„Miss Hochdruck“ – Oder: Immer unter Strom

Heute früh um 8 Uhr stand ich im Hausflur vor der Eingangstür meiner bis dato verschlossenen Hausarztpraxis. Meine linke Hand hielt ein Folterinstrument umklammert, das ich erst eine knappe Stunde zuvor selbsttätig abgelegt bzw. mich davon „entkabelt“ hatte. Denn gestern stand mein LZ-RR-Termin an, kurz: die Langzeit-Blutdruckmessung, die man noch vor meiner Dienstreise als dringend vonnöten deklariert hatte. Und so hatte ich mir gestern um 8 Uhr das Gerät, das sich als Folterinstrument entpuppte, anlegen lassen und alle Maßgaben beachtet, denn die Messung sollte ja genau sein und Aufschluss über das mir innewohnende Problem leisten.

Die erste Messung gestern, als Testmessung bezeichnet, war bereits ein Schlag ins Kontor, da viel zu hoch. Mir graute. Wie würde das weitergehen, wenn der erste Wert am frühen Morgen schon so bescheiden hoch war? Allerdings habe ich seit dem Besuch bei meinem Gyn, da das Problem entdeckt wurde, auch ein massives Problem, was das Messen meines Blutdrucks anbelangt. Kurz: Ich habe den Eindruck, dass dieser bereits eklatant hochschnelle, wenn ich nur ein Blutdruckmessgerät sehe … 😉 Das Phänomen ist rasch erklärt: Ich rechne seit erstem Auftreten bei Anblick eines Messgerätes bereits mit dem Schlimmsten, und schon haben wir das altbekannte Phänomen der self-fulfilling prophecy. Ich scheine für so etwas durchaus anfällig zu sein, und sogar meine Hausärztin meinte heute: „Sie sind einfach ein sehr sensibler Mensch, Frau B. – Sie strahlen das bereits aus!“

Echt? Es gibt Menschen, die mich für einen unsensiblen Klotz und Haudegen halten – vermutlich liegen die falsch. 😉

Heute früh nahm man noch ein EKG vor, das laut Ärztin „sehr gut“ aussehe. Dann gingen wir die Langzeit-Blutdruckmessung durch, und ich reichte ihr mein dazu erstelltes Protokoll. Sie lachte mehrfach und rief: „Faszinierend, Ihr Arbeitstag! Sie haben einen Blutdruck von 178:100 mmHg, wenn Sie in die Finanzabteilung gehen? Und kaum sitzen Sie wieder an Ihrem Arbeitsplatz, sinkt Ihr Blutdruck schlagartig auf 129:81 mmHg? Der Gang war wohl nicht angenehm?“ – „Ach, eigentlich völlig harmlos – aber wenn ich jetzt sehe, wie da die Unterschiede beim Blutdruck sind, scheine ich erheblich nervöser vor dem Gang gewesen zu sein, als mir bewusst war. Völlig zu Unrecht! Aber … Sagten Sie ernsthaft 178:100? Das ist ja grauenhaft! Das sind ja völlig abstruse Werte! Solche Werte kenne ich von mir nicht. Abstruse Werte schon – aber eher in die andere Richtung gehend! So etwas wie 90:45 mmHg und bei maximaler Aufregung 110:70 – aber doch so etwas nicht!“

Sie lachte noch mehrfach, als sie meine Werte sah und ich versuchte, ein entsprechendes Tagesereignis zuzuordnen, was beileibe nicht immer gelang, versicherte mir jedoch, dass das keine wirklich entgleisten Werte seien, wenn auch immer ein bisschen zu hoch. Meine Nachtwerte seien hervorragend normal, bis auf einen kleinen Ausreißer (wahrscheinlich hatte ich schlecht geträumt) – nur tagsüber sei mein Blutdruck das kalte Grauen, da er stets zu hoch sei bzw. – in manchen Fällen – schlagartig von zu hoch auf vergleichsweise normale Werte stürze. (Bei allen normalen Werten befand ich mich laut Protokoll in meinem Büro. 😉 )

„Und nun?“ fragte ich. Sie meinte: „Ihre Werte sind im Schnitt etwas zu hoch, aber nicht im wirklich schlimmen Bereich. Dennoch sollten wir etwas tun.“ Und sie schrieb ein Rezept aus: „Ich schreibe Ihnen hier einen Betablocker auf – da Ihre Nachtwerte so erfreulich normal und nur Ihre Tageswerte kritikwürdig sind, nehmen Sie den bitte morgens. Es kann sein, dass Sie zunächst etwas abgedämpft sind, aber das spielt sich schon ein! Da Sie ohnehin ein kleiner Hibbel zu sein scheinen, kann das sicherlich nicht schaden. Und messen Sie bitte regelmäßig Ihren Blutdruck, damit wir sehen können, ob die Dosierung reicht!“

Na, hervorragend! „Kleiner Hibbel“! Ja, ich bin eine etwas hektische Person, aber „kleiner Hibbel“? Das klingt nicht nett, und das sagte ich der Ärztin auch. Da lachte sie und meinte: „Das war nicht böse gemeint. Ich glaube einfach nur, dass Sie sich manchmal etwas zu viele Gedanken machen und sich selber derart pushen, dass das den Blutdruck noch mehr steigert.“ Na, dann … 😉

Ich fuhr nach dem Arztbesuch zur Arbeit, und als ich mich einstempelte, rief der diensthabende Pförtner: „Mahlzeit, Frau B.! Kommen Sie heute auch noch mal vorbei?“ Ich rief zurück: „Ich komme vom Arzt, Herr Schnäther! Da ist das ja wohl erlaubt.“ Und ich grinste.

Herr Schnäther kam zu mir herüber und meinte: „Was sagt denn die Langzeit-Blutdruckmessung?“ (Er hatte gestern mitbekommen, dass ich den ganzen Tag mit dem Messgerät herumrannte, zumal Herr Schnäther und ich ohnehin ein lustiges Frotzelverhältnis pflegen und ich im Zuge dessen weiß, dass er auch unter Bluthochdruck leidet.) – „Nix Gutes – ich muss einen Betablocker nehmen!“ – „Was bekommen Sie denn da?“ – „Hier, das! Habe ich gerade aus der Apotheke geholt!“ Und ich zeigte das Präparat.

Herr Schnäther nickte anerkennend und meinte: „Das Zeug ist okay – damit kommt man klar. Ich glaube, ich bekomme das Gleiche.“ Ich stutzte, dann wurde mir die Absurdität der Situation klar, und ich lachte laut: „Cool, Herr Schnäther! Da kennen wir uns so lange, und jetzt können wir endlich die uns verschriebenen Medikamente vergleichen!“ Herr Schnäther stutzte ebenfalls, und dann lachten wir beide los. Es war wirklich grotesk. 😉

Nachmittags rief meine Mutter mich an, die von dem unangenehmen Langzeit-Blutdruck-Ding wusste: „Und? Wie lief es?“ – „Bescheiden. Mein linker Arm ist zwar unerwarteter Weise nicht grün und blau, aber er tut weh, und ich muss einen Betablocker nehmen.“ – „Um Himmels willen! Mach das nicht – das ist ganz großer Mist! Ich habe den einzigen Betablocker, den ich je nehmen sollte, nach zwei Wochen abgesetzt, weil es mir derart bescheiden ging!“ – „Danke! Das hat mir jetzt noch gefehlt! Vielen Dank! Ich muss den nehmen, sagte man mir!“ – „Ach so … Naja, dann wird sicher alles gut werden, mach dir keine Sorgen …“ Ja. Das wirkte sehr überzeugend. 😉

Ich werde morgen früh die erste Tablette nehmen und dann sehen, was mit mir passiert. 😉

Zur Not rufe ich meine derzeit krankgeschriebene Kollegin Kerstin an, die mich heute überraschend anrief und meinte, unsere ansonsten täglichen Gespräche fehlten. 😉 Wir unterhielten uns über eine Stunde lang und planten unseren Besuch beim Weihnachtssingen auf Schalke. Beide derzeit angeschlagen, aber wir singen trotzdem auf Schalke! 😉

Drückt mir die Daumen für morgen, bitte … Ich habe ein bisschen Angst … 😉

Ein echter „Lauf“! ;-)

Vorgestern war ein Tag, an dem ich etwa 22 Stunden am Stück auf den Beinen und mehr oder minder geistig anwesend war.

In Riga war ich um halb vier morgens aufgestanden – da war es hier halb drei. Schnell unter die Dusche, schnell angezogen und fertiggemacht. Schnell noch die letzten Teile in den Trolley geworfen, der – als Handgepäck deklariert – 12 kg nicht überschreiten durfte. So die Vorgaben meines Flugtarifes der Koninklijke Luchtvaart Maatschappij, kurz KLM, mit der ich nicht zum ersten Mal unterwegs war. In Kooperation mit airBaltic. Der Hinflug war auch wirklich gelungen, und auch bei vorherigen Flügen hatte es keinen Anlass zu Beschwerden gegeben.

Als ich um 05:25 Uhr aus dem rotzgrüngelben Baltic Taxi sprang, das mich fünfundzwanzig Minuten zuvor vom Hotel abgeholt hatte – die Fahrt war sehr nett gewesen, da der Fahrer und ich einander blendend verstanden und einen ganz ähnlich schwarzen Humor hatten -, mir Rinalds, der Fahrer, noch alles Gute gewünscht und gemeint hatte, es wäre sehr nett, mich einmal wieder zu treffen, stochte ich mit meinem kleinen roten Trolley gen Flughafenlobby. Schnell eingecheckt – der kleine rote Trolley wurde entgegen den Bestimmungen, die mit meinem Ticket einhergingen, einmal mehr als Aufgabegepäck behandelt und diesmal bis Düsseldorf durchgebucht -, ging es direkt zum Security Check. Wusste der Henker, wie lange es da dauern würde … Und das war eine blendende Entscheidung, denn dort tobte bereits der Bär. 😉

Ich hasse den Security Check aus ganzem Herzen. Zumindest habe ich immer ein ziemlich schlechtes Gefühl, obwohl ich mich sicherheitshalber stets an die Regeln halte. Und obwohl ich ganz harmlos aussehe – wie ich zumindest glaube -, werde ich wieder und wieder hinausgewinkt, muss nicht nur Hände vorzeigen und Arme heben, um daraufhin abgetastet zu werden, nein! Meist muss ich auch noch meine Schuhe ausziehen, denn es könnten ja Handgranaten oder Spionagematerial darin enthalten sein – ganz sicher, und man weiß ja nie …

So auch Samstag früh, gegen 06:00 Uhr, als die Uhr hier noch 5 schlug und ihr alle zu Recht in tiefem Schlaf lagt. 😉 Zur Entspannung musste ich dringend den Duty-Free-Shop aufsuchen und ein Parfum von Burberry kaufen. 😉

Der Flug von Riga nach Amsterdam startete einigermaßen pünktlich – erheblich pünktlicher jedenfalls als alles, was ich von deutschen Flughäfen und anderen Airlines kenne. Der Pilot hieß Andreij Wassilijew und war offenbar Russe. So nahm ich zumindest an, und sofort schlug der kleine Klischeedetektor an: „Der kann sicher besonders gut fliegen, weil er beim russischen Militär war und ganz hervorragend Jagdbomber geflogen hat!“ (Ja, ich schämte mich auch sofort! Zumal Andreij Wassilijew wirklich hervorragend flog und ich ihn von ganzem Herzen beneidete, dass er etwas konnte, was ich so gerne können würde. 😊 ) Andreij flog uns aufs Beste die knapp 1500 Kilometer, steuerte uns durch wundervolle Wolkenformationen gen Boden, und als wir gelandet waren, war noch hinreichend Zeit, sich zum Nachfolge-Gate zu begeben. Anders als beim Hinflug, wo ich rennen musste. Danke, Andreij! 😉 Nie wieder werde ich blöde Klischees bemühen, wenn ich auf einem Flug einen russischen Namen höre, der den Piloten betrifft. (Bisher war es allerdings auch nicht dazu gekommen, da ich innereuropäisch noch nie so weit östlich geflogen war.) 😊

In Amsterdam-Schiphol angekommen (was die lettischen/russischen Flugbegleiterinnen immer so reizend als „(Chch-)Hamsterdam“ deklariert hatten), eilte ich sogleich ans Folge-Gate, und es war völlig klar – da in Riga so angekündigt -, dass mein kleiner roter Trolley bis Düsseldorf durchgebucht sei. Also stieg ich vertrauensvoll in den Cityhopper, und er und ich landeten auch in Düsseldorf voller Zuversicht.

Aber die Zuversicht nahm ab, je mehr unabgeholte Gepäckstücke auf dem unentwegt kreisenden Gepäckband zirkulierten und keines hinzukam. Als das Band dann stoppte, war auch mir klar, dass da nichts mehr kommen würde. 😉

Ich begab mich an den entsprechend zuständigen Schalter, und nachdem ich diverse Angaben getätigt hatte, versicherte man mir, dass mein Trolley und ich alsbald wieder vereint sein würden – sobald man ihn gefunden habe, werde er mir mit dem entsprechenden Lieferservice nach Hause gebracht. (Inzwischen hatte ich diverse Angaben erhalten: Mein Trolley sei kurz nach mir von AMS nach DUS gereist, inzwischen gelandet, und man werde sich alsbald melden. Kurz darauf die Nachricht, mein Gepäck sei gefunden worden und nun alsbald nach DUS unterwegs – ich solle warten.)

Innerlich fluchend, äußerlich immer schlimmer erkältet machte ich mich gen Flughafenbahnhof auf, um den RE Richtung Hamm zu nehmen, der über GE fährt. Am Bahnhof angelangt, stellte ich fest: Dieser Zug fuhr heute … nicht. Warum? Keine Ahnung, denn es gab keine Erklärung dafür. Also nahm ich den nächsten Zug, der über Essen fuhr und auch erst eine knappe halbe Stunde später kam, in der ich frierend und fröstelnd ausharrte, mit eklatanten Gliederschmerzen: Es ging mir gar nicht gut.

Endlich fuhr der Zug ein, und mit Mühe zwängte ich mich hinein, denn er war zum Bersten voll. Da dachte ich: „Danke, KLM, dass mein Trolley nicht mitgekommen ist! Nicht auszudenken, hätte ich jetzt noch einen Koffer bei mir!“ 😉

Beim nächsten Halt in Duisburg war auch noch alles okay. Aber beim übernächsten in Mülheim standen wir schon erstaunlich lange am Gleis, als eine Durchsage kam: „Meine Damen und Herren, es klingt vielleicht bescheuert, aber: Die Türen lassen sich nicht öffnen!“ Wir, die wir dort im Einstiegsbereich unseres Wagens standen, starrten einander ungläubig an – wie bitte? Die neben mir stehende Frau meinte lachend: „Das ist doch kaum zu glauben!“ Und sie grinste mich an. Ich sagte: „Nun ja, ich habe heute eh einen Lauf – mich würde daher gar nicht wundern, würde gleich die Feuerwehr kommen, um uns alle aus diesem Zug hier zu schneiden, weil sich die Türen nicht öffnen lassen.“ Die Frau lachte schallend, ich grinste etwas gequält. Ich wollte nur nach Hause. Es war nach halb 1 – ich war seit vielen Stunden auf den Beinen, eine Stunde länger als alle Mitreisenden, die hier in Deutschland auch mitten in der Nacht um halb vier aufgestanden waren, denn in Lettland gehen die Uhren eine Stunde vor.

Nachdem wir endlich hatten weiterfahren können, in Essen das gleiche Spiel. Mein zuvor als hervorragend angesehener ziemlich rascher Anschluss weg. Aber ich versuche immer, möglichst pragmatisch vorzugehen, und da ich ohnehin noch hatte einkaufen wollen, dies nun eben in Essen. Der nächste Anschluss in einer Dreiviertelstunde. Ich stürmte die Kettwiger Straße und dort die erste Apotheke, deren ich ansichtig wurde – es mussten Mittel gegen diese immer schlimmer werdende Erkältung her. Meine Stimme war bereits da etwas brüchig, und der Apotheker hatte wohl Mitleid mit mir und rückte ganz freiwillig einen Kalender für das kommende Jahr heraus. Wahrscheinlich dachte er: „Arme Frau – die klingt so scheiße, dass sie sich sicher freut, wenn ich ihr zutraue, noch das nächste Jahr zu erleben.“ 😉

Dann rasch in einen Supermarkt und das Nötigste erworben, bevor es zurück zum Hauptbahnhof ging. Noch fünf Minuten bis zur Abfahrt des Zuges an einem entlegenen Gleis. Doch da! Da stand am Zugang zum Gleis ein Schild, auf dem stand: „Der Tunnel zu den Gleisen […] und […] ist derzeit gesperrt. Sie erreichen die Gleise durch […]“ Und ein Weg wurde genannt, der zu weit war, den in fünf Minuten abfahrenden Zug noch zu erreichen, vor allem mit meinem durch die Erkältung kurzatmigen Handicap.

Ich bin ein friedliebender Mensch, gestehe jedoch, in diesem Moment das Bedürfnis verspürt zu haben, dem nächsten Menschen, der mich aus Unachtsamkeit anrempeln würde, lachend rechts und links ins Gesicht zu schlagen. (Ich würde so etwas nie tun. Das Bedürfnis war dennoch da.)

Ich bin schließlich mit der U11 nach GE-Horst gefahren – ein Akt der Verzweiflung, da die U11 die letztpriorisierte Möglichkeit war, die ich überhaupt in Betracht zog, da ich die U11 sehr gut kenne. Ein Erlebnis, das ich auch nicht jeden Tag haben muss. Neben mir saßen zwei ältere Frauen, die darüber sinnierten, dass „die Heidi“ sich nun einen Hund anschaffen wolle und auch schon einen Vertrag auf einen Abkömmling bzw. einen Welpen aus einem Züchterwurf abgeschlossen hatte – „iiiaagendsone Jagdhundart, und der Hund heißt Leo – den hatt se auch schon zweimal besucht. Bekloppt, ey!“ – „Ja, vooaa allem, weil sonn Hund doch Haare väaaliiaat!“ Ja, nee, is klar – total bescheuert! So’n Hund verliert doch Haare! Wie kann man sich nur einen Hund anschaffen, wenn der doch Haare verliert – und dann liegen die aum Sofa rum, ne! (Ich fragte mich, ob „die Heidi“ keinen Staubsauger besitze und wie oft die beiden um Heidis Sofa besorgten Damen denn selber so staubsaugten, aber schon kam Ablenkung …)

Denn im Einstiegsbereich, der dem Vierersitzbereich, auf dem die beiden Damen und ich saßen, am nächsten lag, standen zwei stark alkoholisierte Personen. Die eine weiblich, die andere männlich, beide eine Flasche Bier in der Hand bzw. wechselweise am Kopp. Und an einer Haltestelle bremste die U11 etwas stärker … Und da ließ der Mann sich eben etwas noch einmal durch den Kopp gehen und trank rückwärts … Ein erhebender Moment. Nach dem ersten Schock dachte ich: „Wenn du irgendjemandem das alles erzählst, wird der sagen: ‚Amüsant, aber unwahrscheinlich – in der Häufung gibt es doch solch doofe Ereignisse gar nicht!‘“ Doch. Gibt es. Ich war auch verblüfft.

Ich machte drei Kreuze, als ich in GE-Horst in die Straßenbahn umsteigen konnte, und noch mehr Kreuze machte ich, als ich in meiner Wohnung war und die Schuhe von den schmerzenden Füßen ziehen konnte. Für den restlichen Samstag hatte ich Ruhe – ein Gefühl wie Weihnachten. Und zum Glück rief mich auch niemand mehr an – meine Stimme war kurz vor dem Versagen.

Am Sonntagmorgen, ich erwachte noch schlimmer erkältet als zuvor, wollte ich meine Stimme testen, denn mein Handy hatte mir für diesen Tag den Anruf des KLM-Gepäck-Lieferservice prophezeit, der meinen Trolley bringen sollte. Es ereilte mich das Grauen, denn es kam … nichts. Nur heiße Luft und jämmerliche quietschende Laute, die klangen, als solle eine Katze ersäuft werden, die mit letzter Kraft um Hilfe ruft. In dem Moment hoffte ich, der Lieferservice möge sich noch einen Tag Zeit lassen – so dringend war das mit meinem Trolley ja nun auch nicht. Immerhin waren keine verderblichen Dinge darin. 😉

Keine zehn Minuten später klingelte mein Handy. Eine mir unbekannte Nummer stand auf dem Display – mit höchster Wahrscheinlichkeit war das der Lieferservice! 😉 Ich raffte mich nebst Stimmbändern zusammen und meldete mich, indem ich trotzig und massiv Luft durch die Stimmwerkzeuge stemmte, aber es kam nur ein armseliges Quieken. Mein Gesprächspartner legte direkt auf. Ich konnte es ihm nicht verdenken – ich hätte mich auch verarscht gefühlt. Er versuchte es noch einmal – ich desgleichen, aber das Ergebnis war das gleiche. Ich sank ermattet aufs Sofa – übrigens ganz hundehaarfrei, da ich keinen Hund besitze. Würde ich meinen kleinen roten Trolley je wiedersehen? Ich hackte eine Whatsapp an KLM und schickte sie ab, aber man teilte mir nur mit, ich solle den Lieferservice anrufen. Hallo? Ich hatte doch mitgeteilt, dass ich erkältungsbedingt keine Stimme hatte … 😉

Wie durch ein Wunder meldete sich mein bester Freund Fridolin über den Messenger eines Sozialen Mediums: Wie es denn in Riga gewesen sei, wollte er wissen. Ich schrieb: „Dazu später. Könntest du mir einen Gefallen tun? […]“ Und ich schilderte ihm meine absurde Situation. Er fand es lustig und fragte, warum mir so oft solch völlig groteske Dinge passierten wie Sprachlosigkeit, wenn ausnahmsweise mal Sprachfähigkeit zwingend vonnöten, versprach jedoch, die von mir übermittelte Nummer anzurufen und mitzuteilen, dass ich in freudiger Erwartung meines Trolleys zu Hause sei. Und keine fünf Minuten später wusste ich: Zwischen 18 und 20 Uhr würde mein Trolley geliefert werden.

Doof war dann nur, dass der Lieferant zehn Minuten vor Auslieferung noch einmal anrief, wohl, um mir mitzuteilen, dass die Lieferung alsbald stattfinden würde. Als ich mich stimmlos meldete, legte er auf, und mich wundert noch jetzt, dass er danach tatsächlich noch angefahren kam, um mir das Gepäck zu bringen. 😉

Eine Kette unangenehmer Dinge, die grotesk endete – so etwas Bescheuertes war mir in dieser Häufung auch noch nie passiert. Aber immerhin sind mein Gepäck und ich wieder vereint. 😉

Und in Riga war es wirklich schön gewesen – am liebsten wäre ich gleich dageblieben, obwohl es die meiste Zeit wie aus Eimern schüttete. Mir wäre dann wohl auch der Samstag/Sonntag in dieser Form erspart geblieben. 😉

„There was a young lady of Riga” … ;-)

So fängt ein Limerick an, der einst in einem meiner Unterstufen-Englischbücher stand und den ich nie vergessen habe:

There was a young lady of Riga
Who rode with a smile on a tiger.
They returned from the ride
With the lady inside
And the smile on the face of the tiger.

Wie gut, dass ich mehr oder minder aus dem Raster der young lady  herausfalle. 😉 Wie auch immer: Am kommenden Montag werde ich in aller Herrgottsfrühe aufbrechen, um nach Riga zu reisen. Natürlich nicht auf dem Rücken eines Tigers, sondern zunächst mit einem profanen Taxi gen Flughafen Düsseldorf, das ich heute zum Festpreis von 78,- € und mit der Kondition Kreditkartenzahlung buchte. Bei meinem plötzlichen Aufbruch gen Baltikum handelt es sich um eine Dienstreise, da dort – am Geburtsort Heinz Erhardts in Lettland – eine Tagung stattfindet, die mit dem Inhalt meines Berufs konform geht.

All die Menschen, die mich mit all meinen Macken und Schrullen kennen, zumindest die, die bei meiner Taxi-Buchung anwesend waren, lachten sich scheckig, als ich ganz selbstbewusst und mit fröhlichem Timbre am Telefon sagte: „Ihr Fahrer holt mich also um 5 Uhr 10 morgens ab – sehr gut! Ich warte vor der Haustür.“

Saskia brach in helles Lachen aus, als ich aufgelegt hatte; Gina fiel ein, und sie meinten: „Hast du gerade von dir gesprochen, als du sagtest, die Person, die da transportiert werden soll, stünde um 5 Uhr 10 vor der Haustür?“ – „Ja, lacht ihr nur – ich bin ganz sicher pünktlich!“ Gina rief: „Sagt die, die erst kürzlich hier proklamiert hat, dass regelmäßiges Zuspätkommen auch eine Art von Zuverlässigkeit sei!“

Wir lachten alle laut, und ich meinte: „Und wenn ich die ganze Nacht wachbleibe! Ich werde um 5 Uhr 10 vor der Haustür stehen – mit all meinem Gepäck!“ (Und ich hoffe, dass es wirklich so sei! 😉 )

Außerdem bin ich immer pünktlich, was die Öffnungszeiten meiner Abteilung anbelangt, und ich kann meist sogar noch Kaffee aufsetzen, bevor das zu erwartende Publikum eintrifft. Meist mindestens zwei Minuten vor Öffnung der „Tore“. Und fast immer mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht. 😉 Gut, man könnte etwas eher eintreffen, zumal man sich dann nicht so abhetzen müsste … 😉

Mit dem Abhetzen wird es sowieso ein Ende haben müssen, seit ich am vergangenen Montag bei meinem Gyn war, der mir hinsichtlich der diesjährigen MRT-Untersuchung zweier Anhängsel meiner Wenigkeit eine Überweisung ausstellen sollte. Standardmäßig wurde mein Blutdruck gemessen. Und als ich nach Ende der Messung auf das Display des digitalen Messgerätes blickte, stockte mir erst der Atem, doch dann rief ich selbstbewusst: „Ihr Messgerät ist wohl defekt!“ Denn das, was da abzulesen war, konnte unmöglich stimmen: 151:106! Ein dreistelliger diastolischer Wert konnte nur ein Gerätefehler sein – ebenso der systolische Wert!

Man maß erneut. Ähnliche Werte, und ich stutzte. Ich hatte seit jeher eher niedrige Werte und war froh, wenn ich den Standard 120:80 mmHg erreichte. Die Arzthelferin meinte: „Nach der Untersuchung kommen Sie noch einmal ins Labor, bitte. Dann alles in Ruhe. Ich kann das unmöglich so in Ihre Akte schreiben – der Arzt reißt mir die Ohren ab!“ Ich sagte: „Ja, klar.“ Aber so richtig klar war mir das alles nicht – ich hatte doch immer eher niedrige Werte gehabt. Und ich wollte ganz gewiss nicht, dass der Arzt dieser immer so netten Helferin die Ohren abrisse.

Nach der Untersuchung dann eine weitere Messung, und ich sagte unheilschwanger: „Ich glaube nicht, dass das niedriger sein wird!“ Aber ein wenig niedriger war es schon, wenn auch immer noch im ziemlich kritischen Bereich, und mein polnischer Gyn, der hinzugekommen war, sagte nur: „Frrraauuu B., gäähäään Sie unväärrzieglich zu Ihrräääm Haauuusaarzt!“

O Gott! Das sagte dieser ruhige Mensch, der stets deeskalierend agiert – hier bestand wohl wirklich Handlungsbedarf! 😉

Ich fuhr nicht sonderlich ruhig zum Einkaufen und danach nach Hause, und am nächsten Morgen rief ich um 8 gleich in meiner Hausarztpraxis an und schilderte mein Problem. Man gab mir einen Termin für heute. Da der mich regulär behandelnde Arzt – es ist eine Gemeinschaftspraxis – nicht zur Verfügung stand, wurde ich der einzigen Ärztin in diesem Dreierbund zugeteilt, bei der ich vor zwei Jahren schon einmal war, als ich einen kurzfristigen Termin benötigte.

Und ganz ehrlich: Bei dieser Ärztin möchte ich bitte auch bleiben. Kein paternalistisches „Ach, Frau B., alles wird gut, machen Sie sich keine Sorgen! Ganz ruhig …“ Sie hörte zu, grinste mich an und meinte: „Sie gefallen mir, da Sie Ihre Aufgaben wohl ernstnehmen. Willkommen in der Liga der Betablocker.“ – „Betablocker?“ rief ich entsetzt. – „Ja. Was ist so schlimm daran?“ – „Aber die bekommen nur alte Leute!“ – „Nee, die bekommen alle Leute, die genauso sympathisch-hibbelig hier vor mir sitzen, einen bisweilen etwas zu hohen Blutdruck haben und ein kleines bisschen gedimmt werden müssen, damit der Blutdruck wieder normal ist. Aber das checken wir nach Ihrer Rückkehr erst einmal mit einer 24-Stunden-Blutdruckmessung und sehen dann, was Sache ist. Nehmen Sie Ihr Blutdruck-Messgerät nach Riga mit, und wenn es nötig sein sollte, nehmen Sie eine Tablette hiervon. Aber erst ab 180:110 mmHg, was Sie bisher ja beileibe nicht erreicht haben.“ („Hiervon“ ist ein ACE-Hemmer, wie ich erst erfuhr, nachdem ich ihn aus der Apotheke abholte, nach Hause trug und googelte. Wir breiten mal besser den Mantel des Schweigens über die Nebenwirkungen – besser nie googeln! Und beileibe: Solche Werte wie die oben genannten sind mir bis dato fremd! 😉)

Großartig. Genauso habe ich mir diese Dienstreise und auch den Rest meines Lebens vorgestellt: Ich messe meinen Blutdruck und werfe nach Bedarf Tabletten ein. 😉

Wahrscheinlich aber ist es gut, sich möglichst früh daran zu gewöhnen – dann fällt es leichter, wenn es wirklich nötig ist. Meine Ärztin fand übrigens gut, dass ich immerhin in der Lage zu sein scheine, Hochdruck-Symptome zu verspüren, nachdem sie mir erklären wollte, dass die nicht spürbar seien. Ich lachte und meinte: „Sorry, aber dieses Dröhnen und Druckgefühl im Kopp und das Rauschen in den Ohren kann doch ein normaler Mensch kaum nicht spüren!“ 😉 Da sagte sie: „Sie glauben kaum, was manche Menschen nicht spüren! Sie scheinen da feinfühliger zu sein.“ – „Nicht freiwillig!“ Und dann lachten wir beide.

Ich fliege nun als „medium old lady“ nach Riga, werde ganz sicher weder von einem Tiger gefressen noch sonstwie „vernascht“ werden, aber ich freue mich unbändig auf diese Dienstreise. Und natürlich messe ich brav meinen Blutdruck! 😉

Euch ein schönes langes Wochenende, falls Ihr ein solches haben solltet. Und mir einen schönen Hinflug, eine wunderschöne Zeit in Riga und einen noch besseren Rückflug. 😊

Recken und Strecken – nur ein wenig zur Entspannung, natürlich … ;-)

Gestern fragte mich Saskia: „Kommst du morgen mit zum Kurs Immer fit – immer fröhlich? Ich wollte da mal hingehen – und etwas Recken und Strecken bei der Arbeit kann ja nicht falsch sein!“ – „Klar!“ rief ich fröhlich (und das bereits, ganz ohne fit zu sein! 😉 ), denn ein beim Arbeitgeber angebotener Kurs mit allgemein gymnastizierendem Effekt kann nur gut sein, vor allem, wenn man tagein, tagaus in Vollzeit im Büro sitzt. Und vor diesem Hintergrund trompetete ich erneut: „Klar – Superidee!“

Saskia fand es auch super, und so machten wir uns heute um kurz vor halb eins auf den Weg zum Sportraum unseres Arbeitgebers. Außer uns kamen noch zwei weitere reck- und streckwillige Kollegen und warteten brav mit uns vor der Tür des Sportraums, in dem der 12-Uhr-Kurs gerade tätig war.

Als die Tür aufging, kamen diverse Kolleginnen und Kollegen heraus, die ich mehr oder minder gut kannte. Sie alle sahen völlig normal aus, völlig normal hinsichtlich des Stylings und der Gesichtsfarbe. Na, also – das konnte ja gar nicht so anstrengend sein … 😉

Und schon schoben wir vier Musketiere uns in den Raum, mussten uns auf einer Liste verewigen, und schon wies uns die sehr junge und sympathische „Schleiferin“ an, uns jeweils eine der im Kreis angeordneten Gymnastikmatten auszusuchen. Ich nahm die Matte in der linken Ecke – weit von der Kursleiterin entfernt.

Es fing im Grunde ganz harmlos an, aber ich hatte (zu) lange keinen Sport gemacht, und ich konstatierte, dass speziell in vertikaler Körperhaltung meine Balance nicht mehr das ist, was sie mal war, vermute jedoch, dass hier der allseits bekannte Vorführeffekt zum Tragen kam, denn vorhin habe ich hier zu Hause – ganz ohne Publikum und „Schleiferin“ – ganz bequem mit nach oben gezogenem Knie, rechts wie links – minutenlang auf einem Bein gestanden, ohne mich abstützen zu müssen. Cool! (Ausprobieren musste ich es doch noch einmal!) 😊

Nur halt im Kurs nicht, was mich ärgerte. Ganz so ungymnastiziert bin ich ja nun auch nicht! 😉 Als ich die Kursleiterin grinsen sah, meinte ich, ebenfalls grinsend: „Ja, ich muss auch lachen – zu lange nix gemacht, und es ist allerhöchste Zeit. Ich komme jetzt regelmäßig, denn so geht es ja nicht weiter!“ Die Kursleiterin lachte und meinte, binnen kurzer Zeit würde ich feststellen, dass ich viele Dinge wieder könne, die durch den zwischenzeitlich eingetretenen Mangel eingerostet seien. Ja, sehr schön – nächste Woche bin ich auf alle Fälle wieder dort, und dann alle zwei Wochen, da der Kurs ab dann nur zweiwöchentlich stattfindet. Ha! Danach reden wir weiter! 😉

Dennoch war ich froh, als wir uns in Vierfüßerposition begaben – ab da funktionierte alles weitgehend prima, und bei einer Übung wurde ich sogar mehrfach gelobt! Sie ähnelte einer der Basisdisziplinen bzw. -figuren, die man beim Voltigieren lernt. Meine Lieblings-Basisübung vor vielen Jahren auf dem Pferderücken: die Fahne (Leistungsklasse L). Einziger Unterschied: Man verharrt auf dem Rücken des galoppierenden Pferdes in dieser Position mit optimaler Körperspannung. Heute mussten wir uns erst fahnenartig strecken, dann kurz beugen, dann wieder strecken. Aber meine gestreckte Haltung gefiel der Kursleiterin wohl: „Wow! Das beherrschen Sie richtig prima! Das sieht sehr gut aus!“ – „Habe früher voltigiert …“ japste ich und fügte hinzu: „Man mag es kaum glauben – ist auch ewig lange her …“ – „Das sieht sehr gut aus!“

Manches bleibt wohl ewig haften … 😉

Blöd waren die kurzen Entspannungspausen, denn da konzentrierte man sich weder auf die Körperspannung, noch auf sonstige Dinge. Und just in einer dieser kurzen Pausen fiel mir auf, dass meine Herzfrequenz ziemlich hoch war. Kurz: Mein Herz hämmerte derart gegen die Rippen, dass es ungesund erschien. Sicher normal für mehr oder minder untrainierte Menschen, und doch dachte ich in diesem Moment: „Wäre jetzt blöd, würdest du mangels Trainings umkippen, denn du bist hier die einzige Ersthelferin. Und was ist das da? Läuft dir schon Blut in die Augen? Wo ist ein weiterer Ersthelfer?“ (Nein. Es war kein Blut; Schweiß war es – aber auch nicht angenehm für Kontaktlinsenträger. 😉 )

Doch dann fiel mein erschöpfter Blick auf die beiden rechts neben mir: Die kannte ich doch aus den Ersthelfer-Lehrgängen …  Gut, der gleich rechts neben mir wirkte jetzt auch nicht so durchtrainiert, aber Anne Wirschmann, eine sehr nette Kollegin rechts von ihm, sah zu allem entschlossen aus. 😉

Die halbe Stunde, die der Übungskurs andauert, fühlte sich für mich viel, viel länger an. Aber: Nächste Woche gehe ich wieder hin – und danach alle zwei Wochen. Das wollen wir doch mal sehen! 😉 (Aber ich bringe mir dann Kleidung zum Wechseln mit – wie auch Saskia für sich beschloss, obwohl die regelmäßig Sport macht – mich wundert jetzt noch, dass ich durchgehalten habe. 😉 )

Wie eine Erlösung aus dem Schlund der Hölle fühlte es sich an, als ich um 13:01 Uhr aus dem Sportraum taumelte, hinter mir Saskia. Als wir die Treppe aus den Katakomben ins Erdgeschoss hochschritten, rief Saskia hinter mir: „Ali – die Übungen sind vorbei! Wow! Wie kannst du jetzt noch die Treppen so voller Schwung hochstochen?“ Ich fragte sie, ob sie mich veräppeln wolle, aber sie rief: „Nein, ernsthaft – du läufst wirklich voller Schwung und viel schneller als ich!“ Da fiel es mir auch auf: So schwungvoll war ich noch nie eine Treppe hinaufgelaufen. 😉

Und genauso beschwingt ging es zurück ins Büro. Und danach in den Vorraum der Damentoilette, bewaffnet mit einem Deo, das ich – man muss stets gewappnet sein – in einer meiner Rollcontainerschubladen habe.

Der Blick in den Spiegel wirkte ernüchternd: Ich sah nahkampfmäßig geschafft aus! 😉 Danach beschloss ich, wirklich – und ich meine: wirklich – von nun an regelmäßig diesen Kurs zu besuchen.

So geht es ja nicht weiter! 😉 Und doch blickte ich Saskia, nachdem meine Gesichtsfarbe wieder normal wirkte, mit leise grimmigem Humor an und meinte: „Recken und Strecken, ne?“ Und dann lachten wir beide. 🙂

Wat de Buer nich kennt …

Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich ist ein Satz in Niederdeutsch, gemeinhin auch als Platt bekannt. Was der Bauer nicht kennt – und so fort. Kennt sicherlich jeder.

Es schwingt eine vermeintliche Herabsetzung darin mit, die den Beruf des Landwirts zu betreffen scheint, was jedoch unzutreffend ist. Es ist wohl nicht der Landwirt als solcher gemeint, sondern eher ein Mensch, der sich – egal, welchen Beruf er ausübt – gegen alles sträubt, was er nicht kennt und sich somit in einem gegebenenfalls vergleichsweise engen Erfahrungsraum bewegt.

Bezogen auf Essen, bin ich ja der Ansicht, dass man beileibe nicht alles mögen müsse, dass man manches auch nicht vertrage. Um Letzteres festzustellen, muss man allerdings mindestens einmal probiert haben. Überhaupt finde ich, sollte man doch zumindest probieren und ehrlich zu sich und anderen sein, bevor man ein bestimmtes Gericht, eine Angewohnheit oder einen Brauch ablehnt. Es sei denn, man ist Allergiker hinsichtlich einer bestimmten Zutat in einer Speise. Die dann nicht essen zu wollen, leuchtet ein, und dafür hat jeder mit einem gewissen Restverstand Verständnis.

Ich hingegen reagiere allergisch darauf, wenn Leute hingehen und aus bloßer Verwöhntheit und – sorry – Engstirnigkeit Essen ablehnen, weil sie es nicht kennen. Ich war noch klein, als meine Eltern mal verschiedene Gäste zum Essen hatten. Eine Frau fiel ständig dadurch auf, dass sie zu allem und jedem sagte: „Ach, tut mir leid, das mag ich gar nicht!“ Sie mochte offenbar nicht viel, und dabei ist meine Mutter eine sehr gute Köchin, und es standen weder gegrillte Heuschrecken, noch Schneckenschleim auf dem Tisch. Den anderen schmeckte es offenbar sehr, dem männlichen Part dieses Pärchens war es offenkundig peinlich, und meine Mutter rannte hin und her und versuchte, der verwöhnten Dame, deren einzige Begabungen darin zu bestehen schienen, dass sie nichts mochte und wiederholt ein penetrantes Lachen absonderte, etwas ihr Genehmes zu essen zu bieten, etwas, mit dem der offenbar limitierte Gaumen sich zufriedenstellen ließ. Sie bereitete ihr sogar eigens etwas zu.

Ich war noch so klein, dass ich mich mit Diplomatie überhaupt noch nicht auskannte, und so warf ich der Dame, die beim nächsten Besuch in etwa gleicher Besetzung nicht mehr dabei war, sehr böse Blicke zu. Eigentlich hätte sie tot vom Stuhl stürzen müssen, so böse starrte ich sie an. Es leuchtete mir ums Verrecken nicht ein, warum um eine Vollzeitzicke ein solches Gewese gemacht wurde, während ich dazu erzogen wurde, dass Mäkelei an weniger genehmen Gerichten nicht angemessen sei und dass man zumindest probieren müsse, bevor man feststellen könne, dass einem eine bestimmte Speise in der Tat nicht schmecke. Und schon öffnete ich meinen Mund, um etwas Entsprechendes zu sagen, doch ein Studienfreund meines Vaters, der das Ganze wohl beobachtet hatte, meinte: „Ali, sag mal, was willst du denn später mal werden, wenn du groß bist?“ Ich blickte irritiert hinüber – was sollte die Störung? Gerade eben hatte ich doch eine dumme Ziege … „Sag doch mal, Ali“, ertönte die Aufforderung erneut. Und da sagte ich leicht verärgert: „Tierärztin!“ – „Ach, interessant – warum?“ – „Weil ich Tiere mag.“ – „Welche Tiere magst du denn besonders?“ – „Hunde! Und Pferde! Ziegen nicht so!“ rief ich, dabei mochte ich auch Ziegen. Zumindest tierische solche, aber irgendwie musste heraus, was herausmusste. Über das Gesicht des Studienfreundes meines Vaters lief ein leises Grinsen, das sich im Gesicht meines Vaters zu spiegeln schien, und die Mundwinkel zuckten. Er war aber so klug, nicht zu fragen, warum ich Ziegen – vorgeblich – nicht mochte. 😉 Stattdessen bat er darum, doch mal rasch meinen Malblock und die Wachsmalstifte aus dem Kinderzimmer zu holen – er würde sich so sehr über ein Tierbild von mir freuen. Ich fand das irgendwie albern – wieso sollte ich just jetzt ein Bild malen? Aber wenn es denn gewünscht wurde … 😉 Und ich zog ab, während meine Mutter, die – nur für Eingeweihte – ebenfalls leicht verärgert wirkte, aber sehr charmant lächelte, das eigens bereitete Essen für die verwöhnte Dame ins Esszimmer trug.

Gut, dass ich einen Auftrag hatte, denn ansonsten hätte ich wahrscheinlich sehr empört zum Ausdruck gebracht, dass ich sogar Graupensuppe essen müsse, obwohl die total ätzend sei! Es hätte peinlich werden können, denn ich trug bereits als Kleinkind mein Herz auf der Zunge. 😉

Mir nutzte solch zickiges Verhalten nie, aber ich bin sehr dankbar dafür. Es müsse zumindest probiert werden, so die Maxime in meinem Elternhaus, bevor man entscheiden könne, dass einem etwas wirklich absolut nicht schmecke. Und auch, wenn einem etwas nicht schmecke, habe man – speziell als Gast – keine „langen Zähne“ zu machen. Daher esse ich bis heute Graupensuppe und mache die „langen Zähne“ auch nur innerlich.

Ich finde total spannend, Gerichte aus anderen Ländern und Kulturen zu probieren und zu essen und bin dank der elterlichen Anleitung auch sehr aufgeschlossen und nicht mäkelig. 😉 Es gibt nur wenige Gerichte, die ich – und das aus Prinzip – nicht probieren würde, und wären sie noch so schmackhaft. Dazu gehören Froschschenkel und Schildkrötensuppe. Bei foie gras bin ich leider schon schwach geworden, aber bei dem einen der beiden Male stand ein belgischer Sternekoch hinter mir, der den Eindruck machte, er werde unverzüglich jeden mit dem Küchenbeil dahinmetzeln, der sich auch nur einem der verschiedenen Gänge des Abendmenüs entziehen würde. Zweimal gegessen, aber nicht begeistert, speziell der Entstehung dieser Gänse- oder Entenfettleber wegen. Schnecken esse ich, aber ich würde sie mir nicht eigens bestellen. Austern habe ich einmal gegessen, aber ich mag sie nicht, und auch die Art und Weise, die armen Viecher zu konsumieren, hält mich davon ab, ein zweites Mal folgen zu lassen.

Aber ich bin zumindest recht unerschrocken, was mir unbekannte Speisen anbelangt. Der Grundstein wurde in meinem Elternhaus gelegt. Und damals in Jugoslawien.

Da war ich 10 Jahre alt und über Ostern mit Onkel, Tante, Schwester und Cousine in Kroatien bzw. Dalmatien. Eines Abends waren wir von den Betreibern der Pension, Freunde meines Onkels und meiner Tante, zum Essen eingeladen. Ein privates, regionales Essen in der Wohnung der Pensionsbetreiber. Und meine Tante und mein Onkel schwärmten davon, was für wunderbares regionales Essen es doch gebe – beide ganz gespannt, was man uns kredenzen würde.

Und schon saßen wir im Esszimmer der Gastgeber am schön gedeckten Tisch. Es gab eine durchaus schmackhafte Vorspeise, die nur noch durch die Hauptspeise getoppt werden konnte. Und da wurde sie auch schon hereingetragen, in einem großen Topf.

Gespannt blickten wir hinein, nachdem der Deckel gelupft worden war und dem Topf wahrhaft wunderbarer Duft entströmte! Aber … was war das?

Merkwürdige, weißliche Gebilde schwammen in der duftenden Brühe – was war das? Der die deutsche Sprache beherrschende Gastgeber erklärte, das sei eine lokale Spezialität: gekochte Tintenfische. Genauer: Kalmare. Die Tiere, die jeder zumindest in Ringe geschnitten kennt, der frittierte Kalamares bzw. Calamari mit Knoblauchsauce liebt. Nur: Hier schwammen sie im Ganzen gänzlich unfrittiert in einer Brühe und sahen – sorry! – aus wie Wasserleichen.

Stephanie und meine Cousine Christina waren plötzlich auf Diät und wollten „nur eine ganz kleine Portion, bitte, wenn überhaupt“. Mein Onkel hatte wie aus dem Hut gezaubert schon den ganzen Tag ominöse Magenprobleme. Nur meine Tante und ich blieben übrig, und wir waren tapfer. Keine Frage: Die Brühe war wunderbar! Aber diese wachsartigen Kalmare waren eine Herausforderung. Ich aß einen großen Teller voll. Dann war ich gesättigt … Meine Tante nahm noch zwei Nachschläge – es war ihr peinlich, dass drei Teile der fünfköpfigen Reisegesellschaft ausfielen. Leider konnte sie vom Nachtisch dann nur noch wenig essen, und mein Onkel, Stephie und Christina gar nichts – es hätte etwas blöd ausgesehen. Die drei Letztgenannten gingen hungrig zu Bett, aber ich konnte immerhin noch vom Dessert essen. 😉

Und derart gestählt war ich vor einigen Jahren, kurz nach dem Urlaub mit Johann, Sabrina und meinem Ex-Freund Dirk in Skandinavien, auch bereit, eine ur-nordschwedische Spezialität zu probieren: Surströmming! Das ist jener vergorene Ostseehering, auch Strömling genannt, der in Nordschweden erfunden wurde und in Dosen verkauft wird. Dosen, die hierzulande nur kurz vor dem Verhungern Stehende allen Ernstes öffnen würden und die von zwei mir bekannten Fluggesellschaften als Fracht ausdrücklich ausgeschlossen sind, denn durch die Gärung sind die Dosen aufgebläht, was schon nichts Gutes ahnen lässt. Dirk und ich aber waren voller Elan, auch diese schwedische Spezialität zu probieren – immerhin hatten wir bereits älgkorv, Elchwurst, und Rentierschinken wie auch tunnbröd versucht. Ganz zu schweigen vom schwedischen Brot, das es in heller und dunkler Variante gab. Die Konsistenz: schwammartig, und die Brotsorten, die wir probierten, unterschieden sich nur in der Farbe. Und merkwürdig süß war das Brot, auf das wir salzige Butter strichen. (Gesalzene Butter esse ich aber auch hierzulande. Ungesalzene kaufe ich nur, wenn ich mal backen will, was selten genug der Fall ist.)

Dirk bestellte den vergorenen Ostseehering im Internet, weil man ihn sonst nirgendwo bekam. Und als er eingetroffen war, bestaunten wir die aufgeblähte Konservendose von allen Seiten. Wir hatten uns kundig gemacht, wie man das Ganze optimal öffne: in einem Zehnliter-Eimer, zu zwei Dritteln voll mit Wasser. Man muss die Dose unter Wasser drücken und dort öffnen. Und während Dirk sich dergestalt auf dem Balkon zu schaffen machte, stand ich in der Balkontür, jederzeit bereit, ins Innere der Wohnung zu fliehen. 😉 Immerhin schaffte es Dirk, die Dose zu öffnen, und die leichte Brise, die aus westlicher Richtung wehte, trug den odeur, der aus dem Eimer drang, auch zu mir. Ich hegte starke Zweifel, ob das, was in der Dose war, wirklich essbar sei, nachdem ich nach der Geruchsattacke wieder in die Balkontür trat und rief: „Wir müssen die Fische erst wässern – die sind ja sonst nicht genießbar!“ Und so legten wir die sehr schön und bläulich schimmernden Heringe in frisches Wasser und warteten. Und warteten. Und warteten, während wir an diesem schönen Sommerabend auf dem Balkon saßen und Wein tranken.

Nach dreieinhalb Stunden trauten wir uns. Dirk holte Vollkornbrot und Butter dazu und kredenzte – woher hatte er den denn? – Wodka.

Wir probierten den Fisch simultan. Er war ja lange gewässert worden. Ich glaube aber, ich wurde grün im Gesicht, und ich mühte mich, den Fisch, ohne noch lange darauf herumzukauen, hinunterzuschlucken. Dann trank ich ein Pinnchen Wodka auf ex – ich hasse Wodka! 😉 Und nicht einmal der konnte helfen – dieser Fisch roch schweflig, und er schmeckte schweflig, und trotz des Wodkas hatte ich diesen widerlichen Geruch in der Nase. Ich aß mehrere Scheiben Vollkornbrot – schließlich hatte ich auch Hunger. Und ich sagte zu Dirk: „Dein Fisch! Du kannst gern alles allein essen, wenn du mir nur das Brot und die Butter lässt.“ – „Nein, danke – ich glaube, das ist auch für mich nichts. Ich habe noch eine Pizza im Tiefkühlfach.“ – „Aber hoffentlich nicht mit Fisch!“

Da hörten wir ein scharrendes Geräusch vom Dach knapp über uns. War bereits der Mond aufgrund des Gestanks heruntergefallen und kratzte am Dach? Doch nein! Es war eine Katze aus der Nachbarschaft, die mit großen Augen begierig auf das reichhaltige Fischangebot blickte. Wir riefen ihr katzengerecht und sanftmütig zu, sie solle ruhig zu uns kommen, und schon sprang sie auf meinen Schoß, und wir hielten ihr den appetitlich blauschimmernden Fisch hin …

So schnell habe ich nie eine Katze abhauen sehen! Ich sah so etwas wie einen schwarzweißen Blitz, und schon war sie verschwunden. Von ferne hörten wir sie beleidigt miauen: Was für eine Frechheit, einer unbescholtenen und freundlichen Katze so ein schwefliges Ekelzeug anzubieten, das wie Fisch aussah! Verarschung einer arglosen Katze – wo war der Tierschutzverein, wenn man ihn brauchte? 😉

Dirk und ich aßen das ganze Vollkornbrot auf und bereiteten auch noch die Pizza zu. Danach waren wir wenigstens satt. Nur ein Problem hatten wir noch: Wohin mit den Fischresten? „Wir können das unmöglich in den Hausmüll werfen – das wäre sicherlich ein Kündigungsgrund!“ rief ich. „Und in die Toilette können wir es auch nicht werfen und spülen – sämtliche Kanalratten Duisburgs würden aus deiner Toilette springen und sich an uns rächen wollen.“

Ich gestehe: Wir haben am nächsten Tag einen Spaziergang gemacht und das ganze Gebinde, gut verpackt und in drei Plastiktüten geschnürt, in einen städtischen Müllbehälter geworfen. Und wir hofften, dass dieser bald geleert werden würde, denn es war sehr warm in jenen Tagen. 😉

Ich vermute seitdem, dass Surströmming wahrscheinlich keinem einzigen Menschen schmecke und einfach nur als Grund zum Saufen herhalten müsse … 😉

Und dennoch: Gebt fremden Speisen immer eine Chance. Bei manchen solltet ihr allerdings wirklich vorsichtig sein – man macht sich so schnell Feinde … 😉

Sich sägen bringt Regen

Ja, okay, es handelt sich dabei um eine Verballhornung des altbekannten Sprichworts: Sich regen bringt Segen. Vor vielen Jahren hörte ich sie erstmalig und fand sie ein wenig albern.

Seit dem Wochenende finde ich sie einfach nur folgerichtig. Denn seit dem Wochenende hat es hier mehrfach zünftig geregnet. Wahrscheinlich just seit dem Zeitpunkt, da ich am Samstagabend ein Stück von einem nicht tagesfrischen Baguette abschneiden wollte. Mit einem Sägemesser mit recht feinem Wellenschliff.

Die relativ kurze Version: Das Messer rutschte vom Brot ab und rammte sich – noch in der Sägebewegung – in meinen linken Zeigefinger. Von oben und direkt in die Beugefalte am obersten Fingerglied. Noch kürzer: Es hätte nicht viel gefehlt, den Finger an dieser Stelle gekonnt zu durchsägen … Glücklicherweise war der Widerstand der Gegebenheiten dann doch zu groß. Hautschichten sind zäher, als viele Menschen annehmen. Und recht dicht darunter ja immerhin Knochen. 😉

Ich bin Ersthelferin und durchaus in der Lage, anderen, auch blutenden, Menschen schnell zu helfen – ohne Probleme. (Die entstehen höchstens später, wenn mir ganz kodderig wird, sobald ich mir die Rettungssituation wieder vor Augen führe.) Bei mir selber jedoch …?

Und so starrte ich wie gelähmt auf die Schnittwunde und sah, dass sie klaffte. Da waren klaffende Hautschichten, durch den Wellenschliff ganz ausgefranst! Iiiiiiih! 😉

Es war wohl der erste Schreck – oder Schock -, der dafür sorgte, dass ich die Wunde klaffen sah, so ganz ohne jedwedes Blut. Kaum gewahr geworden, dass das eine echt ekelhafte Schnittwunde sei, fing das Blut auch schon zu strömen an – und wie! Ich ließ das Messer fallen und griff schleunigst nach Zewa, riss gleich vier Tücher ab, die ich um die Wunde schlang. Dann wankte ich ins Wohnzimmer und Richtung Couch – erst einmal hinsetzen. Mir war ganz flau.

Mit der rechten Hand drückte ich das Zewa auf die Wunde und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Erstaunlich, wie unterschiedlich sich das darstellt, wenn man andere Menschen verarztet. 😉 Da weiß ich sofort, was zu tun ist. Hier starrte ich fasziniert auf das mehrschichtige Zewa, das immer nasser wurde und sich mehr und mehr rötete. Dann riss ich mich zusammen, wankte ins Bad und drehte den Wasserhahn auf – kaltes Wasser war vonnöten. Und als es kalt genug war, hielt ich die linke Hand darunter, und das in der Hoffnung, die Blutung werde gestillt werden. Die dachte gar nicht daran, und ich wankte in die Küche zurück – mehr Zewa war vonnöten.

Das Schlimmste lag noch vor mir: Die Wunde musste desinfiziert werden! Normalerweise tue ich das mit Wasserstoffperoxid, aber das war alle. Sonstiges Wunddesinfektionsspray? Auch nicht vorhanden, und so griff ich kühnen Blickes nach einem Parfum, das ich selten nutze, da ich es nicht so mag. Ich wusste, dass das gar nicht schön werden würde, aber es musste sein: Und so sprühte ich tapfer und voll böser Vorahnung eine große Ladung auf die klaffende Wunde …

Nachdem ich wieder in der Lage war, normal zu atmen und einigermaßen klar zu denken, legte ich mir einen kleinen Druckverband aus Heftpflastern an – leider waren keine Mullbinden im Haus, und ich verspürte keinerlei Neigung, in den Garagenhof zu meinem Auto zu laufen, um den Verbandkasten im Kofferraum zu plündern. Der kleine Druckverband blutete trotz aller Mühen durch, und ich legte einen neuen an, ein bisschen fester. Hielt bombenmäßig, und es blutete auch gar nicht mehr durch. Zur Entspannung legte ich eine DVD ein und mich selber auf die Couch.

Eine halbe Stunde später warf ich einen Blick auf meinen linken Zeigefinger. Was war denn das? Und ich hielt den rechten Zeigefinger vergleichshalber daneben. Der linke war erheblich dicker als dieser. Mir wurde ein wenig angst und bange, und ich löste meinen tollen, kleinen Pflaster-Druckverband lieber. Viel zu fest – nicht, dass der Finger abstarb! Immerhin hatte die Blutung aufgehört, und aufatmend klebte ich ein kleines Pflaster quer über die Wunde und Leukoplast längs darüber, mit ein bisschen Zug, um die Wunde zusammenzuhalten.

Am nächsten Tag sah ich mir die Wunde an. Sah gar nicht so schlecht aus, wenn man davon absah, dass die Umgebung bläulich verfärbt war. Sicherlich nur Einblutungen – das würde weggehen. Doch irgendwann schoss mir durch den Kopf, dass meine letzte Tetanus-Immunisierung schon ziemlich lange zurückliege. (Manchmal bereue ich, Ersthelferin geworden zu sein – wenn man nicht ohnehin schon über viele Dinge nachdenkt, lernt man es da verstärkt …) Und ich wechselte das Pflaster noch mehrfach – jedes Mal schien die Wunde schlimmer auszusehen, und wer wusste, was sich da in ihr und dem Blutkreislauf bereits abspielte … 😉 Ich beschloss, am Montag zum Arzt zu gehen – es könne unmöglich schaden, diesen einen Blick auf die zickzackförmige und angeblaute Wunde werfen zu lassen … 😉

Ich machte am Montag gleitzeittechnisch Minus, als ich mich um Viertel vor drei auf den Weg begab. Und ich kam erschreckend schnell dran! Normalerweise sitze ich bei meinem Hausarzt trotz Termins mindestens eine halbe Stunde im Wartezimmer – am Montag hatte ich gerade meinen Hintern auf einen der Wartezimmerstühle verfügt, als ich auch schon wieder aufspringen musste, denn man hatte: „Herr B. in Zimmer 2“ gerufen. (Angesichts meines Vornamens und der entsprechenden Assoziationen reagiere ich auf beides. Ehe ich da stundenlang sitze und gar nicht mehr drankomme, weil „Herr B.“ nicht erschienen ist – vermeintlich.) Und tatsächlich war ich gemeint gewesen.

„Haben Sie Ihren Impfpass dabei, Herr … ääh … Frau B.?“ – „Ja. Heute früh noch im Schweiße meines Angesichts gesucht – und gefunden. Ich brauche den nicht oft.“ (Ich war froh gewesen, dass es wirklich meiner gewesen war, den ich da in meiner Schlafzimmerkommode säuberlich abgelegt gefunden hatte, nicht der uralte Impfpass meines früheren Hundes – die Impfpässe sehen einander so ähnlich, und mein Hausarzt wäre sicherlich verwundert gewesen, hätte er in meinem vermeintlichen Impfpass etwas von einer Staupe-Impfung gelesen … 😉)

Dann kam der Arzt, ein ausgesprochener Sarkastiker. Er sah sich die Wunde an und meinte: „Wann ist das passiert – am Samstagabend? Sieht doch inzwischen ziemlich cool aus. Gute Wundversorgung – waren Sie im Krankenhaus damit?“ – „Nee, das habe ich selber gemacht.“ – „Cool! Sieht wirklich gut aus. Wir machen jetzt nur zwei Klammerpflaster drüber, denn wenn Sie den Zeigefinger unerwartet zu sehr beugen, könnte es passieren, dass …“ – „Nein! Nicht sagen! Ich kann mir vorstellen, was Sie meinen!“ Und ich bekam die beiden Klammerpflaster und darüber noch einen sehr beeindruckenden Mullverband.

Dann sprach ich das Tetanus-Impf-Problem an – letzte Auffrischung 1996 – und erwähnte brav, dass ich anno 2011 einen Antikörper-Titer-Test hätte erstellen lassen, der besagte, dass ich erst 2021 erneut geimpft werden müsse. Ich hatte sogar den Laborausdruck dabei, was für mich wirklich ungewöhnlich ist. Aber der Arzt winkte nur ab: „Zu unsicher. Wir impfen Sie jetzt sofort – es muss ja auch nur eine Auffrischung sein. Aber wir machen gleich eine Vierfachimpfung – danach sind Sie immunisiert hinsichtlich Tetanus, Diphtherie, Polio und Pertussis!“ – „Toll! Aber können wir das besser am Freitag machen?“ – „Wieso das?“ – „Weil ich nach der Tetanusimpfung immer flachliege.“ – „Ach, da machen Sie sich keine Gedanken! Ich weiß, dass manche Patienten auf die Tetanusimpfung immer recht heftig reagieren, aber diese Vierfachimpfung wird im Allgemeinen recht gut vertragen. Und zur Not kommen Sie morgen vorbei – dann schreibe ich Sie krank.“

Widerspruch zwecklos, Aufschub unmöglich. Dabei wusste ich, wovon ich sprach. Hätte ich mir nicht den halben Finger durchgesägt, hätte ich auf Freitag bestanden. 😉 So aber wurde ich umgehend vierfachgeimpft.

Zwei Stunden nach der Impfung ging es mir auch noch gut. Aber eine halbe Stunde später war ich nicht mehr ich selbst: Mein Kopf fühlte sich an, als sei er mit Matsch gefüllt, ich bekam – ich kannte das ja schon – Fieber und Schüttelfrost, und ich hatte Gliederschmerzen, als wäre ich verprügelt und getreten worden. Bei den ersten Anzeichen hatte ich mich schon hingelegt und vegetierte im Bett vor mich hin. Diebe hätten mir zwischenzeitlich die Wohnung ausräumen können: Es wäre mir völlig wurscht gewesen. Das zum Thema: Wird im Allgemeinen recht gut vertragen. 😉 (Man beachte die beiden Einschränkungen: im Allgemeinen und recht gut …)

Gestern war ich noch immer ausgeknockt – heute ging es einigermaßen. Interessant: Mein Finger ist wieder ziemlich fit, aber ich spüre noch immer die Auswirkungen der im Allgemeinen recht gut verträglichen Impfung. 😉 Vermutlich liegt es wohl daran, dass ich tatsächlich noch so viele Antikörper hatte, dass die im Zuge der Impfung – vielleicht ist die Aussage des Labors, das anno 2011 den Antikörper-Titer bestimmte, doch nicht so unsicher gewesen, sondern vielmehr höchst präzise – laut riefen: „Hurra – eine Herausforderung! Endlich passiert hier mal was! Seit Jahren gammeln wir hier herum wie bestellt und nicht abgeholt, und endlich geschieht hier mal etwas! Mobilmachung! An die Gewehre!“ Und schon griffen sie den vermeintlichen Eindringling in Form der Aktiv-Immunisierung an und zwangen mich dabei in die Knie … Das höchst eigene Immunsystem scheint bisweilen völlig separat vom Willen seines „Wirtes“ zu handeln! 😉

Immerhin aber bekomme ich nun garantiert neben den anderen Verdächtigen keinen Keuchhusten, denn derzeit bildet mein sehr eigenmächtig handelndes Immunsystem Antikörper auch dagegen.  Und wehe, wenn ich doch je daran erkranke! Dann bin ich sofort bei meinem Arzt und stecke den an! 😉

Sägt Euch bloß nie in die Hand! Das zieht so viel Ungemach nach sich. Und es regnet auch schon wieder … 😉

Mit gespaltener Zunge

Mit einer derartigen Zunge zu sprechen, ist eine Redensart hinsichtlich Mitmenschen, die einen anlügen. Woher kommt das? Ganz klar: von Schlangen, die seit jeher als nicht vertrauenswürdig gelten und vielen Menschen suspekt sind. Es gibt da eindeutig Berührungsängste, und im Vertrauen: Speziell bei Giftschlangen sollte man Berührungen auch besser vermeiden. Wie schnell ist ein Missverständnis entstanden, zumal Schlangen so ganz anders reagieren als Hunde, Pferde und Katzen – und selbst da kommt es bisweilen zu Missverständnissen. Speziell bei Katzen … 😉

Kürzlich ist in einer der Nachbarstädte eine Kobra aus Privathaltung entwichen, wurde zunächst im Treppenhaus des Gebäudes, in dem ihr Halter lebt, von Nachbarn gesichtet und von diesen umgehend abgelichtet (es glaubt einem ja leider nicht jeder sofort, wenn man erzählt, man hätte im Hausflur eine Giftschlange entdeckt), und die beiden Nachbarn alarmierten die Polizei. Leider hatte sich das giftige Tier, das sich der Gefahr, die von ihm ausgeht, sicherlich gar nicht bewusst war, zwischenzeitlich verdünnisiert, und alle Häuser, die zu dem Gebäudekomplex gehören, mussten unverzüglich evakuiert werden. (Ich gestehe, ich hätte meine Wohnung in dem Falle sofort völlig freiwillig und sehr zügig, wahrscheinlich im Laufschritt, verlassen – allerdings stark verärgert über den Nachbarn, der glaubt, es sei eine supertolle Idee, als Privatmensch Giftschlangen unter einem Dach zu halten, unter welchem auch andere Menschen leben.)

Inzwischen – nach Tagen der Ratlosigkeit – ist das Tier lebend eingefangen worden, obwohl es sich noch zu verstecken trachtete, als man nach eben jenen Tagen der Ratlosigkeit auch endlich darauf kam, das Gras hinter dem Haus, das offenbar etwas höher stand, mähen zu lassen. Verschreckt hatte sich die Schlange, die offenkundig in all den Tagen orientierungslos in direkter Nähe des Gebäudes herumgetaumelt war, daraufhin in einer Kelleröffnung an der Außenwand verstecken wollen, war jedoch bei dem Versuch gesichtet und überführt worden. Ein Schlangenexperte – ein echter solcher, kein sorgloser Privathalter – fing das giftige Tier dann ein, und es wurde von der Feuerwehr abtransportiert. Hoffentlich findet es ein gutes und ausbruchssicheres Zuhause bei sachkundigen Menschen.

Ich frage mich ja seit geraumer Zeit, was manche Menschen an Giftschlangen oder anderen giftigen Tieren als „Haustiere“ reize. Sind Kobras und andere Giftschlangen die „Pitbulls“ der jüngeren Zeit? (Nichts gegen Pitbulls an sich – es gibt ganz reizende Tiere darunter, und das ist ohnehin meist vom Halter abhängig. Nur leider wurden und werden diese Hunde bisweilen von Menschen gehalten, die manches Defizit zu verspüren scheinen. Nein – das kann man nicht verallgemeinern, und das möchte ich auch nicht. Aber Pitbulls sind offenbar ja nun auch out als Respekterzeuger und Prestigeobjekt – und auch das möchte ich nicht verallgemeinert sehen, wohlgemerkt.) Macht einen die Haltung giftiger Schlangen und anderer giftiger Tiere zu einem besonders tollen und respektablen Menschen? Fast könnte man es meinen. „Seht her – ich bin so cool, ich halte sogar extrem giftige Schlangen! Ich bin so cool – ich pinkle Eiswürfel!“ Ich persönlich verstehe das nicht so ganz …

Vielleicht liegt mein Unverständnis auch daran, dass ich einfach keinen Draht zu Terrarien habe. Ich hatte noch nie die Idee, mir ein solches zuzulegen. Ich würde mir lieber einen Terrier anschaffen. Meine Meinung änderte sich auch nicht, als ich vor Jahren, mitten im Studium, Martin kennenlernte.

Ich hatte Martin im Zuge meiner Studentenjob-Tätigkeit in der Studentenkneipe kennengelernt, die in der Straße lag, in der sowohl Martin, als auch ich wohnten. Er setzte sich mit seinen beiden Kumpels Fritte und Hauke an den Tresen, hinter dem ich gerade Schicht schob. Und bei den nächsten Schichten – ich machte Urlaubsvertretung an zwei weiteren Tagen in derselben Woche – war er wieder da, und es dauerte drei Wochen und mehrere Einladungen zum Essen und zum Biertrinken, bis wir zusammen waren.

Ich war zuvor nie in seiner Wohnung gewesen, in diesem Haus, in dem auch Fritte und Hauke sowie einige andere Kumpels von Martin wohnten – eine sehr sympathische und lockere Hausgemeinschaft. Die Wohnung war klein, die Küche aber recht muckelig (ich liebe ja Wohnküchen). Im Nebenraum, dem kombinierten Wohn-/Schlafbereich, stieß ich dann auf diesen ziemlich großen gläsernen Kasten, aus dem mich – zur Gänze unerwartet – ein Tier anstarrte, wobei seine gespaltene Zunge mehrfach gespenstisch aus der Fressluke geschlängelt kam …

Ich bin normalerweise keine Tussi und war das auch damals nicht, aber ich hatte nicht damit gerechnet, und so schrie ich vor Schreck laut auf! Die Schlange blickte so starr und ungerührt wie zuvor, aber Martin kam hinzu und meinte: „Ach, herrje, ich hatte gar nicht erzählt, dass ich Terrarienliebhaber bin und ein Terrarium habe. Das ist ein Königspython. Der tut nichts. Und seine zwei Kumpels ebenso.“

Welche zwei Kumpels? Es gab noch mehr davon?!? Und ich starrte in das durchaus liebevoll wie abwechslungsreich gestaltete Terrarium. Es war wie eines dieser Suchbilder: „Finden Sie die Maus auf diesem Bild!“ Und man starrt auf ein Chaos von Objekten in dem Bild …

Doch dann sah ich sie: Eine lag im Wasserbecken am Boden des gläsernen Behältnisses, die andere hatte sich hinter einer ausladenden Grünpflanze versteckt. Ich gebe zu, ich war ein wenig hin- und hergerissen. Vielleicht war ich ja spießig, und es war ein Zeichen von Individualismus, Schlangen zu halten? Ich verwarf den Gedanken jedoch recht schnell bzw. wurde er abgelöst davon, dass ich dachte: „Ob den armen Viechern das da drin gefällt? Das Terrarium ist zwar groß, aber es ist doch eine erzwungene Gemeinschaft. Vielleicht mögen die einander ja gar nicht, sind aber gezwungen, auf vergleichsweise engem Raum zusammenzuleben.“ Mir kam eine Lektüre aus dem Französisch-LK in den Sinn: Huis clos von Jean-Paul Sartre. 😉

„Keine Sorge – das Terrarium ist festverschlossen,“, tönte es an mein Ohr, „und falls du fragen wolltest: Es ist ausreichend groß für drei Königspythons.“ Na – dann war ja alles gut! Menschen hatten beschlossen, wie groß ein Schlangenknast sein müsse, in dem sich die Insassen durchaus nicht zu beschweren hätten (übrigens sind Königspythons Einzelgänger …) – und dann war das eben so. Aber ich war verliebt, und so nahm ich es hin, war aber immer anderer Meinung als mein Ex Martin, der mir gleich versicherte, die Schlangen seien ja ungefährlich, da Würgeschlangen. Okay, beißen könnten sie auch, und das tue auch richtig fies weh und könne sich schlimmstenfalls entzünden oder eine Blutvergiftung zur Folge haben. Aber ich müsse ja nicht mit ihnen hantieren. Aber nein! Nie! 😉

Eines Abends, da waren wir schon einige Wochen zusammen, und Martin war für sechs Wochen von montags bis freitags zum zweiten Teil seines Studienpraktikums in  Süddeutschland, wollten wir einen Zug durch die Gemeinde machen, nachdem er in Aachen eingetroffen sein würde. Er hatte mir auch die Uhrzeit genannt, zu der er zu Hause sein würde. Er würde mich dann sofort anrufen.

Es kam aber nichts, und so rief schließlich ich an. Als er sich meldete, hörte ich bereits eine gewisse Hektik aus seinen Worten. „Äh, es gibt hier gerade ein kleines Problem – ich weiß noch nicht, ob und wann wir losziehen können. Bitte komm vorbei.“

Und so ging ich die drei Häuser weiter, klingelte und wurde eingelassen. Kaum hatte ich die Treppen bis zum vierten Stock erklommen und an die Wohnungstür geklopft, ging diese auf, und ich wurde hineingezogen: „Pssst!“ – „Was zum Henker geht hier vor? Was soll das alles?“ rief ich hochgradig irritiert. „Pssst! Nicht so laut! Komm mit!“

Und schon wurde ich ins Wohn-/Schlafzimmer gezogen. Es sah eigentlich alles ganz normal aus – nur war das Bett von der Wand abgerückt und das Kopfende mehr als einen halben Meter von dem Heizkörper entfernt, der sich dahinter befand. (Erst da fiel mir definitiv auf, dass ein Heizkörper direkt hinter dem Kopf gar nicht so günstig sei – zuvor hatte ich das Ding kaum beachtet.)

„Wieso ist das Bett abgerückt? Was geht hier vor? Und wieso muss ich annähernd flüstern?“ insistierte ich – ich kann manchmal recht hartnäckig sein, wenn ich wissen will, was Sache sei. 😉

Martin deutete stumm auf den Heizkörper. Es war einer dieser älteren Rippen-Heizkörper, und zunächst sah ich nichts. Erst als ich den unteren Teil betrachtete, war alles klar: Eine Schlange hatte sich um den unteren Teil und zwischen die Rippen dort gewunden. Es war das einzige Weibchen aus dieser Schlangen-Zwangs-WG und damit das größte Tier – über zwei Meter lang und relativ dick. Mir schauderte.

„Ich versuche schon seit einer Stunde, die von der Heizung loszubekommen,“, sprach Martin mit gesenkter Stimme, „und bis jetzt hat es nicht geklappt.“ Ich stand noch immer stumm daneben. Dann brach es aus mir heraus: „Wie ist sie aus dem Terrarium herausgekommen? Und wo sind die beiden anderen?“ Und ich sah mich hektisch im Zimmer um. In der Erwartung, dass sich gleich eines der beiden Männchen von der Deckenlampe abseilen und auf mich werfen würde, während sein Kollege mir von unten in eines der Hosenbeine kröche … 😉

„Die sind im Terrarium. Als ich vorhin die Wohnungstür aufschloss, kam mir eines der Männchen schon entgegengekrochen, und das zweite war im Terrarium. Das Weibchen schien verschwunden, und es hat echt gedauert, bis ich es gefunden hatte. Es hat sich um die Heizung geschlungen, weil die ja warm ist und sie das mag.“ Ich blickte auf die Schlange, die spiralartig um den unteren, horizontalen Teil des Heizkörpers gewickelt war und meinte: „Offenbar ist das Weibchen erheblich schlauer als seine beiden männlichen Mitbewohner. Was nun?“ – „Ich versuche schon die ganze Zeit, es vom Heizkörper abzulösen, aber das ist gar nicht so einfach.“ Und Martin demonstrierte mir die Richtigkeit seiner Worte, indem er nach dem kapriziösen Schlangenweibchen griff, das sofort anfing, ihn böse anzuzischen. Ich grinste. „Hast du den Heizkörper abgedreht?“ fragte ich. „Ja, natürlich – für wie blöd hältst du mich?“ Ich sagte nichts, sondern grinste und meinte: „Und wenn du den Heizkörper volle Kanne aufdrehst? Vielleicht lässt sie dann los?“ – „Ali! Das wäre grausam! Weißt du, wieviel die gekostet hat?“ – „Ach, es geht um Geld? Armes Viech!“ – „Pssst! Nicht so laut!“ – „Was soll das denn eigentlich? Fritte, Hauke und Andreas wissen doch, dass du drei Schlangen hältst!“ – „Ja, aber der Neue im Haus noch nicht! Und der Vermieter auch nicht – ich will keinen Ärger haben!“

Just in jenem Moment löste sich der weibliche Python vom Heizkörper – offenbar war dieser inzwischen so abgekühlt, dass er unattraktiv geworden war. Martin nahm die Schlange und sperrte sie zu ihren WG-Genossen. Dann begutachtete er auf mein Geheiß das Terrarium – nirgendwo eine erkennbare Öffnung. Er sah sich alles dreimal an. Nichts zu erkennen – und so zogen wir dann los.

Als wir zurückkehrten, wollten wir noch einen Tee trinken. Martin betrat die Küche und ging auf das Regal zu, in dem sein Geschirr stand. Ich hörte, wie er: „O nein!“ sagte. Bei einem Blick in die Küche sah ich, dass im Regal, vor den Tellern, eines der beiden Python-Männchen lag, so richtig schön im Chill-Modus. Ich ging ahnungsvoll und vorsichtig ins Schlafzimmer, wobei ich sehr darauf achtete, wohin ich trat: Das Pythonweibchen grinste mich verschwörerisch vom Dach des Terrariums an, wo es sich bequem niedergelassen hatte. Auf dem Schreibtisch schlängelte das zweite Männchen umher …

„Martin!“ rief ich tonlos, aber der war schon da, den Küchen-Python in den Händen. „Schließ das Terrarium auf, Ali!“ Ich tat, wie mir geheißen, und er verfrachtete die Schlange in den Glaskasten. Sogleich schloss ich die Tür wieder ab und meinte todesmutig: „Du übernimmst das Weibchen – liegt auf dem Terrarium -, und ich kümmere mich um das andere Männchen!“ Hier war rasche Handlung notwendig, aber nur ums Verrecken hätte ich mich mit dem erheblich größeren Weibchen abgegeben. Bei der Wahl zwischen Pest und Cholera entschied ich mich für die Cholera (ist leichter zu heilen). 😉

Und während Martin mit dem aufmüpfig zischenden Weibchen einen Konsens schließen wollte, griff ich nach dem Männchen auf dem Schreibtisch. Ich griff es erst falsch: in der Körpermitte, also bei etwa 75 cm, und da zischte es mich sehr böse an, und ich sah, wie es die vordere Körperhälfte nebst Kopf in meine Richtung bewegte. Ich ließ sofort los und griff es dann – nach Sekundenbruchteilen der Überwindung – so, wie man Giftschlangen packen sollte, wenn keine anderen Hilfsmittel da sind: direkt hinter dem Kopf. Mit der anderen Hand nahm ich es an der Körpermitte hoch und trug das zischende und verärgerte Tier („So ein Scheiß! Ist der Ausflug schon wieder vorbei?“) zum von Martin geöffneten Terrarium und warf es – Strafe und Abkühlung bei erhitztem Gemüt muss sein – ins Wasserbecken am Boden des Terrariums. Das Weibchen war auch schon wieder im Schlangenknast und wirkte beleidigt. Es blickte demonstrativ weg.

„Danke für deine Hilfe,“, sagte Martin, aber ich schnaubte ihn an: „Jaha! ‚Das Terrarium ist total dicht – ich habe es dreimal genau untersucht.‘ Deine Worte! Ich schlafe hier nicht, wenn nicht geklärt ist, wie die Viecher da immer hinausfinden!“ – „Beruhige dich – keine der Schlangen kann dir gefährlich werden.“ – „Ja, die Männchen sicher nicht. Aber das Weibchen ist über 2 Meter lang und ziemlich dick – dem traue ich nicht über den Weg, zumal es intelligenter als seine männlichen WG-Genossen scheint.“ – „Pass auf: Wir sehen noch etwas fern und beobachten dann, wie sich die Schlangen verhalten und ob wir sehen können, wo sie immer herauskommen. Bitte! Und wenn sich das nicht erschließt, schlafen wir bei dir – versprochen!“

Martin sah fern, doch ich konnte mich auf den Film nicht recht konzentrieren, und umso konzentrierter starrte ich ins Terrarium und sah, wie die drei Schlangen, in der Natur Einzelgänger, sich plötzlich gemeinsam und den drei Musketieren nicht unähnlich auf eine bestimmte Stelle im Terrarium zubewegten. Genauer: auf einen Lüftungseingriff an der Seite zu. Und schon drückte die forscheste der drei – das Weibchen, wer sonst? – mit der Schnauze dagegen, und das normalerweise fixierte Ding bewegte sich wie eine Katzenklappe nach vorn, worauf das Weibchen bereits voller Begeisterung begann, sich durch diese Öffnung nach außen zu bewegen …

Ich schrie: „Martin! Es ist die Lüftungsklappe! Die hat sich gelöst!“ Und Martin hechtete aus dem Bett, verfügte das Weibchen erneut in das Terrarium und gebot mir, einen Stuhl aus der Küche zu holen. Diesen stemmte er vor die Lüftungsklappe. Und während er sich schon wieder dem Fernseher zuwandte, wurde ich faszinierte Augenzeugin davon, dass Schlangen – zumindest in Gefangenschaft – durchaus zu Teamwork in der Lage sein können, denn die drei Tiere versuchten gemeinschaftlich und in absolutem Einklang – wie beim Wasserballett! -, die Klappe wieder aufzustemmen!

Das war der Moment, in dem ich Martin erklärte, ich würde nun in meine Wohnung gehen. Keine Beschwichtigung konnte mich halten. Immerhin kam er mit. 😉

Nur einmal noch hatte ich echte Berührungspunkte mit einer der Schlangen: dem Weibchen, dem ich noch nie über den Weg getraut hatte. Ich weiß bis heute nicht, wieso ich mich darauf eingelassen habe.

Wir waren zu einer Party eingeladen, und ich holte Martin dazu aus seiner Wohnung ab. Richtig gut sah ich aus, die Haare schön frisiert, und ich trug ein kurzes, schwarzes Kleid. Als Martin, der gerade das Terrarium reinigte und fast fertig war, meiner ansichtig wurde, rief er: „Wow! Warte mal, ich hole meine Kamera!“ Und kaum war er wieder da, meinte er: „Was meinst du, was das für coole Fotos werden, wenn du jetzt noch eine Schlange …“ – „Im Leben nicht!“ rief ich, aber irgendwie hat er es geschafft, mich zu überreden. Und schon stand ich da, ausgerechnet mit meiner Erzfeindin auf dem Arm, da die aufgrund ihrer Größe und Länge am meisten hermachte (wobei „auf dem Arm“ irgendwie nicht den Punkt trifft, da sie hier- und dorthin schlängelte, denn ich durfte sie, anders, als ich gewollt hätte, keineswegs direkt hinter dem Kopf greifen …), dabei: „Los, mach schon – jetzt fotografier doch endlich, damit ich das Vieh wieder loswerde!“ rufend.

Irgendwie hat das Tier mir das übelgenommen. Nachdem mir sein vorderes Ende mehrfach durch die Haare geschlängelt war, ohne dass ich auch nur irgendeine Kontrolle hatte, während ich wie gelähmt und mit garantiert schreckgeweiteten Augen dastand und der „Fotograf“ mich nachdrücklich aufforderte, „doch mal etwas entspannter und natürlicher“ zu erscheinen, was gar nicht so leicht ist, wenn man eine Schlange hält, deren Kopf sich dauernd neben und hinter dem eigenen Kopf aufhält und deren gespaltenes Witterungsorgan einem ständig am linken Ohr herumzüngelt, muss ich mich wohl etwas verspannt und daher einen Tick zu fest zugegriffen haben …

Im nächsten Moment erlitt ich eine Art Blutstau im linken Arm, und mein Oberarm schwoll erschreckend an, während ich mit negativer Faszination wahrnahm, wie das treue Tier sich offenbar verärgert um diesen, meinen linken Arm wickelte und diesen dabei mit einer Kraft abdrückte, dass ich fast in Panik geriet: „Martin! Tu etwas!“ – „Ach, herrje – offenbar hat sie sich wohl geärgert …“ – „Martin!!!“ – „Nein, nicht den Arm schütteln! Sie drückt dann noch fester zu. Oder – o Gott! – du könntest sie verletzen!“ – „Du Arsch! Mach die sofort von mir los! Sofort!!!“ – „Ja, nur ganz ruhig …“

Zur Party bin ich dann allein gegangen. Naja, zumindest ohne die Schlange, die sich gar nicht so gern von mir hatte trennen wollen. Martin rühmte noch lange danach die tollen Fotos: „Sieh nur, was für tolle, große Augen du hast, Ali!“ Ja. Angst war der Auslöser … 😉

Mit Martin war ich letzten Endes nicht mehr so lange zusammen. Es lag allerdings weniger an seinen Haustieren, obwohl auch die sehr gewöhnungsbedürftig waren. 😉

Allerdings fällt es mir seither besonders schwer, nachzuvollziehen, wie man Schlangen halten kann. Bei Würgeschlangen kann ich es schon nicht recht verstehen. Bei Giftschlangen ganz und gar nicht.

Warum keine Katze – die sind bisweilen individualistisch genug. 😉

It’s slippery …

Heute war der Betriebsausflug meines Arbeitgebers, und da hatte ich zunächst partout nicht mitgewollt. Warum?

Nun – es ging in eine Skihalle in einer der Nachbarstädte, und wenn ich auch so manche Dinge beherrsche: Skifahren gehört leider nicht dazu. Beileibe nicht. Ich würde es gerne können, keine Frage, aber ich habe wohl zu viel Schiss. Ich erinnere mich an zwei Gelegenheiten, da ich als Kind Skier unter den Füßen gehabt hatte. Skilehrer: mein Onkel. Zumindest beim ersten Mal. Es endete in Tränen und mit blauen Flecken. Beides auf meiner Seite. Und mein Onkel monierte noch, ich hätte mich nicht an seine Anweisungen gehalten. Ich war noch klein und verunsichert. Wäre ich schon größer und wortgewandter gewesen, hätte ich sicherlich gelacht und gesagt: „Ja, können vor Lachen! Alles, was ich tat, wurde direkt in Zweifel gezogen und gleich lautstark als völlig beknackt kommentiert. Vor Publikum. Wie soll man da noch mit echtem Vertrauen loslegen!“ Mein Onkel war ein hervorragender Skifahrer, und als Kind dachte ich: „Alles, was du hier machst, ist der totale Schwachsinn – Onkel Christoph sagt es ja auch!“

Kurze Zeit darauf der nächste Versuch – diesmal mit meiner Mutter als Skilehrerin. Endete leider nicht besser als Versuch No. 1.

Und so beschloss ich, den diesjährigen Betriebsausflug nicht mitzumachen. Aber eine Kollegin überredete mich: „Sieh mal – du bekommst einen Skikurs! Das ist doch toll! Wann ergibt sich schon einmal so eine Gelegenheit?“ Irgendwie einleuchtend. Und auf dem letzten Drücker meldete ich mich an, zusammen mit einer anderen Kollegin, die auch nicht so recht wusste …

Übrigens hat sich die Kollegin, die uns beide überredet hatte, letzten Endes anders entschieden und kam dann heute doch nicht mit … Na warte! 😉

Wir waren auch gar nicht so viele, wie sich herausstellte, als ich einen der Koordinatoren anrief, weil ich gern wissen wollte, wie viele andere Kollegen an dem mir bevorstehenden Skikurs teilnehmen würden. Es waren sehr wenige Teilnehmer generell …

Am heutigen Morgen fuhr ich recht früh los, und das mit dem ÖPNV. Besser nicht mit dem Auto, denn ich habe laut einigen Leuten ohnehin schon einen Bleifuß. Wie erst würde sich der Bleifuß machen, wenn er noch von einem stattlichen Gipsverband ummantelt wäre? 😉 Und mein Auto im schlimmsten Falle dort stehenlassen? Nein. Ich gebe zu, das ist etwas übertrieben. Ich fuhr mit dem ÖPNV, weil ich ja gegebenenfalls noch ein oder zwei Biere trinken wollte. 😉

Unterwegs traf ich meine frühere Flurkollegin Brigitte, der ein Snowboard-Kurs bevorstand. Skifahren kann sie. Wir versicherten einander, dass wir wohl beide vom Wahnsinn angefallen wären, und ich meinte: „Du kannst ja wenigstens noch umswitchen, falls das Snowboard nichts für dich sein sollte. Ich kann nur auf Après-Ski umswitchen.“ Brigitte lachte und meinte, Après-Ski sei aber doch auch schön, und falls ich den Skikurs wirklich nicht bis zum Ende mitmachen würde, wäre das beileibe keine Schande. Aber sicherlich würde ich auf den Geschmack kommen. Ich nickte und lächelte, aber in meinem Hinterkopf rief ein kleines, aber garstiges Stimmchen hämisch: „Ja, klar! Das ist sehr wahrscheinlich. Hahahaha!“

Und so langten wir an der Skihalle an. Genauer: an der Talstation. Zum Glück fährt dort ein Förderband bis zur Bergstation, und Brigitte sprang gleich fröhlich darauf, wankte zwar ein paarmal, hatte dann aber einen festen Stand gefunden. Ich sprang auch todesmutig hinauf, wankte und schwankte, aber zum Glück gab es ja einen Handlauf … Leider endete der nach wenigen Metern, und das Förderband war recht schmal … Nach etwa sechs, sieben Metern sprang ich wieder hinunter und legte den Weg bis zur Bergstation per pedes zurück. Erheblich langsamer als Brigitte war ich dabei nicht, aber es war erheblich anstrengender.

Dann standen wir in der Sonne, die bereits morgens ziemlich brannte, und wir beobachteten verschiedene Kollegen, die gerade bequem mit dem Auto anfuhren. Meine zunächst ebenfalls unentschlossene, dann überredete Kollegin, die mir Handschuhe mitbringen wollte, da ich unter dem seltsamen Phänomen leide, dass ich Handschuhe grundsätzlich verliere oder verbasele, besser gesagt: meist nur einen davon, hatte per Whatsapp geschrieben, sie sei aufgehalten worden und komme später. (Sosehr ich meine Kollegin mag: In dem Moment hoffte ich, sie möge erneut aufgehalten werden und dann schreiben, dass sie es leider nicht schaffe: Denn ohne Handschuhe darf man nicht auf die Piste … Ich wünschte nichts Schlimmes, ich mag meine Kollegin sehr, aber so ein klitzekleiner Fall von höherer Gewalt …? Nichts Schlimmes, nur ein temporär nicht anspringender Motor – natürlich reversibel und ohne Werkstattbesuch! So unter dem Motto: „Ich kann mir das auch nicht erklären – der springt doch immer an! Tut er auch jetzt wieder! Wie verhext!“ 😉 )

Doch dann traf sie ein – mit Handschuhen für mich. Und schon ging es los …

Zunächst erhielten wir einen nicht zu vernachlässigenden Teil der für den Ausflug berappten Summe zurück: Der Chef hatte netterweise subventioniert, und da nur so wenige sich angemeldet hatten, bekamen wir einiges zurück. Ich nehme an, das machte mir meine spätere Entscheidung auch etwas leichter. 😉

Dann hieß es: Umziehen! Ich gab zu bedenken, dass ich eine Skihose und -jacke brauchte und mich gewiss nicht vorab umziehen und dann in meinem Unterzeug auf den „Laufsteg“ treten würde. Ich war zum Glück nicht die Einzige. Ein Kollege aus meiner Abteilung benötigte ebenfalls eine Skihose, und so gingen wir zur Kasse zurück, erhielten einen Bon, und auf Nachfrage erstellte man uns anderweitig einen Bon für einen Helm. Und schon ging es zur Ausleihe, wo der Kollege alsbald eine Hose, ich Jacke wie Hose erhielt. Kaum umgezogen, raste ich los, mir Skischuhe zu leihen.

Als ich mir die Skischuhe genauer ansah, fragte ich mich, ob meine ernsthaft vorgetragene Antwort auf die Frage nach meiner Schuhgröße wirklich gut gewesen sei. Die 38 sah verdammt klein aus, und ich war schon knapp in der Zeit. Keine Frage: Die Größe war richtig, aber als ich damit bei meinen Kolleginnen Stine und Jana ankam, meinten die beiden: „Viel Spaß! Es ist schon eine Herausforderung, die Dinger anzuziehen.“ Und es stimmte: Es war eine Herausforderung! Jeder, der regelmäßig Ski fährt, wird lachen, aber blutige Anfänger wie ich fühlen sich bereits zum Zeitpunkt, da sie diese „Biester“ von Schuhen fest – und festverschlossen – an den Füßen haben, als hätten sie bereits einen Viertel-Arbeitstag hinter sich. 😉  Immerhin war die 38 goldrichtig. Nur das Laufen in den klobigen Tretern war gewöhnungsbedürftig, und ich fühlte mich, als sei ich einige Entwicklungsstufen zurückgeworfen worden: Vom homo erectus zu einer Stufe, da man erheblich gebeugter ging.

Noch rasch die Skier und einen Helm ausgeliehen, und schon standen wir vor der Skischule. Da rann der Schweiß bereits …

Die Skilehrerin tauchte alsbald auf und zeigte uns den aufrechten Ga.. – nein. Sie zeigte uns, wie man Skier richtig trägt. Und so schleppten wir das Material gen Piste, eigneten uns unterwegs noch Skistöcke an, und los ging es! (Da hatte ich bereits den Eindruck, dass ich völlig fehl am Platze sei. Und: Ich tendiere zu teils unberechenbarem Umknicken in den Fußknöcheln. Würde ich mit diesen Schuhen, die ein Umknicken eigentlich vermeiden sollen, aufgrund meiner blöden Knöchel dennoch umknicken, wäre sicherlich gleich der entsprechende Knöchel durch. Kurz: Richtig wohl fühlte ich mich nicht, als ich in etwa derselben Gangart wie der erste Mensch auf dem Mond gen Piste schritt. Nein, eher „eierte“.)

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen, und ebenso setzte ich meine beiden Betonfüße auf die Piste, als auch schon – huiii! – ein offenbar durchaus versierter Skifahrer derart an mir vorbeisauste, dass sogar meine durch den Helm fixierten Haare noch wehten! Das gab mir bereits fast den Rest, aber tapfer eierte ich in das Terrain, in dem verschiedene Kleinstkinder geschult wurden und erheblich besser fuhren, als ich je in der Lage sein werde. 😉

Unsere Skilehrerin brachte uns bei, wie die Skier anzuziehen seien. Mit entsprechendem Druck klappte es, und der Völkl-Ski saß wie einbetoniert an meinem „Betonschuh“. Völlig unpassenderweise schoss mir durch den Kopf: „Diese Kombination aus ‚Betonschuh‘ und erstaunlich schwerem Objekt darunter würde den Einsatz echter Mafia-Betonschuhe überflüssig machen. Wieso ist die Mafia noch nie darauf gekommen? Würde man mich in dieser Montur in den Rhein werfen, naja …“

Dann lernten wir, den Ski wieder vom Schuh zu lösen. Das Gleiche dann mit der anderen Seite. Und danach folgten ein paar nette gymnastische Übungen, die ohne die beiden Gewichte am Fuß erheblich leichter gefallen wären. Dann mussten wir mit je nur einem Ski, den Stöcken und dem unbe-ski-ten Betonfuß eine größere Runde fahren. Anschließend Fußwechsel. Und als ich gerade auf der linken Seite mit dem Ski versehen los“stochen“ wollte, was mir – ich bin offenbar auch kein Linksfüßer – ohnehin schwerer fiel, raste erneut ein offenbar versierter Skifahrer an mir vorbei. Haarscharf und für mein Gefühl etwas zu dicht.

Und da ist wohl irgendetwas passiert. Jedenfalls löste ich – erstaunlich versiert – den Ski von meinem Skischuh, lächelte die Skilehrerin an und sagte: „Ganz herzlichen Dank – Sie haben das total toll gemacht. Nur ich bin hier falsch und werde die Skier jetzt zurückbringen. Ich würde Sie ohnehin nur aufhalten.“ – „Aber nein!“ – „Doch, doch. Aber vielen Dank.“

Irgendwie habe ich viel zuviel Schiss, wenn es ums Skifahren geht. Als ich mit den Skiern abzog, fühlte ich mich wie eine komplette Versagerin. Und ich bin mir sicher, um mich herum dampfte es, als ich den Helm abnahm – wahrscheinlich verdunstete der Angstschweiß. 😉 Aber tapfer und über mich selber Witze machend retournierte ich das Material. Immerhin hatte ich eine halbe Stunde durchgehalten! 😉

In der Umkleide warf ich einen Blick in meinen Taschenspiegel: Ich sah aus, als käme ich aus einem Nahkampf! Meine Haare hingen herum, als wäre ihre Hauptaufgabe, die Trägerin möglichst unvorteilhaft aussehen zu lassen – zum Glück hatte ich eine Bürste dabei. Überhaupt schwitzte ich auf Teufel, komm raus. Erst einmal die Schuhe loswerden, was schwer genug war. (Nicht, dass doch noch jemand kam, der mich in den nächsten Tümpel werfen wollte! 😉 ) Dann aus Skihose und
-jacke gepellt. Das Unterzeug vom Leib gerissen, atmete ich auf – Luft! 😉 Und nach gefühlt einer Stunde – es waren realiter 10 Minuten – brachte ich noch die Skischuhe und -kleidung weg.

Dann gesellte ich mich zu einigen Kollegen, die gleich so schlau gewesen waren, das „Sommerpaket“ zu buchen. Immerhin saßen wir draußen im Biergarten, und es war sehr lustig. Warum hatte ich mich nicht gleich für diese Möglichkeit entschieden? 😉

Ich muss bei alldem sagen, dass meine Skikurs- und auch diverse andere Kollegen sehr nett waren, denn sie meinten, dass ich es doch immerhin versucht hätte. Ja, das stimmt. Ich kam mir trotzdem doof vor. 😉

Es war trotz allem ein netter Betriebsausflug, und ich war sehr erstaunt, wie viele Kollegen ich noch gar nicht kannte. Bei entsprechend großer „Firma“ lernt man einige erst beim Betriebsausflug kennen. 😉

Skifahren werde ich wohl in diesem Leben nicht mehr lernen. Schade. Lieber setzte ich mich auf ein mir unbekanntes und hibbeliges Pferd. 😉

Under pressure …

Ganz bald ist wieder einer jener Tage, auf die ich mich als Kind, Jugendliche und junge Erwachsene noch sehr gefreut habe. Mein Geburtstag. Heute sehe ich diesem Tag – wie auch dem letzten Tag des Jahres – mit eher gemischten Gefühlen entgegen.

Bis zum 25. – strenggenommen dem 26., wenn man den allerersten Geburtstag, den im Kreißsaal, mitzählt – war das für mich in der Tat ein Freudentag, und ich weiß aus verlässlicher Quelle, dass ich mit dieser Einschätzung nicht allein dastehe. Ab da wird alles ein bisschen anders. 😉 Die böse 3 an erster Stelle lauert in einer dunklen Toreinfahrt, und man fragt sich, wie es eigentlich komme, dass die Jahre als Kind so unendlich lang erschienen und diese Wahrnehmung nun plötzlich ganz anders ist. Alles scheint irgendwie schneller zu gehen. Das ist zwar völlig subjektiv, aber es ist doch nicht von der Hand zu weisen.

Das betrifft nicht nur Zeitliches. Auch räumliche Aspekte sind davon betroffen. Als ich das erste Mal nach Jahren die Straße, in der ich ab meiner Geburt bis zum vierten Lebensjahr lebte, wiedersah, war ich verblüfft: Diese Straße war mir als Kleinkind stets wie ein breiter Boulevard vorgekommen, – gut, vielleicht nicht ganz wie eine echte Prachtstraße, denn sie befand sich schließlich im „Pott“ und mittenmang in Gelsenkirchen -, doch was ich im wahnsinnig erwachsenen Alter von 17 Lenzen sah, war eine sehr provinziell anmutende, schmale Straße. Sehr ernüchternd. Gut, es mag daran liegen, dass man selber ja wächst, aber mit 165 Zentimetern vom Scheitel bis zur Sohle bin ich ja nun nicht wirklich das, was man hochgewachsen nennt. 😉

Den Dreißigsten ging ich mit einer Gelassenheit an, dass die Menschen, die mich kannten, bass erstaunt waren. Sie kannten mich als Hibbel. Als Menschen, der sich stets irgendwelche Gedanken macht, nicht selten nervös. Doch ich blieb ruhig und äußerte auf Nachfrage nur ganz abgeklärt: „Ach, nein, ich fürchte mich nicht vor der 30. Zumal ich es ja eh nicht ändern kann, nicht wahr?“ Und dann lachte ich. Kurz vor meinem Geburtstag tönte mein Lachen dann allerdings zunehmend hektisch – ich gebe es zu. 😉

Ich hatte abends vorher in die Studentenkneipe in Aachen geladen, in der ich gejobbt hatte, denn ich wollte hineinfeiern. Drei Stichfässer Bier vorbestellt, und das ganz abgeklärt. Ich war ganz ruhig und staunte über die interessiert-besorgten Nachfragen, ob ich denn keine Panik hätte. Warum Panik? Alles gut!

Und so war es auch. Der Abend superentspannt. Ha! Ihr Angstmacher! Und ich lachte über die anderen, die mich offenbar völlig falsch eingeschätzt hatten. Und so blieb es auch.

Bis exakt 23:30 h. Ab diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr ich selbst. Ich starrte auf die Wanduhr, als hinge mein Leben davon ab. Obwohl das falsch ist, da es ja noch eine gewisse Aktivität erfordert hätte. Ich aber war wie gelähmt. Ich merkte zwar, wie um mich herum plötzlich Hektik ausbrach – etwa gegen 23:45 h -, aber mir war alles egal. Ich fühlte mich, als stünde ich an meinem eigenen Grab. Ich sah zwar noch, wie Christina – sie war barfuß, wie ich noch wahrnahm, aber nicht einmal staunte, da man in Trance des Staunens offenbar nicht fähig ist – wie von der Tarantel gestochen plötzlich rennend die Kneipe verließ und dabei schrie: „Wartet auf mich! Ich komme gleich wieder!“. Aber irgendwie berührte es mich nicht. Das ging mich doch gar nichts an – zumindest fühlte es sich so an.

Um 23:55 h war Christina wieder da, hielt etwas in der Hand, und alle scharten sich um sie und Tisch 2. Sie schienen etwas zu unterschreiben. Völlig wurscht. Ich blickte lieber wieder auf die Uhr, die gnadenlose.

Um 00:00 h jubelten dann alle los, sangen, und alle wollten mich gleichzeitig drücken, während ich mühsam die Tränen unterdrückte. Sie überreichten ihr Geschenk mitsamt der Geburtstagskarte, die sie ganz vergessen hatten, Christina jedoch nicht, die sie auf dem letzten Drücker noch aus ihrer Wohnung geholt hatte. Sie hatte sie besorgt, weil sie besorgt gewesen war, dass niemand daran gedacht haben könne – zu Recht. Ich drückte sie besonders fest, und das, obwohl wir nie die besten Freundinnen gewesen waren. Aber es berührte mich, dass sie daran gedacht und dann extra losgerannt war. Vielleicht stand ich auch unter Schock. 😉

Und dann wurde es doch ein ganz normaler und sehr netter Geburtstag. Naja – bis auf den nächsten Morgen, als ich von einem kleinen Mädchen als „alte Frau“ bezeichnet wurde … 😉 Kam nicht so gut. 😉

Beim überübernächsten Geburtstag lebte ich bereits in Ratingen, und an jenem Tag fuhr ich mit meinem damaligen Freund zu meinen Eltern. Ein sehr warmer Tag, und wir verbrachten ihn bei gutem Essen im Garten. Nach einer wilden Party stand mir nicht der Sinn, und es war sehr schön so. Abends fuhren wir wieder zurück, über Essen Hbf. Die S6 mal wieder leicht verspätet – aber was erwartet man von der S6 Richtung Köln … 😉

Als wir wartend am Bahnsteig standen, unweit einer der Treppen, die auf den Bahnsteig führen, bekam ich mit, wie eine kleine, zierliche Frau sich die Treppe hochschleppte. Sie war hochschwanger, und das augenscheinlich so sehr, dass sich ihr Bauch schon wieder absenkte. Ich kenne mich damit mangels eigener Erfahrung nicht so aus, aber eines war mir klar: Die Frau stand kurz vor der Niederkunft! Ich machte Henrik aufmerksam, aber der meinte: „Sie wird schon wissen, was sie tut. Das geht uns nichts an.“ Ich könnte mich noch heute ohrfeigen, dass ich mich wieder abwendete! „Das geht uns nichts an“ ist eigentlich gar nicht meine Einstellung, und ich verstehe mich bis heute nicht. Das geht mir heute noch nach. Hätte ich besser reagiert, wäre der armen Frau einiges erspart geblieben, und man hätte sich direkt im Essener Zentrum um sie gekümmert.

Stattdessen stieg sie wie wir in die S6, als diese endlich eingefahren war. Sie saß wenige Meter vor uns, als sich die Türen schlossen. Henrik las in einem Buch, und ich hielt meine Augen auf die Frau gerichtet, die sich in einem Vierersitz halb hinlegte, als die Bahn auch schon ruckelnd anfuhr. Die Frau schrie laut auf, und ich sagte: „Um Himmels willen, Henrik – die arme Frau! Die hat wirklich Wehen! Wir müssen etwas tun!“ – „Was sollen wir denn tun?“

Ich erhob mich von meinem Sitz, um zur Frau zu laufen, als auch schon eine andere Frau hinstürzte. Offenbar eine Landsmännin, denn sie konnte sich mit der werdenden Mutter verständigen. Ich lief ebenfalls hin und sah, wie sich die werdende Mutter hochstemmte. Sie wollte sich hinstellen, aber ich rief: „Nicht aufstehen! Um Himmels willen! Sagen Sie ihr bitte, dass sie nicht aufstehen darf! Sonst kommt das Baby noch hier in der S-Bahn – und es ist hier doch so schmutzig! Das ist keine Umgebung dafür, ein Kind zur Welt zu bringen. Übersetzen Sie ihr das, bitte!“ Und zusammen mit der anderen Frau gelang es dann, die werdende Mutter wieder halb liegend zu plazieren. Es muss furchtbar für sie gewesen sein, und an mir nagte das schlechte Gewissen.

Die andere Frau meinte: „Bleiben Sie bei ihr? Ich renne los und suche den Sicherheitsdienst. Die müssen einen Rettungswagen rufen – sie muss sofort in ein Krankenhaus!“ – „Ja, sicher, ich bleibe hier!“ Und während die andere Frau losrannte, blieb ich bei der werdenden Mutter und redete vorsichtig und beruhigend auf sie ein, hielt sie fest, da sie erneut aufspringen wollte. „Nein! Nicht aufstehen!“ rief ich und schüttelte beschwörend meinen Kopf. Da kam auch schon die andere Frau mit den beiden Security-Leuten zurück.

Einer davon war schon etwas älter, und er schien sich auszukennen: „Sie darf nicht aufstehen! Das Baby kommt sonst noch hier während der Fahrt! Und es ist doch hier so schmutzig!“ Und sein jüngerer Kollege, aufgrund des Szenarios recht blass um die Nase, rief: „Ich gebe dem Lokführer Bescheid, dass er die Feuerwehr ruft!“ Wuuusch, war er weg, während drei Leute sich um die werdende Mutter kümmerten. Ich hatte in meiner Tasche noch ein Päckchen Feuchttaschentücher gefunden, fast leer, aber zwei Tücher waren noch darin. Damit wischten die andere Frau und ich der armen werdenden Mutter über die Stirn und die Handgelenke. Sie schrie jedes Mal, wenn die S-Bahn bremste oder wieder anfuhr, gellend – die andere Frau und ich hatten die Tränen des Mitgefühls in den Augen stehen. Richtig helfen konnten wir nicht, aber wir hielten schließlich beide Hände der werdenden Mutter, und sie drückte bei jedem Brems- und neuerlichem Anfahrvorgang so fest zu, dass ich dachte, sie würde uns die Handknochen brechen.

Und so passierten wir nach Essen-Süd auch noch Essen-Stadtwald und Essen-Hügel. Es kam mir so vor, als fahre die S6 erheblich schneller als sonst. So rasten wir gen Essen-Werden und hielten schließlich dort im S-Bahnhof. Es waren bereits Martinshörner zu hören, man sah den Widerschein von Blaulicht, und dann sahen wir einen RTW und einen Notarztwagen heranrasen. Der Lokführer hatte den Rettungsdienst nach Essen-Werden bestellt, da dies der erste S-Bahnhof nach dem Hauptbahnhof war, da der Rettungsdienst quasi neben den Gleisen halten konnte.

Wir waren in einem der vorderen Wagen, der Rettungsdienst stand weiter hinten, und während der Security-Mitarbeiter sich darum kümmerte, die werdende Mutter, die immer massiver aufstehen wollte, festzuhalten, rannte ich zur Tür, öffnete sie und stellte mich hinein, dabei beide Arme schwenkend und schreiend: „Hierher! Hier ist der Notfall!“

Und da schepperten sie mit ihrem Equipment heran – es erinnerte mich an die „Blechbüchsenarmee“ aus zwei Stücken der Augsburger Puppenkiste. 😊

Die Notärztin war sehr lieb zu der Frau, die inzwischen verzweifelt weinte. „Wo ist der Vater?“ fragte sie schließlich, und die werdende Mutter weinte und sagte mühsam: „Nix Vaterrr. Weg!“ – „Wir bringen Sie jetzt erst einmal ins Krankenhaus, machen Sie sich keine Sorgen.“

Und schon stand eine fahrbare Trage im Einstiegsbereich, man half der armen Frau vorsichtig auf die Füße, und mir kamen die Tränen, als sie ihre Schuhe ausziehen wollte, als man ihr auf die Trage half. „Nein, lassen Sie die ruhig an,“, sagte die Notärztin und strich der Frau über den Arm, aber die meinte: „Schmutz!“ – „Das macht nichts.“

Die andere Frau, die sich besser mit ihr verständigen konnte, meinte sofort: „Ich fahre mit – sie versteht und spricht kaum Deutsch.“ Und schon wurde die Trage zur Tür geschoben. Die werdende Mutter sah mich noch an, nickte mir zu und hob leicht ihre Hand. Ich winkte ihr zu und sagte zu der Begleiterin: „Sagen Sie ihr bitte, dass ich ihr die Daumen drücke und ihr alles Gute wünsche. Auf den Tag genau vor etlichen Jahren bin ich genau hier zur Welt gekommen – vielleicht sogar im selben Krankenhaus wie ihr Kind. Es wird sicher alles gut! Ich bin auch gut zur Welt gekommen. Vielleicht beruhigt sie das.“ – „Ach, das ist ja klasse – das sage ich ihr! Alles Liebe und danke!“

Und schon waren sie aus der Bahn und auf dem Weg zum RTW, der auch kurz darauf losraste.

Mich hat das damals ziemlich berührt, und ich denke jedes Jahr an meinem Geburtstag daran. Auch daran, dass ich eher hätte reagieren können. Und sollen.

Ich habe mir damals geschworen, nur noch auf mein Bauchgefühl zu hören, wenn ich so etwas sehe. 😊

Euch ein schönes Wochenende, und ich werde meinen Geburtstag – kein runder – sicherlich gut überstehen. 😉

Tempi passati (III)

Bisweilen erinnert man sich aufgrund eines bestimmten Ereignisses – egal, ob lustig, traurig oder gar tragisch – an Vergangenes. Und auch ich wurde kürzlich davon eingeholt. Danach war ich wehmütig, ein Zustand, den ich nach Möglichkeit zu vermeiden trachte. Nur lässt er sich nicht immer vermeiden. Besonders weise Menschen würden nun sagen, dass das Leben so sei – wer aber wüsste das nicht selber …

Es begab sich vor einigen Jahren im September, dass ich eine Tätigkeit als lehrbeauftragte Dozentin in Nebentätigkeit an einer Hochschule in einer der Städte in der näheren oder weiteren Umgebung antrat. Da ich zu dem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren mit Erfolg an einer Uni hier im Pott Studis quäl…, nein, ausbildete, hatte man mich sehr gern engagiert, und trotz einiger Unterschiede zwischen den „Lehranstalten“ erinnere ich mich gern an beide. 😊

Warum man mich jedoch zuvor zu einem Beratungstermin gebeten hatte, um meine professionelle Meinung dazu zu hören, wie denn solch ein fachsprachliches Seminar am besten zu gestalten sei – wobei man viel Wert auf meine Erfahrung zu legen schien -, und mir dann doch insgesamt über 50 Studis in einem Kurs vor die Nase setzte, obwohl ich kleine Gruppen empfohlen und entsprechende Zahlen genannt hatte, die nicht zu überschreiten seien, erschließt sich mir bis heute nicht. 😉 Die Hochschule war aber noch brandneu – vielleicht lag es daran. 😊

Recht schnell stellte sich heraus, dass der Job, gutbezahlt, erheblich stressiger war als der vergleichbare an der Uni, und ich frotzelte, dass das vergleichsweise hohe Honorar wohl eher Schmerzensgeld sei. 😉 Die Studis in der Gruppe oder – besser – Masse in diesem Seminar doch besonders „lebhaft“, um es mal so zu nennen.

Einige schienen den Sinn und Zweck einer Hochschule noch nicht so recht verinnerlicht zu haben – vielleicht gefiel ihnen auch der Inhalt meines Seminars nicht. (Im Vertrauen: Mein Lieblingsthemenbereich war er wahrlich auch nicht, ich aber zum Glück professionell genug, mir das nicht anmerken zu lassen. Wenn ich daran denke, wie fröhlich ich immer vorn im großen „Seminarraum“ herumsprang und den Studis Dinge beizubringen trachtete, die ich selber fad fand, mir das aber nicht anmerken lassen durfte, muss ich heute noch grinsen. 😉)

Zweimal pro Woche hetzte ich von meiner Hauptarbeitsstätte mit dem ÖPNV an diesen Ort, von dem ich einmal in der Woche dann auch direkt im Anschluss mit dem ÖPNV an die oben genannte Uni rasen musste – das Seminar dort dann die reine Erholung. 😉

Denn nicht wenige meiner „Zöglinge“ an der neuen Hochschule waren anstrengend. Da wurde gequasselt, was das Zeug hielt, man befasste sich mit dem Handy, dem Netbook, und man störte damit nicht nur mich, sondern auch diejenigen, die mitmachen wollten. Die waren zwar in der Mehrheit, aber gegen stetes Gequassel und weitere Dinge dieser Art hatten auch sie keine Chance.

Ich versuchte es zunächst mit Vernunft. Dann mit Sarkasmus. Ich sagte: „Einige von Ihnen scheinen mit dem Thema Hochschule noch überfordert zu sein. Aber ich habe eine tolle Idee! Da wir hier ja einen besonders großen Raum haben, schlage ich vor, dort hinten rechts eine Spielecke für diejenigen einzurichten, die sich noch nicht so lange am Stück konzentrieren können.“ Da waren die Angesprochenen empört und verkündeten, dass sie durchaus erwachsen seien. Ich grinste und meinte: „Im biologischen Sinne ist dies sicherlich zutreffend.“

Nichts half bei diesen Studis, und während einer „Sitzung“ ist mir dann der Kragen geplatzt, und ich tat etwas, das ich nie hatte tun wollen und nie zuvor getan hatte (und danach nie wieder getan habe): Ich brüllte die Seminargruppe derart an, dass man es besser wahrheitsgemäß so definiert, dass ich sie extrem heftig zusammenschiss. Die Worte „Kindergarten“, „infantil“, „Unverschämtheit“ und „Rücksichtslosigkeit“ wie auch „sondergleichen“ fanden Erwähnung in meiner erstaunlichen Arie bzw. Suada. Und nicht nur diese – es war eine lange Suada, eine sehr laute dazu. Es reichte einfach.

Immerhin hatte diese zur Folge, dass sie mit großen Augen und völlig sprachlos dasaßen. Und während meine Pulsfrequenz langsam wieder abfiel, sortierte ich meine Stimmbänder und meinte schließlich: „Sehr schön. Dann können wir ja wohl weitermachen. Eines nur: Sie haben mich zu etwas gebracht, das ich nie tun wollte. Darauf sollten Sie nicht stolz sein. Ich bin es jedenfalls ganz und gar nicht.“

Nach der Veranstaltung kamen einige Studis zu mir und wollten mit mir sprechen. Es waren naturgemäß ausschließlich Studis, die ohnehin schon mitmachten. Einer sagte: „Wow, Frau B.! Wir hätten nicht gedacht, dass Sie so brüllen können – das war cool! Und auch gerechtfertigt. Wir wollten Ihnen nur sagen, dass wir Sie unterstützen – wir sind die Mehrheit. Und wir machen das gewiss nicht nur der Noten wegen. Wir mögen Sie und finden, dass Sie das wirklich toll machen. Wir wollten Ihnen nur sagen, dass Sie auf uns zählen können. Zur Not schmeißen wir die anderen demnächst raus!“ Ich sah mir die Studis an – einige davon baumlange und kräftige Jungs – und fing zu lachen an. „Ich komme eventuell darauf zurück, hoffe dennoch darauf, dass man mit Vernunft agieren kann,“, meinte ich und kniff ihnen ein Auge zu.

Das Seminar lief danach aber recht geschmeidig, nachdem ich in der nächsten Sitzung zu Anfang ein paar deutliche Worte abgelassen hatte: dass mir klar sei, dass der Themenbereich nicht unbedingt der spannendste sei, man aber doch im Sinne einer guten Gemeinschaft bitte an einem Strang ziehen solle und sie nicht mehr in der Schule seien. Und sie sollten bitte nie vergessen: Auch ich müsse da durch … 😉

Danach hatte ich die beste Seminargruppe aller Zeiten, und als es dann zum Ende des zweiten Semesters ging, ich alle ihre Seminararbeiten korrigiert und ihnen die Noten mitgeteilt hatte, wobei ich natürlich die Möglichkeit gab, Einsicht zu nehmen und ein persönliches Gespräch zu führen, fragte einer der Teilnehmer, ob wir denn nicht zum Abschluss im Rahmen dieses Seminars eine kleine Grillparty machen könnten – es sei doch ihr erstes Jahr gewesen, und wir hätten uns doch letzten Endes auch alle gut verstanden. Ich meinte: „Sofern Sie mich nicht grillen wollen – ich bin dabei, wenn Sie die Erlaubnis einholen, hier auf dem Gelände zu grillen und auch Alkohol zu trinken. Ich spendiere einen Kasten Bier. Da Sie ja alle schon groß sind, vertraue ich Ihnen diese Aufgabe an, denn Sie wissen ja, dass ich dafür keine Zeit habe, da ich ständig auf dem Sprung bin. Suchen Sie von daher einen Tag aus, an dem ich meinen Nebentätigkeiten nicht nachgehe.“

Das taten sie auch, und so trafen wir uns an einem Freitagmittag auf dem Hochschulgelände. Als ich eintraf, war das Gelage schon in vollem Gange: Einige spielten „Flunkyball“ und wollten mich sogleich zum Mitspielen zwangsverpflichten. Ich rief, dass ich eine absolut miese Werferin sei, dafür aber eine hervorragende Zuschauerin und außerdem erst einmal mit ein paar Jungs und Mädels zur nahegelegenen Tanke müsse, den versprochenen Kasten Bieres käuflich zu erwerben, und so kam ich davon. Und schon eilte ich mit Julius, Thomas, den alle nur Tommek nannten, Sven und Timo gen Tanke. Zurück kamen wir mit zwei Kästen Bier, einer davon von mir bezahlt, Chips und einer Flasche Wodka nebst Softdrinks. Nicht, dass der ohnehin schon vorhandene Vorrat allzu schnell zur Neige ginge … 😉

Wir wurden unter großem Hallo begrüßt und nahmen Platz: erst einmal ein Begrüßungsbier für die bisweilen brüllende Dozentin … 😉

Kaum saß ich, klebte sich ein bis dato amüsanter, netter und sympathischer Studi an meine linke Seite. Aber er belaberte mich, dass er mit seiner Note für die Seminararbeit nicht zufrieden sei. Ich sagte ruhig und sachlich: „Nun, Sie haben mit einer Drei doch eine annehmbare Note bekommen.“ – „Aber ich bin nicht zufrieden damit.“ – „Das mag sein, das verstehe ich auch. Aber die Dinge sind, wie sie sind, und ich gedenke auch nicht, hier über Noten zu diskutieren, die ich beileibe nicht nebenbei und aus Spaß so vergeben habe, wie es geschehen ist. Sie hatten mehrere Wochen Zeit, mich während des Semesters zu kontaktieren. Sie hätten Einsicht nehmen können – das Angebot bestand von meiner Seite und wurde wiederholt so kommuniziert. Sie sind aber nicht gekommen oder haben sich bei mir gemeldet. Sie haben die Gelegenheit versäumt – das Semester ist vorbei, und ich bin heute als Privatperson hier. Es gab eine längere Zeitspanne, sich bei mir zu melden, und wir hätten in Ruhe sprechen können, obwohl ich sagen muss, dass Ihre Arbeit eine Drei ist und ich auch nicht zaubern kann. Jetzt aber nicht mehr, und schon gar nicht zu dieser Gelegenheit.“ Der Studi klagte mir sein Leid – seine Eltern seien mit dem Ergebnis auch nicht zufrieden. Ich blieb standhaft und meinte, es sei hinreichend Zeit und Möglichkeit gewesen, mich anzusprechen, und es sei seine Note und nicht die seiner Eltern. Er sei erwachsen. Es mag herzlos klingen, war es aber beileibe nicht. Irgendwo gibt es Grenzen, und ich hatte über mehrere Wochen Gelegenheit für ein Gespräch geboten.

Der Studi hatte wohl vor meinem Eintreffen schon einiges an Alkohol und anderem konsumiert, und ich spürte, dass er wohl innerlich immer aggressiver wurde. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, obwohl ich mir sicher war, von meiner Entscheidung nicht abzuweichen. Nicht, weil ich stur oder rechthaberisch wäre, nein. Nur gab seine Arbeit wirklich nicht mehr her. Ich wiederholte, ich sei als Privatperson da und sah mich vorsichtig in der Runde um, in der wir saßen. Da saßen noch immer Sven, Julius, Timo und Tommek gegenüber und neben uns, die zuvor noch versucht hatten, vom Gesprächsthema abzulenken. Ich versuchte unauffällig, Blickkontakt aufzunehmen, weil mir mulmig zumute war und ich befürchtete, der unzufriedene Studi könne mir eins auf die Zwölf hauen, aber das gelang nicht: Die vier saßen sehr angespannt und hochkonzentriert auf der äußersten Kante ihrer Sitzgelegenheiten. Ich sah noch einmal genau hin: Sie saßen wirklich unter großer Spannung da, als würden sie jeden Moment abgeschossen werden, und da begriff ich: Sie schätzten die Situation wohl ähnlich ein wie ich und waren quasi sprungbereit, sollte ihr Kommilitone übergriffig werden! Sie erinnerten mich an meine beiden früheren Katzen, wenn die ein Objekt fixierten, auf das sie sich nach langer Tarnung stürzten. Da fühlte ich mich etwas besser, und glücklicherweise haute der unzufriedene Studi dann auch ab: seine Bierflasche war leer, und die nächste Ladung Würstchen auf dem Grill war fertig …

Ich blickte in die Runde, in der sich die vier Jungs wieder bequem zurücksetzten: „Was war das denn jetzt gerade? Ich hoffe, dass das nicht so weitergeht!“ – „Keine Sorge, Frau B. – wir passen auf Sie auf! Der hat sich ja gerade so blöd benommen, dass wir Sorge hatten, der würde gegen Sie übergriffig werden, Ihnen gar eine knallen! [Genau das war auch meine Befürchtung gewesen.] Aber keine Sorge! Wir hätten den sofort unschädlich gemacht!“ – „Das fiel mir schon auf – herzlichen Dank, ich weiß das zu schätzen!“ Und Tommek meinte: „Keiner von uns würde zulassen, dass jemand unserer Frau B. etwas tut!“ Ich war gerührt, und da die Studis nun nicht mehr als „Abhängige“ galten, bot ich ihnen allen, die schon öfter nachgefragt hatten, ob das nicht möglich sei, das Du an. Immerhin würde ich sie ja nicht mehr unterrichten.

Das stimmte dann zwar nicht, da Tommek und Timo auch noch einen allgemeinsprachlichen Sprachkurs bei mir besuchten und mich in selbigem auch brav siezten, sofern überhaupt Deutsch gesprochen wurde – also zu Anfang und gegen Ende der jeweiligen Stunde. Ich war erstaunt, dass sie überhaupt kamen und meinte: „Da machen Sie freiwillig noch einen Englischkurs bei mir?“ Und die beiden meinten: „Ja, man kann nicht genug Englisch können – und bei Ihnen macht das wenigstens Spaß, und wir sehen Sie so außerdem noch öfter.“ Ich war schon wieder gerührt.

Und nun erfahre ich über ein Soziales Medium, dass Tommek tot sei. Dabei gehörte er gar nicht einmal zu den Ex-Studis, mit denen ich bis heute Kontakt habe. Ich erfuhr es durch Zufall, und es war, als hätte man mir einen Baseballschläger ins Gesicht geschmettert. Mir wurde schlecht, als ich es las. Ich wollte es erst gar nicht glauben.

Dabei habe ich all die Studis seit geraumer Zeit nicht gesehen, aber man vergisst sie doch auch nicht. Daher arbeite ich ja auch so gern mit Menschen. Aber manchmal hat das seine Schattenseiten.

Ruhe in Frieden – ich kann es immer noch nicht fassen. ☹

„Azzurro“ … 😉

Irgendwie hatte ich für die italienische Sprache schon immer ein Faible. Schon von relativ klein auf. Keine Ahnung, woher das kam, aber ich vermute, dass meine Vorliebe für diese Sprache dazu führte, dass ich mich in der siebten Klasse für Latein statt Französisch entschied, als es um die zweite Fremdsprache nach Englisch ging. Italienisch ist da naturgemäß und aufgrund seiner historischen wie geographischen Lage ja ziemlich nahe dran. 😉 (Gut, wenn man Französisch beherrscht, sind auch ziemlich viele italienische Begriffe gleich klar – sind halt beides romanische Sprachen, die mehr oder minder direttamente aus dem Lateinischen stammen. 😉)

Ich vermute fast, dass ich von dieser Sprache schon als kleines Kind so fasziniert war, da Mama, Stephie und ich, als ich noch ziemlich klein war, so oft mit dem Zug – einem D-Zug – in Mamas Heimat nach Franken fuhren, wenn Ferien waren. Das hat zwar mit Italien nicht so viel zu tun, aber im Zug standen Anweisungen damals immer in vier Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch und … Italienisch. Da stand zum Beispiel: „Non sporgersi dal treno!“ Und das versehen mit diversen Warnzeichen, die ich auch als Kind schon kannte. Oder: „Non aprire la porta prima che il treno si ferma!”. Das las sich wie eine Geheimsprache. 😊

Ich fragte meine Mutter, ob sie das mal vorlesen könne – sie las es mit dem ihr eigenen fränkisch gerollten Zungenspitzen-R, sehr gekonnt und als hätte sie von klein auf Italienisch gesprochen (meine Mutter spricht Hochdeutsch, Englisch, Französisch – und Fränkisch, weswegen sie „China“ und „Chemie“ auch mit einem K anlauten lässt und nicht mit einem Sch oder dem normalen Ich-Laut.) Ich war fasziniert – diese Sprache klang so schön. Und schon war ich angefixt. 😉

Und das blieb lange Zeit so, und als es aufs Abitur zuging, überlegte ich, ob ich nicht Romanistik studieren sollte. Mit Französisch als erster Sprache und dem noch zu erlernenden Italienisch als zweiter. Mit einem Französisch-LK wäre das auch kein Problem gewesen, aber irgendwie reizte mich Französisch als Hauptsprache nicht so. Und so studierte ich lieber Anglistik.

Dem Italienischen blieb ich jedoch treu, denn ich belegte an der Uni zusammen mit einer Kommilitonin einen Italienischkurs. Auf diese brillante Idee waren außer uns beiden auch noch 98 andere Studis gekommen, und so war es gut, dass wir zur ersten Kursstunde recht früh da waren, denn so bekamen wir immerhin noch Sitzplätze in diesem Hörsaal im Rogowski-Institut an der Schinkelstraße in Aachen. Diejenigen, die später kamen, mussten auf den Treppenstufen oder Fensterbänken Platz nehmen oder gar stehen. Aber wo auch immer wir saßen oder standen: Wir harrten gespannt der Ankunft der Dozentin, die als Dottoressa Nicoletta Vianelli im Vorlesungsverzeichnis stand. Alle hatten irgendwie eine bestimmte Vorstellung von einer italienischen Dozentin.

Und die, die eine besonders klischeehafte hatten, wurden nicht enttäuscht, denn die dottoressa kam nicht nur zu spät, sondern auch noch extrem schwungvoll in den Hörsaal! Sie schritt nicht, nein, sie hechtete quasi hinein und warf funkelnde Blicke mit einem strahlenden Lächeln um sich. Von den fünfzig Prozent der männlichen Kursbesucher war mindestens die Hälfte sogleich rettungslos in sie verliebt! 😉

Sonja raunte mir ins Ohr: „O Gott! Die ist ja extrem energisch! Sicher nimmt die uns dauernd ungefragt dran, wenn wir gerade überhaupt nichts begriffen haben!“ Ich befürchtete zwar das Gleiche, meinte aber: „Ach was, die ist doch nett! Sieh nur, wie fröhlich sie uns alle anlächelt!“ Und ich versuchte, dieses diabolische Funkeln in der Dozentin Augen zu verdrängen. 😉

Glücklicherweise saßen wir in einer der hinteren Reihen, denn nach einer kurzen Vorstellung („Mi chiamo Nicoletta Vianelli e io sono di Mantova!“) schleuderte sie uns auch schon die erste Übung um die Ohren, die von der ersten Reihe sogleich exerziert werden sollte, und das nach Möglichkeit correttamente, per favore! 😉 (Wir saßen in Reihe 7, und so raunte ich Sonja ins Ohr: „Wie gut, dass wir nicht ganz so früh da waren – bis die an Reihe 7 gekommen ist, beherrschen wir das Ganze perfekt! Perfettamente!“ Sonja sah mich eingeschüchtert an. Ich grinste, obwohl mir angesichts der sehr energischen Vorgehensweise der dottoressa mit absoluten Greenhorns auch ein wenig bange war. Und sie ging die Reihen verdammt schnell durch! 😉)

Immerhin haben wir in der ersten Stunde die ersten einfachen Sätze gelernt („Sono un’idiota e anche i miei genitori!“ – Nein, ganz so nicht, obwohl wir uns nach der ersten Stunde so fühlten …). Ich war mir zumindest sicher, dass ich niemals eine casalinga werden wollte und niemals die Anlaute von gialle – gelb – und scialle Schal – durcheinanderwerfen würde. Immerhin wurde ich da gelobt, da mir als Einziger aus Reihe 7 klar war, dass ein gi- wie in gialle wie dsch- und nicht wie sch- wie in scialle zu artikulieren sei. Ganz zu schweigen von einem sk- wie in schianto.
Nach dieser initialen Stunde gingen Sonja und ich erst einmal einen Kaffee – nein! einen caffè! – trinken. Der kalte Schweiß stand uns auf der Stirn. Sonja meinte: „Ich weiß nicht, ob ich nächste Woche noch einmal hingehe – die Dozentin macht mir Angst!“ – „Ach was, die ist doch total nett! Und so lebhaft!“ – „Eben!“

Wir gingen wieder hin. Bis der Kurs geteilt wurde, da 100 Teilnehmer doch recht viel waren. Aber 50 sind für einen Sprachkurs auch zu viele. Allzu viel lernt man da nicht.

Obwohl ich der dottoressa sehr dankbar bin, denn bis heute kann ich Azzurro fehlerfrei singen, und das unter Verständnis dessen, was ich da singe – ein melancholisches Lied, das aber so einen wunderbaren „typisch italienischen“ Schwung hat. 😉 Ich kann den gesamten Text nebst Melodie singen, seitdem wir das bei unserer Dozentin tun mussten – zur Auflockerung, wie sie sagte. 😉 Ich vermute allerdings, dass sie es zu ihrer eigenen Auflockerung tat – wahrscheinlich hat sie sich köstlich amüsiert. (Hätte ich an ihrer Stelle sicher auch. 😉 )

Italienisch ist gar nicht so schwer, stellte ich fest, nachdem ich vier Jahre mit einem Italiener zusammen war. Noch heute kann ich im Restaurant Essen auf Italienisch bestellen. Und den Rest, den ich in dieser Zeit lernte und lange nicht benutzt habe, hole ich auch wieder auf … 😉 Zur Not singe ich halt Azzurro – das beherrsche ich perfettamente! 😉 Aber nicht nur das – erst kürzlich stellte ich fest, dass ich mich durchaus noch einigermaßen verständigen kann. Okay, ich gestikulierte etwas heftiger, aber das tat und tut Giacomo, mein italienischer Ex, auch immer. Er allerdings, um seine – flüssig geäußerten – Worte zu unterstreichen. Ich, um davon abzulenken, dass meine Worte im Italienischen nicht so flüssig sind, wie ich es gerne hätte. 😉

Doch das Beste am Italienischen sind die wunderbaren Flüche – die beherrsche ich aus dem Effeff … 😉

Italienischer Abend

Heute habe ich mir Spaghetti aglio, olio e peperoncino zum Abendessen gemacht – meine absolute Lieblingszubereitungsart für Spaghetti. Und eine der einfachsten: Spaghetti kochen, bis sie al dente sind, zwischenzeitlich mehrere gute Schlucke Olivenöl – natürlich kein minderwertiges und am besten italienisches – gemächlich in einer großen Pfanne erhitzen und darin mindestens (!) eine in Scheiben geschnittene Knoblauchzehe – ich nehme immer mehr – vorsichtig leicht glasig werden lassen. Bloß nicht braun werden lassen, denn dann könnt, nein: müsst! ihr alles wegschütten und neu ansetzen, denn Knoblauch wird, zu scharf erhitzt und gebräunt, bitter und versaut dann das ganze Olivenöl. Also alles con molta sensibilità und mit viel Gefühl – sehr wichtig bei der italienischen Küche, und nicht nur bei der Küche! – angehen. 😉

Zwischenzeitlich solltet ihr schon einen peperoncino rosso, ggf. eine rote Chilischote, in feine Ringe schneiden. (Oder auch zwei – je nach Schotengröße, Schärfegrad und Geschmack.) Falls es nur leicht scharf werden darf, bitte vorher längs aufschlitzen und die Kerne entfernen. Am besten – gilt vor allem für Kontaktlinsenträger – mit Gummihandschuhen. Bei mir gibt es das Ganze immer mit Kernen – wenn, dann, bitte, richtig! (Und auch mit zwei nicht allzu kleinen peperoncini rossi.) 😉 Und ohne Gummihandschuhe. Ich wasche meine Hände danach aber immer sehr, sehr gründlich, wenn auch nicht in Unschuld.

Das Ganze zum Knoblauch ins erhitzte Olivenöl geben. Gegarte Spaghetti ebenfalls hinzu und mit viel Gefühl so schwenken, dass die Pasta mit Olivenöl gut benetzt ist – ergo gut durchmischen. Frischgemahlenen – in meinem Falle: schwarzen – Pfeffer und Salz darauf, vermischen, und schon kann es losgehen. 😉 Wenn ihr Knoblauch mögt, könnte es passieren, dass dieses einfache Nudelgericht bald auch zu euren Lieblingsgerichten zählt. 😉

Hervorragend. Ich hörte heute dazu laut ein altes und bekanntes Lied von Paolo Conte. Im Grunde eher eine Art Sprechgesang, aber eines der schönsten Liebeslieder, die ich kenne, obwohl es in Moll und recht melancholisch ist. Ein echter Ohrwurm. Via con me. Ich sang laut mit – mir war danach: „Via via / Vieni via di qui […]“. 😉 Ob es daran lag, dass die letzten Tage ziemlich stressig waren? Fluchtgedanken hege ich für gewöhnlich nämlich nicht. 😉

Und mir fielen die vielen Abende wieder ein, die damals mit Giacomo und vielen anderen Leuten in Ratingen immer in Giacomos Küche endeten, mit Spaghetti aglio, olio e peperoncino, und da wurde ich fast ein wenig sentimental. 😉

Doch dann fiel mir ein, wie Giacomo, sein bester Freund Ettore, dessen Freundin Raffaela und ich einst in einem italienischen Restaurant gehobener Klasse saßen, das rappelvoll war mit lauter standesbewussten Menschen, die meisten Deutsche, die – wie so viele Deutsche – Italien und die italienische Küche nebst Lebensart so sehr lieben, wie nicht wenige davon kund und zu wissen geben. Es war ein Gehabe der obersten Kategorie um uns herum, ein Getue, das auch ich nicht so recht mochte, und Giacomo und Ettore hatten die Lage auch gleich erfasst, und so präsentierten sie den selbsternannten Italien-Liebhabern italienische Lebensart par excellence, indem sie wie auf Kommando beide laut und zumindest textsicher Fratelli d’Italia anstimmten, die italienische Nationalhymne, die sehr schmissig klingt, was die Melodie anbelangt. Versteht man den Text, versteht man auch, dass die Hymne recht martialisch ist. Hier kam erschwerend noch hinzu, dass Giacomo nicht singen kann und keinen einzigen Ton zu treffen in der Lage ist – er klingt, „singt“ er, stets wie ein eher kleines Tier, eine Katze oder so, das in einem blechernen Behältnis oder einem Ofenrohr bestialisch gequält wird. 😉

Raffaela und ich fanden es zunächst auch noch lustig, bis uns auffiel, dass die Umsitzenden uns böse und vorwurfsvoll anstarrten. Wohlgemerkt: uns, nicht etwa die beiden schaurigen Sangesbrüder. 😉 Den Blicken konnte man entnehmen, was man uns mitteilen wollte: „Ihr beiden Weiber, die ihr da noch lacht: Könnt ihr diese beiden Wilden nicht einmal zur Ordnung rufen und das Ganze beenden?!? Aber sofort!“ Raffaela sah mich an und lupfte die blütenweiße Tischdecke. Ich wusste, was sie meinte: „Ob wir nicht besser unter den Tisch kriechen? Das ist ja peinlich …“ Ich schüttelte sachte meinen Kopf – wieso sollten sie und ich denn in Sack und Asche gehen? Wir sangen ja nicht. Und was die wohlsituierten anderen Gäste – Fans italienischen Essens und zugehöriger Lebensart – nicht ahnten: Weder Raffaela, noch ich hätten etwas an der Situation ändern können. Hier wurde italienischer Lebensart gefrönt, dass die Umsitzenden sich eigentlich hätten freuen müssen, und Raffaela und ich hätten nicht einmal in unseren kühnsten Träumen etwas dagegen tun können. 😉 Und so kniff ich ihr ein Auge zu, mied jedoch die Blicke der anderen Leute und tat gar so, als verstünde ich kein Deutsch. Kurz: Auch ich fühlte mich unbehaglich. Das passierte schon einmal, wenn wir in dieser Besetzung unterwegs waren und die beiden „fratelli d’Italia“ mal wieder beschlossen, etwas mehr oder minder Durchgeknalltes zu unternehmen, woran sie echte Freude hatten. 😉 Raffaela und ich ließen uns möglichst nie aus der Fassung bringen – hier musste un atteggiamento fermo eingenommen und bewahrt werden. Immer Haltung bewahren. 😉

Dennoch brach ich in haltloses Kichern aus, als ein Kellner im schwarzen Anzug mit zwei Gläsern überteuerten Grappas an unseren Tisch kam und Giacomo und Ettore mit freundlichen italienischen Worten für die reizende Gesangseinlage dankte und mit dem Grappa bestach. Ich lachte so heftig, dass der Kellner mir auch noch einen Grappa brachte. Raffaela lehnte dankend ab – ihr Blick schweifte einmal mehr unter den Tisch … Vor allem, als alle Umsitzenden applaudierten und der Kellner sich leicht in ihre Richtung verneigte. Allerdings sah ich auch, dass es um seine Mundwinkel zuckte, als er sich wieder zu uns umdrehte, und dann kniff er mir auch noch ein Auge zu. 😉

Italienische Lebensart kann sich auf so unterschiedliche Weise äußern … 😉

Von Herzen

Da Vorsorge niemals schaden kann, habe ich vorgestern und gestern etwas gemacht, das man sonst nur Hypochondern zutraut, denen im Grunde nichts fehlt. Immerhin tat ich es nicht grundlos, denn ich hatte kürzlich ein Phänomen zu beklagen, das in meiner Familie schon häufiger vorkam: Herzrhythmusstörungen.

So ein kleines Stolpern kannte ich schon, nicht jedoch, dass das von Mittag bis Abend andauerte und man ständig das Gefühl hatte, die nächste Aktion könne auch schon die letzte sein … 😉 Ein größerer Teil meiner Familie väterlicherseits – zumindest der, der nicht mehr lebt – verabschiedete sich von dieser Welt aufgrund von Herz-Kreislauferkrankungen. Ich bin nicht übermäßig ängstlich, aber da hatte ich schon ein wenig Sorge … 😉

Da ich ja in den vergangenen drei Wochen sehr viel Freizeit hatte, wenn auch unfreiwillig, verband ich einen der häufigen Besuche beim Augenarzt gleich mit einem Besuch bei meinem Hausarzt. Abwechslung muss sein. 😉

Man beschloss, ein Ruhe-EKG könne schon einmal erste Hinweise geben, verordnete mir jedoch auch noch ein Langzeit-EKG über etwa 24 Stunden. Und das Belastungs-EKG steht auch noch aus – möge ich es überleben! 😉

Das Langzeit-EKG gestern/vorgestern war nicht mein erstes, da ich vor einiger Zeit aufgrund niedrigen/schwankenden Blutdrucks durchaus das eine oder andere Mal schon einmal wie ein gefällter Baum umgekippt war. Einmal mitten im Bus bei hohen Temperaturen, einmal im Bad meiner vorherigen Wohnung – ich landete zum Glück scharf neben der Waschmaschine und hatte deren Ecken und Kanten knapp verfehlt. Nicht die einzigen Male. Mein Opa hat aufgrund dieses Phänomens sein Leben gelassen, weswegen ich auch ein wenig pisselig reagiere, wenn mir Leute erzählen wollen, dass niedriger Blutdruck zumindest bedeute, dass man daran nicht sterbe. Falsch. Wenn man aufgrund niedrigen Blutdrucks auf eine Tischkante und danach mit dem Hinterkopf massiv auf den Boden prallt, kann man durchaus auch sein Leben lassen. Habe ich nie vergessen, und es brach mir damals fast das Herz, obwohl mein Opa so „preußisch“ war, womit ich nie so recht klarkam. Aber eben auch lieb, und es tut mir heute noch leid, wie er starb. Er hatte immer gesagt, dass er gerne mal mit einem Helikopter fliegen wolle. Und als er dann mit Christoph 8 in die Unfallklinik geflogen wurde, hat er es nicht einmal mehr mitbekommen. Das tut mir heute noch weh, obwohl mein Opa und ich so verschieden waren, dass es unterschiedlicher kaum geht. Und meinen Vater hatte ich zuvor auch noch nie so traurig erlebt.

Vorgestern war ich um Punkt 9 in der Praxis und bekam alsbald drei Elektroden aufgeklebt, sowie das Aufzeichnungsgerät um den Hals gehängt. Es hing und ruhte da ganz sanft und sagte keinen Ton. Klar, es zeichnete nur auf. Was hätte es auch sagen sollen? 😉

Ganz ruhig und gelassen verließ ich damit die Praxis, um mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. Anfangs ging auch noch alles gut, aber ich vermute, gegen 09:21 h könnte die eine oder andere harm- und arglose Sinuskurve etwas aus dem Gleichgewicht geraten sein. Denn da wurde ich massiv ausgebremst, und das von einem Fahrer mit einem GLA-Kennzeichen, der vor mir fuhr und offenbar weder wusste, dass sein Wagen – ein BMW – über Blinker verfügte, noch den Weg kannte oder zuvor bedacht hatte, wie er fahren müsse. Zumindest legte er vor mir eine Vollbremsung ein. Der Fahrer hinter mir hatte auch ein GLA-Kennzeichen, saß mir die ganze Zeit – obwohl ich selber schon viel zu schnell fuhr – auf dem Heck, so dass ich schon ein wenig Angst hatte, wenn ich ganz normal bremsen musste. Immerhin vermochten beide GLA-Fahrer, spontan zu bremsen, denn wir legten allesamt eine Vollbremsung ein, zwei von uns gezwungenermaßen. Es war knapp vor einem Auffahrunfall, und ich würde das EKG gerne sehen, denn ich regte mich lautstark auf – ziemlich lautstark, wobei ich Wörter benutzte, die ich zumindest in meinem Elternhaus gewiss nicht gelernt habe. 😉 Und ich befürchte, ich habe auch ziemlich eindeutig gestikuliert … 😉

Der Arbeitstag verlief weitgehend ruhig. Ein Glück.

Abends fuhr ich nach Hause. Alles ruhig.

Bis ich dann beschloss, mich zu Bett zu begeben. Es war keine kommode Schlafposition zu finden – dauernd drückte mir eine Kante des Aufzeichnungsgerätes in die Brust, und ich wurde immer wacher. Und auch sture Rückenlage war sehr, sehr unbequem, da das Aufzeichnungsgerät schwer auf mir lastete. 😉

Irgendwann hatte ich dann endlich eine einigermaßen erträgliche Position gefunden und dämmerte schon weg, als es plötzlich neben meinem linken Ohr hochfrequent Sssiiii! machte. Ich konnte es kaum glauben: Es frequentieren derzeit kaum Mücken – nur eine offenbar bei mir im Schlafzimmer! Klar! 😉

Reflexartig schlug ich um mich, total genervt – da fiel mir das Aufzeichnungsgerät wieder ein … O Gott! Spontan überlegte ich, wie ich das wohl in den Protokollbogen eintragen solle, den man mir zusammen mit dem Aufzeichnungsgerät ausgehändigt hatte … Das und die völlig enervierte Verfolgungsjagd auf das widerliche Insekt, die folgte. 😉

Ich beschloss nach erfolgloser Jagd, lieber im Wohnzimmer auf der Couch zu übernachten – da war immerhin keine Mücke. 😉 Und das Protokoll habe ich bestmöglich ausgefüllt. Als ich gestern EKG-Gerät und Protokoll abgab, sagte man mir, der Arzt werde mich anrufen, läge etwas Bedrohliches vor. Er rief nicht an, und ich vermute, mein Herz scheine doch recht normal zu funktionieren. Ebenso vermute ich, dass der Arzt das Protokoll gar nicht so bescheuert fand wie ich, die ich nachts wirklich explizit angegeben hatte, weswegen die Haupt-Sinuskurve gar so lebhaft gewesen sei. 😉Vermutlich hält der Arzt meine wohlgewählten Worte für eine Ausrede für etwas ganz anderes. Ganz falsch! 😉

Am 25. folgt das Belastungs-EKG. Hoffentlich sinke ich da nicht bewusstlos vom Ergometer, mangels Kondition. Vielleicht sollte ich vorher noch ein wenig laufen oder endlich mal wieder mein Fahrrad aus dem Keller holen. Wäre ja sonst peinlich. 😉

Immerhin hat sich der sogenannte Vergnügungsausschuss meines Arbeitgebers schon präzise Gedanken gemacht, als es um den diesjährigen Betriebsausflug ging, und der hält vor allem massives Kreislauf- und sonstiges Training vor: Es geht in eine Skihalle in der Nachbarstadt. Tolle Idee! 😉 Sicherlich fällt danach die halbe Belegschaft aufgrund von Knochenbrüchen und Zerrungen oder sonstiger Traumata aus. 😉 Ich war auf alle Fälle ein wenig erleichtert, als ich sah, dass der Ausflug just am Geburtstag meiner Mutter stattfindet – da kann ich ganz unmöglich fehlen! 😉 Ich wollte zwar immer gern Skifahren können, bin aber zu feige – ich gebe es zu. Lieber setzte ich mich auf ein stimmungsschwankendes und ausflippendes Pferd – da weiß ich wenigstens, was zu tun ist.  😉 Und den Geburtstag meiner Mutter kann ich bei allem Trainingsgedanken – bei mir würde beim alleinigen Gedanken, Skifahren lernen zu sollen, sicherlich der Blutdruck massiv gesteigert – keineswegs absagen. Dabei hatte der Vergnügungsausschuss sicherlich Gutes im Sinne und auch an die körperliche Ertüchtigung der Belegschaft gedacht. 😉

Ich glaube, ich fange dann doch besser erst einmal wieder mit Laufen an … 😉

Ein schönes Wochenende! 😊

„Why do birds suddenly appear …”

So zwar nicht der Titel eines gruselig kitschigen amerikanischen Liedes, quasi eines Evergreens, aber so beginnt zumindest dessen erste Strophe: „Why do birds suddenly appear / Every time you are near? […]“

Dieses Lied, beziehungsweise Text und Melodie, schoss mir durch den Kopf, als ich vorgestern meine AU zur Post bringen musste und mich auf dem Weg dorthin im strahlenden Sonnenschein plötzlich hektisch ein wenig duckte: Ein Vogel flog auf mich zu! Zumindest schien es so, denn es war gar kein Vogel … Es war eine jener wundersamen Sehstörungen in Form von (salamanderförmigen, so die Augenärztin, die mich als neuerlichen Notfall am vergangenen Montag behandelte) Schleiern, Wasserwellen, Blasen, kleinen, schwarzen Punkten, die gruppenweise auftreten – vermeintliche Mückenschwärme, die in sich zu rotieren scheinen -, und größeren dunklen Schatten vor, realiter aber in meinem Auge spontan auftauchen, so dass es einem so vorkommt, als wären sie vor, neben oder über einem. Also vor Augen, nicht darin. Man kann das leider nicht so recht unterscheiden. Und so zog ich lieber meinen Kopp ein, als ich im oberen Gesichtsfeld vor mir diese vermeintliche Amsel wahrnahm – denn für eine solche, fehlgeleitete, hielt ich den komischen Schatten, der sich realiter in und nicht vor meinem Auge breitmachte …

Ja, ich weiß – das klingt, als wäre ich nicht ganz von dieser Welt. Bin ich aber, und ich konsumiere auch keine bewusstseinsverändernden Drogen. 😉 Ich höre auch keine Stimmen. Höchstens manchmal das Gras wachsen. 😉 Diese wahnsinnig ersprießlichen Sehstörungen, die ich seit einer Woche Tag für Tag und – ganz spannend! – in immer neuer Ausprägung erlebe bzw. erleide und die mich wirklich massiv nerven, sind verantwortlich, und das Problem liegt in der Tat „nur“ im Auge des Betrachters, ergo meinem rechten.

Am Dienstag war ich in der Augenklinik – da hatte ich wirklich Muffensausen. Würde man gleich lasern oder kryobehandeln müssen? Ich gebe zu: Ich hatte Schiss, und davon nicht zu knapp. Dennoch ließ ich mir auch da brav und erneut atropinhaltige Augentropfen verabreichen und setzte mich dann in den Wartebereich der Station der Evangelischen Kliniken – mit Blick auf den Stationsgang. Es war zwar nicht ganz so spannend wie in der Notaufnahme bzw. Notfallchirurgie, wo man bisweilen völlig absurde Dinge und Verletzungen live und in Farbe sehen kann, und ich will mich beileibe nicht darüber lustig machen. Es ist der reine Galgenhumor. Und ich habe ja selbst mal nachts um ein Uhr in Tränen aufgelöst in der Notaufnahme des Aachener Uniklinikums gestanden … Sicherlich haben da auch einige Leute gedacht: „Aua – was ist denn mit der los?“ (Ich hätte es ihnen sagen können, aber wahrscheinlich hätte es sie gelangweilt. Ein derart massiver Harnwegsinfekt mit Schmerzen, dass man die Tapete mit den Fingernägeln ohne Rücksicht auf eben diese von der Wand kratzen möchte, scheint nicht wirklich spannend  – nicht spektakulär genug … 😉 Wären die Schmerzen nicht gewesen (und obendrein Wochenende), wäre ich niemals freiwillig nachts um 1 in das größte Aachener Krankenhaus gefahren, das von außen wie eine Fabrik aussieht. Man fühlt sich aufgrund des Fabrik-Erscheinungsbildes doppelt ausgeliefert. Viel spannender doch die Fälle, da hyperalkoholisierte Choleriker eingeliefert wurden – und das war ich wahrlich nicht. 😉 )

In der Augenklinik war eine Menge los, und im Wartebereich saß ich zusammen mit anderen armen „Irren“, die alle – wie ich – über kurz oder lang stark erweiterte Pupillen hatten und sich wieder und wieder über die Augen wischten, weil das Licht blendete (nein, immer noch keine bewusstseinsverändernden Drogen – nur blöde pupillenerweiternde Augentropfen), während auf dem Stationsgang mehrfach Betten mit Menschen herumgeschoben wurden, die – in wenigen Fällen – Herren ihrer Sinne waren, in weitaus mehr Fällen still, wehr- und besinnungslos in den Betten lagen und beeindruckende Verbände über einem, schlimmstenfalls beiden Augen trugen. O Gott – das schlug irgendwie aufs Gemüt …

Als ich drankam, wurde ich von dem sehr netten Augenarzt behandelt, der mir vor zwei Jahren bereits gesagt hatte, ich solle besser zweimal im Jahr zur Funduskopie kommen, und er führte zunächst eine solche durch – die vierte in diesem Jahr, die dritte im Verlaufe einer Woche -, und dann kam der Ultraschall. Danach wusste ich dann, dass ich bis dato zwar noch kein Loch in der Netzhaut habe, dafür aber eine Blutung im Glaskörper. Auch schön – aber daher wohl die rotierenden „Mückenschwärme“. Die schwarzen, rotierenden „Mücken“ sind wohl Blut. Igitt! Allein die Vorstellung! Im Auge! 😉

Der Augenarzt gab mir einen Kontrolltermin für heute um 10, und dann ward ich zunächst entlassen.

Und ich war heute auch eine knappe Viertelstunde vor dem Termin da, musste mich jedoch am Ende einer sehr langen Schlange anstellen. Vor mir ein älterer Mann, der wohl unter Morbus Bechterew litt – er stand da stark vornübergebeugt und wohl auch nicht ganz sicher auf den Beinen. Hinter mir ein altes Ehepaar, das allen Umstehenden erklärte, dass sie eigentlich nur die Sehstärkenwerte der Frau benötigten und ein Sehtest durchzuführen sei, da man eine neue Brille anschaffen wolle. Dahinter noch mehr mehr oder minder Leidende … 😉

Es ging und ging nicht vorwärts, da an der Anmeldung nur eine Arzthelferin saß, die noch nicht so lange dort tätig zu sein schien. Das geht beileibe nicht gegen die Helferin! Sie sagte mir später selber, sie sei leider noch nicht so lange dabei, aber an ihr lag es auch nicht in erster Linie, und ich fand, sie mache die Sache doch recht gut.

Als wir da in der langen Schlange standen, fing der ältere Herr vor mir zu schwanken an und drohte, zu stürzen. Ich griff sofort zu und brachte ihn wieder in einen relativ stabilen Stand. „Alles okay?“ fragte ich ihn und sagte: „Halten Sie sich lieber hier an diesem Türrahmen fest.“ (Wir waren immerhin schon bis zur Patiententoilette und deren Tür gekommen.)

Der Mann bedankte sich und erklärte, normalerweise säße er in einem Rollstuhl. Ich fragte nicht nach, warum er nun hier zu Fuß unterwegs sei, zumal es sich um ein Ärztehaus mit Aufzug handelt. Es war im Grunde auch völlig egal. Der Mann tat mir leid, denn er hatte stark gerötete Augen und sah eher so aus, als würde er auf der Straße leben. Er drehte sich jedoch noch einmal zu mir um und meinte: „Ich habe eine schwere Bindehautentzündung.“

O Gott! Das auch noch – hoffentlich hatte ich mir zwischenzeitlich nicht ins Gesicht gefasst! Der Mann tat mir leid, und ich habe auch kein Problem damit, anzupacken, selbst wenn derjenige, der da angepackt werden muss, vielleicht nicht ganz so aus dem Ei gepellt ist. Ich kann doch nicht jemanden hinstürzen lassen, nur weil der vielleicht etwas abgerissen aussieht.

Dennoch wurde mir etwas bange, speziell dann, als er mir ein Päckchen Papiertaschentücher reichte, das schon reichlich angefingert aussah, und mich bat, zwei Tücher herauszuholen, da seine Augen so tränten. Ich tat es, denn er tat mir leid, aber ich nahm mir vor, sehr genau aufzupassen, mir nicht ins Gesicht oder gar an oder in die Augen zu fassen, denn eine Bindehautentzündung zusätzlich würde ich sicherlich nicht brauchen können. Es reicht ja so schon …

Nicht nur mit dem Herrn vor mir kam ich ins Gespräch, denn die alte Dame hinter mir sprach mich auch noch an: „Haben Sie denn einen Termin?“ – „Ja, um 10, auch wenn es inzwischen schon viertel nach 10 ist. Innerhalb einer Woche bin ich nun schon das dritte Mal hier, zweimal als Notfall, und wenn es so weitergeht, sollte ich vielleicht vor der Praxis ein Zelt aufschlagen. Aber so voll war es noch nie!“ Und ich lachte.

Die alte Dame fragte mich, was mir denn fehle, und ich erklärte, man könne es leider nicht von vorne an den Augen sehen und erklärte es ihr. Daraufhin veränderte sich ihr Blick ins Betroffene, und ich fühlte mich plötzlich am Arm gefasst. Die Dame strich mir über die Schulter und meinte in insistierendem Tonfall: „Ich wünsche Ihnen alles, alles Gute. Wirklich – das kommt ganz aus dem Herzen und noch aus etwas anderem. Denken Sie immer daran und vertrauen Sie darauf: Es gibt nur einen, der solche Dinge richten kann!“ – „Ääh …“ – „Das ist unser Herr Jesus Christus! Vertrauen Sie auf Jesus Christus, junge Frau! Dann wird alles gut!“

Ich stand da in einem Zustand, den man nur als stupéfait bezeichnen kann. Ich bin nichtgläubig, und das schon seit geraumer Zeit. Ich hätte zu gern mein Gesicht gesehen! 😉 Und meinen verdutzt-erschütterten Status interpretierte die alte Dame dann wohl ganz falsch, denn sie drückte mich noch fester und sagte: „Denken Sie immer an unseren Herrn Jesus Christus – nur der kann helfen!“

Durch meinen Kopf schoss eine Frage: „Welcher Sekte gehören Sie an?“ Aber ich stellte sie nicht. Ich war zwiegespalten. Denn nicht jeder glaubt an „unseren Herrn Jesus Christus“ bzw. an irgendetwas Ähnliches, und von daher empfand ich das Ganze schon als ein wenig übergriffig. Dann aber dachte ich: „Sie meint es lieb und nett und will dir auf ihre Weise Mut machen!“ Und so reagierte ich dann auch, lächelte die alte Dame an und sagte: „Ganz herzlichen Dank – ich weiß das zu schätzen.“ (Nichtsdestotrotz hätte ich mein Gesicht zu gern gesehen … 😉 )

Immerhin durfte ich mich dann ins Wartezimmer setzen. Dort erlebte ich mit, wie sich ein Ehepaar in etwa meinem Alter oder etwas älter stritt, so dass das ganze Wartezimmer etwas davon hatte. Sie sagte zu ihm: „Du musst aber auch mal genau hinhören, was der Arzt sagt! Der hat nicht gesagt, dass mit deinen Augen alles okay sei. Der hat gesagt, dass im Moment keine Bedenken bestehen! Du musst doch mal zwischen den Zeilen lesen! – „Ja! Ganz toll – dusselige Kuh! Mal wieder kluggeschissen, ne? Ja, das macht dir Spaß! Ich habe genau gehört, was der Arzt sagte! Aber du musst wieder alles besser wissen!“ – „Ja, aber der hat doch gesagt, dass du beileibe nicht beruhigt sein darfst!“ – „Ich habe genau gehört, dass mit mir alles okay ist – nur du findest mal wieder nix an mir okay!“ – „Ja, aber …“ – „Nein – Schluss! Ewig dieses Gemecker – dusselige Kuh!“

Ohne Witz – genauso geschehen in diesem Wartezimmer, und ich beneidete all die, die eine Zeitschrift in den Händen hielten, und ich beobachtete, wie eben diese Zeitschriften immer höher wanderten, so dass die Gesichter der „Lesenden“ zur Gänze verdeckt waren. Zum „Glück“ war zwischenzeitlich eine Arzthelferin gekommen und hatte in meine beiden Augen pupillenerweiternde Tropfen geträufelt -zum vierten Male innerhalb von sieben Tagen …

Mir wäre allerdings noch lieber gewesen, hätte sie mir Ohropax mitgebracht, denn das Gezänk ging noch weiter: „Jetzt sei doch nicht so stur – ich meine es nur gut. Der Arzt meinte …“ – „Boah! Dat geht mir so auf den Geist! Wie habe ich das die letzten 20 Jahre nur ausgehalten? Das ist ja Folter!“ Und erneut hörte ich „dusselige Kuh“. Woran erinnerte mich das nur?

Ach, ja! Ekel Alfred! Mich hätte inzwischen keineswegs gewundert, wenn dessen lange verstorbener Darsteller und Loriot – ebenfalls seit geraumer Zeit tot – Arm in Arm in die Praxis gesteppt wären, im Schlepptau den Moderator der „Versteckten Kamera“. Ich fühlte mich nicht wie einer Augenarztpraxis. Eher wie im Irrenhaus. Erst eine lorioteske Situation in der Warteschlange, dann Ekel Alfred im Wartezimmer … Untermalt von lautem Kindergekreisch, denn es befand sich auch noch eine große Familie mit diversen kleinen Kindern in der Praxis. Herrlich – so etwas bitte jeden Tag! 😉

Glücklicherweise kam der Augenarzt, der mich am Dienstag in der Klinik behandelt hatte, und rief: „Frau B., bitte!“, und so schnell war ich noch nie auf den Beinen, ich schwöre es!

Beide Augen wurden untersucht, das rechte besonders gründlich, und die doofe Blutung ist noch immer präsent und im Gange (so wundert es auch nicht, dass ich den Eindruck habe, dass Vögel zu dicht über mein Haupt hinweg- oder auf mich zufliegen 😉 ). Die Gefahr laut Arzt noch immer nicht gebannt – und er schrieb mich eine weitere Woche krank, obwohl ich zu verhandeln versuchte. Da sah mich der Augenarzt an und meinte: „Sie sind doch, wie ich festgestellt habe, eine intelligente Frau: Ihr rechter Glaskörper hängt quasi noch immer partiell fest, und jederzeit besteht die Gefahr einer Netzhautbeschädigung. Ich kann Sie nicht zur Arbeit schicken – das wäre unverantwortlich!“ Und er erklärte mir en détail und sehr, sehr plastisch noch einmal, was passiere, wenn der Glaskörper durch ein Loch in der Netzhaut schlüpfe, was auch im derzeitigen Zustand tagtäglich passieren könne … Mir war danach ein bisschen schlecht, zumal ich seit einer Woche ohnehin jeden Morgen aufwache und mich freue, rechtsseitig noch sehen zu können.

Zum Abschied meinte er zu mir: „Wir sehen uns dann nächste Woche“, und ich meinte: „Was ist hier eigentlich heute los? Noch in der Warteschlange, erst recht aber im Wartezimmer fühlte ich mich wie in einem Sketch, der mit versteckter Kamera aufgezeichnet werde!“ Da lachte der Arzt und meinte: „Ich weiß genau, was Sie meinen! Das ist nicht nur im Wartebereich so – das wird hier im Untersuchungsbereich unter Umständen noch schlimmer! Ich fühle mich genauso wie Sie – ich hatte hier vorhin ein Ehepaar, das sich beinahe gegenseitig an die Gurgeln gegangen wäre, weil er stets meinte, dass sie versuchte, ihn unterzubuttern und zu belehren. Dabei war sie im Recht.“ – „Ich glaube, die habe ich im Wartezimmer auch noch erlebt. Ist es denn so, dass sich so viele Leute gedacht haben: ‚Hey, es ist Brückentag – da gehen wir doch mal zum Augenarzt!‘?“

Der Augenarzt lachte und meinte: „Ja, so scheint es. Aber wir sind heute auch die einzige Augenarztpraxis, die geöffnet hat. Und Sie können sich vorstellen, was für Fälle da unter anderem so kommen.“ – „Ja, zum Beispiel ich!“ – „Sie, Frau B., sind davon ausgenommen. Sie sind ein Notfall.“

Zumindest ein ophthalmologischer. Ich habe heute ganz andere Notfälle in der Praxis erlebt. 😉

„Lurchis Abenteuer“ mitten in meinem Auge!

Kennt ihr noch Lurchis Abenteuer? Oder Salamander-Schuhe, die den Ursprung von Lurchis Abenteuer bilden? Eine Schuhmarke von anno Pief, und das einzig wirklich Schöne daran die kleinen Hefte über die Abenteuer des kleinen Feuersalamanders Lurchi, stets in Reimform und Schreibschrift verfasst. Unvergessen seine Wegbegleiter namens Mäusepiep, Piping, Unkerich, Hopps und Igelmann. 😉

Diese Hefte wurden Kindern in Schuhgeschäften immer dann ausgehändigt, wenn es langweilig war – wenn zum Beispiel die Eltern für sich selber Schuhe auswählten. Ich besitze einen ganzen Stapel dieser Hefte, die ich niemals abgeben würde. 😉

Man kann also sagen, dass meine Vorliebe für Feuersalamander schon im kindlichen Stadium geprägt wurde. (Würde ein solches Tier mich in echt berühren, an mir hochklettern oder so etwas in der Art, so bin ich mir ziemlich sicher, dass ihr meine entsetzten Schreie – zunächst zumindest – bis an euren Standort, völlig gleich, wo der ist, hören würdet … Ich sehe Amphibien wie Reptilien gern – nur eben in gewisser Distanz zu mir. 😉 )

Heute früh fuhr ich tapfer gen Arbeitsstätte, und das trotz meiner Augen-Malaise. Ich trug allerdings vorsichtshalber Brille und reiste mit dem ÖPNV an. Man weiß in diesem Zustand nie, ob nicht alsbald ein weiterer spontaner Augenarzt-Notfalltermin angetreten werden muss, zumal seit gestern ganz neue visuelle Phänomene vor bzw. in meinen Augen herumschwirrten: ein vermeintlicher Mückenschwarm in hohem Tempo, in sich rotierend und stets seine Richtung wechselnd – extrem nervend. Und dann – nicht weniger nervend – ein Gebilde, das sich wie eine große Blase oder Wasserwelle stets in mein Gesichtsfeld schob, wenn ich etwas ganz genau betrachten wollte. Ich glaube kaum, dass ich jemals zuvor derart oft geblinzelt habe wie gestern – unter anderem bei der Europawahl – und heute …

Ich konnte heute zumindest länger an meinem Arbeitsplatz verharren als am Freitag: ganze zwei Stunden! Im Verlaufe dieser sah ich dann partiell verzerrte Bilder und wurde ziemlich hibbelig. (Das Ganze hatte bereits in der Straßenbahn begonnen, in der extrem lärmende Schüler mitfuhren. Die, die links von mir lärmten, waren zwar nervend, aber eher zu ertragen als die auf meiner rechten Seite. Dafür schien mein Gehör rechts erheblich besser und aufnahmefähiger zu funktionieren als sonst. Nicht schön, was da unter anderem zu hören war, aber offenbar stellte sich mein Gehör schon darauf ein, unter Umständen demnächst den wegfallenden Sehsinn zu ersetzen … 😉 ) Doof nur, dass alle meine Klienten zu meiner Rechten Platz nehmen müssen, um beraten zu werden … 😉

Meine Chefin hatte ich bereits über mein Augenproblem aufgeklärt, nachdem sie sich gewundert hatte, wieso ich heute mit einer Brille antrat – ich hätte es auch ohne diese Tatsache getan, da ich mir nicht sicher war, ob ich den gesamten Arbeitstag überstehen würde.

Und gegen halb 11 waren die visuellen Phänomene dann so heftig, dass ich mich schnurstracks auf den Weg zum Augenarzt machte. Dort war alles derart überfüllt, dass man mich bat, um 14 Uhr wiederzukommen. Das tat ich dann auch, und obwohl ich keinen Termin hatte, kam ich ziemlich schnell dran – danke an die Arzthelferinnen!

Heute geriet ich an eine sehr nette Augenärztin, die mich zunächst mit rechts Zahlen lesen ließ, nichts Außergewöhnliches feststellte – offenbar noch kein massiver Netzhautschaden -, mir dann Atropintropfen ins rechte Auge träufelte und meinte: „Das dürfte schnell gehen – Ihre Pupillen sind ja eh schon ziemlich groß!“ – „Liegt wohl daran, dass ich wirklich Angst habe, weil das Ganze seit Freitag noch schlimmer geworden ist.“ – „Kann sein. Aber keine Sorge – wir kriegen das ganz sicher hin.“ – „Mir tut es leid, dass ich so ohne Termin noch dazwischengrätsche – aber ich kam am Freitag schon als Notfall.“ – „Frau B. – Sie sind ein wirklicher Notfall, und deswegen wurden Sie auch vorgezogen! Sie sind ein echter Notfall – anders als so viele ‚Notfälle‘, die hier vorgegeben werden. Ich habe doch aufgrund Ihrer Datei gesehen, dass Sie gewiss nicht aus Spaß kommen. Nehmen Sie draußen noch Platz – ich rufe Sie dann wieder herein.“

Ich wartete eine Weile, bis jedwede Lichtquelle von meinem rechten Auge mit einer Art Aureole versehen worden war; dann rief mich die Ärztin wieder ins Behandlungszimmer und gebot mir, schon einmal Platz zu nehmen, während sie noch einmal hinauslief. Recht schnell kam sie durch eine andere Tür, die mir wohl aufgrund meiner Aufregung gar nicht aufgefallen war, wieder herein, in der Hand ein derart großes Lupenglas, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte, und sie rief fröhlich: „Sie scheinen mir genau die richtige Patientin zu sein, dieses völlig neue Lupenglas auszuprobieren! Das haben wir ganz neu!“

Ich rief ebenso fröhlich: „Es freut mich, dass ich Ihnen behilflich sein kann!“ Sie meinte: „O Gott, nein, Frau B., bitte fühlen Sie sich nicht benutzt! Sie sind einfach nur so erfreulich ruhig und cool, dass ich dachte, das sei okay!“ – „An mir soll es nicht liegen, danke für das Kompliment. Legen Sie einfach los! Wenn uns beiden damit geholfen ist, ist doch alles prima!“

Das gigantische Lupenglas nebst Lichtquelle ließ die sehr nette Augenärztin dann sogleich ausrufen: „Wahnsinn, was man damit alles sieht! Das Ding, das Sie dauernd so stört, wenn Sie etwas genauer betrachten wollen, ist eine ziemlich große Glaskörpertrübung – mitten auf dem Auge! Und – ach, das ist ja originell! – sie hat die Form eines Salamanders! Aber keine Angst – das ist nichts Schlimmes, nur störend.“ Da ich die Augenärztin nett fand, lachte ich und meinte: „Na, dann ist ja alles gut – und ich bin auch sehr tierlieb. Nicht auszudenken, wäre es eine Flugabwehrrakete gewesen! Ein Salamander – also quasi Lurchis Abenteuer direkt in meinem Auge! Aber Sie kennen Lurchis Abenteuer sicher gar nicht mehr!“ – „Doch!“ rief die sympathische Augenärztin. „Das kenne ich – das ist total süß! Und ich finde richtig klasse, dass Sie das Ganze mit soviel Humor nehmen! Sie sind eine richtig nette Patientin!“ – „Mal im Ernst – was bleibt mir denn übrig!“ – „Ach, alles wird gut! Da bin ich mir ganz sicher.“

Dann ophthalmoskopierte sie mein rechtes Auge und fand heraus, dass mein rechter Glaskörper – mal abgesehen von Lurchis Abenteuern – seit Freitag so weit gesackt sei, dass eine Region meiner Netzhaut rechts mit Bordmitteln gar nicht mehr einzusehen sei. Und mit leichter Hand vereinbarte sie für morgen um 9 einen Termin in der Augenklinik …

Hurra! Ich muss morgen zum Augen-Ultraschall! Und – falls dabei Risse oder Löcher in der Netzhaut gefunden werden – dann werde ich auch gleich gelasert und/oder kryobehandelt … Ich freue mich jetzt schon! Und Lurchi auch … 😉

„Die Augen … GERRRAAADEAUSSSS!“

Gut, mit eher militärischen Kommandos bin ich ja vertraut, seit ich früher geritten bin – mich schockt daher so etwas nicht wirklich. (Und im Vertrauen: Es wurde auch gar kein solches Kommando gegeben – zumindest nicht so wörtlich. 😉 )

Der gestrige späte Abend hielt noch eine hübsche Überraschung für mich parat. Denn als ich mich gerade zur wohlverdienten Nachtruhe aufs Ohr hauen wollte, passierte gar Merkwürdiges in meinem rechten Auge: Plötzlich sah ich schwarz-güldene und gleißende Blitze, dem Effekt eines Lichtbogens nicht unähnlich, und das, was man fachsprachlich und in charmantem Französisch als mouches volantes – fliegende Fliegen – bezeichnet und mir wohlvertraut ist, zumindest in schwächerer Ausprägung, in der es harmlos ist, war im rechten Auge plötzlich verstärkt zu sehen. Das linke Auge hielt sich bedeckt, und ich kann mich über sein Verhalten nicht beklagen. Umso mehr irritierte mich das alleinige Auftreten rechts, und nicht nur das: Es beunruhigte mich in stärkerer Art.

Es war schon ziemlich spät, und als die Phänomene schwächer wurden, beschloss ich, mich erst einmal zur Ruhe zu betten, allerdings im Alert-Modus zu bleiben und dann – wären die Phänomene heute nicht verschwunden – zum Augenarzt zu eilen.

Heute früh war ich zwar verschnarcht wie immer, wenn ich morgens aufstehen muss, aber, als ich den ersten Blitz im rechten Auge sah, als ich beide Augen bewegte, um nach der Zahnpasta zu greifen, sofort hellwach. Verdammt – das doofe „Zeug“ war ja immer noch da!

Ich rang mit mir – ich musste doch zur Arbeit! Da war etwas, das ich heute dringend erledigen wollte – Terminarbeit. Und ich hatte diesen Monat schon zwei Tage nacheinander wegen Migräne fehlen müssen – ich hasse Fehltage wie die Pest! Aber ich bin ja quasi vom Fach und geübt, wenn es um Kompromisse geht. Und so fuhr ich zur Arbeit, natürlich mit dem Auto, um gegebenenfalls dort einen Augenarzttermin zu vereinbaren – noch immer hielt ich das Verschwinden der merkwürdigen Phänomene für möglich. Wie naiv! 😉

Ich schlug bei der Arbeit auf und machte mich gleich ans Werk. Offenbar aber wirkte ich anders als sonst, denn Jana meinte: „Du wirkst so hektisch. Und wieso wischst du dir immer übers rechte Auge?“ Ich berichtete, und Jana starrte mich an und meinte: „Ja, bist du denn wahnsinnig? Warum bist du hier und nicht beim Augenarzt?!?“ – „Ich muss dringend diese Sache hier erledigen – die hatte ich für heute angekündigt. Es geht doch um meine Klienten!“

„Ja, aber die haben doch nichts von einer Sachbearbeiterin, die auf einem Auge blind ist!“ rief Jana energisch. „Ruf sofort bei deinem Augenarzt an! Oder gib mir die Nummer – dann rufe ich an. Und zur Not schleppe ich dich an den Haaren hin!“ Huch! Ich hatte doch selber anrufen wollen – nur diese eine Sache noch … Jana rang die Hände, und das tat sie noch mehr, als ich sagte: „Und außerdem habe ich schon zwei Tage wegen meiner Migräne gefehlt – das ist doch Mist!“ Sie meinte: „Ali! Das sind Dinge, die du dir doch nicht selber ausgesucht hast!“ Ja, das stimmte – gewiss nicht. 😉 „Rufst du jetzt bei deinem Augenarzt an? Oder soll ich das machen?!?“ – „Ich rufe ja schon an – hatte ich ja eh vor. Und nun ist das, was ich erledigen wollte, ja auch schon erledigt.“ – „Ich fasse es nicht,“, rief Jana Saskia zu, die gerade von nebenan hereingekommen war, „da kommt sie extra wegen dieser einen Sache ins Büro, weil sie meint, das müsse heute sein, statt gleich zum Augenarzt zu fahren!“ Saskia meinte, indem sie mir ein Auge zukniff: „Wir können ihr ja schon einmal einen Blindenführhund aussuchen. Labradore machen sich da gut. Bevorzugst du eine bestimmte Fellfarbe, Ali?“ – „Schwarz!“ rief ich, fügte jedoch hinzu: „Wozu aber auf die Fellfarbe achten? Ihr geht doch davon aus, dass ich ohnehin bald erblinde. Da sind die Fellfarbe und sogar die Rasse des Assistenzhundes völlig egal. Allerdings hätte ich gern einen Schäferhund.“ Saskia lachte, Jana rang erneut die Hände.

Ich rief dann auch umgehend bei meinem Augenarzt an. Man erklärte mir, dass ich bis spätestens 11 Uhr vorstellig werden müsse – aber bitte ohne Auto -, nachdem ich meine Beschwerden dargelegt hatte. Ich versprach, mein Auto noch rasch nach Hause zu fahren – mir war ja selbst schon klar gewesen, dass eine Funduskopie notwendig werden würde. Wie passend! Just heute scheint seit geraumer Zeit endlich die Sonne vom blauen Himmel! 😉 Und das dann mit erweiterten Pupillen auf dem Heimweg … 😉

Kaum hatte ich den Hörer aufgelegt, rief Herr Schmuck an, der diensthabende Pförtner im Hauptgebäude meines Arbeitgebers. Er sagte: „Hallo, liebe Frau B. – hier ist Schmuck! Der Paketdienstfahrer weigert sich, Ihre Retoure mitzunehmen. Es tut mir leid, ich weiß ja, dass Sie inzwischen schon alles versucht haben …“ Es ging noch immer um das falsch gelieferte Motoröl …

In jenem Moment sah ich besonders viele Blitze … Vermutlich deswegen, weil mein Blutdruck spontan anstieg. Ich klang Herrn Schmuck gegenüber wohl ein wenig genervt, denn er meinte: „Frau B. – ich kann doch auch nichts dafür …“ – „Ja, Sie meine ich ja auch gar nicht, Herr Schmuck! Tut mir leid!“ – „Frau B. – ich will Sie auch nicht nerven. Ich möchte einfach nur, dass Sie Ihr Geld wiederbekommen.“ – „Das weiß ich, Herr Schmuck, danke schön.“ Und trotzdem klang ich dem völlig schuldlosen, hilfsbereiten Menschen gegenüber nicht so wie sonst, sondern hektisch und genervt. Aber inzwischen war ich selbst extrem besorgt: Bei meinem Augenarzt bekommt man sonst erst einen Termin, der – bei Anruf – etwa vier bis sechs Wochen in der Zukunft liegt.

Jana sah mich an und meinte: „Nein! Die nehmen deine Retoure trotz all deiner Bemühungen immer noch nicht mit?“ – „Richtig. Kein Wunder, dass ich da Blitze sehe!“ Jana lachte sich schlapp, meinte aber, ich solle mich lieber auf den Weg machen.

Und so brach ich auf – Jana gab mir noch ein Stück banana bread mit, das sie gestern gebacken hatte. Ich fuhr rasch mein Auto nach Hause, klaubte dort die Kontaktlinsen aus meinen Klüsen und hechtete  gen Straßenbahn, die auch sehr schnell kam …

Beim Augenarzt kam ich recht schnell dran. Die sehr nette Arzthelferin, die mich zuerst behandelte, erschrak, als ich ihr sagte, dass ich noch eine Stunde zuvor Kontaktlinsen getragen hatte. „Ich befürchte, dass Sie dann gar nicht behandelt werden. Eine Funduskopie machen die Ärzte hier nur, wenn mindestens 48 Stunden keine Kontaktlinsen getragen wurden – die saugen sich ja an der Hornhaut fest. Das ist der Grund.“ – „Ja, ich weiß. Hätte ich geahnt, was mir gestern Abend passieren würde, hätte ich die Linsen auch 96 Stunden vorher gemieden. Aber ich wusste doch nicht … Und hier geht es ja nicht um die Hornhaut, sondern eher um den hinteren Teil des Auges …“ – „Frau B. – keine Sorge! Ich frage nach! Ich bin gleich wieder bei Ihnen, und ich verspreche Ihnen: Sie werden hier heute behandelt – es ist doch Wochenende, und wir können Sie unmöglich so wieder wegschicken. Noch dazu, nachdem neulich in Ihrer Familie ein ähnlicher Fall vorkam!“

Denn vor wenigen Wochen musste sich Stephanie, meine Schwester, einer Not-Laser-OP unterziehen. Ähnliche Symptome wie die, die ich just jetzt habe. Nur hatte sie wohl schon einen Riss in der Netzhaut. Daher hatte ich auch schon heute früh beschlossen, in jedem Falle heute noch zum Augenarzt zu gehen – nur eben diese eine Sache bei der Arbeit noch erledigen … (Inzwischen frage ich mich selber, wie leichtsinnig man sein könne.)

Ich saß und wartete. Dann kam die Arzthelferin zurück und meinte: „Alles okay, Frau B. – ich habe den Arzt gefragt, der die Dinge nicht ganz so rigide sieht. Wir können Sie doch unmöglich so wegschicken, und das sieht der Arzt genauso. Schauen Sie mal nach oben!“ Und ich blickte nach oben, und sie träufelte diese atropinhaltigen Tropfen hinein, die dafür sorgen, dass die Pupille sich erweitert und – quasi gelähmt – auch eine Weile so verharrt. Und sie träufelte diese dann nach kurzer Nachfrage auch noch in mein linkes Auge, da sie meinte: „Besser beide Augen überprüfen.“ Wir gingen da Hand in Hand. 😉

Später träufelte sie auch noch einmal nach, und kurz darauf wurde ich in eines der Behandlungszimmer gerufen. Ein junger Augenarzt behandelte mich, der ein wenig gebrochen deutsch sprach. Dennoch verstand ich sehr gut, was er sagte, als er zunächst mein rechtes Auge extrem sorgfältig und gründlich untersuchte. Ich musste in alle denkbaren Richtungen blicken, wie ich das ja schon gewohnt bin, da ich ohnehin zweimal im Jahr zur Funduskopie muss. Ich schwöre jedoch: Ich musste noch nie derart extrem nach oben, unten, scharf rechts (und danach noch nach oben wie unten) und scharf links (und danach noch nach oben wie unten) blicken wie bei diesem sehr sorgfältigen Ophthalmologen. Als ich nach unten blicken sollte, erklärte er mir: „Nicht genug – weiter nach unten, bitte!“ Und ich glotzte derart gen Boden, dass ich schon Sorge hatte, meine Iris und Pupille würden alsbald hinter das Unterlid rutschen und mein Blick künftig ins Innere gerichtet sein, während ich mit der Spaltlampe geblendet wurde. 😉

Bei der Untersuchung des rechten Auges sagte der Arzt Dinge, die mir nicht gefielen. Das linke Auge – dieser kleine Streber – war ohne besonderen Befund. Streber! 😉

Nachdem die Untersuchung beendet war, fasste mich der Augenarzt scharf ins Auge und sagte: „Frrrau B. – Sie haben eine Glaskörrrperrrabhebung in rrrechtem Auge. Daheerrr die Blitze und sonstige Phänomene. Das muss beobachtet weerrrden! Das meine ich ganz errrnst! Es kommt das Wochenende! [Ja, das hatte ich auch schon festgestellt und mich sogar noch gefreut.] Achten Sie auf rrrechtes Auge – linkes ist okay! Wenn in rrrechtem Auge noch mehrrr Blitze oder Sehausfall oder Voorrrhang wie in Theaterrr – soforrrt Rrrettungsdienst rrrufen! Geht dann um Augenlicht! Wirrrklich soforrrt rrreagierrren – sonst blind auf eine Seite! Und weerrr weiß, wie lange anderrre Auge hält!“

Ja, so hatte ich die Anweisungen, die er während der Untersuchung an die Arzthelferin weitergab, auch schon verstanden. Ganz toll! (Und ich war erst vor kurzem zur regulären Funduskopie gewesen …)

Dann erklärte mir der Augenarzt noch, wie man im besonderen Notfall mit Rettungsdienst – ein Notfall war ich ja offenbar heute schon – vorzugehen gedenke: „Entweederrr – in beste Fall – Laserrr-Eingrrriff. Oderrr grrroße OP mit Vollnarrrkose, um Netzhaut wiederrr an rrrechterrr Stelle zu platzierrren.“

Aaah! Womit habe ich das verdient? Einen frei flottierenden, unbezähmbaren Glaskörper rechts, der – schlimmstenfalls – auch noch „Netzhaut mitrrreißt“? Und wieso exakt einen Monat nach der Laser-Not-OP meiner Schwester? Wir sind keine Zwillinge, sondern eher ziemlich verschieden, zoffen uns oft, obwohl ich jedem, der meiner Schwester etwas antäte, ganz gehörig den einen oder anderen auf die Zwölf gäbe und mir gar nicht vorstellen möchte, wie es ohne meine Schwester wäre.

Zum Schluss gab mir der dankenswerterweise sehr gründliche Augenarzt noch Verhaltensmaßregelungen mit, die an oben genannte militärische Kommandos gemahnten: „Augen nicht zu viel bewegen! Augen besser immer geradeaus! Nicht lesen! Keine Bücher! Augen möglichst ruhig halten – Glaskörper rechts nicht provozieren, daher Augen nicht von rechts nach links oder umgekehrt bewegen! Sonst könnte Netzhaut mitgerissen werden! [„Dann blind!“ So sagte er mir ganz zu Anfang, obwohl es mir schon klar war …] Am besten alles ruhighalten! In vier Wochen Kontrolle! Krankschreibung für heute!“

Das Leben war vor zwei Tagen noch vergleichsweise normal und nicht übermäßig mit Sorgen behaftet – zumindest nicht existentiellen. Mal abgesehen vom üblichen Kummer. 😉

Drückt mir die Daumen, dass ich zumindest das Wochenende ohne Einsatz des Rettungsdienstes überstehe … 😉 Und darüber hinaus auch. Und geht immer gleich zum Arzt, wenn Euch merkwürdige und außergewöhnliche Phänomene ereilen – speziell am Auge. Die Arbeit ist wichtig – anderes ist noch wichtiger. 😊

Nachtrag: Als ich mit der Straßenbahn nach Hause fuhr, habe ich dann noch die Nummer des Pförtners gewählt, denn es tat mir leid, dass ich Herrn Schmuck so hektisch und wenig freundlich abgefertigt hatte. Als er sich meldete, erklärte ich ihm die Sachlage, und er meinte: „Oooch, Frau B. – das tut mir leid. Aber ich habe Ihnen das ohnehin nicht krummgenommen. Ich hörte ja schon, dass Sie offenbar im Stress waren. Und Sie sind immer freundlich – ich wertete das als Ausnahme und dachte mir schon, dass Sie anderweitig Stress hätten. Aber ich finde sehr nett, dass Sie anrufen, obwohl es nicht nötig gewesen wäre – macht beileibe nicht jeder. Das ist wirklich total nett. Und ich wünsche Ihnen von Herzen gute Besserung und alles Gute.“

Und als die Straßenbahn so vor sich weiterfuhr, klingelte mein Handy plötzlich, und als ich mich meldete, war Herr Schmuck dran: „Frau B. – Sie hatten doch gesagt, dass das Paket, das Sie retournieren wollen, von einem KFZ-Zubehör-Händler komme!“ – „Ja! Warum?“ – „Ach, wissen Sie – ich möchte mir eine Anhängerkupplung und Reifen bestellen. Und da habe ich im Internet recherchiert und ein tolles Angebot gefunden. Ich bin aber nun aufgrund Ihrer Erfahrung vorsichtig geworden. Könnten Sie mir den Namen der Firma nennen, bei der Sie Ihr Motoröl bestellt haben?“

Ich nannte ihn. Und Her Schmuck rief: „Okay, dann suche ich lieber weiter! Danke, liebe Frau B. – und alles Gute!“ 😉

Öl auf die Wogen …

Ja, einer größeren Menge Öles – mehr als 5 l – auf die Wogen hätte es von vorgestern an mehrfach bedurft.

Warum? Und wie entstanden die Wogen? Und warum sehen nicht nur meine Kolleginnen mich mit völlig anderen Augen, sondern ich auch? 😉

Es fing ganz harmlos an. Ich machte einen Termin für die alljährliche Inspektion meines Wagens in meiner Vertragswerkstatt. Eigentlich sollte die Inspektion morgen stattfinden – doch zum Glück musste der Termin werkstattseitig verschoben werden, und nun muss ich am siebten Juni hin.

Wie – zum Glück? Man ist doch froh, wenn das auch erledigt ist. Ich zumindest. Aaaber …

Ich hatte diesmal nachgefragt, ob ich das für den Ölwechsel benötigte Motoröl mitbringen dürfe, denn das kostet, selber erworben, etwa ein Drittel dessen, was die Werkstatt für Öl aus ihrem Bestand veranschlagt, und ich habe exakt zweimal je 90 Euro für je fünf Liter Öl in der Werkstatt bezahlt und sah und sehe nicht mehr ein, dies auch weiterhin zu tun. Ich pflücke das Geld ja auch nicht vom Baum. 😉

Selbstverständlich dürfe ich das, erfuhr ich seitens der Werkstatt, und so bestellte ich fünf Liter des für meinen kleinen Fiesta vorgesehenen Öles online. Rasch bekam ich eine Bestellbestätigung, auf der exakt das stand, was ich ganz korrekt bestellt hatte. Sicherheitshalber fragte der Händler auch noch zweimal nach – einmal per Mail, einmal telefonisch – ich hätte da schon hellhörig werden sollen. 😉

Am letzten Sonntag – an einem Sonntag! – bekam ich dann die Nachricht, dass das Öl versendet worden sei und spätestens am Dienstag bei meinem Arbeitgeber ankommen werde. Denn dorthin hatte ich es schicken lassen, seit die Packstation in Nähe meiner Wohnung immer häufiger defekt ist.

Am Dienstag rief mich der Pförtner an: „Frau B. – hier ist ein Paket für Sie!“ Ich freute mich – endlich war das Motoröl da und ich perfekt auf die Inspektion vorbereitet. Und so schritt ich fröhlich zur Pforte und holte das Paket ab, das ich im Büro öffnete und den 5-Liter-Kanister herauszog.

Ich zog ihn nicht sehr weit heraus, denn ich sah sofort, dass der Inhalt völlig falsch war: „Stop-Start 0W-30 D“ stand auf dem Etikett, das ganz anders aussah als das Etikett der Sorte, die ich völlig korrekt bestellt und zweimal bestätigt hatte – auf Anfrage des Händlers.

„Das kann ja wohl nicht wahr sein,“, grummelte ich zornig, „wozu fragt ihr eigentlich per Mail und telefonisch nach, ich bestätige euch den richtigen Typ – und ihr schickt mir dann etwas völlig Falsches! Wollt ihr mich veräppeln?“

Kollegin Jana sah mich besorgt an: „Was ist passiert?“ – „Die haben mir ein komplett falsches Motoröl geschickt! Ich habe keinen Diesel! Ich brauche kein Stop-Start-Öl! Wozu fragen die zweimal nach und schicken mir dann doch etwas völlig Falsches? Ich hasse es, wenn ich für blöd verkauft werde.“ – „Aber vielleicht kann man das Öl ja trotzdem verwenden?“ – „Ja, sicher. Ich könnte mir natürlich noch rasch einen Diesel kaufen und meinen Wagen dafür verschachern. Dann könnte ich mit dem Öl etwas anfangen. Ich finde aber, dass das der falsche Weg sei.“ – „Bist du dir sicher, dass das nur für Dieselmotoren ist?“ – „Ja.“

Jana sah mich überwältigt an und meinte: „Ich gestehe, ich habe gar keine Ahnung, was für Öl welcher Wagen braucht – ich lasse das immer die Werkstatt machen. Wie finde ich denn heraus, ohne die Werkstatt anzurufen, welches Öl mein Wagen braucht?“ – „Entweder im Betriebshandbuch oder unter der Motorhaube. Da findest du ein Etikett, auf dem die richtige Ölsorte angegeben ist.“ – „Und du hast es aus dem Betriebshandbuch?“ – „Nee, aus dem Motorraum. Mein Betriebshandbuch habe ich erst kürzlich unter dem Sitz wiedergefunden. Ist wohl bei einem heftigeren Bremsvorgang dorthin geschlittert. Und ich musste ja ohnehin Scheibenwaschflüssigkeit nachfüllen.“ – „Guckst du öfter unter die Motorhaube?“ – „Ja, immer dann, wenn der Scheibenwaschtank leer ist und ich auffüllen muss. Dann kontrolliere ich auch schon mal den Ölstand und die Bremsflüssigkeit.“ – „Wow – das habe ich noch nie selber gemacht.“ Jana sah mich an wie eine Erscheinung, und ich fing zu lachen an: „Du hast ja auch eine Garage und musst wahrscheinlich nicht so oft die Scheibenwaschanlage benutzen.“ – „Ich wüsste gar nicht, wo und wie man den Tank auffüllt!“ – „Das ist beileibe kein Hexenwerk – sogar ich kann das!“ – „Ich bin überwältigt – du scheinst das ja alles total unerschrocken anzugehen.“ – „Naja, wenn es sein muss. Ich finde so etwas eigentlich auch recht interessant.“ – „Und das Öl kannst du also überhaupt nicht gebrauchen?“ – „Absolut nicht – und jetzt rufe ich da an!“

Das Telefonat gestaltete sich – für den Hotline-Mitarbeiter – nicht sonderlich angenehm, denn ich war ziemlich kiebig, vor allem, als der Herr nachfragte, ob ich als Frau denn wirklich sicher sei, dass das das falsche Motoröl sei. Da wurde ich richtig giftig und meinte: „Was erlauben Sie sich eigentlich, wenn ich mal fragen darf?! Natürlich bin ich mir sicher! Eine Unverschämtheit, erst trotz zweimaliger Nachfrage, trotz einer korrekten Bestellbestätigung etwas total Falsches zu schicken und dann auch noch die Bestellerin für unfähig zu halten! Was für eine Geschäftspolitik ist das denn?!? Und es mag Sie enttäuschen, dass nicht alle Frauen hinsichtlich ihrer Autos so dämlich sind, wie manche Männer offenbar gern glauben, Herr … ich habe Ihren Namen vergessen, aber fühlen Sie sich angesprochen!“

„Frau B., entschuldigen Sie bitte – das tut mir leid. Ich dachte, ich mache einen kleinen Witz …“ – „Falsch! Sie dachten: ‚Ich mache mal einen schlechten Witz vom Stammtisch, und die dumme Tussi lacht dann sicher dümmlich und arglos!‘ Leider ganz falsch gedacht!“ Und ich verkniff mir den Satz: „Deswegen arbeiten Sie sicherlich auch im Callcenter!“ Das wäre sehr unfair und nicht korrekt gewesen, denn abseits dieses Herrn arbeiten auch sehr viele nette und intelligente Menschen als Callcenter-Agenten. Vor diesem Wissenshintergrund hielt ich mich auch zurück. Aber es war nicht ganz einfach – ich gebe es zu … 😉

Hui! Ich erkannte mich selbst kaum wieder – so giftig war ich bisher selbst bei absoluten Unverschämtheiten nicht gewesen, wenn es etwas „Geschäftliches“ zu klären gab. Eigentlich eher besonnen, aber der Typ war gar zu unverschämt in seinem Sinnen und Trachten, mir die Verantwortung für den Fehler der Firma unterzujubeln. Und da verstehe ich echt keinen Spaß. Das ist unfair.

Der Mitarbeiter versprach, die Bestellung zu stornieren – er werde mir sofort das richtige Motoröl bestellen. Ich schnaubte leicht und sagte: „Nein, danke. Ich kaufe es lieber woanders. Stornieren Sie bitte ohne Neubestellung und sagen mir bitte, wie ich die Retoure in die Wege leite, denn ich habe gesehen, dass kein Retourenschein im Paket war.“ – „Frau B. – das geht alles elektronisch bei uns. Sie brauchen das Paket nur dem Fahrer des Paketdienstes wieder mitzugeben.“ – „Tatsächlich? Das erscheint mir etwas einfach, und ein Schritt scheint zu fehlen.“ – „Nein, das funktioniert immer so bei uns.“ – „Nun gut. Sollte es nicht klappen, hören Sie wieder von mir.“

Kurz darauf sagte meine Vertragswerkstatt den Termin für Freitag ab – irrrtümliche Doppelbelegung -, und nun habe ich bis zum siebten Juni Zeit, endlich das richtige Öl zu kaufen.

Nur: Gestern erklärte mir der sehr hilfsbereite Pförtner, dass der Paketdienstfahrer mein Paket mangels Retourenschein nicht hatte mitnehmen wollen. Es war kurz vor Feierabend, und ich schrieb dann zu Hause eine ziemlich erzürnte Mail an den KFZ-Ausstatter. Sie war nicht freundlich.

Kurz darauf ging eine Mail meines Vertragspartners ein: Man bedauere die Umstände, und man schickte mir eine Paketnummer – nur für einen völlig anderen Paketdienst als den, den mir der fröhliche Hotline-Mitarbeiter genannt hatte. Einen ganz anderen als den, der das falsche Produkt geliefert hatte … Ich solle mit dem Paketdienst Kontakt aufnehmen.

Und heute früh im Büro bekam ich einen Anruf vom KFZ-Ausstatter: „Hallo, Herr B. – es tut uns leid, dass Sie Unannehmlichkeiten hatten!“ – „Hatten? Haben! Und nachdem ich mich am Telefon gemeldet habe, sollte Ihnen eigentlich klar sein, dass ich nicht Herr, sondern Frau B. bin, zumal ich gestern schon in einer Mail auf diesen Umstand hinwies. Sorry, aber mein Eindruck von Ihrer Firma ist nicht der beste!“ – „Vielleicht kann ich Sie mit einem kleinen Witz aufmuntern, Frau B.: Was ist die Steigerung von Mai?“ – „Wie bitte?“ – „Was ist die Steigerung von Mai?“ – „Ist alles in Ordnung? Was hat das jetzt mit der Angelegenheit zu tun, über die wir hier sprechen?“ – „Ach, bitte! Ich finde den Witz so witzig!“ – „Maier!“ rief ich – der „Witz“ war leicht zu durchschauen. Und fügte hinzu: „Und der Superlativ ist dann am maisten! Haben Sie sonst noch irgendwelche Probleme? Oder wollten Sie mir etwas mitteilen, das mir irgendwie von Nutzen sein könnte?“ – „Ja, Frau B.! Wir haben total tolle Sommerreifen im Angebot!“ – „Bitte – was?“ – „Total tolle Sommerreifen …“ –

„Jetzt reicht’s aber!“ schnaubte ich in den Hörer und bekam noch mit, wie der Herr meinte: „Aber – das war wirklich ernst gemeint – Sie bekämen Sie der Unannehmlichkeiten wegen auch günstiger. Das war nur nett gemeint …“ – „Hören Sie! Was ich Ihnen jetzt sage, ist auch total nett und überdies extrem ernst gemeint: Ihr Geschäftsmodell ist Scheiße! Sie sind offenbar nicht in der Lage, Ihre Kunden zufriedenzustellen, wie ich inzwischen aufgrund gewisser Recherche herausgefunden habe. Dafür versuchen Sie es dann mit abgestandenen Herrenwitzen und höchst albernen Aktionen. Ein Fehler. Ich erwarte, dass Sie mir mein Geld umgehend erstatten. Falls das nicht geschehen sollte, können Sie sich gewiss sein, dass Sie von meinem Anwalt hören.“ – „Aber – Sie bekommen Ihr Geld natürlich wieder. Wir würden Sie nur nicht gern als Kundin verlier..“

Da legte ich auf. Und sah mich nach etwaigen versteckten Kameras um. Stattdessen erschienen meine Kolleginnen, und sie meinten: „Wow! So kennen wir dich gar nicht! Du bist doch immer so freundlich. Manchmal zu freundlich, wenn unsere Klientel anderes verdient hätte. Jetzt sehen wir: Du kannst auch anders!“ Und sie lachten und beglückwünschten mich. 😉

Ich war selber erstaunt. Offenbar bedarf es manchmal nur eines Kanisters mit 5 Litern Motoröl, meine besonderen Fähigkeiten hervorzulocken. 😉 Öl in die Wogen? Ha! Öl erzeugte diese Wogen erst! 😉

Und auf Anfrage nenne ich Euch gerne den KFZ-Ausstatter, der in einer – von meinem Standort aus gesehen – etwas weiter nördlich gelegenen Landeshauptstadt sein Gewerbe betreibt und bei dem man niemals bestellen sollte – es sei denn, man steht auf Herrenwitze, abgestandenen Humor und schlechte Geschäfts- und Kundenpolitik. 😉

Typisch Frau! ;-)

Man sagt ja, dass man mit jedem Tag dazulerne. Seit gestern bin auch ich einmal mehr davon überzeugt. Und was mir am meisten stinkt, ist die Tatsache, dass in diese neuerliche Erkenntnis ein grauenhaftes Klischee involviert ist. Genauer: das Klischee, dass autofahrende Frauen sich in erster Linie für die Farbe des Gefährts interessierten.

Nun habe ich sogar mal ein silberfarbenes Auto besessen, obwohl ich die Farbe Silber bei Autos stets als extrem spießig empfunden habe. Seit knapp drei Jahren besitze ich jedoch ein dunkelblaues Auto, und die Tatsache, dass ich das silberfarbene Auto nach kurzer Zeit wieder verkaufte, hatte rein gar nichts mit seiner Farbe zu tun. Wirklich und ausschließlich nur mit seinem Getriebe.

Gestern war ich bei der Physiotherapie, und Doris, meine Physiotherapeutin, mit der ich demnächst wieder essen gehen werde, da wir einander hervorragend verstehen, erzählte mir Folgendes: „Eine Freundin von mir hatte kürzlich eine Reifenpanne. Und stell dir vor, was passierte, als sie in ihren Kofferraum und unter diese Abdeckung sah, wo früher immer das Reserve- oder Notrad lag!“

Ich war gespannt, was Doris‘ Freundin dort wohl entdeckt habe. Einen Wurf Hundewelpen? Eine Familie von Mardern? Drei Kannen Milch? Den Leibhaftigen höchstpersönlich?

Doch nein. Doris berichtete: „Sie fand dort nur eine Flasche mit so einem komischen Gebräu drin – und noch ein paar andere Sachen. In neueren Autos ist ja nicht einmal ein Notrad mehr.“

Ich war sofort peinlich berührt, dass ich mir darüber eigentlich so recht nie Gedanken gemacht hatte. Und seit gestern Abend bin ich heilfroh, dass ich bis dato noch keine Reifenpanne gehabt habe … 😉

Denn kaum am kleinen Monty angelangt und ihn aufgeschlossen, riss ich auch schon den Kofferraum auf! Immerhin ist Monty erst drei Jahre alt und zählt damit auch noch zu den „neueren“ Autos. Rasch zerrte ich die darin befindliche Klappbox mit wichtigem Zubehör – Scheibenenteiser, Mikrofasertücher, Scheibenreiniger und weiteren Utensilien – heraus und deponierte sie neben dem Wagen, neugierig-skeptisch beäugt von zwei Männern, die unweit standen und sich unterhielten. Ich ahnte, was sie dachten: „O Gott! Eine Frau öffnet den Kofferraum und entnimmt ihm Ballast. Was macht sie denn jetzt? Da! Sie reißt die innere Abdeckung hoch! Was sucht sie da? Liegt vielleicht eine Panne vor? […] Nein, der Wagen steht auf vier funktionsfähigen Reifen. Was will sie da? Was macht sie denn da?“

Ich ignorierte die Blicke und zog die innere Abdeckung im Kofferraum an der dafür vorgesehenen Schlaufe hoch. Und lachte in mich hinein, denn ich fand ein perfektes „Negativ“ eines typischen kleinen Fiesta-Reifens. Es sah aus wie eine Gussform – sogar die Radmuttern waren als Negativ perfekt abgebildet! 😉 Es war klar, wofür diese Mulde da ist – im Optimalfalle würde ein Reserve- oder Notrad in Montys Radmaßen perfekt hineinpassen. (Der Optimalfall besteht für meine Begriffe im Vorhandensein des einen oder anderen Rades.)

In dieser Mulde lag jedoch kein Rad. Sie war aber auch nicht leer. 😉 Es lagen darin: ein Behälter mit einer milchig-trüben Flüssigkeit – offenbar Dichtmittel; ein sehr merkwürdiges Instrument, dessen Bestimmung ich morgen dem Betriebshandbuch hoffentlich entnehmen werden kann (zum Glück habe ich das Handbuch nebst Serviceheft auch wiedergefunden, das wohl kürzlich aus dem Seitenfach in der Beifahrertür unter den Beifahrersitz geschlittert war, als ich einmal eines Radfahrers wegen, der unter massiver Missachtung gängiger Verkehrsregeln von rechts quer über die Straße schoss, um eine Abkürzung zu nehmen, heftig bremsen musste).

Zudem fand ich ein kleines kastenförmiges Gerät in einer Blisterfolie, das ich schnell als Kompressor identifizierte. Das Pannenset war vollständig vorhanden. Für den Fall, dass ich ein Loch in der Reifen-Lauffläche haben würde, wäre also der Weg in die nächstgelegene Werkstatt gesichert. So ich denn mit diesem Pannenset umgehen könnte …

Ein Reserve- oder Notrad nebst Wagenheber, Radmuttern- bzw. Drehmomentschlüssel wäre mir allerdings erheblich lieber gewesen. Immerhin habe ich in meinem bisherigen Leben schon zweimal beim spontanen (Notfall-)Reifenwechsel aktiv mitgewirkt und weiß, wie man da vorgehen muss. Mit so einem albernen Pannenset habe ich bis dato keine Erfahrungen gemacht, und die solide Reifenwechsel-Lösung wäre mir von daher erheblich lieber.

Ich senkte beklommen die innere Kofferraumabdeckung wieder auf die Mulde des Grauens und packte alles, was in den Kofferraum gehörte, wieder ein. Dann setzte ich mich ins Auto und fuhr los, weiterhin neugierig beäugt von den beiden Männern, die noch immer dastanden. Was hatte diese Frau da gemacht? (Inzwischen habe ich gelernt, dass manche (!) Männer Frauen, die ihre Motorhaube öffnen, fixieren und mehr oder minder konzentriert unter diese starren, um dann dort höchstselbst mit den Händen tätig zu werden, indem sie zum Beispiel die eine oder andere Flüssigkeit einfüllen, für Wesen von einem anderen Stern zu halten scheinen. Hinsichtlich des Kofferraums scheint es erstaunlicherweise ähnlich zu sein, und in diesem speziellen Falle bin ich recht froh, dass keiner herankam, um seine Hilfe anzubieten. Was hätte ich auch sagen sollen? „Oh, ich wollte nur nachsehen, ob der Kompressor auch noch da ist!“)

Als ich vom Mitarbeiterparkplatz fuhr, wurde ich von einem massiven Lachanfall übermannt: Da fahre ich seit fast drei Jahren mit diesem Auto herum und weiß nicht, was sich unter der Abdeckklappe im Kofferraum befindet! Oder eben auch nicht … 😉

Und der Lachanfall steigerte sich noch, als sich das Kopfkino einschaltete: Ali hat eine Reifenpanne. Sie fährt rechts heran, schaltet die Warnblinkanlage ein. Steigt aus, öffnet den Kofferraum, dem sie das an der linken Seite mit Klettband fixierte schwarze Päckchen entnimmt; zieht sich die darin befindliche Warnweste an, stellt das ebenfalls darin enthaltene Warndreieck im vorgesehenen Abstand zum Auto auf. Geht zurück und öffnet voller Zuversicht und im Vertrauen, gleich Notrad, Wagenheber und Radmutternschlüssel vorzufinden, die Abdeckklappe im Kofferraum. Findet eine leere, fein „ziselierte“ Mulde für ein Rad vor – sogar Ausbuchtungen für Radmuttern sind, einem Negativ gleich, eingeprägt! Aber kein Rad! Nur eine Flasche mit einer milchig-trüben Flüssigkeit, ein merkwürdiges Utensil, sowie ein kastenförmiges Instrument … Und das blöde Betriebshandbuch in den Tiefen des Wagens verschollen … 😉

Bei der Vorstellung musste ich derart lachen, dass ich beinahe das Lenkrad verriss … Zum Glück kann ich über mich selber lachen, und genau das tat ich auch. Wie blöd kann man sein! 😉 Seit drei Jahren besitze ich dieses Auto – und ich weiß nicht einmal, dass ich zwar eine wunderbare Reserve- respektive Notradmulde im Kofferraum habe, aber kein Rad, sondern so ein tolles Pannenset! 😉 Wenn das nicht typisch Frau ist! Echt peinlich … 😉

Ehrlich gestanden: Ich bin abergläubisch, ein wenig zumindest. Und es würde mich nicht wundern, würde ich exakt jetzt und in nächster Zeit, nachdem ich weiß, dass ich nur die „Deppenausrüstung“ im Kofferraum habe, vor deren Handhabung mir weit mehr graut, als ein solides Rad zu wechseln, eine Reifenpanne haben werde. 😉

Zu Hause googelte ich gleich: Notrad Ford Fiesta. Fand auch diverse Angebote und hielt die Luft an: Neu sollte solch ein „Sekundär“-Rad allen Ernstes etwa 150,- Euro kosten!

Dann lachte ich und dachte: „Kein Wunder – die Händler können solche Preise verlangen, wenn man die Alternative betrachtet, vor der wahrscheinlich nicht nur dir graut!“ 😉

Und ich lachte noch mehr, als ich erneut daran dachte, wie naiv und arglos-dumm ich die letzten Jahre durch die Gegend gefahren war. Und dann musste ich an all meine „Klienten“ denken, denen ich stets einschärfe, nicht naiv zu sein und alle Gegebenheiten immer ganz genau zu prüfen. Sehr überzeugend, wirklich. 😉

Euch eine schöne Restwoche – und mir bloß keine Reifenpanne! 😊

Warum es manchmal gut ist, Latein gelernt zu haben …

Zugegeben, es war kein Vergnügen, diese „tote“ Sprache zu lernen, aber ihre Kenntnis war mir bisher ausschließlich von Nutzen, wenn man davon absieht, dass ich in der Oberstufe in der jeweiligen Doppelstunde Latein-GK (eine Einzel- und eine Doppelstunde in der Woche) stets Mühe hatte, nicht einzuschlafen, woran mich jedoch der spezielle und sehr sarkastische Humor Herrn Feldbergs hinderte. Und so langweilig ich diese Sprache auch fand, war mir doch bewusst, dass die Kenntnis sicherlich nicht verkehrt war. Speziell dann, wenn man einen Vater hat, der sehr gern lateinische Zitate von sich gibt, wenn man mal wieder aufgrund einer gewissen Unbesonnenheit Schiffbruch erleidet. Der sagt dann nämlich: „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem!“ Heißt soviel wie: „Was auch immer du tust, handle klug und bedenke das Ende!“ Es geht also um vorausschauendes Handeln, und bei mir als Kind und Jugendlicher war dieser Hinweis manchmal durchaus nicht ganz unangebracht. 😉

Und schaffte ich trotz besten Willens etwas nicht so, wie ich es hatte schaffen wollen und ärgerte mich darüber, hieß es: „Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas.“ Das bedeutet: „Wenn auch die Kräfte fehlen, so ist der gute Wille doch zu loben.“ (In Arbeitszeugnissen kann man dazu lesen: „Er/Sie hat sich stets bemüht …“ 😉 ) Vielleicht dachte mein Vater sich damals, dass Kritik in einer kuriosen „Geheimsprache“ besser herüberkomme als ein markiges deutsches: „Siehste, das kommt davon, wenn man impulsiv handelt. Erst den Kopp einschalten!“ Oder: „Sieh doch einfach ein, dass Tennis nicht dein Ding ist.“ Nur als Beispiel. 😉

Eines hat er immerhin erreicht: Ich wollte diese „Geheimsprache“, vulgo: Latein, auch lernen. 😉 Und als ich darin schon fortgeschritten war und er wieder mal mit: „Ut desint vires …“ ankam, konterte ich stets: „Per aspera ad astra!“ Dann lachte er und meinte: „Sehr gut. Nie aufgeben – da hast du schon recht.“ (Und doch gab ich in aussichtslosen Fällen irgendwann auf. Aber man musste es zumindest versuchen.) Übrigens wollte mein Vater mich mit diesem Zitat keineswegs entmutigen. Wohl eher im Gegenteil – ich habe einen sehr lieben Vater. 😊

Diejenigen, die keinerlei Nutzen im Erlernen der lateinischen Sprache sehen und von „tote Sprache, wozu braucht man die“ sprechen, scheinen keinerlei Ahnung von deren immensem Nutzen zu haben. Nicht nur, dass man es, hat man die lateinische Grammatik und auch deren Vokabular verinnerlicht, erheblich leichter hat, viele Sprachen zu lernen, vor allem romanische wie zum Beispiel Spanisch, Französisch, Italienisch oder Rumänisch, aber auch die germanischen wie Schwedisch, Norwegisch, Dänisch und andere. Und Englisch, eine wunderbare Mischung aus germanischen und romanischen Elementen. Nein, auch die eigene Muttersprache und deren Grammatik wirkt gleich viel fluffiger und besser nachvollziehbar. 😉 Und auch viele Fremdwörter sind plötzlich kein Buch mit sieben Siegeln mehr, begegnet man ihnen dann im Lateinunterricht. Echte Aha-Erlebnisse tun sich da auf! 😉

So helfen Kenntnisse in dieser Sprache auch im Alltag oft weiter. Erst heute durfte ich das einmal mehr feststellen.

Ich habe derzeit Urlaub und hatte heute um 12:15 Uhr einen Termin bei meinem Hautarzt zwecks Hautkrebsscreenings. Ich musste insgesamt eine Stunde nutzlos herumsitzen, trotz Termins. Dann endlich kam eine Ärztin zu mir. Um 13:10 Uhr, als ich schon langsam unleidlich wurde. Normalerweise werde ich nicht unleidlich in dieser Praxis, da ich weiß, dass ich längere Wartezeiten in Kauf nehmen muss. Aber ich habe vor zwei Wochen mit Intervallfasten begonnen, und ich durfte um 13 Uhr meine allererste Mahlzeit des Tages zu mir nehmen, war also mit extrem nüchternem Magen eingetroffen. Mein Blutzuckerspiegel also eher niedrig, und wer sich etwas mit der Materie auskennt, weiß, dass mit sinkendem Blutzuckerspiegel der Adrenalinspiegel steigt, was auch Menschen, die im Grunde friedliebend und freundlich sind, etwas ungeduldiger und gereizter werden lässt. Doch keine Sorge: Ich hatte mich im Griff. 😉

Ich bin nun schon seit sechs Jahren Patientin in dieser Praxis und trotzdem immer wieder erstaunt, dass ich manchen Ärztinnen (denn es gibt hauptsächlich Ärztinnen in dieser Praxis, obwohl der Inhaber ein männlicher Arzt ist) nur zwei- oder dreimal begegne und dann immer neue, mir unbekannte Ärztinnen da sind. Auch heute erschien erneut eine mir völlig fremde Ärztin. Sie war Asiatin, und nachdem sie gehört hatte, was der Grund für mein Erscheinen in der Praxis war, sagte sie: „Alle ausßiehen!“ Ich sah mich um: Wo waren die anderen, die sich mit mir zusammen ausziehen sollten? Doch ich riss mich schnell zusammen und mir die Klamotten vom Leib, bis auf die Unterwäsche. Dann wurde ich in sehr genauen Augenschein genommen, und das nicht nur mit bloßem Auge, sondern auch mit einem Dermatoskop an heikleren Stellen. Manchmal rief die sehr sachliche, aber nette asiatische Ärztin: „Achtung, wild kalt!“ Und sie sprühte mir ein alkoholhaltiges Desinfektionsmittel auf eine bestimmte Stelle und presste dann das Dermatoskop darauf, auf dieses wiederum eines ihrer Augen. Und so zog sie die gesamte Fleischbeschau durch. 😉

Doch dann fiel ihr ein, dass sie etwas vergessen hatte, und sie rief: „Sseige Planta!“ Ich stutzte. Bitte, was sollte ich ihr zeigen? Ich habe doch kein Händchen für Pflanzen und auch keine Plantage! Doch dann fiel der Groschen recht schnell, und ich danke Herrn Feldberg noch heute für die gründliche Unterweisung im Fach Latein! 😉 Sie wollte meine Fußsohlen sehen! Planta ist die Fußsohle. Das Gegenstück, die Handinnenfläche, heißt palma. (Da hätte ich auch unverzüglich reagiert, da das Ganze im Englischen palm heißt.) Klingt alles sehr pflanzlich. Kein Wunder, dass ich da nur mit Verzögerung reagiere – ich habe einfach keine Begabung für Pflanzen. 😉

Sie war sowohl mit der rechten als auch der linken Planta zufrieden und gebot mir dann: „Mache Mund auf!“ Schnell schluckte ich das Kaugummi hinunter, das ich in meiner Intervallfasten-Verzweiflung gekaut hatte, und riss meinen Mund auf. „Ah, ssieht gut aus, alles okay!“ So die Ärztin, während ich aufgrund der überhasteten Schlucktätigkeit ein Problem mit meinem Zwerchfell bekam. Kurz: Ich erlitt einen Schluckauf. Aber egal … Es war immerhin alles okay.

Rasch zog ich mich wieder an und wurde sehr freundlich verabschiedet: „Schüss! Bis ssu nächste Mal!“ – „Herzlichen Dank und einen schönen Tag!“ – „Helzliche Dank! Und ist alles in Oldnung, fleut mich. Schüss!“ Und schon verließ sie U2. Das ist kein U-Boot, nur das Untersuchungszimmer, in dem ich mich befunden und Planta links und Planta rechts vorgezeigt hatte. Und ich dachte: „Du meine Güte! Ich hielt es immer für ein Klischee, dass manche Asiaten kein R sprechen können!“

Immerhin hatte ich fast alles verstanden. Das ist nicht immer einfach bei einem sehr starken Akzent wie einigen asiatischen. Ich habe einmal zwischen chinesischen Kongressteilnehmern und meinem damaligen Chef drei Tage gedolmetscht – ich konnte eine ganze Woche darauf kaum ein Auge zubekommen, weil ich derart unter Adrenalin stand, dass ich wie aufgezogen und unter Spannung gesetzt war, denn ich hatte wie ein Schießhund aufpassen und mich konzentrieren müssen – das ist echt anstrengend. Und ich bin ja keine durchtrainierte Dolmetscherin.

Eines habe ich heute aber einmal mehr gelernt: Egal, welche Sprache ihr sprecht, ist Latein doch immer total hilfreich. Bei einer Prophylaxeuntersuchung in puncto Hautkrebs hatte ich damit allerdings auch nicht zwingend gerechnet. 😉

Danke, Herr Feldberg – ohne Sie und Ihr penetrantes Beharren darauf, dass Latein auch heute noch superwichtig sei, hätte ich heute wie ein Knalldepp dagestanden. Und das im wahrsten Sinne, denn ich hätte ohne Ihr Beharren darauf, wie wichtig Lateinkenntnisse seien, nicht einen Fuß gehoben! 😉

Gegen babylonische Sprachverwirrung hilft also nur eines: Latein! 😉

Euch einen schönen Abend! 😊

Prüfung bestanden! :-)

Gestern musste der kleine Monty, mein heißgeliebter kleiner Ford Fiesta, erstmalig zum TÜV. Drei Jahre alt ist er nur, und doch war ich etwas aufgeregt. Wusste der Henker, ob ich ihm nicht Schaden zugefügt hatte in diesen drei Jahren … Schäden, die nun unweigerlich zutage treten würden. 😉

Vorgestern fuhr ich ihn noch durch die Waschstraße, denn er sah verboten aus. Das wechselnde Wetter sowie infolgedessen frühzeitig ausgeklinkte Birkenpollen hatten ihre Spuren hinterlassen, und speziell an den Flanken bzw. Kotflügeln sah er grauenhaft aus. Fast so, als wäre er in eine Jauchegrube gefallen. So konnte ich unmöglich damit in die Werkstatt, befand ich, obwohl ich diesbezüglich ansonsten recht schmerzfrei bin.

Aber weiß man, ob sich TÜV-Prüfer nicht doch ganz unwillkürlich durch die bloße Optik eines Gefährts beeinflussen lassen? 😉

Und so leerte ich nicht nur meinen Kofferraum, sondern spendierte meinem Wagen auch noch eine Premium-Wäsche mit Triple-Pflegeschaum, nachdem ich mit Mühe die Antenne vom Dach abmontiert hatte. Ich bin sogar für meinen kleinen Fiesta eindeutig zu klein bzw. habe zu kurze Arme und werde künftig wohl eine Fußbank in den Kofferraum packen müssen … 😉 Wie gut, dass ich kein SUV-Fan bin und mir solcherlei Gefährt nicht leisten kann – da wäre wohl ein Kran für mich vonnöten …

Gestern früh, viel früher als sonst, verließ ich das Haus und fuhr gen Vertragswerkstatt. Dort parkte ich schwungvoll ein (zum Glück waren viel mehr Stellplätze als sonst frei) und gab nicht nur Fahrzeugschein und Schlüssel, sondern auch die gesamte Verantwortung für mein KFZ ab. Am Vortag hatte ich noch sämtliche Beleuchtungselemente getestet – funktionierte alles. Die Handbremse desgleichen. Ich prüfte alles, was ich selber prüfen konnte. Ich hasse Prüfungen wie die Pest – und das offenbar auch, wenn sie nicht mich selber, sondern von mir abhängige unbelebte Gegenstände betreffen. Und auch belebte „Objekte“, denn mir graute vor jedem Tierarztbesuch, den ich mit meinen bisherigen Tieren absolvieren musste, jedes Mal: Würden mir gleich die Ohren abgerissen werden, weil ich mit den mir anvertrauten Wesen etwas falsch gemacht hatte? Ein Grund dazu war wohl nie vorhanden. Im Gegenteil: Ich wurde stets gelobt, und mein ehemaliger Tierarzt bemerkte stets, dass meine Tiere mir sehr am Herzen lagen und mir darob vertrauten. Aber irgendwie sitzt das wohl drin. Das Gefühl, nicht hinreichend Sorge getragen zu haben, dass es allen gut gehe. Und das trotz gegenteiliger Urteile. Woran mag es liegen? 😉

Nach Abgabe des Fahrzeugs und Aufgabe jeglicher Verantwortung fuhr ich mit Bussen und Bahnen zur Arbeit, wo ich meinen Aufgaben nachkam. Der Herr in der Werkstatt, der mein Auto, Fahrzeugschein und Schlüssel an sich genommen hatte, hatte mir zugesagt, selber angeboten, mich anzurufen, sobald der Wagen „fertig“ sei. Allein, es erging kein Anruf. Und obwohl es absolut unwahrscheinlich war, dass ein drei Jahre altes Auto den TÜV nicht überstanden habe, wurde ich nervös. Diese ewigen Selbstzweifel! Woher kommt das nur? 😉

Und vor meinem geistigen Auge – einem sehr, sehr lebhaften solchen! – entspann sich folgendes Szenario: Ali fährt mit dem 42er Bus, der direkt bei ihrem Arbeitgeber abfährt und quasi vor der Werkstatt eine seiner Haltestellen hat, um 16:23 h los und kommt fast fahrplanmäßig – Verspätungen sind an der Tagesordnung und müssen einkalkuliert werden – an der Werkstatt an. Betritt den Verkaufsraum, und sogleich springen zwei besonders belastbare und kräftige männliche Mitarbeiter auf, rennen auf sie zu, packen sie an den Armen und reden beruhigend auf sie ein, während sie sie zu einer Sitzgruppe führen: „Liebe Frau B. – wie geht es Ihnen? Kommen Sie, setzen Sie sich erst einmal hin. Möchten Sie ein Wasser? Oder lieber gleich einen Schnaps?“ Und dann rücken sie mit der grauenhaften Nachricht heraus: „Sorry, aber Ihr Auto ist außerplanmäßig von der Hebebühne gestürzt.“ Oder: „Es kommt wohl so ein bisschen und einiges auf Sie zu: Wir konnten uns auch nicht erklären, warum ein gerade einmal drei Jahre altes Fahrzeug so viele Schäden habe! Zum Glück ist ja noch Garantie darauf. Aber mal im Ernst, Frau B.: Wo haben Sie Ihren Führerschein gemacht?“

Derlei Dinge hielten sich in meinem stets misstrauischen Hinterkopf auf, als ich bei der Arbeit saß … Und um 16:23 h, als der Bus total pünktlich losfuhr, saß ich gespannt wie ein Flitzebogen auf meinem Sitz. Ich hätte ja zuvor in der Werkstatt anrufen können, wollte aber nicht wie eine Helikopter-PKW-Mami wirken. Und man lässt sich ja doch gern überraschen.

Als ich den Verkaufsraum betrat, stürmten zwei Männer auf mich zu. Einer davon der Werkstatt-Mitarbeiter, dem ich die Verantwortung für mein KFZ übergeben hatte, Stunden zuvor. Den anderen kannte ich nicht, aber sicherlich würden sie mich gleich bei den Armen packen und zur Leder-Sitzgruppe geleiten …

Doch sie liefen an mir vorbei, während ich schon den Kopf senkte, wobei der Werkstatt-Mitarbeiter mir noch fröhlich zuwinkte! Sollte mehr oder minder unerwartet doch alles in Ordnung sein? Die kleine Bedenkenträgerin vermochte es kaum zu glauben. 😉

Aber sie bekam kurz darauf ihren Autoschlüssel und Fahrzeugschein ausgehändigt, nachdem sie die Rechnung beglichen hatte, ebenso das „Zeugnis“ von der DEKRA und die Bescheinigung über die AU. Im Fahrzeugschein prangte ein Stempel: Nächste HU: April 2021. (Und am Hintern bzw. auf dem hinteren Nummernschild des kleinen Monty eine gelbe Plakette – weit hübscher als das orangebraune Ding zuvor.)

Ja. Eigentlich war es zu erwarten gewesen und mehr als wahrscheinlich. Aber kleine Bedenkenträger tragen halt Bedenken und haben oft ein schlechtes Gefühl. 😉

Immerhin hatte es einen Mangel gegeben, wie im DEKRA-Protokoll steht: „Feststellbremse Betätigungseinrichtung Hebelweg/Pedalweg zu groß“. Es steht aber auch drin, dass dieser Mangel zwar um 08:27 h festgestellt worden, jedoch um 08:39 h schon behoben war. Cool.

Ich gebe zu, ich starrte auf diesen völlig unerwarteten Mangel und verstand diese bürokratische Sprache zunächst nicht. Nicht beim ersten Lesen. Beim zweiten Lesen dann schon: „Ach, die Handbremse! War wohl zu durchlässig. Na, gut, ist ja behoben.“

Dann fuhr ich vom Hof und zum Einkaufen. Mein Wagen war auf dem Werkstattgelände mit gelöster Handbremse geparkt gewesen, nur mit eingelegtem Rückwärtsgang. So merkte ich zunächst gar nicht, was sich nun geändert habe. Erst als ich auf dem riesigen Parkplatz des Einkaufsmarktes meiner Wahl parkte und die Hand-, Verzeihung: Feststellbremse, betätigte, merkte ich den Unterschied deutlich. Sehr, sehr deutlich, und mein rechter Arm nebst Schulter und Impingement-Syndrom bedanken sich sehr herzlich: Die Feststellbremse reagierte, als wäre sie einbetoniert und war extrem schwer zu betätigen. So schwer, dass ich am liebsten zur Werkstatt zurückgefahren wäre, um anzufragen, was der Unsinn solle! 😉

So schwergängig und „straff“ war diese Bremse selbst kurz nach dem Kauf des damaligen Neuwagens nicht! So straff, dass ich wünschte, mein Hintern würde es ihr gleichtun! 😉

Aber bald. Denn ich faste in Intervallen und betätige mich sportlicher als sonst. Mein neuestes Motto: „Sei wie deine Feststellbremse! Es muss im Grunde nur der Hebelweg verringert werden!“ 😉

Euch schon einmal frohe Ostern und schöne Feiertage von einer Bedenkenträgerin, die sich wider besseres Wissen Gedanken macht.  😊