Not my cup of tea …

… ist dieses Wochenende! Einmal mehr frage ich mich, womit ich all das eigentlich verdient habe. Bin ich zu jemandem frech gewesen? Nein, gewiss nicht. Nicht in den vergangenen Tagen und Wochen. Habe ich sonst etwas angestellt? Hmmm … nein, auch nicht.

Warum also all dieser Mist?

Es begann bereits am späten Donnerstagnachmittag, als mich ein unangenehmes Frösteln anfiel, obwohl Kerstins und mein Büro stets sehr gut geheizt ist (wir sind beide Frostbeulen – einer meiner „Zweitnamen“ ist „Freezy Frostbite“). Kerstin war an diesem Tag bereits krank – ich würde doch wohl nicht auch noch …?

Das Frösteln ging nicht weg, und ich fuhr schnell nach Hause. Dort machte ich mir eine Kanne Tee und gab einen Tick Rum dazu. Wirklich nur einen Tick, da ich Tee mit Rum im Grunde nicht mag, dieser jedoch dazu führt, dass einem gleich richtig warm wird. Hilft prima, wirklich.

Half nicht im Geringsten, und ich fror mehr und mehr, so dass ich mich auf die Couch verzog, wo ich mich in eine Fleecedecke einhüllte. Und ich trug die dicksten Homesocks, die ich besitze. Nichts half. Ich legte mich irgendwann ins Bett, konnte jedoch nicht schlafen, trotz Wärmflasche und aufgedrehter Heizung.

Zurück auf die Couch, denn wozu sollte ich mich schlaflos im Bett von links nach rechts und wieder zurück wälzen, wenn ich mir mit dem Laptop auf der Couch die Zeit um die Ohren hauen konnte? Vielleicht würde ich darüber sogar schläfrig werden? Nichts da! Ich schrieb einige Mails, war aber wach wie eh und je, und ich fröstelte aufs Possierlichste unter der dicken Decke mit meinen Klamotten à la „Antarktis-Expedition“ … 😉

Irgendwann – es muss gegen eins gewesen sein – wurde ich dann doch noch ein wenig müde, und ich zog wieder ins Bett um. Den Wecker hatte ich mir gestellt, und ich hoffte, am anderen Morgen würde alles viel besser aussehen.

Als ich gestern früh um 6:15 Uhr vom Wecker geweckt wurde, tat mir alles weh, meine Nase war zu, und ich hustete und hatte so starken Schüttelfrost, dass meine Zähne aufeinanderschlugen. Eine eilends eingeleitete Temperaturmessung ergab, dass ich über 38 Grad Fieber hatte – super!  ☹

Um sieben Uhr rief ich die für die Dienstpläne zuständige Kollegin an – sie ist von der frühen Truppe. Meine Stimme klang, als hätte ich Rasierklingen geschluckt, zehn Zigarren geraucht und mit einem Fass Whisky nachgespült, und so sagte ich lieber direkt meinen Namen, damit die Kollegin auch sofort wisse, wer da mit ihr sprach. Sie meinte: „O Gott – du klingst ja furchtbar! Ich melde dich sofort krank – erhol dich gut!“ Und dann: „Was klappert denn da so?“ – „Meine Zähne,“, klapperte ich zurück, und sie meinte: „Geh sofort wieder ins Bett!“ – „Ich liege doch drin.“ – „Und trotzdem klappern deine Zähne?“ – „Ja.“ – „Gute Besserung – und wenn es nicht besser wird, meldest du dich am Montag sofort.“ – „Ja,“, klapperte ich kastagnettenartig, „dir gute Besserung … ääh, nein … ein schönes Wochenende!“ Nadja lachte und meinte: „Bei mir ist es noch nicht so weit, mir gute Besserung zu wünschen, obwohl ich Halsschmerzen habe – es grassiert wohl etwas. Dir ein erholsames Wochenende.“

Ich sank in die Kissen zurück und schlief wieder ein. Stunden später wurde ich wach mit dem Gefühl, gegen einen Gong gelaufen zu sein. Ich fror noch immer. Aber im Bett war es langweilig, und so ging es zurück auf die Couch – wo ich, klappernd und zwischendurch immer mal einnickend – einige Filme sah.

Abends dann flog mich doch so etwas wie Hungergefühl an, und ich schleppte mich in die Küche, wo ich mir ein Brot machte. Gleich beim ersten Biss hinein stellte ich fest, dass sich in meinem Mund irgendetwas verändert hatte – und das nicht zum Guten hin. Was knirschte denn da so?

Ich tastete vorsichtig und – surprise, surprise! – förderte etwas zutage, das eigentlich nicht lose sein sollte … Eine Verbundkrone! Die Verbundkrone, die bis dato auf einem Implantat gesessen hatte! Zum Glück weiter hinten, aber ich war trotzdem geschockt, als ich im Bad einen genauen Blick auf das Elend warf. Ich spülte die Verbundkrone ab und befestigte sie – provisorisch – an gewohnter Stelle. Hoffentlich würde ich sie nachts nicht verschlucken – das Ding war teuer … 😉

Nun muss ich vor Weihnachten auch noch zum Zahnarzt – sehr schön. 😉 Dabei hatte ich eher zum Friseur gewollt … 😉 Ob ich das alles noch schaffe?

Mir stellt sich nun die Frage: Ist Zähneklappern aufgrund von Schüttelfrost für Kronenträger gefährlich? Und warum wurde darüber noch nie aufgeklärt? 😉

Euch ein schöneres Wochenende – meines ist ziemlich daneben. 😉

„Ali’s Adventures in Winter Wonderland“ – Oder: Ein selten blöder Tag

Ich bedanke mich an dieser Stelle beim englischen Mathematiker Charles Lutwidge Dodgson, besser bekannt unter seinem Pseudonym Lewis Carroll, denn ich habe den Titel eines seiner Bücher – etwas abgewandelt – verwendet. Bücher, die die meisten sicherlich zumindest vom Hören kennen: Alice’s Adventures in Wonderland, kurz: Alice im Wunderland bzw. Through the Looking-Glass, and What Alice Found There, deutsch: Alice hinter den Spiegeln. Ich vermute, Mr Dodgson hat nichts dagegen – zumindest wurde ich bis dato noch nicht von einem Blitz getroffen. 😉

Nachdem ich einst las, Alice’s Adventures in Wonderland sei ein Buch, das nur von zwei Gruppen von Menschen geliebt und verstanden werde, nämlich Kindern und Mathematikern, sagt er sicherlich gerade: „Nun, sie ist keine Mathematikerin. Beileibe nicht. Und aus dem Kindesalter ist sie eindeutig auch herausgewachsen. Vielleicht ist sie ja ein verkappter Mathe-Fan.“ Falsch, lieber Mr Dodgson. Ich scheine mir nur wohl etwas bewahrt zu haben, das man als Kind bezeichnen könnte. Eine andere Erklärung habe ich nicht.

Doch zurück, denn ich wollte ja gar nicht über eines meiner Lieblingsbücher sprechen, auch wenn ich manchmal eine ganz leise und subtile Ahnung davon habe, warum gerade Mathematiker dieses Buch angeblich lieben. So leise und subtil, als würde man von einem Schmetterling angeflogen, der auch sogleich wieder wegfliegt, kaum dreht man sich zu ihm um. (So in etwa mein Verhältnis zur Mathematik, denn es ist offenbar durchaus nicht so, dass ich jeglicher Ahnung davon entbehrte. Es ist nur alles etwas verschüttet. Bzw. tief in der Erde ver- und noch nicht ausgegraben, denn Verschüttetes impliziert ja, dass etwas zuvor nicht verschüttet, sondern klar vorhanden war, was bei mir und der Mathematik durchaus nicht der Fall ist … 😉 )

Es geht ja hier auch eher um das, was manche Menschen, offenbar bevorzugt im Schlitten, auf Skiern, mit Schlittschuhen oder profan zu Fuß unterwegs, so sehr herbeisehnen, ist erst einmal der Sommer vorbei. (Denn für diese Menschen gibt es offenbar nur zwei Jahreszeiten. Den Sommer und den Winter, und selbst ich, die zu Extremen tendiert, finde das merkwürdig. Im Sommer kann es ihnen nicht heiß genug sein – dafür muss im Winter gefälligst Schnee fallen, speziell zu Weihnachten. 😉 )

Ich gebe zu, ich selber finde Schnee wunderschön. Wenn er liegenbleibt. Und wenn ich nicht mitten im Schneesturm stehen muss, sondern bei dessen Tätigkeit nett in der warmen Wohnung sitze. (Liegt der Schnee erst einmal und es schneit gerade nicht wie wild, liebe ich Spaziergänge in ihm.) Und als Kind verstand ich nie, warum mein Vater stets heftigst fluchte, wenn es draußen wie bezahlt schneite, während ich jubelnd an den Garderobenschrank rannte, dicke Winterjacke, gefütterte Stiefel, Mütze, Schal und Handschuhe herauszerrte und alles anzog, um kurz darauf ebenso jubelnd auf die Straße zu rennen, wo ich sogleich mit Britta, meiner damals besten Freundin, herumsprang, als wären wir Fohlen, um uns irgendwann, wenn der Schnee hoch genug lag, rücklings hineinfallen zu lassen und „Schnee-Engel“ zu produzieren. Noch besser, wenn es so sehr schneite, dass wir einen Schneemann bauen konnten. Oder eine zünftige Schneeballschlacht machen. Wunderbar war das damals, als wir noch fast bar jeglicher Verantwortung waren. 😉 Wir hatten damals ja auch noch kein Auto. 😉

Vorgestern schneite es hier bereits mehrfach heftig, gestern ging es richtig los. Die gestrigen Bemühungen Petrus‘, zumindest Kindern eine Freude zu machen, wurden jedoch abends zunichtegemacht, als es zu regnen begann und ein Sturm aufkam, der nicht von Pappe war.
Ich dachte noch naiv: „Immerhin ist es jetzt wärmer, und es regnet. Dann ist morgen wenigstens der kleine Monty frei von Schnee und Eis!“ Denn ich hatte keine Lust, mein Auto freizukratzen.

Heute früh trat ich um kurz nach halb 8 aus dem Haus (und dem Himmel sei Dank, dass ich – einer spontanen Eingebung Folge leistend – daran gedacht hatte, den Scheibenenteiser mitzunehmen!) und an mein Auto heran. Dann traf mich der Schlag. Die gesamte Windschutzscheibe war quasi schockgefrostet. Von weitem glitzerte sie sehr hübsch, immerhin. Als ich testhalber meinen Zeigefinger in den Schnee auf der Scheibe bohren wollte, wurde der Finger arg gestaucht: Der Schnee war gefroren, an der schlimmsten Stelle etwa 4 Zentimeter hoch, und darunter war eine dicke Eisschicht. Eine halbe Flasche Scheibenenteiser ging drauf, und ich musste den Motor starten, das Ganze überhaupt freizukriegen. Ich kam eine halbe Stunde später als geplant bei der Arbeit an …

Immerhin waren die Straßen frei gewesen, und so begab ich mich frohgemut mit Kerstin und den anderen Kollegen in den für heute und morgen anberaumten Workshop, traditionell auch Fortbildung oder Schulung genannt. Kaum saßen wir im PC-Pool, zeigte Kerstin erst nach draußen, dann auf ihr Handy. Draußen schneite es sacht, auf dem Handy vermeldete die Wetter-App des Deutschen Wetterdienstes starken Schneefall mit 12 Zentimetern Neuschnee! Da unser Dozent besonders autoritär war und jegliche internen Gespräche verboten hatte, nahm ich – um nicht sofort zu Beginn in Ungnade zu fallen – meinen gesponserten Schreibblock und schrieb als Reaktion: KOTZ! in die linke untere Ecke des Deckblatts. Kerstin nickte und rief: „Genau!“ Der Dozent meinte daraufhin: „Was wollten Sie uns mitteilen, Frau M.? Nun?“ – „Nichts von Bedeutung,“, meinte Kerstin schnell, aber der Dozent war wirklich sehr autoritär und meinte: „Was meinten Sie denn?“ Kerstin sah mich konsterniert an, ich grinste und nickte ihr zu, und da meinte sie: „Frau B. hat ‚Kotz!‘ auf ihren Block geschrieben. Wegen des Wetters. Wir sind des Wetters wegen einer Meinung.“

Super! Sogleich lachten die anderen Teilnehmer, fanden das Wetter aber auch scheiße. Nur der Dozent wiederholte noch einmal, dass interne Gespräche verboten seien. (Ich muss mir das unbedingt abgucken, für meine Seminare an der Uni. Man macht sich gleich beliebt und wirkt von vornherein so, als hätte man Nerven wie Drahtseile. 😉 )

Der Workshop schritt von dannen, während draußen der Schneefall immer heftiger wurde. Binnen kurzem war „Land unter“ und die Gegend knöcheltief mit Schnee überhäuft. Und es schneite immer weiter! Einige Teilnehmer wurden nervös. Die mussten noch bis sonstwohin fahren, nach Feierabend, denn nicht alle meine Kollegen wohnen vor Ort.

Und auch mir graute vor der Heimfahrt, dabei wohne ich vor Ort. Aber der Schneefall war wirklich exorbitant, zudem war es windig, und binnen kurzer Zeit waren parkende Autos zugeschneit.

Gegen 16:15 h waren wir in Gnaden entlassen (es hatte so gut wie keine internen Gespräche mehr gegeben), und Kerstin und ich rauchten noch eine vor dem Haupteingang. Dann gingen wir in unser Gemeinschaftsbüro, packten alles zusammen und entfleuchten vorsichtigen Schrittes gen Mitarbeiterparkplatz. Kerstin rief angesichts ihres Autos: „Ach! Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt!“ Ich konnte Monty von unserem Standort aus noch nicht sehen, und so meinte ich: „Das macht mir etwas Mut. Ich wünsche dir einen schönen Feierabend!“ Kerstin winkte mir zu, wünschte das Gleiche, und ich schritt weiter.

Als ich Monty sah, hätte ich ihn am liebsten einfach stehen gelassen. So hübsch sah er aus! 😉 Auf seinem Dach türmte sich eine reizende Schneehaube, etwa zehn Zentimeter hoch. Die Windschutzscheibe sah ähnlich reizend aus. Und ich hatte nur meine unbehandschuhten Hände, den ganzen Mist wegzuräumen … 😉 Es hat insgesamt etwa zwanzig Minuten gedauert. Vielleicht auch länger, ich habe nicht auf die Uhr gesehen.

Endlich ausgeparkt, fuhr ich wie auf rohen Eiern zur Ausfahrt, denn der Schnee Richtung Ausfahrt war total komprimiert, festgefahren und sehr glitschig. Rechts abgebogen, ging es Richtung Kreisverkehr, und ein Idiot kam mir viel zu schnell entgegengebrettert und schlingerte bereits. Ich dachte: „Solltest du jetzt gleich in mein Auto krachen, hoffe ich, möglichst nicht zu schwer verletzt zu werden, damit ich noch aussteigen und dir ganz zünftig eins auf die Zwölf geben kann!“ Zum Glück passierte nichts Derartiges, und ich kroch auf den Kreisverkehr zu, in der Hoffnung, sogleich hineinfahren zu können. Aber nein, ich musste anhalten, an einer Steigung. Das ist ja nun normalerweise kein Problem, aber die Schneematschspuren hatten schon wieder zu frieren begonnen, und ich befürchtete nichts Gutes. Als ich endlich anfahren konnte, behandelte ich die Kupplung, als wäre sie ein rohes Ei. Ich fuhr sehr vorsichtig an und geriet trotzdem sofort ins Schlittern. Zum Glück kam keiner von links im Kreisverkehr, und so schlitterte ich sanft in die nächste Ausfahrt und schlich die ansteigende Straße entlang, denn da war überhaupt nicht geräumt, und der Schneematsch gefror aufs Possierlichste zu Rillen.

Ich brauchte länger als eine halbe Stunde nach Hause. Dort erwartete mich eine wunderbare Mail meines Heizkostenverteiler-Ablesedienstleisters. Der Ableser sei am vergangenen Freitag bei mir im Haus gewesen, und er habe mich nicht angetroffen! Ach! Echt?

Eine Unverschämtheit sondergleichen – da warte ich ab 7 Uhr, da der Termin für die Zeitspanne zwischen 8 und 10 anberaumt ist, und keiner kommt! Und dann werde ich auch noch kackfrech abgebügelt, man habe mich nicht angetroffen! Ich war stinksauer, schrieb jedoch eine sehr höfliche, extrem bestimmte Mail, in der ich erklärte, niemand habe bei mir geklingelt, und es hätte – wäre ich nicht anwesend gewesen – doch zumindest eine Benachrichtigung im Briefkasten liegen müssen. Ich bin gespannt, was man mir morgen antwortet, aber ich freue mich keineswegs auf die Antwort. Wahrscheinlich muss ich mich wieder ärgern. Und ich ärgere mich ungern.

Eines weiß ich jedoch jetzt schon: Morgen fahre ich nicht mit dem Auto zur Arbeit. 😉

Besinnliches Wochenende

Heute ist ein merkwürdiger Tag. Andererseits war der gestrige Tag ebenfalls merkwürdig, und dem morgigen blicke ich bereits jetzt schon voller Spannung entgegen, denn aller merkwürdigen Tage seien drei, heißt es doch im Volksmund. Oder so ähnlich.

Gestern hatte ich Urlaub. Klingt ja eigentlich gar nicht so schlecht und war mir auch sofort von meinem neuen Chef bewilligt worden, nachdem meine neue Kollegin Kerstin sofort bereitwillig die Urlaubskarte im Sinne der Vertretung unterschrieben hatte.

Der Anlass war jetzt nicht so spannend, denn zwei Wochen zuvor war ich an einem Freitagabend etwas später von der Fron und einem Abstecher nach D. heimgekehrt und hatte im Treppenhaus einen Zettel vorgefunden, dass die Heizkostenverteiler abgelesen werden würden – am Freitag der Folgewoche zwischen 10 und 12 Uhr. Ich jubelte einmal mehr über die arbeitnehmerfreundliche Zeitspanne und schrieb dem Dienstleister gleich eine Mail, in der ich um einen anderen Termin bat. Das hatte ich schon mehrfach machen müssen, und es war nie ein Problem gewesen. Gleichzeitig erwähnte ich, dass die Vorlaufzeit von einer Woche recht knapp sei, da ich inzwischen nach einem Dienst- oder Schichtplan arbeite, der leider schon feststehe und ich auch nicht einfach zwischendurch von der Arbeit abhauen könne.

Am Montag drauf rief mich ein Herr aus Bochum an, der bei dem Dienstleister arbeitet und offenbar in die Kategorie Gib ihnen ein bisschen Macht, und sie werden sie missbrauchen gehörte. Denn der Herr erklärte mir zunächst sehr wortreich, außer mir hätten sich viele andere Nachbarn beschwert, dass der Termin Mist und die Vorlaufzeit zu knapp sei. In besonders hoher Sprechfrequenz schob ich ein, ich hätte mich keineswegs beschwert. Nein, nein, ich nicht, und ich hätte ja auch einen Schichtplan – das sei etwas anderes. Und schon ging es weiter mit der Logorrhoe, bis ich in einer kurzen Atempause meines Gesprächspartners besonders liebreizend – da ist Vorsicht geboten – fragte: „Wie verbleiben wir denn jetzt?“

Man beschied mir, ich würde einen Bescheid vom Ableser hinsichtlich des Ersatztermins in den Briefkasten geworfen bekommen, und sicherlich lasse sich auch meine Bitte um einen Nachmittagstermin, wenn möglich, erfüllen.

Als ich am Freitag letzter Woche nach Hause kam, fand ich den Bescheid, der auf den achten Dezember festgesetzt war. Und ich hatte sogar einen Nachmittagstermin bekommen: Zwischen 8 und 10 Uhr würde man zum Ablesen schreiten … 😉 Vergangenen Montag nahm ich leise genervt einen Tag Urlaub für den gestrigen Freitag, an dem ich dennoch nicht würde ausschlafen können …

Von meinem Vater darauf gedrillt, dass man bei derlei Terminen schon etwa eine Stunde früher gestiefelt und gespornt sein müsse, war ich um 7 Uhr bereits vollständig bekleidet und hergerichtet. Das war ich logischerweise auch um 8, um 9 und um 10 Uhr noch. Da ich weiß, dass sich Termine auch schon einmal verzögern können, wartete ich auch weiterhin. Zwischendurch rief ich bei dem Bochumer Dienstleister an, bekam aber niemanden ans Telefon. Entweder war besetzt, oder es ging niemand dran. Und der Ableser hatte seine Handynummer nicht auf meinem Bescheid notiert. Nun, immerhin konnte ich ein bisschen herumgammeln und sah mehrere DVDs. Zweimal war ich auch unten am Briefkasten, denn beim DVD-Schauen war ich zweimal eingenickt und befürchtete, den Ableser, der just da an der Tür klingelte und Einlass begehrt haben könnte, verpasst zu haben. Aber nein – der Briefkasten war leer. Der Typ hatte mich einfach versetzt!

Höflich, aber sehr bestimmt schrieb ich eine Mail an den Bochumer Dienstleister und schilderte, was passiert sei. Oder auch eben nicht. (Im Vertrauen: Ich fürchte mich jetzt schon ein bisschen vor Montag! Nicht, dass der Typ von neulich mich wieder anruft, der so viel redete und sich in seiner Rolle gefiel, Leuten vorschreiben zu können, wann sie zu Hause sein oder dass sie ihren Schlüssel beim Nachbarn abgeben müssten, was hier offenbar niemand machen möchte …)

Zum Trost legte ich mich in die Badewanne, als es an der Tür klingelte. Ich hatte die Badezimmertür halb geöffnet – mein Bad liegt direkt links hinter der Wohnungstür – und rief: „Wer ist da? Sorry, kann gerade nicht aufmachen!“ Von draußen rief ein Nachbar: „Ah, so, ah, na ja – haben Sie Fernsehempfang. Frau B.?“ Es konnte sich nur um meinen etwas schrägen Nachbarn, Herrn Einhorn, handeln, der so wirkt, als sei er nicht von dieser Welt … Ich rief zurück: „Im Bad nicht, Herr Einhorn! Entschuldigen Sie, bitte, dass ich nicht an die Tür komme, aber ich liege in der Badewanne!“ – „Ah so, ah, na ja …“ – „Wenn Sie keinen TV-Empfang haben, habe ich sicherlich auch keinen. Kann ich jetzt aber nicht testen.“ – „Ah, so. Na, ja … Schönen Abend …“ – „Ihnen auch,“, rief ich und plätscherte ein wenig mit dem Wasser in der Wanne, damit Herr Einhorn nicht etwa dächte, ich säße auf dem Klo … 😉

Der heutige Morgen begann grau, da es draußen nicht recht hell wurde und auch noch heftig schneite, wie ich später feststellte. Ich wachte in meinem Bett auf, in das ich mich irgendwann gegen 2 Uhr morgens begeben hatte, nachdem ich lange nach meinem Bad erneut auf der Couch eingeschlafen war … 😉 Ich wachte von einem zunächst scharrenden, dann leicht quietschenden und en tout ungewohnten Geräusch auf, das vom Fenster zu kommen schien. Die Jalousie hatte ich nachts um 2 nicht mehr hinunterlassen wollen – ein wenig Rücksicht auf die Nachbarn sollte man schon nehmen. 😉

Ich zwang mich, die Augen ganz zu öffnen – was scharrte und quietschte denn da so? Als meine Augen erfassten, was diese beiden Geräusche erzeugte, war ich zunächst nicht geneigt, ihnen zu glauben. 😉 Ein kastanienrotes, kleines, sich bewegendes „Ding“ war es, und zum Glück bin ich direkt nach dem Aufwachen noch nicht so bewegungsfreudig, denn ansonsten wäre es vielleicht geflüchtet und ich hätte nicht höchst fasziniert dem Treiben des kleinen „Dings“ zusehen können. 😉

Es war ein Eichhörnchen, das auf meinen Balkon gekommen war. Genauer: „mein“ Eichhörnchen. Es kommt öfter vorbei, bedient sich am Vogelfutter, dabei auf seinen kleinen Keulen sitzend und niedlich aussehend, und es pflegt danach die Sonnenblumenkern-Schalen nicht wegzuräumen, die es dabei hinterlässt. Aber ich mag es trotzdem. 😉

Heute musste ich jedoch zweimal hinsehen. Es saß auf der Außenfensterbank meines Schlafzimmerfensters, scharrte mit seinen kleinen Vorderläufen und den immensen Krallen am Fenster, und wenn es nicht gerade scharrte, sah ich, wie es das Fenster mit seiner rosa Zunge ableckte! (Okay, ja, das Fenster muss mal wieder geputzt werden, aber der Wirkungsgrad des Hörnchens war nicht der größte, außerdem war Samstagmorgen …) Dann scharrte es wieder.

Irgendwie fühlte ich mich ein bisschen unangenehm berührt und beobachtet. Woran erinnerte mich dieses Szenario nur? Ich überlegte. Dann fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren …

Es begab sich während meiner Studienzeit in Aachen. Ich war seit einigen Wochen mit Richie zusammen, und es war Mitte Januar. Die Stadt und gesamte Region war speziell am Vorabend von einem furchtbaren Wintersturm heimgesucht worden, und es hatte geheißen, man solle die Häuser nur unter besonderer Vorsicht verlassen, da überall Dachpfannen von den Dächern fielen. So etwas möchte man nicht auf dem Kopf haben. Es könnte das erste und das letzte Mal sein.

Der Sturm heulte die ganze Nacht hindurch, es schneite wie verrückt und ließ erst gegen Morgen nach. Richie stand gegen 8 auf, brachte mir sogar einen Kaffee ans Bett und meinte: „Du hast es gut – du kannst liegenbleiben! Ich muss zur Arbeit.“ Er arbeitete als studentische Hilfskraft, als Hiwi an einem Institut, das zur Fakultät Maschinenbau gehörte. Ich hatte erst kurz zuvor meine Zwischenprüfung – in anderen Fächern Vordiplom genannt – abgelegt, an jenem Tag keine einzige Vorlesung und kein einziges Seminar, und so konnte ich bequem und ohne schlechtes Gewissen liegenbleiben. Richie meinte zum Abschied, er müsse nun leider gehen, obwohl er eigentlich viel lieber bleiben würde. 😉

Ich hörte noch, wie er die Wohnungstür ins Schloss zog, dann schlief ich ein. Irgendwann wurde ich wach und sah auf die Uhr: 11 Uhr! Vielleicht sollte ich doch mal aufstehen, dachte ich noch, warf die Decke zurück, bereit, aus dem Bett zu steigen. Da fiel mir etwas auf …

Richies Wohnung hatte keine Jalousien an den Fenstern, und im Schlafzimmer gab es nur Vorhänge. Der neben dem Bett war halb zurückgeschoben, und als ich da gerade die Decke zurückgeworfen hatte und mich streckte und dehnte, sah ich ein Gesicht außen vor dem Fenster! Genauer: einen Kopf, der einen Helm trug. Ich sah auch die Ausläufer einer Leiter. Ein Feuerwehrmann – direkt vor dem Fenster, hinter dem ich mich genüsslich streckte und dehnte!

Hätte ich wenigstens ein T-Shirt getragen – in dem Falle hätte ich den Feuerwehrmann höchstwahrscheinlich angegrinst und fröhlich gegrüßt. Vielleicht sogar das Fenster geöffnet und einen Kaffee angeboten.

In dieser T-Shirt-losen Situation allerdings hätte ich zu gern mein Gesicht gesehen. An das des Feuerwehrmannes kann ich mich bis heute erinnern … Das Grinsen und den nach oben gestreckten Daumen und sein nach unten zu seinen Kollegen gerichtetes: „Hey, Jungs!“ werde ich nie vergessen. Ebenso wenig meine völlig absurde Reaktion, denn ich riss nach der ersten Schrecksekunde hektisch die nach hinten geschlagene Bettdecke an mich, stülpte sie mir über den Kopf und ließ mich rücklings wieder ins Bett sinken, wo ich eine gefühlte Stunde reglos liegen blieb … 😉 Eindeutig: eine Art Schock hatte mich ereilt. Aber mal im Ernst: Wer rechnet denn im vierten Stock mit einem Gesicht vor dem Fenster? 😉 Und im Stillen verfluchte ich Richies Vermieterin, Frau Goldberg – dass das Dach ihres Mietshauses nicht auf dem neuesten Stand war und ausgerechnet von diesem Dachziegel herunterfielen, weswegen die Feuerwehr das Ganze absichern musste, lag nur daran, dass sie extrem geizig war. (Daher gab es ja auch keine Jalousien …)

Dass mich das Ganze aber derart konditioniert habe, war mir nicht bewusst, bis ich heute früh das Eichhörnchen begeistert an meinem Fenster herumscharren und -lecken sah. Dabei hatte ich ein T-Shirt an! 😉

Und als heute am späten Nachmittag, als ich vom Einkaufen kam, Herr Einhorn, den ich vor der Haustür traf, auch noch ganz normal mit mir sprach, mich gar anlächelte, fast anstrahlte, war mir klar: Dieser Tag ist nicht normal. 😉

Wer weiß, was morgen passiert … 😉

Vom Schrecken des Nikolauses …

Heute ist Nikolaustag. Dieser Tag, neben meinem Geburtstag im August, dem ersten Dezember (der Adventskalender!) und dem Weihnachtsfest, war für mich als Kind stets ein sehr, sehr wichtiger Tag im Jahr. Nicht, dass ich materialistisch eingestellt wäre, aber mal im Ernst: Wer bekommt nicht gern Geschenke? (Naja, obwohl ich sagen muss, dass ich da bisweilen ein bisschen heikel und peinlich berührt bin, wenn sich Menschen ernsthafte Gedanken machen, was mir wohl gefallen könnte und es mir wirklich manchmal etwas unangenehm ist, etwas geschenkt zu bekommen. Ich bin da etwas eigen … geworden. Warum? Keine Ahnung. 😉 )

Als Kind war das noch anders – da freute ich mich immer riesig über Geschenke. (Im Vertrauen: Ich freue mich auch heute noch. 😉 ) Ich war ein ganz normales Kind, wie es scheint. 😉

Und der Nikolaustag war – neben den anderen genannten Tagen – für mich immer sehr schön. Denn hier kam auch noch dieses leicht Verwunschene und Überraschende hinzu, dass man morgens einen gefüllten Stiefel oder einen gefüllten Strumpf an der Tür vorfand. Wenn man diese Dinge vorfand …

Natürlich weiß man irgendwann, dass Mama und Papa Nikolaus spielen, aber als noch recht kleines Kind ist es doch bisweilen spannend, und bis zu meinem sechsten Lebensjahr fand ich auch immer zuverlässig einen gut gefüllten Stiefel – oder Strumpf – vor. Genauer: einen sehr hübschen, roten Stiefel aus Stoff, den man aufhängen konnte und auf dem vorne ein Nikolausgesicht aus Filz war. Der war immer voll, was daran lag, dass ich ihn mir mit Stephanie teilen und der Inhalt für zwei reichen musste, was aber kein Problem war, da wirklich reichhaltig.

Genaugenommen bekam ich auch nach meinem sechsten Lebensjahr – auch, als ich schon gar nicht mehr an ihn glaubte, das Ganze aber eine nette Tradition war – zuverlässig derlei Gaben in diesem Stiefel verabreicht, der immer an der Türklinke der Haustür hing, um zu signalisieren, dass der Nikolaus kurz hereingekommen sei, den Stiefel gefüllt habe und dann wieder abgezittert sei, das gute Stück noch rasch innen an die Türklinke hängend. 😉

In meinem sechsten Lebensjahr jedoch passierte etwas, das mir zu denken gab. Sehr früh am Morgen des 6. Dezember schlich ich aus dem Zimmer, das ich mit Stephanie bewohnte, die auch schon wach war. Und ich schlich die Treppe hinunter, nahm Kurs auf die Haustür, an deren Klinke ja immer der Nikolausstiefel hing. Ich langte dort an und sah … nichts. Rein gar nichts. (Was ich dabei empfand, muss ähnlich sein wie das, was heute mancher empfindet, wenn er eine WhatsApp-Nachricht oder eine Mail verschickt, und es kommt keine Antwort. 😉 )

Aber ich ging den Dingen schon als Kind gern auf den Grund, und so machte ich Licht und sah mich um, wie ich es Ostern immer tat, wenn Osternester gesucht werden mussten, die dann bisweilen raffiniert unter oder hinter irgendwelchen Möbelstücken oder dem Klavier verborgen waren. Und welche Freude immer, wenn man sie entdeckte! Ostern verbrachte ich bei der Nestsuche zumeist bäuchlings auf dem Boden. 😉 (Wobei es bei uns immer „nur“ Schokoladen- und gefärbte hartgekochte Hühnereier sowie Schokoladenhasen gab – anders als heute, wo Kinder bisweilen mit echten „Preziosen“ bedacht werden. Fragt man herum, was Ostern eigentlich sei und bedeute, erntet man nicht selten wortloses Staunen. Wie jetzt – ist das nicht ein Geschenkefest? 😉 Und das stößt sogar mir als Nichtgläubiger auf! 😉 )

Nirgendwo hing dieser Stiefel, weder im Flur, noch im Wohnzimmer, wo er ohnehin nicht hingehörte. Ich ging zurück in den Flur, und da stachen sie mir – im übertragenen Sinne – in die Augen: spätherbstliche Zweige in einer Bodenvase (ich hasse Bodenvasen – ob ein Zusammenhang mit dem Erlebnis hier besteht? 😉 ). An den Zweigen hingen Weihnachtsbaum-Schokoladenanhänger einer namhaften Schweizer Schokoladenmanufaktur, und ich atmete auf! Zumindest fürs erste, denn dann sah ich zwischen den Anhängern noch etwas: einen Zettel. Einen oben gefalzten Zettel mit Buchstaben darauf, einer Botschaft. Und ich griff zu und nahm den Zettel an mich. Zu meinem Erstaunen sah ich, dass die Botschaft in einer Schrift geschrieben war, die zu keinem aus meiner Familie passte – eine völlig fremde Schrift! Und die Botschaft in dieser Schrift war auch nicht gerade aufmunternd, denn da stand: „Liebe Stephanie und liebe Ali! Weil ihr im vergangenen Jahr nur ganz selten lieb gewesen seid, gibt es dieses Jahr keinen Stiefel, sondern dieses hier. Teilt es mit euren Eltern, denn mehr habt ihr dieses Jahr nicht verdient! Alles Gute und viele Grüße, Euer Nikolaus.“

Mir sank das Herz in die Hose – ach, du Scheiße! Ich war zwar nicht so naiv, zu glauben, der Nikolaus sei wirklich zu uns ins Haus gekommen, um die Schokoladenanhänger in die Zweige dieser hässlichen Bodenvase zu hängen – aber ganz sicher war ich mir nun doch nicht mehr. Diese Schrift war völlig anders als alles, was ich an Handschriften aus meiner Familie kannte! Und bei uns wurden auch keine oben gefalzten Zettel benutzt … Ich gebe zu, das stürzte mich in arge Zweifel, und so nahm ich den Zettel mit, als ich wieder in Stephanies und mein Zimmer zurückschlich. Auf der Treppe glaubte ich, ein leises und unterdrücktes Kichern zu hören, das aus der Richtung kam, in der das Schlafzimmer meiner Eltern lag, aber ich war zu aufgewühlt, mir darüber Gedanken zu machen. (Heute vermute ich, es war mein Vater, der da das Lachen unterdrücken musste. Er ist Frühaufsteher und daher sehr früh wach. 😉 )

Oben angelangt, teilte ich Stephanie das Ungeheuerliche mit – es gebe keinen Stiefel! Stephanie meinte: „Unsinn! Hast du genau geguckt? Oder soll ich lieber noch einmal gehen?“ – „Nein. In den Zweigen in der Bodenvase hängen Schokoladenanhänger. Und dann war da dieser Zettel …“ Ich streckte ihn Stephanie hin, aber die lachte zunächst und meinte: „Sicherlich hängt der Stiefel dieses Jahr woanders – Mama und Papa haben sich sicherlich einen anderen Ort ausgesucht.“ – „Nein! Hier! Da hing dieser Zettel in den Zweigen!“

Stephanie lästerte darüber, wie leicht ich mich doch ins Bockshorn jagen ließe, aber ich meinte: „So schreiben Mama und Papa nicht! Das ist nicht ihre Schrift!“ Da sah sich Stephanie den Zettel etwas genauer an und meinte: „Mist! Du hast Recht – das ist weder Mamas, noch Papas Schrift!“ Und angesichts der Botschaft meinte sie nur: „Offenbar haben wir Scheiße gebaut! Aber so schlimm waren wir doch gar nicht, oder?“ – „Nee!“ rief ich voller Inbrunst. Zumindest waren wir gefühlt keineswegs schlimmer als die Jahre davor gewesen … 😉

„Kein Wort zu Mama und Papa“ war unsere Devise – und immerhin darin hielten wir damals zusammen. Obwohl wir öfter zusammenhielten, wenn Not am Mann war. Aber eben auch nur dann. 😉

Heute sehe ich des Rätsels Lösung(en) so:

a) Meine Eltern hatten vergessen, etwas zum Nikolaus zu kaufen und „nur“ diese „Schwindt“-Schokoladenanhänger im Haus.

b) Meine Eltern waren echt stinkig, weil meine Schwester und ich uns dauernd stritten und/oder kloppten. Und so kombiniere man a) mit b) und schlage zwei Fliegen mit einer Klappe.

c) Es war wirklich der Nikolaus. 😉

Nachtrag: Auch meine Eltern haben an jenem und den folgenden Tagen nie ein Wort über die Sache verloren. Aber als Stephanie und ich in ungewohntem Maße liebreizend waren, zuckte es wiederholt um ihre Mundwinkel. Mission geglückt! 😉


Euch einen schönen Abend! 😊

„Jag heter Ali! Vad heter du?“

Immer dann, wenn ich eigentlich gar nicht soviel Zeit übrig, sondern andere Dinge zu tun habe, überfällt mich das Bedürfnis, etwas ganz anderes zu tun. So habe ich schon – völlig untypisch für mich – Schals gestrickt, ein Selbstportrait gezeichnet, mich endlich in Aquarellmalerei versucht …

Gestern überfiel es mich wieder, als ich gerade die Wohnung putzte (weshalb die Wohnung auch noch immer nicht fertig ist) und als Unterhaltung den Fernseher laufen hatte. Genauer: eine DVD. Ich gebe zu, die DVD aus nostalgischen Gründen ausgewählt zu haben, denn im Grunde ist sie eher für Kinder: „Madita“ oder – im schwedischen Original – „Madicken“ von Astrid Lindgren. Die DVD lief im Hintergrund, während ich in Küche und Wohnzimmer zugange war. Ich bekam sie zunächst auf Deutsch mit, und als sie zu Ende war, wechselte ich die Tonspur, denn es gibt auch noch eine für Schwedisch. Und schon ging es los …

Ich gestehe, ich wurde an manchen Stellen ein bisschen von Lachen geschüttelt, weil diese Sprache irgendwie knuffig ist. Sie liest sich – von den Wörtern her – bisweilen etwas sperrig, klingt aber meist ziemlich weich. Sollte man gar nicht meinen, wenn man sie nur liest. Interessant: Lese ich Schwedisch, verstehe ich Sinnzusammenhänge durchaus besser, als wenn ich es höre. Denn die Wörter klingen gesprochen doch irgendwie ganz anders – die Lautung geht im Schwedischen nicht immer Hand in Hand mit der Schreibung. Und das ist nicht das Einzige, was diese Sprache gar nicht so einfach zu durchdringen macht.

Denn da ist ja noch das, was ihren Klang so possierlich macht – eine Eigenart, die das Deutsche so nicht hat, obwohl relativ nah mit dem Schwedischen verwandt: Schwedisch lebt von einer gewissen Sprechmelodie, die nicht nur auf Sätze, sondern auf einzelne Wörter zutrifft, denn oft ergibt sich aufgrund unterschiedlicher Betonung und Melodie ein und desselben Wortes eine gewisse Bedeutungsverschiebung. Viele Menschen bezeichnen das als „ulkigen Singsang“, und so kommt es einem durchaus auch vor, wenn man sich nicht genauer damit beschäftigt. 😉

Vor einigen Jahren – ich lebte noch in der Nähe von Düsseldorf – kam ich aufgrund meiner Vorliebe für Skandinavien, speziell Schweden, auf die Idee, mir einen CD-ROM-Kurs „Schwedisch für Anfänger“ zuzulegen. Ich fand – und finde – diese Sprache so drollig und süß, und wer wusste schon, ob ich sie nicht eines Tages würde brauchen können? 😉

Endlich traf meine Bestellung ein, und voller Elan stürzte ich mich in die Arbeit! Ich sprach all die Sätze nach, die mir geduldige Muttersprachler vorsprachen, musste zwischendurch ab und an unterbrechen, wenn mich ein alberner Lachanfall anfiel, aber ich hielt tapfer durch. So lustig war nicht mal mein Niederländischkurs an der Uni gewesen, obwohl auch dieser stets lachend stattfand. Aber Schwedisch ist doch noch etwas lustiger, obwohl es eine völlig seriöse Sprache ist, ebenso wie das Niederländische, nur eben für bisher Uneingeweihte vom Klang her … irgendwie niedlich. 🙂 (Schwedisch hat immerhin den Vorteil, dass man nach einer Lektion keine Halsschmerzen hat. Eine halbe Stunde Niederländisch am Stück, und mein Rachenraum schmerzte aufs Possierlichste. 😉 )

Mein damaliger Freund Henrik hingegen verließ jedes Mal fluchtartig das Wohnzimmer, wenn ich mich an den PC setzte, und er beschwerte sich gar: „Ist dir klar, wie bekloppt das klingt?“ – „Vad menar du med det?“ – „Hä???“ – „Was meinst du damit?“ – „Ja, hör doch mal hin!“ – „Tue ich doch! Ich muss genau hinhören – sonst kann ich das Ganze ja nicht authentisch lernen!“ – „Es klingt, als würde jemand mit drei Promille zu sprechen versuchen!“ – „Echt?“ – „Ja! Und dieser Singsang! Es klingt, als wärest du nicht ganz dicht!“ – „Danke verbindlichst. Du solltest besser einen großen Bogen um Skandinavien machen. Und nun störe mich bitte nicht länger.“ Henrik verließ genervt das Wohnzimmer.

Und als er mir eines Morgens empört vorwarf, sogar im Schlaf würde ich derartig alberne Dinge äußern (dass ich bisweilen im Schlaf spreche, wusste ich schon …) und hätte, als er nachts zuvor von einem Toilettengang zurückgekommen wäre, sich wieder ins Bett und den Arm um mich gelegt hätte, das Ganze mit den Worten: „Jag heter Ali. Vad heter du?“ kommentiert, woran ich mich – da schlafend – nicht erinnern konnte, war mir klar, dass ich meinen fremdsprachlichen Bestrebungen besser nicht mehr in seiner direkten Gegenwart nachkommen sollte.

Eine Bekannte kam mir zu Hilfe. Liisa war Finnin, ihre Muttersprache jedoch Schwedisch, Finnisch hingegen ihre erste Fremdsprache, Englisch die zweite. Und sie wollte so gern Französisch lernen wie ich Schwedisch. Wir vereinbarten einen Deal: Sie würde mir Schwedisch beibringen, ich ihr Französisch. Und so geschah es.

Die Französischstunden sollten bei mir stattfinden, Schwedisch hingegen bei Liisa, die vier S-Bahn-Stationen von mir in meinem Essener Geburtsort – födelseort – lebte. Und so saßen wir eines Tages fröhlich und voller Motivation zusammen in meinem Wohnzimmer, ein Bierchen dabei, und ich lehrte sie die Grundzüge der französischen Sprache. In der Woche darauf saßen wir ebenso fröhlich in ihrer Küche im Essener Süden, ein Bierchen dabei, und die erste Schwedischstunde nahm ihren Lauf.

Sie hatte kaum begonnen, da rief Liisa irritiert in ihrem reizenden schwedischen Akzent: „A-li! Du hassst eine Ss-tockholmerr Akssent! Wiesso? Ssag mal!“ – „Wie bitte? Was habe ich? Einen Stockholmer Akzent?“ – „Jo. Du ss-prrichsst sso, wie Ssweden in Ss-tockholm ss-prrechen!“

Ich ss-taun…, äh, staunte. Wie kam ich, bitte, an einen solchen Akzent? Verarschte sie mich? Ich fragte nach, aber sie meinte: „Nein, wirrklich! Isst mirr errnst.“ Wir rätselten und rätselten. Bis ich mir mit der flachen Hand gegen die Ss-tirrn schlug. Liisa sah mich irritiert an, und ich schrie begeistert: „Der CD-ROM-Kurs! Das ist eine Ss-tockholmer Produktion mit lokalen Ss-prrecherrn!“ – „Ah! Und ich dachte schon an ein underverk!“ – „Woran? Underberg?“ – „An ein Wunder.“

Nein, ein underverk war es nun wirklich nicht, aber Liisa fand klasse, dass ich so genau hingehört hatte.

Leider mussten wir die beiden Sprachkurse dann abbrechen, da Liisa mit ihrem englischen Freund nach England zog. Schade.

Aber ich habe den CD-ROM-Kurs wieder hervorgeholt und arbeite erneut an meinem Stockholmer Akzent. Unterbrochen durch zahlreiche Lachanfälle, weil es wirklich gar zu drollig klingt. 😉

Und damit verbleibe ich wie folgt: Ha en fortsatt trevlig dag! Hej då! 😀

Irgendwie habe ich den Eindruck, es falle einem leichter, Schwedisch zu lernen, wenn man Fränkisch kann. Da gibt es auch vornehmlich ein scharfes S – auch im Anlaut -, manche anderen Laute ähneln einigen im Schwedischen, und man spricht ein Zungenspitzen-R. Wer hätte das gedacht? 😉

„Platz da – ich bin Verziehungsberechtigter, und mein Sohn muss sofort ans Kassenband!“ Oder: Vorsicht, Hubschrauber im Anflug!

Ich liebe Kinder. Ich mag sie wirklich sehr. Nicht ohne Grund habe ich lange mit Kindern gearbeitet. Es macht Freude, mit Kindern zu arbeiten, und meist öffnet es einem das Herz ganz weit, wenn die kleinen Kerle einem offenen Mundes zuhören und/oder einen anhimmeln. Mir geht es dabei nicht darum, dass ich angehimmelt werden müsse – ich finde es einfach nur bezaubernd, wie offen und wissbegierig Kinder sein können. Meist auch sind. Und – umgekehrt – wie man begeistert mit ihnen Lieder singt, deren Texte und Melodien nicht gerade herausfordernd sind. Aber man fängt ja immer klein an, und es ist immer schön, wenn man die kleinen Gesichter sieht, die voller Begeisterung und Spannung auf einen gerichtet sind. Wenn die Kleinen einen umarmen und/oder gar weinen, wenn sie Abschied nehmen müssen und einen ganz fest drücken und nicht loslassen wollen. Abschiednehmen ist nicht schön, und mir fällt das auch nicht leicht. Von daher verstand ich die kleinen Kerlchen immer, wenn sie weinten. Und was für ein Kompliment für mich, dass sie weinten, weil sie mich verlassen mussten! Ich hatte auch immer einen Kloß im Hals, aber bloß nicht vor den Kindern weinen!

Ich mag Kinder auch jetzt noch. Ich mag nur manche Eltern nicht. Überhaupt nicht. Und ich frage mich manchmal, ob ich – von mir selber unbemerkt – mehrere, viele Jahre im Koma gelegen habe, wenn ich manche Kinder sehe, die offenbar die Rolle der Sonne eingenommen haben, um die die Erde kreist.

Keine Frage – Kinder sind wichtig, und ich bedauere sehr, keine eigenen zu haben. Aber andere Menschen sind auch wichtig, und im Grunde sollten alle Menschen gleiche Rechte haben.

Offenbar aber hat der Jugendwahn schon extrem an Fahrt aufgenommen, und inzwischen freut es mich schon, dass man ältere Menschen, älter als 30, nicht gleich über die Klippe schubst. Jenseits der 30 – es sei denn, man hat Kinder – sollte man ohnehin besser die Fresse halten, den Strickstrumpf in die Hand nehmen, sich in den Schaukelstuhl setzen und eifrig nickend einfach nur Strümpfe stricken. Zumindest als Frau. Für Männer in dieser Situation empfehle ich Laubsägearbeiten. 😉

So habe ich es nie gesehen, würde und werde es auch nie so sehen. Aber heute ist irgendwie alles anders. Früher durfte ich Kinder auch noch betreuen, obwohl ich keine eigenen habe. Heute würde ich mich einem immensen Risiko aussetzen, weil ich die kleinen Prinzen und Prinzessinnen möglicherweise falsch behandeln würde, würde ich ihnen einfach nur erklären, dass sie – wie alle anderen – ganz normale Menschen seien. Und – wie alle anderen Menschen – gefälligst Rücksicht auf andere Menschen, egal, welchen Alters nehmen müssten. Aber das muss ich einschränken: Es gibt – zum Glück – noch immer viele Eltern, die mit ihren Kindern ganz natürlich umgehen. Wie man mit ernstzunehmenden Menschen eben umgeht, die kein „Projekt“ oder etwas Exotisches sind.

Denn so kommt es mir bisweilen vor – dass Kinder etwas ganz Exotisches seien. Ein Studienobjekt, das es zu optimieren gelte. So wie der kleine Junge, etwa drei Jahre alt, dem ich am vergangenen Freitag in einem REWE-Supermarkt in D. begegnete.

Ich war ganz harmlos nach der Arbeit nach D. gefahren, wo mein Elternhaus steht. Ich wollte nach dem Rechten sehen, da meine Eltern derzeit in Franken sind, wo sie zweimal im Jahr für mehrere Wochen sind. Einer muss ja nach dem Rechten sehen. 😉

Nachdem ich gesehen hatte, dass im und um das Haus herum alles ganz prächtig sei, fuhr ich zurück, machte aber noch einen Abstecher zu REWE, weil dieser spezielle Supermarkt wirklich sehr attraktiv ist.

Schon beim Betreten des Marktes fiel mir etwas auf, das mir bei vorherigen Besuchen nicht aufgefallen war: Hatten die hier eine spezielle Zeit, da ausschließlich Familien, ergo Menschen mit Kindern, den Supermarkt betreten durften – und war ich da hineingeraten? Denn man hörte schon beim Betreten des Marktes aus allen nur denkbaren Himmelsrichtungen wenig fröhliches Kindergeschrei, auch -geheul. Ich hatte einen langen und anstrengenden Arbeitstag hinter mir. Die Kinder, die da heulten und schrien, hatten offenbar auch Stress. Ich konnte sie verstehen.

Aber ich bin stolz auf mich, da ich offenbar in der Lage bin, auch mit einem Einkaufswagen sehr reaktionsschnell ausweichen zu können. 😉 Das musste ich öfter, da sich mehrere Kleinkinder, deren Eltern offenbar andere Probleme hatten oder den Supermarkt für eine große Kleinkind-Austobzone zu halten schienen, in mutmaßlich suizidaler Absicht just dorthin stürzen mussten, wohin ich gerade mit dem Wagen fahren wollte. Laut kreischend und im Vollbesitz des Bewusstseins, dass dieser Supermarkt eigentlich gar kein Ort sei, an dem Menschen die zum Leben notwendigen Dinge erst aussuchen, dann an der Kasse käuflich erwerben (ich liebe diesen Ausdruck! 😉 ), sondern eine Erweiterung des elterlichen Gartens. Ich war genervt, aber weniger der Kinder wegen, die es nicht anders gelernt hatten. Ich griff sogar noch ein, als ein älterer Mann die Kinder anschrie, ob sie sich nicht benehmen könnten. Ich meinte: „Bitte – die Kinder können nichts dafür. Es sind Kinder, und die rennen halt hier herum und achten nicht auf andere.“ – „Ja, aber – die müssen doch aufpassen!“ – „Ja, klar. Aber sagen Sie das den Eltern!“ – „Und wo sind die Eltern?“ – „Keine Ahnung – wohl mit anderem beschäftigt.“ Der ältere Mann regte sich auf, wie es sein könne, dass Eltern nicht auf ihre Kinder achtgäben. Ich grinste. Ich finde zwar auch, dass Kinder Kinder sein müssen, aber nicht in einem Supermarkt zur Stoßzeit rücksichtslos andere Leute über den Haufen rennen müssen oder veranlassen, dass sie selber möglicherweise über den Haufen gefahren werden. Rücksichtnahme ist schon wichtig – von allen Seiten.

Endlich hatte ich alle Sachen zusammen und begab mich zur Kasse, wo ich alles auf das Kassenband legte. Mitten in dieser Handlung verspürte ich einen Schmerz knapp unterhalb des linken Knies. Ich blickte hinab. Da stand ein kleiner Junge, etwa drei Jahre alt, und er starrte mich total giftig an. Simultan drang eine salbungsvoll tönende Stimme an mein Ohr: „Würden Sie bitte Ihren Einkaufswagen beiseiteschieben? Mein Sohn muss [!] an das Laufband!“

Ich starrte den Vater an, der das geäußert hatte, dann starrte ich den Zwerg an, der knapp über mein Knie reichte. Was ich in dem Moment dachte, ist nicht mehrheitsfähig. Und so sagte ich nur: „Aber natürlich!“ Und das in einem Ton, der eindeutig war. Zumindest für Leute, die mich kennen. Aber der besorgte Vater meinte: „Noch etwas weiter – er kommt doch sonst nicht an das Band!“ Und das in einem Tonfall, als hätte ich gegen die Gottesordnung verstoßen!

Da wurde es mir dann doch etwas zu blöd. Und ich sagte: „Sehen Sie sich hier um – hier ist gerade Stoßzeit! Wohin soll ich mit dem Wagen? Soll ich ihn mir auf den Kopf setzen? Ihr Sohn reicht so oder so noch nicht an das Band heran.“ – „Ja, aber braucht doch das Erfolgserlebnis!“ So die Antwort des sogleich empörten Vaters. Ich meinte: „Wissen Sie, ich finde schön, wenn Kinder gefördert werden. Aber bitte zur rechten Zeit am rechten Ort. Hier ist gerade Stoßzeit, und ich kann mich leider mitsamt Einkaufswagen nicht in Luft auflösen. Will ich auch gar nicht, weil ich unter anderem den Kindergarten Ihres reizenden Sohnes mitfinanziere. Ich habe das Recht, hier einzukaufen, ohne mich einschränken zu müssen. Das hier ist ein Supermarkt – kein Erlebnisspielplatz für Kinder! Kommen Sie doch am besten irgendwann an einem Montagmorgen mit dem Kleinen hierher – da gibt es sicherlich weniger Probleme. Ich sehe nicht ein, dass ich mich Ihren Erziehungsmethoden beugen soll. Im Übrigen: Es wäre eine wunderbare Gelegenheit, Ihrem übrigens sehr niedlichen Sohn beizubringen, dass man bisweilen auch warten muss, bis man an der Reihe ist. Mussten vor Ihrem Sohn schon ganz viele Menschen lernen, dass man Rücksicht nehmen muss.“

Ich war an jenem Freitag wirklich total genervt, aber es half: Der Vater war sprachlos, und ich konnte ungestört mit meinem Einkaufswagen die Kasse passieren und bezahlen. Und der kleine Sohn hat mich sogar angegrinst! 😉

Ich mag Kinder noch immer – nur eben manche Eltern nicht. Das ist keine generelle Elternkritik, und nicht alle Eltern sind Helikopter. Ich kenne ja selber viele total tolle Eltern. 😊

Nur habe ich bei gewissen Eltern heute den Eindruck, dass es sich eher um Ver- als Erziehungsberechtigte handle. Aber ich muss dazusagen, dass es das schon immer gab.

Nur nicht in diesem Ausmaß. 😉

Schon immer wollte ich Kassiererin werden … 

Nein. Eigentlich – und auch uneigentlich – nicht, denn mit Zahlen stehe ich ein bisschen auf Kriegsfuß, was sich bereits früh in meinem Leben abzeichnete. Eigentlich zeichnete es sich weniger ab – es sprang einen förmlich an, packte einen am Hals und würgte einen … Ich gebe es ungern zu, aber es ist so. 😉

Dabei mag ich Zahlen durchaus. Mit einem Plus versehen, besonders gern in höherer Variante auf meinem Konto, und als ich heute meinen Kontostand checkte, stahl sich ein breites Grinsen in mein Gesicht. Mein Gehalt war überwiesen worden – und dazu das Weihnachtsgeld. Ich liebe den Dezember, zu dem naturgemäß das Weihnachtsgeld gehört. Neben meinem Geburtsmonat ist er mein Lieblingsmonat, und das war schon so, als ich noch klein war – genauer: kleiner, durchaus viel kleiner als jetzt -, weil ja an jenem magischen ersten Dezember endlich das erste Türchen vom Adventskalender geöffnet werden durfte, sodass ich dem ersten Dezember als Kind stets entgegenfieberte. Der Dezember hat ohnehin so etwas Gemütliches an sich – zumindest dann, wenn es nicht gerade Schneestürme gibt, wenn man sich draußen aufhalten muss, sondern schön muckelig im Haus sitzt, von wo man gerührt dem munteren Schneetreiben zusehen kann. Ich beneidete meine Schulfreundin Vera immer, die am zweiten Dezember Geburtstag hatte. Sie hatte nicht nur den Vorteil der Adventskalender-Saison nebst muckeligem Feeling, sondern bekam zu Beginn des Monats und dann noch einmal am 24. Geschenke! Vera meinte dazu nur: „Bist du bekloppt? Wie gerne hätte ich im August Geburtstag – da kann man wenigstens draußen feiern! Und bei zweimaligen Geschenken in einem Monat scheint immer ein bisschen gespart zu werden.“ Sie sagte es anders, wir waren damals noch in der Grundschule, und in der Tat hatte ich immer draußen feiern können, da es an meinem Geburtstag zumeist sehr warm war. Aber – wie so oft im Leben – es wünscht der eine sich nicht selten, was der andere hat. Und umgekehrt.

Doch zurück zu den Zahlen. Ich habe nichts gegen Zahlen, ganz und gar nicht. Ich kann nur nicht so „virtuos“ damit umgehen wie mit Buchstaben bzw. Lauten. 😉 Merkwürdigerweise bevorzuge ich – bis auf die 4 – die ungeraden Zahlen. Fragt mich bitte nicht, woher das kommt – ich kann es nicht erklären. Die 1 finde ich klasse, ebenso die 3 und die 7. Es ist wahrscheinlich genauso unerklärlich, wie es für mich nicht ganz erklärbar ist, wie man zu so etwas wie einer Lieblingsfarbe kommt. Ist ein Psychologe anwesend? 😉

Als ich an der RWTH Aachen im Institut für Gießereikunde arbeitete, musste ich diverse Projektkonten betreuen – ich und Buchhaltung! Und doch klappte alles irgendwie, obwohl ich immer mit sehr, sehr spitzen Fingern dranging, stets auf der Hut und in der Erwartung, dass irgendetwas ganz furchtbar schiefgehen würde. Als mein Drittmittelvertrag final auslief, wollte mich das Institut partout übernehmen – unter anderem sollte ich die gesamte Instituts-Buchführung übernehmen. Ich lachte schallend und meinte: „Spätestens in einem Jahr wird es dieses Institut nicht mehr geben, wenn ich die gesamte Buchführung machen soll!“ Man meinte, das könne man sich nicht vorstellen. (Das glaubte ich sofort, denn Katastrophen kann man sich meist nicht vorstellen – es sei denn, man erlebt sie dann selber mit. 😉 )

Da ich aber in die freie Wirtschaft wechseln wollte und schon eine Stellenzusage hatte, kam es nicht dazu. (Ich ärgere mich noch heute in manch stiller Minute.)

Zu meiner jetzigen Stelle gehört – in sehr geringem Maße – auch ein bisschen Buchführung, aber wirklich nur sehr, sehr geringfügig, denn ich bin für die Kasse und deren Stimmigkeit zuständig. Ausgerechnet! 😉

Und heute war die erste Gegebenheit, Kasse machen zu müssen. Mit Todesverachtung machte ich mich daran, dabei ist es wirklich einfach, aber ich bin ungern für fremde Gelder zuständig, was sicherlich meinem Begabungsmangel für Zahlen geschuldet ist. Oder zumindest dem – nicht ganz falschen – Gefühl, da einen eklatanten Begabungsmangel zu haben. Wider Erwarten lief alles wunderbar, und ich atmete auf. Wieder ein „Hindernis“ aus dem Weg geräumt. Denn ich bin ja erst seit Anfang Oktober dabei und fühle mich bisweilen noch immer wie ein Vollpfosten, da ich viele Dinge noch nicht kann. Die, die ich bis dato gelernt habe, dafür durchaus gar nicht so schlecht.

Gestern wurde ich sogar massiv gelobt, als ich einen Termin mit dem Chef hatte. Ich hätte doch neulich einen Workshop mitgemacht – ihm sei zu Ohren gekommen, dass ich mich sehr lebhaft und konstruktiv daran beteiligt hätte. Das fände er total klasse. (Dabei ist das Ganze einer meiner Schwächen geschuldet. 😉 )

Es ging um Kommunikation – und das hat ja auch viel mit Reden zu tun, was ich sehr gut kann … 😉 Hinzu kam jedoch auch noch, dass da typische Arbeitssituationen nachgestellt und Videos gemacht wurden. Da ich zwar eine Rampensau bin, aber ein Problem mit Kameras habe – ich erwähnte es bereits -, dachte ich mir: „Bring dich verbal ein, damit keiner auf die Idee komme, just dich vor diese Scheißkamera zerren zu wollen!“ Es traf meine Kollegin Sarah, die bis dato stumm dagesessen hatte. Immerhin: Mein Kalkül ging auf.

Nein, ich hätte auch ohne dies meinen Mund aufgemacht, da ich ein sehr kommunikativer Mensch bin und die Tatsache, dass man niemals nicht kommunizieren könne, auf mich gemäß dem Urteil meines besten Freundes wohl besonders zuzutreffen scheint. Zumindest behauptet er das, hat aber auch Erfahrung damit – wir rasseln öfter aneinander, und er meint, er kenne keine andere Person, die derart „laut“ schweigen und ignorieren könne. (Lernt man spätestens, wenn man eine Katze hat. 😉 ) Nur an meinen Augenbrauen solle ich noch arbeiten, denn die verrieten mich stets, weil ich beide, speziell aber die rechte bei Aufeinandertreffen mit der ignorierten Person hochzöge … 😉 Und meine Augen bekämen dann so einen „schlangenhaften Ausdruck“ und „so ein ganz spezielles Funkeln“. Offenbar kommuniziere ich stark über Augen und Augenbrauen, obwohl ich doch absolute Ignoranz signalisieren möchte. 😉 Und das „Funkeln“ bedeutet auch nicht immer Ablehnung. Manchmal funkle ich auch aus Zuneigung. Ich bin ein schwieriger Fall. 😉

Das Lob freute mich jedenfalls sehr, zumal ich derzeit noch nicht so produktiv bin, zumindest nicht so, wie ich es gerne wäre – aber ich bin auch sehr ungeduldig.

Meine neue Bürokollegin Kerstin, die um einiges jünger als ich ist, meinte heute zu mir: „Eins will ich dir mal sagen: Ich glaube, wir haben es beide gut getroffen, und es passt bei uns im Zweierbüro! Ich hatte erst etwas Bedenken, weil ich dachte, dass du vielleicht darauf beharren würdest, dass du, weil du älter als ich bist, immer Recht haben müsstest. Aber du bist ja ganz anders, und ich kann mich echt nicht beklagen – im Gegenteil! Wie siehst du das?“ – „Genauso – nur halt umgekehrt. Läuft!“

Ich hoffe, es bleibt dabei. Und wenn ich nun noch meine Aversion gegen Zahlen ablege, mit denen ich künftig nicht nur kassen-, sondern auch statistikmäßig zu tun haben werde, sollte alles laufen. 😉

Drückt mir die Daumen! 😊

Lost in time – lost in space …

Dieses Gefühl hat – wie alle Dinge im Leben – zwei Seiten. Es gab schon Momente, da ich mich so fühlte, es aber durchaus angenehm war. Es gibt aber auch andere Momente …

Einer – oder vielmehr viele – davon heute. Ich musste sehr früh aufstehen, da ich um halb acht einen „wundervollen“ Termin hatte: im Luisenhospital. Genauer: in der Radiologie. Dort harrte der MRT oder Kernspin-Tomograph meiner, da bei einer regulären Untersuchung etwas entdeckt worden war, was genauer untersucht werden musste. Vor vier Wochen entdeckt, hatte ich mich nun genau diese vier Wochen durchgeschleppt, bis ich endlich einen Termin ergattern konnte.

Da die Krankenversicherungen sich just bei dieser MRT-Untersuchung sträuben, die Kosten zu übernehmen, obwohl diese nie grundlos geschieht und vielen Frauen im schlimmsten Falle das Leben retten kann, musste ich eine Einweisung zur stationären Behandlung mitbringen. (Wenn ich bedenke, welchen Humbug Krankenversicherungen jedoch unhinterfragt übernehmen, kann ich nur den Kopf schütteln, zumal eine solche MRT-Untersuchung, privat gezahlt, ein immenses Loch ins Portemonnaie reißt, denn die kostet ungelogen 1000,- Euro!) Es war auch nicht klar, ob ich nicht doch zumindest eine Nacht würde bleiben müssen. Wer mich kennt, weiß, dass ich auf die Aussicht, stationär ins Krankenhaus zu müssen, eher unruhig reagiere.

Und so hatte ich letzte Nacht auch sehr schlecht geschlafen. Meine Hausärztin hatte mir ein Beruhigungsmittel verschrieben, da ich in sehr engen Räumen nicht selten Beklemmungen bekomme, aber sie hat mir einen derartigen Hammer verschrieben, dass mir beim Gedanken, diesen nehmen zu müssen, noch zusätzlich unwohl war.

Ich nehme es mal vorweg: Ich habe auf die Einnahme verzichtet. Ich stehe nicht auf Psychopharmaka, und dazu gehört das Präparat, das sicherlich in ernsten Fällen sehr gute Dienste leistet. Aber ich beschloss, es müsse auch so gehen: „Keine Feigheit vor dem Feind – das schaffst du!“

Und ich habe es geschafft, obwohl knapp 45 Minuten in dieser Röhre, und das noch in Bauchlage, eine echte Herausforderung für Klaustrophobiker sind. (Ich hasse Bauchlage – ich gehöre nicht zu den Menschen, die auch noch bequem bäuchlings schlafen können. Das ist so, seit ich denken kann. Meine Mutter behauptet noch heute, ich hätte schon als noch kleines Baby wild protestiert, wollte sie mich in Bauchlage ins Bett legen. Woran liegt das? Ich finde, es sehe immer so entspannt aus, wenn Leute auf dem Bauch liegend schlafen. 😉)

Ich war furchtbar angespannt, als ich in die Patientenaufnahme kam. Und ich musste auch noch längere Zeit warten, obwohl ich die erste Patientin war, was mich noch nervöser machte. Aber dann wurde ich hereingerufen, und ich stieß auf Frau Özdemir, die meine Angelegenheit bearbeitete. Frau Özdemir war total nett, und wir haben viel gelacht. Sie meinte: „Frau B., machen Sie sich keine Sorgen – oft ist es blinder Alarm. Ich drücke Ihnen ganz, ganz fest die Daumen. Und ich finde sehr schön, dass Sie meine erste Kundin waren, weil Sie so freundlich und fröhlich gewesen sind, obwohl Sie offenbar Angst haben, und darüber lachen können, dass Sie ganze 14 Dokumente unterschreiben müssen. So viele Unterschriften muss man nicht einmal leisten, wenn man ein Haus kauft! Manche Patienten sind da ganz anders: nörgelig, als sei ich schuld, dass sie hierherkommen müssen. Aber Sie fand ich total nett. Und trotzdem hoffe ich, dass wir einander nicht allzu oft sehen – in Ihrem Interesse. Ansonsten gern.“

Und sie schickte mich in die Radiologie, wo ich mich anmeldete, eine Viggo gelegt bekam, was ich hasse, aber es sollte ja unter der MRT-Untersuchung ein Kontrastmittel geben, und da braucht man einen venösen Zugang. Der Assistent, der die Viggo legte, war kleiner als ich und glich einem Kubus. Einem fröhlichen Kubus, und er meinte: „Sie müssen in den Kernspin-Tomographen?“ – „Ja …“ – „Keine zehn Pferde bekämen mich da hinein!“ – „Sie machen mir ja Mut! Danke!“ Ich lachte. Er meinte: „Nein, keine Sorge – alles halb so schlimm!“ – „Ja, ich war ja wegen anderer Dinge auch schon zweimal drin, mag es aber nicht.“ – „Alles halb so schlimm. Aber mich bekämen keine zehn Pferde hinein!“ Ich musste lachen. Obwohl er nun wirklich nicht beruhigend wirkte, war doch seine Ehrlichkeit sehr sympathisch – und ich musste ja so oder so in das Ding. Da lacht man doch lieber mit. 😊 Obwohl ich in der Um- bzw. Entkleidekabine neben dem Tomographen dann fast in Tränen ausgebrochen wäre, so angespannt war ich.

Dann ging es los. Ich musste mich zu 50 Prozent entkleiden und durfte kein Metall tragen. (Dass ich in der linken Hosentasche noch Wechselgeld hatte – gestern in Eile dort deponiert und dann vergessen -, merkten wir auch erst, als ich aus dem Tomographen wieder herausgefahren wurde, aber die sehr nette Assistentin meinte, es sei nicht schlimm, da die Körperteile, die untersucht wurden, nicht auf Höhe meiner Hosentasche lagen. 😉 Mir war es nur ein bisschen peinlich, aber die Assistentin lachte und meinte: „Es ist doch alles okay – ich habe auch oft -zig Euro in den Hosen- und Jackentaschen!“ Na, dann! 😉

Ich musste mich bäuchlings auf die fahrbare Liege legen, an die Viggo in meinem Arm wurde ein Infusionsschlauch angeschlossen, man wies noch einmal darauf hin, dass ich mich um Himmels willen nicht bewegen dürfe, und man gab mir den Rat, am besten die Augen zu schließen und eine Einkaufsliste zu machen. Oder an etwas Schönes zu denken. Dann stülpte man mir Kopfhörer über und legte mir den Alarmknopf zwischen die beiden Hände, die malerisch vor meinem Kopf ausgestreckt lagen. Den Kopf hatte ich nach links gedreht und in das Kissen geschmiegt, das am Kopfende lag. Es hätte etwas praller sein können, das Kissen … 😉

Und so fuhr man mich in den Tomographen, der sich schon warmgelaufen hatte und – von außen – Geräusche machte wie meine Waschmaschine, kurz bevor sie vom letzten Spül- in den Schleudergang wechselt. Und ein bisschen wie eine Waschmaschinentrommel sieht dieser Tomograph auch aus … Ein bisschen beruhigte mich der typische Siemens-Schriftzug, den er trug. Man krallt sich in bedrohlichen Situationen ja gern an Bekanntes und Vertrautes, und mein Herd, Backofen und Spülmaschine sind von dieser Firma, in der mein Vater als Jungingenieur vor langen Zeiten gearbeitet hat. 😊

Drinnen wurde es dann interessant. Wer noch nie in einem Kernspin-Tomographen war, sollte sich auf bisweilen irritierend klingende Geräusche und Lautabfolgen gefasst machen. In Beschreibungen für unerfahrene Patienten steht oft: „Zu Beginn wird Sie das dezente Klopfen des Tomographen vielleicht irritieren, aber das gibt sich bald.“ Habe ich durchaus schon öfter gelesen. Und dann schallend gelacht. „Dezentes Klopfen“!

Es beginnt stets mit einem lauten und Mark wie Bein durchdringenden Tock-tock-tock-tock-[…]. Das ist zwar ein Klopfen, aber gewiss nicht „dezent“, und ein Glück, dass man Kopfhörer und/oder Ohrstöpsel hat. 😉 Das Tock-tock geht dann erst einmal ein bisschen. Dann bricht es ab. Stille – wie schön. Doch dann! Dann kommt die nächste Sequenz: Dengel-dengel- dengel- dengel- dengel-[…] Und das geht wie die Tock-tock-Phase auch einige Minuten so.

Kaum daran gewöhnt, folgt nach einem kurzen Moment der Stille dann Klong-klong-klong-klong-klong-[…]. Und danach folgt die Dröhn-Phase, die durch Kling-kling-kling-kling-kling-[…] abgelöst wird. Dann folgen einige Disharmonien und die Schepper-Phase.

Dann kommt das Kontrastmittel und noch weitere Dengel-, Tock-tock-, Dröhn-, Schepper- und sonstige Geräuschphasen …

Mir war jegliches Raum- und Zeitgefühl abhandengekommen, irgendwann. Es gab immerhin drei Momente, da ich fast den Alarmknopf gedrückt hätte. Aber ich riss mich zusammen und stellte fest: „Man braucht gar kein Beruhigungsmittel, wenn man nur genügend Kinderlieder kennt, die gefühlt tausend Strophen haben!“ 😉 Denn – Dank an meine neue Kollegin Kerstin, die mich neulich an dieses Lied erinnerte, das ich lange vergessen hatte – ich rettete mich mit dem netten, aber höchst meditativ wirkenden Lied Ein Schneider fing `ne Maus mit ungezählten Strophen aus der ersten Notsituation, das ich zwar nicht sang, aber ganz, ganz leise vor mich hin summte, während in meinem Kopf der zugehörige Text abgespult wurde. Danach kam dann Ten Green Bottles, ein englisches Kinderlied, mit dem Kinder die Zahlen bis 10 lernen – nette, schmissige Melodie, ansonsten aber eher eintönig-beruhigend. (Ich hatte dieses Lied selber mit einem kleinen Nachhilfeschüler wieder und wieder gesungen, der sich mit den Zahlen im Englischen schwertat.) Und danach kam Ein Hund kam in die Küche … 😉 Und zuletzt Row your boat. Das hat zwar nur wenige Strophen – ich kenne nur zwei -, wirkt aber sehr aufmunternd. 😉

Nur einmal noch ein Schreckmoment: Nach einer Phase relativer Stille dröhnte der Tomograph plötzlich wie eine Schiffs-Alarmsirene, und ich schrak fast hoch, im Impuls: „Alle Mann von Bord! Frauen und Kinder zuerst!“ zu schreien. 😉 Allein die Aussicht, damit die Untersuchung zu versauen und noch einmal in dieses dengelnde Ding zu müssen, konnte mich davon abhalten.

Nach den vierzig Minuten, die die Klaustrophobiker-Folter gedauert hatte, war ich erlöst. Und hatte dann noch ein Gespräch mit der Oberärztin in der Radiologie, die „nichts Besorgniserregendes“ gefunden hatte, aber riet, mich leise zu freuen, da ihr Chef noch einen Blick auf die Aufnahmen werfen müsse. Ich gehe davon aus, dass sie mir das nicht gesagt hätte, gäbe es größere Zweifel. Man muss ja auch die Arbeitshierarchie beachten. Ich hoffe, dass es sich nur darum handle. 😉 Am Montag habe ich dann einen Termin bei ihrem Chef.

Ich bin in mehrerer Hinsicht erleichtert. 😊 Und dazu fällt mir nur eines ein:

Row, row, row your boat,
Gently down the stream.
Merrily, merrily, merrily, merrily,
Life is but a dream.

Row, row, row your boat,
Gently down the stream.
And if you see a crocodile,
Don’t forget to scream. (Ahh!)

Euch einen schönen Tag! 😊 Meiner ist seit kurz vor 10 erheblich schöner. 😊

Pfui Teufel! Ali sexistisch …

Ich hasse erwiesenen (!) Sexismus – völlig egal, in welche Richtung und aus welcher Richtung er ergeht. Und doch musste ich mich heute selber dabei ertappen, wie ich sexistisch – oder chauvinistisch – reagierte. Der Kontext mutet nahezu albern an, wenn man die Hintergründe kennt … 😉

Denn es geschah beim Autofahren, und jeder, der mich ein bisschen kennt, weiß, wie lange ich Autofahren gehasst habe. Also: das eigenhändige und -ständige Fahren. Wohlgemerkt. Und ich bin – das gebe ich auch offen zu – keine Meisterfahrerin, aber laut Jeannette, meiner Auffrisch-Fahrlehrerin aus dem letzten und dem kommenden Jahr (denn ich habe beschlossen, die Autobahnübungen auf nächstes Jahr zu vertagen – oder heißt das dann „verjahren“ oder „verjähren“? 😉 ), sei ich eine – nach den letztjährigen sechs oder sieben Auffrisch-Fahrstunden – recht dynamische, aber vorausschauende Fahrerin, und sie wisse gar nicht, warum ich ein Problem hätte. (Als ich ihr den Hintergrund erklärte, meinte sie: „Okay, das kann ich verstehen – aber trotz und alledem gibt es keinen Grund, warum du Autofahren hassen solltest, denn du fährst doch prima, wenn du den inneren Schweinehund nur überwunden hast.“)

Heute früh fuhr ich wie gewohnt los, wenn nicht gerade Montag ist – denn da bevorzuge ich doch den ÖPNV, weil ich ansonsten die Autobahn nutzen müsste …

Okay, es hatte schon blöd angefangen, denn der Mini links neben mir schien ein inniges Verhältnis mit meinem kleinen Monty eingegangen zu sein, und ich konnte die Fahrertür nur in einem sehr geringen Winkel öffnen und musste mich irgendwie ins Auto schlängeln, was in einer Winterjacke nicht ganz so geschmeidig geht wie sommers ganz ohne Jacke. Aber es ging irgendwie, und ich parkte aus, nachdem die zahlreichen Autos, die die Baustelle auf der L […] dadurch umgehen wollten, dass sie nicht die vorgegebene Umleitung nahmen, sondern doch lieber die Straße, in der ich wohne und in der Tempo 30 vorgegeben ist. Die ganz besonders schlauen Umleitungsverweigerer fuhren allesamt schneller, und ich hoffte auf die nächste Rotphase der nächstgelegenen Ampel. (Und darauf, dass nicht Frau Sieling mit der kleinen Bella unterwegs sein möge. Bella ist ein Hundekind, ein Welpe, der gerade daran gewöhnt wird, auch leinenlos zu gehorchen. Die kleine Bella habe ich in mein Herz geschlossen – sie ist ein Spitzwelpe, und ich liebe Spitze, weil eine der schönsten Hunderassen oder -arten, die ich kenne, trotz ihres schlechten Rufs, den sie zu Unrecht haben. Sehr intelligent sind sie, hübsch obendrein und keineswegs Kläffer oder Wadenbeißer. Sickig werden sie nur – wie so viele andere „verschrieene“ Hunderassen, aber auch Menschen -, wenn sie keine sinnstiftende Aufgabe haben. 😉 )

Zum Glück folgte wohl recht rasch eine Rotphase, und ich parkte aus und fuhr aus meiner Wohnsiedlung hinaus Richtung Hauptstraße. Rasch auf diese abgebogen, fuhr ich meiner Wege, bis ich links abbiegen musste. Ich ordnete mich ein, stand ganz vorn an erster Stelle, blinkte links und hoffte auf einen raschen Phasenwechsel.

Der kam dann auch, und ich fuhr an, beschleunigte, hatte aber im Hinterkopf, dass auf der zweispurigen Straße recht oft die rechte weiter hinten von einem LKW blockiert wird, einem Autotransporter, da ein Autohaus an dieser Straße liegt und regelmäßig beliefert wird. Also hielt ich mich links, blieb auf der linken Spur. Das war auch gut so, denn heute war Anliefertag … 😉

Aus der Gegenrichtung war ein roter VW Golf gekommen, Rechtsabbieger, der auf die von mir befahrene Straße wollte, aber keine Vorfahrt hatte, was ihn jedoch nicht zu kratzen schien, denn er raste ungeachtet des allseits bekannten dreieckigen und auf einer Spitze stehenden Schildes mit weißem Zentrum und rotem Rand einfach um die Kurve, als handelte es sich um eine Autobahnauffahrt, auf der die rechte Spur frei war. Ich sah es, sah, wie er auf die rechte Spur fuhr. Nun ja, ziemlich bescheuert, wie der Typ fuhr. So dachte ich, als ich meinerseits beschleunigte und vom dritten in den vierten Gang schaltete.

Doch da blinkte der rote Golf plötzlich links, was ja an sich durchaus alles andere als ein Fehler ist (es wird heutzutage viel zu wenig geblinkt 😉 ), aber mit dem Blinken allein ist es noch lange nicht getan, wenn man nicht in die Spiegel blickt oder sich umsieht, denn er blinkte nicht nur kurzfristig, sondern scherte noch viel knapper aus, so dass ich einen guten Blick auf seinen linken Kotflügel hatte, der in ungünstigem Winkel und viel zu knapp vor meinem eigenen Vehikel stand, obwohl ich auf das Blinken hin schon den Fuß vom Gas genommen hatte. Schert einfach blind aus, nachdem er schon wie ein Bekloppter abgebogen ist, wahrscheinlich, weil er dachte: „Oops, da steht ja ein Hindernis auf meiner Spur! Huch! Schnell weg!“ Denn Bremsen und Stehenbleiben ist ja für Loser.

Ich musste eine Vollbremsung einlegen, und zum Glück rauschte mir niemand ins Heck. Und dann, als der VW-Golf-Idiot ganz knapp vor mir ohne Kollision – nicht sein Verdienst – die linke Spur befuhr, hupte ich. Lange und andauernd, aber immerhin habe ich nicht gestikuliert. Es wäre gar nichts Gutes dabei herausgekommen. Geflucht habe ich auf alle Fälle, und möglicherweise habe ich auch noch ziemlich bedrohlich dreingeblickt. Jedenfalls driftete der Golf in die Einfahrt der Tankstelle, die ebenfalls an der Straße liegt und bei der ich für gewöhnlich tanke. Ich überlegte, ebenfalls abzubiegen und den Fahrer zur Rede zu stellen. Zumindest blinkte ich rechts und fuhr auf die rechte Spur, und da sah ich, der Fahrer des Golf war eine Frau. Etwa so alt wie ich, eindeutig erschrocken, aber perfekt gestylt.

Und da kam er: der Sexismus. Denn ich schnaubte: „Typisch! Frau am Steuer, und die Spiegel sind einzig dafür da, das Make-up aufzufrischen!“

Ich erschrak über meine eigenen Gedanken und fuhr lieber weiter, obwohl ich am liebsten ausgestiegen wäre, um ein paar zünftige Worte zu verlieren. Und noch jetzt ärgere ich mich – wäre ich mal ausgestiegen und hätte die zünftigen Worte verloren!

Auf der anderen Seite: Es ist sicherlich besser so, denn wenn ich „zünftige Worte“ verliere, hätte ich nun ganz gewiss eine „#metoo-Verleumdungsklage“ am Hals und stünde als böse Sexistin wider das eigene Geschlecht am Pranger, denn ich bin mir sicher, dass ich die Begriffe Spiegel, einzig, Make-up und auffrischen benutzt hätte. 😉

Was lernen wir daraus? Ich bin offenbar keine typische Frau. Und: Die Frau ist der Frau ein Wolf. Aber auf der anderen Seite: Wenn ich keine typische Frau bin, kann ich auch anderen Frauen kein Wolf sein. Ist logisch. Oder nicht?

Und: Blinken allein genügt nicht. Man muss genau hingucken. Eine Kombination aus Blinken und Gucken wäre optimal. 😉

In jedem Falle kam ich heute nicht ganz so gelassen bei der Arbeit an, war aber so hellwach, wie meine neuen Kollegen mich noch nie erlebt hatten. Dem Adrenalin sei Dank. Wahrscheinlich muss ich viel gelassener werden. Ungefähr so wie meine fränkische Nenntante Beate, von der ich heute erfuhr, dass sie gestorben sei. Deren Gelassenheit und Ruhe habe ich immer bewundert, und sie hätte sicherlich niemals das Bedürfnis verspürt, der blindlings drauflosfahrenden Fahrerin von heute früh ein paar direkte Worte zu sagen, ihr gar eins auf die Zwölf zu geben. (Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass dieses Bedürfnis heute früh kurzzeitig aufkam, aber ich bin ja zum Glück zivilisiert. 😉 )

Daher ist dieser Beitrag für meine Tante Beate, und das in der Hoffnung, dass ihre Ruhe und Gelassenheit auf mich abfärben möge, wenn Unrecht geschieht. Oder ich sexistisch zu werden drohe. 😉

Euch einen schönen Abend! 😊

Ein Ausgleich wäre schön …

Hier sitze ich nun, soeben heimgekehrt von des Montags Horror. Denn der Montag ist nicht nur ganz normal der furchtbarste Wochentag für mich, sondern ganz speziell im Moment. Morgens quasi mit den Hühnern (welche Hühner eigentlich – ich habe keine Hühner …) aufstehen, ergo „vor Tau und Tag“, wie man so hübsch sagt, um dann um sieben Uhr bei der Arbeit zu sein, da ich um vierzehn Uhr schon wieder die Biege machen muss. Und das bei all meinen Minusstunden … Zum Ausgleich bin ich an den Montagabenden immer erst gegen zwanzig Uhr dreißig oder gar später zu Hause.

Auf meiner alten Stelle wäre mir etwas Derartiges gar nicht in den Sinn gekommen – so früh bei der Arbeit zu sein! Aber ich habe seit Anfang Oktober eine neue Stelle, und da will ich nicht gleich noch viel mehr Minus machen. So etwas sieht immer irgendwie blöd aus, finde ich. Zumal mein neuer Chef sehr kooperativ ist und mich immer anfeuert, unbedingt auch meiner eigentlichen Berufung nachzukommen, und das bedeutet, jeden Montag zusätzlich zur Vollzeitstelle zu einer der Unis der Nachbarstädte zu fahren, um dort ein Seminar zu leiten, das mit dem von mir erfolgreich studierten und absolvierten Fach in gewisser Weise Hand in Hand geht. 😉 (Das ist total nett und gut gemeint, aber derzeit befinde ich mich – da ja noch in der Einarbeitungsphase meiner neuen Stelle – im Vollstress.)

Am schlimmsten ist der Weg hin und zurück – das Seminar selber macht Spaß. Ich leite solche Seminare ja auch schon seit neun Jahren, und das macht mir wirklich große Freude, was wohl daran liegt, dass ich eine kleine Rampensau bin (was ich auch erst durch die Seminare erfahren habe) und gern mit Menschen arbeite.

Als ich heute Abend nach der Session in der S-Bahn saß (meine Autobahnaversion liegt noch immer nicht ad acta …), schoss mir plötzlich folgender Gedanke durch den Kopf: „Du brauchst dringend einen Ausgleich! Irgendetwas Sportliches am besten!“ Und ich überlegte …

Laufen? Nicht so mein Ding – außerdem bin ich Raucherin. Nordic Walking? Och nee – wenn ich mit Stöcken durch die Gegend stoche, dann doch gleich Ski! Aber das traue ich mich nicht. Und Schnee ist hier Mangelware. Es gäbe zwar die Möglichkeit von kunstschneegeprägten Institutionen – aber da ist zuviel Publikum. Das geht gar nicht.

Schwimmen? Nee – auch nicht so mein Ding, es sei denn, in einem Pool, der mir gehörte …

Fußball? Sehe ich zwar sehr gern. Aber selber spielen? Nee. Basketball? Zu klein, wie schon in der Schule im Sportunterricht klar war. Ich wurde von meiner Sportlehrerin immer Miss Bounce Pass genannt, denn die Pässe, die über den Boden gingen, waren die einzigen, die ich spielen und annehmen konnte. Alles, was in oder über Brusthöhe an Pässen von mir versucht wurde, führte nur dazu, dass jemand, der größer war als ich, wie aus dem Boden gewachsen vor mir stand, als er sah, was ich plante, mir den Ball abnahm und sich höflich dafür bedankte. Demütigend. Denn die meisten in meinem Sportkurs waren größer als ich, und so verlagerte ich mich auf die Bounce Passes. Die beherrschte ich aber dann auch recht gut. 😉

Zumba? Ich kenne einige Leute, die Zumba machen. Alles Frauen. Und die sind total ehrgeizig. Bei der Vorstellung, mit lauter derart ehrgeizigen Geschlechtsgenossinnen antreten zu müssen, verschlug es mir gleich die Lust, denn ich musste mit Schaudern an die einzige Stunde Step Aerobic denken, die ich beim Hochschulsport in Aachen mitgemacht hatte … Zum Glück war ich nicht die einzige Bewegungslegasthenikerin … 😉

Dann schoss mir etwas durch den Kopf, das ich früher so gern getan habe: „Vielleicht solltest du doch wieder mit Reiten anfangen!“ Ich muss zugeben, dass diese Idee mir alle Jahre wieder durch den Kopf geistert. Reiten ist ein schöner Sport, vor allem so, wie ich es mag: keine Turniere, kein Ehrgeiz, einfach nur Freizeitreiten. Außerdem liebe ich Tiere sehr, und Pferde ganz besonders.

Na, also! Da hatte ich doch etwas gefunden!

Doch als der Zug in Castrop-Rauxel gehalten hatte und erneut anfuhr, ereilte mich eine furchtbare Erinnerung, die schon sehr lange zurückliegt, und doch war es so, als wäre es erst gestern geschehen …

Ein wunderschöner Oktobertag, die Sonne scheint, und man kann wirklich von goldenem Oktober sprechen. Es ist Samstag, und ich sitze im Auto mit Bea, meiner besten Freundin, ihrem Bruder Tobias, und ihrer beider Mutter, die das Auto fährt. Es ist eines dieser wunderbaren Wochenenden, an denen ich bei Bea übernachten darf, und wir sind unterwegs mitten in die Hohe Mark, um dort bei einem Mietstall drei Pferde zu mieten und auszureiten, während Beas und Tobias‘ Mutter mit dem Familienhund einen längeren Spaziergang machen möchte. Und so geschieht es dann auch.

Bea und Tobias, beide im selben Reitverein wie ich, bekommen zwei etwas kleinere Pferde, einen Schimmel und einen Rappen, und ich bekomme ein relativ großes Pferd, eine braune Stute. Das Tier sieht freundlich und harmlos aus, stupst seine Nüstern vorsichtig gegen meine Nase, und so mache ich mir natürlich gar keine Gedanken … 😉

Und schon reiten wir los. Wunderbare Stimmung, alles herbstlich, die Sonne scheint golden vom Himmel, es riecht nach Pilzen. Also ein echtes Konglomerat von Dingen, die ich mag, und das noch zu Pferd – was könnte es Besseres geben?
Zunächst reiten wir Schritt, man muss ja nicht gleich übertreiben. Doch irgendwann meinen Bea und Tobias, es sei doch nun an der Zeit, ein wenig zu traben und dann auch zu galoppieren. Und schon traben sie los. Da wir ausbildungstechnisch auf gleicher Höhe sind, gebe auch ich die erforderlichen Hilfen, aber Stella, mein Ausreit-Mietpferd, reagiert nicht. Sie latscht lieber weiter Schritt und zupft hie und da an ein paar Gräsern, indem sie mir die Zügel brutal aus den Händen reißt. Noch sind Bea und Tobias in Sichtweite.

Mir fällt spontan auf, dass ich die Einzige bin, die vom Vermieter eine Gerte in die Hand gedrückt bekommen hat, und das mit dem freundlich-zurückhaltenden Hinweis, es gebe Situationen, da brauche man diese, obwohl Stella natürlich ein absolut superliebes Pferd sei. Ich mag ihr aber nicht gleich beim ersten Vorfall eins auf den Arsch geben, was ich ohnehin nicht gern tue, und so versuche ich es weiter mit den gängigen – und bei den meisten Pferden erfolgreichen – Hilfen. Aber Stella ist nicht „die meisten Pferde“, und erst, als Bea und Tobias um die nächste Wegbiegung herum und außer Sichtweite sind, reagiert sie. Und wie! Sie wiehert und trabt unvermittelt los. Solch einen Trab habe ich noch nie erlebt und vermute, sie müsse Traber unter ihren Vorfahren haben, denn Stella ist in dieser Art Trab schneller als manch anderes Pferd im Galopp! Es ist nur halt für den Reiter nicht so bequem. Aussitzen ist ganz furchtbar, und die Frequenz im leichten Trab höher als alles, was ich bis dato erlebt hatte …

Irgendwann galoppiert sie dann sogar, und das kann sie erstaunlich bequem, und mit freudigem Wiehern, eher einem eselartigen Trompeten, begrüßt sie ihre beiden Kumpels, die von Bea und Tobias ganz normal geritten werden. „Endlich wieder bei der Herde!“ So klingt es. Nun – ich hatte sie von ihrer Herde gar nicht fernhalten wollen. Ganz im Gegenteil. 😉

Es war ein recht anstrengender Ausritt, denn anfangs mussten Bea und Tobias an Wegbiegungen, gar -kreuzungen, geduldig warten, bis ich mit dem trompetenden „Esel“ Stella endlich ankam. Meine Beine waren da schon fast gefühllos, nachdem sie Stellas offenbar komplett gefühllosen Flanken wiederholt und erfolglos Hilfen gegeben hatten, bei denen andere Pferde sofort wissen: „Oh! Ich soll wohl schneller gehen! Na, dann mache ich das doch mal.“ Und Bea, die Tiere sehr liebt, meinte irgendwann: „Du hast doch eine Gerte – zieh ihr eins über!“

Damit tat ich mich ein bisschen schwer. Es war ein Verleihpferd, und die haben es ohnehin schon schwer und kein schönes Leben. Kein Wunder, wenn sie dann irgendwann „schräg drauf“ sind. Aber es gab eine Situation, da ich die Gerte in der Tat zum Einsatz brachte, als es wirklich angemessen war.

Ab diesem Zeitpunkt verwandelte sich „mein“ Pferd. Es ging, wie es sollte, und das ganz ohne Gerte. Es galoppierte, wenn ich die entsprechenden Hilfen gab. Und der Ausritt wurde schön.

Zumindest für einige Zeit, bis wir auf einer Waldwiese waren und mal sehen wollten, was die Pferde wohl so an Dressuraufgaben könnten. Die beiden Pferde, die von Bea und Tobias geritten wurden, waren recht unterschiedlich hinsichtlich ihrer Ausbildung: Während Tobias‘ Schimmel problemlos mehrere Schritte rückwärts ging, wenn er die entsprechenden Hilfen zum „Rückwärtsrichten“ bekam, stieg Beas Rappe sogleich.

Stella hatte auf so einen Scheiß offenbar gar keinen Bock. Zwar trat sie drei, vier Schritte zurück, als ich diese Übung ausprobierte. Doch dann hielt sie inne, zunächst ganz ruhig. Aber dann preschte sie unerwartet nach vorne, um plötzlich ihre Vorderhufe in den Boden zu stemmen! Ich hatte den Fehler begangen, ihre anfängliche Ruhe dazu zu nutzen, mich im Sattel zurechtzurücken und ein bisschen entspannter in die Runde zu blicken. 😉

Durch diese plötzliche Attacke jedoch sauste ich nach vorne. Meine Knie klemmte ich an den Sattel, und zunächst sah es auch so aus, als würde ich meine Balance wiederfinden und ganz normal im Sattel wieder einsitzen. Doch da senkte Stella ihren Kopf. Just in dem Moment, da es auf Messers Schneide stand, ich mein Gleichgewicht beinahe wiedergefunden hatte. Eine Sache von Sekundenbruchteilen. Sie senkte den Kopf (wahrscheinlich, um zu grasen), ich verlor die Balance und – so Bea – fiel so elegant vom Pferd, und das in einem Salto, wie sie noch nie jemanden vom Pferd habe stürzen sehen. Und das Ganze auch noch quasi in Zeitlupe …

Zum Glück hatte ich die Zügel festgehalten (lernt man von der ersten Reitstunde an), war allerdings auf einem etwas matschigen Fleck gelandet, wollte mich erst einmal vom gröbsten Dreck befreien, und so drückte ich Bea die Zügel in die Hand: „Würdest du bitte mal halten?“ Und nach erfolgter Grundreinigung saß ich wieder auf und wollte gerade Bea die Zügel aus der Hand nehmen, als Stella sich herumwarf und lospreschte! Bea hatte zu früh die Zügel losgelassen, da sie glaubte, ich hätte bereits alles im Griff! Und so saß ich auf diesem durchgehenden Pferd quasi „freihändig“, denn die Zügel, die ich nicht in den Händen hielt, flatterten wild, und das Einzige, was ich sah, war ein gigantischer Nadelbaum, wahrscheinlich eine Kiefer, auf die Stella zuhielt. Es ist nur meinem festen „Knieschluss“ zu verdanken, dass ich oben blieb, und kurz vor dem Baum bekam ich auch das Heft bzw. die Zügel wieder in die Hand … Knapp überlebt.

Der Rückweg war auch spannend, da Stella auf einem Wegstück, da rechts des Weges Stacheldraht gespannt war, wider alle Hilfen und Nach-links-Stellen einen immensen Rechtsdrall bekam, so dass mein rechtes Bein dem Stacheldraht gefährlich nahekam. Es war irgendwann so drastisch, dass ich mitten im Galopp meinen rechten Fuß aus dem Steigbügel nahm, dessen Riemen ich vorsichtig festhielt, damit der Bügel dem Pferd nicht gegen den Bauch schlüge. Dann legte ich den Steigbügel über Stellas Hals und hob mein rechtes Bein ebenfalls darüber, das ich vor der linken Sattelpausche ablegte und abstützte, wobei ich mich ein bisschen nach rechts hinten legte. Reiten im Damensitz ohne Damensattel, aber im Galopp – ich war froh, dass ich früher voltigiert hatte und im Bein-über-den-Pferdehals-Schwingen ziemlich gut war. Ein Wunder, und das bis heute, dass ich nicht den Abgang machte. Doch zum Glück kam uns da Beas und Tobias‘ Mutter mit dem Familienhund entgegen, und Stella verzögerte ihr Tempo, was in dieser Damensitz-Situation auch nicht ganz ungefährlich war, aber ich schwang schnell mein rechtes Bein wieder über ihren Hals und überlebte erneut knapp.

Der restliche Heimweg war im Grunde harmlos, bis auf die Wespe, die mich plötzlich umschwirrte und dann im Sturzflug in Stellas Mähne flog. O Gott! Das nicht auch noch! Was würde passieren, würde sie zustechen? Und todesmutig griff ich in des Pferdes Mähne, griff die Wespe, frei nach dem Motto: „Besser ich, als das Pferd! Denn so bin ich nur beschädigt, anderenfalls könnte es mehrere Tote geben, da dieses Pferd offenbar suizidgefährdet ist.“ Und ich dachte damals: „Reiten kann so richtig scheiße sein! Zum Glück bin ich den Zossen gleich los!“

Aber als ich Stella dem Vermieter wieder aushändigte, stupste sie erneut ihre Nüstern gegen meine Nase und knabberte an meinem Jackenärmel. Offenbar mochte sie mich. Ich streichelte sie, drückte sie sogar und meinte: „Das war ein echt schöner Ausritt! Vor allem jetzt – rückblickend betrachtet, und zumal ich überlebt habe!“ Der Vermieter grinste und meinte: „Du hast dich offenbar tapfer geschlagen, und Stella scheint dich zu mögen. Das kommt nicht oft vor.“

Wahrscheinlich war sie überrascht, dass ich oben geblieben war – zumindest die meiste Zeit – und wollte mir Respekt zollen. Und als wir im Auto saßen und zurückfuhren, meinte Tobias: „Ich wollte ja nichts sagen, aber ich hatte Stella auch schon mal bei einem Ausritt, und seitdem bin ich bedient. Du hast dich echt tapfer geschlagen, Ali! Ich bin damals zu Fuß nach Hause gegangen.“

Seit damals habe ich mir geschworen, um derartige Mietställe einen großen Bogen zu machen. Und ich zweifle nach dieser Erinnerung daran, ob ich wirklich wieder reiten möchte … 😉

„Wenn es geht, erst nach der Tagesschau!“

Gestern rief mich unerwartet eine alte Freundin, Jadranka, an, und sie meinte: „Ali – das glaubst du nicht! Da sagt der Typ zu mir …“ – „Stop!“ rief ich und fügte hinzu: „Jetzt mal ganz in Ruhe. Was glaube ich nicht – und welcher Typ?“

Jadranka holte tief Luft und schnaubte: „Na, der, den ich seit sechs Wochen date!“ Ich stutzte, staunte und meinte: „Na, da hast du mir immerhin einiges voraus. Ich traue mich das ja gar nicht.“ – „Mag sein, hör einfach zu!“ schrie sie, und ich spürte förmlich, wie sich ihre Haupthaare zu einem Kamm aufrichteten. Nein, ich sah diese kapillargefäßtechnische Metamorphose ganz plastisch vor mir, denn Jadranka hatte seit jeher die – unfreiwillige – Angewohnheit, dass sich ihr Haupthaar sträubt, sobald sie sich über irgendetwas wirklich massiv aufregt. Als ich sie noch nicht so gut kannte, verspürte ich Ehrfurcht vor dem Volumen ihrer Haare, und einmal hatte ich sie gar gefragt, ob sie eine besondere Spülung oder ein anderes „hair treatment“ nutze, was zu großer Irritation und zum finalen Ausruf Jadrankas führte: „Ich benutze keine Spülung! Ich bin einfach nur scheißsauer!“ Und wenn Jadranka scheißsauer ist, sträuben sich ihre Haare unfreiwillig auf eine Weise, die andere Menschen höchst freiwillig mittels Haargels, -wachses oder sonstiger Hilfssubstanzen herzustellen niemals in der Lage wären. 😉

Gestern schien sie sogar doppelscheißsauer zu sein, denn sie schrie derart ins Telefon, dass mein linkes Trommelfell jetzt noch zu flattern scheint. Zumindest höre ich seit gestern ein enervierendes Fiepen – ich hoffe, es ist kein Hörsturz, denn dann ist nicht nur Jadranka auf den Typen sauer, sondern ich auch. 😉

Es habe sich alles ganz nett angelassen, schrie Jadranka ins Telefon, denn der Typ, der sich Fritz nannte, obwohl er wohl wirklich Ernst-Friedrich heißt, wie sie auch erst beim letzten Treffen herausgefunden habe, sei sehr sensibel gewesen. Und es sei ja wirklich wünschenswert, wenn der Partner sensibel sei. So kreischte sie mir ins Ohr.

„Wo ist das Problem?“ kreischte ich zurück. Ich kreische selten, aber gestern ging es nicht anders, denn das widerliche Fiepen in meinem linken Ohr kompromittierte mein ansonsten makelloses Gehör (ich sehe schlecht, dafür höre ich brillant – ein Ausgleich muss ja her). „Sei doch froh!“ schrie ich, aber Jadranka brüllte: „Sei doch froh, sei doch froh! Du weißt ja gar nicht, wovon du sprichst!“

Und dann ging es los … Man verständige sich zumeist über WhatsApp, und nachdem er ihr mitgeteilt habe, er müsse die ganze Zeit an sie denken, sei es im Grunde nur noch an ihr, Treffen vorzuschlagen. Und beim ersten Treffen nach dem initialen solchen, das harmlos in einem Café stattfand, habe er ihr dauernd an die Wäsche gewollt!

Ich lachte und meinte: „Naja, das gehört dazu!“ – „Ja, aber inzwischen habe ich den Eindruck, es gehe nur darum! Schicke ich eine WhatsApp, ob wir telefonieren sollen, kommt nur: ‚Ok.‘ Und dann rufe ich an. Und er ist immer ganz erfreut, aber mal selber auf die Idee kommen … Nee!“

„Vielleicht ist er schüchtern,“, wandte ich ein, wurde aber erneut angekreischt: „Schüchtern?!? Von wegen! Kürzlich habe ich ihn besucht, und wir tranken ein paar Gläser Wein. Danach war von Schüchternheit nichts mehr zu merken!“ – „Naja, du bist hingefahren und hast – obwohl mit dem Auto da – ein paar Gläser Wein getrunken …“ – „Ja, trotzdem!“ schrie Jadranka. „Und dann das Ganze am nächsten Morgen!“

O Gott! Was war passiert? Vorsichtig fragte ich nach …

„Am nächsten Morgen wurde ich früh wach und wollte ihn in den Arm nehmen, als ich sah, dass er wohl auch nicht mehr schlief. Ich beugte mich über ihn und nahm ihn in den Arm. Und dann …“

„Was dann?“ fragte ich neugierig, und Jadranka kreischte: „Da hat der total laut gekreischt! ‚Aaaaaaah!‘ So in etwa!“ Und sie machte es nach. Es klang, als quälte man ein Tier …

„War es draußen hell oder dunkel?“ fragte ich. „Du blöde Kuh! Ich weiß genau, was du damit sagen willst!“ brüllte Jadranka. „Es war dunkel! Er konnte gar nicht sehen, dass ich wie ein Waschbär aussah, weil mein Make-up verschmiert war!“

Ich schüttelte meinen Kopf, weil meine Ohren klingelten. Dann meinte ich: „Na, siehst du. Er hat gar nicht sehen können, dass du total scheiße ausgesehen hast! Es ging gar nicht um dein Aussehen!“ [Da ich außer Ja und Nein, Guten Tag, Gute Nacht, Du blöder, furzender Esel und den Zahlen von 1 bis 10 die kroatische Sprache nicht beherrsche, weiß ich bis heute nicht, was Jadranka daraufhin brüllte, aber es klang beeindruckend, und ich glaube fast, sie erwähnte meine Mutter. Obwohl … Die kennt sie doch gar nicht …]

Jadranka schnaubte dann noch: „Und sein Sohn heißt Franz! Der ist fünf Jahre alt! Wie kann man ein so kleines Kind so nennen! Typisch Deutsche – geben ihren Kindern total altmodische Namen, weil es in ist! Armes Kind!“

„Wann triffst du dich denn wieder mit Fritz?“ fragte ich. „Das weiß ich nicht! Der ist total pedantisch! Als ich auf der Terrasse eine rauchen war, was er schon schändlich fand, habe ich beim Hereinkommen wohl ein bisschen Schmutz an meinen schönen Overknees gehabt und auf den Marmor getragen. Da sah ich schon sein Gesicht – schmerzverzerrt. Und er wies mich darauf hin, doch bitte ein bisschen vorsichtiger zu sein. Aber dann wurde es netter … Halt bis auf den nächsten Morgen. Da meinte er zum Abschied, er würde sich freuen, würden wir abends telefonieren. Und als ich abends per WhatsApp fragte, ob wir telefonieren sollten, schrieb er zurück: ‚Ja, aber wenn es geht, erst nach der Tagesschau!“ Den Rest verstand ich nicht, da sie da schon wieder auf Kroatisch fluchte … Ich verstand nur ganz zu Anfang das Wort „Spießer“, denn das sagte sie auf Deutsch – möglich, dass es im Kroatischen keine Entsprechung gibt … 😉

Auf Deutsch schwor sie dann wieder, dass Dating mit einem Apotheker, einem Buchhalter, Uhrmacher oder sonstigem Erbsenzähler sicherlich anregender sei als mit Fritz! Ich fragte nach seinem Beruf, sie sagte: „Jurist.“ Ich lachte nur … Und da meinte sie: „Du solltest auch mal wieder daten – das ist total cool!“

Ja, Jadranka. Total cool. 😉 Es klingt ungefähr so cool wie eine Blasenentzündung. 😉

Ein typischer Novembertag

Man merkt doch gleich, dass November ist, der Monat, den ein Nenn-Onkel immer den „Kistenmonat“ nannte, weil er meinte, der November sei der perfekte Monat, den Löffel ab- und sich selber in die „Kiste“ zu begeben.  (Der Nenn-Onkel ist leider bereits verstorben, ich glaube aber, nicht im November.) Heute war es zwar morgens okay, aber gegen Mittag, Nachmittag trübte es sich ein, und als ich mit meiner Kollegin Kerstin gerade beschlossen hatte, eine rauchen zu gehen, sah es auch noch nach Regen aus. Und der Regen setzte auch prompt ein, als Kerstin und ich gerade unserem schändlichen Tun (O-Ton eines nichtrauchenden Kollegen, aber grinsend) nachzugehen begonnen hatten. Zum Glück trugen wir beide Jacken mit Kapuzen.

Kerstin ist eine schnellere Raucherin als ich, nicht so schnell wie Kollegin Janine, aber doch schneller als ich. (Ich vermute, meine eher langsame Art, zu rauchen, stamme noch aus meiner Studienzeit, da das Geld immer knapp war und ich mir für jede einzelne Zigarette mehr Zeit nahm … 😉 Oder ich rede einfach zu viel zwischen den einzelnen Zügen. 😉 ) Daher war sie bereits fertig, als es so richtig zu schütten begann. Ich warf eine zu zwei Dritteln gerauchte Zigarette weg, weil es doch zu ungemütlich wurde, und wir gingen schnell zurück ins Büro. Als ich die Kapuze abnahm, passierte es – wieder … Die kunstpelzbesetzte Kapuze ist mittels Druckknöpfen am Kragen dieses – neuen – Parkas befestigt, und der äußerste Druckknopf links ist etwas schwach auf der Brust. Dauernd löst sich da die Kapuze vom Kragen, und wer mich kennt, weiß, dass ich so etwas hasse wie die Pest – ständig muss man nachbessern. Das nervt, und ich überlegte, ob ich das Ganze nicht einfach mit Sekundenkleber …

Nein! Nicht mit Sekundenkleber! Ich habe unangenehme Erfahrungen damit machen müssen. Ich bin zu wurschtig für Sekundenkleber. Und erst kürzlich …

Ja. Ich gebe es zu. Erst kürzlich hatte ich mich doch einmal wieder an diesen sehr drastischen Acryl-Kleber herangewagt. Ich hatte einen Ring geschenkt bekommen. Nein, nicht, was ihr denkt! 😉 Es war ein Modeschmuck-Ring, und er war von meiner Mutter. Gleich beim ersten Tragen verlor ich den Stein, als ich beim Einkaufen von einer sehr rabiaten älteren Kundin mit ihrem Einkaufswagen gerammt wurde, weil sie vor mir an die Kasse gewollt hatte! Die Klügere gab nach, und so siegte sie, und ich suchte nach dem Stein des Modeschmuck-Rings, denn ich bin ein bisschen sentimental und kann es nicht haben, wenn Dinge, die mir geschenkt wurden, auf derart blöde Weise in Schutt und Asche gelegt werden. Zum Glück fand ich den Stein nicht weit entfernt kurz vor dem Waschpulverregal. Ich versenkte ihn in meinem Portemonnaie, und zu Hause begab ich mich mit Sekundenkleber an die Arbeit.

Was soll ich sagen? Der Stein wollte zunächst nicht halten, und ich presste ihn mit Verve und Herzblut auf diese Lücke im Ring, da er doch zuvor schon gesessen hatte. Aber der Stein war aufsässig, und irgendwann stand ich fluchend da, einen glitzernden Schmuckstein an Zeige- und Mittelfinger meiner linken Hand klebend, schier unzertrennlich! Nicht nur der Stein an den Fingern, auch die Finger aneinander! Grauenhaft, denn es bedurfte eines Lösungsmittels, dennoch aber auch roher Gewalt, die kleinen Biester wieder voneinander zu trennen … Immerhin ist der Ring aber wieder ganz. 😉 Aber es ist doch eine Warnung – ich sollte keinen Sekundenkleber mehr einsetzen, nicht einmal mehr im Hinblick auf den nervenden, allzu losen Druckknopf, der die kunstpelzbesetzte Kapuze halten soll, es aber nicht tut. Zumindest nicht zuverlässig. 😉

Es kann auch nur am November liegen, dass ich heute am Vormittag – es reicht mir mit der Ungewissheit – einen Termin in einem der drei sogenannten „Brustzentren“ hier am Ort machen wollte, man mir aber sagte: „Wie? Sie haben nur eine Überweisung? Das geht nicht! Wir nehmen nur stationär auf – zu Ihrem eigenen Besten. Sie brauchen eine Einweisung!“ Da hatte ich mich überwunden, trotz einiger Bedenken und Ängste – und nun würde sich das Ganze noch weiter hinauszögern. Ich war mir sicher, dass ich alsbald wirklich eine Einweisung benötigen würde, wenn es so weiterginge – aber eine der ganz anderen Art … 😉

Dann bekam ich auch noch eine Mail. Mit Fotos vom letzten Betriebsausflug. Angstvoll öffnete ich den Anhang …

Ich weiß nicht, wie es bei euch so ist, aber ich hasse es, fotografiert zu werden und habe zum Glück immer eine Tasche oder sonst etwas zur Hand, das ich mir flugs vors Gesicht halten kann, sobald eine Kamera auftaucht und auf mich gerichtet ist. Ich habe keine Ahnung, woher dieses Verhalten kommt. Als Kind und Jugendliche hatte ich noch kein Problem damit, abgelichtet zu werden. Das kam im Grunde erst …

… mit meiner Studienzeit!

Es ist schlimm genug, nach einer Party morgens oder gegen Nachmittag aufzuwachen, und dann kommen peu à peu all die Erinnerungen an die Party zurück. Wenn sie zurückkommen … 😉 Noch viel schlimmer, wenn man dann von anderen hört, was wie wann passiert sei. Erheblich netter, wenn andere – wie ich oft erlebt habe – auch unter Gedächtnislücken und Blackouts leiden. 😉

Ganz schlimm aber, wenn Fotos oder Videos gemacht werden! Es gibt – bzw. gab – diverse Fotos von mir, die auf Partys gemacht wurden. 😉 Und da gibt es nur wenige Möglichkeiten … Wurden die Fotos zu Beginn der Party aufgenommen, wirkte ich normal, lächelte, grinste oder machte irgendwelche Faxen.

Je später der Abend, desto irrer mein Blick, und teils bekam ich selber Angst vor mir, sah ich mir Tage nach der Party die Fotos an, und stets behauptete ich standhaft: „Das bin nicht ich!“ – „Oh doch!“ hieß es dann immer. Aber dann der Nachsatz: „Aber sieh dir erst mal die anderen Gestalten an – danach geht es dir besser.“ Meist war das zwar so, aber ich schwor mir stets und immer, dass die nächste Party gewiss nicht derart … Und dann die nächsten Fotos …

Einmal besuchte mich ein guter Freund, der mir einmal mehr Beweismaterial in Gestalt eines kleinen Videos vorzulegen trachtete. Und grinsend sagte er: „Am besten gefällt mir der Teil, wo du eine Präsentation hältst!“ – „Wie? Was für eine Präsentation?“ fragte ich alarmiert und hektisch, und mir wurde ganz schlecht. Was um alles in der Welt hatte ich präsentiert? Mein guter Freund lachte und meinte: „Nein, keine Sorge! Sieh her!“ Und er präsentierte mir meine Präsentation und meinte: „Am besten gefällt mir, dass du total seriös wirkst, wie du da demonstrierst und auch noch fröhlich und mit fast klarer Stimme erläuterst und zeigst, wie man am besten einen Gemeinschafts-Joint bastle – das ist echt cool! Das könnte man glatt als Schulungsvideo veröffentlichen.“ Ich grinste schief und meinte: „Aber sieh dir die anderen an – die können ja kaum noch gerade sprechen!“ – „Eben! Im Vergleich wirkst du echt cool!“ – „Solltest du je meine Eltern treffen: Zeig denen bloß nicht dieses Video! Ich bin sofort enterbt!“ – „Keine Sorge.“

Es muss an derlei Dingen liegen, dass ich mich heutzutage nur noch ungern fotografieren oder filmen lasse – da kommen immer ganz unschöne Gefühle auf. 😉 Auf Partyfotos sieht man immer irgendwie völlig durchgeknallt … lassen wir das. 😉

Immerhin waren die Betriebsausflug-Fotos im Vergleich zu dem, was ich aus vergangenen Zeiten kannte, fast klösterlich. Wie langweilig … 😉

Und immerhin wurde durch all diese Erinnerungen dieser graue, langweilige und monotone Novembernachmittag aufgewertet. Und die Betriebsausflug-Fotos waren auch gar nicht so schlimm. 😉

Inzwischen habe ich sogar eine „Einweisung“ beantragt, und nächste Woche kann ich sie schon abholen. Und wenn ich dann im MRT vor mich hin zu paniken drohe, denke ich einfach an all die vielen Partys nebst Fotos aus Aachen. Dann kann alles nur gut werden. 😉

Architekturstörung

Woran denkt ihr, wenn ihr den Begriff Architektur hört? Nun, ich denke zunächst an das Straßburger, das Ulmer und das Freiburger Münster, den Kölner, den Aachener, den Bamberger Dom und andere große Bauwerke. Auch denke ich an einen Studiengang, der in meiner Familie nicht so beliebt ist (mit Gründen). Zumindest in Bezug auf das, was zwei Absolventen dieses Studienganges anbelangt. 😉

Ich denke auch an das Reiff-Museum an der RWTH Aachen in der Schinkelstraße, das sowohl die Kunsthistoriker, als auch die Architekten beheimatet(e) und die nächste Häuserecke von der Wohnung ausmachte, in der ich einige Zeit meiner „Aachener Zeit“ verbrachte, lebte und liebte. Meine Schwester Stephanie, begeisterte Kunsthistorikerin, führte einst meine Eltern sowie mich ins „Reiff-Museum“, uns die „tollen Entwürfe“ der Architekturstudenten zu zeigen. In der Tat – toll sahen sie alle aus, aber meine Mutter sprach als Erste das aus, was recht offensichtlich war: „Das sieht wirklich toll aus. Sogar phantastisch. Vor allem die freischwebenden Balkone. Phantastisch – im wahrsten Sinne!“ Mein Vater, Ingenieur, hatte sich bereits abgewandt, um sein Lachen nicht allzu deutlich zu zeigen, während ich fasziniert auf diese vielen, annähernd freischwebenden, Elemente starrte. Ich liebe ja alles, was verwunschen ist – aber das hier war zu freischwebend, um real zu sein, etwas zu verwunschen. Stephanie war sauer – sie sah es mehr von der künstlerisch-ästhetischen Seite, und aus dieser Perspektive war es wirklich grandios, ganz zweifellos.

Damals hätte ich niemals in Betracht gezogen, dass es bei Architektur auch Störungen geben könne. Es sah doch alles so leicht dahingebaut aus. Mir war auch nicht klar, in welch vielen Fachgebieten der Architekturbegriff so benutzt werde. Und was für ein Euphemismus Architekturstörung sein kann. 😉

Ich sitze hier und weiß nun: Ali leidet unter einer Architekturstörung. Denn ich war vorhin beim Arzt, nachdem ich kürzlich beim zweiten Teil der alljährlichen Krebsvorsorgeuntersuchung war, beim Radiologen, wo wieder heftig gequetscht wurde, was frau auf diese Art gar nicht gerne quetschen lässt. Ich hatte gerade seit 14 Tagen meine neue Stelle inne, als die Radiologin mir sagte, man habe da eine „suspekte Gewebsverdichtung“ entdeckt, wenn auch nur in einer Ebene, und sie würde mich gerne „in die Röhre“ schicken. Der Bericht gehe meinem behandelnden Arzt so schnell wie möglich zu. Ich solle mir keine Sorgen machen. (Natürlich mache ich mir niemals Sorgen, wenn der Bericht meinem behandelnden Arzt „so schnell wie möglich“ zugehen soll – niemals. 😉 )

Und heute saß ich da bei meinem behandelnden Arzt, der mir erklärte, ich hätte da eine „Architekturstörung“ in meiner linken Brust, die man per MRT genauer diagnostizieren müsse. Ich lachte hell heraus, als er „Architekturstörung“ sagte, und vor meinem Auge entstanden all die Stegreif-Entwürfe zwangsläufig aufstrebender Architekten damals aus dem Reiff-Museum, in denen Balkone frei vor den Gebäuden schwebten … 😉 Ohne jeglichen Halt, ohne jedwede Verankerung.

Ich gebe zu, so fühle ich mich derzeit auch. Da habe ich gerade endlich eine neue Stelle, worauf ich so lange hingearbeitet habe. Und jetzt diese Architekturstörung. Ich muss gestehen, dass ich inzwischen den Begriff „Architektur“ auch gar nicht mehr so gern mag. Und irgendwie treten noch immer Gebäude wie das Straßburger Münster vor meine Augen, wenn ich „Architektur“ höre. Alles Mögliche, nur nicht meine linke Brust. (Das Ganze ist ja noch viel schmachvoller, da ich lange Zeit eher einem Brett ähnelte und mir immer etwas mehr „Ausstattung“ wünschte. Und kaum habe ich sie, macht sie schon Ärger … 😉 )

Irgendwie läuft es in meinem Leben immer so. Ich wollte eine neue Stelle, und nach langem Darauf-hin-Arbeiten habe ich sie nun. Ich wollte mehr Abwechslung in meinem Leben. Und … ja! Die habe ich jetzt auch! Ich hoffe nur sehr, nicht längerfristig … 😉

Solltet ihr euch je etwas in eurem Leben so richtig und mit Verve wünschen: Macht es besser als ich! Wünscht immer sehr präzise, auch wenn man euch als Pedanten bezeichnen sollte. Es ist sicherer so. 😉

Und drückt mir bitte die Daumen. 😊

„Haben Sie Stevia?“ Oder: Handwerker sind auch nicht mehr das, was sie mal waren …

Heute hatte ich einen Tag Urlaub, da sich Handwerker angesagt hatten. Genauer: Handwerker der – wie sie selber sagen – Gas-Wasser-Scheiße-Fraktion. Ich bewundere diese Leute immer – ich würde weder mit Gas, noch mit Wasser, ganz zu schweigen: mit Scheiße gern arbeiten. Aber bei uns im Haus musste der Abwasserfallstrang gewartet werden.

Für acht Uhr hatten sie sich angekündigt, und pünktlich um 08:05 Uhr gab meine äußerst penetrante Türklingel Laut. Es ist eine moderne Türklingel, kombiniert mit einer Gegensprechanlage, und sie klingelt derart penetrant, dass sie wohl auch Tote erwecken würde. Nicht, weil sie so laut sei, gewiss nicht. Eher aufgrund ihrer widerlichen, aber sehr modernen Art, gar nicht mehr mit dem Klingeln, Tönen oder Läuten aufzuhören, selbst wenn der Einlass Begehrende schon lange den Finger vom Klingelknopf genommen hat. Nervend hoch sechs, aber wirkungsvoll, denn ich hörte das penetrante Geräusch sogar durch den Lärm hindurch, den meine Fönbürste macht. 😉

Zum Glück war ich aber ohnehin mit dem Fönbürsten fertig. Nur geschminkt war ich nicht, als ich auf den Türöffner drückte. (Wenn frau sich tagtäglich schminkt, fühlt sie sich annähernd nackt, wenn sie gezwungenermaßen ungeschminkt die Tür öffnen muss … 😉 ) Aber immerhin wohlfrisiert und vollständig bekleidet. 😉

Zwei jüngere Männer kamen die Treppe hoch, und der mit der Baseballmütze, der als Erster meine Wohnungstür erreichte, meinte: „Ah! Super! Da haben wir ja gleich die Richtige erwischt!“ (Wie meinen? Wieso war ich „die Richtige“? Hatte ich mir etwa etwas zuschulden kommen lassen? Nein – ich werfe keine Damen-Hygieneartikel, wie die Dinger bürokratisch und politisch korrekt so „nett“ genannt werden, in die Toilette, meine Herren! 😉 )

Der andere jüngere Mann war ein echter „Schrank“. Aber beide wirkten einfach nur nett – und waren es auch. Sie kamen mit ihrem umfangreichen Instrumentarium in meine Wohnung, und ich fragte: „Nur Bad oder auch Küche?“ – „Nur Bad, Frau B. – und wir hoffen, dass das besser als im Nachbarhaus läuft! Da war alles problematisch, und wir hoffen, wir kommen bei Ihnen besser rein!“ Ich stutzte, grinste und meinte: „Das hoffe ich auch. Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“ (Ich hatte, von klein auf daran gewöhnt, dass Handwerker sehr gern Kaffee – und davon nicht wenig, ähnlich wie ich – trinken, gleich eine größere Menge gekocht. Und das mit einer „French Press“! Den einen Teil in eine Thermoskanne gekippt, während der andere Teil noch in der Zubereitungskanne vor sich hin reifte.

Nun, ich muss immer wieder feststellen, dass die Zeiten sich massiv geändert haben. Denn der Baseballbemützte und sein schrankartiger Kollege sahen verlegen drein, und der „Schrank“ meinte: „Wir sind beide keine Kaffeetrinker, Frau B.“ Ich bin ja nun nicht frei von Klischees, und in dem Moment hätte ich gern mein Gesicht gesehen … 😉

Doch ich fing mich extrem schnell und meinte: „Ich kann Ihnen auch einen Tee kochen, wenn Sie mögen!“ Der „Schrank“ strahlte mich an und meinte: „Das ist ja lieb! Darüber würden wir uns wirklich freuen!“ – „Was für einen Tee hätten Sie denn gern?“ fragte ich in die überschaubare Runde, und der „Schrank“ meinte: „Irgendetwas Fruchtiges – wenn Sie so etwas haben. Ich finde es ja ohnehin total lieb, dass Sie fragen!“ Und der Baseballfan meinte: „Für mich etwas anderes.“ Ich strahlte und fragte voller Hoffnung: „Sie trinken sicherlich schwarzen Tee, nicht wahr?“ Der Baseballfan sah mich an, als hätte ich gefragt, ob er denn wirklich regelmäßig kiffe, und er meinte: „Nee, lieber etwas mit Kräutern.“

Ich fing mich erneut schnell, sagte, dass es gar kein Problem sei, und dann eilte ich in die Küche und bereitete einen Pfefferminz- und einen Malventee. Vor noch nicht langer Zeit gekauft, standen die beiden Sorten in meinem Schrank. (Pfefferminztee habe ich eigentlich immer da, meist aber die Sorte „Minze mit Zitrone“ – und die schmeckt nicht jedem. Glücklicherweise aber hatte kürzlich einer der bekannten Discounter ein spezielles Angebot, das sich „Intense Mint“ nennt.)

Das Wasser kochte, und ich schüttete es in zwei Tassen. In einer ein Malven-Teebeutel, in der anderen einer der Gattung „Intense Mint“. Und dann kam der Baseball-Mann vorbei, und ich fragte ihn: „Möchten Sie den Tee plain, also pur, oder möchten Sie noch etwas hinein?“

Da sah er mich an, zögerte und sagte dann: „Haben Sie Stevia im Haus?“ Glücklicherweise wusste ich, was Stevia ist und verneinte mit den Worten: „Nee, habe ich nicht. Nur ungesunden Industriezucker. In diesem Haushalt finden Sie nur wenig Gesundes!“ Da lachte er und meinte: „Zumindest die Hausherrin scheint mit einem gesunden Humor ausgestattet. Ich nehme auch Industriezucker – aber nur ein bisschen, bitte. Vielen Dank überhaupt für das Angebot!“ – „Da nich für,“, grinste ich und gab ein Fitzelchen Zucker in den Pfefferminztee. Ein anderes Fitzelchen in den Malventee – der „Schrank“ war gerade nicht greifbar, und ich konnte ihn nicht fragen, welche Vorlieben er so habe. An dem bisschen Zucker würde er wohl nicht dahinscheiden.

Und tatsächlich haben sie alles ausgetrunken, haben mich nur einmal „gestört“, als ich gerade einen Blogbeitrag über „Ismen“ schrieb. 😉 Die nettesten Handwerker, die ich je in dieser Wohnung hatte!

Vor allem, weil sie die Toilette, die sie zunächst abmontiert hatten, genau rechtzeitig wieder an gewohnter Stelle montiert haben – ich war nicht ganz so schlau wie die Handwerker gewesen und hatte sehr viel Kaffee getrunken (irgendjemand musste den für die Handwerker gekochten Überhang ja auch vernichten … 😉 ). So viel, dass ich zwischenzeitlich schon die Nutzung eines Eimers in Erwägung zog, als meine Toilette noch immer nutzlos abmontiert und wie ein Fremdkörper neben meiner Eckbadewanne stand. 😉

Knapp eineinhalb Stunden nach Beginn ihrer Tätigkeit verabschiedeten sich die beiden Herren von mir und meinten sogar noch: „Bei Ihnen war alles easy und super, und wir möchten uns gerne noch einmal für den Tee bedanken. So nett waren die im Nachbarhaus nicht – im Gegenteil!“ Ich lächelte freundlich und meinte: „Handwerker wie Sie immer wieder gern! Und es tut mir leid, dass ich kein Stevia habe!“ Da meinte der Baseballmützenmann nur: „Für Sie trinke ich auch gern Tee mit Zucker!“

Ich war gerührt. 😊 Der netteste Handwerkerbesuch ever! 😊 Und so meinte ich augenzwinkernd: „Beim nächsten Abwasserfallstrang-Wartungstermin bemühe ich mich um Stevia!“

Der „Schrank“ und die „Baseballmütze“ verließen mich daraufhin winkend und meinten: „Zu Ihnen kommen wir auch künftig sehr gern!“ Ich winkte zurück und meinte: „Sehr gern.“

Und als ich die Tür geschlossen hatte, fragte ich mich, was ich nun eigentlich Besonderes getan hatte. Und ich fragte mich, wie die anderen Leute mit den beiden netten Menschen wohl umgegangen seien, wenn diese mich als besonders freundlich betrachteten. Wohl nicht so ganz nett.

Eine Sache, die ich nicht verstehe.

Zugegeben: Mich irritierte ein bisschen der Zeitenwandel: Zwei gestandene Handwerker, die keinen Kaffee trinken! Aber ich musste doch grinsen. 😉

Der „Ismus“ als Trend

Wenn ich manchmal so die Zeitung aufschlage, den Fernseher einschalte oder einfach nur so in die Gegend und um mich herum höre, habe ich den Eindruck, von sogenannten „Ismen“ nur so umzingelt zu sein. Und „Ismen“ scheinen ein echter Hype zu sein. Neben den zahlreichen Phobien, die so oft von Fachfremden – von denen besonders gern – diagnostiziert werden. (Natürlich nur bei anderen. Nie bei ihnen selber, denn sie sind ja normal … 😉 )

Veganismus, Rassismus, Sadismus, Masochismus (im Paarverbund bisweilen gern auch in Kombination 😉 ) und – nicht zuletzt – auch der Gemeine Sexismus (im doppelten Sinne gemein) finden wieder und wieder lebhafte Erwähnung.

Während der Veganismus als echter Hype natürlich nur positiv besetzt zu sein scheint – zumindest bei manchen Menschen, selbstverständlich den damit automatisch Besseren unter uns -, sieht es beim Rassismus verständlicherweise ganz anders aus. Zu Recht. Nur: Ist wirklich ausnahmslos alles, was immer als „Rassismus“ geziehen wird, auch echter solcher? Ich habe manchmal den Eindruck, manche Menschen schrien bereits reflexartig dieses Wort des Bösen, sobald jemand nur leise Kritik, keineswegs Hass, äußert. Manch einer scheint Kritik von Hass und Rassismus nicht differenzieren zu können. Wohl dem, der dies vermag. Doof nur, dass er damit – zumindest kommt es mir so vor – offenbar einer Minderheit anzugehören scheint. Ich selber finde Rassismus völlig inakzeptabel, berechtigte Kritik, völlig ohne rassistische Tendenzen oder Absichten geäußert, jedoch durchaus notwendig. Nun, damit ist es, wie mit dem Sarkasmus und der Ironie, aber auch nicht mehr weit her, was die Akzeptanz anbelangt. Zumindest scheint es so. Aber vielleicht bin ich ja auch nur dem „Einbildismus“ oder einer „Phobie“ aufgesessen. 😉 (Gibt es eigentlich den Begriff „Phobismus“? Für Menschen, die anderen gern eine Phobie unterstellen, die diese gar nicht haben, es aber im Schwarzweiß-Weltbild des „Diagnostikers“ so viel bequemer ist? Oder ist das dann eher „Diagnostizismus“? 😉 )

Der Pluralismus, den ich stets geschätzt habe, scheint übrigens auch auf dem absteigenden Ast begriffen – der liegt offenbar nicht im Trend. Ob das irgendwie Hand in Hand mit dem oben Beschriebenen einhergeht?

Mit Sadismus und Masochismus kenne ich mich nicht ganz so aus – ich bin weder das eine, noch das andere und damit dem „Durchschnittismus“ anheimgefallen. 😉 Dafür kenne ich mich mit dem Gemeinen Anglizismus umso besser aus – der ist schon seit vielen Jahren im Trend, und ich frage mich, ob noch alle Menschen den jeweiligen deutschen Begriff für manch vermeintlich schicken Anglizismus kennen. 😉 Aber darüber hatte ich mich ja schon einmal ausgelassen.

Was immer wieder aufwallt, ist der Sexismus. Er erscheint in regelmäßiger Weise als Vorwurf. Und, ja, ich finde Sexismus richtig scheiße, habe selber durchaus öfter welchen erlebt. Ein früherer Chef meinte wiederholt zu mir, ich solle doch mal ein Röckchen tragen, damit man – also er – meine Beine besser sehen könne. Er rückte mir ohnehin oft sehr dicht auf die Pelle, was ich als sehr unangenehm empfand und stets einige Schritte zurückwich. Ich notierte im Hinterkopf: „Grundsätzlich hier nur Hosen tragen!“ Nutzte aber auch nicht viel, denn einmal – ich wähnte mich allein im Raum – schlich er sich hinterrücks an mich heran und fasste mich an, und zwar an einer Stelle, an der ich wahrlich nicht von jedem angefasst werden möchte. Und schon gar nicht vom Chef. Als ich herumschnellte und ihn laut und wütend anschrie (laut schreien, damit viele es mitbekommen): „Fassen Sie mich nicht an! Das ist ja ekelhaft!“, lachte er nur und fragte, ob mein – damaliger – Freund etwas dagegen hätte. Ich flippte fast aus und schrie noch lauter: „Was hat das mit meinem Freund zu tun? In erster Linie geht es um mich, und ich will von Ihnen nicht angegrabscht werden! Das ist ekelhaft! Sie haben mich nicht anzufassen – machen Sie das nie wieder!“ Eigentlich hätte ich ihm eine knallen sollen, und ich ärgere mich noch heute ein bisschen, es nicht getan zu haben.

Meine damalige Kollegin, die bei angelehnter Tür im Nebenraum saß, meinte hinterher, sie hätte nichts gehört. Ich war stinkwütend – sie musste mich gehört haben, denn ich hatte so laut geschrien, dass meine Stimme fast überschnappte. Erst viel später erfuhr ich, dass dieser Chef dafür bekannt war und sie sich nicht getraut hatte, etwas zu unternehmen. Es lebe die Solidarität unter Frauen. 😉

Heutzutage scheint es aber so, als würden sich manche Frauen schon sexistisch belästigt fühlen, wenn sie ein freundlich gemeintes Kompliment empfangen. Geht ja gar nicht – Komplimente! Igitt! Versteht mich nicht falsch: Übergriffe, Angegrabschtwerden und ekelhaft anzügliche Kommentare wie der Röckchen-Kommentar oben sind absolut inakzeptabel und widerlich. Aber ein nett gemeintes Kompliment? Okay, vielleicht manchmal ein bisschen ungeschickt geäußert, aber auch hier fände ich prima, wenn die Differenzierungsfähigkeit bei der Allgemeinheit etwas besser ausgeprägt wäre. Was ist ein ungeschicktes Kompliment gegen einen Griff in den Schritt oder an die Brust, und das von Vorgesetzten oder Fremden? Von noch Schlimmerem ganz zu schweigen.

Vor allem frage ich mich, warum sich beim Fall des ungeschickten Kompliments Frauen zwar hinterher aufregen, aber zum entsprechenden Mann nichts zu sagen scheinen. Da sagt man doch sofort etwas, oder? Ich zumindest halte das so. So kann man übrigens auch gleich aufklären, ob es sich um einen echten sexistischen Spruch oder ein gegebenenfalls verunglücktes Kompliment handelt. Wer als erwachsene Frau nicht als „süße Maus“ bezeichnet werden will, sollte das sofort und unmissverständlich äußern. Am besten laut.

Übrigens gilt auch zu bedenken, dass Sexismus nicht nur Frauen als Opfer betrifft. Das wird oft vergessen.

Auch weitere „Ismen“ sind wieder und wieder im Gespräch, und ich habe den Verdacht, dass das auch niemals abreißen werde. Es muss einfach immer einen „Ismus“ geben, über den man sich ereifern kann – zumindest scheint es so. 😉

Da könnte einen glatt der Fatalismus anfallen … Da es aber auch positive „Ismen“ gibt, rate ich eher zum Pragmatismus. Vor allem in einer Gesellschaft, da der Dogmatismus mehr und mehr um sich zu greifen scheint, ist ein Gegengewicht notwendig. 😉

In diesem Sinne wünsche ich einen schönen Donnerstag ohne negative „Ismen“! 😊

(Urgently) Wanted: The real and mean common sense!

In den letzten Tagen gab es in der Presse großen Aufruhr, weil eine Journalistin sich erdreistet hatte, einen bei manchen Menschen angesagten Imbiss in unserer Hauptstadt – bekannt als: „Arm, aber sexy!“ – durch eine Gastrokritik, eine reine Meinungsäußerung, zu bewerten. Eine ganz normale Sache, denn jeder, der in die Öffentlichkeit tritt, setzt sich dem Risiko aus, kritisiert zu werden. Und jeder nahm exakt dies als ganz normal hin. Bisher jedenfalls. Denn seit einiger Zeit – ich kann nicht benennen, wann das Pendel in die andere Richtung zu schlagen begann, weil ich noch immer irritiert und befremdet über die Folgen bin – hat sich wohl einiges verändert.

Denn was nach dieser Kritik oder Meinungsäußerung stattfand, ist im Grunde an Absurdität kaum zu überbieten. Warum?

Nun, der solcherart geziehene Imbissbudenbetreiber, den manche Menschen wie einen Guru vergöttern (ich gehöre gewiss nicht dazu), reagierte recht eigen, da er der Journalistin und der gesamten Redaktion ihres Brötchengebers nicht nur Hausverbot erteilte, sondern ihr und anderen Menschen, die sein Angebot jetzt nicht gerade so toll finden, auch gleich die zum Verständnis seiner Idee vermeintlich notwendige Intelligenz absprechen wollte. Wenn ich mich recht entsinne, sprach er auch davon, ihr die Speise, die ihr am wenigsten geschmeckt zu haben scheint, am liebsten ins Gesicht gedrückt haben zu wollen – er drückte es etwas anders aus -, hätte er sie und das Ergebnis ihres Besuchs nur erkannt! 😉

Und fortan überschlugen sich die Ereignisse … 😉 Denn nachdem der bekannte Gastwirt mitbekommen hatte, dass inzwischen die Gazetten von seinem recht unkontrollierten Verhalten nicht nur berichteten, sondern auch zahllose Kommentare zu verzeichnen hatten, schwenkte er um. Offenbar hatte er erkannt, dass nicht nur seine Adepten, gar nicht so selten kritiklos und partiell ein kleines bisschen aggressiv (wiewohl doch angeblich ihre Ernährungs- und Lebensüberzeugung zu friedlichem, harmonischem Miteinander im Einklang mit der Natur führen soll – „Alle Menschen werden Brüder“, wie es so schön heißt), da kommentierten, die ohnehin auf seiner Seite waren, weil sie alles andere für Verrat halten würden – ganz egal, wie dumm sie sich da gerieren.

Nein, die Kommentare waren von einer gewissen Vielfalt, und sogar diverse Menschen, die der gleichen Ernährungs- und Lebensvariante frönen, wie der so böse gescholtene Gastwirt zumindest stets erklärt, hatten negative Kritik anzumelden. Wenn ich es einmal überreiße, war die klassische Gauß’sche Glockenkurve gegeben. 😉

Recht absonderlich reagierte der Gastwirt. Anders, als ich an seiner Stelle reagiert hätte – aber ich habe ja auch keine Fans, führe kein „Business“ und muss mir von daher wenig Sorgen um mein diesbezügliches Auskommen machen. 😉 Kurz: Ich habe keine Imbissbude, und ich verkaufe auch keine Bücher. 😉

Gegen die Ernährungs- und Lebensweise an sich sage ich nichts – ich halte es da mit dem Alten Fritz. Nur mag ich auch nicht missioniert oder gar beschimpft werden, lebe ich anders. Das aber verkörpert der berühmte Gastwirt. Und er kann es offenbar auch gar nicht leiden, wenn man ihn – wie alle anderen Gastwirte, gelernt oder ungelernt – kritisiert. Und seine Gemeinde von Adepten ist da auch sehr streng. 😉

Nun hätte ich – wäre ich an seiner Stelle gewesen – das Ganze a) einfach ignoriert, b) eine ironische Reaktion gezeigt, ironisch, aber so, dass jeder merkt: „Die weiß, was gemeint ist, reagiert aber mit Augenzwinkern, und gut ist es“. C) Ich hätte Journalisten den Wind aus den Segeln genommen, indem ich eine großzügige Einladung zu Testessen ausgesprochen und dann zugesehen hätte, dass alles supercalifragilisticexpialigetisch ausgesehen hätte, um der Kritikerin den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ist das unvernünftig?

All das hat der Gastwirt nicht getan. Stattdessen war seine erste Reaktion eine von Hass und in erster Linie männlichen Hormonen nur so strotzende Gegendarstellung, in der er der Kritikerin Essen ins Gesicht drücken wollte. Und natürlich hatte dies zur Folge, dass erneute Artikel in den Gazetten auftauchten.

Spätestens da hätte man – ich zumindest – doch die Füße schamhaft stillgehalten. Normalerweise. Doch nein! Es erfolgte eine Rücknahme des Hausverbotes, gekoppelt mit einer Einladung an Journalisten, die sich selber ein Bild machen sollten. Wem es allerdings nicht schmecke, wer etwas zu meckern habe, würde heraufbeschwören, dass der Gastwirt dann so richtig austicken würde. Das Ganze gepostet mit einem Foto des Gastwirtes, der gerade eine moderne Repetierwaffe im Anschlag hält!

Ich war irritiert ob dieser Darstellung. Aber noch viel mehr irritiert war ich, als der Gastwirt von seinen Adepten noch für sein „Genie“ gefeiert wurde! „Denen hast du es jetzt so richtig gezeigt“ lautete der Grundtenor dieser Menschen. Ah, ja. Nee, ist klar – ich posiere mit einer Pumpgun, und schon habe ich nicht nur Recht, sondern bin obendrein ein Genie! 😉 (Ob ich das auch mal machen sollte? 😉 Was meint ihr? Nee? Ja, ich glaube, ihr habt Recht – ich sollte es nicht tun und will das auch gar nicht.)

Und dann wurde es noch viel absurder, denn der Gastwirt versprach noch weitere Dinge, modifizierte aber dann, als es um die Wurst (oh Gott – Wurst ist hier der ganz falsche Terminus!) ging, kurzerhand die Bedingungen und kam sich einmal mehr total schlau vor. Und so kam und kommt er auch seinen Adepten vor, die offenbar der Theorie: „Wer schreit, hat Recht“ folgen.

Ich weiß nicht … Mir kommt das Ganze nur gruselig vor. Als wären wir im Kindergarten, wo Eltern ganz stolz sind, wenn ihre Kinder besonders altklug und spitzfindig sind, was manch anderer Elternteil – bisweilen sogar andere Kinder – gar nicht so nachvollziehen können. 😉

Sorry, aber ich frage mich seit dieser Werbeaktion für was auch immer – Lebenseinstellung, Dummheit oder Sonstiges -, in welcher Welt ich eigentlich lebe. Nennt mich engstirnig – ist auch okay. 😉 Mir fehlt einfach nur das, was man bis vor einiger Zeit noch als „gesunder Menschenverstand“ kannte. Das Ding, das davor bewahrt, derart peinliche Dinge zu tun, wie oben – durch die Aktionen des offenbar von sich selbst sehr eingenommenen Gastwirts – beschrieben, zu tun. Dieser common sense scheint nicht mehr serienmäßig gegeben zu sein. Eher der Drang, kompromisslos einer individuell gegebenen Linie zu folgen. Zumindest bei manchen. Und ich hoffe, ich bilde mir nur ein, dass das immer weitere (Lebens-)Kreise ziehe.

Mein Resümee: Macht, was ihr wollt, aber verletzt niemanden – und missioniert auch nicht herum. Und besonders wichtig: Bewahrt euch euren common sense – den gesunden Menschenverstand. 😉 Meiner sagt mir jedenfalls, dass dieser heute mehr denn je benötigt werde, und das nicht nur bei einer unwichtigen Gastrokritik. 😉

„Möchtest du darüber sprechen?“

Ich bin eigentlich – wie echte Eingeweihte sagen – ein durchaus gutmütiger und freundlicher Mensch. Sogar liebevoll. Zumindest wurde mir das schon von Leuten gesagt, bei denen es mich bass erstaunte, da mir nicht klar gewesen war, dass sie mich derart analysiert hatten. 😉 Das alles ist durchaus nicht falsch, es sei denn, es kommt mir jemand richtig doof, was bedeutet, ich werde plump angelogen, oder sonstige Dinge dieser Art geschehen, die im Grunde doch immer herauskommen, früher oder später … 😉

Es gibt einige Dinge, die ich einfach nicht abkann. Hinterhältiges Verhalten gehört dazu, freundlich ins Gesicht, aber hintenrum ganz anders. Geht gar nicht. Es soll Menschen geben, die exakt diese von mir nicht wohlgelittene Eigenschaft Frauen per se unterjubeln wollen. Nicht selten Männer, aber auch manche Frauen machen das. Ob die Letztgenannten dabei von sich selber ausgehen, bleibt offen. 😉

Ich kann nicht unterschreiben, dass Frauen generell so seien, und wenn dem doch so sein sollte, bin ich wohl wider Erwarten keine Frau. 😉 Klare Ansagen sind mir wichtig, denn damit kann ich am besten umgehen, auch wenn manch klare Ansage schon einmal dazu führen kann, dass man schluckt, unter Umständen erst einmal verstummt und vielleicht zu Hause im Verborgenen schon einmal weint, aber all das ist besser als vermeintliche Freundlichkeit, bei der man kaum den Rücken dreht und schon ein Messer in selbigem stecken hat. Denn klare Ansagen, auch, wenn man manchmal vielleicht weinen muss, haben den Vorteil, dass sie einen gewissen Lernprozess ermöglichen, was falsche Freundlichkeit niemals tut, da man so ja nie erfährt, was stört. Oder störe. 😉

Das ist eines der Dinge, die mir ganz massiv auf die Nerven fallen, wenn ich so überlege.

Ein weiteres ist die Frage: „Möchtest du darüber sprechen?“ Damit macht man sich gleich keine Freunde – zumindest, was mich anbelangt. Ich bin ein recht frotzeliger Mensch und bringe manche Dinge bisweilen so herüber, dass ich – oder ähnlich Geartete – sofort verstehen, wie ich sie meine. Nämlich frotzelig. 😉 Oft sogar mit Augenzwinkern versehen.

Und doch gibt es Menschen, die mich gleich in den Arm nehmen wollen und auch noch sagen: „Möchtest du darüber sprechen?“ Ich bin dann immer hin- und hergerissen zwischen Lachen und größtmöglicher Irritation. Hier prallen zwei Welten aufeinander. Ich wollte doch nur einen ironischen Kommentar ablassen, und die andere Seite vermutet bereits, dass ich auf der Suche nach einer Seilhandlung sei, die stabile und tragfähige Stricke verkaufe, an denen ich mich mittels des Longdrop-Verfahrens ins Jenseits befördern könne! Dabei ist Ironie so wunderbar, denn man kann damit auf so vielfältige Weise erläutern, wie man die Welt so empfinde. Oder auch nur eine kleine Situation. Und das ist einfach nur schön. Finde ich.

Und dann kommt jemand an und fragt, ob man „darüber“ – worüber überhaupt – sprechen wolle. Nimmt alles sterbensernst, und das ist genau das Falscheste, was in solchen Momenten nur passieren kann. Mir zumindest. 😉

Mir wäre dann eigentlich ganz lieb, dass jemand hingeht, lacht und sagt: „Du bist eine echte Knalltüte, Ali!“ Noch mehr lacht und mich dann in den Arm nimmt. 😉 „Möchtest du darüber sprechen?“ geht jedenfalls gar nicht. Es klingt viel zu ernst für mich. Ernst bin ich zwar auch bisweilen, aber man muss doch nicht gleich so eine gruselige Eingangsfrage stellen. Oder? Wir sind doch nicht im Grundstudium des Fachs Sozialwissenschaften!😉

Ähnlich allergische Auswirkungen hat übrigens der Satz: „Wir müssen reden.“ (Ohne sofortige Anmerkung, wohin die Reise konkret gehe und man nur doof dasteht und das gesamte – bisweilen lediglich putativ gründende – Sündenregister Revue passieren lässt.) Oder die Erwähnung des Begriffs Einkommensteuererklärung. Da muss man sich auch bis auf die Unterwäsche ausziehen, und das auf Kommando. Alles nix für mich.

Wenn ich über etwas sprechen möchte, werde ich das schon tun, und das gewiss nicht auf Kommando. Ich mache das auf meine Weise, und dazu gehört oft, dass ich zunächst herumfrotzle und dann irgendwann auf den Punkt komme. Meist dauert es auch gar nicht so lange. Es sei denn, man fragt: „Möchtest du darüber sprechen?“ 😉

Und wenn ich das nächste Mal gefragt werde, ob ich unter Allergien leide, weiß ich jetzt schon, was ich antworten werde … 😉

Kennt ihr solche verbalen Allergieauslöser auch? 😉 Das Schlimmste daran: Sie sind stets gut gemeint, und zumindest ich fühle mich auch noch wie ein undankbares A… , nein, wie ein undankbarer Armleuchter, wenn ich allergisch darauf reagiere. Aber zum Glück ist mir klar: „Wir sind alle Individuen.“ 😉

So. Jetzt geht es mir besser, nachdem ich vorhin diesen Satz hören musste, obwohl ich doch eigentlich nur lachend und frotzelnd erwähnt hatte, dass ich, gehe der derzeitige Stress so weiter, bald frühzeitig ergrauen würde. Es liegt an der neuen Stelle, dass derzeit alles etwas stressig ist. Und: Nein, ich möchte darüber nicht sprechen. Ich wollte nur mitteilen, dass ich derzeit sehr viel Neues erlebe und bisweilen noch ein bisschen unsicher sei. Und da will man mich gleich auf die „Couch“ schicken? Eine klare Ansage half dann. Hoffentlich. 😉

Unerwartete kleine Dinge erhellen manchen Tag

Ich war heute beim Friseur. Endlich. Denn meine Haare waren in der letzten Zeit immens gewachsen, und da ich – ich gebe es zu – meine mit den Jahren zu einem faden Aschblond mutierten, ehemals wirklich schön blonden Haare mittels zweifarbiger Strähnchen „pimpe“, war es dringend nötig. Schneiden und Strähnchen hieß das Programm, das ich mir für heute auferlegt hatte, und dafür bin ich heute – an einem Samstag – extra um halb acht morgens aufgestanden. Undenkbar an normalen Samstagen. Aber es musste sein, und da müssen Opfer gebracht werden. 😉

Um halb neun betrat ich den Friseursalon, und ich kam fast direkt dran. Meine Friseurin hatte heute zwar frei, aber ich wurde von Melly bedient, die nicht nur sehr zügig, sondern auch noch sehr gut schneidet und frisiert. Und man kann sich prima mit ihr unterhalten, denn manchmal sind diese Gespräche beim Friseur doch etwas gezwungen. Man will ja auch nicht in dumpfem Schweigen dasitzen, während die Friseurin tätig ist. Je nach Person ist das bisweilen etwas mühsam, wenn die Chemie nicht stimmt, aber Melly und ich unterhielten uns laut und offenbar mitreißend, denn plötzlich schalteten sich auch noch andere Kundinnen ein, ebenso die andere Friseurin. Es war eine richtig nette Atmosphäre, was ja auch nicht in jedem Friseursalon gegeben ist. 😉

Nach zwei Stunden war ich endlich fertig gesträhnt, geschnitten und gestylt, und ich verließ nach einem großzügigen Trinkgeld den Salon und ging zum Einkaufen. Richtig klasse gestylt war mein wirklich toll geschnittener Bob, als ich den Friseursalon verließ, und in strahlendem Sonnenschein schritt ich gen Supermarkt. Als ich diesen kurz darauf verließ, regnete es in Strömen, und ich hatte keinen Schirm dabei. Meine schöne Frisur dahin, die ich so bis zum nächsten Friseurbesuch nie wieder hinbekommen werde … 😉

Ein bisschen frustrierend war es schon, zumal ich nicht bester Stimmung war, und ich beschloss, mich etwas abzulenken, indem ich auf dem Heimweg einfach ein bisschen Musik hörte. Und sogleich stopfte ich mir die beiden Stöpsel meines In-Ear-Headsets in beide Ohren und nahm mein Smartphone in Betrieb. Und damit schleppte ich meine Einkäufe gleich viel fröhlicher gen Heimat. Musik war schon immer ein Stimmungsaufheller für mich.

Und so stiefelte ich trotz des strömenden Regens einigermaßen frohgesinnt durch die Gegend, nahm eine Abkürzung, einen Weg, der zwischen Garagen- und Hinterhöfen herführt. Ich benutze diesen Weg sonst nie.

Als ich da so schwungvoll einherschritt, laute Musik in meinen Ohren, sah ich einen älteren Herrn mit einer Schubkarre und Gartenwerkzeugen des Weges kommen, der da wohl für Ordnung sorgte, zumal dort ein Spielplatz ist. Er sah mich an, ich nickte ihm freundlich zu, vermied jedoch: „Guten Morgen“ zu sagen, da ich weiß, dass man, wenn man laute Musik mit einem In-Ear-Headset hört, dazu tendiert, zwar zu glauben, in normaler Lautstärke zu sprechen, meist aber eher laut brüllt. Und so beschränkte ich mich auf das freundliche Nicken und Lächeln. Und ich ging an dem älteren Herrn vorbei, ganz in Gedanken.

Aber etwas hieß mich anhalten und mich umdrehen. Hatte da jemand etwas gerufen? Als ich mich umgedreht hatte, sah ich den alten Herrn da mit seiner Schubkarre stehen und mich anblicken. Er schien zu sprechen, zumindest bewegte er die Lippen. Und so zerrte ich mir den rechten Stöpsel aus dem Ohr und ging auf den Herrn zu, freundlich lächelnd.

„Entschuldigen Sie, bitte,“, hob ich an, „ich weiß, es ist eine Unsitte, und man wird völlig blind und noch viel mehr taub für die Umwelt, wenn man mit Kopfhörern Musik hört. Hatten Sie etwas gesagt?“

Der alte Herr lächelte freundlich und meinte zu mir: „Da kommt so eine nette junge Frau daher, und da dachte ich, ich sage einfach mal ‚Guten Morgen‘, und dann reagiert die gar nicht!“ – „Doch, ich habe Sie doch angelächelt und genickt! Aber – Sie haben Recht – ich habe kein Wort gesagt. Das war aber nicht böse gemeint. Ich habe Musik gehört und war in Gedanken. Entschuldigen Sie, bitte.“ Und ich zerrte mir auch noch den linken Stöpsel aus dem anderen Ohr.

Der alte Herr lachte und meinte: „Alles in Ordnung! Ich finde das mit dem Musikhören auch gut – Musik hilft über so vieles hinweg.“ Ich grinste und nickte. Und da meinte der nette Herr: „Ich hoffe, Sie haben keine Sorgen! Sie sagten, Sie seien in Gedanken. Ich wünsche Ihnen jedenfalls, dass Sie keine allzu großen Probleme haben – so eine nette, junge Frau!“

Ich war gerührt, und ich meinte: „Nein, keine Sorge – keine größeren Probleme als die meisten Menschen.“ – „Aber Sie sahen vorhin ein bisschen traurig aus. Das tat mir leid, und da wollte ich Sie zumindest grüßen.“ – „Das ist total nett, aber ich habe keine übermäßig großen Probleme, nur ein bisschen Kummer, und den auch schon seit einiger Zeit. Aber alles zu bewältigen, keine Sorge. Ich finde aber sehr nett, dass Sie fragen. Ist aber alles in Ordnung. Und ich bedanke mich für das nette Gespräch und wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.“ – „Danke, Frolleinchen – Ihnen auch. Und alles Liebe – Sie werden sehen, alles wird gut!“

Ich war richtig gerührt. Ein wildfremder Mensch sieht genau hin, viel genauer, als nötig gewesen wäre. Ich war doch nur des Regens wegen leicht genervt und hatte Musik gehört – keine Ahnung, ob ich dabei so melancholisch ausgesehen hatte. Aber ich fand das Ansinnen des alten Herrn wirklich nett. 😊

Zu Hause habe ich dann aber doch lieber in den Spiegel geschaut – man weiß ja nie, ob man nicht irgendwie problembehaftet aussieht, obwohl man eigentlich ganz normal empfindet. 😉 Ich sah völlig normal aus – bis auf die nassen Haare. Aber immerhin inzwischen perfekt gesträhnt.

Dennoch fand ich den alten Herrn heute richtig nett – er machte sich Gedanken. Und das ist heutzutage ja gar nicht mehr selbstverständlich. Und sollte ich diese Abkürzung mal wieder nehmen, lasse ich die In-Ear-Stöpsel aus den Ohren. 😉

Verloren am Rande des Münsterlandes … Oder: „Sprich mit mir, du blöde Kuh!“

Ich bin ein ganz normaler Mensch. Glaube ich zumindest. Also habe ich – wie alle anderen Menschen – unter gewissen Schwächen zu leiden. Eine meiner Schwächen ist, dass ich offenbar abwesend war, als der Orientierungssinn ausgeteilt wurde. Wahrscheinlich war ich auf dem Klo, um eine zu rauchen. Anders kann ich es mir nicht erklären. 😉

Gestern nach der Arbeit, die eh schon stressig war, da es mein zweiter Tag im neuen Job war, hatte ich eine Verabredung in M. Einer Stadt, die ich bis dato mit größtmöglicher Tristesse verbunden habe, obwohl ich doch in direkter Nachbarschaft aufgewachsen bin und jedem, der von außerhalb kommt und gegen die Stadt M. etwas sagen würde, ganz zünftig meine Meinung sagen würde. Mal ganz abgesehen vom Straßenverkehrsamt dort, auf das ich seit eineinhalb Jahren gar nichts kommen lasse, nachdem man auf eine sonntagabendliche Mail meiner Wenigkeit schon am frühen Montagmorgen antwortete und das Gewünschte in die Wege leitete. Ich bin das von Behörden nicht so gewohnt. Vielleicht hat man im StVA in M. aber auch nicht so viel zu tun, so dass man sich begeistert auf einen der wenigen Aufträge stürzte – ich weiß es nicht, bin aber noch heute dankbar. 😉

Ich kam gestern später als geplant von der Arbeit los. Mein Navi, das ich eigentlich bei der Arbeit hatte aktualisieren wollen, nachdem der heimatliche PC beim vorausgegangenen Versuch kurz vor Vollendung alle Viere von sich streckte, abschmierte und behauptete, das sei es nun gewesen (war es nicht, aber mein Navi behauptete, keine Karten zu kennen, und der einzige Zweck, zu dem es in dem Zustand getaugt hätte, wäre der gewesen, es wutschnaubend vom Balkon oder aus dem Fenster zu schleudern …), hatte ich nicht aktualisieren können.

Aber wozu hat man ein Smartphone? 😉 Und ich verließ mich auf die Wegbeschreibungs-App, die ein namhaftes Unternehmen anpreist. Da ich Autobahnfahren bis dato noch immer nicht mag, klickte ich Autobahnen vermeiden an, als es an die Optionen ging.

Und ich fuhr nach der Arbeit los, frohgemut, denn ich war ja gewappnet, und die reizende Frauenstimme, die mein Handy absonderte, auf dessen Display eine Karte abgebildet war, auf der man die vorgesehene Route sehen konnte, die ich aber nur erspähen konnte, blickte ich auf der Mittelkonsole hinter den Schalthebel (ich besitze keine Freisprechanlage), sollte mich ja völlig unproblematisch in den entlegenen Ortsteil von M. lotsen. 😉

Ich greife kurz vor: Es war eine spannende Anreise. Zumal mich die „Dame“ heimtückisch auf die A52 lotsen wollte! Ich hatte Autobahnen vermeiden wirklich angeklickt und war nun doch ein bisschen pikiert. Wollte mich die App überlisten? Nicht mit mir! Und so wendete ich lieber auf dieser starkbefahrenen Bundesstraße – wahrscheinlich wäre ich angesichts dieser durchaus nicht ganz unheiklen Wendesituation mit der weniger heiklen Autobahn spielend fertig geworden, aber ich mache es mir ja bekanntermaßen bisweilen etwas schwerer – und fuhr dann die Straße, von der ich zuvor, wie die „Dame“ vorgegeben, nach rechts abgebogen war, stur weiter. Noch ein weiteres Mal versuchte das Handy, mich auszutricksen, aber ich gab nicht nach. 😉 (Ja, ich weiß, was ihr jetzt denkt, die ihr Tag für Tag fröhlich die Autobahn benutzt … 😉 )

Die Strafe für meine Sturheit folgte auf dem Fuße: Ich musste mitten durch die Walachei! 😉 Eine Landstraße entlang, die nicht ohne war: im Grunde eine Slalomstrecke, auf der die eine heftige und scharfe Kurve von der nächsten heftigen und scharfen Kurve abgelöst wurde – und zu beiden Seiten hohe Bäume, von vorn lauter Fahrer, die die Strecke kannten und demzufolge viel zu schnell fuhren. Rechts und links Pferdekoppeln. Was würden die treuen Tiere sagen, würde es mich aus der nächsten Kurve tragen und mitten auf ihre Koppel katapultieren? 😉 Zum Glück mag ich Pferde sehr. Sie mich auch. 😉

Ich kam durch einen Ort, der mir zwar vertraut war, da ja gar nicht so weit von den Orten, in denen ich bisher hier so gelebt habe, den ich dennoch noch nie besucht hatte: Lippramsdorf. Und ich fuhr die sehr gut ausgebaute Lippramsdorfer Straße entlang, auf der mir nur ein einziges Auto entgegenkam. Auch vor und hinter mir sah ich keine Autos, und so fuhr ich durch die güldene Oktobersonne, ritt quasi dem Sonnenuntergang entgegen … Und genauso einsam wie ein „lonesome cowboy“ fühlte ich mich auch auf dieser Strecke. Ein bisschen gespenstisch wirkte die Szenerie, fast unwirklich durch die tiefstehende Sonne. Wäre ein UFO vor mir gelandet, so hätte es mich, ich schwöre, nicht im mindesten gewundert. 😉 Mein Handy schwieg, und als die Straße sich immer mehr hinzog und der Horizont immer weiter wurde, schnauzte ich es an: „Wo bin ich hier? Sprich mit mir, du blöde Kuh!“

Ich hatte es nicht ganz ernst gemeint, aber da ertönte tatsächlich die stets total freundliche und reizende Stimme der „Dame“ aus meinem Smartphone: „In 400 Metern biegen Sie links ab auf die Soundsostraße!“ Ich blinkte links (für wen eigentlich, denn außer mir war weit und breit kein anderes Auto zu sehen?), aber die Straße, in die ich abbiegen sollte, war so eng, klein und schlecht zu sehen, dass ich schon fast daran vorbei war, als die liebliche Stimme der „Dame“ sagte: „Biegen Sie jetzt nach links in die Soundsostraße!“ Leise fluchend fuhr ich an der Straße vorbei und wendete dann – immerhin ging das aufgrund der gespenstischen Leere der Straße ohne Wartezeit oder andere Probleme … 😉

Letzten Endes bin ich dann doch noch angekommen. Zunächst allerdings erst in der völlig falschen Straße, in die mich die App gelotst hatte. Aber ich weiß nun, dass zwar mein Orientierungssinn unterirdisch ist, ich aber viel besser und gewandter fahre, als ich bisher glaubte. Denn als ich vom falschen Endpunkt aus meine Verabredung anrufen musste, um zu erfragen, wie ich denn nun fahren müsse (weit konnte es nicht sein), musste ich ja zumindest das Handy in einer Hand halten, während ich mit der anderen lenkte. Ja, ich weiß, ich hätte auch den Lautsprecher benutzen können, aber daran habe ich in dem Moment gar nicht gedacht, und zum Glück liefen nur wenige Leute herum, die Zeugen meines sträflichen Fahrverhaltens hätten werden können. 😉 Und so weiß ich nun, dass ich sogar einhändig hervorragend wenden kann. Und das musste ich öfter, denn dieser Ortsteil der Stadt M. ist nicht nur klein, sondern auch noch total verwinkelt. Der falsche Endpunkt der von der App vorgesehenen Route war in der Tat nicht weit vom echten Ziel entfernt. Zumindest, was die Entfernung in Luftlinie anbelangt. 😉

Der Heimweg fand im Dunkeln statt. Bei der Abfahrt hatte man mir gesagt: „Fahr einfach Richtung Hüls – dann ist es ganz einfach!“ Ich nickte tapfer, dachte: „Ich habe keine Ahnung, in welcher Richtung Hüls gelegen ist“, lächelte standhaft und fuhr los. Um die nächste Ecke herum. Dort öffnete ich die App und gab die Rückreisekoordinaten ein, natürlich unter Vermeidung von Autobahnen. Und trotzdem wollte mich die nette Frauenstimme erneut auf die Autobahn lotsen – ich vermute inzwischen ein Komplott. 😉 Wäre ich mal auf die Autobahn gefahren, die sicherlich um diese Uhrzeit nicht ganz so stark frequentiert war. Hätte zwei Vorteile gehabt: Aversion bekämpft und schneller zu Hause gewesen. So fuhr ich mit der Kirche ums Dorf, kam aber immerhin schließlich doch zu Hause an, wo ich noch dreimal um den Block fahren musste, um einen Parkplatz zu finden. Am Arsch der Welt, natürlich. 😉

Ein so gut wie gar nicht vorhandener Orientierungssinn und eine Aversion gegen Autobahnen gehen so gar nicht Hand in Hand … 😉 Ich melde mich nun endlich bei Jeannette, um die längst geplante Autobahn-Auffrischungsfahrstunde für Autobahnphobiker zu absolvieren. 😉

Achtung! Türrahmen!

So ein Türrahmen ist einerseits ungemein praktisch, kann in einigen Fällen jedoch auch zu einem echten Hindernis werden. Wie das, werdet ihr jetzt vielleicht fragen. Ist nicht vielmehr die – geschlossene – Tür ein Hindernis? Der leere Türrahmen doch wohl weniger. Oder?

Falsch. So ein Türrahmen scheint es – paradoxerweise – in sich zu haben. Das kann ich nur bestätigen, denn ich habe mir in meinem bisherigen Leben bereits zweimal den kleinen Zeh gebrochen. Daran beteiligt: meine legendäre morgendliche Wurschtigkeit, der Hang dazu, gern barfuß zu laufen, was mein Ex Giacomo seit jeher spottend als Unsitte bezeichnet, und … zwei Türrahmen. Einer davon befindet sich in Aachen, der andere in meiner Wohnung hier. Ich betrachte ihn seither mit einem gewissen Argwohn … 😉 Immerhin hatte er mich ganz plötzlich quasi angegriffen, als ich, einem menschlichen Bedürfnis Folge leisten wollend, sehr zügig ins Bad lief. Es pressierte. 😉 Niemals kann es sein, dass ich die Kurve zu eng genommen habe – nein … 😉 Wie auch immer es war, ich prallte mit dem rechten kleinen Zeh dagegen bzw. verhakte sich der Zeh gewissermaßen im Türrahmen (noch heute läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter, und mir sträuben sich sämtliche Härchen, wie es auch geschieht, wenn man etwas an eine Tafel schreibt und statt mit der Kreide mit dem Fingernagel darüberschabt; ich mag aus diesem Grunde Whiteboards sehr gern … 😉 ), und unsäglicher Schmerz durchfuhr mich. Der Vorteil: Ich war mit einem Schlag hellwach! Und das menschliche Bedürfnis war plötzlich mal mindestens zweitrangig geworden.

Jahre zuvor in meiner damaligen Aachener Wohnung das Gleiche in Grün: auf dem eiligen Weg frühmorgens zum Bad mit dem Türrahmen kollidiert, nur war damals der linke kleine Zeh gebrochen, der binnen kurzer Zeit – man konnte zusehen – sein Volumen in etwa verdoppelte und eine ungesunde bläuliche Färbung annahm. Dennoch: Es geht doch nichts über eine gewisse Symmetrie – manchmal zumindest -, die ja nun bei meinen kleinen Zehen hinsichtlich Blessuren gegeben ist. 😉

Die Zeit nach meiner jeweiligen Fraktur war dann so geartet, dass ich mich einseitig auf eine etwas andere Gangart programmieren musste, da ich nicht richtig abrollen konnte und um den jeweilig betroffenen Fuß einen ziemlich straffen Verband trug, da man Zehen ja nicht eingipsen kann. Es sähe auch ziemlich albern aus – solch ein einzelner eingegipster Zeh. Und so lahmte ich schlingernd stets daher, als wandelte ich auf Eiern. Daher bin ich stets sehr vorsichtig mit Türrahmen … 😉

Doch heute lernte ich, dass von diesen doch so alltäglichen Institutionen eine noch viel größere Gefahr ausgehe, als bisher angenommen! Nicht nur physisch, sondern auch psychologisch scheinen Türrahmen echte Gefahrenquellen zu sein. Warum?

Ist es euch auch schon passiert, dass ihr euch gerade auf der Couch schön gemütlich niedergelassen habt, um endlich einen Film zu sehen, auf den ihr euch schon lange gefreut habt? Oder ein spannendes Fußballmatch? Aber es fehlt etwas: Ja! Das Bier steht noch im Kühlschrank! Und die Zigarettenpackung ist leer, und – ich muss es ehrlich gestehen – ein spannendes Fußballmatch überstehe ich nur mit Zigaretten. 😉 Und so steht ihr grummelnd wieder auf, nehmt die leere Packung und geht zur Wohnzimmertür, öffnet sie und geht Richtung Küche. Zurück kommt ihr dann mit einer Tüte Chips, mit der ihr euch wieder gemütlich auf die Couch verzieht. Kaum sitzt ihr, stellt ihr fest: „Hier fehlt doch etwas!“ Ja! Natürlich! Nämlich das, weswegen ihr die verdammte Couch überhaupt erst verlassen habt! Und ihr wisst auch sofort wieder, was es war, kaum dass ihr wieder im Wohnzimmer sitzt. Also wieder aufgestanden und ab in die Küche – dabei den Aschenbecher, der geleert werden muss -, aus der ihr dann mit einer unangebrochenen Zigarettenpackung und einer Flasche Bier zurückkehrt. Ab auf die Couch …

Kaum brennt die erste Zigarette, stellt ihr fest, dass etwas fehlt … Ja. Der Aschenbecher, der zwar geleert wurde, aber nun immer noch am falschen Ort steht, nämlich in der Küche … Wohin jetzt mit der glimmenden Kippe (ich rauche nur im Wohnzimmer)?

Zähneknirschend brecht ihr eure selbstaufgestellte Regel und eilt fluchend mit Zigarette Richtung Küche. Einmal ist keinmal. Zurück kommt ihr mit einem Glas Gurken, aber ohne Aschenbecher, der sich wahrscheinlich schon überlegt, in der Küche Wurzeln zu schlagen … Um zu vermeiden, dass Zigarettenasche auf die Couch, den Boden oder sonstwohin fällt (denn natürlich ist kein geeignetes Ersatzgefäß in der Nähe), eilt ihr erneut mit der Kippe in der Hand Richtung Küche, krallt euch den Aschenbecher und kehrt aufatmend wieder ins Wohnzimmer zurück. Endlich sitzen – endlich Fußball gucken! Und alles, was man braucht, in Reichweite, nach nur mehrmaligem Laufen … Garantiert müsst ihr dann, wenn ihr euch gerade bequem und gemütlich installiert habt, zur Toilette …

Mein Tipp: Schon lange vor Anpfiff alles, was benötigt wird, bereitstellen. 😉

Eine andere typische Situation: Ihr wollt einkaufen gehen, da dringend Kaffee benötigt wird. Und schon geht es auf Richtung Supermarkt … Nicht selten ist es zumindest bei mir so, dass ich mit allen möglichen Artikeln nach Hause komme – nur nicht mit Kaffee! Ja, werdet ihr jetzt sagen, da schreibt man sich doch einen Einkaufszettel! Sischer dat – mache ich auch oft. Nur vergesse ich den in 90 Prozent der Fälle garantiert, wenn ich aus dem Haus gehe …

Was das nun mit Türrahmen zu tun hat? Nun, das ist ganz einfach: Forscher haben herausgefunden, dass wir – nehmen wir das Wohnzimmerbeispiel – mit einem bestimmten Plan das Wohnzimmer verlassen, weil wir ein Bier aus dem Kühlschrank nehmen wollen, zum Beispiel. Doch der Türrahmen, dieses ungeahnt gefährliche Wesen, bewirke, so die Forscher, dass wir, haben wir ihn einmal durchschritten, vergessen, weswegen wir eigentlich hindurchgegangen sind. Als habe man quasi den Stecker gezogen. Und so kommt man dann eben mit Chips zurück, mit einem Glas Gurken und allem Möglichen, nur nicht mit den Dingen, die man – „mal eben schnell“ – holen wollte. 😉 Offenbar hake das Gehirn die Info aus dem Wohnzimmer als erledigt ab, sobald man in einen anderen Raum gehe. Man machte mit freiwilligen Probanden verschiedene Tests, die diesen Schluss nahelegen. Und das Ganze nennt man Türrahmen-Effekt.

Ganz ehrlich? Das beruhigt mich doch sehr … In der letzten Zeit hatte ich schon in Erwägung gezogen, eines der vielbeworbenen Ginkgo-Präparate zu kaufen und peinlich genau einzunehmen. Nein, nicht wirklich – ich vermute nur, sie sind in der Werbung überproportional vertreten. 😉 Nichtsdestotrotz stand ich schon so manches Mal im Bad, als wäre ich gerade vom Himmel gefallen, obwohl ich doch nur etwas aus der Küche holen wollte … Oder ich ging einkaufen und kam ohne Kaffee zurück. Wobei vergessener Kaffee weit harmloser ist als vergessenes Toilettenpapier, dessen Fehlen erheblich drastischere Folgen haben kann … 😉 Ich gestehe, ich musste schon öfter ein zweites Mal zum Supermarkt gehen, um das Vergessene zu kaufen. Und wie oft bekam ich den Tipp: „Schreib doch einen Einkaufszettel!“ Als wüsste ich das nicht selbst! Nur: Was, wenn ich noch mal ganz schnell ins Bad muss oder mir sonst etwas Wichtiges einfällt, das ich eben – in einem anderen Raum – erledigen oder holen muss? Da nehme ich den Einkaufszettel nicht unbedingt mit, muss aber mindestens einen Türrahmen durchschreiten, wobei der gefährliche Türrahmen-Effekt ja wieder eintritt! 😉 Und so gerät der Einkaufszettel ja wieder in Vergessenheit …

Mich wundert, dass es in meiner Wohnung noch keine ausgetretenen Pfade gibt, denn ich mache es so, wenn ich – einmal den Türrahmen durchschritten – nicht mehr weiß, was ich eigentlich wollte: Ich gehe in den Raum zurück, den ich mit einem bestimmten Plan verließ. Meist hilft das. Man muss sich nur sehr stark konzentrieren, sobald es auf den gefährlichen Türrahmen zugeht … 😉

Ich bin beruhigt, dass es anderen offenbar ähnlich wie mir geht und sehe es mit Humor: „Was man nicht im Kopp hat, muss man in den Beinen haben.“ Sage ich mir auch gerade, da ich hier sitze und Tee statt Kaffee trinke. Es ist nämlich kein Kaffee im Haus …

Dreimal dürft ihr raten, warum … 😉