andere anherrschen zu müssen … 😉

Euch einen schönen Sonntag und einen harmonischen Wochenanfang. 😊

Blöde mehr oder minder naturgegebene Dinge, die anders viel besser wären …

Heute bin ich nach einem extrem anstrengenden Tag nach Hause gekommen und habe gedacht: „Es wäre viel einfacher, wenn manche Dinge nicht so wären, wie sie naturgegeben sind!“

Der Tag fing schon bescheiden an, als meine Kontaktlinsen sich – anders als sonst – nicht so geschmeidig in die Klüsen bringen ließen, wie sie es für gewöhnlich tun. Nein, ehrlich gestanden, sogar schon eher: Ich erwachte heute zum harmonischen Weck-Gedudel meines Smartphones. Harmonisch und von mir selber ausgewählt – und mich Morgen für Morgen ob seiner Harmonie verhöhnend. Aber ich war nicht recht bei mir und dachte: „Wie gut, dass Wochenende ist!“ Warum ich das dachte, wird auf ewig ein Mysterium bleiben, da es absolut unlogisch ist, dass am Wochenende der Wecker klingelt … Kaum hatte ich mich für eine nette weitere Runde Power Napping auf die rechte Seite gedreht, wurde mir dieser Umstand auch schon klar, und ich verfluchte nicht nur die Existenz und Notwendigkeit der Erwerbsarbeit, sondern das gesamte Dasein. 😉 Und mit wenig harmonischen Lauten erhob bzw. wälzte ich mich aus dem Bett. Danach dann im Bad nach der Dusche die Zicken der kleinen Silikon-Sehhilfen. Spätestens da war mir klar, dass dieser Tag nicht derjenige sein würde, den ich zu preisen gedächte.

Und in der Tat: Es ging bescheiden weiter. Extra viel früher aufgestanden als sonst – denn es gibt eine neue Baustelle auf der Hauptstraße meines und des Nachbarstadtteils – fuhr ich nicht aufs Beste gelaunt gen Fron. Und stand prompt auf jener Hauptstraße im Stau, der wohl dadurch entstanden war, dass einige Leute, die in der Schlange weit vor mir und an deren Anfang waren, offenbar noch schlimmere Nicht-Morgenmenschen sind als ich und ungerührt an den Schildern vorbeigerast waren, auf denen stand: „Hauptstraße gesperrt – bis Lessingstraße frei!“ Es stehen da alle paar hundert Meter diese Schilder, und doch hatten einige sie offenbar übersehen und waren fast in die Gleisbaustelle hineingerast. Zum Glück hatten sie und die hinter ihnen Fahrenden rechtzeitig gebremst – aber nun mussten die Fahrer ganz vorn wenden, und die dahinter Stehenden warteten sich einen Wolf … Als es weiterging, bog ich vor der Lessing- in die Droste-Hülshoff-Straße rechts ein, und ich gestehe, ich fuhr 40 statt der vorgegebenen 30 Stundenkilometer, und das in der Hoffnung, den treudoof in die Lessingstraße (Zwangs-)Abgebogenen zuvorzukommen. Aber die waren wohl auch alle schneller gefahren, als erlaubt, und so stand ich nach der Einmündung auf den Westring erneut im Stau …

Ich mache es kurz: Das frühere Aufstehen und Losfahren hat sich überhaupt nicht gelohnt!

Bei der Arbeit erwartete mich das übliche Chaos. Zwar ist die Frist sämtlicher Anträge, die ich zu bearbeiten habe, abgelaufen, aber die Frequenz der Anrufe hat sich seither gesteigert. Interessanterweise rufen just die besonders oft an, die auf dem letzten Drücker ihre Anträge eingereicht haben und eigentlich die Füße stillhalten sollten. Und einer, der mich seit Anfang jeglicher Fristen bis aufs Blut gereizt hat, indem er dauernd anrief und behauptete, es handelte es sich „nur um eine kurze Frage“, was dann regelmäßig in etwa zehnminütige Telefonate unschöner Art ausartete, in der mir der Bewerber wiederholt erklärte, er wolle mich keineswegs nerven und schätze meine Bemühungen – eine Behauptung, die er durch seine ewigen Neuauflagen möglicher Szenarien, die er aus dem Hut zauberte, um wider die Vorgaben doch zum seinerseits gewünschten Resultat zu kommen, Lügen strafte – rief mich angesichts seiner Zulassung, die für ihn nur wenig Spielraum ließ, dann an. Etwa zum zwanzigsten Mal, obwohl ich ihm in der Mail, die seine Zulassungsbescheide enthielt, schon geschrieben hatte, er möge bitte per Mail antworten. Zum Glück hatte ich – und das ganz in echt! – einen Termin vor der Brust, und so meinte ich: „Herr […] – ich habe jetzt einen Termin. Schreiben Sie mir bitte eine Mail!“ Das tat er auch, und er erklärte, dass das ja alles so gar nicht in seinem Sinne sei – da würde er verzichten. Dafür hatte ich etwa fünfzehnmal mit ihm telefoniert und sehr viel Zeit verschwen…, ääh, investiert … 😉

Irgendwann waren Jana und ich eine rauchen, und wir sprachen über Kinder, Gott und die Welt. Ich habe zwar keine Kinder, aber viel mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet, und so meinte ich: „Wenn man mit Kindern umgeht, steht man schnell vor den eigenen Grenzen. Warum – zum Beispiel – haben Menschen nur zwei Arme und Hände? Warum nicht mehr – vor allem, wenn es um Kinder geht? Da bräuchte man durchaus mehr – acht wie diese indischen Göttinnen!“ Jana stimmte mir zu und meinte, es dürften auch gerne zehn sein. Ich grinste und pflichtete ihr bei. (Im Moment könnte ich – auch ganz ohne die Arbeit mit Kindern – auch ein paar Hände und damit Arme mehr gebrauchen …)

Warum hat ein Tag nur 24 Stunden? Für mich dürften es derzeit gern mehr sein. Gut, ich könnte an meinem Arbeitsplatz übernachten – aber ein Tag mit mindestens 25 Stunden wäre derzeit auch nicht schlecht. 😉

Warum funktionieren Dinge meist dann nicht richtig, wenn man so gar keine Zeit hat? Und warum nölen grundsätzlich die Antragssteller herum, die auf dem letzten Drücker alles mit Müh und Not eingereicht haben, während andere, die gleich zu Beginn der Bewerbungsfrist ohne großes Lamento tätig wurden, keinen Piep von sich geben und geduldig abwarten, bis sie an der Reihe sind?

Warum nun wieder diese neue Baustelle, die bis Mitte April bestehen soll? Ah – das verstehe ich! 😉 Ich soll jeden Morgen durchs sogenannte „Dichterviertel“ fahren müssen und mir sagen: „Siehste, Ali! Hätteste mal einen MINT-Studiengang absolviert, könntest du hier wohnen!“ Denn das „Dichterviertel“ ist wunderbar ruhig (Tempo-30-Zone), und da stehen zum Teil echt schöne Villen.

Ich merke es mir mal fürs nächste Leben vor. Und vielleicht habe ich dann auch serienmäßig acht Arme und Hände, und der Tag hat 48 Stunden. Wer weiß das schon? 😉

„Being for the Benefit of Mr Kite”

Das ist ein Lied der Beatles, und sein Text geht direkt zu Anfang so:

For the benefit of Mr Kite
There will be a show tonight on trampoline
The Hendersons will all be there
Late of Pablo Fanques Fair – what a scene
Over men and horses, hoops and garters
Lastly through a hogshead of real fire!
In this way Mr K. will challenge the world!

Dieses Lied geht mir seit Dienstag durch den Kopf. Es ist nicht verwunderlich, dass ich immer irgendein Lied im Kopf habe, und es ist auch nicht verwunderlich, dass es eines der Beatles ist, da meine Mutter mir zu meinen Kleinkindzeiten statt Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein wieder und wieder Beatles-Songs vorsang (oder welche von den Rolling Stones, und obwohl ich musikalisch eher von den 80ern/90ern geprägt wurde, habe ich diese Lieder immer geliebt und kann viele davon auswendig mitsingen – melodie- und textsicher), zumal ich ja ohnehin weder ein Prinzchen, noch ein Prinzesschen war – in der Rolle habe ich mich nie wiedergefunden.  😉 Nicht einmal zu Karneval, der Zeit, da viele meiner Freundinnen und Mitschülerinnen verzückt in langen und bauschigen rosafarbenen Synthetikkleidern herumliefen, mit einem güldenen oder – besser –  goldfarbenen Krönchen aus Plastik auf dem Kopp, das mittels eines Gummibandes unter dem Kinn auf selbigem Kopp gehalten wurde. Oder auch nicht. Denn spielen konnte man in dem Fummel mit dem Kronending auf der Birne nicht, und rannten die Prinzessinnen beim Fangenspielen los, schnalzte nicht selten das Gummiband unterm Kinn weg, und das Krönchen landete im Dreck. Oder es verrutschte beim Laufen und hing dann entweder über dem rechten oder linken Ohr oder unterm Kinn. Und dann war das Geschrei groß, zumal die nicht als Prinzessinnen Verkleideten – ca. drei oder vier von uns – auch keineswegs den Hofstaat mimen und das Krönchen wieder aufheben und der Königlichen Hoheit aufs Haupt setzen bzw. wieder geraderücken wollten. 😉 Ich fand diese Aufmachung schon immer irgendwie unpraktisch, und sie führte auch nicht selten zu Streit, da die temporären Prinzessinnen irgendwie nicht einsehen wollten, dass andere nicht einsehen wollten, ihnen zu huldigen, obwohl sie ein bauschiges rosafarbenes Synthetikkleid und ein goldfarbenes Plastikkrönchen trugen. Es erinnerte immer ein bisschen an Schützenvereinsbrüder in ihren Operetten-Uniformen, denen man gefälligst huldigen sollte … 😉 (Obwohl ich durchaus gern zum Schützenfest gegangen bin, früher, als ich noch zur Schule ging – das war immer lustig. Als Kind mochte ich das, und ich habe auch heute nichts dagegen.)

Doch ich schweife ab. Am Dienstag war ich nicht bei der Arbeit, da ich die Nacht von Montag auf Dienstag großenteils im Bad verbracht hatte, wenn ich nicht leidend und mit einer Wärmflasche auf dem Bauch im Bett gelegen habe. Irgendwann abends hatten sie mich überfallen: richtig widerliche Magenkoliken. Mir war im doppelten Sinne ganz anders, denn zunächst befürchtete ich, die Koliken könnten eine Folge meiner Tarte Tatin aux poires gewesen sein, die ich am Montag zur Arbeit mitgebracht hatte … (Und ich muss sagen: Sie kam wider meine Befürchtungen gut an, und sogar Kollegin Gina, die ungern sehr süß isst, meinte: „Ich weiß gar nicht, was du hast – die ist nicht zu süß, sondern schmeckt sehr gut! Schön saftig und vor allem so schön karamellig. Kannst du gerne öfter machen!“ Und als ich am Dienstagmorgen meine Bürokollegin Jana anrief, um mich krankzumelden und sie fragte, ob es ihr denn gut gehe, lachte sie und meinte: „Ali, es lag gewiss nicht an deiner Tarte Tatin – Gina und mir geht es gut, und wir essen – wenn wir dürfen – gleich noch ein Stück davon!“ Natürlich durften sie, und ich war froh, dass es ihnen gut ging. 😉 )

Ich kauerte danach auf der Couch, Wärmflasche auf dem Bauch und Laptop auf dem Schoß. Und ich las die Onlineausgabe einer überregionalen Zeitung, in der ich einen Artikel fand, wie für mich geschaffen. Es ging um Sport. Sport für Leute mit wenig Zeit, Sport für Leute, die es hassen, sich immer nur aus schlechtem Gewissen zum Yoga, Pilates oder Lauftreff schleppen zu müssen. Denn der Verfasserin des Artikels geht es wohl genauso, und sie schrieb über ihre Erfahrungen mit einem Trend, der einmal mehr – zumindest bisher – an mir vorbeigetreidelt ist: Sie hatte sich ein Indoor-Trampolin gekauft und getestet, und sie war so begeistert, dass ich gleich angesteckt und getriggert wurde: ein Trampolin – wunderbar, und auch noch indoor!

Und ich dachte: „Wenn ich mir schon finanziell keine allzu großen Sprünge erlauben kann … Und der Fitnessaspekt wird auch so gelobt! Und wie gern bin ich früher als Kind schon in meinem Bett herumgesprungen und habe getestet, ob ich bis zur Zimmerdecke komme, wider das Verbot durch meinen Vater – bis das Bett irgendwann ermattet zusammenbrach. Und im Schulsport fand ich das Trampolin auch schon immer so toll – man reiche mir ein Trampolin!“ Da naturgemäß niemand da war, mir den Wunsch zu erfüllen, musste ich selber tätig werden, und schon recherchierte ich auf einem größeren Internethandelsportal. Und wurde fündig. Und nicht nur das …

Inzwischen ist in der Tat ein reizendes, kleines Indoor-Trampolin auf dem Weg zu mir. 😉 Morgen soll es ankommen. Da es in die nahegelegene Packstation passen soll, gehe ich davon aus, dass ich bereits Unmengen an „Karolinen“, wie mein bester Freund Kalorien im Scherz nennt, beim Aufbau und der Installation verbrennen werde. Somit dürfte dieses Trampolin bereits vor seiner vollumfänglichen Gestaltnehmung der Fitness Vorschub leisten. Und auch beim herzhaften Fluchen sollen angeblich so einige „Karolinen“ verbrannt werden – das sind doch schöne Aussichten! 😉

Kaum hatte ich das Ding bestellt, fiel mir ein, dass der demnächst unter mir wohnende Nachbar sich sicherlich einen Ast freuen würde, würde ich meine Trampolin-Workouts regelmäßig vollführen. Aber dann lachte ich dreckig: Der neue Nachbar plagt mich nun seit Wochen mit der Renovierung seiner Wohnung, insbesondere am Wochenende, da ich endlich mal ausschlafen könnte, was im Moment dringend nötig wäre. Und schon war es vorbei mit meinem schlechten Gewissen. Und ich dachte: „Ich beschwere mich auch nicht, wenn der Nachbar über mir sich immer aufregt, wenn Schalke nicht so gut gespielt hat! Und ich hätte allen Grund dazu!“ (Denn dann brüllt der Nachbar immer laut herum, und mehrfach klang es, als würde er das Inventar seiner und seiner Frau Wohnung kurz und klein sägen …)

Rücksichtsvoll, wie ich bin, werde ich das faltbare Gerät wohl in der Küche in Betrieb nehmen. Der neue Nachbar sieht nicht so aus, als hielte er sich über Gebühr lange dort auf. 😉

Dennoch muss ich feststellen, dass sich Magenkoliken bisweilen etwas merkwürdig auf Menschen auswirken können – hätte ich diese nicht gehabt, hätte ich mir nie ein Trampolin gekauft … 😉

In diesem Sinne: Bleibt schön gesund! 😉

„Hoffentlich ist niemand Diabetiker!“ Ali backt …

Auf den Tag genau vor drei Jahren habe ich das letzte Mal gebacken. Beziehungsweise: Ich hatte bis heute vor drei Jahren exakt letztmalig gebacken. Damals gab es etwas zu feiern, und ich stand am 11. März 2015 abends in meiner Küche (in Bleu) und rührte müde, aber eifrig einen Teig für Muffins zusammen. Genauer: Mandarinen-Muffins. Ein neues Rezept, das ich aus dem Internet hatte. Nicht so süß sollten die Muffins sein, und wer mich kennt, weiß: Süß ist nicht mein „Element“.

Ein wunderbarer Duft zog durch die Wohnung, als die zwölf netten Muffins in meinem Muffinblech, das ich früher oft genutzt hatte, immer mehr an Volumen zunahmen und in entzückender Weise erst goldgelb, dann goldbraun wurden, als sie fertig gebacken waren. Ich schaltete den Backofen aus und ließ die kleinen Kerlchen noch einige Minuten drin.

Kaum draußen an der frischen Luft, zeigte sich, dass irgendetwas anders war als sonst. Denn die Muffins, die im Ofen noch so wunderschön ausgesehen hatten, prall und drall, begannen draußen peu à peu, zu schrumpfen, als versuchten sie, zur Gänze wieder in die Muffinformen zurückzukriechen. Ich raufte mir die Haare – so etwas war mir noch nie passiert. Und als sie dann ausgekühlt waren und ich einen probierte, steigerte sich – sofern überhaupt möglich – die Frustration noch: Sie waren in der Tat nicht sonderlich süß, und sie hatten die Konsistenz von Gummi. Hätte ich mal eines der Rezepte verwendet, die ich sonst immer benutzte! Aber nun war nichts mehr zu ändern, und ich musste die Muffins mitnehmen, von denen ich annahm, sie würden von der Wand zurückspringen, wenn man sie dagegen würfe. 😉

Sie waren dann auch kein großer Erfolg, und ein Kollege bezeichnete sie als Türstopper. Normalerweise wäre ich wahrscheinlich etwas beleidigt gewesen, aber in diesem Falle nicht – und er hatte ja Recht. Und seitdem habe ich die Finger von selbst hergestellten Backwaren gelassen … Ich backe ohnehin nicht so gern – ich liebe es dafür, zu kochen.

Nach diesen drei Jahren freiwilligen Verzichts habe ich mich heute doch mal wieder daran gemacht, mich der hohen Kunst des Backens hinzugeben. Etwas ganz Einfaches zum Wiedereinstieg sollte es sein … Und da ich ja die französische Küche sehr liebe, erschien auch sogleich ein Bild vor meinen Augen. Ein Bild von einem saftigen Kuchen, den ich stets bewundert habe. Ein Kuchen, der seinerseits aus einem Küchenunfall entstanden sei, wie es immer wieder heißt. Genauer: Es handelt sich um eine Tarte Tatin, jene Tarte, die als renversée et caramélisée bekannt ist. Das heißt, der Belag wird zunächst karamelisiert und dabei schon einmal halb weich gegart, und dann kommt der Boden aus Mürbeteig auf den Belag, wird seitlich schön festgedrückt, um die Früchte herum – und dann backt man das Ganze eine halbe Stunde im Ofen, bis der Boden goldbraun ist, was man gut sehen kann, da die Tarte ja auf dem Kopf steht. 😉

Klassischerweise macht man diese Tarte mit Äpfeln, am besten säuerlichen solchen. Ich hatte keine Äpfel. Aber Birnen, denn ich wollte eine Tarte Tatin aux poires machen, eine Birnen-Tarte. Und schon schritt ich zur Tat, setzte einen Mürbeteig an, den ich – zu einer Kugel geformt – für eine Stunde in den Kühlschrank legte. Dann schälte ich die Birnen, vierteilte sie brutal und entfernte das Kerngehäuse. Sehr, sehr saftige Birnen … Parallel schmolz ich 80 Gramm Butter in einem Topf (denn ich besitze leider keine echte Tarte-Tatin-Form), gab die im Rezept angegebene Menge Zucker hinzu, sowie – ganz raffiniert – etwas Salz, da Karamel (ich weigere mich, das mit zwei L zu schreiben …) mit einem Hauch Salz noch besser schmeckt. Ich rührte in dem Gebräu herum, auf dass der Zucker sich auflöse, dann gab ich die Birnenviertel hinzu, die 12 Minuten auf mittlerer Stufe vor sich hinschmoren und karamelisieren sollten. Inzwischen butterte ich die Form aus – eine Original-Pyrex-Form aus feuerfestem Glas, in die ich schließlich die Birnen und das wild blubbernde Karamel gab. Die Birnen noch hübsch mit der Wölbung nach unten drehen und nett anordnen, dabei etwas Platz für den Teigrand lassen. Mensch, das ging mir alles flott von der Hand – ich war begeistert! 😉

Schnell den Teig ausgerollt, etwas größer als die Form, und ihn dann zügig – er durfte ja nicht reißen – über die noch immer behäbig blubbernden Birnen gebreitet und mittig leicht festgedrückt. Dann auch seitlich in den schmalen Raum zwischen Birnen und Rand gedrückt, toll, wie das klappte … Aua! Was zum Henker …

Mist! Ich war wohl in der Herstellung des Karamels etwas zu großzügig verfahren – es blubberte an einigen Stellen unter dem Rand hervor und mir auf die empfindsamen Fingerchen … Wer je Karamel gemacht hat, weiß, wie höllenmäßig heiß das ist und wie exzellent man sich damit verbrennen kann. Ich wusste das auch … Jetzt ist es mir noch klarer als zuvor.

Schnell noch mit einer Gabel den Teig eingestochen, und noch schneller hinein in den vorgeheizten Ofen mit dem Gesamtkunstwerk.

Binnen kurzem roch es einfach nur betörend in meiner Wohnung, und ich warf zwischendurch immer wieder einige Blicke auf die Tarte, deren Boden hervorragend bräunte. An einigen Stellen blubberte Karamel hervor und bräunte seinerseits. Nach 30 Minuten schaltete ich den Ofen aus, und schließlich holte ich das karamelisierte OEuvre heraus. Es darf nicht zu lange in der Form bleiben, weil sonst das Karamel fest wird und man zwar den Boden aus der Form bekommt, der Belag aber darin kleben bleibt.

Tarte etwas abkühlen lassen, dann eine Tortenplatte auf die Form legen, Platte und Form fest aufeinanderdrücken und mit Schwung umdrehen – dann löst sich die Tarte ganz leicht.

So stand es im Rezept. Ganz einfach. Ich jedoch stand vor einem Problem. Ich habe keine Tortenplatte … Wozu auch? Ich backe ja nie … Was nun? Die Zeit drängte.

Immerhin besitze ich ein Kuchengitter, auf das ich – vorausschauend – eine Lage Backpapier legte, da die Tarte nicht nur sehr saftig, sondern auch sehr klebrig wirkte. Und mit vorsichtigem Schwung stülpte ich die Tarte aus der Form. Vorsichtig, weil es eine sehr rutschige Angelegenheit war und ich weder den Kuchen zerstören, noch die relativ teure Pyrex-Hyper-Super-Form fallenlassen wollte. 😉

Nun ja. Abgesehen davon, dass der Teigrand an einer Seite nicht ganz so hoch ist und beim Lösen aus der Form kleinere Teile an Mr Pyrex hängenblieben, so dass an diesen Stellen der Eindruck entstehen könnte, Mäuse – möglicherweise die Weihnachtsmaus von James Krüss – hätten sich am Teig zu schaffen gemacht, sieht das Gesamtergebnis gar nicht so schlecht aus …

Wie gesagt: Es sieht gar nicht so schlecht aus. Dann probierte ich ein noch in der Form befindliches Stück Mürbeteig, an dem noch ein Birnenfragment hing. Und ich erstarrte. Nicht zu einer Salzsäule. Eher zu einem Zuckerhut. Denn: Dieser Kuchen ist das Gegenstück zu den wenig süßen Türstoppern, die ich auf den Tag genau heute vor drei Jahren gebacken habe … Er ist so süß, dass man Angst um seinen Blutzuckerspiegel bekommt! Dabei habe ich mich exakt an die Angaben im Rezept gehalten …

Er ist so süß, dass mir vor Schreck wahrscheinlich die Augen halb aus dem Kopf traten, als ich ihn testete. Und obwohl ich mir danach die Hände gewaschen habe, blieb zunächst sowohl das Backpapier, das ich ins Regal zurückräumte, als auch der Rezeptausdruck, den ich ins Altpapier befördern wollte, an meinen Fingern hängen …

Immerhin weiß ich nun, warum man diese Tarte am besten mit möglichst säuerlichen Äpfeln machen sollte. Und ich habe vorhin erst einmal die Küche gereinigt – irgendwie schien alles zu kleben, und das mag ich absolut nicht.

Da ich nun nichts mehr ändern kann, muss ich die Tarte so, wie sie ist, mit zur Arbeit nehmen. Dummerweise hatte ich sie bereits angekündigt. Und nun hoffe ich, dass keine meiner Kolleginnen Diabetikerin ist. Ich befürchte jedoch fast, diese Tarte könnte glatt in der Lage sein, einen spontanen Diabetes auszulösen …

Umso weniger verstehe ich, warum im Rezept noch angegeben ist, am besten schmecke die Tarte lauwarm mit Sahne oder einer Kugel Vanilleeis. Damit wäre eine irreversible Lähmung der Geschmacksnerven garantiert.

Ich habe beschlossen, diese Tarte nie, nie wieder mit Birnen zu machen. Nur noch mit Äpfeln. Oder sauren Gurken. 😉

„Wat leuk!“ Oder: Warum ich reagiere, wenn jemand: „Mevrouw de Boer!“ ruft

Irgendwie kamen meine neue Kollegin Jana und ich kürzlich darauf, dass wir beide Niederländisch sehr mögen und diese Sprache unheimlich gern selber beherrschen würden. Sie meinte: „Hey! Wir können doch zusammen einen Kurs machen, wenn du magst!“ Ich rief: „Sehr gern!“ Aber irgendwie dachte ich gar nicht, dass es ihr so ernst sei …

Doch heute griff sie das Thema tatsächlich erneut auf und erzählte ganz eifrig, sie habe bereits recherchiert (hatte ich, ehrlich gesagt, auch schon) – leider habe der Kurs für mehr oder minder Ahnungslose, groentjes und beginnelings, der A1-Kurs, bereits im Februar begonnen. Zumindest in der hiesigen Volkshochschule. Das hatte ich auch schon gesehen. Und so recherchierten wir auch in den Nachbarstädten. Überall hatten die Kurse schon begonnen. Während Jana in B. recherchierte, tat ich dies in M. – und dort wurde ich auch fündig, denn der A1-Kurs beginnt dort erst Mitte April. Hurra! Wir waren begeistert – dem Naturereignis „Niederländisch für Newbies“ stand nichts mehr im Wege. Da Jana zwei Kinder hat, musste sie sich allerdings zunächst nach einer Betreuungsperson für die Mittwochabende umsehen, war sich aber ziemlich sicher, dass sich da jemand finde. Da ich Jana bis dato als sehr toughe und entschlossene Person kennengelernt habe, mache ich mir keine allzu großen Sorgen darüber, dass ich nun gegebenenfalls doch allein hinfahren müsse. (Falls doch: Feuert mich an, da auch wirklich mittwochs immer brav hinzufahren – allein ist es immer doof … 😉 )

Da Sprachkurse schnell ausgebucht sind, meldete zumindest ich mich schon einmal definitiv an. (Wehe dir, Jana, wenn du mir morgen sagst, dass es bei dir nicht gehe … 😉 )

Jana sah allerdings kein Problem – warten wir es ab. Sie meinte: „Wahrscheinlich kann ich gegen dich ohnehin nicht anstinken – ich habe den Eindruck, du kennst dich schon besser aus. Vielleicht solltest du besser in den A2-Kurs? O je – dann wäre ich allein im A1-Kurs.“ – „Keine Sorge! Ich fange auch mal lieber bei A1 an, obwohl ich tatsächlich mal einen Niederländisch-Kurs an der Uni gemacht habe. Naja … zumindest zur Hälfte. Dann war es mir zu doof. Und ich muss das Ganze ja auch mal wirklich fundiert und von der Pike auf lernen.“ – „Wieso ‚doof‘? O je – ob wir dann wirklich einen solchen Kurs machen sollen?“ – „Nein, keine Sorge! Es lag nur an der Unterrichtsgestaltung. Es war in einem Sommersemester, und wir trafen uns jeden Donnerstag im Fo7, einem Hörsaal im Kármán-Auditorium. Unsere Dozentin kam aus Groningen, und sie war sehr nett …“

Das war sie wirklich gewesen. Meine Freundin Marie-Louise und ich stießen erst zur zweiten Stunde dazu – bei der ersten Seminarsitzung waren wir beide verhindert gewesen. Ich hatte mit einer heftigen Bronchitis darnieder gelegen, Marie-Louise hatte einen anderen Termin. Aber zur zweiten Stunde waren wir präsent, wenngleich meine Stimme dies noch nicht so war – nach der Bronchitis klang sie gewöhnungsbedürftig, sehr kratzig und viel tiefer als sonst. Es war nicht ganz einfach, zu sprechen, und es reizte zu Lachanfällen, wenn ich meine Stimme erhob, denn ich klang wie ein etwa 70-jähriger männlicher Kettenraucher, der obendrein täglich eine Flasche Whisky konsumiert und danach mit Reißnägeln gurgelt. 😉 Richtig gut konnte ich nicht sprechen, und als Marilu, wie sie genannt wurde, und ich neu im Kurs eintrafen und uns vorstellen mussten, übernahm Marilu meinen Part und erklärte, ich hätte erkältungsbedingt eine Stimme wie ein rostiges Reibeisen. Marjolein, die Dozentin, lachte und meinte: „Die optimale Voraussetzung, wenn man Niederländisch lernen möchte! Keine Sorge – alles wird gut!“

Die erste Hälfte der jeweiligen Doppelstunde bestand daraus, dass wir im Hörsaal saßen und Lektionen lernten – dazu auch die zugehörige Portion grammatica, ein Wort, das mit einem wunderbar velaren Laut, genauer: dem CH wie in Lachen, auch Ach-Laut genannt, anlautet. 😉

Nach einer Dreiviertelstunde meinte Marjolein dann immer ganz reizend in ihrer naturgemäß kehligen Aussprache: „Vooruit dan maar! De zon schijnt! Wij willen op de trap gaan zitten!“ Oder aber: „Het zonnetje schijnt zo mooi!“

Schon immer liebte ich den Hang, Dinge so reizend zu verniedlichen. Jedenfalls im Niederländischen. Was ich jedoch nicht liebte und im Grunde auch keiner von uns wollte, war, den Hörsaal zu verlassen, um draußen in der so schön scheinenden Sonne auf der Treppe vor dem Kármán-Auditorium zu sitzen, wo gefühlt hunderte Passanten vorbeikamen, die Zeugen unserer praktischen Sprachübungen wurden, denn die Übungen mussten wir immer „op de trap“ machen, mit verteilten Rollen.

Es gab da stets diese „reizenden“ Dialoge, die sich zwischen Meneer Gonzalez, einem fiktiven mexikanischen Touristen – er kann auch Spanier gewesen sein -, und Mevrouw de Boer abspielten. Meneer Gonzalez kannte sich als Tourist grundsätzlich nicht aus, aber zum Glück war stets die allwissende und hilfsbereite Mevrouw de Boer präsent, eine Niederländerin und Einheimische, die fortan die Wege und Geschicke von Meneer Gonzalez leitete und lenkte. 😉 Marilu hatte sich spontan für die Rolle von Meneer Gonzalez entschieden.

Wir saßen da immer auf dieser starkfrequentierten Treppe und vollführten peinlich berührt diese Dialoge, während die Passanten entsprechende Bemerkungen machten. Einige zweifelten an unserem Verstand und lästerten, was das Zeug hielt. Unter diesen Voraussetzungen macht das Ganze nicht so viel Spaß – das kann sicherlich jeder nachvollziehen … 😉 Und spätestens nach einer halben Stunde hatte ich der ungewohnten stimmlos-velaren Laute bzw. uvularen Frikative oder Reibelaute (der Name „Reibelaut“ kommt nicht von ungefähr) wegen Halsschmerzen … Und so gingen Marilu und ich irgendwann nicht mehr hin. Immerhin hat ihr Mann, seines Zeichens Niederländer, sich sehr erfolgreich um die korrekte Aussprache unserer niederländischen Nasallaute verdient gemacht, die wir mit Hilfe einiger Biere dann irgendwann auch annähernd authentisch beherrschten.

Ich habe mich jedoch oft geärgert, das Ganze nicht einfach durchgezogen zu haben, denn Niederländisch ist wirklich eine ganz sympathische Sprache. Was im Deutschen extrem bürokratisch klingt, klingt im Niederländischen in vielen Fällen einfach nur … knuddelig. Ihr kennt doch sicherlich diese Verkehrsschilder, auf denen ein Auto zu sehen ist, das an einem Abschleppwagen hängt. Im Deutschen steht darunter immer ganz spröde: „Widerrechtlich parkende Fahrzeuge werden kostenpflichtig abgeschleppt.“ In den Niederlanden sieht das Schild zwar genauso aus, aber unter der bildlichen Darstellung las ich dort mehrfach: „Fout gestaan – in de kraan!“ Widerrechtliches Parken hat dort zwar die gleichen Konsequenzen wie hierzulande, aber mal ehrlich: Das klingt doch einfach nur süß und wie mit Augenzwinkern gesagt. (Obwohl es absolut ernst gemeint ist.) 😊

Und ich brach vor Lachen in Maastricht mal beinahe zusammen, als ich die Beschriftung an einer Verkehrsinsel las, auf der sich ein versenkbarer Poller befand. Denn dort hieß es: „Attentie! Beweegbaar obstakel!“ Es war das „obstakel“, das den Lachanfall auslöste, da ich dieses Wort aus dem Lateinischen, Englischen, Französischen und Italienischen kannte. Hier, mitten in den Niederlanden, überfiel es mich unerwartet, und es klang so herrlich altmodisch-gespreizt und damit auch ein bisschen albern. Da ich selber zu Albernheiten tendiere, lachte ich mich fast schlapp. Nicht laut, mehr innerlich. 😉 Beweegbaar obstakel hatte im Erwachsenenalter die gleiche Wirkung auf mich wie die erstmalige Konfrontation mit dem Begriff bromfiets als Kind. Fiets ist das Fahrrad, und brommen bedeutet brummen – ergo ein brummendes Fahrrad. Kurz und in deutscher Sprache: ein Moped oder Mofa! Wer angesichts des Begriffs bromfiets nicht lacht oder beschließt, diese Sprache einfach nur zu lieben, hat kein Herz. 😉 Finde ich jedenfalls. 😉

Aber zum Glück weiß ich Sprachen zu schätzen, und ich lache im Grunde zumeist auch nur über den Klang, beileibe nicht über die Aussage. Es klingt oft einfach niedlich, auch wenn es todernst gemeint ist. Und ich möchte gern diese Sprache sprechen können, weil sie so sympathisch klingt und der Erwerb von Fremdsprachen ohnehin immer lohnend ist. Und weil wir ja hier nicht weit von den Niederlanden entfernt leben.

Was auch immer Jana mir morgen sagt: Ich werde ab Mitte April mittwochs nach M. fahren, aus einem Buch mit dem Titel Wat leuk! lernen und sicherlich erneut regelmäßig unter Halsschmerzen leiden. 😉

Im Zuge meines ersten Niederländischkurses hatte ich in Aachen bei einigen Leuten dann den Spitznamen Mevrouw de Boer, und ich schwöre, ich würde auch heute noch reagieren bzw. zusammenzucken, würde man mich oder eine Person, die wirklich so heißt, so rufen … 😉 )

There is something fishy about it …

„Ali, was hältst du von Fischen?“

So fragte mich kürzlich eine Freundin. „Wie meinst du das?“ fragte ich zurück. „Meinst du Fische als Nahrungsmittel oder in anderer Weise? Oder meinst du die Tätigkeit?“

„Mehr das Sternzeichen,“, bekam ich zur Antwort. Wie peinlich! Ich gebe zu, ich habe ein Faible für derartige Dinge, aber eigentlich mehr in der Art, dass ich den Verdacht hege, dass einige grundsätzliche Wesenszüge in der Tat das widerspiegeln könnten [!], was so gern als „vollumfänglich typisch“ für das eine wie das andere Sternzeichen angenommen wird. Bei mir spricht allerdings mehr die Erfahrung und weniger die Sterne.

Als ich jedoch über das Sternzeichen Fische nachdachte, fiel mir auf, dass ich zwar einige Fische kenne, mit denen mich jedoch in der Tat wesenstechnisch nichts verbindet. Meine letzte nähere Bekanntschaft ist auch Fische, und unsere Wege trennten sich alsbald. Ich vermute zwar, dass dies auch anderweitig eingetreten wäre, da er Sarkasmus nicht verstand, nicht verstand, wenn ich eine frotzelnde Bemerkung machte, denn er nahm alles bierernst und wollte dann diskutieren. Ein Alptraum für jeden Menschen, der gern frotzelt und Sarkasmus liebt! 😉

Ich kenne auch einige sehr nette Menschen dieses Sternzeichens, aber mit keinem bin ich näher befreundet. Nicht etwa, weil ich derart abergläubisch wäre, das nun wirklich nicht. Nein – es sind eher Menschen, mit denen ich spreche und dann feststelle, dass man, hier: ich, sich wunderbar übers Wetter austauschen kann, ansonsten aber keine Gemeinsamkeiten habe.

Und nun stand Jasmin da und bedurfte eines Ratschlages. Und so lachte ich und meinte, ich könne nur von mir ausgehen, und für mich seien Fische aufgrund einiger Erfahrungen nicht geeignet. Und genauso umgekehrt, und ich beschrieb, warum, beschrieb die Sarkasmusresistenz des Fischs, mit dem ich zuletzt zu tun gehabt hatte. Jede sarkastisch-frotzelige Äußerung meinerseits wurde aufs Absolute ernstgenommen, und dann sollte diskutiert werden. Und das trotz der Vorwarnung meinerseits, dass ich sehr sarkasmus- und frotzelaffin sei.

Jasmin meinte: „O Gott! Das kommt mir erschreckend bekannt vor. Ich habe dich jetzt gefragt, weil du ja ziemlich offen bist und wir uns neulich über Sternzeichen unterhalten haben. Im Grunde bestätigst du nur meine Befürchtung.“ Wir klangen wie zwei Opfer einer Wahrsagerin, die in ihrem Zelt auf dem Jahrmarkt in eine dieser Briefbeschwerer-Glaskugeln starrt – vorgeblich eine echte und magische Kristallkugel – und den Verzweifelten, die zu ihr eilen, dramatisch-dräuenden Blicks etwas vom Pferd erzählt … 😉

Ich winkte ab, da die Sache ja nun wirklich individuell zu sehen ist und man das Ganze ohnehin nicht bierernst nehmen kann, aber Jasmin fragte weiter, was denn mit meinem Fisch gewesen sei, denn meinen Humor verstände sie recht gut, auch sarkastische Bemerkungen meinerseits. Und dann meinte sie: „Und ich mag dich obendrein.“ – „Ich dich auch.“ Und wir stellten fest, dass wir über einen ähnlichen Humor verfügen – aber trotzdem wollte Jasmin, Sternzeichen Waage, doch eine Antwort.

Ich sagte: „Ich kann dir wirklich nur sagen, wie das bei mir gelaufen ist. Aber ich bin mir sicher, wenn ich dir das Ganze erzähle, fangen wir beide zu lachen an. Also: nur Mut! Vielleicht ist dein Fisch ja auch ganz anders!“

Und ich erzählte. Jasmins Gesicht verfinsterte sich mehr und mehr, so dass ich irgendwann rief: „Jasmin! Astrologie ist keine ernstzunehmende Wissenschaft! Sie ist im Grunde überhaupt keine solche!“ Doch sie sah mich nur leicht melancholisch an und meinte: „Was du gerade erzählt hast, trifft zu hundert Prozent auf meinen Fisch zu! Alles! Ich war ja ohnehin schon im Zweifel … Und nun hast du mir noch eine Bestätigung gegeben, dass das nicht passe.“ – „Du hast mich gefragt, und ich habe dir gesagt, ich könne nur für mich sprechen. Aber warte! Ich hatte früher einen Freund, der auch Fische war – der war ganz anders!“ – „Und wieso bist du nicht mehr mit ihm zusammen?“ – „Weil wir nicht zusammenpassten. Aber der war wenigstens nicht so ätherisch wie der letzte Fisch. Wahrscheinlich war er Aszendent Lumberjack. Auch wenn es nicht passte: Seine direkte Art fand ich zumindest nett. Blöd war halt nur, dass er sehr empfindlich war, was seine Person anbelangte. Aber auch nur im Hinblick auf die. Aber warte! Da war noch Anthony! Ein Neuseeländer, den ich sehr mochte. Ich habe so viele schöne Gespräche mit Tony geführt. Ich dachte damals, er sei Informatiker, da er in einer IT-Firma arbeitete. Er dachte das Gleiche von mir, da auch ich in einer IT-Firma arbeitete. Und es stellte sich heraus, dass wir beide in der Tat dasselbe studiert hatten. Nur eben nicht das, was wir vom Gegenüber dachten. Er war auch Anglist! Der war auch Fische!“ – „Warst du mit dem zusammen?“ – „Nee.“ – „Warum nicht?“ – „Weil ich damals mit einem Skorpion zusammen war. Davon rate ich übrigens dringend ab. Zumindest dir und mir. Ich glaube, im Vergleich zu diesem Skorpion wäre jedweder Fisch harmlos.“ Und ich grinste Jasmin an und meinte, und das mit einem Augenzwinkern: „Manchmal sind Fische im Vergleich gar nicht so schlimm. Es könnte zumindest schlimmer kommen.“ Jasmin meinte: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt mit dieser Sternzeichen-Kategorie zu tun haben möchte. Mein Fisch ist so sensibel! Knallt einem dann aber Dinge quer über die Rübe, bei denen man nur schlucken muss – total unsensibel!“ Ich grinste und rief: „When you have to deal with pisces, there’s always something fishy about it!”

Jasmin hat einige Zeit in England gelebt, und als sie meinen Spruch hörte, platzte sie heraus und konnte sich kaum noch beruhigen. „Was für ein Wortspiel!“ rief sie, und dann erklärte sie, sie würde noch einmal in sich gehen …

Liebe Fische– und Skorpion-Geborene: Ich mag euch! 😊 Aber beste Freunde waren wir nie so recht. Es liegt an der Wellenlänge. Zumindest habe ich bis dato diese Erfahrung gemacht. Ob es am Sternzeichen liegt, vermag ich natürlich nicht zu sagen. 😉

Kleiner Nachtrag: Nein, ich bin nicht gar so abergläubisch, wie es hier scheint. It was just for the fun of it … 😉