Auf Du und Du mit den Geschöpfen des Waldes ;-)

Im Allgemeinen sind Rehe sehr schöne Tiere, sehr anmutig und liebenswert. Freundlich, hübsch und durchweg positiv laufen oder springen sie ihrer Wege, und es wird nur dramatisch, wenn ein Rehkitz in einen Mähdrescher gerät oder seine Mutter umkommt und das Kitz dann verwaist ist. Das ist sehr traurig, aber im zweiten Falle finden sich zum Glück wenigstens Menschen, die das Rehbaby dann per Hand mit der Flasche aufziehen. Sicherlich nicht der optimale Lebenseinstieg für ein Rehkind, aber besser, als als Halbwaise – der Vater sonstwo unterwegs, der sich naturgemäß ohnehin nicht um seine Nachfahren kümmert – umzukommen. Dramatisch selbstverständlich auch das Erlebnis, das ein Jogger vor einigen Jahren hatte, als er am Waldrand entlanglief und ein brünftiger Rehbock durchs Gebüsch brach, der im arglosen Läufer einen Rivalen sah und ihn umgehend und ohne jedwede Vorwarnung rehbocktypisch attackierte. Glücklicherweise beherrschte der Jogger eine Kampfsportart – ich glaube, es war Taekwondo – und konnte den Rehbock mit einigen gezielten Tritten dazu bewegen, sich in den Wald zurückzuziehen. Ernsthaft verletzt wurde zum Glück niemand, wenn auch der Rehbock sicherlich das Gefühl hatte, sein Gesicht verloren zu haben. Natürlich nur im übertragenen Sinne. 😉

Vor einigen Jahren meinte mein bester Freund Fridolin: „Rehe sind leider offenbar strunzhageldoof!“ Ich rief: „Aber nein – wie kannst du so etwas sagen! Die armen Tiere! Warum sagst du so etwas? Vielleicht sind sie keine Einsteins – aber doof?“

Es geschah, kurz nachdem er mich zu Hause abgesetzt hatte, nachdem ich ihn und seine Frau in Unterfranken für ein paar Tage besucht hatte. Er musste zu einer Messe irgendwo im Rheinland und meinte: „Ich kann dich auf dem Weg zu Hause absetzen.“ Klar, sehr gern – alles besser als eine öde Zugfahrt! Und so geschah es.

Zwei Stunden, nachdem er mich hier abgesetzt hatte, schickte Mona, seine Frau, mir eine SMS: „Ich kann Fridolin nicht erreichen. Weißt du, was passiert ist? Er müsste doch längst in seiner Unterkunft sein.“ Ich schrieb zurück, er habe mich abgesetzt und sei dann weitergefahren. Dann versuchte ich, ihn auf dem Handy zu erreichen. Ohne Erfolg.

Dann kam eine weitere SMS von Mona: „O Gott! Ein Reh ist Fridolin ins Auto gerannt! Sein Tagungshotel ist am Waldrand.“ Ja, da kommen Rehe durchaus vor … Mir wurde ganz anders – mein bester Freund! Ich sah ihn im Rettungswagen, im künstlichen Koma, mit schwersten Verletzungen, das Reh in vollem Lauf durch die Windschutzscheibe geflogen! Nichts ist unmöglich. Ich schickte Fridolin mehrere SMS: „Geht es dir gut?“

Irgendwann rief er mich an: „Ja, ich bin es – es geht mir gut. Das dumme Vieh rennt mir direkt vor dem Hotel seitlich ins Auto!“ – „Ist das Reh verletzt?“ – „Super, Ali! Du fragst nach dem Reh! Aber keine Sorge – ich bin auch unverletzt, und das Reh ist danach in den Wald gerannt. Ich habe eine Riesenbeule im Auto.“ – „O Gott, das arme Reh! Sicher ist es verletzt – so ein heftiger Aufprall! Am Ende hat es ein Kitz und sich mit letzter Kraft hingeschleppt und ist gerade neben seinem Kind verendet! Und das Kleine fiept hilflos neben seiner toten Mutter!“ „Ali! Du hast zu oft Bambi gesehen! Das Tier ist auf allen vier Beinen und ohne zu hinken in den Wald gerannt!“ – „Ja, aber es kann doch innere Verletzungen haben! Und außerdem ist Bambi gar kein Reh, sondern ein Weißwedelhirsch!“ beckmesserte ich.

Fridolin stöhnte und meinte: „Es freut mich, dass du dir solche Sorgen um mich machst.“ – „Ja, aber ich höre ja, dass es dir gut geht. Das Reh …“ – „… ist im Wald. Ich bin sofort ausgestiegen und habe extra nachgesehen, weil es mir auch leidtat, aber da rannte es weg. Sorry, ich kann es nicht anders sagen, aber Rehe sind strunzhageldoof! Und ich wollte auch nur sagen, dass es mir gut geht – da kommt gerade die Polizei, um den Unfall aufzunehmen. Rehe sind schön, aber strunzdumm!“ Das fand ich ein bisschen hart, denn das arme Tier hatte doch sicherlich Angst gehabt, aber ich sagte lieber nichts mehr. 😉

Ich gebe zu, ich habe da etwas emotional reagiert. 😉 In erster Linie war ich froh, dass meinem besten Freund nichts passiert war, und auch für Mona war ich froh, die wohl so richtig Angst gehabt hatte.

Vor etwa fünf Jahren besuchte ich meine Eltern zum Muttertag. Wir saßen auf der Terrasse und fuhren gegen Mittag in den Nachbarort zu einem Restaurant. Auf dem Weg dorthin unterhielten meine Mutter – sie fuhr – und ich uns lebhaft. Mein Vater saß rechts, ich hinten, und sie drehte den Kopf nach rechts in meine Richtung, als ich, die geradeaus auf die Straße blickte, plötzlich schrie: „Bremsen, Mama!“

Denn vor uns stand ein Polizeiwagen quer auf der Straße, quasi als Straßensperre. Rechts davon zwei Autos mit Warnblinkern am Straßenrand. Mama bremste, und wir hielten knapp hinter den Autos, und sie ordnete sich dahinter ein, ebenfalls mit Warnblinker. Ein Polizist lief mit gezückter Dienstpistole auf der Straße herum – was war da los?

Muttern meinte – allerdings im Scherz: „Was geht denn hier ab? Seht ihr, was da los ist? Suchen die jemanden? Wird hier etwa gleich geschossen?“ Und sie lachte, wie man lacht, wenn man mit so etwas nicht wirklich rechnet. Ich starrte nach draußen und sah zwischen den vorderen Autos am Straßenrand etwas hervorragen, das wie ein hingeworfener Sack aussah, der mehrfach zuckte. Was war das? „Ich glaube, da ist ein Tier angefahren worden,“, sagte ich noch beklommen, als wir auch schon einen Schuss peitschen hörten. Wir sahen einander betroffen an – meine ganze Familie ist sehr tierlieb.

Und als die Polizei die Straße freigab und wir langsam an den anderen Autos vorbeifuhren, sahen wir, dass das vordere Auto eine eingedrückte Front hatte. Davor lag ein kleiner Rehbock, der wohl so schwer verletzt worden war, als er über die Straße und dabei in das Auto gerannt war, dass die Polizei nicht erst auf den zuständigen Jäger hatte warten können, sondern das schwerverletzte Tier lieber schnellstmöglich erlöste. Wir fuhren beklommen weiter, und trotz des angepriesenen Rehbratens wählten wir im Restaurant alle instinktiv etwas Vegetarisches, obwohl niemand von uns echter Vegetarier ist.

Heute besuchte ich meine Eltern, zumal meine Schwester zu Besuch war, die recht weit entfernt lebt und endlich einmal wieder zu Besuch war. Wir saßen in der Sonne, tranken Kaffee, aßen später selbstgemachte Pizza, und wir unterhielten uns. Wie wir auf das Thema kamen, weiß ich nicht mehr, nur noch, dass ich sagte: „Toi, toi, toi! Bis dato habe ich glücklicherweise noch nie ein Tier über- oder angefahren. Von Menschen ganz zu schweigen. Aber auch ein über- oder angefahrenes Tier möchte ich mir nicht vorstellen – zum Glück ist mir so etwas bisher nicht passiert.“

Achtet immer genau auf das, was ihr sagt – möglicherweise beschwört ihr eine Art self-fulfilling prophecy herauf. 😉

Denn als ich mich gegen halb neun abends auf den Heimweg machte, hatte ich mitten auf der Bundesstraße eine Begegnung der Dritten Art

Die Sonne stand tief, ich fuhr die erlaubten 70 Stundenkilometer – das Auto vor mir weit entfernt, das hinter mir genauso. Wie gut, denn plötzlich sah ich, wie aus einem Seitenweg zur Linken vor mir ein braunes Tier, dessen Fell in der tiefstehenden Sonne fast gülden leuchtete, auf die Bundesstraße trabte. Es trabte federnd und elegant wie ein edles Dressurpferd in diese überirdisch wirkend beleuchtete Szenerie hinein – voller Selbstbewusstsein und unter Missachtung der Vorfahrt. Da alles so überirdisch ausgeleuchtet war und wirkte, war ich im ersten Sekundenbruchteil auch eher fasziniert, trat dann aber umgehend die Kupplung durch, und mein rechter Fuß wechselte in Sekundenschnelle auf die Bremse und trat diese bis zum Bodenblech durch. O Gott! Ein Reh! Mitten auf der Bundesstraße! Und ich verdammt nah dran!

Mein Wagen geriet leicht ins Schlingern, während das Reh auf der Straße stehenblieb und am Boden schnupperte – vielleicht wuchs da ja etwas Leckeres? Das nahm ich zumindest noch wahr, während ich durch Gegenlenken die Schlingerbewegung zum Glück abfangen konnte.

Knapp vor dem Reh, das überhaupt nicht irritiert reagierte, kam ich zum Stehen, und es hätte mich in dem Moment auch kaum gewundert, wäre es ans Seitenfenster getreten, um mich um einen Euro oder eine Zigarette und Feuer zu bitten. Ich bin mir auch sicher, ich hätte ihm dies in diesem unglaublichen Falle sogar gewährt … 😉

Ein Rehbock war es, wie ich aus der Nähe erkannte, als er mir seinen Kopf zuwandte. Sicherheitshalber schaltete ich die Warnblinkanlage ein – und dann hupte ich! Denn der Kerl stand immer noch auf der Bundesstraße. Auch der Gegenverkehr hupte, der zwar noch etwas weiter entfernt war, aber wohl bemerkt hatte, dass da etwas auf der Straße stand, das besser nicht dort stehen sollte. Das Auto hinter mir war so weit entfernt, dass keine Gefahr bestand, und im Rückspiegel bemerkte ich, dass sein Fahrer wohl zusätzlich sein Tempo gedrosselt hatte – wahrscheinlich schon, als er sah, dass ich eine Vollbremsung machen musste.

Das Hupen ging dem Rehbock dann wohl so auf die Nerven, dass er seinen Standort lieber wechseln wollte, ansonsten aber wenig beeindruckt in elegant federndem Trab seinen Weg fortsetzte. Auf dem Seitenweg, der rechts von der Bundesstraße wegführte, während mir der kalte Schweiß auf der Stirn stand.

Ich fuhr dann weiter und sah, dass einige Kilometer hinter der Stelle mehrere „Achtung: Wildwechsel!“-Schilder installiert waren, weil dort wohl ein bekannter Wildwechsel ist, zumal dort Felder sind.

Offenbar aber zieht der moderne Rehbock dieser Tage gepflasterte Seitenstraßen vor, statt dort, wo man ihn eher erwartet – an Feldrainen – durch die Ähren zu brechen. 😉 Man macht sich auf Straßen auch die Hufe nicht so schmutzig wie mitten in Feld und Wald, und der Rehbock von Welt achtet heutzutage auf so etwas. 😉

Ich hingegen achte demnächst mehr auf meine Worte, wenn ich mich auch gegen Aberglauben stets sträube. 😉 Und leider muss ich Fridolin recht geben: Die allerhellsten Kerzen auf der Torte scheinen Rehe wirklich nicht zu sein. Denn quietschende Bremsen und herannahende Autos sollte doch auch ein Reh irgendwie als Gefahr wahrnehmen können – oder etwa nicht? Da es noch nicht dunkel war, war das Tier auch nicht geblendet, sondern hielt völlig entspannt inne und sah mich, als ich schweißgebadet in geringer Entfernung zu ihm hielt, auch eher neugierig an.

Versteht mich nicht falsch, denn ich liebe Tiere sehr, auch Rehe, aber ich war doch ein bisschen irritiert, als er mitten auf der Bundesstraße stehenblieb wie ein Fels in der Brandung, um am Straßenbelag zu schnuppern … Ein wirklich schönes Tier – und erst dieser elegante Trab, mit dem es sich entfernte! Ich war froh, dass er und ich unverletzt geblieben waren, und ich wünsche ihm nur das Beste.

Im Wald. 😉

Zwei auf einen Streich

Ja, ich weiß, der Schneider im Märchen Das tapfere Schneiderlein fing sieben auf einen Streich – aber das waren Fliegen. Bei mir wurden heute zwei gezogen, und das annähernd auf einen Streich bzw. mit nur geringem zeitlichem Versatz, aber das fand ich erheblich beeindruckender als sieben blöde Fliegen. 😉

Denn heute war meine kieferchirurgische OP, von deren Notwendigkeit ich letzte Woche erstmalig und zu meiner großen und durchaus unangenehmen Überraschung gehört hatte. Und das auch noch im Oberkiefer, was ich besonders besch…eiden finde, denn da haben die Backenzähne allesamt drei Wurzeln – im Unterkiefer nur zwei. Außerdem wird man mitsamt Zahnarztstuhl bei Eingriffen im Oberkiefer immer so unangenehm „kopflastig“ in Position gefahren, sprich: Das Kopfende wird immer so sehr nach unten gefahren, dass man denkt: „Wahrscheinlich habe ich gleich nicht nur eine gigantische und fies schmerzende Wunde im Mund, sondern auch noch mindestens eine Beule am Hinterkopf oder gleich einen Schädelbruch, nachdem ich sang-, klang- und ruhmlos mit dem Hinterkopf voran vom Stuhl gesaust und auf dem Boden aufgeschlagen sein werde. Ah! Nein! Nicht noch weiter hinunterfahren!“

Ich hatte zwar keine unruhige Nacht, aber ein unruhiges Erwachen hinter mir, als ich mich schleppenden Schrittes auf den Weg zur nicht weit entfernt gelegenen Zahnarztpraxis machte.
Denn ich hatte geträumt, dass mich ein Anruf der Zahnarztpraxis ereilt hätte: Der Termin müsse leider um vier Wochen verschoben werden. Als mein Wecker klingelte und ich langsam zu mir kam, dachte ich: „Wieso klingelt der Wecker? Der Termin wurde doch verschoben!“ Und dann kam peu à peu die schaurige Erkenntnis, dass es nur ein Traum gewesen sei. Ich hasse solche Träume, und auch heute fühlte ich mich entsetzlich verarscht. Was soll so etwas? Da muss ich wohl mal Tacheles mit mir selbst reden, denn der Traum wurde ja von meinem höchsteigenen Unterbewusstsein speziell für mich kreiert. 😉

Bevor ich unten an der Tür des Hauses klingelte, in dem die Praxis sich befindet, installierte ich den geräumigsten Mund-und-Nasenschutz, den ich besitze: Zwei davon hat meine Krankenversicherung mir geschenkt. Ich fand sie erst etwas groß, aber seit letzter Woche bin ich froh und dankbar um ihre Existenz und ihre Größe: seit ich von der OP wusste. Und so konnte mein Zahnarzt auch sofort sehen, wo ich versichert bin, denn linksseitig prangt – erstaunlich klein – das blauweiße Logo der KV. 😉

Die Helferin an der Anmeldung erwiderte mein „Guten Morgen“ fröhlich und sagte: „Frau B. – Sie sehen etwas zweifelnd aus. Und Sie klingen auch so. So kenne ich Sie gar nicht.“ – „Das liegt unter Umständen an dem unbeschreiblich schönen Eingriff, der mir bevorsteht.“ Die Helferin grinste und meinte: „Ach, Frau B. – das ist alles schnell vorbei, und dann sind Sie froh. O Gott – jetzt zieht sie auch noch eine Augenbraue hoch! Sie weiß zu viel! Aber ich sehe trotz Maske, dass Sie auch grinsen. Man sieht es an den Augen.“ – „Verdammt! Nicht einmal mit Maske habe ich ein Pokerface – auch diese Illusion dahin!“ Die Zahnarzthelferin brach in lautes Lachen aus, und ich lachte mit. Besser lachen vor dem Mist, der mir bevorstand. Denkt immer an die Glückshormone! Davon brauche ich beim Zahnarzt immer ganz besonders viele. 😉

Kaum hatte ich meinen Hintern im Wartezimmer auf einer Couch geparkt, kam auch schon eine andere Helferin und holte mich ab. Und sie führte mich in meinen allerliebsten Behandlungsraum: den mit dem gelben Zahnsymbol, das außen auf die Glastür geklebt ist. Es gibt vier Behandlungsräume: den blauen (blaues Zahnsymbol), den roten, den grünen und … den gelben. Er unterscheidet sich von seinen Kollegen nicht nur dadurch, dass der Stuhl um 180 Grad anders steht als in den anderen Räumen und man vom Stuhl aus schon sieht, wenn der Zahnarzt kommt, um sich schmerzhaft an einem zu schaffen zu machen, er ist auch kleiner, aber dafür mit anderen Dingen ausgestattet als die anderen Räume. Dingen, die man sich besser nicht so genau ansehen sollte. Es ist der OP-Raum, und ich mag ihn noch weniger als die anderen Räume.

„Frau B. – nehmen Sie doch schon einmal Platz,“, rief die Helferin fröhlich, als würde sie mich zu einem Kaffee einladen, und ich sagte: „Ja. Ich nehme Platz in meinem ‚Lieblings‘-Behandlungsraum. Sagen Sie, kann es sein, dass der Behandlungsstuhl hier nur deswegen andersherum positioniert ist, weil so der Rettungsdienst, den man ggf. herbeirufen muss, besser, da direkt und von vorne, an den kollabierten Patienten herankommt?“ Die Helferin, die mich noch nicht kannte, starrte mich entsetzt an, aber dann – ich hatte meine Maske inzwischen abnehmen dürfen – sah sie, dass ich heftig grinste. Und sie fing auch zu lachen an und meinte: „Mein Gott, ich dachte erst, Sie meinten das ernst!“ – „Nee, nur so halb.“ – „Ach, keine Sorge, das geht ruck-zuck!“ – „Ich weiß. Ruck-zuck – passt perfekt zur Situation, so als Ausdruck.“ Da sagte die Helferin: „Ich schalte erst jetzt! Mein Chef sagte schon vorher zu mir: ‚Gleich kommt Frau B. zur Extraktion einer Wurzel und eines Weisheitszahns, der noch im Kiefer liegt. Wappnen Sie sich.‘ Und da sagte ich noch: ‚O je – eine Angstpatientin?‘ – ‚Nein, durchaus nicht. Sie können Frau B. den halben Kiefer aufstemmen, wenn betäubt – die zuckt nicht mal mit der Wimper. Da Sie sie aber noch nicht kennen: Sie hat einen bisweilen schwarzen Humor, und sie kann sehr gut über sich selbst lachen. Eine angenehme und nette Patientin. Ich musste mich an ihren Humor aber erst gewöhnen, denn ich rechne selten mit Sarkasmus, wenn ich Patienten hier im Stuhl liegen habe, denn die meisten haben einfach Angst. Mitleid mag sie nicht. Das war für mich anfangs völlig ungewohnt, aber im Verlauf sehr nett. Nur bei Abformungen wird sie heikel. Wäre das nicht, wäre sie der perfekte Patient.‘“ – „Wie bitte? Ihr Chef hat sich derart über mich geäußert, und Sie erzählen das so offen?“ – „Ja, aber das ist doch nett gemeint. Wirklich. Sonst hätte ich Ihnen das nie gesagt! Aber sagen Sie doch mal: Wie reagieren Sie auf Abformungen?“ – „Das möchten Sie nicht wissen. Absolut scheußlich und nicht wie ich selbst.“

Da kam der Zahnarzt auch schon, und fröhlich rief er: „Guten Morgen! So, Frau B. – dann wollen wir mal sehen, ob ich es gegebenenfalls doch schaffe, die Wurzel und den Weisheitszahn herauszuholen!“ – „Sie machen mir doch immer wieder Freude mit Ihren Sprüchen! Zum Glück weiß ich ja aufgrund langjähriger Erfahrung, dass Sie das alles aus dem Handgelenk machen und können. Würde ich Sie nicht so lange kennen, würde ich mir jetzt leise und immer lauter werdende Sorgen machen und mich fragen, ob Sie sich gerade selbst beruhigen.“ – „Gott sei Dank – da ist die Frau B., die ich kenne. Letzte Woche, als Sie so still waren, habe ich mir Sorgen gemacht. Übrigens ist ‚aus dem Handgelenk‘ sehr treffend, denn so zieht man Zähne am besten.“ – „Ja. Wäre trotzdem schön, würden Sie einfach loslegen.“ – „Gut. Ich gebe Ihnen hier eine kleine Spritze.“

Ich lachte dreckig. „Kleine Spritze“! Spritzen beim Zahnarzt sehen immer monströs aus. Da wird eine Art Ampulle mit einer feinen Kanüle in einer Art Gestell installiert, das erschreckend aussieht und hinten zwei „Ohren“ hat – wie eine Schere. Sicherlich dient dies der besonders feinfühligen Applikation der Anästhesie. Schön ist anders, aber es schreckt mich nicht wirklich. Das Ganze aber als „kleine Spritze“ zu bezeichnen, ist irreführend, zumal man weiß, dass gleich der halbe Kiefer nebst Lippe durch Lidocain lahmgelegt sein wird und man mit mehreren Ladungen davon in verschiedene Teile des Kiefers und auch in den zahnnahen Bereich des Gaumens – besonders angenehm! – versehen wird. Der einzige Trost: Im Oberkiefer wirkt die Anästhesie schnell. Und heute war es auch kein Problem, eine zusätzliche Anästhesie in die Wurzelkanäle zu geben: Da war eh alles tot, denn ansonsten wäre ich vom Behandlungsstuhl abgehoben. Zweimal erlebt, zwei Leute – Zahnarzt und Helferin – mussten mich an den Schultern festhalten und auf den Behandlungsstuhl drücken, und ich schwöre, ich hätte sie in dem Moment beide gern hingemetzelt. Nach vorheriger Folter. Hatte ich schon einmal erwähnt, dass ich gemeinhin Pazifistin bin? 😉

Als man auf dem Tischchen, das am Zahnarztstuhl im Gesichtsbereich des Patienten angebracht ist, die notwendigen Instrumente aufbaute bzw. ablegte, fuhr man mich sicherheitshalber mit dem Kopf so weit hinunter, dass ich protestierte: „Hallo? Das ist nicht nötig – ich habe keine Angst davor. Fahren Sie mich bitte wieder hoch!“ Mein Zahnarzt lachte und fuhr mich wieder hoch, grinste mich an und meinte: „Der reine Gewöhnungseffekt – den meisten Patienten ist das lieber so. Ging nicht gegen Sie.“ – „Sie können mir alles vor die Nase legen – nur keine Abformlöffel. Das Skalpell hatte ich eh schon gesehen, bevor Sie mich nach unten fuhren. Bescherung war schon.“ – „Sehen Sie,“, rief der Zahnarzt der Helferin zu: „Das meinte ich! Frau B. ist wirklich absolut cool und abgebrüht – sie beschwert sich sogar, wenn man ihr OP-Instrumente vorenthält.“ Dann strich er mir über die Schulter und meinte: „Sorry. Sie wissen ja ohnehin, was auf Sie zukommt. Und daher wissen Sie auch, dass das alles gar nicht so schlimm ist.“ Ich grinste schief, und das auch aus dem Grunde heraus, dass meine linke Gesichtshälfte betäubt war.

Dann ging es auch schon los: Ich sah das Skalpell, ich spürte, dass etwas an meinem Zahn scharrte, aber keinen Schmerz. Offenbar eine bombige Anästhesie! Dann sagte der Zahnarzt: „Jetzt wird es gleich etwas laut, Frau B.!“ Es wurde laut, es drückte unschön im Kiefer, als er an der Wurzel herumfräste – angenehm oder schön ist anders. Aber es tat nicht weh und war erträglich, und was will man in solch einer Situation mehr? 😉

Dann rief er nach einer Zange, und es drückte, krachte und bohrte in meinem Kiefer aufs Possierlichste, aber da rief der Zahnarzt schon: „Frau B. – glatt herausgeholt, und das an einem Stück!“ Ich freute mich, wenn auch etwas verhalten. Gern hätte ich ja laut gejubelt, aber so fröhlich ist der Verlust einer Zahnwurzel nun auch nicht, und das schon gar nicht, wenn der linke Mundwinkel bis zum Abwinken durch einen von der Stuhlhelferin geführten Haken noch weiter nach links gezogen wird, als die Natur vorsah. Noch dazu, wenn man in kopflastiger Position hängt und der Zahnarzt dann ruft: „Oh! Die Kieferhöhle ist offen!“

Das kann passieren, wenn im Oberkiefer Zähne gezogen werden, da dort alles sehr dicht beieinander liegt. Daher schicken herkömmliche Zahnärzte Patienten zu solchen Eingriffen auch gern zu spezifizierten Kieferchirurgen. Meine letzte Erfahrung mit einem solchen führte mich dann zu meinem jetzigen Zahnarzt, der eine Zusatzausbildung und Spezifikation zum Oralchirurgen belegen, der also auch unbeabsichtigt eröffnete Kieferhöhlen fachgerecht schließen kann. Eine sehr pragmatische Lösung, finde ich.

Und so rief er auch schon seiner Helferin zu: „Plastische Deckung!“ Und er rief nach Nahtmaterial, während er meine Schulter tätschelte und sagte: „Kriegen wir alles hin, Frau B.!“ – „Davon gehe ich aus,“, nuschelte ich zurück, „ich mache mir keine Sorgen – ich wusste, dass das passieren kann!“ – „Das weiß ich – Sie sind kampferprobt. Halten Sie sich mal die Nase zu, und dann pusten Sie ganz kräftig! Mund offenlassen!“

Kein Problem – mein Mund stand eh offen, da die Stuhlhelferin nebst Haken ihres Amtes waltete. Keine Chance, ihn zu schließen. Außerdem bin ich im Hinblick auf ärztliche Behandlungen – egal, welcher Art – kaum noch erstaunt, wenn ich niesen, husten oder mir die Nase zuhalten und dann pusten soll. 😉 Ich tat, wie mir befohlen, und selbst ich hörte dieses komische Pfeifen, das daraufhin ertönte und zur Folge hatte, dass der Zahnarzt rief: „Plastische Deckung bereit? Nahtmaterial!“
Ich frage mich allerdings jetzt, was zur „plastischen Deckung“ benutzt wurde. Das wird gemeinhin mit Mundschleimhaut verschlossen und dann genäht. Wahrscheinlich hingen durch die Extraktion der Wurzel noch so viele Fetzen herum, dass man die dazu benutzen konnte. Es wurde jedenfalls rasch geschlossen und genäht.

Dann kam der Weisheitszahn dran, der ja noch im Kiefer lag, da er sich bis dato nicht dazu hatte durchringen können, durchzubrechen. Erneutes „Scharren“ mit dem Skalpell, und dann rief der Zahnarzt begeistert: „Da komme ich leicht dran! Zange!“ Er rief auch noch die genaue Bezeichnung des Instruments, aber damit kenne ich mich nicht so aus. Zu mir sagte er: „Frau B. – ich muss jetzt mal ganz beherzt werden, nicht wundern!“ – „Noch beherzter als zuvor?“ nuschelte ich zwischen Haken und Absauger hindurch, und der Zahnarzt lachte und meinte: „Ja.“ – „O Gott!“

Und dann krachte es beängstigend im Dachgebälk, es drückte, knirschte und war einfach nur unangenehm, obwohl nichts wehtat.

Als es ganz besonders krachte und ich gerade dachte, dass es nun aber wirklich allmählich reiche und ich mich schon beschweren wollte, rief der Zahnarzt: „Frau B. – alles gut! Das Ding ist raus, und auch an einem Stück.“ Und schon rief er seiner Helferin zu: „Naht!“

Dann wurde das Ganze genäht, und ich wünschte, ich hätte mitgezählt, denn dann könnte ich zumindest sagen, wie viele Nähte angelegt wurden. Ich habe aber irgendwann den Überblick verloren, aber die beiden verlorenen Zähne können sich immerhin damit rühmen, dass man sie durch zahlreiche, wenn auch nicht -lose, Nähte gewürdigt habe. 😊

Den Weisheitszahn habe ich mir mitgeben lassen, denn er sieht so unschuldig aus, zumal der Zahnarzt noch sagte: „Glück im Unglück, Frau B. – der Weisheitszahn war zum Glück ein echtes ‚Lämmchen‘. Und er sieht auch so unschuldig aus. Sie hatten Glück im Unglück, denn die meisten Weisheitszähne muss ich in Fragmenten herausholen. Und Ihrer kommt an einem Stück heraus, als wäre er dazu bestimmt! Genial!“ – „Ja. Dafür sind die Gebrauchszähne alle Scheiße!“

Und da hat mein Zahnarzt mich in den Arm genommen und gedrückt. Und gelacht. Ich habe auch gelacht, und da meinte mein Zahnarzt: „Den Rest kriegen wir auch hin.“ – „Ja, das Implantat. Kriegen wir auch hin. Ich fange dann schon einmal wieder mit Lotto an.“

Wenn ich allerdings den mitgegebenen Weisheitszahn so betrachte, finde ich ihn auch ganz lieb. 😉 Nichts Böses erlebt, recht klein, nur drei Spitzen – wie ein Kinderzahn. Irgendwie süß. War aber trotzdem doof und unangenehm, als man ihn zog. 😉

Die nächste unangenehme Zahnarztbehandlung wird wohl die Implantatbehandlung sein. Ansonsten muss ich mir dringend noch etwas anderes einfallen lassen. Ich wüsste allerdings nichts Gruseligeres. 😉

Adrenaline Surges 

Ich mache drei Kreuze, wenn ich ab nächstem Montag ganze acht Arbeitstage Urlaub habe, denn den letzten Urlaub hatte ich vor inzwischen einem halben Jahr, und das macht sich allmählich bemerkbar und hinterlässt Spuren.

Als ich heute ins Büro kam, fragte ich meine Team-B-Kollegin Gina: „Gina, kann es sein, dass ich seit gestern graue Haare bekommen habe?“ Gina sah genau hin, sagte jedoch: „Dein Ansatz ist eher dunkelblond. Aber du siehst ein bisschen müde aus.“ – „Alles klar – ich rufe noch diese Woche bei meiner Friseurin an …“ – „Nein, nein, ich meine wirklich dunkelblond und keineswegs grau, und der Ansatz ist minimal. Ach, was sage ich! Minimalst! Aber wie gesagt: Ein bisschen müde siehst du aus.“

Kein Wunder – ich hatte so gut wie gar nicht geschlafen in der letzten Nacht. Ich schlafe ohnehin schlecht in der letzten Zeit, seit gestern jedoch in besonderem Maße. Ich hatte einen Homeoffice-Tag, und an all die, die glauben, „Homeoffice“ sei Entspannung pur, gleich dies: Ich arbeite im Homeoffice oft noch länger als im Büro, da ich stets die Befürchtung hege, etwas zu verpassen oder zu übersehen. Und von meiner Tätigkeit – erst recht aber unverzeihlicher Untätigkeit – hängen andere Menschen ab. Da bin ich dann besonders aufmerksam und mache speziell im Homeoffice öfter Überstunden, und die nicht einzeln. Ich schreibe sie allerdings nicht auf – sollte ich aber vielleicht einmal tun. Doch dazu später. 😉

Gestern habe ich besonders früh angefangen – um sieben Uhr! Das ist eine für meine Verhältnisse völlig unübliche Zeit, aber ich musste gestern sehr früh Feierabend machen, da um 15:45 h ein Zahnarzttermin dräute. Die Brücke oben links, die aus drei Elementen bestand (man beachte das Präteritum 😉 ), hatte sich gelockert, und da geht man besser schnellstmöglich zum Zahnarzt. Daher mein völlig ungewöhnlicher Arbeitsbeginn.

Zunächst arbeitete ich Mails ab, bearbeitete darüber hinaus das, was außerdem dringend bearbeitet werden musste, und dann nahm ich an einem Zoom-Meeting mit einer Kollegin und diversen unserer Klienten teil. Eine Stunde war angesetzt – es wurden dann zwei daraus. Zwischendurch brummte mein Handy mehrfach – Rufumleitung über meine Büronummer -, aber ich konnte nicht drangehen.

Hinterher sah ich dann: O Gott – mindestens ein Notfall war darunter, der mir auch schon eine Mail geschickt hatte. Ich kümmerte mich umgehend um Lösung, und dann klingelte das Handy ununterbrochen …

Ich fühlte mich bereits ziemlich abgespannt, als ich zum Zahnarzt ging. Nur durch eine gewisse Überbeanspruchung meiner Wenigkeit ist zu erklären, dass ich dort schließlich so reagierte, wie ich reagierte … 😉

Denn der Zahnarzt wollte die gelockerte Brücke abnehmen – was harmlos klingt, eigentlich auch ist, jedoch mit dem Einsatz zwar nicht von Hammer und Meißel, aber etwas Ähnlichem einhergeht. Der Zahnarzt und die „Stuhlhelferin“ – klingt nach etwas ganz anderem, als gemeint ist – begaben sich ans Werk, und bereits beim zweiten Versuch löste sich die Brücke, und da rief mein Zahnarzt: „Oh! Jetzt haben wir ein Problem!“ („Wieso das?“ dachte ich. „Das Ding ging doch glatt heraus!“ Aber genau das war das Problem …)

Denn der Zahnarzt sagte: „Frau B. – das Problem besteht darin, dass der hintere der beiden Brücken-Pfeilerzähne abgebrochen ist. Der ist hin. Nur noch die Wurzel im Kiefer.“ O Gott!
Mein Zahnarzt sah mir ins Gesicht und meinte: „Frau B. – was ist los? So kenne ich Sie gar nicht! Sie sind ganz blass geworden und sagen kein Wort. Sie wirken, als stünden Sie unter Schock! So kenne ich Sie nicht, denn ansonsten reagieren Sie immer mit einem gewissen Sarkasmus und schwarzem Humor auf derlei Hiobsbotschaften. Ist alles in Ordnung?“ – „Nee. Aber wenn Sie schwarzen Humor wünschen, kann ich Ihnen sagen, dass ich wohl wieder anfangen werde, Lotto zu spielen, denn sechs Richtige werde ich brauchen, nachdem der Zahn ganz hinten nun verloren ist. Denn das bedeutet doch sicher, dass ich ein Implantat benötige, nicht wahr?“ – „Es gibt noch eine andere Möglichkeit – aber die ist nicht so haltbar.“ – „Sehen Sie – und da wundern Sie sich, dass ich keinen Ton sage.“ – „Es tut mir sehr leid.“ – „Wieso habe ich nicht gemerkt, was da passierte – ich wäre doch sofort hier in der Praxis gewesen! Aber es tat nichts weh, es gab kein Anzeichen – ich bin wirklich etwas geschockt.“ Ja, und ich war völlig durch den Wind, denn sonst wäre mir eingefallen, dass der hintere Pfeilerzahn ja nicht nur wurzelbehandelt war, sondern auch schon eine Wurzelspitzenresektion mitgemacht hatte. Der war tot, und da konnte nichts mehr wehtun.

Der Zahnarzt rief einen Zahntechniker herbei, drückte dem die dreigliedrige Brücke in die Hand und sagte: „Bitte trennen, damit wir zumindest den Fünfer wieder überkronen können. Der ist absolut in Ordnung.“ Der Zahntechniker verschwand mit meinen drei „Zähnen“, während ich noch immer völlig konsterniert im Zahnarztstuhl lehnte und Zahnarzt und Helferin voller Hingabe ein Panorama-Röntgenbild meines Gebisses betrachteten … In der Zwischenzeit rasten meine Gedanken: „Die Wurzel des abgebrochenen Zahnes muss gezogen werden – das wird richtig bescheiden! Denn ohne Schneiden und Ausgraben geht da nichts! Und dann kommt wieder dieser Miniatur-Trennschleifer zum Einsatz, und jede Wurzelspitze wird einzeln herausgeholt …“ Wobei herausholen ein echter Euphemismus ist.

Das hatte ich schon einmal mitgemacht, und gegen Ende des reizenden Eingriffs hatte ich damals gedacht: „Wie gut, dass es nun vorbei ist! Lieber noch einmal mein Magister-Examen: Magisterarbeit über sechs Monate, davor mindestens sechs Monate Recherche, drei Prüfungsklausuren und drei mündliche Prüfungen, in denen du alles wissen musst, was du je im Studium gelernt hast.“ Das war damals großer Stress – aber ich hätte es sofort erneut in Angriff genommen, wäre mir nur der dentalchirurgische Eingriff erspart geblieben. 😉‘‘

Dann trat der ZA wieder an mich heran und verkündete das Verdikt: „Die Wurzel muss ausgegraben werden, und hinter diesem Zahn liegt auch noch ein Weisheitszahn im Kiefer. Wir machen den Schnitt dann einfach etwas länger und sehen zu, dass wir den Weisheitszahn auch noch herausholen. Klotzen, nicht kleckern, denn wenn wir schon einmal dabei sind, Frau B. …“ Und er fügte hinzu: „Und das machen wir dann in der kommenden Woche.“

Wie praktisch, denn da habe ich ja Urlaub … 😉 Ich hatte mich auf ruhige Tage gefreut, wenn schon mein Auslandsurlaub dieses Jahr ausfallen müsse. Und dann am Mittwoch so etwas! 😉

Ich ging dann recht schnell nach Hause – es wartete noch Arbeit, und die lenkt ja immer von Misshelligkeiten ab, nicht wahr? Denn heute musste ich einen Live-Vortrag im Rahmen einer kleinen „Messe“ halten. Natürlich dieses Jahr virtuell, während diese Infoveranstaltung sonst immer als Präsenzveranstaltung stattgefunden hatte.

Für gewöhnlich habe ich kein Problem damit, auch vor größerem Publikum zu sprechen – im Gegenteil, denn das macht mir sogar Spaß. Aber heute musste ich per Zoom quasi „in den weiten Weltenraum“ hinein sprechen, ohne jedwedes Feedback, ohne Augenzwinkern, ohne Mimik, ohne Gestik.

Zunächst lief es gut, denn da war nur mein Kollege Pepe anwesend, der die Messe logistisch betreut. Ein total netter und lockerer Mensch, und ich plauderte ebenso locker drauflos. Lief doch prima! 😊

Auf einmal machte es „ding-dong“ – ein weiterer Teilnehmer kündigte sich an. O Gott – es war mein Chef! 😉 Ich hätte ja zu gern mein Gesicht gesehen, aber wohlweislich hatte ich nur Bildschirmpräsentation ausgewählt und festgelegt, und ich riss mich zusammen und gewährte meinem Chef Eintritt zu dem Vortrag.

Nur kurz zur Erklärung: Ich mag meinen Chef sehr, aber seine Anwesenheit verunsicherte mich dennoch – und dann hakte auch noch die Präsentation! Hätte ich Blickkontakt zum Publikum gehabt, hätte es mich nicht verunsichert. Aber hier sprach ich quasi ins Nichts, und das ist dann doch ein ganz  anderes Gefühl. Es kamen noch weitere Teilnehmer, und irgendwann war ich froh, als mein Vortrag beendet war, und ich stoppte die Aufzeichnung.

Pepe schaltete sich ein, und er rief: „Das war klasse, Ali – ein ganz dickes Schulterklopfen von mir!“ – „Danke, nett, aber es war grauenhaft!“ – „Unsinn!“ – „Nein, wirklich – es war furchtbar! Ich habe irgendwann den roten Faden verloren! Und dieses Gestammel! Das kenne ich von mir nicht – das kann ich besser!“ – „Findest du? Ich fand dich ziemlich locker, und der rote Faden war auch da!“

Und da schaltete sich mein Chef ein, und das im wahrsten Sinne, denn er schaltete die Videofunktion für seinen Part ein. Ich sah, wie er fröhlich lachte, und ich schlug die Hände vors Gesicht und rief: „Was für eine Schmach!“ Da rief mein Chef: „Ali! Du spinnst! Ich fand dich cool, und der Vortrag war gut – du bist immer viel zu selbstkritisch!“ – „Mir fehlte das reale Publikum, und dann kamst du auch noch – es war furchtbar!“ Und da meinte mein Chef: „Ach, Ali, das tut mir leid! Ich bin eigentlich nur gekommen, weil ich dachte, dass dich das beruhigen würde!“ Ich lachte und meinte: „Falsch. Ich konnte es als Kind schon nicht leiden, wenn ich Klavier übte und sich jemand danebensetzte, weil er es so nett fand, mir zuzuhören. Ich spielte immer besser, wenn ich allein war.“ – „Das merke ich mir. Aber der Vortrag war gut und wirkte sehr natürlich.“

Ja. Davon bin ich überzeugt, denn ich habe derart oft „äh“ gesagt, dass es natürlicher kaum geht. 😉 Und die mehrfach hängende Präsentation wirkte auch sehr natürlich – da bin ich mir ganz sicher. 😉

Aber immerhin habe ich die virtuelle Premiere hinter mir. Beim nächsten Mal läuft alles reibungslos – da bin ich mir absolut sicher. Nur frage ich mich gerade: Wozu habe ich gestern noch bis zum Erbrechen geprobt? Ach ja … Ablenkung von der Zahnkatastrophe! Somit doch für etwas gut. 😉

Euch einen schönen Abend, und drückt mir bitte für den nächsten Mittwoch die Daumen! Ich bin ja irgendwie froh, dass wir noch Maskenpflicht haben und ich zwei Masken von meiner Krankenversicherung geschenkt bekommen habe, bei denen ich erst dachte: „Huch! Dahinter verschwindet ja sogar mein Gesicht fast komplett!“ Echt nützlich ab der kommenden Woche, wenn ich meine nach der OP zerbeulte Visage und die unvermeidlichen Hämatome verbergen möchte.

Wenn das kein perfektes Timing ist! 😉 Fast wie geplant.

Aber eben auch nur fast. 😉

DAS will ich sehen!

Als ich gestern – ich hatte Büroschicht – den kleinen Monty auf dem vorderen Parkplatz meines Arbeitgebers parkte und gen Arbeitsstätte strebte, wurde ich hinterrücks gerufen: „He, Ali!“ Ich drehte mich um und sah Kollegin Ines aus einer anderen Abteilung angelaufen kommen. „Guten Morgen!“ rief sie fröhlich, und ich erwiderte ihren Gruß ebenso fröhlich. Wir gingen zusammen weiter, und ich nahm einen anderen Eingang als sonst, so dass wir noch ein wenig plaudern konnten.

Auf dem Weg zu unseren jeweiligen Büros begegneten wir zwei Kollegen, die in der Nähe der Pforte standen und sich unter gebührendem Abstand miteinander unterhielten. Beide grüßten, wir grüßten zurück, und da rief der eine: „Im nächsten Leben komme ich als Frau zur Welt – ihr habt es ja immer gut! So gut will ich es auch mal haben!“

Man muss sich dabei nichts Böses denken – er sagt immer so etwas in der Art und meint es lustig, wenn es auch inzwischen vorhersagbar ist, und so lachten wir auch. Ich rief: „Viel Spaß schon einmal!“ Und Ines rief lachend: „Das will ich sehen!“

Im Weitergehen sagte sie gut hörbar zu mir: „Wird der eh schnell bereuen: Spätestens dann, wenn er sich wiederholt einmal im Monat vor Schmerzen krümmt. Ich wünsche ihm, dass es dann nur Binden gebe und er dauernd Angst hat, sie könnten nicht halten, was sie versprechen.“ Ich lachte schallend und fügte hinzu: „Und dann verträgt er die Pille nicht und wird völlig ungeahnt und ungewollt schwanger. Oder es geschieht ein Verhütungsunfall mit einem leicht anzuwendenden mechanischen Verhütungsmittel, das man überall ohne Rezept bekommt, und er muss die Pille danach nehmen, weil es gerade so überhaupt nicht passt und der beteiligte Typ sich direkt nach Entdeckung des Unfalls vom Acker gemacht hat. Der wird sich umgucken, danach aber auf andere Verhütungsmethoden umsteigen. Zum Beispiel eine Spirale – und das wird dann richtig lustig, vor allem beim Einsetzen. Das Gejammer möchte ich mir gar nicht vorstellen, nachdem der Arzt sagte: ‚Jetzt bitte husten!‘“ Ines lachte sich scheckig, ich mich desgleichen, und schaurig hallte unser Gelächter von den Wänden wider. 😉

Ines meinte: „Als alleinerziehende Mutter kann ich ihn mir auch nicht so gut vorstellen, falls er sich dafür entscheiden sollte, das Kind aus dem von dir genannten One-Night-Stand tatsächlich zu bekommen.“ – „Ich auch nicht.“ Und schon wieder lachten wir, was allerdings etwas unfair war, denn ich war nie in solch einer Situation und kann daher nicht sagen, ob ich das besser gemacht hätte. 😉

Zugegeben, auch mit dem ONS-Verhütungsunfall habe ich keinerlei Erfahrung. Aber so etwas gehört einfach zu den einzukalkulierenden Risiken, über die der Kollege sich wohl bei seinem spontan-leichtfertigen Ausruf so gar keine Gedanken gemacht hatte. Möglich, dass man sich als Frau da eher Gedanken macht, weil man ja die Person ist, die danach möglicherweise noch aktiver als in der Situation werden muss, die zu der Notwendigkeit, dies zu tun, erst führte. 😉

Ich drehte mich um und sah den Kollegen da völlig stupéfait stehen – offenbar hatte das von Ines und mir ausgemalte Szenario ihn geschockt. Ich winkte fröhlich und wünschte einen schönen Arbeitstag. Ines lachte erneut und meinte: „O je – wahrscheinlich steht er gleich bei mir im Büro und fragt mich, warum wir so gelacht haben.“ – „Dann sag ihm doch einfach, dass wir uns vorgestellt hätten, wie überrascht er wäre, würde er herausfinden, dass er mit Zitronen gehandelt habe. Ich vermute, im umgekehrten Falle wäre es ähnlich.“ – „Ich habe mir eigentlich nie vorgestellt, dass Männer es leichter hätten.“ – „Ich auch nicht. Ich habe mir auch nie gewünscht, ein Mann zu sein.“ – „Dasselbe hier,“, sagte Ines, „ich finde es okay so, wie es ist. Ich will mir aber keine Sprüche anhören müssen, wir hätten es leichter.“ – „Ach, ich glaube, er meinte das gar nicht so ernst. Falls doch, wäre so eine Art ‚Bodyswitching‘ sicherlich hilfreich, und er würde so etwas nie wieder sagen.“

Dessen bin ich mir sicher. 😉 Ich habe Männer eigentlich nie beneidet. Höchstens als Kind, wenn „die Jungs“ mal wieder geschont wurden, wenn sie eine Fensterscheibe beim Fußballspielen zerschossen hatten. „Sind doch Jungs – die müssen sowas machen!“ hieß es damals, und ich hätte mir das Donnerwetter gar nicht vorstellen mögen, hätten wir Mädels das Gleiche getan. 😉

Glücklicherweise heißt es heute: „Sind doch Kinder – die müssen sowas machen!“ Und von daher werde ich auch milde lächelnd und frauentypisch (denn gemäß altertümlicher Vorstellung, die bei manchen Menschen noch heute Bestand hat, seien Frauen ja viel duldsamer … ) über den Kratzer an meinem kleinen Monty hinwegsehen, den Kinder – allesamt Jungs – gestern bei ihrem kindgerecht-impulsiven Versteckspiel in unserem Garagenhof an ihm und zwei anderen Autos hinterließen. Die Jungs wohnen einige Häuser weiter, haben zwar einen eigenen Hof, aber unser Garagenhof scheint besonders verlockend zum Versteck- und Fußballspielen zu sein. Dabei ist er so gut einsehbar. Gut möglich, dass sie mit Gründen in ihrem Hof nicht spielen dürfen. Ich ärgerte mich, regte mich aber nur minimal auf – ich kann es eh nicht ändern, denn: „Sind halt Jungs… ooops… Kinder“ 😉 Und die sind ja sakrosankt. 😉

Ich glaube, ich wünsche mir, im nächsten Leben eine Katze zu sein – eine echte Hauskatze, natürlich. Die werden im Allgemeinen gehätschelt und gepampert – sie müssen sich keine Gedanken um ihre Versorgung machen und haben auch kein Auto. 😉

„Ich bin der Eugen – ich schneid‘ hier die Wurst!“

Drückt mir bitte die Daumen, dass ich übermorgen nicht an diesen Satz denken muss, wenn ich – erstmalig in meinem Leben – als Interviewerin tätig werde, und das per Zoom, der Corona-Situation wegen. Ich habe schon als Übersetzerin gearbeitet. Auch als Dolmetscherin auf einem dreitägigen Kongress. Als Interviewerin indes noch nie.

Zu Anfang jedes Jahres und in dessen Mitte veranstaltet mein Arbeitgeber eine Art kleine Messe für Interessierte, während derer unsere Angebote vorgestellt und daran Interessierte beraten werden. Bis dato und vor Corona als Präsenzveranstaltung. Dieses Jahr anders. Dieses Jahr virtuell. Da mein Arbeitsbereich heftig involviert ist, muss ich – ausgerechnet ich! 😉 – nun zwei Interviews mit ehemaligen Klienten führen, die dann online zu sehen sind. Also: die Klienten, ich – und die Interviews en tout.

Aber warum so negativ? Es ist einfach eine völlig neue Herausforderung. Speziell für jemanden, der kamerascheu ist. Gut möglich, dass ich mich als „Stimme aus dem Off“ einfach besser mache, aber wer weiß das schon? 😉

Übermorgen – Brückentag – habe ich zwar eigentlich frei, aber da es sich, so der Koordinator dieser Veranstaltung, ein sehr netter Kollege, um eine „sportliche Punktlandung“ handle und die Zeit daher drängt, habe ich mich mit meiner ersten Klientin für just diesen Tag zum Video-Interview verabredet. Mit viel Zeit im Gepäck. 😉

Gestern „trainierte“ ich bereits, um mich vorzubereiten. Ich startete ein Zoom-Meeting mit mir als Host. Es war kurz nach elf, und ich saß in meinem Esszimmer. Verbindlich lächelnd und wie eine gute Gastgeberin sprach ich meine kurze Einleitung gen Kamera, wobei ich das Ganze mitschnitt.

Kaum zum Ende gekommen, überfiel mich das Grauen: Ich klang so wie ein Typ, den ich in Aachen eher unfreiwillig kannte und am liebsten von hinten sah, ergo im Abschiedsmodus, und meine Ansprache klang wie: „Ich bin der Eugen – ich schneid‘ hier die Wurst!“

Der Typ tauchte während meiner Studentenjob-Zeit in einer Studentenkneipe unregelmäßig auf und wirkte stets irgendwie … derangiert. Nicht wie die hellste Kerze auf der Torte. Er war es wohl auch nicht, sondern eher eine unverschämte und penetrante Nervensäge. Es waren immer alle froh, wenn er wieder ging, ich – hatte ich Thekenschicht – zuvörderst. Denn war Eugen da, waren Beleidigungen an der Tagesordnung, Beleidigungen in alle nur denkbaren Richtungen, und ich musste mehrfach an mich halten, ihm nicht den Inhalt des Eiswürfelbehälters über den Kopf zu schütten und mit dem leeren Eiswürfelbehälter seinen Scheitel noch einmal korrekt nachzuziehen. Aber nach außen blieb ich stets so cool wie der Inhalt des Eisbehälters, der niemals über Eugens Haupt ausgeleert wurde. 😉

Die einzig lustige Geschichte, die aber auch wie „Arsch auf Eimer“ zu ihm passte, war folgende: Eugen hatte all seine angefangenen Lehren nie beendet, aber da der Mensch von etwas leben muss und andere Menschen bisweilen (zu) gutmütig sind, stellte ein Metzger in einer recht zentral gelegenen Straße ihn ein, in seinem Ladengeschäft zu arbeiten. Hinter den Kulissen. Und ungelernt. Man stellte Eugen an die Wurstschneidemaschine in den Raum hinter dem Verkaufslokal, und nach einiger Einarbeitungszeit beherrschte Eugen das Wurst-in-Scheiben-verschiedener-Stärke-Schneiden auch mehr oder minder gut. 😉

Eines unschönen Tages kam die Gewerbeaufsicht in Gestalt zweier Beamter in den Metzgerladen, natürlich unangekündigt. Man prüfte im Verkaufsraum hier, man prüfte da – alles glücklicherweise (für den Metzger) zur Zufriedenheit. Dann strebte man in die hinteren Räume, in deren einem Eugen seiner schnittigen Tätigkeit nachkam …

Dem Metzger graute. O Gott! Eugen war in seiner Gänze nicht zwingend publikumspräsentabel. Aber die beiden Beamten drängten darauf, auch die Hinterräume zu besichtigen. Verständlich. Wenn schon, denn schon, und man muss ja auch prüfen, ob in Gänze alles okay sei. 😉

Ich kann mir die Not des Metzgers lebhaft vorstellen, auch den gesteigerten Blutdruck und das Gefühl von Ohnmacht und Verlust der geschäftlichen Existenz. 😉 Aber was sollte er tun? Und schon betraten die beiden Beamten den Wurstschneideraum, in dem Eugen stupide grinsend seines Amtes waltete …

Einer der beiden Beamten sprach ihn an: „Wie heißen Sie, und was ist Ihre Aufgabe in diesem Betrieb?“ – „Hä?“ – „Wie heißen Sie, und was ist Ihre Aufgabe in diesem Betrieb?“ – „Ääh …“ – „Haben Sie meine Frage verstanden?“ – „Ääh, ja.“ – „Ja, und?“

Und da kam, nicht ohne Stolz: „Ich bin der Eugen! Ich schneid‘ hier die Wurst!“

Auf Fragen nach seinem Nachnamen und seiner entsprechenden Ausbildung wie Arbeitsvertrag kam keine Antwort, aber so präzise wie ein Uhrwerk schnitt Eugen Cervelatwurst … Das konnte er, das tat er. 😉 Man hatte es ihm so gezeigt. 😉

Nach diesem Besuch der Gewerbeaufsicht bekam der Metzger eine Geldstrafe, und Eugen war erneut joblos und noch weniger erträglich als zuvor.

Nachdem ich gestern bei dem „Video-Testlauf“ meine reizende, kleine Einleitung absolviert hatte, kam mir dieser „Ich bin der Eugen – ich schneid‘ hier die Wurst“-Satz in den Sinn, und dann musste ich mich wirklich sehr zusammenreißen, platzte leider aber doch heraus. Lieber noch einmal ganz von vorn anfangen …

So geschah es. Erneute Einleitung, und ich sprach sogar weiter, um elf Uhr zehn. War doch gar nicht so schwer – immer diese Anstellerei!

Doch da ertönte aus dem Nachbarhaus ein dröhnendes „Wrrroooom“! Eine Bohrmaschine. Größeres Kaliber. Meine Mundwinkel hoben sich, fingen zu beben an, und schon platzte ich heraus. 😉

Dritter Versuch – da noch der Überzeugung, dass die von den Klienten und meine davon unabhängige (Corona!) Aufzeichnung einfach zusammengeschnitten werden würden – wenige Minuten später. Die Bohrmaschine pausierte offenbar. Mittels freundlicher und einladender Attitüde erklärte ich, was meine Aufgabe sei, und ich stellte die Fragen, die abgesprochen waren.

Danach betrachtete ich das Video. O Gott! Meine Augen schweiften hilf- und ziellos wie erschreckend groß von links nach rechts und retour! Es ist – hat man nicht eine Ausbildung als Schauspieler hinter sich – wirklich schwierig, sich einen nichtvorhandenen Gesprächspartner zu imaginieren. Und selbst dann, wenn man weiß, dass man sich das doch einfach nur vorstellen müsse, kann es passieren, dass die Augen des Interviewers hin und her schweifen, als würden sie erwarten, dass endlich jemand durch die Tür oder wie ein Hirsch „durchs Gebüsch gebrochen“ komme, der auch Antworten gebe. 😉

Versuch No. 4: Ich reminiszierte heftig den Film Cast Away mit Tom Hanks, als der nach einem Flugzeugabsturz eine Art Robinson Crusoe darstellt, ganz allein auf einer kleinen Insel. Sein einziger Freund: ein Volleyball der Marke Wilson. Mit „Wilson“ spricht der Verschollene, weil er sonst keinen Ansprechpartner hat. Offenbar half ihm das – warum also mir nicht? 😉

Ich holte einen Blumentopf herbei, aus dem fröhlich-buntes Gewächs leuchtet, und ich stellte diesen schräg neben mich. Das war jetzt der nette Fabian! Und schon nahm ich ein neues Test-Video auf! 😉

Erfolg: null. Das Gewächs ist nun einmal nicht Fabian und ist einfach stumm – meine Augen schweiften wie zuvor, als hingen sie plan- und ziellos in den Wanten eines Segelschiffs, auf der Suche nach dem echten Interview-Partner. 😉

Immerhin war gestern ein sehr lustiger Homeoffice-Tag – ich hatte viel zu lachen, weil ich stets dachte: „Cool! Was soll nur werden?“ Immerhin bin ich zum Schluss gekommen, dass zwei separate Zoom-Meetings unter Mitschnitt derselben das Beste seien, was ich tun könne. Und so habe ich übermorgen ein solches Meeting mit Madeleine, die ich interviewen muss. Madeleine ist ein wunderbarer Mensch, sehr liebenswert und freundlich, und das wird sicher lustig. Hoffe ich zumindest. 😉

Drückt mir trotzdem die Daumen, dass ich bei meiner freundlichen Einleitung nicht an den wurstschneidenden Eugen denken muss, denn ich kenne mich: An völlig unpassenden Stellen breche ich schon einmal gern in überbordendes und schier unstillbares Gelächter aus … 😉

Drückt mir die Daumen – auch wenn diese Schilderung beileibe nicht wirklich ernst gemeint ist. 😉

Dann doch lieber fliegen!

Manchmal staune ich darüber, wie unterschiedlich sich persönliche Schwächen und Eigenheiten auswirken können. Ich leide anerkannter- und zugegebenermaßen unter Höhenangst. Auf ziemlich lächerliche Art und Weise.

Kürzlich hatte ich mir einen neuen, zusätzlichen Rauchmelder angeschafft, der nun schon seit etwa vier Wochen in seiner Verpackung seiner Bestimmung harrte. Immerhin hatte ich pragmatisch gedacht und diesmal ein Produkt angeschafft, dessen Batterie zwölf Jahre hält und das zusätzlich mit einem praktischen Magnet-Klebepad befestigt wird. Ist die Batterie „um“, muss das gesamte Gerät ausgetauscht werden. Aber man muss eben auch nur alle zwölf Jahre mit zitternden Knien auf eine Leiter steigen und dann ein ganz neues Gerät anbringen (nachdem man das alte mühsam und – in meinem Falle – unter Stoßgebeten von dem praktischen Magnet-Klebepad gelöst hat).

Heute war der Tag, da ich das noch immer unangetastete Päckchen nicht mehr sehen konnte: Der verdammte Rauchmelder musste endlich installiert werden, koste es, was es wolle.

Mit Todesverachtung stellte ich im Flur meine Haushaltsleiter auf, öffnete das Päckchen, zerrte den Rauchmelder heraus, las die Bedienungsanleitung, aktivierte den Rauchmelder und kletterte dann – ebenfalls mit Todesverachtung – auf die Leiter, den Rauchmelder zunächst in der rechten Hand. Bis ich feststellte, dass ich sogar, zumindest mit einem Fuß, auf die Plattform der Haushaltsleiter steigen musste, die nicht ganz so niedrig ist. Zumindest aus meiner Perspektive – ich bin, zumindest physisch, beileibe nicht die Größte. 😉

Oben angekommen, wechselte ich die aktive Hand lieber gen links, um mich mit der rechten am Türrahmen des Badezimmers festzukrallen. 😉 Den doofen Rauchmelder würde ich doch locker mit links anbringen! Vergessen alle von unten als optimal angesehenen Plazierungen oder Positionen des Gerätes! Ich blickte kurz gen Decke, richtete die linke Hand einigermaßen aus und presste mit selbiger dann das Gerät mit der Klebefläche fest an die Flurdecke. Und schon wurde mir schwindlig – nicht nach oben sehen! „Sieh nach unten!“ war der logische Schluss, der mir durch den Kopf schoss.

Völlig falsch, denn mir wurde noch viel schwindliger. Und so heftete ich meinen Blick stur auf die Wohnungstür, während meine Knie zu zittern begannen, und das so sehr, dass sogar die stabile Leiter in Schwingung versetzt wurde. Aber ich musste den Rauchmelder hinreichend lange an die Flurdecke drücken, damit die Klebemasse des Pads auch eine geschmeidige Einheit mit der Decke einginge. Ich gebe zu, meine Knie schlotterten, und ich hatte kalten Schweiß auf der Stirn, als ich schließlich von der Leiter stieg, und von unten sah das Resultat nicht sonderlich befriedigend aus. Aber: Wo gehobelt wird, fallen Späne – und Hauptsache, das Ding klebt an der Decke und versieht seine Aufgabe pflichtbewusst. Oder besser nicht, denn ich möchte eigentlich gar nicht, dass es Alarm schlagen müsse. 😉

Ich staune nur immer wieder darüber, wie es sein könne, dass ich auf Leitern und in nur geringer Höhe derart schwächele, während ich mit Begeisterung in Flugzeuge steige – je weiter, je höher, desto besser! Kann mir das jemand erklären?

Ja, ich gerate da nicht einmal in Panik, wenn um mich herum schon Chaos herrscht, während ich auf einer simplen Haushaltsleiter schon hyperventiliere und zitternde Knie habe, weil die Decke dann doch höher ist, als ich sie von unten einschätzte. 😉
Gut, meine erste grenzwertige Flugerfahrung hatte ich, als ich zwanzigjährig erstmalig in den USA war und von New York nach Brüssel flog. Mit reichlich Verspätung flogen wir von JFK los, und ich war froh, als wir endlich in der Luft waren. Alles lief prima, und nach einiger Zeit wies der Kapitän dann darauf hin, dass unter uns gerade Boston liege, besonders gut zu sehen von der linken Seite des Fliegers aus.

Ich saß links, hatte einen Fensterplatz, und ich blickte nach unten – wunderschön, all diese Lichter! Ich weiß noch, dass ich dachte: „Das sieht so schön aus – und Boston! Wie gerne wäre ich jetzt da!“ Ein bisschen haderte ich ja damit, dass der Teil meiner weitläufigen Familie, den ich damals besucht hatte, an der Westküste lebte – am Tag zuvor war ich von Seattle nach New York geflogen – und nicht an der Ostküste, die mich immer mehr gereizt hatte (aber ich war jung und hatte kein Geld – stimmt zwar, aber meine amerikanische Familie ist total lieb und nett, und ich habe sie gern besucht! 😊). Aber kurz darauf machte ich mir darüber nur noch wenig Gedanken. 😉

Kurz „hinter Boston“ hatte der Kapitän bereits eine Ansage gemacht, dass über dem Atlantik möglicherweise mit Turbulenzen zu rechnen sei und wir uns bitte anschnallen sollten. Das hatten eigentlich auch alle gemacht, nur einer nicht, wie sich später herausstellte.

Da es zwar draußen schon dunkel, aber noch Restlicht vorhanden war, blickte ich interessiert aus dem Fenster (zumal mein Nachbar zur Rechten ein – Verzeihung! – arroganter Armleuchter aus Amherst war, der zu einem Austauschsemester an die Uni „Bahn“ unterwegs war, was sich als „Bonn“ herausstellte. 😉 Eine Unterhaltung mit ihm wurde erst möglich, nachdem das Grauen passiert war). Der Himmel war sternklar – aber was war das da vor uns? Eine Nebelbank, so solide aussehend wie eine Schrankwand! Ich prüfte lieber noch einmal meinen Sitzgurt. Ich hatte damals noch nicht so viel Flugerfahrung, aber solide aussehende Nebelbänke bei ansonsten klarem Himmel und angekündigten möglichen Turbulenzen schienen recht dubios.

Und da ging es auch schon los! Kaum waren wir in diese Nebelbank geflogen, wurde es dramatisch: Die Maschine sackte nicht nur durch, sie schien im freien Fall zu stürzen, und um den arroganten Amherst-Studi und mich schrien zahlreiche Menschen in Todesangst. Der arrogante Amherst-Adept saß stumm auf seinem Platz, ebenso wie ich, keiner von uns in der Lage, auch nur einen kleinen Ton von sich zu geben, und ich krallte mich lediglich an den Armlehnen fest. Mein einziger Gedanke: „Das ist jetzt aber irgendwie doof und schade. Du wirst deinen Geburtstag gar nicht mehr erleben.“ (Denn ich würde während des Fluges Geburtstag haben.)

Es schien kein Ende zu nehmen, das Gefühl, dass wir stürzten und stürzten, und eigentlich wartete ich nur auf den Aufprall auf dem brettharten Atlantik. Und um mich herum nur dieses panische Geschrei … Als ich dachte, dass nun doch gleich der finale Aufprall kommen müsse, fing der Pilot den Flieger ab, und wir stiegen wieder. Pheoowww …

Als alles wieder stabil war, wollte ich zur Toilette. Im Toilettenbereich war die Deckenverkleidung partiell zerstört, und Blut klebte daran. Der einzig nicht angeschnallte Passagier war da wohl während des Sturzes unter die Decke gekracht und verletzt worden. Ich hatte das gar nicht mitbekommen – ich war wohl, wenn auch nach außen ruhig, mehr mit mir selber beschäftigt gewesen.

Der Amherst-Adept hat dann, wohl auch erleichtert, erst einmal eine Flugbegleiterin herangerufen, als ich ihm erzählte, ich hätte Geburtstag und fühlte mich inzwischen, als sei dies auch mein zweiter solcher. Er bestellte zwei Gläser Sekt, um mit mir anzustoßen. Und irgendwann später sah ich, wie die Sonne aufging, und so etwas Schönes hatte ich zuvor nie gesehen. War im Flieger etwas besonders Schönes. 😊

Danach flog ich öfter, aber stets ohne Komplikationen. Bis auf den Rückflug von London mit meinem besten Freund Fridolin, als wir über Weihnachten in dieser Stadt gewesen waren.

Wir flogen beide wohl nicht gern zurück nach Düsseldorf an jenem dreißigsten Dezember. Und so waren wir mit unserem Gepäck zunächst noch in einem Restaurant, um ein Abschiedsessen zu uns zu nehmen. Dann schlenderten wir ein letztes Mal die Oxford Street entlang, und Fridolin wollte noch einen Kaffee trinken. Danach drängte ich zum Aufbruch – wir mussten ja noch die ganze Strecke bis Heathrow fahren. Fridolin meinte, ich solle doch nicht so drängeln, es sei Zeit genug, aber schließlich saßen wir doch in der Piccadilly Line auf dem Weg zum Flughafen.

Als wir zum Check-in-Schalter kamen, erklärte uns die Dame vom British-Airways-Bodenpersonal nur kurz und knapp: „You’re late! Neither you nor your luggage can be operated anymore.“ O Gott! Ich wandte mich Fridolin zu und meinte: „Na, super! Jetzt haben wir den Salat! Und alles, weil du so getrödelt hast.“ Fridolin war irritiert und fragte, wo denn das Problem sei – sie habe doch nur gesagt, dass wir ein bisschen spät dran seien. „Nein! Sie sagte, wir seien zu spät und dass sie unser Gepäck nicht mehr einchecken könne – und uns auch nicht! Wir verpassen den Flieger!“ Und ich raufte mir publikumswirksam die Haare und blickte die Dame vom Bodenpersonal ehrlich verzweifelt an. Die griff zum Telefonhörer, wählte eine Nummer, sprach einige kurze Sätze, dann legte sie auf und sagte: „Take your luggage, and hurry! Just show your passports to the officers over there – they will let you pass by! Hurry up!“

Fridolin packte unser Gepäck wieder auf den Trolley, ich rief: „Gib mir deinen Pass, schnell!“ Und mit beiden Pässen in der Hand rannte ich los, Fridolin folgte mit dem Gepäcktrolley. An den Beamten rannte ich vorbei, indem ich ihnen die Pässe entgegenstreckte und rief, der Mann mit dem Trolley gehöre dazu. Sie nickten und riefen: „Hurry on – and good luck!“ Und schon rasten wir weiter – unser Gate war natürlich am Arsch der Welt bzw. des Terminals …

Dort angelangt, fragte ich japsend einen British-Airways-Mitarbeiter: „We’re late! What about our luggage?“ – „Oh, just put it over there.“ Und er deutete freundlich lächelnd auf eine Art Einwurfschacht an der gegenüberliegenden Wand und bedeutete uns, wir sollten es dort abstellen. Ich verabschiedete mich im Stillen von meinem Gepäck, überzeugt, es niemals wiederzusehen. Dann legten wir am Schalter unsere Pässe vor und waren dann tatsächlich die letzten Passagiere, die mit lautem Gepolter durch die Fluggastbrücke zum Flieger rannten, einer Boeing 757. Man wartete schon auf uns, und kaum waren wir drin, wurde auch schon die Einstiegstür geschlossen und die Fluggastbrücke abgedockt und zurückgefahren.

Aufatmend sanken wir auf unsere Sitze, schnallten uns an, und ich sagte zu Fridolin: „Kaum zu glauben, aber wir sind tatsächlich an Bord! Und das Schlimmste haben wir hinter uns – schlimmer kann es ja nicht kommen.“ Im Brustton der Überzeugung. Und ich blickte erleichtert aus dem Fenster – der Abschied fiel nicht ganz so schwer, denn draußen stürmte es jetzt und schüttete wie aus Eimern.

Während wir zur Startbahn rollten, kam die Ansage der Purserette, die uns freundlich begrüßte und erklärte, es werde voraussichtlich ein ruhiger Flug, wenn auch mit einzelnen kleinen Turbulenzen zu rechnen sei. Erfreulicherweise sei seit heute auch der Flughafen Düsseldorf wieder geöffnet, der die vorausgegangenen drei Tage aufgrund von Winterstürmen geschlossen gewesen sei. Was hatten wir doch für ein Glück!

Und dann raste der Flieger auch schon los und hob ab. Aufgrund des stürmischen Wetters war der Start etwas unruhig, aber das würde ja bald erledigt sein, wenn wir erst über den Wolken wären.

So war es dann auch. Aber dann – es wurde draußen immer dunkler – wurde es immer ungemütlicher. Blickte man aus dem Fenster, sah man nicht mehr viel – die linke Tragfläche war im Nebel verschwunden, und dass sie noch da war, sah man nur an einer Positionsleuchte an ihrem Ende, die in regelmäßigen Abständen blinkte. Die konnte man zumindest noch wahrnehmen, wenn auch undeutlich. Vielleicht war auch ganz gut, dass man sie nicht sah, denn als die Umgebung einmal durch einen Blitz – inzwischen gewitterte es – erleuchtet wurde, sah ich, wie sich die Tragfläche durch den Sturm bog … 😉

Je näher wir dem Ärmelkanal kamen, desto unangenehmer wurde es. Es begann damit, dass die Maschine zu rollen anfing und ständig wechselseitig über linke wie rechte Tragfläche schwankte. Ab und an „nickte“ die Maschine auch. Sowohl Rollen, als auch Nicken war zu ertragen, aber über dem Kanal wurde es richtig widerlich, denn die Maschine fing an, Rotationsbewegungen nicht nur über Längs- und Querachse zu vollführen, sondern auch noch über die Gierachse, und da hob es mich trotz Sitzgurtes mehrfach aus dem Sitz, und von dieser Schlingerbewegung wurde mir ganz kodderig. Und obwohl ich stets die Meinung vertrat, dass Fliegen ohne Turbulenzen ja öde sei und ich mich dann ja gleich in die Straßenbahn setzen könne, dachte ich da erstmalig: „Hoffentlich sind wir bald in Düsseldorf!“

Ich war nicht die Einzige, die litt, denn zwei Reihen hinter uns auf der rechten Seite saß eine Japanerin mit ihrem knapp dreijährigen Sohn, der seit Beginn der Eskapaden, die der Flieger vollführte, ununterbrochen schrie und kreischte. Mir tat der kleine Wicht leid, denn für so ein kleines Kind musste es wirklich das Inferno sein, wenn schon die erwachsenen Passagiere schweigend und teils grün im Gesicht in den Sitzen mehr hingen als saßen. Aber ein bisschen nervte es auch, denn es war anstrengend genug, bei diesem „dreidimensionalen“ Geschlinger den Mageninhalt bei sich zu behalten. 😉

Der Flug kam mir viel länger als gewöhnlich vor, aber irgendwann befanden wir uns immerhin im Landeanflug, und da meldete sich der Käpt’n, der uns in sehr freundlichem und positiv klingendem Tonfall mitteilte, bald hätten wir es geschafft. Er müsse allerdings darauf aufmerksam machen, dass die Landung wohl etwas härter ausfallen würde und wir bitte auf sein Kommando die Köpfe herunternehmen, uns an den vorderen Sitzlehnen abstützen und mit den Armen unsere Köpfe schützen sollten, denn die Gefahr bestehe, dass aus den overhead lockers Gegenstände fallen würden.

Und während wir immer weiter sanken, wurde die Maschine von Scher- und Seitenwinden hin und her gerüttelt und geschleudert – wirklich widerlich. Ich starrte aus dem Fenster – mussten wir nicht bald unten sein? Man konnte allerdings draußen wohl die Hand vor Augen nicht sehen, zumal es heftig schneite, und da kam auch schon das Kommando des Kapitäns, und alle nahmen die Köpfe herunter, stützten sich nach vorne ab und schützten ihre Köpfe mit Armen und Händen. Ich hatte mich kurz vorher noch umgedreht und sah, wie die japanische Mutter sich über ihr Kind warf, dessen Geschrei dadurch stark gedämpft wurde.

Dann setzten wir auf, obwohl „Aufsetzen“ die Sache nicht adäquat beschreibt, denn eigentlich krachten wir auf die Landebahn, sprangen wieder hoch und krachten erneut auf die Bahn. Der Hinweis, die Köpfe herunterzunehmen und zu schützen, war eindeutig gerechtfertigt, denn diverse Gepäckfächer sprangen auf, und viele lose Objekte – am meisten beeindruckte mich hinterher beim Aussteigen das große Modell-Segelflugzeug – flogen uns um die Ohren, als der Pilot Schubumkehr einleitete und dann eine Vollbremsung einlegte, wobei der Flieger sich leicht seitlich drehte. Wir wurden erst nach vorn, dann nach hinten gegen die Sitze geschleudert. Doch da ertönte schon die Stimme des Piloten, typisch englisch, gelassen und positiv, und er teilte uns mit, wir könnten nun entspannen. Übrigens seien wir an diesem Tag die letzte Maschine gewesen, die in Düsseldorf gelandet sei – direkt nach unserer Landung sei der Flughafen erneut geschlossen worden. Alle anderen Maschinen würden nach Frankfurt umgeleitet. Zu riskant die Starts und Landungen. Ach …

Unvergessen, dieser Flug, der mir den Spaß aber beileibe nicht verdorben hat – ich liebe Fliegen noch immer. Und unser Gepäck war auch ratz-fatz auf dem Gepäckband – es war trotz Zuspätkommens tatsächlich auf unserer Maschine gewesen.

Nur wenn ich auf eine Leiter steigen muss, wird mir ganz kodderig. Beim Fliegen nur selten. Dann doch lieber fliegen! 😉

Im Hotel

Ich bin ja jemand, der durchaus gern reist. Ich fliege auch gern. Und ich mag auch das, was manche Menschen gar nicht so gern mögen: Ich wohne gern im Hotel. Nix gegen Camping-Urlaub – auch das macht mir viel Spaß, aber wenn man ein schönes Hotel mit nettem Team hat, ist es eben auch schön.

Man steht morgens auf, geht unter die Dusche, macht sich zurecht und geht frühstücken. Für die Zubereitung des Frühstücks sind andere verantwortlich, anders als sonst muss man sich den Kaffee oder Tee nicht selber aufbrühen, nein, er wird einem an den Tisch gebracht. Nicht, dass es eine allzu große Zumutung wäre, sich einen Kaffee aufzusetzen, aber bei mir reicht es – bevor ich zur Arbeit fahre – meist nur zu einem Blick Richtung Kaffee- oder Teedose. Ich bin meist spät dran, zugegeben. 😉

Und so ist es richtig schön, sich hinzusetzen, ganz in Ruhe, der Kaffee wird gebracht, und man trinkt erst einmal eine halbe Tasse, bevor man sich ans Buffet begibt, auf dem sich im Optimalfall dann eine Vielzahl an Dingen befindet, die man – wenn man morgens eben nicht frühstückt – zu Hause eher selten hat.

Mir hat mal ein Zimmermädchen gesagt, ich sei ein sehr angenehmer Gast, da ich Duschhandtücher nicht bereits nach einmaliger Benutzung auf den Fußboden im Bad werfe, sondern zweimal benutze, das Badezimmer nicht komplett unter Wasser setze, sondern zusehe, kein unnötiges Chaos zu hinterlassen. Stattdessen hinterlasse ich in regelmäßigen Abständen ein Trinkgeld, zusammen mit einem freundlichen Schreiben und meinem Dank. Als ich Anfang Januar aus meinem Hotel in Bamberg ausgecheckt hatte und mit meinem Trolley Richtung Bahnhof aufbrach, begegnete mir das Zimmermädchen, das für den Bereich zuständig war, in dem mein Zimmer lag, und gerade auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz war. „Grrüß Gott!“ rief mir die junge Frau zu. „Ssie rreisen ab? Des is obba schod‘ – und des soggich fei ned weecha demm Drringgeldd. Ssie ssan fei immer sso frreundlich zu mei Kolleechinnen und mir g’wes’n – mancha Gäst‘ mooch mer hold lieber als annere.“ Ich rief zurück, ich käme sicherlich wieder vorbei, zumal es nicht mein erster Besuch dort gewesen sei, und sie wünschte mir eine gute Reise. Nett. 😊

Natürlich ist es immer wichtig, eine Unterkunft zu buchen, die nicht einem Horrorkabinett ähnelt, sowohl Einrichtung, als auch Mitarbeiter betreffend. Manchmal erlebt man ja durchaus unangenehme Überraschungen, zumal im Internet auf der Hotelbuchungsplattform die Fotos alle irgendwie viel freundlicher aussahen, als man arglos seine Buchung vornahm, stolz, einen echten „Schnapper“ getätigt zu haben.

Ich erinnere mich an eine Irland-Rundreise anno 2014. Ich liebe Irland. Immer, wenn ich dort bin, würde ich am liebsten gleich bleiben. Ich war mit Stephie unterwegs, und nach der Landung in Dublin fuhren wir zu unserer ersten Unterkunft in Blessington im County Wicklow. Die Hotelanlage lag gut versteckt im Grünen und war für Auswärtige gar nicht so einfach zu finden, da nur ein winziger Wegweiser, leicht zu übersehen, vorhanden war, an dem man so rasch vorbeigefahren ist. Auf dem Weg dorthin und nach meiner ratsuchenden Frage an einer Texaco-Tankstelle, wie man wohl hinkomme, begegneten uns mehrere ebenso ziel-, plan- und hilflos umherkreisende Autos, die wir dann später auf dem großen Parkplatz der Hotelanlage erneut trafen, als ihre Fahrer aufatmend dort einparkten. 😉

Eine tolle Hotelanlage übrigens – ein Golfresort. Sehr schöne Zimmer, sehr schöne Umgebung – alles grün. Nichts zu klagen, gutes irisches Frühstück, nette Mitarbeiter. Alles da, was man braucht, und ich schwöre, ich habe sogar das niedliche kleine Bügeleisen mitsamt niedlichem kleinen Bügelbrett benutzt, obwohl ich so ungern bügle. 😉 Ich war richtig traurig, als wir weiterfuhren. Ins County Waterford ging es, nach Dungarvan. Das Hotel sah bereits von außen so aus, als hätte es mal bessere Tage gesehen. Auf ins Abenteuer! Und schwungvoll parkte Stephie den putzigen Nissan Micra vor dem ehemals noblen Haus.

Schon beim Betreten merkte man, dass man hier bereits am Wasser war. Es roch durchdringend nach … Fisch. Gebratenem Fisch. Es roch wie gebratene grüne Heringe, und das im ganzen Hotel bis ins oberste Stockwerk. Einen Aufzug gab es auch nicht, und so schleppten wir unser Gepäck im Schweiße unserer Angesichter in den dritten Stock, umwabert von dem ein- wie aufdringlichen Fischgeruch. Immerhin war ich, als ich schließlich vor meiner Zimmertür stand, wohl schon so imprägniert, dass mir gar nicht mehr auffiel, dass es in meinem Zimmer ganz sicher auch nach Bratfisch roch. Der Vorteil des Zimmers: Es war recht hell, und wenn man aus den Fenstern sah, blickte man direkt auf das Ästuar, das sich jenseits der Straße, von der wir gekommen waren, ausbreitete. Öffnete man die Fenster, roch es weniger nach Bratfisch, dafür mehr nach Tang. Es klopfte. Stephie wollte sich mein Zimmer ansehen. Es schien ihr besser zu gefallen als das ihre, das ich dann kurz darauf besichtigte. Ich konnte sie verstehen. In ihrem Zimmer hätte ich garantiert Alpträume bekommen: Es war dunkel, das Bett sah aus, als würde man darauf eher aufgebahrt, und das Bad war ebenfalls nicht sonderlich ansprechend. Die Vorliebe für dunkle Farben zeigte sich auch hier: Die Badewanne hatte eine Verkleidung aus sehr dunklem Holz und erinnerte an einen Sarg. Schaudernd wandte ich mich ab. Stephie zeigte anklagend Richtung Fenster: „Hörst du die Lüftungsanlage, oder was das ist?“ Klar hörte ich sie. Man musste mindestens schwerhörig, wenn nicht stocktaub sein, um sie nicht zu hören. „Möchtest du tauschen?“ fragte ich großherzig, aber Stephie lehnte ab: „Danke, das ist nett, aber wir bleiben ja nur eine Nacht.“ Es klang wie die famous last words, und ich warf noch einen letzten zweifelnden Blick auf das monströse Bett, das den Anschein erweckte, als würde es jeden, der sich arglos hineinlegte, heimtückisch mit Haut und Haaren verschlingen. Wir machten erst einmal einen langen Spaziergang, auf dem ich mehrfach äußerte, sosehr ich Irland liebte: Hierher würde mich nicht so viel ziehen. Dann tranken wir noch zwei Bier und schlichen auf unsere Zimmer. Meines war in der Tat das bessere, wenn auch die Badezimmertür immer ein unheilvolles Quietschen und Knarren absonderte, wenn man sie öffnete – wie in einem Horrorfilm.

Nach dem Frühstück am nächsten Tag, eingenommen in einem relativ dunklen Frühstücksraum, reisten wir ab. Stephie meinte im Auto: „Wir sollten die Fenster öffnen, sogar hier im Auto stinkt es nach Fisch. Fandest du nicht auch, dass es heute früh im Hotel noch schlimmer danach roch als gestern? Meinst du, die frischen den Geruch täglich auf, weil es das Markenzeichen des Hotels ist?“ Ich vermutete, dass es sich um einen Bestandteil des Frühstücks handelte: kipper, gebratenen Bückling …

Und weiter ging es nach Cork, mit einem mehr oder minder kurzen Abstecher ins County Tipperary bzw. zum Rock of Cashel. Wir mussten uns danach ziemlich beeilen, nach Cork zu kommen (denn Stephie hat ein Faible für historische Monumente, und der Rock of Cashel ist in der Tat sehr beeindruckend, so dass unser Aufenthalt dann doch länger als geplant ausfiel).

Dort, in Carrigaline, bezogen wir ein relativ großes Hotel und bekamen je ein Vierbettzimmer … Das Hotel-Abendessen war aber gut, nur das dargebotene Wasser war Leitungswasser und stark gechlort. Dann doch lieber ein Weiß- (ich) und ein Rotweinchen (Stephie). Dafür war es in Cork am nächsten Tag richtig schön – die Sonne strahlte.

Von Cork aus ging es ins County Kerry, genauer: nach Tralee. Dort wartete das Hotel auf uns, das ich am gemütlichsten fand. Es war richtig „cosy“ dort, und Stephie und ich hatten einander gegenüberliegende Zimmer, die richtig nett und gemütlich eingerichtet waren. Gut, zu Hause würde ich mir solche Möbel nicht aufstellen, aber hier war es total gemütlich. Tagsüber fuhren wir durch die Gegend, besichtigten dies und das, fuhren über den Ring of Kerry – wunderschön. Ganze zwei Übernachtungen in diesem muckeligen Hotel mit total netten Angestellten und gutem Frühstück. Nur den Tee – in England, Schottland, Irland trinke ich meist Tee statt Kaffee, weil der Tee gemeinhin besser schmeckt – bekam ich nicht hinunter. Das Wasser, mit dem er zubereitet worden war, war so stark gechlort, dass sich in mir alles sträubte. Also doch Kaffee, und der war hervorragend und so gut, dass man kein Fitzelchen Chlor mehr durchschmeckte. 😉

Die erste Nacht war auch prima gewesen, und sehr erholt war ich aufgewacht. Die zweite Nacht, am nächsten Tag war mein Geburtstag, war dann … ganz anders. Noch heute vermute ich, es fand dort eine hen party oder etwas Vergleichbares statt: also ein Junggesellinnenabschied. Bis in die frühen Morgenstunden hatte ich den Eindruck, mein Zimmer befinde sich direkt über einem Großraum-Club, und die Bässe schienen das gesamte Zimmer in Schwingung zu versetzen. Sogar die Vorhänge zitterten. Dazu lautes Grölen und Johlen. Ich stopfte mir mein In-ear-Headset in die Ohren und übertönte das Ganze mit anderer Musik. Irgendwann muss ich erschöpft eingeschlafen sein.

Doch morgens um halb sieben riss mich mein Handy aus dem Schlaf. Was zum Henker … Es waren meine Eltern, die mir zum Geburtstag gratulieren wollten. Bei ihnen war es eine Stunde später. Ja, wieder ein Jahr älter – obwohl ich nach dieser weniger „cosy“ Nacht das Gefühl hatte, um mindestens zwei, wenn nicht fünf Jahre gealtert zu sein … 😉

Nach dem Frühstück – ich nahm wohlweislich gleich Kaffee – ging es weiter. Unsere nächste Station war ein kleiner Ort nahe Galway. In Galway selber hatten wir leider kein Quartier mehr bekommen – ausgerechnet in meiner irischen Lieblingsstadt. Aber der kleine Nachbarort hieß Claregalway, immerhin eine Gemeinsamkeit.

Und das war dann auch die einzige solche. Wir kamen in ein schmuckloses Kaff, das mich zu denken bewog: „Wenn ich zwischen Dungarvan und dem hier als Lebensmittelpunkt entscheiden müsste, würde ich mit fliegenden Fahnen nach Dungarvan rennen und dort um Asyl bitten.“ Es hatte etwas Deprimierendes an sich, dieses Claregalway. Und dabei hatte ich das Hotel nebst Zimmer noch nicht einmal gesehen!

Es war ein mittelschwerer Schock. Das Zimmer war nicht wirklich sauber, das Fenster ging zur Straße hinaus, und just unter meinem Fenster war eine Leuchtreklame in Pink, die in regelmäßigen Abständen auch noch blinkte! O Gott! Und nur so dünne Vorhänge … Das Zimmer wirkte so schmuddelig, dass ich am liebsten im Stehen geschlafen hätte. Als ich dann auch noch das Bad sah, beschloss ich, besser erst im nächsten Hotel wieder zu duschen. Immerhin blieben wir hier ja nur eine Nacht, dachte ich, als ich niedergeschlagen in die Dusche blickte: abgesprungene Fliesen, Haare vom Vor- oder gar Vor-Vorbewohner dieses Zimmers – und Schimmel. Nein, danke. Lieber notdürftig waschen. Nichts bekäme mich in diese Dusche, die auch noch über einen stockfleckigen Duschvorhang verfügte. Wenn ich badtechnisch eines hasse, speziell in Hotels, sind dies Duschvorhänge. Die machen oft einen versifften Eindruck und haben während des Duschens die unschöne Angewohnheit, sich ganz anhänglich an die Beine oder sonstwohin zu schmiegen. Iih!

Irgendwie zog mich das Ganze so herunter – zumal Stephie aus Zeitgründen auch Galway aussparen wollte, obwohl sie gemeint hatte, an meinem Geburtstag dürfe ich mir aussuchen, wohin wir fahren würden -, dass ich auf das Bett sank und in Tränen ausbrach. Das ist sonst gar nicht meine Art, aber hier passierte es. Blöd, dass just da meine Patentante anrief, die mir zum Geburtstag gratulieren wollte. Ich riss mich zusammen und meldete mich einigermaßen normal. Als sie aber dann fragte: „Na, ist es denn schön dort? Erzähl doch mal – was macht ihr denn heute noch Schönes?“, ließ ich meinen trüben Blick über die Einrichtung des Zimmers schweifen. An einer unsagbar kitschigen Nachttischlampe, die in allen Farben schillerte, ebenso schillernde Fransen hatte und meines Erachtens nur ein Trostpreis einer Kirmes-Losbude gewesen sein konnte, blieb er hängen, und schon plärrte ich erneut los. Meine Tante war schockiert: „Alichen, was ist denn los?“ – „Ach, nichts, es ist nur so furchtbar hi-hi-hier …“ – „Aber du hast dich doch so auf Irland gefreut!“ – „Aber nicht auf das hier …“, schluchzte ich. Doch ich riss mich schnell zusammen und schilderte meiner Tante, dass Claregalway nun mal nicht Galway sei und dieses Hotel einfach gruselig und schmuddelig. Und dann nicht einmal nach Galway, weil Stephie auf dem Weg von Tralee hierher so viele Kirchen und sonstige Bauwerke wie Souvenirläden gesehen hatte, die sie unbedingt besuchen wollte, dass nun für Galway keine Zeit mehr sei. Und das Ganze auch noch ein Jahr älter – irgendwie hatte mich all dies in Kombination umgehauen, nachdem ich die Alternative zum Besuch Galways in Gestalt des Hotelzimmers gesehen hatte. 😉

Immerhin war ich dann später in der Lage, zwei, drei Bier auf meinen Geburtstag zu trinken. Mit geröteten Augen. Und am nächsten Tag waren wir dann immerhin noch drei Stunden in Galway, bis es weiter ging.

Genauer: ins County Mayo, nach Belmullet, das auf Irisch Béal an Mhuirthead heißt und etwa 950 Einwohner hat. Und doch so ein großes Hotel! Man konnte sich glatt darin verlaufen, vor allem ich, die ein Zimmer in einem weiter entfernten Gebäudetrakt hatte, wo ich zuallererst unter die Dusche stürzte. Stephie bekam ein Zimmer mit einem normalen Bett, während ich in einem riesigen Zimmer mit vier Betten residierte. Mit Blick auf das hoteleigene Kinderschwimmbecken, das in einem Nebengebäude lag. Neben dem großen Pool. (Ich erzählte einem Freund, der anrief, um mir nachträglich zu gratulieren, ich blickte von meinem Hotelzimmer aus direkt aufs Wasser … 😉)

Frühstück gut, die Bar abends auch gut – ansonsten sehr viel Torfmoore, Wasser, Gegend und Gelegenheit zum Wandern. Es war doch etwas einsamer in dieser Gegend des Countys Mayo, und trotzdem mochte ich es. Auch das Hotel – es war ganz anders als das in Claregalway, auch wenn ich mich in meinem riesigen Zimmer etwas verloren fühlte. 😉

Drei Tage blieben wir in Belmullet. Stephie meinte, vielleicht hätten wir besser drei Tage in Tralee bleiben sollen – ich glaube, sie fand es im County Mayo etwas sehr einsam … 😉 Dann fuhren wir zurück gen Dublin, sahen uns Ballina an, was schnell ging, besichtigten unterwegs noch einiges, tranken Tee in verschiedenen tea rooms und langten schließlich in Dublin an, wo wir die letzte Nacht in einem sehr großen Hotel in Flughafennähe verbrachten. Da gab es rein gar nichts zu bemängeln, nur war es halt etwas „steril“. Aber besser das als so etwas wie in Claregalway … 😉

Mein Lieblingshotel in Irland befindet sich natürlich in … Galway. Da habe ich damals während einer Dienstreise gewohnt, und es war so hübsch verwinkelt. In den wenigen Tagen habe ich sogar einen Zimmerwechsel mitgemacht und mich eindeutig verbessert: größeres Zimmer, gemütlicher noch als das erste, mit Badewanne. Da ich im November dieses erste Mal in Galway und es draußen kalt war, habe ich das damals gleich ausgenutzt und ein schönes Bad genommen. Und da hat mich dann nicht einmal gestört, dass aus der Wasserleitung auch das eine oder andere Stückchen Torf kam. Wenn ansonsten alles stimmt, kann einen auch Torf im Badewasser nicht schrecken. 😉

Ich liebe diese individuellen Hotels – Hotelketten, wo jedes Zimmer gleich aussieht, egal, ob in Sydney oder München, sind auch nicht so mein Ding.

So, und jetzt haben wir den Salat: Ich habe Fernweh. Und das in Zeiten von Corona … 😉

Über Missverständnisse

Ich gebe zu, nicht der geduldigste Mensch zu sein. En gros war ich bis dato aber eher ungeduldig mit mir selber. Inzwischen bin ich allerdings mit mir selber gar nicht mehr so ungeduldig. Eher mit dem „Umfeld“.

Die Situation ist derzeit bescheiden – keine Frage. Warum manche derzeit aber derart bescheuert und ungeduldig reagieren, ist mir dennoch nicht klar. Und ich staune darüber, wie viele Mitmenschen davon sprechen, dass wir unter „Quarantäne“ seien. Ich mache mir Sorgen um die Allgemeinbildung – das allerdings auch nicht erst jetzt.

Viele Menschen sprechen derzeit von Quarantäne, wenn sie diese Kontaktsperre meinen, die wir seit einiger Zeit durchmachen. Eine echte Quarantäne ist etwas ganz anderes.

Ich war als dreijähriges Kind einmal ein echtes Quarantäne-„Opfer“. Mehrere Wochen lang, nicht nur maximal zwei. Diverse Wochen vor Weihnachten mit unklarem Befund ins Krankenhaus eingeliefert worden. Aus Übereifer des diensthabenden Chef-Chirurgen meines Appendix beraubt, danach dann die Diagnose Paratyphus. Anschließend isoliert. Immerhin durften Mama und Papa mich besuchen, wenn sie Kittel und Mundschutz wie Handschuhe trugen. Niemand anderes durfte mich besuchen, und die Tür meines Krankenhauszimmers ließ sich nur von außen öffnen.

Heiligabend wurde ich entlassen. Laut Krankenhaus seit einer Woche negativ getestet, aber das Gesundheitsamt war misstrauisch. Die wollten, dass ich noch länger im Krankenhaus bleiben sollte, und nur dem Einsatz eines Arztes des Krankenhauses und meiner Mutter ist zu verdanken, dass ich an jenem Heiligen Abend entlassen wurde. Ich erinnere mich übrigens heute noch daran, wie Schwester Felicitas mich in den Arm nahm und mir eine weihnachtliche Tüte mit Süßigkeiten in die Hand drückte und sagte: „Mach’s gut, Kleine – du bist gesund!“ und wie wir dann durch das Foyer liefen und dann endlich im Auto saßen. Und obwohl ich noch so klein war, wurde mir damals schon einigermaßen klar, dass es Dinge gebe, gegen die im Zweifel nicht einmal die eigenen Eltern ankommen, nachdem ich die Erleichterung in den Gesichtern meiner Mutter und meines Vaters gesehen hatte. Nach dem zuvor erfolgten erleichterten Entlassungsgespräch mit Arzt und Schwestern.

Und so war ich total glücklich, wieder in mein gewohntes Umfeld zu kommen – vor allem am Heiligen Abend! Ich kann mich sogar noch an zwei Geschenke erinnern, die ich just da bekommen habe. Eines besitze ich heute noch: einen Steiff-Teddybären von meinem Onkel Christoph. 😊 Das zweite war ein „Bausatz“ von Lego.  Den habe ich – lange gesund – mit allen anderen Legosteinen, die ich besaß, anderweitig verbaut. 😉 Den Teddy besitze ich heute noch, obwohl er nicht mehr brummen kann. Seine Stimme hat er schon lange verloren. 😉

Was ich nie vergessen habe, waren die Wochen nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus. Ich war einfach nur froh, wieder bei Mama und Papa zu sein – und sogar bei meiner Schwester. 😉 Mir war zunächst nicht klar, was damit verbunden war. Ich wunderte mich damals allerdings nicht nur darüber, dass ich meine Hände nach dem normalen Waschen in einer Lösung baden musste, die ekelhaft roch. Den Namen „Sagrotan“ habe ich nie vergessen, ganz zu schweigen von dem Geruch,  und ich fühlte mich schon als Kind irgendwie schuldig, dass jeder, der mit mir zu tun gehabt hatte, seine Hände in diesem ekelhaften Zeug baden musste.

Was aber noch krasser war, war die Tatsache, dass regelmäßig Stuhlproben abzugeben waren. Von der ganzen Familie. Glücklicherweise hatten wir damals einen sogenannten Flachspüler. 😉 Und mehr oder minder regelmäßig kam ein „Inspektor“ vom Gesundheitsamt, sich davon zu überzeugen, dass die Quarantänemaßnahmen in meiner Familie eingehalten würden. Die waren derart gelagert, dass zwar meine Eltern das Haus für Arbeit und Einkaufen verlassen durften, meine Schwester und ich aber nur in unserem Kinderzimmer bleiben sollten. Und das Zugeständnis an meine Eltern – Arbeiten und Einkaufen – auch nur unter der Voraussetzung, dass dann eben Proben eingesammelt werden würden. Und nicht nur das – ich glaube, meine Mutter hat damals jeden Tag mindestens einmal die Waschmaschine anwerfen müssen. Ganz zu schweigen von dieser Sagrotan-Maßnahme. Ich weiß nur, dass ich damals ein schlechtes Gewissen hatte – das geschah alles meinetwegen. (Und danach war ich auch nicht mehr im Kindergarten …) 😉

Regelmäßig kam Herr Fischer-Voor zu uns. Ein freundlicher Mensch, und er war eigentlich ziemlich cool. Während meine Mutter die vier in adäquate Vorrichtungen gefüllten Stuhlprobenbehältnisse noch in einer Extrapackung in Gestalt einer Plastikverpackung verstauen wollte, sagte Herr Fischer-Voor nur: „Nein, alles okay!“ und steckte sich die vier Proben relativ „nackt“ völlig ungerührt in die Tasche seines Jacketts. Das Gesicht meiner Mutter werde ich nie vergessen! 😉

Herr Fischer-Voor war im Grunde immer pünktlich, und wenn er seinen Besuch angekündigt hatte, erreichte er meine Familie auch immer so, wie sie zu erreichen war, ganz nach Vorgabe. 😉

Nur einmal kam er unangekündigt. Da tobten Stephie und ich, die wir gemäß Auflagen des Gesundheitsamtes nicht nur das Haus, sondern sogar das Kinderzimmer nicht verlassen durften, mit Mama, die meinte, man könne Kinder doch nicht wochenlang in ein kleines Zimmer sperren (so die Vorgabe des Gesundheitsamtes: „Die Kinder dürfen das Kinderzimmer nicht verlassen!“), laut lachend quer durch die Wohnung, als es an der Tür klingelte. Mein Vater öffnete die Tür, und ich habe ihn nie wieder so laut und vermeintlich freudig den Besucher an der Tür begrüßen hören. 😉 So laut, dass auch Mama, Stephie und ich das hören konnten. Und sofort waren wir stumm, während wir meinen Vater sagen hörten, dass die Kinder leider gerade schliefen, als Herr Fischer-Voor angab, nachsehen zu wollen, ob die Kinder auch brav in ihrem Zimmer seien … Mein Vater hat irgendwie geschafft, dem Gesundheitsamt-Inspektor die vier Proben auszuhändigen, ohne dass dieser noch darauf bestand, „nach dem Rechten“ zu sehen. Mein Vater behauptete hinterher, es sei hart an der Grenze gewesen, gab allerdings auch zu, der Inspektor habe gegrinst. 😉

Ich habe das nie vergessen, denn das war einschneidend. In der Tat wurde man überwacht. Was mich derzeit stark verwundert, ist die Tatsache, dass es Menschen gibt, die sich allen Ernstes einbilden, unter Quarantäne zu stehen, obwohl doch nur eine Kontaktsperre besteht. Die finde ich auch unangenehm, da ich – unter anderem – meine Eltern nicht besuchen kann oder darf. Aber eine echte Quarantäne ist das nicht. Das ist noch viel krasser. 😉 Und so verstehe ich auch das vielerlei anzutreffende „Geheul“ nicht. Liebe Leute – ihr habt keine Ahnung, was Quarantäne wirklich bedeutet. 😉

Bleibt gesund und munter! 😊

„Ali the Kid“ ;-)

Letztes Wochenende ließ sich eigentlich ganz normal an nach der inzwischen als normal akzeptierten Arbeitswoche. Wir arbeiten inzwischen in Wechselschicht: den einen Tag im Büro, den nächsten zu Hause, modern Homeoffice genannt – auch so ein „schöner“ Anglizismus. 😉 Denn das Home Office ist in Großbritannien das Innenministerium. In amerikanischem Englisch der Hauptsitz eines Unternehmens. Wahrscheinlich daher die im deutschen Sprachgebrauch übliche Zusammenschreibung. 😉

Nach zwei Wochen im Wechsel und nach zwei Wochen, in denen ich zwischen GE und dem Wohnort meiner Eltern mehrfach hin und her raste, um für sie einzukaufen, da ich nicht will, dass sie in den Geschäften herumturnen, ereilte mich am Samstag etwas, das mich normalerweise niemals derart in Unruhe stürzen würde: Ich hatte Halsschmerzen. Echte Halsschmerzen, nicht etwa Halskratzen, wie Ex-Kollege Birger es genannt hätte.

Ich beschloss, das Ganze zunächst zu ignorieren, verließ aber vorsichtshalber das Haus auch nicht.

Am Sonntag litt ich sowohl unter Hals-, als auch Kopf- und Gliederschmerzen. Alles normal bei einem grippalen Infekt. Doof nur, dass ich gedacht hatte, die Erkältungssaison längst hinter mir gelassen zu haben. Im Laufe des Tages 37,8°C Temperatur – war am Tag davor höher und knapp jenseits der 38°C gewesen – 38,2°C.

Am nächsten Morgen – inzwischen nur noch 37,6 Grad und Homeoffice-Tag – rief ich lieber bei der Arbeit an und fragte, wie hier vorzugehen sei. Nachdem ich bereits meine Hausärztin zu erreichen versucht hatte. Kein Durchkommen – dauernd besetzt.

Mein Vorgesetzter meinte, ich solle zunächst und auch am nächsten Tag zu Hause bleiben und von dort arbeiten, bitte aber auch noch meinen Hausarzt anrufen. Auf keinen Fall am nächsten Tag mit den genannten Symptomen zur Arbeit kommen. Leuchtete ein, und meine Team B-Kollegin Gina will ich ganz gewiss nicht mit irgendetwas anstecken, was auch immer es sei. 😊

Gegen 15 h erreichte ich jemanden in der Praxis. Die sehr nette junge Dame fragte nach meinen Daten und nach meinen Symptomen. Ihre Stimme klang dabei zunächst völlig normal. Doch nachdem ich ihr die Symptome aufgezählt hatte, nahm die Stimme plötzlich einen recht schrillen Ton an, und sie schrie: „Frau B. – Sie dürfen die Praxis nicht betreten!“ Ja, das wusste ich theoretisch auch schon. Ebenso theoretisch hatte ich dafür absolutes Verständnis gehabt – war ja auch völlig logisch.

In der Praxis (damit ist keineswegs die des Arztes gemeint, die man ja nicht betreten darf) und wenn einem das höchstselbst gesagt wird, fühlt sich das auf wundersame Weise und ganz plötzlich ganz anders an. Egal, was es ist: Ab in die Leprastation am ganz anderen Ende des Dorfs! Dahin, wo niemand hingehen will. Sorry, ich weiß, wie geschmacklos das klingen mag, aber exakt so fühlte sich das an. Ich wurde direkt und am Telefon aus dem Verkehr gezogen. Als ich sagte, dass ich niemanden hätte, der die AU abholen könne, sagte man mir hektisch, man würde sie mir schicken – bis heute nichts da.

Immerhin hatte man mir noch gesagt, ich dürfe auf gar keinen Fall zur Arbeit gehen. Und ich solle bitte die Wohnung am besten gar nicht verlassen. Ich fragte noch, ob man mir nicht etwas verschreiben könne, woraufhin ich die Antwort bekam: „Wir verschreiben doch nichts! Nehmen Sie halt die Mittel, die sonst bei grippalem Infekt und Bronchitis helfen – die helfen dann am ehesten auch bei Corona!“

Ehrlich gestanden: Danach war ich doch ein bisschen schockiert. Mich schockte nicht die Aussicht, in der Wohnung bleiben zu müssen, denn ich habe als Kind schon eine mehrwöchige echte Quarantäne erleben müssen und habe sie überlebt. Eigentlich war ich schockiert darüber, dass man so schrill und schnoddrig reagierte. (Auf der anderen Seite und nach dem ersten Schrecken war mir dann auch klar, dass die arme Frau sicherlich an diesem Tag wie vielen Tagen zuvor schon -zig Anrufe dieser Art angenommen hatte. Im Grunde kenne ich Ähnliches ja selber. Schön war es trotzdem nicht.)

Immerhin teilte mir die Dame noch mit, dass ich umgehend anrufen solle, wenn es schlimmer werden würde. Nun, immerhin. (Allerdings fragte ich mich, was dann wohl passieren würde: Fernheilung per Telefon? Oder würde man mir gleich eine Abordnung des zuständigen Gesundheitsamtes schicken, die in Schutzanzügen ankommen und mich in Frischhaltefolie gewickelt in einen Sonder- und Isolier-Krankenwagen schaffen würde, dessen Türen sich nur von außen öffnen lassen? 😉)

Danach telefonierte ich mit meinem Chef, der meinte: „Wenn du irgendetwas brauchst, sag Bescheid, Ali! Dann fahre ich los, bringe es zu dir und stelle es dir vor die Tür – und das meine ich absolut ernst! Mach dir keine Sorgen! Ruf mich einfach an – ich meine das ernst.“ Das fand ich total klasse. 😊

Danach durchforstete ich meinen Badezimmerschrank, wo ich auch Medikamente ablege. Nur noch geringe Vorkommen derjenigen, die gegen Bronchitis und sonstige Erkältungserscheinungen helfen. Was jetzt? Meinen Chef anrufen?

Nein. Ich zog meine Jacke an, wickelte mir einen langen Webschal zweimal um den Hals und zog ihn dann doppelt über Mund und Nase. Billy the Kid hätte mich sofort engagiert! Ich sah echt cool aus. 😉

Die nächste Apotheke ist nicht weit entfernt. Auf dem Weg dorthin hielt ich mich von entgegenkommenden Leuten fern, nahm sogar einen kleinen Umweg. Am Eingang der Apotheke ein Riesenschild: „Bitte betreten Sie die Apotheke nur, wenn weniger als drei Kunden darin sind!“ Ich spähte hinein: Die Apotheke war leer, und ich öffnete die Tür und ging hinein.

Der Apotheker, der an den mit Plexiglas von den Kunden abgeschotteten Tresen trat, rief trotz meiner Maskerade nicht die Polizei, und ich zog rasch den Schal hinunter und rief: „Bronchipret, Bronchoforton und ein digitales Fieberthermometer, bitte!“ (Mein eigentliches Thermometer hatte ich kurz zuvor unwiederbringlich zerstört, indem ich mich draufgesetzt hatte.)

22 Euro bezahlte ich und eilte maskiert nach Hause zurück, froh, dass mir im Hausflur niemand begegnete, denn ich ähnelte wirklich einem Outlaw und hatte keine Lust auf Erklärungen.

Die letzten Tage ab 8 Uhr Arbeit von zu Hause. Morgens immer alles prima und konzentriert immer bis Mittag bzw. bis zum frühen Nachmittag. Dann kam immer der Typ mit dem Baseballschläger …

Will heißen: Ab Mittag/frühem Nachmittag ereilte mich stets eine Art Rückfall. Ab dann Fieber, massive Gliederschmerzen, Kopfschmerzen – seit Montag jeden Tag das Gleiche. Seit Dienstag auch noch Husten, aber ganz anders als bei einer Bronchitis.

Testen will mich trotzdem niemand, obwohl ich am Mittwoch telefonisch in meiner Hausarztpraxis nachfragte. Es hieß nur: „Nein, Frau B. – das ist nicht vorgesehen, und das wird auch nicht gemacht. Nehmen Sie einfach nur die Medikamente, die Ihnen bei einem grippalen Infekt helfen.“

Vermutlich werde ich auch die kommende Woche durchgängig von zu Hause aus arbeiten müssen, wenn es so weitergeht, denn richtig gut geht es mir wirklich nicht. Ganz toll! Ich hätte auch nie damit gerechnet, dass ich je sagen würde, dass mir das Büro fehle!

Tut es aber. Da habe ich nicht nur Zugriff auf die notwendigen Akten, nein. Da sitzt im Nebenbüro jemand, mit dem ich – natürlich mit Sicherheitsabstand – wunderbar quatschen und ein Käffchen trinken kann. Ich sage nur: Team B rules! Immerhin habe ich meine Team-B-Kollegin Gina heute bei unserer Team-Videokonferenz gesehen, und nachdem ich mich angemeldet und eingeklinkt hatte, winkte sie auch schon begeistert und schrie: „Hey, Ali! Hoffentlich bist du bald wieder im Büro! Ich hab‘ zwar gut zu tun – aber ganz allein ist es doch doof! Werd‘ schnell gesund, Trulla!“ Ich lachte und hustete direkt – Gina darf „Trulla“ zu mir sagen. Ich weiß, wie sie es meint, und ich würde sie umgekehrt ebenso ungestraft so nennen dürfen. 😊

Corona geht mir auf den Senkel – jetzt fangen meine qua „Hausarrest“ massiv unterforderten Eltern schon aus Langeweile an, Masken zu nähen, die Mund und Nase bedecken, von denen meine Mutter meinte: „Besser als nix!“ Zwei davon haben sie heute an mich geschickt – total lieb, und darüber freue ich mich auch. Gespannt bin ich, wie lang meine Haare wohl gewachsen sein werden, wenn gefahrlos die Restriktionsmaßnahmen, in Teilen durchaus zu begrüßen, zurückgefahren werden und man wieder zum Friseur gehen kann. Ich habe den Eindruck, meine Haare wachsen derzeit besonders drastisch, und eine meiner Kolleginnen meinte heute bei der Videokonferenz: „Ich wusste gar nicht, dass du so relativ dunkle Haare hast, Ali!“ Tja … 😉 Immerhin: dunkel. Nicht grau. 😉

Euch alles Liebe und Gute – und erkältet Euch nicht oder werdet sonstwie krank! Das ist immer unangenehm, im Moment aber so richtig doof.

Ich weiß, wovon ich spreche. 😉

„Bella ciao!“

Es ist erstaunlich, welche Auswirkungen die Corona-Krise hat. Ich rase seit kurzem jede Woche nach D. und kurz darauf wieder zurück nach G., nachdem ich den Wocheneinkauf für meine Eltern vor deren Haustür gestellt und gewartet habe, dass sie diesen aus dem Mehrweg-Einkaufskarton geholt haben, den ich dann wieder in Montys Kofferraum stelle. Sie legen Geld in den Karton, auch mal einen Brief, den ich in den Briefkasten werfen soll. Sie – immer sehr selbstbestimmt – finden zum Kotzen, dass sie nunmehr zu Hause bleiben sollen, und ihnen wie mir ist klar, dass sie irgendwann sterben werden – aber bitte nicht so, nicht an diesem Virus!

Ich könnte losheulen, wenn ich sie da in der Tür stehen sehe. Ich kann sie nicht einmal in den Arm nehmen, kann sie nicht drücken, nur so gut einkaufen, wie es eben möglich ist. Letzten Samstag war ich zur rechten Zeit am rechten Ort und habe das letzte Stück Tafelspitz ergattert – ich glaube, so stolz war ich zuletzt am Tage meines Uni-Examens. Sie geben mir Geld, das ich eigentlich gar nicht haben möchte. Aber sie sind korrekt, und so kaufe ich von meinem Geld immer ein paar kleine Dinge, von denen ich hoffe, dass sie sich darüber freuen. Auseinanderrechnen muss ich es anschließend, denn beim allerersten Einkauf, bei dem ich ihren und meinen Einkauf bereits an der Kasse trennen wollte, stellte ich fest, dass es nicht gut möglich sei, da immense Hektik im Supermarkt herrschte.

Man besinnt sich in dieser Krise auf die wirklich notwendigen Dinge – und doch kann man ein bisschen „Luxus“ dazupacken. Denn vom Luxus gibt es nach wie vor reichlich. Weniger dann von wirklich wichtigen Dingen. Ich habe am Samstag auf der Rückfahrt von D. tanken müssen. Im Tankstellen-Shop sah ich ein Achterpack Toilettenpapier bei den Hygieneartikeln, wie es politisch korrekt heißt. Klopapier! Ein ungewohnter Anblick, zumindest im Verkauf! Da mein Bestand empfindlich zur Neige ging, stürzte ich mich – zu meinem eigenen Schrecken – wie ein Aasgeier darauf und sagte zur Verkäuferin noch mit annähernd fassungs- und schier atemlosem Timbre: „Klopapier!“ (In etwa so ähnlich, wie Verdurstende mit letzter Kraft: „Wasser …“ absondern. Ich schämte mich auch sogleich.) Sie lachte und sagte: „Ja, greifen Sie schnell zu! Es sei denn, Sie hamstern! Das finde ich nämlich abstoßend!“ – „Ich auch! Nein, ich hamstere nicht – ich finde das massiv unsozial, und ich möchte nur diese acht Rollen, weil ich selber nur noch wenig habe. Ich würde sogar teilen!“

Ich habe für acht Rollen zweilagiges „Nein!“-Toilettenpapier 3,99 € bezahlt! Aus purer Verzweiflung. Hätte man mir das vor zwei Monaten gesagt, hätte ich gönnerhaft grinsend mit meinem Zeigefinger gegen meine Stirn getippt. Als ich den Tankstellen-Shop verließ, zog ich meine Jacke aus und verbarg das Corpus delicti lieber darunter. Naja – so ähnlich zumindest. Nicht ganz so, und doch sah ich die kritischen Blicke derer, die draußen noch ihre Autos betankten. Ich fuhr mit quietschenden Reifen davon … 😉

Kürzlich haben einige Leute in Bamberg, um den extrem schwer geschlagenen Menschen in Italien Solidarität zu bekunden, Bella ciao! gesungen und das Ganze im entsprechenden Medium gepostet. Die Aktion fand Anklang in den Medien – und auch in Italien, wie ich hörte. Und prompt trat der Typus Mensch auf den Plan – häufig als typisch deutsch bezeichnet -, der an allem etwas zu motzen und zu meckern hat! Zum Kotzen!

„Das ist ein Kommunistenlied!“ – „Da will man sich nur in Szene setzen!“ – „Da könnte ja jeder kommen – ein linkes Lied, ekelhaft!“

Aha. Ekelhaft also eine Aktion, in der Solidarität bekundet wird. Bella ciao! ist ein Partisanenlied. Das Lied italienischer Partisanen speziell aus dem Zweiten Weltkrieg. In der Tat waren Partisanen wohl eher das Gegenteil von „rechts“, und, ja, es gab auch Trittbrettfahrer, aber in Gänze weiß ich nicht, was derart gegen ein Lied von Partisanen zu sagen ist, die ihr Land und ihre Freiheit verteidigt haben. Ein Kampflied in der Tat, ja, eines, das anfeuert, aber vielleicht sollten die Kritiker – so des Italienischen mächtig – sich den Text mal genau ansehen und vielleicht ein paar Geschichtsbücher studieren. Und es einfach doch selber besser machen, statt gar nichts zu tun oder nur zu motzen.

Aus mehreren berufenen italienischen Quellen hörte ich jedenfalls, dass man das toll und sehr sympathisch und aufmunternd gefunden hätte. Und genau darum ging es ja auch. Nicht um mehr.
Was mich dieser Tage total ankotzt, ist diese defätistische Haltung, die besagt: „Ach ja, an irgendwas sterben wir doch alle!“ Ja, richtig, aber ich möchte eigentlich jetzt noch nicht sterben! Kopp hoch, nicht so negativ! Das nervt.

Und richtig wütend werde ich, wenn ich höre: „Ach, ja, aber das trifft doch eh hauptsächlich die Alten!“ Ganz toll! Wie arschig muss man sein, so etwas zu sagen! Egal, wie alt – keiner möchte sterben, wenn er nicht ohnehin schon todkrank darniederliegt und Schmerzen leidet. Kopp einschalten, liebe Leute – möchtet ihr denn jetzt so einfach ohne vorheriges Leiden sterben? Sterben, wenn es euch ansonsten gut geht? Sicherlich nicht. Und ich schwöre Euch: Auch wenn ihr älter werdet, werdet ihr im Normalfalle gern noch weiterleben wollen, wenn ihr nicht an einer schlimmen Krankheit leidet und/oder massive Schmerzen habt. Wie ignorant, so damit umzugehen – und wie dumm!

Haltet Abstand, wenn ihr zum Einkaufen müsst – nicht einmal das schaffen alle, obwohl es recht einfach ist! Bleibt zu Hause, so oft es geht.

Ich hoffe, dieser Spuk möge bald zu Ende sein. Ich finde es auch nicht schön. Aber das Gejammer und die Verschwörungstheorien, die inzwischen wie Pilze aus dem Boden sprießen, helfen niemandem.

Alles Gute für euch – und bleibt gesund und munter! 😊

„Boom!“  

Meine neue Brille ist da. Gestern habe ich sie abgeholt, und heute sollte die Premiere bei der Arbeit sein, denn normalerweise kennt man mich nur ohne Brille und mit Kontaktlinsen. Aber diese Brille finde ich so schön, dass ich sie sogar in der Öffentlichkeit tragen möchte. 😊

Und so machte ich mich heute mit exakt dem gleichen Gefühl auf den Weg, mit dem ich früher zur Grundschule ging, wenn ich ein neues T-Shirt besaß. Ein schönes Gefühl war es, und völlig sorglos bog ich, kaum aus dem Hof gefahren, nach links ab. Ich fuhr mit Tempo 30 durch die Kurve, ich fuhr mit Tempo 30 weiter – da, Rechts vor Links, aber es kam keiner. Und fröhlich fuhr ich weiter Richtung Kreisverkehr.

Da kam mir von weit vorn ein Auto entgegen. Ein alltägliches Phänomen, und vorsichtshalber nahm ich meinen Fuß vom Gas, schaltete in den zweiten Gang und tuckerte mit 20 km/h weiter, während der Entgegenkommende unbeirrt weiterbretterte, und das gewiss mit mehr als 30 Kilometern in der Stunde.

Auf meiner Seite parkten zur Rechten Autos, aber so, dass sie fast zur Gänze auf dem Bürgersteig standen. Auf der anderen Seite können sie so nicht parken, sondern ragen in die Fahrbahn hinein. Der Fall war klar: Ich hatte Vorfahrt, aber ich war bereit, diese notfalls zu opfern – warum hielt der Entgegenkommende nicht oder bremste wenigstens ab?! Und ich stieg auf die Bremse und wollte rechts einscheren. Aber da gab es nichts einzuscheren – keine Ausweichmöglichkeit.

Und so konnte ich nur innehalten und hoffen: „Vielleicht passt es ja doch so haarscharf!“ Kaum zu Ende gedacht, knallte und rummste es auch schon, und fasziniert und wie in Trance sah ich zu, wie mein linker Außenspiegel in erstaunlich viele Einzelteile zerlegt wurde. Die Glühbirne, die sich im Inneren befindet, nur noch an ihrer Leitung und ansonsten albern heraushängend, leuchtete zumindest zuerst noch, erlosch dann jedoch … Es ging alles so schnell, und mein erster Gedanke war: „Ich muss zur Arbeit!“ Mein zweiter: „Fahr vor den ersten Parkenden, Warnblinkanlage an, und dann steigst du aus und killst den Idioten, der so bescheuert fährt!“

Ich stieg aus, hob das Hinterteil meines linken Außenspiegels auf, das auf der Straße lag, bevor ein nachfolgendes Auto es völlig in Schutt und Asche legen konnte, und stürmte auf die Frau zu, die hinter mir auf der anderen Seite mit eingeschalteter Warnblinkanlage rechts angehalten hatte. Ich rief ihr zu: „Sehen Sie das? Das kommt davon, wenn man einfach weiterbrettert! Danke auch! Mein Außenspiegel ist völlig fratze – ganz herzlichen Dank! Sie hatten keine Vorfahrt!“

Ich gebe zu, dass ich in derlei Ausnahmesituationen nicht immer das an den Tag lege, was mir seitens meiner Eltern in puncto Höflichkeit für den Alltag beigebracht wurde. Ich muss allerdings dazusagen, dass es so laut geknallt hatte, dass ich im Grunde mit Schlimmerem gerechnet hatte und unter Adrenalin stand.

Die Frau deutete ebenso hektisch auf ihren linken Außenspiegel, und nachdem längs der Häuserfronten zur Rechten und zur Linken ein Fenster nach dem anderen geöffnet worden war und immer mehr Köpfe sichtbar wurden, kamen die Frau und ich überein, dass ich zunächst wenden und hinter ihr parken würde, bevor die Polizei – von uns gerufen – käme. Und so geschah es dann auch.

Als ich hinter ihr geparkt hatte, sah ich, dass sie die hintere Tür auf der Fahrerseite geöffnet hatte, aus der infernalisches Geschrei in den höchsten Tönen quoll. Ich trat hinter sie und sah zu meinem Entsetzen, dass ein Kleinkind in einem Kindersitz an Bord war, das so infernalisch schrie, dass mir ganz schlecht wurde: O Gott – ein Kleinkind involviert. Hoffentlich war der kleine Wicht nicht verletzt! Immerhin hatte es doch einen heftigen Knall gegeben.

Sowohl meine Stimmung, als auch meine Stimme veränderten sich sofort, und ich sagte: „O mein Gott, Sie haben ein Kleinkind im Auto! Ist alles in Ordnung?“ Die junge Frau war inzwischen auch ruhiger geworden, und sie sagte: „Ich glaube, sie hat sich nur erschreckt.“

Und von da an war zwar nicht alles tutti, aber wir unterhielten uns freundlich, und die kleine Janina wurde immer fröhlicher. Ich glaube, sie war die Einzige, die das Ganze sogar total spannend und lustig fand. Jedenfalls lachte sie die ganze Zeit fröhlich und schenkte mir sogar die Abdeckung ihres Teefläschchens, während ihre Mutter und ich, inzwischen unter meinem Regenschirm vereint, auf die Polizei warteten.

Da kam auch endlich ein VW-Bus mit Polizei-Aufschrift und -Lackierung. Ein Polizeibeamter, der sowohl Janinas Mutter als auch mich nicht nur bei weitem überragte, sondern im Gegensatz zu dem Weiberclub, bestehend aus Janina, Janinas Mutter und mir, auch noch über erheblich mehr Testosteron verfügte, stieg aus, begrüßte uns und sah sich dann die Schäden an den beiden noch immer warnblinkenden Autos an. Und dann sagte er: „Tja, das ist ja wohl einmal mehr ein völlig vermeidbarer Unfall.“ Ach! Nee! Im Ernst? Ist das jetzt die neue Formulierung für „Frau am Steuer“?

Ich schnaubte leicht und sagte: „Ja, das ist uns auch klar, und wir haben das auch nicht aus Spaß oder Absicht getan! Es ist nun einmal passiert, und wir finden das beide selber richtig blöd, zumal wir beide keinen linken Außenspiegel mehr haben, was ärgerlich genug ist!“ Da grinste der Polizist und meinte: „Sorry, war nicht böse gemeint. Wie ist das Ganze denn passiert, und wer kam aus welcher Richtung?“

Und nachdem er das von uns Erklärte analysiert hatte, erklärte er Janinas Mutter: „So, wie Sie beide das beschrieben haben, sind Sie die Unfallverursacherin. Sie haben Frau B. die Vorfahrt genommen und dadurch diesen Unfall verursacht – Frau B. hatte keine Möglichkeit, auszuweichen. Und Sie hätten hinter den parkenden Autos anhalten müssen.“ Und nachdem er das Ganze noch einmal zusammengefasst hatte, fragte er sie: „Haben Sie eine EC-Karte dabei?“ – „Ja.“ – „Denn Sie müssen ein Verwarngeld zahlen, da Sie den Unfall verursacht haben. Hiermit verwarne ich Sie.“ Janina lachte fröhlich dazu, und sie griff nach des Polizisten Hand, der sie wohl auch süß fand und meinte: „Na, immerhin konnte heute einer hier eine Freude gemacht werden.“ Dann kniff er mir ein Auge zu. Ich kniff zurück.

Ich bekam ein Formular in die Hand gedrückt, vorzulegen bei meiner Werkstatt, die anhand des gegnerischen Autokennzeichens die entsprechende Versicherung in Kenntnis setzen werde.

Am Freitag habe ich den Termin zum Wechsel meines Außenspiegels. Mir war nach alldem so kodderig, dass ich von der Werkstatt direkt nach Hause fuhr – nicht ganz so angeschlagen wie mein Außenspiegel, aber ähnlich …

Ich hoffe, ich habe nie einen schwereren Unfall, und das aus ganz verschiedenen Gründen.

Immerhin hatte Janinas Mutter zum Abschied gesagt: „Das ist zwar alles totaler Mist, aber wenn dieser Unfall schon passiert ist, bin ich froh, dass Sie meine Gegnerin sind, denn Sie sind sehr nett gewesen. Nicht auszudenken, wäre ich an jemand anderen geraten!“ Na, dann! 😉

Von Schusterjungen, Hurenkindern und Heidelberger Druckmaschinen …

Ich bin gestern völlig erschlagen nach Hause gekommen. Nicht nur, dass ich vorletzte Nacht kaum geschlafen hatte, was daran lag, dass ich grauenhafte Zahnschmerzen hatte, nein – ich hatte von Montag bis gestern eine zunächst harmlos wirkende Schulung. Wirklich harmlos, denn ich sollte dort nur die Grundlagen einer praktischen Layout-Software einer namhaften Firma erlernen. Inzwischen bin ich – das Druckereigewerbe betreffend – zumindest weit über die arg- und harmlose Kenntnis hinaus, dass ein 500-seitiges Gebinde bzw. eine entsprechende Verpackungseinheit von Papier sich Ries nenne. Das wusste ich schon lange.

Inzwischen bin ich weit besser im Bilde und mit Papiermusterbüchern vertraut. Mit diversen Grammaturen – bis dato kannte ich qua eigener Berufung nur Grammatik -, mit Offset weiß und so vielen anderen Aspekten aus dem Druckgewerbe, da unser Dozent offenbar ein Faible dafür hat. Zum Schluss der anstrengenden, wenn auch sehr interessanten, Schulung legte er uns einen Besuch der Drupa ans Herz, obwohl er befürchtete, dass die vielleicht wegen Corona gar nicht stattfinden würde …

Die Drupa sagte mir etwas, da ein Cousin meines Vaters in der Papierbranche war (daher auch die Ries-Kenntnis). Das brachte mir gleich Pluspunkte. Verwandt mit einem Menschen, der eine gewisse Bedeutung bei einem Papierhersteller aus Süddeutschland hatte – wenn das nichts ist! 😉 Darüber hinaus hatte ich – als ich noch in Ratingen lebte – eines schönen Freitagabends nach Feierabend zusammen mit Giacomo in unserer Stammkneipe gleich zwei Iren kennengelernt, die zur Drupa nach Düsseldorf gekommen waren, jedoch nur noch in Ratingen Hotelzimmer bekommen hatten. Ein sehr lustiger Abend war es – unvergessen. 😊 Ich sprach danach ein paar Worte Gaeilge oder Irisch-Gälisch, hatte – nach einem Telefonat Pádraigs mit seiner Frau – ein originalirisches Rezept für Irish Stew, während er im Gegenzug ein Originalrezept – nach einem Telefonat mit meiner Mutter – für Sauerbraten mit Klößen und Blaukraut hatte (hatte ich damals noch nie selber zubereitet). 😉 Er war begeistert – seine Frau, Siobhán ihr Name, würde sich freuen. Schon so oft wäre sie gern mit nach Deutschland zur Messe gekommen, was der Kinder wegen nicht ging. Und er selber freue sich immer auf die Drupa, nicht zuletzt des rheinischen Sauerbratens wegen, den er dann immer äße. Ich gab zu bedenken, dass das Rezept meiner Mutter nicht für rheinischen, sondern fränkischen Sauerbraten sei (ohne Rosinen, dafür mit Saucenlebkuchen), aber er meinte, Rosinen möge er eh nicht („No sultanas! Never ever!“). Die würde er immer aus der Sauce heraussortieren, denn: „They look like drowned houseflies“. Sehr sympathisch. Rosinen in einer Sauce sehen auch für mich wie ertrunkene und darob aufgeblähte Stubenfliegen aus.😉

Die Schulung war auf drei Tage angesetzt – jeweils von 9 bis 16 Uhr. Ich lachte zunächst noch – am letzten Tag würde es sicherlich schon früher enden. Weit gefehlt, denn am zweiten und dritten Tag überzogen wir sogar! 😉

Wir lernten im Schnelldurchlauf, wie man mit der faszinierenden Software nicht nur kleine Anzeigen, sondern auch Flyer (in Wickel- und Leporellofalz!) druckfertig vorbereite – und am letzten Tag wagten wir uns sogar an eine kleine Broschüre im Buchformat, die eine Bindung verlangte.

Im Gegensatz zu den anderen Teilnehmern war ich die Einzige, die wirklich noch nie mit diesem Programm gearbeitet hatte, und es war wirklich anstrengend. Und so sah am Ende des zweiten Tages mein Flyer auch anders aus als die der anderen Teilnehmer – zumindest zwei Seiten davon. Ich betete, dass der Dozent nicht noch einmal durch den PC-Schulungsraum schreiten möge, um sich die Resultate anzusehen!

In der Nacht auf den dritten Schulungstag schlief ich schlecht, wobei hinzukam, dass ich monströse Zahnschmerzen hatte. Wenn ich denn schlief, träumte ich von Prüfungssituationen. Das ist eigentlich nicht meine Art, aber hier war ich wirklich peinlich berührt meines defizitären Flyers wegen. 😉

Am dritten Tag, ergo gestern, lernte ich allerdings ratzfatz etwas, das man uns gar nicht beigebracht hatte, durch learning by doing, und noch bevor der Dozent seine Runde drehen konnte, hatte ich meinen Flyer soweit re- bzw präpariert, dass man ihn vorzeigen konnte. Zumindest die Seiten 4 bis 6. Die Seiten 1 bis 3 sahen zwar für Laien auch so aus, dass sie den Seiten der anderen Teilnehmer insofern frappierend ähnelten, als nur geringfügige Unterschiede bei genauem Hinsehen – wirklich nur für Laien! – erkennbar waren. Der Dozent hätte es sofort erkannt, aber als er sich meinem Arbeitsplatz näherte, scrollte ich schnell auf die Seiten 4 bis 6, die exakt so waren, wie sie sein sollten. 😉 Und er sagte: „Ja, super!“ (Klar, ich hätte ihn beizeiten bitten können, zu helfen, aber ich wollte den Kurs nicht aufhalten.)

Das dachte ich auch. Super, Ali, wie schnell du unter Druck improvisiert hast. Glücklicherweise geht dein unter Druck entstandenes Werk nie in den Druck! Und ich lächelte den Dozenten fröhlich an. 😊

Und ich schrak dann nicht einmal zusammen, als wir an Tag 3 eine vielseitige und gebundene Broschüre mit Buchrücken und unter Benutzung einer Musterseite in Angriff nahmen – komischerweise klappte da (fast) alles auf Anhieb, sogar Zeichen-, Absatz- und sonstige Optionen und Funktionen, und hinterher sah es so aus, wie es aussehen sollte. Ich war begeistert!

Ich werde mir das Ganze aber dann doch im Alleingang mit einer Anleitung ganz in Ruhe aneignen müssen – das war schon immer so und klappte dann auch immer.

Eine Meisterin werde ich beileibe nie werden – es muss zuviel gerechnet werden, und räumliches Denken kann auch nicht schaden. Beides nicht meine größten Stärken. Klar, rechnen kann ich – aber in Kombination mit mehr oder minder räumlichem Denken stoße ich dann doch schneller, als erhofft an meine Grenzen. Das gebe ich auch zu! 😉

Zum Schluss sang der Dozent dann noch ein Loblied auf das Druckereigewerbe, und ich musste an die Worte eines Professors während der ersten Zeit meines Studiums denken, als wir gerade die Geschichte der Druckkunst abrissen, so nebenbei, als Johannes Gutenberg erwähnt wurde, auf dem Weg von Höhlenmalereien zum Buch. Prof. Weinberg sagte: „Der beste Freund des Philologen ist und bleibt der Drucker, denn er fertigt das kunstvoll an, womit sich der Philologe dann beschäftigt. Ohne Drucker wären wir hier ziemlich aufgeschmissen.“ Vorlaut rief ich: „Und auch ohne Papiermühlen bzw.
-fabriken!“ (Wahrscheinlich war ich durch den Cousin meines Vaters „vorgeschädigt“ … 😉) Prof. Weinberg meinte: „Genau!“, während ich – mir meiner Rolle als kleines Erstsemester bewusst werdend – über meine eigene vorlaute Art erschrak. Das Hierarchiebewusstsein wirkte. 😉 Aber Prof. Weinberg lachte und kniff mir ein Auge zu. 😉 (Dem Himmel war dank, und – wenn auch so nicht geplant – ich machte mein Examen dann bei Prof. Weinberg, der sich meinen „Papierfabrik“-Kommentar sogar bis dahin gemerkt hatte. Als er es während meines mündlichen Examens kurz erwähnte, war ich etwas peinlich berührt, aber da grinste er mich an und meinte: „Das fand ich sehr sympathisch, keine Sorge. Ich war so immerhin gewiss, dass zumindest eine mir zugehört hatte, denn bei der Geschichte des Buchdrucks schalten viele Studenten erfahrungsgemäß schnell ab. Sie offenbar nicht.“)

Stimmt. Ich schaltete erst ab, als das Thema vertieft wurde – zum Glück fragte mich nie wieder jemand im Alltag, was eine Quarto-Edition sei. (Ein ganz altes Buchformat, und Anglisten kennen das von Shakespeare. Oder sollten es zumindest wie aus der Pistole geschossen erklären können – wenn sie nicht zuvor abgeschaltet haben … 😉 ).  Zumindest nicht während meines und kurz nach meinem Studium. Das Bedürfnis, es erklären zu können, kam dann erst nach dem Examen. 😉

Arbeitsreiche Zeiten kommen auf mich zu, denn in der Schulung ging alles ratzfatz … Aber ich kenne mich – das wird. 😉 Und ich weiß nun immerhin, dass man mit 3 mm Anschnitt immer auf der sicheren Seite sei … Und letzte Nacht träumte ich von Büchern … Immerhin hatte ich im Kurs Punkte machen können, als ich als Einzige wusste, was Schusterjungen und Hurenkinder seien (obwohl man diese Phänomene heutzutage wohl auch anders nennt) und mir die Heidelberger Druckmaschinen AG etwas sagte. Ich glaube, der Dozent war dann auch mit mir ausgesöhnt.  😉

Euch ein schönes Wochenende! 😊

Die echte Coronation, ääh, Krönung des Tages – Einkaufen im Einkaufsmarkt in Zeiten der Krise

Ich habe dieser Tage beschlossen, mich nicht von der allgemeinen Panik hinsichtlich des sich immer weiter ausbreitenden Virus anstecken zu lassen: des Corona-Virus, aber das wisst ihr alle schon. 😉 Man kann dem Ganzen ja kaum entgehen. 😉

Und doch ertappte ich mich gestern dabei, wie ich – täglich beruflich mit Publikumsverkehr konfrontiert – nach einem Händeschüttler, der es nett meinte und den ich unmöglich vor den Kopf stoßen wollte, etwa zwei Minuten wartete und dann heimlich beobachtete, wie mein „Kunde“ sich fröhlich und nett lächelnd durch den Haupteingang aus dem Gebäude entfernte, bis ich Richtung Damentoilette stochte und mir dort die Hände wusch. (Selbstredend gemäß der Anleitung, die neben dem Waschbecken hängt … Nein, eigentlich so, wie ich mir von klein auf die Hände wasche. Für die Anleitung brauchte ich damals lediglich eine kurze, aber prägnante Einweisung meiner Eltern und keinen „Cartoon“ neben dem Waschbecken … 😉 ). Niemals hätte ich gewollt, dass er mitansehen müsse, wie ich nach seiner freundlich gemeinten Geste sofort zur desinfizierenden Tat schreite!

Zu spaßen ist mit dem Virus sicherlich nicht, aber was derzeit los, losgebrochen ist, ist in der Tat geeignet, Panik zu erzeugen oder zu schüren.

Nicht nur, dass es berufliche Konsequenzen völlig anderer Art, als zuvor geahnt, für mich hat, nein, auch mein Einkaufsverhalten scheint sich dem Chaos anpassen zu müssen. Und ich gestehe, dass ich heute auch auf verschlungenen Pfaden noch versteckt vorhandenes Handdesinfektionsmittel bestellt habe. Ich gab vor, Heilpraktikerin zu sein, und trotzdem wird das Desinfektionsmittel erst um den 20. März bei mir eintreffen. Ich habe es nicht für den privaten Gebrauch bestellt, sondern eher im Gedanken an die Situation im Büro, wo seit jeher privat angeschafftes Handdesinfektionsmittel steht, das jedoch fast aufgebraucht ist. Nachschub muss her, völlig unabhängig von Corona. Verstehen sicherlich nur Menschen mit hohem Aufkommen an Publikumsverkehr. 😉

Ich las heute die schauerlichsten Push-Artikel, schlug mich mit unangenehmen dienstlichen Aspekten herum, bis ich um kurz vor halb sechs das Büro verließ – es reichte ja auch. Und schon raste ich gen Einkaufsmarkt. Richtig dringend brauchte ich eigentlich nur Brot, Toilettenpapier, Obst und Gemüse und Mineralwasser. Ich muss allerdings sagen, dass ich – im Normalfall – sehr gern einkaufe. Und manchmal mache ich mir auch gern eine Freude und kaufe etwas, das ich gar nicht zwingend benötige.

Dazu kam ich heute gar nicht, denn es herrschte unglaublicher Stress nicht nur schon auf dem Parkplatz des Einkaufsmarktes, wo ich nur noch mit Mühe einen freien Parkplatz fand, sondern erst recht in seinem Inneren.

Als ich den Markt betreten wollte, wurde ich schon fast von zwei wildgewordenen, bis über reale Sichtgrenzenverhältnisse beladenen Einkaufswagen über den Haufen gefahren, deren erheblich kürzer gewachsene Lenker offenbar die Kontrolle verloren hatten. Ich sah sehr viele Nudelpackungen in den Wagen, Mineralwasser, Hülsenfrüchte – und Fertigsaucen-Tüten! Hallo? Ihr braucht für Saucen keine Fertigpackungen, nur Tomatenmark und viel Kreativität!

So dachte ich, als ich schnell zur Seite sprang, um von den schwerstbeladenen Wagen nicht umgemangelt zu werden.

Im Markt war es nicht viel besser, zumal viele Angestellte in den Gängen damit beschäftigt waren, mit fliegenden Händen speziell Nudel- wie Wurstdosenregale und Vergleichbares aufzufüllen. Als ich mich gerade im Wurstdosentrakt aufhielt, wenn auch nicht beabsichtigt, sondern einfach nur, um dem aggressiv nachrückenden Nudelsturm auszuweichen und aus purer Verlegenheit eine Dose Dicke Sauerländer in meinen bis dato normal bestückten Einkaufswagen lud, sprach mich die das Nachbarregal mit Dosen von Lange Jungs auffüllende Angestellte an: „Na, auch auf Hamsterkurs?“ – „Ääh, nee, eigentlich nicht …“ Die Dame warf einen Blick in meinen Wagen, in dem sich inzwischen neben einer frischen Knoblauchknolle und einem einzelnen Paket Lavazza nur die Dose Dicke Sauerländer, Obst und Gemüse wie eine Packung Toilettenpapier und Brot befanden. Dann grinste sie und meinte: „Endlich ein normaler Mensch! Sie hamstern nicht, nicht wahr?“ – „Durchaus nicht. Ich staune selber über den Andrang. Und ich möchte mich dazu besser nicht äußern.“

Da rief die Angestellte: „Danke! Endlich ein normaler Mensch! Sie werden mir das nicht glauben, aber mein Kollege und ich räumen schon seit heute früh immer die gleichen Artikel in die Regale! Und kurz darauf ist wieder alles leer! Wahrscheinlich werden wir bald wahnsinnig!“ – „Nein! Bitte nicht! Sie sind zwei völlig normale Menschen! Ich bin nur hier im Wurstdosen-Gang, weil ich dem Nudelsturm ausweichen wollte! Und da ich diese Sauerländer Würste mag …“ – „Nein! Packen Sie gern noch eine weitere Dose ein – Sie sind normal!“ – „Ach, eine Dose reicht mir.“ – „Und wenn nicht, kommen Sie morgen wieder! Ich bin dann auch hier – und der Niko, mein Kollege, auch!“ – „Gut zu wissen. Vielleicht komme ich morgen wieder, falls ich etwas vergessen haben sollte, aber ich schwöre Ihnen, dass ich keine weiteren Sauerländer Dicke kaufe!“ – „Egal, was Sie kaufen – Sie sind wenigstens nett!“

Ich schob meinen Wagen lieber weiter. Inzwischen drehen die Regal-Einräumer schon durch … Aber es wundert mich nicht. 😉

Als ich in die Getränkeabteilung kam, sah ich, dass mein bevorzugtes Lemon-Mineralwasser wie alle anderen Lemon-Mineralwassersorten ausverkauft war. Ich war ein wenig verstimmt. Dann musste ich an eine Unterhaltung denken, die ich heute mit Kerstin, einer meiner Lieblingskolleginnen, geführt hatte. Die hatte gesagt: „Inzwischen drehen ja wohl alle durch! Ich war gestern bei Fiedel, um ein Sixpack meines Lieblings-Mineralwassers zu kaufen!“ Sie liebt dieses Grapefruit-Zeug. Das gab es nicht mehr, weil wohl vor ihr Leute den gesamten Bestand aufgekauft hatten. Sehr schön, dass Arbeitnehmer da wohl einmal mehr die Arschkarte haben, weil sie nicht zu Unzeiten einkaufen können … Doch egal – Kerstin und ich kamen überein, dass sogar Menschen, die gar nicht „hamstern“ wollen, künftig dazu gezwungen sein könnten, um überhaupt noch etwas vom gewünschten Produkt abzubekommen.

Aus Protest lud ich noch zwei völlig „hamsterinadäquate“ Produkte in meinen Einkaufswagen: zwei Gläser Erdnussbutter einer namhaften niederländischen Firma, die auch weitere typisch niederländische Produkte herstellt und vertreibt! Einmal creamy, einmal crunchy, weil ich mich nicht zwischen beiden entscheiden konnte, pindakaas aber sehr liebe. 😉 Dann stürmte ich gen Kasse, wo ich in einer endlos scheinenden Schlange stand …

Endlich bis ans hintere Ende des Kassenbandes vorgerückt, wollte ich gerade meine Waren auf das Band laden, als sich die Frau vor mir umdrehte, in meinen Wagen blickte und mich fröhlich anlachte: „Sie hamstern auch nicht, wie ich sehe. Ach, das ist ja sympathisch! Seit gestern fühle ich mich nämlich wie in einem Paralleluniversum!“ Ich gebe zu, ich starrte sie zunächst an, als sei mir ein Geist erschienen, aber als sie dann sagte: „Oder wie in einem dystopischen Roman!“, lachte ich auch. Ja. Genauso fühle ich mich auch. Dann wies ich die Frau darauf hin, dass das zum Teil kopflose Gehamstere anderer Leute unter Umständen notwendig mache, seinerseits größere Einkäufe zu tätigen, um überhaupt noch etwas von gewünschten Artikeln zu erwischen, und da meinte sie: „Wie immer im Leben: Der Egoismus anderer zwingt dazu, seinerseits großzügig zuzugreifen. Erschreckend.“

Und als ich meine 10 Rollen Toilettenpapier auf das Band lud, meinte von der Nachbarkasse jemand: „Wir haben das Klopapier vergessen! Bring besser fünf Zehnerpacks!“ Da konnte ich es mir nicht verkneifen, zu sagen: „Soweit ich informiert bin, betrifft das Corona-Virus eher die Atemwege. Das letzte Magen-Darm-Virus hat mich vor knapp drei Wochen niedergestreckt, ist aber ausgestanden. Kaufen Sie lieber Papiertaschentücher! Lassen Sie aber noch etwas für andere übrig, bitte.“ Die Frau vor mir drehte sich um und kniff mir ein Auge zu. 😉

Ich kann nur konstatieren, dass Einkaufen dieser Tage auch keinen Spaß mehr macht, denn zuweilen wurde vorher schon über Gebühr zugegriffen, oder man trifft auf zu Recht durchgeknallte Regal-Einräumer. Oder auf Leute, die 50 Rollen Toilettenpapier zu benötigen glauben und wahrscheinlich einen eigens gebauten Bunker haben …

„Frau B. – das ist ja eine Katastrophe!“ ;-)

Nun kann man über Begrifflichkeiten ganz unterschiedlicher Meinung sein und diese ganz verschieden und divers werten. Auch den Begriff der Katastrophe. Auf die Interpretation kommt es an.

Für mich ist eine Katastrophe ein wahrhaft furchtbares und grauenerregendes Ereignis mit gravierenden Folgen für den oder die Betroffene/n. Für den Arzt, der mir gestern eine Viggo legen sollte, einen – fachsprachlich – peripheren Venenverweilkatheter, scheint dieser Begriff weit enger gefasst.

Denn als ich gestern gegen 10 Uhr in den Katakomben des Luisenhospitals – der Röntgenabteilung – saß und in einen kleinen Nebenraum gerufen wurde, wo mir eben diese Viggo gelegt werden sollte, da ich einmal mehr in den MRT musste, was mit der Gabe eines Kontrastmittels einhergeht, das nach Hälfte der 40-minütigen Folterqual für Menschen mit mehr oder minder ausgeprägten klaustrophobischen Gefühlsregungen infundiert wird, sah sich der Arzt einer – wie er meinte – Katastrophe ausgesetzt, während ich ganz ruhig dasaß. Der Grund für die Katastrophenstimmung des Arztes war ich selber bzw. Teile von mir.

Er war telefonisch herbeigerufen worden, da er derjenige war, der die Berechtigung hatte, intravenöse Installationen vorzunehmen. Die sehr nette Krankenschwester hatte bereits mehrere Ausfertigungen von Venenverweilkathetern in einer Nierenschale aus Pappe neben mir abgestellt. Man weiß ja nie vorher, welche Größe bzw. Stärke die richtige ist. Ich fand, sie sahen alle gleichermaßen scheußlich aus, aber bitte, wenn es sein musste, doch eine mit blauem Andockstück. Blau ist meine Lieblingsfarbe, und die mit dem rosa Ansatzstück sah noch monströser aus als die blauen … 😉

Der Arzt kam, hieß mich, rechts eine Faust zu machen und warf einen Blick auf die Innenseite meines Armes, genauer: auf die Ellenbeuge. Da sah er schon ein wenig frustriert drein. Er warf noch einen Blick auf das linke Pendant, nachdem ich dort eine Faust gemacht und wirklich fest zugedrückt hatte. Dann entrang sich ihm ein tiefer Seufzer: „O Gott, Frau B. – das ist ja eine Katastrophe!“ – „Wie bitte? Was ist eine Katastrophe?“ Der Arzt deutete auf meine Arme, und ich meinte fröhlich lachend: „Das ist keine Katastrophe – das sind Arme! Genauer: meine Arme. Und bevor Sie es sagen: Ich weiß, dass ich schwer zugängliche Venen habe. Das ist mir nicht neu und hat mich – neben anderen Überzeugungen, das nicht anzufangen – vor einer Karriere als Fixerin bewahrt.“

Der Arzt starrte mich entgeistert an. Im Gesicht der Krankenschwester zuckte es, und sie kniff mir ein Auge zu. Ich nickte ihr zu und fing zu lachen an. Der Arzt starrte mich immer noch an, dann sagte er: „Ah! Sie haben einen ganz eigenen Humor, Frau B. – ich war jetzt erst etwas verwirrt.“ – „Ich mache mir hier nur ein wenig Mut. Denn a) weiß ich um die Besonderheit meiner Venen und die Folgen daraus, b) bin ich leider etwas nervös wegen des MRT-Besuchs. Entschuldigen Sie bitte.“ – „Alles gut,“, sagte der Arzt, „wir müssen uns nur etwas einfallen lassen.“ Und da fiel ihm auch schon etwas ein, denn er ergriff meinen rechten Arm und schlug auf die Ellenbeuge ein, während ich interessiert zusah – ich kenne diese Versuche bereits von zahlreichen Blutabnahmen. Und der Arzt erklärte: „Ich versuche gerade, Ihre Venen etwas hervorzulocken. Die sind wirklich sehr zurückhaltend – das ist ja furchtbar.“ – „Ja, mir wäre es auch lieber, hätte ich etwas dreistere Venen, die deutlich hervortreten und quasi rufen: ‚Hier bin ich! Punktiere mich, bitte!‘“ Die Krankenschwester lachte in sich hinein.

Noch bevor ich sagen konnte: „Versuchen Sie es lieber links – der linke Arm ist der bessere“, hatte der Arzt bereits ein Opfer erblickt. Eine Vene, die eher am Rand gelegen ist, dafür aber recht dünn. Und schon sprühte er mir Desinfektionsspray auf die Stelle, schlug noch einmal auf die Stelle, bevor er die Kanüle hineinstach. Aber so richtig zufrieden war er nicht, sondern murmelte vor sich hin: „Zu schwach, zu dünn – ich weiß nicht so recht …“ Als er „zu schwach, zu dünn“ sagte, wurde mir ein wenig flau – ganz untypisch für mich, der man sogar im Stehen Blut abnehmen kann. Der Arzt zauderte, mir war flau, aber dann zog er die Kanüle wieder heraus. Ich atmete auf. Und da es aus der schwachen und dünnen Vene blutete, bekam ich einen schicken Tupfer mit Leukosilk appliziert. Ich sah aus, als wäre ich bereits im MRT gewesen …

Dann versuchte er es noch einmal rechts, aber mittig. Ich glaube, ich habe die Vene, die er punktieren wollte, lachen hören – das war auch nichts. Und so fokussierte sich das Ganze auf den linken Arm. Aber auch der eine „Katastrophe“, und schon konzentrierte sich der Arzt auf eine Vene auf der Hand.

Alles – nur das nicht! Und so machte ich die festeste Faust, deren ich mächtig bin, und da entdeckte der Arzt eine Vene, nachdem er noch ein wenig die Ellenbeuge malträtiert hatte. „Sie liegt zwar in der Tiefe, aber die sieht gut aus. Und wir wollen Ihnen doch ersparen, den Katheter in die Hand zu legen.“ – „Das ist sehr nett! Lieber die Vene in der Tiefe bemühen – bitte nichts an oder in der Hand. Ich bin zwar Kummer gewohnt, aber die Hand muss wirklich nicht sein.“ Der Arzt lächelte erstmalig, und die profunde Vene spielte mit – schwupp, war die Viggo installiert.

Und ich machte mich auf den Weg zum Foltergerät, mit sehr, sehr gemischten Gefühlen. Glücklicherweise kam ich schnell dran, und ein junger, sehr netter MTRA nahm mich in Empfang und hieß mich, bis auf den Slip alles auszuziehen, Ohrringe, Armbanduhr, nichts Metallenes durfte bleiben. Und er reichte mir eines dieser attraktiven OP-Hemden und sagte in polnischem Akzent, ich möge bitte dieses „sährrr schiiickää Gääwaand“ anlegen, mit der Öffnung nach vorn, denn die Untersuchung erfolgte ja in Bauchlage – ganz toll … Ich lachte. Eindeutig besser als bei meinem letzten MRT-Besuch für diese Untersuchung, denn da hatte ich in der Um- bzw. Entkleidekabine vor lauter Anspannung mit den Tränen gerungen. Es ist immer gut, wenn das behandelnde und ausführende Personal Humor hat. Das wirkt ansteckend. 😉

Dann ging alles recht schnell, und ich betrat den Raum mit dem Tomographen, dessen Betriebsgeräusche ich bereits in der Entkleidekabine in annähernd voller Schönheit gehört hatte: Er klingt immer wie eine etwas ältere Waschmaschine in einem der Waschgänge – und ein bisschen wie eine Wäschetrommel sieht er ja auch aus. 😉 Wie beim letzten Mal beruhigte mich der Siemens-Schriftzug – all meine Küchengeräte sind von dieser Firma, in der mein Vater als Jungingenieur tätig gewesen war. Da gab es mich noch gar nicht, aber als jemand, der mit Beklemmungen in engen Räumen zu tun hat, in denen es auch noch verboten lärmt, und das in wieder und wieder wechselnden Frequenzen und Arten, klammert man sich an jeden vertrauten Strohhalm. 😉 Ein Satz meines Ex‘ Richie fiel mir ein, als ich ihm von meinem ersten Besuch in diesem Gerät vor einigen Jahren erzählt hatte: „Ali, wenn du wüsstest, was in dem Gerät passiert bzw. was es macht, möchtest du da nie wieder hinein!“ (Als würde ich ernsthaft aus eigener Entscheidung hinein wollen!) Richie hat Maschinenbau studiert und kennt sich mit so etwas weit besser aus als ich, aber ich sagte nur: „Ich will es auch gar nicht wissen – mir reichen schon die Beklemmungen. Ruhe jetzt – nein, nicht erklären! Aus!“ (Zwar habe ich dann selber recherchiert und kam zum Schluss, dass ich das eigentlich gar nicht hatte wissen wollen – wenn ich da hineinmusste, musste es eben so sein. Und so ließ ich mich auch diesmal hineinfahren, mit Gehörschutz auf den Ohren und dem Alarmknopf in meiner schweißnassen linken Hand, den ich allerdings lieber an seiner Leitung festhielt, nicht den Knopf selber, denn bisweilen erschrickt man doch etwas, wenn sich die irritierende Geräuschkulisse mal wieder spontan ändert. Und da möchte man doch nicht ganz unbeabsichtigt auf den Knopf drücken. Denn dann wird die Untersuchung abgebrochen, und man muss alles wieder von vorn mitmachen. 😉 )

Ich habe die 40 Minuten irgendwie überstanden, und es gab nur zwei Momente, da ich kurz davor war, den Alarmknopf zu drücken – noch jetzt bin ich stolz auf mich. 😉 Einer davon war der, da das Kontrastmittel in meine Vene gepumpt wurde – das merkt man deutlich. Das Zeug ist leider ziemlich kalt, und man merkt genau, wie es seinen Weg durch die Vene an der Ellenbeuge bis zur Schulter nimmt und sich dann verteilt. Nicht zwingend angenehm.

Aber die Bilder zeigten wohl nichts Besorgniserregendes, wie mir der „katastrophen“affine Arzt in der Röntgenabteilung dann sagte, der mir die Viggo gelegt hatte. „Ich habe mir Ihre Bilder schon oben angesehen – sieht alles okay und nicht besorgniserregend aus. Sehen Sie mal – hier einmal längs durch: Das hier ist Ihre Leber. So sehen Sie von innen aus, Frau B.!“ – „Was sind das da für schwarze Stellen?“ – „Wo?“ – „In der Leber, die Sie mir gerade zeigten.“ Es stellte sich heraus, es waren keine schwarzen Stellen – es ging nur alles so schnell auf dem Weg zu den beiden „Objekten“, deren Untersuchung im Fokus gestanden hatten, und der Arzt meinte beruhigend: „Alles gut – ich dachte, ich mache Ihnen eine kleine Freude, Ihnen mal zu zeigen, wie Sie so von innen aussehen.“ Ja – hatte ich mir immer schon gewünscht. 😉 Ich sagte: „Dem Himmel sei Dank!“ Der Arzt sah mich an, und da sah ich eine echte Gefühlsregung: „Ach, herrje, Frau B. – hatten Sie sich denn solche Sorgen gemacht?“ Sorgen? Ich hatte seit Tagen nicht richtig geschlafen! Das sagte ich dann auch, und der Arzt meinte: „Dann kann ich Sie beruhigen – es ist wirklich nichts zu sehen, was Sie oder mich in Sorgen stürzen sollte. Und jetzt gleich gehen Sie schön nach Hause, und dann legen Sie erst einmal die Füße hoch.“ Und mit diesen Worten verabschiedete er mich und wirkte gleich viel menschlicher.

Am Mittwoch habe ich noch einen Besprechungstermin mit dem Facharzt, und ich hoffe, der sagt das Gleiche wie der Radiologe.

Nach dem Termin fühlte ich mich total erschlagen, und ich sah auch so aus. Schnurstracks fuhr ich nach Hause – das muss ich auch nicht jeden Tag haben. Dann lieber drei Wurzelbehandlungen ohne Betäubung. 😉

Wohin mit dem Klavier?

Heute habe ich meine Eltern endlich mal wieder besucht – es war seit einiger Zeit überfällig. Wir wohnen nur 20 Kilometer voneinander entfernt, und ich wollte sie schon seit einigen Wochen mal wieder länger besuchen, was ich sonst öfter tue – aber es kam dauernd etwas dazwischen.

Erst war meine Mutter krank, und das ansteckend. Das Wochenende darauf war für meine Tante reserviert, die allein ist und sich über Besuch freut, die ich auch sehr gern besuche, weil ich sie sehr mag. Das stand schon länger fest. Letzte Woche lag ich mit einem Magen-Darm-Virus so richtig flach. Flacher ging kaum.

Nun endlich in dieser Woche, und so fuhr ich heute hin. Es gab ein hervorragendes Mittagessen – Kalbsbäckchen mit Klößen und Gemüse. Sehr lecker. Ich hätte mir sicherlich nur einen Salat gemacht, wäre ich nicht gefahren. Schmeckt zwar auch, aber das hier war wirklich hervorragend.

Nach dem Essen gab es Kaffee, von mir gekocht, und meine Mutter rief, ob ich sie umbringen wolle – der Kaffee sei ja derart stark, dass man Sorge um das Herz-Kreislaufsystem haben müsse. Mit Milch ging es dann aber.

Beim Kaffee meinte meine Mutter: „Ali, bist du am Klavier interessiert?“ Und sie deutete auf das wundervolle, alte Klavier, mit dem ich groß wurde. Es ist ein echter Methusalem und über hundert Jahre alt, klingt aber – wenn gestimmt – wunderbar und hat einen schönen, ein wenig weichen Anschlag. Es ist kein besonders hochklassiges Piano, kein Bechstein, aber schon seit vielen Jahrzehnten in der Familie, ein echtes Erbstück, und ich saß schon als etwa Dreijährige daran und klimperte darauf herum, wobei ich behauptete, ich spielte den Rosenkavalier, eine Oper von Richard Strauss. Hatte ich wohl irgendwo aufgeschnappt. Auf dem Notenhalter das alte Grundschul-Liederbuch meiner Mutter, welches auf dem Kopf stand … 😉

Auf diesem Klavier habe ich die ersten Tonleitern und die ersten kleinen Übungsstücke erlernt, und es nahm mir mein überschäumendes Temperament nie übel, wenn ich wieder eine Stufe weiter war und ein Stück üben musste, dessen Technik, Fingersatz und Dynamik noch übungswürdig und -bedürftig war. Es war erfreulich duldsam, wenn ich haareraufend daran saß und – wenn ich so richtig fuchtig wurde, wenn meine Finger sich zu verknoten schienen bei einem besonders schnellen Lauf – mit beiden Händen bzw. allen zehn Fingern auf die Tasten eindrosch, um meinem Zorn Luft zu verschaffen, zumal ich nie Klavier hatte lernen wollen. Auch das nahm das Klavier nie übel. Aber es erlebte auch die Zeiten, da ich voller Freude darauf spielte – da war ich allerdings auch schon so weit, dass ich mich mit Chopin auseinandersetzen konnte.

Ich habe es so kennengelernt, wie es heute aussieht, aber meine Mutter beklagte seit jeher, dass es so ein wunderschönes Jugendstilklavier gewesen sei, bevor mein Vater, der Jugendstil nicht mag, alle floralen Elemente auf beweglichen Teilen des Pianos von einem Schreiner entfernen ließ. Auch die beiden Kerzenhalter, denn es ist ein wirklich altes – und ehrwürdiges – Klavier. Ein Klavierstimmer, der vor einigen Jahren an ihm tätig wurde, als es einen gewissen Dämpfklang aufwies, wollte es meinen Eltern abkaufen, denn er identifizierte es als echtes Zimmermann-Klavier aus Leipzig, das um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert gebaut worden sei. Er war begeistert, monierte lediglich die Tatsache, dass die floralen Jugendstil-Elemente beseitigt worden seien. Meine Mutter lachte dreckig, mein Vater überging den Einwand und erklärte, das Klavier sei nicht zu verkaufen. Der Klavierstimmer bedauerte dies – so ein schönes, altes Instrument, das nach der Stimmung wieder hervorragend ohne Dämpfklang funktioniere! Und er setzte sich an das Piano und spielte einige gefällige Läufe, wobei er meinte, es mache Freude, auf dem so gut erhaltenen und gepflegten Instrument zu spielen. Wenn meine Eltern es sich anders überlegen sollten – sie hätten ja seine Kontaktdaten.

Als meine Mutter mir davon erzählte, rief ich: „Nein, nicht verkaufen!“ – „Aber man musste dich doch früher fast ans Klavier prügeln, bevor du übtest!“ (Zur gefälligen Kenntnis: Ich bin niemals geprügelt worden – und schon gar nicht ans Klavier. Musik soll Freude machen, und das hat man mir auch so vermittelt. Und irgendwann griff der Ehrgeiz. 😉) „Ja, aber ihr könnt das Klavier doch nicht verkaufen! Ich hänge daran! So viele Stunden habe ich daran gesessen, voller Frust, manchmal aber auch mit Spaß! Bitte nicht abgeben!“

Damals meinte meine Mutter schon: „Dann musst du es aber auch irgendwann übernehmen. Wir werden nicht jünger, und einer muss dann das Klavier nehmen.“ – „Ja, ist doch kein Problem! Stephanie hat doch schon Opas Klavier übernommen – dann nehme ich das hier! Ich dachte, das sei klar.“

Und heute kam das Thema erneut zur Sprache. Was ich etwas spooky fand, war die Tatsache, dass ich vor zwei, drei Tagen daran denken musste, was mit dem Klavier werden würde, wenn dereinst mein Elternhaus möbeltechnisch reduziert werden würde (meine Mutter liebt seit einiger Zeit möglichst leere Räume). Keine Ahnung, wie ich darauf kam – ich finde es vor dem heutigen Hintergrund auch ein wenig gespenstisch. Noch gespenstischer, dass ich schon darüber nachgedacht hatte, wie man hier im Wohnzimmer die Möbel derart zusammenrücken könne, dass das Klavier einen geeigneten Platz finden würde. Meine Mutter und ich scheinen telepathisch verbunden zu sein – oder so etwas Ähnliches. 😉

Heute eröffnete sie mir beim Kaffee den Plan zum Klavier: „Ali, hast du Interesse an diesem Klavier?“ – „Ja, sicher – habe ich doch immer gesagt!“ – „Und wohin willst du es dann stellen?“ – „Für das Klavier wird sich Platz finden!“ – „Ansonsten wird es zerlegt und dann zum Wertstoffhof gebracht.“

Ich schnappte nach Luft, dann rief ich: „Mama! Das ist ein Musikinstrument und keine olle Kommode!“ (Man muss dazusagen, dass meine Mutter selber das Klavierspielen beherrscht und kulturbewusst ist – und dann so ein Vorschlag! Ich war entsetzt!) Sie grinste und sagte: „Ja, und?“ – „Das ist ein Musikinstrument, Mama! Das derart zu behandeln, ist Frevel! Das ist, als würde man Bücher zerstören – das geht gar nicht! Ich werde Platz finden – und dann kommt es zu mir!“ – „Was willst du mit dem völlig verstimmten Ding?“ – „Man kann es stimmen lassen, und dann fange ich wieder mit Spielen an! Auf keinen Fall wird es brutal entsorgt – das geht gar nicht!“

Meine Mutter grinste noch mehr. Mein Vater atmete auf. Er hatte die Unterhaltung mit Unbehagen verfolgt – er hängt auch an dem Klavier.

Ich habe eigentlich gar keinen Platz für das Klavier, aber ich werde welchen schaffen. Und irgendwie habe ich den Eindruck, dass ich genauso reagiert habe, wie es auch meiner Mutter recht ist. 😉

Und das Schönste: Ich werde wieder mit dem Klavierspielen anfangen. Obwohl ich das ja nie hatte lernen wollen, fehlte etwas. 😊

Ein Klavierstimmer, der bestenfalls auch noch Klavierbauer ist, sollte allerdings schon her: Die Taste ganz links klemmt, und der angeschlagene Ton erzeugt einen derartigen Dämpfklang, dass man gar kein Pedal benötigt, ihn zu erzeugen. Aber das darf ein Klavier-Senior auch. 😉 Man kann es leicht beheben lassen.

In den nächsten Tagen überlege ich, wie man das Piano hier am besten unterbringen kann. Alles, nur keine Entsorgung! 😊

„Mutter, wir danken dir.“ – „Ein Klavier! Ein Klavier!“ Loriot lässt grüßen … 😉

Ein freier Tag für die Zukunft – Oder: Dieser Tag war nicht der Hit!

Den freien Tag hatte ich heute nicht – ich war brav bei der Arbeit und musste obendrein einen Vortrag halten, was ich aber gern tue, wenn es darum geht, die Arbeitsinhalte meiner Abteilung unters ausbildungswillige „Volk“ zu bringen, da es davon profitieren kann. Und damit wir alle – gut ausgebildete Menschen werden gebraucht –, und das bezüglich jedweder Art von Ausbildung. 😊

Bei meinem Arbeitgeber, einer Einrichtung, die für eine Form der Ausbildung mehr oder minder junger Menschen Sorge trägt, fand ein Informationstag für Leute statt, die kurz vor dem Schulabschluss stehen. Eine Art Messe. Die, die daran teilnehmen wollen, haben an diesem Tag schulfrei.

Bis dato hatte ich diese Veranstaltung eher passiv miterlebt, aber diesmal sollte ich aktiv mitgestalten, indem ich oben erwähnten Vortrag hielt. Um kurz vor 10 war ich am Tagungsort, konnte diesen jedoch kaum betreten, da schon jetzt Massen an Interessenten vorhanden waren, die partiell den Eingang verstopften, während im Inneren des Raumes bereits die gesamte Bestuhlung besetzt war und auch schon viele Leute standen, die keinen Sitzplatz mehr hatten ergattern können.

Jana hatte mich zunächst begleitet, da ich Bedenken hatte, mit unserem bisweilen etwas heiklen Laptop zurechtzukommen, das ich heute erstmalig benutzte und das ein erstaunliches Eigenleben zu führen scheint. Als sie den Raum verließ, sah ich, dass sie mit einem Besucher eine kurze Diskussion hatte, aber es ging unter in der Geräuschkulisse, die aufgrund der Masse der Interessenten herrschte. Und so begann ich meinen Vortrag: „Hat denn jemand von Ihnen schon einmal einen Schüleraustausch mitgemacht?“

Zunächst antwortete niemand, aber das kannte ich schon von meinem früheren Dozentenjob. Im Plenum traut sich oft keiner, aber hinterher kommen sie angerannt und schütten einen mit Informationen zu … 😉

Doch da hinten meldete sich einer! Ich erteilte ihm freundlich lächelnd das Wort, und er erklärte in abfälliger Attitüde, er sei in Italien gewesen. Aber da sei alles Scheiße gewesen. Ich lächelte vorgeblich fröhlich – das fing ja ganz toll an … 😉 „Was war denn so schlimm?“ fragte ich, und es erscholl: „Alles!“ Und nachgeschoben wurde: „Und das Essen da ist auch scheiße!“

Ich lächelte wahrscheinlich noch sanfter als zuvor und dachte: „Ja, mag nicht jedermanns Geschmack sein, auch wenn es mich verwundert, aber du bist offenbar hier, um einfach diese Veranstaltung zu stören.“ Und ich sagte sanft: „Das tut mir sehr leid für Sie.“ Und als ich etwas möglicherweise noch Sanfteres und Verständnisvolleres nachschieben wollte, meldete sich ein junges Mädchen ganz heftig, das freudig und voller Begeisterung erzählte, es habe einen Austausch nach Südamerika gemacht, und der sei so toll gewesen! Seither habe sich ihr Spanisch extrem verbessert, und sie habe ein Land kennengelernt, das sie zuvor nie realistisch habe einschätzen können.

Ich gestehe es: Am liebsten hätte ich das nette Mädchen sofort in den Arm genommen und geknuddelt, denn ich stand da vor einer Horde von Menschen, von denen ein Teil mich derart anstarrte, als sei ich nicht wert, ihnen auch nur einen guten Tag zu wünschen. Als mir dies zu Bewusstsein drang, musste ich unwillkürlich lachen – Galgenhumor -, und ich bedankte mich bei der jungen Dame, das dann aber wirklich aufrichtig. Und nach ihr berichteten auch noch andere Teilnehmer von ihren Austauschen, und das ebenso begeistert.

Das war zuviel für den Störer, der Italien nicht nur ganz bescheiden gefunden, sondern danach auch noch mehrfach recht prollig gestört hatte, und er rief: „Dat ist mir hier zu langweilig!“ Und schon stürmten er und zwei Kumpels abrupt aus dem Raum. Erst hinterher erfuhr ich, dass er sich in anderen Veranstaltungen genauso benommen hatte. Wollte es uns wohl mal so richtig zeigen. Ist aber wohl nicht ganz gelungen. 😉

Im ersten Moment dachte ich noch: „Soll ich jetzt sagen: `Kein Problem, ich will Sie ja nicht langweilen‘?“ Im nächsten Moment war mir klar, dass man so etwas ganz einfach nur ignorieren müsse. Außer ihm und seiner Entourage ging niemand. Im Gegenteil. Sie hörten alle brav zu, und hinterher – sie haben sogar applaudiert, als mein Vortrag beendet war – kamen viele Zuhörer zu mir, um sich beraten zu lassen, was ich gerne tat, zumal die Fragesteller alle sehr nett und sympathisch waren. 😊 Ein Mädel meinte sogar noch: „Ich habe mir Ihren Namen nicht merken können, aber zu Ihnen komme ich gern zur Beratung, sollte ich nach dem Schulabschluss hierherkommen – und ich finde Sie ja sicher auch ohne Namen.“ – „Ich kann ihn auch ganz einfach aufschreiben oder Ihnen eine Visitenkarte geben.“ – „Ach ja – klar. Danke schön! Sollte ich hier landen, melde ich mich sehr gern bei Ihnen!“ Und das Mädel strahlte mich an – ich strahlte zurück und sagte: „Darüber würde ich mich sehr freuen!“. So etwas ist immer schön. 😊

Und so lief der Tag dann doch recht gut. Dachte ich. Zumindest der Vortrag war prima gelaufen.

Ich saß schon wieder im Büro und widmete mich meiner anderen Arbeit – Jana war im Haus unterwegs -, als es von außen an unser Bürofenster klopfte. Ich sah hoch und sah Ulli, einen früheren Nachbarn meines Arbeitgebers, der seit Monaten jedoch schon in einem der Nachbarorte lebt, dennoch mit seiner lieben Luna, einer weißen Schäferhündin, immer noch in vertrautem Terrain spazieren ging.

Luna kenne ich seit ihrer Welpenzeit, und sie war so süß, wie sie da – ein schneeweißes, kleines Schäferhundbaby – in ihrem ersten Winter durch den Schnee sprang! Das habe ich nie vergessen, da es so niedlich war: schneeweißes Hundekind im Schnee, und das so fröhlich! 😊

Ich öffnete das Fenster, als wären wir ein Kiosk, der Zigaretten, Bier und Weingummi verkauft. Und ich sagte: „Ulli – nett, dich mal wieder zu sehen!“ Dabei sah ich, dass hinter ihm ein Fahrrad stand, und ich beugte mich aus dem Fenster, um zu sehen, was neben seinen Füßen war, denn ich hatte eine furchtbare Ahnung, die sich auch sogleich bewahrheitete: kein Hund. Keine Luna. Dabei waren die beiden unzertrennlich.

Ich sah Ulli ins Gesicht und sagte: „Du musst nichts sagen – mir ist es schon klar: Luna ist tot. Nicht wahr?“ Und da fing Ulli fast zu weinen an, und mit erstickter Stimme sagte er: „Ich bin eigentlich nur hierhergekommen, um dir das zu sagen und mich zu verabschieden, denn ich bin mit die Luna ja eigentlich nur noch hier spazieren gegangen, weil sie den Weg kannte und so mochte. Wir mussten sie vorgestern einschläfern lassen. Sie war voller Krebs. Sie ist wieder und wieder zusammengebrochen.“ Da kamen mir auch die Tränen. Luna war so ein liebes Tier, und noch heute finde ich in meinem Auto an den unmöglichsten Stellen relativ lange, weiße Haare, obwohl sie doch nie in meinem Auto gesessen, mich nur immer so begeistert angesprungen hatte, wobei sie Haare an meiner Kleidung hinterließ, die selbst bei gründlicher Reinigung sowohl der Kleider, als auch des Autos auf erschreckende Weise Ewigkeitsanspruch zu haben scheinen und mir einmal mehr beweisen, dass man gar keinen eigenen Hund haben muss, um massive Trauer zu empfinden.

„Ulli, ich bin mir sicher, dass wir uns hier noch häufiger sehen. Er wird Luna niemals ersetzen können, aber ich bin mir ganz sicher, dass du und deine Frau einen neuen Hund haben werden. Das ist nicht pietätlos gemeint.“ – „Nee, ich weiß, watt du meinz. Ohne Huund gehtet nich mehr. Unnich weiß ja auch, datt du die Luna sehr mochtess. Ohne Huund gehtet gaa nich.“ – „Ich mochte Luna sehr und hatte sie in mein Herz geschlossen – ich könnte selber so losheulen! Aber es ist trotzdem nicht verkehrt, wenn ihr euch einen anderen Hund anschafft. Er wird Luna niemals ersetzen können, weil sie einzigartig war. So ein liebes und liebenswertes Tier! Aber er wird euch helfen, und ihr werdet ihn ebenso liebgewinnen, auch wenn er anders als Luna ist.“ – „Danke! Dat habbich getz gebraucht. Ich wollte dir dat aber sagen, weil ich ja weiß, datt du die Luna auch mochtess. Danke!“ Und mit diesen Worten fuhr er ab.

Da erst wurde mir klar, dass er wohl eigens mit dem Fahrrad hergefahren war, um mir all das mitzuteilen! Das berührte mich sehr – er schöpfte wohl Trost daraus, und ich konnte nicht einmal das Büro verlassen, um ihn einfach mal zu drücken! Das tut mir jetzt noch leid. Ich war allerdings auch geschockt von der Nachricht – mir kamen selber die Tränen, und die kommen sogar jetzt noch, obwohl Luna doch nicht einmal mein Hund war.

Der Tag war mit einem Mal bescheiden geworden, und bedrückt ging ich in unsere Teeküche, um frischen Kaffee aufzusetzen.

Als er wohl fertig war, erhob ich mich mitsamt meiner Tasse, um Nachschub zu holen. Als ich in die Teeküche kam, sah ich drei halbwüchsige „Knaben“, eindeutig Besucher der „Schülermesse“, die gerade laut lachend von Janas und meinem privat bezahlten Kaffee, zubereitet von meiner privaten Kaffeemaschine, in ihre Plastikbecher gossen!

Der Tag hatte gut begonnen, war dann aber richtig unschön geworden, und das nun auch noch! Ich staune jetzt noch, aber ich brüllte los: „Ey! Stellen Sie das sofort wieder hin! Geht es eigentlich noch?!? Was haben Sie hier überhaupt zu suchen – das ist eine Küche für Mitarbeiter!“ – „Ja, ey, doof gelaufen, steht nicht drrrann.“ – „Ja, ganz doof gelaufen, aber nicht für mich! Hier steht Teeküche drrrann, und für jeden Menschen, der mitdenkt, ist klar, dass es sich hier um einen Mitarbeiterbereich handelt! Und Ihre Verarsche lassen Sie sofort stecken!“ Und ich holte Luft und brüllte noch lauter: „Sie stellen jetzt sofort alles wieder hin und machen sich unverzüglich hier vom Acker!“

Da stand schon Jana neben mir, und sie sagte zu einem der Eindringlinge: „Sie sind vorhin schon unangenehm aufgefallen, schon vor dem Vortrag unserer Abteilung. Würden Sie also unverzüglich die Küche verlassen?“ – „Ey, wo bin isch unangenehm aufgefallen, Tussi?“ – „Sie wissen genau, was ich meine!“ So Jana. Hui, Jana – total cool! 😊

„Dann geh isch jetz nach Hause!“ „drohte“ der junge Mann, und ich lachte und meinte: „Sie sind ein freier Mensch – Sie können gehen, wohin Sie wollen. Aber Sie verlassen auf alle Fälle unsere Küche – und das sofort!“ – „Ey, aber Dreistischkeit siegt! Den Kaffee haben wir trotzdem!“ – „Möge er Ihnen wohl bekommen!“

Jana und ich sahen einander an, als die drei Typen verschwunden waren. Ich sagte: „Danke, Jana! Du bist im richtigen Moment dazugekommen.“ – „Zum Glück hattest du die Bürotür offengelassen. Und dann hörte ich jemanden brüllen und musste erst einmal überlegen, wer das wohl sein könnte. Ich hatte dich ja zuvor noch nie wütend erlebt, weil es nie notwendig war. Hut ab! Coole Stimme! Und sehr energisch! Und ich bin dann gekommen, weil ich dich unmöglich alleinlassen konnte – du warst in Unterzahl, denn die waren ja zu dritt!“ Ich starrte meine Kollegin an, dann drückte ich sie. Eine bessere Kollegin könnte ich wohl nicht haben. 😊

Wie man eine Fastenphase konsequent durchhält

Bis dato habe ich mein in Intervallen stattfindendes Fastenprogramm nie so ganz durchgehalten, zumal ich auf 5:2 umgestiegen bin – fünf Tage ohne Fasten, zwei Tage Fasten und maximal 600 Kalorien pro Tag (die ich allerdings auch nicht immer einhalte – manchmal werden es auch 700 Kalorien). Dennoch habe ich mit Grund den Eindruck, abgenommen zu haben, und ich wollte noch nie päpstlicher als der Papst sein. Mit dem habe ich eh nix am Hut. 😉

Von gestern 16 Uhr bis heute 16 Uhr fand einmal mehr ein solcher Fastentag statt. Mir graute zugegebener Weise, wie mir vor jedem Fastentag graut, und daran wird sich auch nichts ändern, obwohl ganz viele Mit-Faster behaupten, man gewöhne sich ganz leicht daran. Nein, das konnte ich bis dato nicht bei mir feststellen, obwohl ich mal mehr, mal weniger streng mit mir bin. Hinreichend streng zumeist. Aber vielleicht sollte ich doch einfach öfter mit Grund zum Augenarzt gehen. Dann geht es unter Umständen ganz leicht.

Zumindest mit dem Grund, der mich heute spontan hinführte. Nein, es war keine augenlichtbedrohende Situation, auch keine lebensbedrohliche. Es sieht einfach nur verboten aus, und es tut wirklich ganz gemein weh.

Kurz: Ich verfügte mich irgendwann, als noch Freitag war, ins Bett. Da sah ich ganz normal aus, und ich fühlte mich bestens.

Als ich am Samstag aufwachte, war alles anders. Schmerzen am linken Auge, massive Schmerzen, und als ich vor dem Badezimmerspiegel stand, wollte ich es kaum glauben: Abends zuvor als Ali ins Bett gegangen – morgens darauf als Karl Dall wieder aufgestanden! 😉

Noch kürzer: Mich traf beinahe der Schlag! Mein linkes Oberlid hing zwar nicht, war aber derart angeschwollen, dass sogar der obere Teil der Pupille partiell im Schatten lag. Und so sah ich dann auch … Als wäre eine partiell geschlossene Jalousie vor meinem linken Auge.

Und wie das Lid aussah! Sofort musste ich an die Tochter einer deutschen Prominenten denken, die – zuvor durchaus hübsch – plötzlich mit einem Mund auftrat, der wie ein Schlauchboot aussah, wiewohl sie stets beteuerte, dass Botox nicht im Spiel gewesen sei, was natürlich jeder glaubte. 😉

Es sah grauenhaft aus – als hätte ich mein linkes Oberlid mit Botox pimpen lassen, warum auch immer. Schlauchboot bzw. Ballon wie auch der Vorname der Prominententochter schossen mir als Erstes, Zweites und Drittes durch den Kopf. Und noch schlimmer: Ich musste heute mit meiner Brille zur Arbeit gehen! In dem Zustand noch eine Kontaktlinse ins linke Auge zu friemeln – das leuchtete sogar mir ein, die bisweilen weder Tod noch Teufel scheut -, wäre sicherlich eine ziemliche Scheißidee. 😉

Die Woche fing ganz besonders bescheiden an, und als ich bei der Arbeit ankam, meinte Jana: „Muss ich dich eigentlich immer erst fragen, warum du nicht gleich morgens zu deinem Augenarzt gehst?“ – „Ist ja schon gut! Ich rufe da an!“

Zwischen 14 und 16 Uhr solle ich in der Praxis sein, hieß es, und entsprechend fuhr ich mit dem Bus auch hin. Den kleinen Monty ließ ich auf dem Mitarbeiterparkplatz stehen. Ich wollte ja nur kurz zum Augenarzt.

Als ich in der Praxis ankam, stellte ich fest, dass dort Bauarbeiten herrschten, die den normalen Praxisablauf störten. In Folge verschanzten sich die beiden diensthabenden Ophthalmologen schließlich in des einen Behandlungsraum, wo sie wahrscheinlich geraume Zeit über die Innenarchitektur und Beleuchtung der Praxis diskutierten, denn noch bevor sie sich dorthin zurückzogen und der Praxisablauf zum Stocken kam, bekam ich mit, wie einer zum diensthabenden Handwerker sagte: „Wir möchten hier am besten auch LED-Beleuchtung!“ Das hielt ich hinsichtlich einer augenärztlichen Praxis für eine ganz besonders hervorragende Idee, denn es ging wohl um das Wartezimmer. Patienten, die zur Funduskopie kommen und pupillenerweiternde Augentropfen verabreicht bekommen, freuen sich sicherlich ganz besonders über LED-Beleuchtung, denn da kann es ja gar nicht blendend genug sein. 😉

Und so saß, harrte und wartete ich fast eineinhalb Stunden, während derer ich beschloss, künftig nur noch dienstags und freitags – wenn möglich – diese Praxis aufzusuchen, denn da hat der angestellte Augenarzt Dienst, der mich im letzten Jahr so gut betreut hatte, als es um Schlimmeres ging. Der hat auch keine Befugnis, über Beleuchtungskörper zu befinden, und ich bin mir sicher, dass er sich gegen LEDs entschieden hätte. 😉

Als ich schließlich aufgerufen wurde, hieß es, ich litte wohl unter einer Lidrandentzündung. So weit war ich auch schon gewesen. Als der Arzt mich schließlich höchstselbst untersuchte, drückte er wieder und wieder mit einem Wattestäbchen gegen die Innenseite meines nach außen geklappten Oberlids. Ich meinte staccatomäßig, da es wehtat: „Das ist ja herzallerliebst, was Sie da mit mir machen!“ – „Ja, Sie sollten nur etwas ruhiger sein und nicht immer so zucken. Das ist ein klassisches Hordeolum internum, und ich muss jetzt etwas dagegen drücken. Vielleicht haben wir Glück, und es macht gleich platsch!, und dann sind Sie die Schmerzen los. Wissen Sie, wenn es platsch! macht, kommt der ganze Mist heraus, der Druck ist weg, und der Schmerz auch!“

Ich würgte leicht. Es tat höllenmäßig weh, und die Vorstellung, dass es gleich platsch! machen und Sekrete verschiedenster Provenienz in mein Auge laufen würden, machte mir mehr oder minder leise zu schaffen. Blut – kein Problem! Aber diese Vorstellung – nein, danke! 😉

Da nichts platschte, trug man mir auf, zu Hause meinerseits mit Wattepads oder Kosmetiktüchern zu Werke zu gehen. Zusätzlich verschrieb man mir eine antibiotische Augensalbe, die auch Cortison enthält.

Als ich – kalter Schweiß stand auf meiner Stirn – die Praxis verließ, war mir nicht klar, wie man überhaupt je etwas essen könne, zumal mir der Augenarzt nach all den schmerzhaften Wattestäbchen-Bemühungen das letzte noch unter die Nase bzw. Augen gehalten hatte, und das mit den Worten: „Sehen Sie – manchmal muss man einfach nur konsequent sein!“ Danke – ich esse nie! 😉

Und während ich vorhin Augensalbe auf und unter mein Oberlid praktizierte (mit einem Wattestäbchen), hatte ich noch immer keinen Appetit. Er wird wiederkommen, da bin ich mir sicher. Aber nicht heute.

Ist aber eh Fastentag. 😉

„Flight EW 08/15, operated by LGW – do you read me?”

Nachdem seitens einer Gewerkschaft einmal mehr zum Ausstand, vulgo: Streik einer bestimmten Airlines-Kooperation aufgerufen wurde, bin ich schon vorgestern etwas nervös geworden, denn am kommenden Montag gedachte oder -denke ich, gen NUE zu fliegen, wie das Kürzel des entsprechenden Flughafens so hübsch lautet.

Ja, klar, ich hätte auch klimaschonend mit der Deutschen Bahn fahren können, aber das ist – ungelogen – fast doppelt so teuer und dauert mehr als doppelt so lange. Mindestens. (Und ich heiße nicht Krösus. Oder Krösa – wenn man denn besonders genderaffin ist. 😉 )

So berichteten zumindest nicht nur meine Eltern, sondern auch noch diverse andere Menschen, die sich guten Willens auf den Weg im Bahn-Fernverkehr begaben, um das Klima zu schonen, und dabei interessante Erfahrungen machten, auf die sie strenggenommen auch hätten verzichten können, wie sie unisono und trotz unterschiedlicher Toleranzgrenzbereiche verkündeten.

Da war ein Bekannter, der von Amrum im äußeren Norden dieses Landes in die mittelfränkische Peripherie – ausgehend von Nürnberg – zurückreisen wollte, nachdem er drei Wochen auf dieser Insel in Nordfriesland verbracht und sich hervorragend erholt hatte. Im Vertrauen: Die Erholung war dahin, nachdem er die Rückfahrt mit der Bahn endlich überstanden hatte, die ihn auf Umwegen – offenbar sehr beliebt bei der Bahn – sogar über Luxemburg geführt hatte!

Anderen Bekannten erging es ähnlich, und als meine Eltern sich Anfang Oktober gen Franken aufmachten – die Heimat meiner Mutter -, frotzelten sie noch und meinten, so ein Mist könne unmöglich in größerer Häufung geschehen. Ganz falsch!

Zwar durchfuhren sie nicht Luxemburg, kurvten aber auf erstaunliche Weise kreuz und quer und von Süd gen Nord, dann wieder West und Ost und sogar Nordnordwest et al. durch Deutschland, obwohl sie doch eigentlich nur auf kürzestem Wege von Bamberg ins Ruhrgebiet zurückfahren wollten, erster Klasse und nicht wirklich preisgünstig. Zwei unfreiwillige Taxifahrten waren auch noch dabei, da auf der Hinfahrt der ICE unerwartet – und unangekündigt! – eine größere und ungeplante Schleife fuhr und schließlich in SEV mündete. Schienenersatzverkehr. Erfurt stand eigentlich per se nicht auf dem Plan, noch weniger jedoch der schleppende Bus-Ersatzverkehr, während dem meine Eltern viele neue Orte mit spannenden Ortsnamen wie Zimmernsupra kennenlernten. Man fragt sich, wie solche Ortsnamen entstanden seien … Da lachten meine Eltern immerhin noch.

Die Rückfahrt – womit keiner nach dem doofen Einstand auf der schließlich neuneinhalb (statt viereinhalb) Stunden andauernden Hinfahrt gerechnet hatte – war ähnlich blöd, da erneut unerwartete Schleifen und Umwege gefahren, gar mehrere Bahnhöfe angesteuert wurden, die fern der eigentlichen Strecke lagen. Ich vermute, es handle sich um ein besonderes Angebot der Bahn: „Lerne dein Land und die angrenzenden Länder besser kennen!“ Oder so etwas in der Art.

Meine Eltern brauchten zurück jedenfalls auch über acht Stunden, nachdem ihr ICE, der eigentlich bis Dortmund fahren sollte, außerplanmäßig in Düsseldorf endete. Wegen der eklatanten Verspätung – wohl entstanden durch die „Schleifen“ und Umwege, die man gefahren war -, wie man den Reisenden bei Einfahrt ins Düsseldorfer Gleis völlig überraschend mitteilte, die noch ganz gemütlich in den Sitzen lehnten und wähnten, dies auch noch ein wenig länger tun zu können. Meine Mutter meinte zynisch: „Ich weiß zumindest inzwischen, dass außer den ehemaligen Metropolen-Bahnhöfen auch noch ganz viele andere Bahnhöfe, die ich nie kennenlernen wollte, zumal nicht an der Strecke liegend, Kopfbahnhöfe sind. Es wurde einem schon ganz schwindlig bei dem ewigen Richtungswechsel!“

Es tat mir leid, das zu hören. Ich war und bin Kummer gewohnt, aber mehr im ÖPNV. Dass es im Fernverkehr der Bahn inzwischen genauso bescheiden zu sein scheint, war mir nicht bekannt, denn ich versuche, und das aufgrund meiner gruseligen ÖPNV-Erfahrungen, Bahnfahrten nach Möglichkeit per se zu vermeiden.

Daher auch meine schändliche Angewohnheit, von DUS nach NUE zu fliegen, obwohl ich sicherlich Flugscham empfinden sollte. Tue ich aber nicht, solange die Bahn es nicht schafft, die ureigenen Gegebenheiten anständig und kundenfreundlich darzubieten. Und ich sehe partout nicht ein, neuneinhalb Stunden zu fahren, um von A nach B zu kommen, die lächerliche 500 Kilometer voneinander entfernt sind (ja, reißt mir nur den Kopp ab! 😉 ). Und das für einen derart hohen Preis. Monetär. Von den Nerven wollen wir gar nicht erst sprechen. 😉

Aus diesem Grunde buchte ich Anfang des Monats auch ein Ticket – hin und rück – bei einer bekannten Airline, die eine Tochter einer noch viel bekannteren Airline, der deutschen Airline, ist. Dem europäischen Gedanken angelehnt ist ihr Name, obwohl es noch eine weitere Tochtergesellschaft gibt, deren Name ähnlich klingt, aber eher national begrenzt. 😉

Letztere wird am Montag in Streik treten, wie heute bekanntgegeben wurde. Mit einiger Nervosität hatte ich die Kundgebung der Flugbegleiter-Gewerkschaft erwartet, und ich jubelte zwar nicht, als ich hörte, dass nur „Avio German“ betroffen sei, war aber dennoch etwas erleichtert. Es ist doof, kurz vor Toresschluss mitgeteilt zu bekommen, dass man dann doch auf die Bahn umbuchen müsse, die um diese Jahreszeit auch voll ausgebucht sein dürfte und in der man noch von Glück sagen kann, wenn man durch Zufall einen Sitzplatz bekommt – und sei es auf der Zugtoilette! (Wenn man nicht gleich im Einstiegsbereich auf dem Fußboden kampieren muss, dicht an dicht mit anderen Reisenden, was ich als Studentin öfter erlebte, ohne dass dies in den Medien veröffentlicht oder eine von uns „Ölsardinen“ bemitleidet wurde …)

Dann fiel mir ein, dass „Avio German“ ein Drittel der Flüge der anderen, europäisch „benamsten“, Airline durchführt – und da wurde mir kurz noch einmal ganz anders. Bis ich meine Buchungsbescheinigung sichtete, die sich in den Tiefen meiner in Riga gekauften großen Tasche nach einiger Recherche wiederfand (kauft nie große Taschen, wenn es auch praktischer erscheint – man findet darin nichts so schnell wieder!): Operated by LGW stand da! Das bedeutete wohl, dass mein Flug wirklich nichts mit „Avio German“ zu tun habe. Sicherheitshalber aber fragte ich auf der Seite der Airline auf einem bekannten Sozialen Medium noch einmal nach, auf der sich zwei Servicemitarbeiter der Airline gerade von wildgewordenen Kunden verbal die Köppe einschlagen lassen mussten, obwohl sie wieder und wieder beteuerten, ihr Arbeitgeber könne nichts dafür und wolle diesen Streik auch nicht. Man bestätigte mir, mein Flug sei nicht betroffen, und ich wünschte allen Anwesenden, speziell aber den Servicemitarbeitern, nur das Allerbeste und zog mich zurück. Beruhigt.

Ich werde am Montag fliegen. Und hoffentlich am Samstag darauf wieder zurück. Ansonsten bleibe ich einfach in Franken. In einen Zug bekommen mich keine zehn Pferde, auch wenn es sicherlich reizvoll ist, auch noch Abstecher nach Österreich, Luxemburg, Belgien, die Niederlande oder Frankreich zu machen oder alle Kopfbahnhöfe Deutschlands kennenzulernen … 😉

Na, dann – frohe Weihnachten!

Endlich Urlaub! So dachte ich, als ich heute früh zu einer Zeit erwachte, da ich im normalen Arbeitsalltag nie erwache, denn es war zwanzig vor fünf. Mein Unterbewusstsein schien mir signalisieren zu wollen, dass ich vergessen hatte, meinen Wecker zu stellen … (Macht es leider nur in solchen Situationen und nie dann, wenn ich wirklich zur Arbeit muss und tatsächlich vergessen habe, den Wecker zu stellen – so typisch.) 😉

Zunächst fluchte ich leise in mich hinein, dann fiel mir ein, dass ich vom 23. Dezember bis 09. Januar Urlaub habe, und ich freute mich – wenn auch gedämpft, da noch so früh – halbtot und drehte mich auf die andere Seite, um weiterzuschlafen. Das Ausmaß dieser Freude erschließt sich sicherlich nur den Menschen, die exakt in der Vorweihnachtszeit jobtypisch jedes Jahr immer besonderen Stress haben. Und keine Morgenmenschen sind.

Alles war erledigt, was ich noch erledigen wollte – naja, fast alles. Ich konnte tun, was immer ich wollte – im Zweifel auch gar nichts. Gestern hatte ich noch eine Fuhre Wäsche gewaschen, und das mit meiner flammneuen Maschine, die mir mehr und mehr ans Herz wächst, denn sie tut, was man von ihr verlangt, ist nicht aufmüpfig und hat bis dato noch nicht einmal versucht, sich von dem Waschmaschinensockel im Keller zu Tode zu stürzen und im Zuge dessen den Keller zu fluten. Ganz anders als die alte Maschine, die allerdings wirklich alt war. Und eigenwillig, was unter Umständen daran lag, dass sie ein Erbstück meiner Oma Margareta war, die auch einen ausgeprägten eigenen Willen hatte – ich vermisse sie, also die Oma, noch heute sehr, seit sie Anfang Dezember 2011 starb.

Da ich heute tun und lassen konnte, was auch immer ich wollte, hatte ich einen wunderbaren Gammeltag. Bis mir einfiel, dass ja das Paket, das ich einer Bekannten zu Weihnachten hatte schicken wollen, qua Sendungsverfolgung als „nicht zustellbar“ erkannt worden war und als Retoure an meine Wohnadresse zurückgeschickt werden würde. Und wahrscheinlich würde es heute eintreffen. DHL und ich – eine neverending story! Selbst wenn ich einen expliziten Wunschtag zur Auslieferung von Paketen angebe, hat es bis dato noch nie geklappt, dass mal ein DHL-Bote sich die Mühe machte, bei mir zu klingeln. Und ich befürchtete, dass der Nachbar im Hochparterre einmal mehr das Paket angenommen haben könnte – wahrscheinlich schon aus purer Bosheit! 😉

Denn mit dem Nachbarn hatte ich mich neulich anne Köppe gehabt! Und bin ihm seitdem sehr gekonnt aus dem Weg gegangen. Ich hatte mich schon mehrfach über ihn geärgert, sehr sogar, und kürzlich kam es zur Eskalation, als ich abends nach Hause kam, nach einem wirklichen Scheißtag, und da lauerte er mir auf und ging mich wegen einer Sache an, die ohnehin schon spießig-albern war. Ein Wort gab das andere, und ich wünschte ihm, nachdem ich erklärt hatte, dass das Gespräch nunmehr für mich beendet sei, obwohl er noch weiter diskutieren wollte, einen schönen Abend und ging meiner Wege die Treppe hinauf in den ersten Stock. (Nein, es ging nicht um die Treppenhausreinigung, der ich stets nachkomme. Es ging mehr um selbstherrliches Gebaren des vor erst kurzer Zeit hinzugezogenen Nachbarn in puncto Waschkeller, und man kann sich ja nicht alles gefallen lassen. 😉 Ich hasse es wie die Pest, mich über solche Dinge streiten zu müssen, aber alles kann man sich in der Tat nicht gefallen lassen. 😉 )

Und so hatte ich meine Stimme nicht nur gehoben, sondern sogar anklagend mit dem Finger auf ihn gezeigt, als wolle ich ihn erstechen! 😉

Zu Recht war das geschehen, aber ich tue mich bisweilen schwer damit, mein Recht einzufordern und mich trotz der Tatsache, im Recht zu sein, gut zu fühlen. Und so hatte ich es seither erfolgreich geschafft, dem Nachbarn aus dem Weg zu gehen, der, seit er hier wohnt, schon drei Pakete für mich angenommen hat (worum ich beileibe nicht gebeten hatte).

Ich hoffte, der DHL-Bote möge die Retoure einfach an den nächsten DHL-Paketshop geliefert haben, als ich mir ein schönes, warmes Bad einlaufen ließ, gegen 17 Uhr.

Als ich gegen 18 Uhr der Wanne entstieg, klingelte es an meiner Wohnungstür. Ich rief: „Einen Moment, bitte!“ Und rasch wickelte ich ein Handtuch um meine nassen Haare und mich selber in meinen Bademantel. Dann eilte ich gen Tür und öffnete sie … Hoffentlich war es Frau Wolski oder die neue Nachbarin.

„Hallo, Frau B. – ich habe dieses Paket für Sie entgegengenommen. Wollte ich Ihnen nur rasch bringen.“ Es war Herr Fischer, der Nachbar, mit dem ich mich neulich gestritten hatte, wie ich erkannte, obwohl ich weder Kontaktlinsen, noch Brille trug. Ich musste daher auch erst zweimal hinsehen. Herr Fischer sicherlich auch, da ich eher ungewohnt aussah im Vergleich zu den sonstigen Gelegenheiten. „Turban“ auf dem Kopp, Bademantel, eher derangiert. Als ich sah, wer mir da ein Paket brachte, wurde mir ganz anders – ausgerechnet!

Dann aber dachte ich: „Wahrscheinlich bringt er dir das Paket extra – eine Etage höher -, weil er denkt, dass du es sonst niemals bei ihm abholen würdest, trotz Benachrichtigung im Briefkasten. Er findet die Situation wohl auch scheiße.“ Und so sagte ich: „Herzlichen Dank, dass Sie mir das Paket extra bringen. Sorry, dass ich neulich etwas giftig war. Ich war zwar zu Recht verärgert, aber ich war wohl etwas unhöflich. Das hätte man auch anders machen können – es tut mir leid, denn das ist normalerweise nicht meine Art.“ – „Alles okay, Frau B. – vergessen wir das einfach. Okay?“ – „Ja, klar – gerne.“ – „Ich wünsche Ihnen ein schönes Weihnachtsfest und alles Gute fürs neue Jahr.“ – „Ich Ihnen auch. Viel Glück und Gesundheit.“

Ich hätte das Paket zwar auch bei diesem Nachbarn abgeholt, aber es hätte Überwindung gekostet. Umgekehrt gegebenenfalls aber ähnlich. Immerhin. Doof nur, aber typisch, dass ich in Bademantel und Handtuchturban die Tür öffnen musste. Wann auch sonst? 😉

Mein Tipp zum Weihnachtsfest und Jahresende: Verzeiht euren Feinden, auch wenn ihr hinsichtlich des Verzeihungsprozesses in vergleichsweise wenig präsentablem Zustand seid. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben und/oder Herausforderungen. 😉

Ich hoffe trotzdem oder gerade deswegen, Herrn Fischer in der nächsten Zeit nicht zu begegnen … 😉

Und all das für ein läppisches Unentschieden? ;-)

Ich hatte heute einen schönen Abend. Zumindest, nachdem ich endlich dort angekommen war, wo ich hatte ankommen wollen – in einem Lokal, in dem ich mit Kerstin, einer meiner Lieblingskolleginnen, zum Essen verabredet war. Der Tisch war für 18:30 h reserviert, und wir freuten uns beide auf den Abend, nachdem wir es – anders als geplant – nicht mehr geschafft hatten, Tickets fürs Weihnachtssingen auf Schalke zu bekommen.

Immerhin ist das Lokal, in dem wir uns treffen wollten, nicht weit von der Veltins-Arena entfernt. Gesungen haben wir dennoch nicht. Nein, was ich zuvor im Auto tat, war kein Gesang. Beileibe nicht. Und ich schwöre, das, was da meinen sogenannten Sprechwerkzeugen entfleuchte, habe ich nicht in meinem Elternhaus gelernt. 😉

Ich lebe zwar hier in dieser Stadt, in der der lokale Fußballclub bei vielen eine Art Religion ist, ich bin auch auf dem Laufenden, was die Bundesliga-Tabelle anbelangt, und auch ich freue mich mit, wenn Schalke siegt. Ich bin aber kein Fan, und so habe ich nie auf dem Schirm, wann ein Heimspiel stattfindet. Sollte man als Bewohner dieser Stadt besser wissen …

Denn als ich mich heute für den Abend fertigmachte, zuvor noch die Treppe putzte, kam mir irgendwann zu Bewusstsein, dass die aus einer gewissen Entfernung zu mir gedrungene Geräuschkulisse, aus vielen Kehlen stammend und von mir meist nur beiläufig und als normal wahrgenommen, dafür sprach, dass wohl „auf Schalke“ gespielt wurde. Ich schaltete leider erst, als ich bereits mit Tasche und Weihnachtsgeschenk für Kerstin zur Wohnungstür schritt. Genauer: Es durchzuckte mich – und da klingelte auch schon mein Handy. Mir war sofort klar, dass es sich beim Anrufer nur um Kerstin handeln konnte, die mir garantiert mitteilen wollte, dass Schalke heute gespielt habe und ein riesiges Verkehrschaos herrsche, inklusive Straßensperrungen. Und genauso war es – um 18:10 h.

Ich brauche für die Strecke normalerweise maximal fünfzehn Minuten inklusive Parken. Es war klar, dass ich das nicht schaffen würde, und so bat ich Kerstin, schon einmal den reservierten Tisch in Anspruch zu nehmen – ich käme so schnell, wie möglich (was auch immer das heißen möge).

Und rasant fuhr ich vom Hof und geriet alsbald auf dem konventionellen Weg in einen Stau. Rasch wendete ich auf recht risikofreudige Weise und fuhr erst einmal ein Stück zurück, um dann eine andere Strecke zu wählen. Eine Strecke, die Auswärtige nicht so gut kennen dürften. Da musste ich leider erneut wenden, erneut risikofreudig, und so nahm ich eine dritte, besonders raffinierte Route – wie ich dachte. Dort stand ich dann im Stau, und ich fluchte wie ein Kesselflicker. Wieder gewendet, neue Strecke. Am Marktkauf geparkt, weil ich keine Lust mehr hatte, noch bis zum Parkplatz des Lokals zu fahren, der sicherlich inzwischen proppenvoll war – nach Schalke-Heimspielen nicht ungewöhnlich -, um dort festzustellen, dass ich dann doch nicht dort parken könne, da auch der hinterletzte Platz belegt. Ist mir schon zweimal passiert, und ich kalkulierte, dass das dann noch mehr Zeit in Anspruch nehmen würde, als nun hier etwas weiter entfernt zu parken und zu Fuß zum Lokal zu stochen.

Um 18:55 h enterte ich das Lokal und hatte so immerhin einen kleinen Spaziergang gemacht. 😉 Kerstin saß in Sichtweite, und sie sprang auf, als sie mich kommen sah. Riss mich erst einmal in den Arm und meinte ganz auf Kerstin-Art: „Ich dachte schon, ich müsste eine Suchhundestaffel aussenden! Da sind wir auch ein bisschen spät losgefahren, Frau B., ne?“ – „Wäre mir klar gewesen, dass Schalke heute ein Heimspiel hatte, wäre ich eher losgefahren. Aufgefallen ist es mir auch erst ganz kurz vor deinem Anruf. Normalerweise brauche ich maximal eine Viertelstunde – mit Parken!“ – „Ist doch alles halb so wild – ich wollte nur etwas frotzeln. Hauptsache, du bist jetzt da!“

Und wir bestellten Essen und Getränke und überreichten einander unsere Weihnachtsgeschenke. Meines wirkte nicht ganz so liebevoll wie Kerstins – fand ich zumindest -, aber ich hatte ohnehin vorgehabt, sie zum Essen einzuladen, was sie – auch ganz Kerstin – erst nicht annehmen wollte.

Es war ein sehr schöner Abend mit viel Lachen und grandiosen Geschichten. Als es ans Zahlen ging, holte Kerstin ihr Portemonnaie heraus, aber ich sagte: „Weg damit – zurück in deine Tasche, aber zackig! Ich dachte, wir hätten das geklärt.“ Und ich kniff ihr ein Auge zu. Kerstin meinte zum Kellner: „Die Frau hier ist manchmal echt schwer zu ertragen – man kommt nur selten gegen sie an! Und ich bin darin normalerweise ziemlich gut!“ Ich meinte: „Wir sind beide einzeln schon schwer zu ertragen, und zusammen sind wir unausstehlich, aber ich zahle trotzdem alles zusammen, egal, was sie sagt!“ Der Kellner lachte und meinte: „Ich finde Sie beide sehr nett und sympathisch, und Sie scheinen einander doch sehr gut zu verstehen.“ – „Ja, das tun wir auch!“ rief Kerstin. – „Dann ist doch alles prima, und Sie können sich ja einfach abwechseln.“ – „Das werden wir tun,“, rief Kerstin, „denn das machen wir bald wieder, ne, Ali?“ – „Auf jeden Fall!“

Sie fuhr mich dann noch zum Marktkauf, wir drückten einander, und Kerstin meinte: „Danke für die Einladung, Ali – ich fand den Abend richtig schön.“ – „Ich auch – es war sehr lustig, auch wenn es mir leidtat, dass du so lange warten musstest.“ – „Ach, halb so wild! Ich wusste ja, warum, und ich wusste, du würdest auf alle Fälle kommen. Und das machen wir auf alle Fälle bald wieder – aber dann zahle ich!“ – „Sehr gern – und wir wechseln uns einfach ab.“

Zu Hause eingetroffen – ich war noch an der Packstation, bei der Sparkasse und an der Tanke, da mein Tank fast leer war – erwarteten mich schon einige WhatsApp-Nachrichten von Kerstin. Eine lautete: „Boah, die haben heute nur unentschieden gespielt! Und dafür reißen wir uns den … auf, um einfach nur mehr oder minder pünktlich zum Lokal zu kommen, trotz Schikanen, Sperrungen und Staus!“

Ich schrieb zurück: „Waaas? Für ein läppisches Unentschieden überschreite ich mehrfach die erlaubte Höchstgeschwindigkeit? Da, wo kein Stau herrschte? Mache Wendemanöver unter größter Todesverachtung und drohender Lebensgefahr? Fluche im Auto, bis meine Stimme fast versagt? So nicht, Schalke! So nicht!“

Nein. Sowas nicht noch einmal, denn Kerstin und ich kamen überein, beim nächsten Treffen besser vorbereitet zu sein, was Heimspiele anbelange. Aber sowas von! 😉