Bestens gerüstet und voller Spannung

Zumindest theoretisch bin ich bestens gerüstet für den bald anstehenden Urlaub in Polen, denn gestern befreite ich meinen niedlichen neuen Pocket-Sprachführer Polnisch aus der Packstation. Ich liebe Sprache und Sprachen – wenn auch nicht alle, denn es gibt einige, die mir nicht so gefallen -, und so stürzte ich mich zu Hause voller Begeisterung auf das wehrlose, kleine Ding, um mich in die Sprache eines Teils meiner Vorfahren ein wenig „einzufühlen“.

Ganz vorn, auf der Innenseite des Buchdeckels, standen schon sehr interessante Infos, genannt: „Das Wichtigste in Kürze“. Und so weiß ich nun, dass es im Polnischen, anders als in anderen slawischen Sprachen, tak heißt, wenn man ja sagen will – nicht etwa da. (Ich hoffe, ich komme nicht durcheinander, denn aus dem Schwedischen kenne ich tack, und das heißt dort danke. 😉 ) Und nein heißt nie und spricht sich ähnlich wie njä. Bitte, danke und Entschuldigung! folgten.

Was mich ein wenig irritierte – aber wirklich nur ein wenig! – ist die Tatsache, dass auf Position 6 gleich: Hilfe! rangiert. Ich verdrängte den Gedanken, warum das wohl schon so schnell und so weit oben erwähnt sei, da ich das Wort so reizend finde. Und so stellte ich mir vor, wie jemand überfallen wird – natürlich ohne jedwede Klischees, denn das kann ja überall passieren – und laut: „Ratunku! Ratunku!“ ruft. Natürlich mit schönem gerolltem Zungenspitzen-R! 😉 Ich liebe dieses Wort, hoffe jedoch, dass ich es nie werde benutzen müssen. 😉 Aber falls jemand in meiner Nähe Ratunku! ruft, weiß ich wenigstens, was gemeint ist und halte es weder für ein Schimpfwort, noch für einen Zauberspruch, mit dessen Hilfe man unbescholtene Mitmenschen in hässliche, warzenübersäte Kröten verwandelt … 😉

Nun gehe ich davon aus, dass in den größeren und großen Städten, die wir heimsuchen werden – Warschau (Warszawa) und Krakau (Kraków), aber auch Racibórz (auf Deutsch: Ratibor, was aber auch irgendwie gar nicht so deutsch klingt … 😉 ), nicht wenige Leute des Englischen mächtig sein werden. Aber in den kleineren Orten, die wir besuchen wollen, ist das vielleicht nicht so gegeben. Und ich hoffe, dass Stephie und ich in den kleineren Orten niemals in die Verlegenheit geraten werden, einen Tisch für zwei Personen reservieren zu müssen … 😉

Denn ich finde die deutsche Sprache – im Vergleich zum Englischen – bisweilen schon etwas „raumgreifend“. Aber nachdem ich heute in meinem kleinen Sprachführer las, wie der Satz: „Reservieren Sie uns bitte für heute Abend einen Tisch für zwei Personen“ auf Polnisch lautet und wieviel Raum er nimmt, leistete ich im Stillen Abbitte. 😉 Da ich davon ausgehe, dass im Zweifel ich in einem Umfeld, das weder anglo-, franko-, noch germanophon ist, eine derartige Bitte werde aussprechen müssen, sollte ich schon einmal üben, schnell und einigermaßen akkurat folgenden Satz zu äußern: „Proszę zarezerwować dla nas na dziś wieczór stolik dla dwóch osób!“ 😉

So lang ist der Satz eigentlich gar nicht. Er kommt einem nur so lang vor, vor allem in der Lautschrift, die hilfreich unter dem im Sprachführer angegebenen höflichen Satz angeführt ist. Vielleicht sollte ich einfach besonders liebreizend lächelnd die weniger höfliche Form benutzen: „Poproszę stolik dla dwóch osób.“ – „Einen Tisch für zwei Personen, bitte.“ Und wenn all das nicht hilft, sage ich einfach: „Stól!“ und zeige auf meine Schwester und mich, dabei ganz besonders lieblich lächelnd. Stól heißt Tisch. Das ist dann zwar total unhöflich und hinsichtlich der Grammatik falsch, aber sicherlich wird man meine Bemühungen zu schätzen wissen. 😉

Die Grammatik ist ohnehin so eine Sache in den slawischen Sprachen – allein die Kasus und die Deklination -, und ganz besonders im Polnischen. Neben der Artikulation – die Aussprache ist, wenn man sich damit noch nie beschäftigt hat, auch ein Buch mit sieben Siegeln. Hoffentlich bleiben wir mit dem Mietwagen nie im Hinterland liegen, denn sonst müsste ich fragen: „Gdzie tu jest w pobliźu warsztat naprawczy?“ („Wo gibt es hier in der Nähe eine Werkstatt?“ Praktischerweise wurde das deutsche Wort Werkstatt polonisiert in warsztat und würde mir sicherlich die wenigsten Probleme bereiten. 😉 Das größte Problem würde sicherlich die Antwort des so Angesprochenen darstellen … )

Aber nach all dem, was ich von Bekannten und Freunden hörte, die bereits einmal oder mehrmals in Polen waren, würden Stephie und ich sicherlich sofort – insbesondere in eher ländlichen Bezirken – in die Familie aufgenommen, mit einer zünftigen zakuska bewirtet, das Auto in die nächste warsztat geschleppt und repariert. So, wie ich das aus den slawischen Ländern kenne, die ich bisher bereist habe. 😊 Und von all den Polen, mit denen ich bisher hierzulande zu tun hatte. 😊

Und wenn alle sprachlichen Bemühungen nicht helfen, stelle ich mich hin und singe ein polnisches Volkslied, das ich vor vielen Jahren im Chor singen musste bzw. durfte: „Hej, bystra woda“! Ich gebe zu, man musste uns den Text phonetisch nahebringen – eine polnische Muttersprachlerin tat dies, und so klang das Ergebnis dann wohl zumindest so ähnlich wie Polnisch. Mit Ruhrgebietsakzent. Aber das machte nichts, denn das Ruhrdeutsche wurde ja auch durch Polen „mitentwickelt“. 😉 Den Text kann ich heute noch – vor allem den der ersten Strophe. Wenn wir damit nicht punkten können, weiß ich es auch nicht … 😉

Als ich heute einer polnischen Bekannten erzählte, ich würde im Urlaub nach Polen fahren, freute sie sich. Und als ich dann einen Satz, den ich zuvor aus meinem niedlichen Pocket-Sprachführer auswendig gelernt hatte, zitierte: „Ten lek jest tylko na receptę“, was soviel heißt wie: „Dieses Mittel ist verschreibungspflichtig“ und dann noch aberwitzig ergänzte: „O której godzinie jest śniadanie?“ [„Um welche Zeit ist das Frühstück?“], meinte sie: „Czy mówisz po polsku?“

Ich starrte sie an, dann grinste ich und sagte: „Nie. [Njä]“ Und da lachte sie sich halbtot und meinte: „Cool, Ali! Ich frage, ob du Polnisch sprichst, und du sagst nein. Aber auf Polnisch! Und das klang echt gut!“ (Ich hatte die Frage wohl richtig interpretiert. 😉 )

Na, also! Ich muss mir gar keine Sorgen machen. 😉 Am besten wird sein – zumindest für nicht-anglo-, franko- und germanophone Regionen –, ich merke mir strategisch sinnvolle Vokabeln und präge mir deren Aussprache ein. Und wenn mich einer fragt, ob ich Polnisch beherrsche, antworte ich besser nicht mit: „Nie.“ Sondern besser nonverbal und durch Hochziehen meiner Schultern. Alles andere könnte sonst verarschend wirken.

Der Urlaub wird sicherlich toll, und ich freue mich schon – zumal ich auch sprachlich inzwischen zumindest ansatzweise gerüstet bin. Oder so etwas Ähnliches. 😉

Eines weiß ich aber schon jetzt: Meinen Lieblingsfluch haben die Polen aus dem Deutschen übernommen, wie ich durch Googeln erfuhr. Er schreibt sich szajs! Und wie er sich ausspricht, könnt ihr dann ganz einfach googeln. 😉

„’LOT‘? O Gott!“

Gestern Abend – ich lag gerade entspannt hingestreckt in meiner Eckbadewanne in lauwarmem Wasser, um mich ein wenig abzukühlen – rief meine Schwester an. Das Handy lag im Schlafzimmer, dessen Tür – ebenso wie die Badezimmertür gegenüber – offen stand. Ich hatte mich gerade so richtig schön in die Badewanne und unter Wasser gefläzt, als es klingelte.

Ich bin – ich muss es leider zugeben – zu den Leuten gehörig, die auch als Telefonjunkies bekannt sind. Menschen, die es ums Verrecken nicht klingeln lassen können und dann enttäuscht sind, wenn doch nur ein Meinungsforschungsinstitut am anderen Ende ist …  Gestern jedoch hob ich nicht einmal eine Augenbraue, sondern dachte nur: „Es ist mir völlig scheißegal, wer da gerade anruft. Ich bleibe hier liegen, bis ich Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen habe!“ 😉

So dachte ich geschätzt etwa vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden. Denn da klingelte das Handy erneut. (Glücklicherweise meldet sich meine Mailbox relativ zügig, sodass das Klingeln recht schnell abriss …) Doch nein – nichts würde mich aus der Badewanne bringen, jedenfalls nicht, bevor ich selber heraussteigen wollte!

Klingeln Numero 3 etwa fünf Minuten später gab mir Gewissheit, dass es sich wohl unzweifelhaft um meine Schwester handeln musste, was ich bereits bei Numero 1 vermutet hatte, bei Numero 2 noch ein wenig mehr. (Meine Schwester ruft, geht man nicht sofort ans Telefon, in geringen Abständen immer wieder an, wenn es etwas Wichtiges gibt. Oder so.) Von mir nimmt sie offenbar ohnehin an, dass ich gelegentlich absichtlich nicht drangehe, wenn sie anruft, obwohl ich es bequem könnte. Zu Unrecht. Seitdem sie das glaubt, unterdrückt sie ihre Rufnummer (obwohl ich glaube, dass das in Wirklichkeit einen anderen Grund habe) und ist doch zuverlässig immer als sie identifizierbar, da sie der einzige meiner Kontakte ist, bei dem Private Number auf dem Display erscheint, wenn er anruft … 😉

Als es dann knapp 5 Minuten später erneut klingelte, dachte ich: „O je – vielleicht liegt ja etwas Drastisches an!“ Ich dachte sofort an meine Eltern – nicht, dass da etwas passiert war! Und schon schoss ich aus der Wanne, trocknete mich ab, zog meinen fuchsiafarbenen Bademantel an und wählte die Nummer meiner Schwester.

Niemand ging dran. Und so whatsappte ich meine Schwester an: „Jetzt bin ich extra aus der Badewanne gestiegen!“ Keine fünf Minuten später klingelte mein Handy – Stephie war dran. „Sorry, ich wollte dich nicht stören – aber ich habe hier gerade einen günstigen Flug von Düsseldorf nach Warschau gefunden! Wir sollten am besten buchen!“

Das dachte ich mir bereits seit Tagen. Hatte auch schon darauf hingewiesen. Aber ich hasse es, allzu hektisch zu agieren – und Flüge gibt es ja immer. Nur halt dann manchmal nicht mehr ganz so günstig …

Meine Schwester war auf einer Flugbuchungs-Plattform fündig geworden, und ich setzte mich rasch an meinen PC, um parallel zu ihr zu buchen und ein E-Ticket zu generieren. Aber mein PC machte mir – ich hatte Ähnliches schon befürchtet – einen Strich durch die Rechnung. Er ist, was das Wetter anbelangt, ein ähnliches Sensibelchen wie ich, nur erheblich konsequenter, denn: Er schaltet sich, wenn es ihm zu warm wird, einfach sang- und klanglos ab. (Gut – ich bin bei derartigem Wetter auch schon umgekippt, ich will nicht meckern … 😉 )

Ich sagte: „Stephie, du wirst für mich mitbuchen müssen – mein Rechner hat sich gerade verabschiedet.“ – „Kein Problem – dann verrechnen wir das während der Reise.“ Und schon stellte sie ein wunderbares Reisepaket zusammen. Der Flug – hin und rück – sollte pro Nase ca. 120,- € kosten. Auf wundersame Weise ergab dann das finale Ergebnis einen Pro-Nase-Preis von knapp 260,- € … Dabei hatte sie – mit mir abgestimmt – nur wenige diesen Endpreis durchaus nicht rechtfertigenden Zusatzleistungen mitaufgenommen. Im Kopf überschlug ich den Preis für die Zusätze, was Stephie wohl ihresgleichen tat, und wir kamen beide darauf, dass da etwas nicht stimmen könne. Sie versuchte es über eine andere Plattform, auf der es nicht besser war, und da meinte ich: „Ich halte, ehrlich gesagt, nicht so viel von diesen Plattformen. Warum nicht bei der Airline direkt buchen? Diese Plattformen wirken immer so bequem – und dann kommt so etwas heraus. Einen Versuch direkt bei der Fluggesellschaft ist es zumindest wert.“

Das fand meine Schwester gut, meinte dann aber: „Sag mal, das wollte ich dich ohnehin fragen: Die Airline heißt LOT! O Gott – ich muss da an das englische Wort für Schicksal denken, und es ist ein Billigflug! Hast du schon einmal davon gehört?“

Meine Schwester und ich fliegen – wie die meisten meiner Familienmitglieder – für unser Leben gern. Nur offenbar völlig unterschiedlich. Zumindest sind unsere Interessen sehr verschieden. Ich interessiere mich fürs Fliegen en gros und en détail, also auch für die Technik, ebenso wie für das Drumherum. Und so sagte mir auch LOT etwas, und ich meinte: „Das ist die bekannteste und größte polnische Airline. Kannst du dich noch an den Flugunfall von 2011 erinnern, als eine Boeing 767 auf dem internationalen Flughafen in Warschau eine Notlandung vollführen musste und auf dem Bauch landete, weil das Fahrwerk sich nicht ausfahren ließ? Das war eine LOT-Maschine!“ – „Aaah! Bist du wahnsinnig? Was erzählst du denn da?!“ – „Ja, aber das ist wahr! Und – um dich zu beruhigen: Niemand an Bord wurde verletzt – alles ging glimpflich aus, und das aufgrund des Könnens des LOT-Piloten!“ – „Ali! Ich habe manchmal den Eindruck, du machst das mit Absicht!“ – „Was denn genau?“ – „Solche Dinge erzählen und dann abwarten, wie das Gegenüber reagiert!“ – „Unsinn! Ich habe doch nur darauf hinweisen wollen, dass LOT gar nicht so unbekannt sei.“ – „Das machst du mit Absicht!“ – „Jetzt hör zu palavern auf! Buche lieber die Flüge.“

Und das tat meine Schwester. Sie gab nach erfolgter Eingabe sämtlicher notwendiger Informationen die Nummer ihrer Kreditkarte ein und klickte Weiter an. Alles schien gut … Doch plötzlich rief sie: „Hier steht: „Leider ist Ihre Kreditkarte offenbar noch nicht für das AbsolutelySecure-Verfahren registriert – die Buchung konnte nicht vorgenommen werden!“

So ein Mist – unsere Plätze E und F (Mitte und Fenster) in Reihe 13 (die einzige Reihe, die noch zur Gänze frei war – warum nur … 😉 ) würden sicherlich alsbald anderweitig vergeben sein … Und so meinte ich: „Pass auf, ich gebe dir meine Kreditkartennummer [denn mein PC war noch immer nicht bereit, seinen Dienst zu tun], und dann versuchst du es damit noch einmal.“ Jedoch fügte ich hinzu: „Ich habe allerdings den dumpfen Verdacht, dass es zum gleichen Ergebnis komme …“

Und so war es auch. Schräg – ich buche Flüge und anderes immer über meine Kreditkarte und nutze sie oft. Meine Schwester wohl ähnlich – bisher nie ein Problem …

Es ging dann so aus, dass Stephie meinte: „Ich rufe jetzt bei der Hotline an! Bleibst du dran? Ich hole nur eben das Festnetztelefon.“ (Wir telefonierten beide per Handy, zumal ich mir ohnehin ein neues Festnetz-Telefon kaufen muss und derzeit nur übers Handy erreichbar bin.)

Sie fand heraus, dass bei LOT in Düsseldorf aufgrund der Tatsache, dass Sonntag war, niemand erreichbar war, fand dann aber die Servicenummer der Hotline und meinte lachend: „Ich habe die Wahl zwischen Englisch und Polnisch – was soll ich nehmen?“ Ich riet ihr zu Polnisch, da wir das ja beide fließend sprechen … 😉

Gefühlte acht bis zehn Minuten hing sie in der Warteschleife und fragte mich mehrfach, ob ich nicht lieber anrufen wolle. Hätte ich gemacht, hätte mein Festnetz-Telefon sich nicht kürzlich in die Ewigen Jagdgründe verabschiedet. Mit dem Handy rufe ich so ungern bei Hotlines an – nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Vielleicht bin ich da allzu skeptisch, denn so ein Callcenter kann ja überall auf der Welt … Lassen wir das.

Endlich meldete sich jemand, und meine Schwester parlierte los. Es endete nach insgesamt etwa einer Viertelstunde damit, dass wir nun beide Plätze auf der Maschine und auch die E-Tickets per Mail gesendet bekommen haben.

Als meine Schwester, der die Bestätigungen geschickt worden waren, die erste Mail öffnete, schrie sie: „O Gott! Das Callcenter ist in Toronto! Wie lange hat das Telefonat eigentlich gedauert?“ – „‘ne Viertelstunde vielleicht?“ – „Ach, du Schande – das wird sicher teuer!“ – „Ach, sicherlich nicht so teuer wie die Buchungen über die Buchungsplattform!“ – „Ja, danke! Was meinst du: Wie teuer mag das Gespräch gewesen sein?!?“ – „Steht irgendwie auf meine Stirn gemeißelt, dass ich Expertin für Auslands-Telefongebühren sei? Es wird sicherlich nicht so schlimm.“ [Ganz sicher war ich mir allerdings nicht … ] – „Du hättest ja auch mal …“ – „Ach! Ich habe derzeit nur mein Handy – was meinst du wohl, wie teuer das damit geworden wäre!“

Wenn man meint, man könne sparen, kommt sicherlich irgendein anderer fieser Aspekt dazwischen … 😉

Doch als ich die von meiner Schwester weitergeleiteten Mails mit den E-Tickets öffnete, sah ich etwas, das mir zwar vertraut ist, und doch enthielt es etwas, das ich nicht kannte: „Marketed by: LOT Polish Airlines – Operated by: Deep Blue Sea Airline.“

Mir ist das Dry-Lease wie Wet-Lease-Verfahren durchaus bekannt – passiert ja allenthalben, und keiner macht sich Gedanken. Nur: Deep Blue Sea kannte ich gar nicht … Aber man kann ja googeln …

Das tat ich auch. Und danach las ich noch einige Bewertungen zur Fluggesellschaft. Einer rumänischen Billigfluggesellschaft … Ich hätte es besser nicht getan … Die Bewertungen waren großenteils so geartet, dass selbst mir angst und bange wurde. Die Flotte besteht aus 29 Maschinen, der Altersdurchschnitt liegt bei 20,3 Jahren … Ich war nie gut in Mathe, aber mein erster Gedanke war: „29 Maschinen, und der Altersdurchschnitt liegt bei 20,3 Jahren! Wie alt mag die dienstälteste Maschine sein?“ Dann dachte ich: „Naja, sicherlich fliegt zum Frédéric-Chopin-Flughafen nicht die älteste Maschine …“

Stimmt. Tut sie nicht. Denn ich sah mir danach noch einmal die Flotte der LOT an – zwei Maschinen haben sie von Deep Blue Sea „wet-geleast“, ergo nicht nur die Maschine, sondern auch die Besatzung, die in fast allen Bewertungen als rude oder extremely rude bezeichnet wurde. Eine Boeing 737-800 aus dem Jahre 1997. Liegt nur knapp über dem Altersdurchschnitt, ist nicht die älteste Maschine … 😉

Das habe ich Stephie noch nicht erzählt – es erschien mir günstiger so. 😉 Sie machte sich noch Sorgen wegen LOT! Und das war keineswegs gerechtfertigt. 😉

Sollten wir bei An- oder Abflug abstürzen, so hoffe ich wenigstens, dass es über Polen passiere. Dann wären wir wenigstens bei den Ahnen … 😉

Nein – ich bin mir ziemlich sicher, dass beide Flüge prima funktionieren – zumindest bezüglich der Tatsache, dass wir sicher landen (obwohl ich Gruseliges in den ganzen Bewertungen las …), einmal in Polen, das zweite Mal in Deutschland. Vielleicht werden wir sogar positiv überrascht! 😉

Man muss immer positiv denken … 😉

Noch ist Polen nicht verloren …

Denn noch sind Stephie und ich ja nicht da.

In wenigen Wochen steht mein Jahresurlaub an. Endlich! Drei Wochen – ich kann es immer noch nicht glauben. Zu lange liegt mein letzter richtiger Urlaub, der nicht nur aus drei Tagen bestand, zurück. Genauer: Zum Zeitpunkt, da mein diesjähriger Jahresurlaub seinen Anfang nimmt, liegt mein letzter richtiger Urlaub beinahe eineinhalb Jahre zurück …

Und das merke ich mehr und mehr. 😉

Diesmal geht es zwar wieder mit meiner Schwester Stephanie los, jedoch nicht nach Schottland, Irland oder England – unsere letzten Reiseziele. Etwas ganz anderes wird es sein. Denn wir reisen – siehe oben – nach Polen. Schon lange hatten wir das vor. Teile unserer Vorfahren kommen aus der Region. Und aus Tschechien, genauer: aus Mähren. Oder Moravia, wie das so hübsch lateinisch heißt. 😉

Ich bin schon sehr gespannt, und heute, an einem denkwürdigen Tag, dem ich – ähnlich wie Silvester – jedes Jahr voller Grauen entgegensehe, seit ich 30 wurde (am vierzigsten denkwürdigen Tag habe ich sogar geweint! 😉 ), habe ich ganz pragmatisch ein Pocket-Wörterbuch für die Reise bestellt – mit Aussprachehilfen, denn Polnisch ist nicht nur eine sehr schwierige Sprache, sogar die schwierigste der generell schwierigen slawischen Sprachen, was die Grammatik anbelangt: Auch ihre Aussprache ist für nicht-slawischerprobte Sprecher schwer nachvollziehbar. Es werden bisweilen recht viele Konsonanten aneinandergereiht, die für Uneingeweihte schier unaussprechlich scheinen, für Muttersprachler jedoch gar kein Problem darstellen und – wenn man die Muttersprachler sprechen hört – ganz wunderbar klingen. Finde ich zumindest. Wunderbar, aber undurchschau- und ähnlich schwierig artikulierbar. Ich bin froh, wenigstens Smacznego! und Serdecznie witamy! sagen zu können. Nur: Ich glaube nicht, dass man eine vierzehntägige Polenreise bestreiten kann, wenn man lediglich Guten Appetit! und Herzlich willkommen! sagen kann, zumal wenn man dort zu Gast ist und nurmehr hoffen kann, dass man selber willkommen geheißen werde. 😉 Auch Ausspruch No. 3 – na zdrowie – hilft nur wenig weiter. Es sei denn, man sitzt in einer geselligen Kneipe und trinkt gerade ein leckeres piwo.

Die Reiseroute und ihr Ausmaß ist noch nicht ganz klar. Gleiches gilt für Abflug- und Ankunftsort. Möglich, dass wir von Düsseldorf nach Krakau oder Warschau fliegen. Oder von Dortmund. Auch sollten wir langsam damit beginnen, Hotelzimmer zu buchen. Aber vielleicht wird es ja ohnehin eine Abenteuerreise. 😉

Mein Tag begann zumindest heute damit, dass ich erneut nach günstigen Flügen suchte. Besser, ich lenkte mich vom neuen Lebensjahr und einer völlig ungewohnten Zahl ab, die die Anzahl meiner bisherigen Lebensjahre so genau definiert. 😉 Ich bin leider ein bisschen eitel … 😉

Zwischenzeitlich bekam ich diverse WhatsApp-Nachrichten und Glückwünsche, über die ich mich sehr freute. Zumindest stellten sie einen gewissen Trost dar. 😉 Dabei musste ich feststellen, dass der Akku meines Handys und das Handy an sich schwächelten – leider beileibe nicht zum ersten Mal. Vor drei Jahren hatte ich mir das S6 in Meerblau zum Geburtstag geschenkt – wenn das kein Zeichen war! Und schon ließ ich die Flugrecherche Flugrecherche sein und ging auf die Seite meines Mobilfunk-Providers, um – nicht, dass das noch zur Tradition wird – ein neues Smartphone nebst Vertragsänderung (die war vonnöten) zu organisieren. Das neue Smartphone wird zartviolett sein – ist mal was anderes. Doof nur, dass ich meine Nummer nicht behalten kann – ich habe eigens die Hotline des Providers angerufen, die mir bestätigte, leider, leider gehe das nicht. Warum, konnte mir keiner erklären. Nun gut – eine neue Nummer. Hoffentlich nicht wieder eine wie die bei E-Plus damals, die auf -6969 endete und die mir jedes Mal, wenn ich sie nennen musste, schlüpfrige Kommentare einbrachte – haha … 😉

Doch zurück zum Urlaub, den ich dann wohl mit neuem Handy antreten werde. Meine Patentante rief an, gratulierte und erklärte, sie habe einen Urlaubszuschuss auf mein Konto überwiesen, dessen Daten sie meinem Vater abgepresst hatte, um mich zu überraschen. (Leider hatte ich davon gar nichts mitbekommen, da ich kein Online-Banking betreibe – zum Glück wies mein Vater mich, als er und Mama mir gratulierten, darauf hin. 😉 ) Ich freute mich riesig, und Tante Ute erklärte, sie fände klasse, dass Stephie und ich nach Polen reisen würden. Immerhin sei sie dort zur Welt gekommen, was ihr jedoch auch erst klar geworden sei, als sie nach vielen Jahren einen neuen Pass beantragt habe und bei dessen Abholung sehr erstaunt gewesen sei, denn da habe statt des ihr aus dem alten Pass vertrauten Namens ihres Geburtsortes, dem einstigen deutschen Namen, ein Konglomerat erstaunlich vieler Konsonanten gestanden, und sie habe dies bei der Bediensteten der passausstellenden Behörde zunächst moniert und gesagt: „Ich kann meinen eigenen Geburtsort nicht aussprechen! Was, wenn ich ihn irgendwo angeben muss? Und wieso besteht er aus zwei Wörtern?“ Daraufhin habe man ihr mitgeteilt, sie sei nun einmal nach Kriegsende dort zur Welt gekommen – da gelte der polnische Name. Inzwischen kann sie ihn hervorragend aussprechen, und sie berichtete, sie sei mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin vor einigen Jahren dort gewesen, und es sei einfach nur schön gewesen, wie freundschaftlich man sie trotz der historischen Gegebenheiten aufgenommen hätte. Seither hätte sie neue Freunde in Polen, und es freue sie, dass Stephie und ich hinreisen würden – ganz gewiss würde es uns gefallen. Und diese ganzen Klischees, die manche Leute äußerten, seien einfach nur bescheuert.

Mein Reden seit Jahren. Ich werde nie vergessen, wie ich in Aachen mal mit Freunden und Bekannten in einer Kneipe saß und wir zu fortgeschrittener Stunde über unsere jeweilige Abstammung bzw. Vorfahren sprachen: Einer hatte französische Vorfahren aus dem Elsass, ein anderer englische, ein weiterer niederländische Wurzeln. Dann ruhten ihre Augen auf mir, und ich sagte völlig unvoreingenommen: „Ich habe unter anderem fränkische, polnische und tschechische Vorfahren.“ Daraufhin schrie der, der die französischen Vorfahren hatte, laut durch die Kneipe: „Achtung! Passt alle auf eure Habseligkeiten auf! Diese kleine Frau hier sieht harmlos aus, hat aber polnische Vorfahren! Ihr wisst, was das bedeutet – haltet eure Sachen lieber fest! Hahaha!“ Und er lachte sich halbtot, während – ungelogen! – diverse Leute in der Kneipe ihre Sachen an sich rafften und mir Blicke zuwarfen, als würde ich sie ihnen durch meine reine Anwesenheit streitig machen. Freundlich waren die Blicke beileibe nicht.

Ich sah meinen Bekannten an, tippte mir gegen die Stirn und sagte: „Sag mal, hast du sie noch alle? Was soll das denn?“ – „Ach, war doch nur ein Scherz!“ – „Ja, aber hast du gesehen, wie die Leute reagierten und mich ansahen? Geht es noch?“ Und die Tresenfrau meinte zu Michael, der sich gern Michel – französische Aussprache – nannte: „Mal wieder nach deinem Motto: Lieber einen guten Freund verlieren, als einen schlechten Witz auslassen, nicht wahr? Ich habe auch gesehen, wie Ali angesehen wurde. Übrigens bekleckern sich Franzosen auch nicht immer mit Ruhm. Wie alle anderen Menschen ganz unterschiedlicher Nationalitäten.“

Ich winkte ab: „Lass gut sein, Marilu. Es war ein Scherz. Ein blöder Scherz. Ich bin nur immer sehr erstaunt, wie unterschiedlich verschiedene Nationalitäten betrachtet werden. Ich werde von nun an von den Leuten, die gerade ihre Sachen an sich rafften, nicht nur als potentielle, sondern Per-naturam-Diebin angesehen werden. Warum eigentlich? Ich habe noch nie schlechte Erfahrungen mit Polen gemacht. Bis jetzt. Es kann natürlich sein, dass sich das noch ändert, denn in jedem Land gibt es nette Menschen, aber auch Arschlöcher. Nur ist mir bis jetzt noch nie Schlechtes durch Polen widerfahren, und ich kenne einige. Im Gegenteil.“

Das stimmte. Naja, gut, einen hatte ich kennengelernt, der nicht gerade eine Zierde seiner Zunft gewesen war. Dem hatte ich in der Sprach- und Förderschule, in der ich damals neben dem Studium arbeitete, Deutsch beibringen sollen. Władysław P. hieß er, und er bedeutete mir gleich in der allerersten Stunde, ich solle ihn Władek nennen. Ich nannte ihn konsequent Herr P., ignorierte, dass er mich „nach Warszawa“ mitnehmen wollte und schlug ihm mehrfach auf die Finger, als er nach mir griff. Und das genauso konsequent, wie ich das immer machte, wenn man übergriffig wurde – ganz unabhängig von der Staatsbürgerschaft. Und eines Tages sagte mein damaliger Chef ganz konsterniert zu mir: „Frau B., ich mache ja öfter hier die Runde, und aus Ihrem jeweiligen Unterrichtsraum höre ich immer lebhaftes Reden, Lachen und gute Stimmung. Als ich aber neulich, als Sie eine Stunde mit Herrn P. hatten, vorbeikam, traute ich meinen Ohren nicht: Aus Ihrem Raum drang etwas, das wie Kasernenhofton klang! Von Ihnen! Das kenne ich gar nicht von Ihnen! Sagen Sie mir bitte, was für einen Grund das hat!“ Ich schilderte die Gegebenheiten, auch, dass ich die Möglichkeit hätte, alsbald in Warszawa zu leben, lachte jedoch und meinte: „Keine Sorge, alles im Griff!“ Mein Chef fand das gar nicht so lustig, und er meinte: „So geht das nicht – das muss ihm klar sein!“ – „Ich denke, es ist klar. Ich habe es mehrfach zu verstehen gegeben. Und das durchaus energisch.“ Mein Chef sah mich besorgt an und meinte: „Sollten Sie in Schwierigkeiten sein, schreien Sie ganz laut – dann komme ich sofort zu Ihnen!“

Vor meinem geistigen Auge erschien folgendes Szenario: Großer Hund benimmt sich in Gegenwart eines Dackels komplett daneben, wird übergriffig gegen Dackel. Dackel bellt laut und empört, schnappt um sich. Tür geht auf, und zweiter Dackel erscheint. Beide Dackel kläffen großen Hund an, einer hängt sich an dessen Vorderbeine, der andere zwickt den großen Hund in die Hinterläufe, dabei garstig knurrend. Großer Hund lacht und schüttelt die kleinen Plagegeister ab … 😉

In etwa so hätte es ausgesehen, hätte mein Chef mich gegen den durchaus hochgewachsenen und kräftigen polnischen Sprachschüler verteidigen müssen – mein Chef überragte mich um etwa einen oder zwei Zentimeter. Und so brach ich in helles Lachen aus, als mein Chef mich inständig bat, ihn zu Hilfe zu rufen. Außerdem war es gar nicht nötig.

Dann hatte ich eine sehr, sehr nette Polin, der ich Deutsch beibringen sollte, und das lief prima, denn im Gegensatz zu Herrn P. lernte sie fleißig. Und eines Tages erklärte mir mein Chef, er habe eine ganz neue Schülerin für mich. Einen etwas schwierigeren Fall. Eine fünfzehnjährige Polin – der Fall liege ihm am Herzen. Das Mädchen sei sehr intelligent und ebenso künstlerisch begabt, aber extrem schüchtern und unsicher, und es werde in der Schule gemobbt. Da habe er sofort an mich gedacht: „Frau B., wenn eine das hinkriegen kann, dann Sie! Ich erinnere mich noch an Ihre Anfangszeit hier – Sie wirkten sehr schüchtern und ein bisschen verhuscht. Und mit einem Mal waren Sie so, wie Sie wohl wirklich sind, zumindest in der Tätigkeit hier. Woran lag das eigentlich?“

Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu meinem Chef, und ich sagte wahrheitsgemäß, dass eine ziemlich vertrackte Beziehung mich derart verunsichert hätte. Als diese beendet gewesen sei, ein halbes Jahr nach meinem Einstieg in dieser Sprach- und Förderschule, sei ich am Boden zerstört gewesen, hätte dann aber wohl irgendwie den Stier bei den Hörnern gepackt – irgendwie musste es ja weitergehen. 😉
Mein Chef grinste mich an und meinte: „Wozu gescheiterte Beziehungen bisweilen gut sein können! Inzwischen sind Sie meine echte Patentlösung für schwierige Fälle. Im Gegensatz zur Anfangszeit sehr lebhaft und fröhlich – und Sie haben ein Händchen für Ihre Schüler, vor allem die schwierigen Fälle.“ Das war ein Kompliment, und ich übernahm die kleine Lina sofort. Ein ganz liebes Mädchen, sehr sensibel, das in der Tat künstlerisch sehr begabt war. Gemobbt wurde es, weil es ganz anders war als seine Mitschülerinnen, nach denen sich die Jungs schon öfter umdrehten. Nach der kleinen Lina drehte sich keiner um – dabei hatte sie garantiert mehr drauf als das Gros der Mitschülerinnen.

Zu Anfang war es schwierig, sie zum Sprechen zu bringen – sie war total eingeschüchtert. Aber irgendwie klappte es recht schnell, und sie fasste Vertrauen zu mir. Ihr Traum: ein einjähriger Schüleraustausch in die Vereinigten Staaten. Daran würden wir arbeiten – und an Linas Selbstwertgefühl. Es war vordergründig Englisch, aber in Wirklichkeit noch viel mehr.

Aus dieser „Kooperation“ erwuchs eine Freundschaft, denn Linas Mutter lud sowohl meinen Chef, als auch mich im Zuge dieser insgesamt fast zwei Jahre andauernden „Arbeitsgemeinschaft“ eines Tages zu einer kleinen Feier ein: Es war im Advent, und wir waren eingeladen zum Vorweihnachtsessen, zu dem auch einige polnische Freunde eingeladen waren. Es war wunderschön. Es gab Barszcz und Bigos, viel Tee, Sekt, und wir erzählten viele Geschichten. Linas Mutter erzählte, wie sie nach Deutschland gekommen seien, damals noch mit ihrem Mann, der jedoch kurz darauf sehr krank geworden und gestorben sei. Seither würde sie Lina und sich allein durchbringen. Mir wurde meine Verantwortung noch bewusster, ebenso aber auch, dass man mir absolut vertraute.

Als wir während der Adventsfeier feststellten, dass meine näheren Vorfahren aus der gleichen Region kamen wie Linas Mutter („Nenn mich Danuta!“), ich die Gerichte kannte, von denen erzählt wurde, als es um das Thema Essen ging, rief mein Chef: „Irgendwie fühle ich mich jetzt so richtig doof: Ich gehöre gar nicht dazu!“ Und er lachte, und Danuta meinte gleich: „Doch! Natürlich Sie gehören dazu! Hätte ich Sie sonst eingeladen?“ Und zum Trost gab es dann eine Bescherung, denn – obwohl Danuta finanziell nicht übermäßig gut gestellt war – wir bekamen auch alle noch ein kleines Geschenk. Ich einen Kaffeebecher, in dem eine Orange steckte. Den Kaffeebecher habe ich heute noch und halte ihn in Ehren.

Und als mein Chef dann sein Unternehmen aufgab, habe ich privat noch weiter bei Lina und Danuta Unterricht gegeben, und Lina hat es nicht nur geschafft, das Austauschjahr zu ergattern, sondern war zum Schluss ganz anders als zu Beginn, lachend, fröhlich, den Kopp oben tragend, was ich ihr immer wieder gesagt hatte: „Kopp hoch tragen! Nicht die Nase – das wäre arrogant und eingebildet. Außerdem regnet es dann hinein. Du musst den Kopf gerade tragen, Schultern zurück – du bist jemand, und deine Mitschülerinnen können dich mal!“ Als ich meine letzte Stunde absolviert hatte, sagte Danuta: „Ich kann gar nicht soviel danken, wie es wäre nötig! Hast du ein ganz anderes Mädchen aus Lina gemacht!“ Ich grinste und schüttelte den Kopf: „Nee. Das hat sie ganz allein gemacht. Ich habe sie nur ein bisschen angestupst. Aber es ist ihre eigene Leistung, nicht meine, und das habe ich ihr vorhin genauso gesagt. Ganz ehrlich: Ich muss sogar ein bisschen grinsen, dass es so toll geklappt hat. Denn ich war früher genauso wie Lina zu Anfang. Nur nicht so begabt. Manchmal bin ich es heute noch. Umso schöner, immer wieder bestätigt zu sehen, dass es möglich ist, das zu überwinden. Mir hat die Arbeit auch sehr viel gebracht.“ Danuta sah mich an, dann platzte sie vor Lachen heraus und meinte: „Wie nennt ihr das hier? Understatement, glaube ich. Du bist die beste Lehrerin, die wir hätten kriegen können, und wir mögen dich beide sehr.“ Ich lachte auch und meinte: „Danke, das freut mich sehr – ebenso, euch getroffen zu haben. Aber Understatement ist es nicht – ich habe einfach nur die Wahrheit gesagt.“ – „Na, dann gratuliere ich uns allen – ich hoffe, wir bleiben in Kontakt, denn ich mag dich wirklich sehr gern.“ Und zum Abschied nahm Danuta mich in den Arm und drückte mich ganz fest. Und wir hatten auch noch längere Zeit Kontakt – bis ich Aachen verließ.

Danach hatte ich öfter Kontakt zu diversen Polen, und alles lief prima. Ich verstehe die doofen Klischees daher absolut nicht, obwohl mir klar ist, dass es in jedem Land, in jeder Nationalität sehr viele nette Menschen, aber auch echte Armleuchter gibt.

Dennoch habe ich mich vorhin bei einer echt unzulässigen Aussage ertappt, als mein Schwager mich anrief, um mir zum Geburtstag zu gratulieren. Ich meinte während des Gesprächs zu ihm: „Sag Stephanie doch bitte, dass ich auch schon ein Reisewörterbuch mit Aussprachehilfen gekauft habe – abgestimmt auf typische Reisesituationen in dem besuchten Land.“ – „Ja, mache ich.“ Und es ritt mich irgendein Teufelchen, denn ich rief: „Zum Beispiel der Satz: ‚He! Wir lassen uns nicht über den Tisch ziehen! Dieses Hotelzimmer ist den geforderten Preis nicht wert!‘ Oder: ‚Geben Sie mir sofort mein Portemonnaie mit der Kohle zurück!‘“ Helge lachte, ich lachte, denn natürlich war es nicht ernst gemeint gewesen, aber plötzlich kam mir zu Bewusstsein, dass ich gerade ein gruseliges Klischee bemüht hatte – über das ich mich Jahre zuvor echt geärgert hatte. Und meine Erkenntnis war: Ich bin keineswegs besser als andere Klischeereiter. Aber – ganz ehrlich – das hatte ich auch weder erwartet, noch behauptet. 😉

Ich bin sehr gespannt auf den Urlaub. Und ganz sicher, dass es mir sehr gefallen werde. 😊

Nostalgie im Urlaub …

Heute ist der erste Tag eines kurzen Urlaubs meiner Wenigkeit. Erst am kommenden Dienstag muss ich wieder im Büro sitzen und – wenn das Wetter sich nicht ändert – schwitzen. (Denn der interne Stellenwechsel von einem Südlagen-Büro ohne Klimatisierung in ein Westlagen-Büro ohne Klimatisierung hat sich zumindest in dieser klimatischen Hinsicht nicht als große Verbesserung erwiesen … 😉 )

Mein richtiger Jahresurlaub wird von Ende August bis Mitte September andauern, aber ein paar freie Tage zuvor waren zwingend notwendig. 😉

Ich schlief aus, herrlich! Dann duschte ich und machte mich fertig, denn um kurz nach 12 stand die Physio an. Irgendwie habe ich ein wenig gebummelt – die Straßenbahn, mit der ich fahren wollte, würde ich nicht mehr erwischen. Also mit dem Auto! Die Parkplatzsuche erwies sich als nicht ganz so einfach, und so stochte ich schließlich per pedes vom Aldi-Parkplatz in die Physio-Praxis, wo Doris, meine sehr sympathische Physiotherapeutin, mich gleich in Empfang nahm. Es wurde – wie bei jeder Behandlung – dann auch schnell sehr lustig, denn Doris und ich haben denselben Humor, und erst kürzlich kam ihr Kollege in den Behandlungsraum, nachdem wir wiederholt sehr laut und dreckig gelacht hatten, und er fragte: „Was geht denn hier ab?“ Doris sagte: „Wir haben einander gerade versaute Witze erzählt!“ Der Kollege zu mir: „Frau B.! So kenne ich Sie gar nicht!“ Darauf Doris: „Mach dir nichts draus, Tom! Hier haben sich zwei Seelenverwandte gefunden! Und jetzt geh bitte – du bist mitten in eine Pointe geplatzt!“

Nach der Physio eierte ich erschöpft zurück zu Aldi, kaufte dort noch ein und sauste dann in meinen Heimatstadtteil. Ich musste noch zur Packstation und zum Hermes-Paketshop. In der Packstation harrte meine neue Lieblings-Krimiserie meiner: Mord auf Shetland, im Original kurz: Shetland. Einmal gesehen – schon verliebt. Noch dazu als Schottland-Fan mit einer ausgeprägten Sympathie für Pferde und Ponys, und es kommt eine sehr bekannte und kleine, kurzbeinige Ponyrasse von dort, die unter dem Beinamen Dackel unter den Pferden geführt wird und als intelligenteste Rasse unter allen Pferden und Ponys gilt: das Shetland-Pony. Zu klein für mich zum Reiten, aber charmant und liebenswert. 😊 Und dann diese Landschaft! Sie hat etwas Verwunschenes an sich – und da bin ich ja sofort verloren! 😉 Am liebsten würde ich im September auf die Shetlands reisen, aber es steht schon ein anderes Reiseziel fest, zu dem ich mit Stephanie reisen werde. 😉

Rasch hatte ich die Sendung aus der Packstation befreit, nachdem ich unrechtmäßig auf einem reservierten Parkplatz geparkt hatte. Es würde ja schnell gehen – der Hermes-Shop ist auch nicht weit entfernt. Aber nachdem ich in brüllender Hitze hingeeilt war, musste ich feststellen: Er war geschlossen. So ein Mist! Drinnen harrten zwei Tops meiner – die hatte ich bestellt, nachdem ich das englische Top aus China neulich aufgrund schlechten Geschäftsgebarens „für umme“ bekommen hatte. 😉

Zu Hause begab ich mich an das, was ich schon seit Wochen plane und zumindest partiell auch schon ausgeführt habe: das Ausmisten von Schränken und Kommoden. Bei der Hitze nicht sonderlich angenehm, aber ich wollte die Zeit nutzen.

Und da fand ich etwas wieder, in einer Kommode, das ich dort wohl in einer nostalgischen Anwandlung hingepackt hatte: einen Brief meiner langjährigen amerikanischen Brieffreundin Camelia. Ihren letzten. Und ich musste mich setzen und ihn lesen.

In der Prä-E-Mail-und-Internet-Ära gab es eine Organisation in Finnland, die in Brieffreundschaften machte. Wollte man eine Brieffreundin oder einen Brieffreund aus dem In- oder Ausland, füllte man ein Formular aus, sandte es an die Organisation, die in Turku beheimatet war, einer Stadt, die ich inzwischen auch persönlich kenne – sogar die Hauptwache der Polizei in der Eerikinkatu, was übersetzt soviel wie Erikstraße heißt -, und dann bekam man eine Adresse aus dem gewünschten Land, wofür 2,50 DM zu berappen waren.

Mein allererster Brieffreund hieß Jürgen und kam aus Vilshofen. Ein Bayer – sehr sympathisch. Da war ich 9 Jahre alt, und mir blieb nur ein deutscher Brieffreund bzw. eine deutsche Brieffreundin, da ich des Englischen noch nicht mächtig war. Ich hatte eigentlich eine Brieffreundin gewollt, und auch Jürgen aus Vilshofen war sicherlich nicht allzu begeistert über eine kleine Brieffreundin aus NRW. Aber – und das rechne ich ihm noch heute hoch an! – er schrieb mir eine Karte auf meinen kurzen Brief! Er hätte es nicht machen müssen, aber war so anständig (vermutlich steckten seine Eltern dahinter 😉 ), mir zumindest zu antworten.

Der erste Kontakt hatte nicht so gut geklappt, aber eines Tages bekam ich einen Luftpostbrief. Aus England. Eine Philippa schrieb mir! Aus Leeds! Ich freute mich, aber da war dieses babylonische Sprachproblem … 😉 Aber auch dies ließ sich lösen. Ich schrieb einen Brief auf Deutsch, und meine Mutter übersetzte ihn dann ins Englische. Und so ging das über eine gewisse Zeit hin und her, und unter Philippas Briefen stand stets: P.S.: Best regards to Kathrin. Das ist meine Mutter, die mir Philippas Briefe auch immer übersetzte. Ich stellte fest: Ich musste dringend Englisch lernen! 😉

Dann schrieb ich noch mit Camilla aus Jönköping, einer Schwedin, zwei Jahre älter, die mich auch eines Tages einfach angeschrieben hatte. Da aber immer diese Umleitung über meine Übersetzerin, ääh, Mutter notwendig war, war das Briefeschreiben stets etwas umständlicher. Und irgendwann schlief es dann auch ein. Es ist einfach viel schöner, wenn man selber in der Lage ist, sich hinzusetzen und zu schreiben – ohne Umwege.

Jahre später, irgendwann in der Mittelstufe, kam meine Freundin Gunni plötzlich mit dieser finnischen Organisation an, die ich fast vergessen hatte, und prompt steckte sie mich mit ihrem Eifer an. Ich war damals großer USA-Fan, und natürlich sollte es eine Brieffreundin aus den Staaten sein! Genau wie bei Gunni – die hatte bereits eine solche aus Atlantic City.

Meine erste USA-Brieffreundin hieß Teresa und kam aus Toledo in Ohio. Aber der Kontakt war nicht sehr ergiebig. Enttäuscht schrieb ich die zwei Mark fuffzig als Fehlinvestition ab. Aber zwei Wochen später bekam ich einen Luftpostbrief aus Chicago. Eine Camelia schrieb mir! Sie hatte wohl eine deutsche Brieffreundin gewollt und meine Adresse bekommen.

Der Brief war so nett, dass ich mich direkt hinsetzte und antwortete – Englisch beherrschte ich inzwischen sehr gut. 😉 Und das war der Beginn einer langjährigen und wunderbaren Brieffreundschaft …

Sie ging wirklich über Jahre – ich nahm Camelia sogar mit nach Aachen, als ich dort zu studieren begann. Sie studierte ihrerseits in Evanston, und unsere Briefe gingen hin und her. Sie wusste Dinge über mich, die Menschen, die ich täglich sah, nicht wussten, umgekehrt vertraute sie mir auch ihre Sorgen an oder erzählte mir von Dingen, die sie mir sicherlich nicht auf die Nase gebunden hätte, wären wir einander täglich begegnet. Einmal schickte sie mir ein Päckchen nach Aachen. Eine Kassette war darin: „This is music I like!“ Dazu hatte sie einige typisch amerikanische Dinge gepackt – unter anderem auch drei Riegel Butterfinger. Ein wunderschönes Päckchen, für das ich mich auf ähnliche Weise revanchierte. Zu meinem Geburtstag bekam ich seit Beginn unserer Brieffreundschaft immer riesige Glückwunschkarten, sie umgekehrt auch.

Und wir planten immer, einander zu treffen. Interessanterweise wusste keine von uns, wie die andere überhaupt aussah – wir hatten nie Fotos verschickt, aber wir verstanden einander auf diesem Wege hervorragend, und sie schrieb mir einmal: „Es ist erstaunlich, wie sehr man an jemandem hängen kann, den man noch nie gesehen hat! Du gehörst zu meinem Leben – und ich weiß nicht einmal, wie du aussiehst! Aber was die Briefe anbelangt, habe ich ganz oft den Eindruck, dass wir Schwestern sein könnten.“ Das empfand ich ähnlich – bis heute weiß ich nicht, warum wir keine Fotos verschickt haben. Das erstaunt mich bis heute.

Eines Tages schrieb sie mir ganz euphorisch, sie und ihr Freund hätten sich verlobt, und sie wollten auch bald heiraten. Ich freute mich riesig für sie – ich hatte gerade Megazoff mit meinem damaligen Freund -, und ich schrieb ihr einen langen Brief.

Auf diesen Brief habe ich von ihr nie eine Antwort bekommen. Es vergingen zwei Wochen, bis ich unruhig wurde. Wir schrieben einander wirklich dauernd, und nun kam nichts. Hatte ich etwas Falsches geschrieben?

Nach zwei weiteren Wochen ohne Lebenszeichen schrieb ich einen weiteren Brief. Auch auf diesen erhielt ich keine Antwort. Ich muss ehrlich gestehen, dass mich das beunruhigte. Sie schrieb immer sofort zurück. Ich hatte kein gutes Gefühl. Entweder hatte ich irgendetwas falsch gemacht (meine erste Annahme), oder es war etwas passiert. Es mag komisch erscheinen, aber ich dachte wirklich ständig darüber nach, was passiert sein möge. Camelia war in der Tat wie eine ferne „Schwester“ für mich – und sie war in Gestalt ihrer Briefe immer dagewesen, seit Jahren.

Es vergingen weitere Wochen, und ich wollte am Wochenende zu meinen Eltern fahren, als meine Mutter mich zwei Tage vorher anrief und mir sagte, von einer Sally N. aus Chicago sei ein Brief für mich gekommen. Ich wunderte mich – ich kannte nur eine Camelia N. aus Chicago – Sally sagte mir nichts. Meine Mutter, die wusste, dass ich eine so enge Brieffreundin aus diesem Teil der Staaten hatte, meinte: „Vielleicht ist etwas passiert. Soll ich den Brief öffnen?“ – „Nein, ich komme ja übermorgen.“

Und kaum war ich dort, habe ich den Brief geöffnet. Tatsächlich – Sally N. schrieb mir. Und als ich zu lesen begann, begriff ich zunächst kaum, was sie schrieb. Denn der erste Absatz klang harmlos, und ich rechnete nicht mit etwas Bösem. Bis mir auffiel, dass da noch etwas im Kuvert lag: eine Drucksache. Obituary stand darauf, darunter ein Foto, das unterschrieben war mit Camelia S. N…

Obwohl ich inzwischen fließend englisch sprach, schnallte ich zunächst nicht, warum da obituary stand, das englische Wort für Todesanzeige oder Nachruf. Es wollte mir wohl einfach nicht in den Sinn.

Aber ich wusste nun, wie meine so liebgewonnene langjährige Brieffreundin aussah. Das einzige Foto, das ausgetauscht wurde.

Ich war völlig schockiert – das konnte doch nicht sein! Sie war doch gerade verlobt gewesen, und sie und ihr Verlobter hatten Heiratspläne gemacht! Ich stand da, hilflos mit dem Nachruf in der Hand, und meine Mutter fragte: „Was ist passiert?“ – „Camelia ist tot …“ – „Was? O Gott! Was ist denn passiert?“ – „Ich weiß es nicht.“ – „Lies doch mal den Brief!“

Ich musste mich erst einmal setzen, ich war wirklich schockiert. Dann las ich den Brief, den Sally, Camelias Mutter, mir geschrieben hatte. Es war ein langer Brief, ein sehr lieber, liebevoller Brief. Sie schrieb, es tue ihr leid, mir erst jetzt zu schreiben, aber sie hätte ihrerseits erst einmal klarkommen müssen, und man hätte natürlich zuerst an die amerikanischen Freunde und Verwandten gedacht. Als sie und ihr Mann Camelias Studentenzimmer im Wohnheim ausgeräumt hätten, hätte sie da meine zwei letzten Briefe ungeöffnet liegen sehen, und da sei ihr klargeworden, dass da ja noch jemand sei, der unterrichtet werden müsse. Und – ich solle ihr nicht böse sein – sie habe beide Briefe geöffnet und gelesen und sei gerührt gewesen, da ich mir wohl Sorgen gemacht hätte. Sie hätte von der Brieffreundschaft gewusst, da Camelia ihr davon erzählt habe, dass diese schon so viele Jahre andauere. Einmal habe sie ihr aus einem meiner Briefe vorgelesen und gesagt: „It is as if I had a sister in Germany!“ Und da habe sie, Sally, sich nun hingesetzt und mir geschrieben – denn das sei wirklich eine außergewöhnlich lange und enge Brieffreundschaft gewesen. Sie bedanke sich für die Zuneigung, die ich ihrer Tochter entgegengebracht hätte, obwohl wir einander ja nie gesehen hätten. Es sei einfach, aus der Nähe Zu- oder Abneigung zu empfinden – aus der Ferne über so viele Jahre so zuverlässig und freundschaftlich zu schreiben, empfände sie als etwas Besonderes.

Sie schrieb mir nicht, woran Camelia gestorben sei – ich weiß es bis heute nicht. Sie beendete ihren langen und sehr lieben Brief damit, dass sie schrieb: „Please do me a favor: Always take care of yourself, Ali dear! And whenever you are near or in Chicago, I would be happy to meet you. Though far away, you were very close to Camelia.”

Ich war völlig erschlagen und schockiert, aber auch gerührt von Sallys Brief. Geweint habe ich damals nicht – der Schock war zu groß. Aber ich setzte mich sofort hin und schrieb Sally einen Brief, einen langen und liebevollen Brief, und ich versprach, würde ich je in oder um Chicago sein, würde ich mich melden. Ich war nie in oder um Chicago, aber ich habe Camelia und ihre Familie nie vergessen.

Und als ich beim Ausräumen heute den letzten Brief von Camelia fand, musste ich mich einmal mehr hinsetzen. Und dann liefen auch einige Tränen. Anders als damals, als der Schock zu groß war. Vergessen habe ich das nie.

Den Brief werde ich nie wegwerfen. Er war so fröhlich, keiner ahnte, was passieren würde. Es ist so lange her, und trotzdem berührte es mich heute sehr. Offenbar muss man Menschen nicht täglich und persönlich sehen oder hören, und doch kann es passieren, dass sie Teil des eigenen Lebens werden.

Schade, dass es solche Brieffreundschaften nicht mehr gibt.

To date or not to date …

Am vergangenen Donnerstag hatte ich, dem weisen Rat meiner langjährigen Freundin Jadranka folgend, ein „Date“. Eigentlich war es ein „Blind Date“ – wir hatten nur zuvor zweimal telefoniert. Und im Moment ist mir danach, Jadranka einen Kopp kürzer zu machen, da sie meinte, das sei total spannend. Obwohl sie in einem Punkt recht hatte, denn sie sagte: „Das ist einfach unvergesslich, Ali!“

Das stimmt. Dieses „Date“ werde ich so schnell nicht vergessen. Da bin ich mir ganz sicher.

Es fing schon spannend an, denn ich fuhr nach der Arbeit nach Hause, um mich umzuziehen. Die Heimfahrt erfolgte ohne größere Hindernisse oder Staus, und ich brauchte auch nicht lange, mich zu stylen. Und so fuhr ich kurz darauf wieder los, doch bereits bei Ausfahrt aus meiner Wohnsiedlung sah ich Merkwürdiges: Auf der Mittelinsel des Kreisverkehrs, den ich kurz zuvor ohne jedwede Behinderung passiert hatte, prangte ein Feuerwehrwagen, und rechts neben der ersten Ausfahrt aus meiner Perspektive interviewte die Polizei gerade einen Fahrer. Der Kreisel selber bestach dadurch, dass soeben Sand auf die Fahrbahn geschüttet wurde, der von zwei wackeren Feuerwehrmännern mit Besen darauf verteilt wurde. Ich verharrte lieber an meiner Ein- bzw. Ausfahrt, während eine Frau, von links kommend, völlig verhuscht aus ihrer Einfahrt nach links abbog, wo sie beinahe mit einem anderen Fahrzeug kollidierte … Anhand der Hektik, die sie an den Tag legte, mutmaßte ich, dass sie einen Termin habe bzw. gerade aus dem Urlaub aus einem Land gekommen sei, da Linksverkehr an der Tagesordnung ist. Die Umstellung ist nicht ganz einfach – ich weiß, wovon ich spreche, denn das geht sogar Fußgängern so (beileibe: Ich bin in Großbritannien noch nie selber Auto gefahren … 😉 ).

Geduldig harrte ich an meiner Einfahrt aus, bis der junge Feuerwehrmann seinen Besen zur Seite stellte und mir Signale gab, ich solle fahren. Ich winkte ihm jovial zu, obwohl mir etwas beklommen ums Herz war: Schon das erste Hindernis wenige Meter von der Haustür entfernt! Das war sicherlich ein schlechtes Zeichen! (Hätte ich mal auf mein Bauchgefühl und das deutliche Zeichen geachtet … Hätte ich das getan, hätte ich einfach nur die 360-Grad-Kurve genommen. So blieb es bei 180 Grad … 😉 )

Und schon raste ich gen Treffpunkt. Ich war erfreulich früh da – keine meiner Stärken. Ich ergatterte sogar noch einen Tisch draußen, denn zumindest wusste ich, mein Gegenüber war bzw. ist Raucher.

Ich fühlte mich nicht gut, und ich schrieb sowohl Jadranka, als auch meiner Kollegin Kerstin eine WhatsApp: „Noch nicht da!“ Mit Kerstin hatte ich bereits ausgemacht, dass ich ihr, würde das Ganze wirklich verheerend sein, eine WhatsApp-Nachricht schicken würde, die das Zauberwort: Oje! beinhalten sollte. Sie hatte mir Stein und Bein geschworen, mich dann umgehend anzurufen und zu behaupten, sie sei meine Nachbarin, und sämtliche Keller stünden unter Wasser, weswegen ich sofort – leider! – das Date beenden müsse … 😉 Nicht gerade undurchsichtig, ich gebe es zu, aber hilfreich. Und – großes Lob an Kerstin! – sie war stets vor Ort. 😉 „Handy ist auf laut!“ schrieb sie mir noch, kurz bevor ich den Treffpunkt erreichte. Von Jadranka kein Wort …

Ich saß und wartete. Inzwischen hatte ich mir eine Weinschorle bestellt – mit viel Wasser, denn ich war ja mit dem Auto da …

Und dann geschah es! Als ich gerade Kerstin ungeduldig eine Nachricht hackte, dass ich maximal eine Viertelstunde warten würde, sah ich einen Wagen auf den großräumigen Parkplatz zwar nicht rasen, aber recht gebieterisch fahren und ebenso einparken. Dann stieg jemand aus …

Hektisch hackte ich ins Handy: „Kerstin, wenn der, der gerade hier eingeparkt hat, das ist, können wir es gleich vergessen!“ Sofort kam zurück: „Sieh ihn dir doch erst einmal an!“

Ja, da hatte sie Recht. Eersma kuckn. 😉

Und er war es! Und nahm gleich großrahmig Platz, wobei er monierte, dass die Stühle aber sehr schmal seien – er sei nun einmal „a big one“!

Ich hätte gern einen Spiegel vor meinem Gesicht gehabt, um mein Gesicht sehen zu können – vermutlich sah es geschockt aus. „A big one“ ist relativ. Ich habe rein gar nichts gegen einige Polster – ich bin leider auch nicht mehr so schlank, wie ich in meinen Zwanzigern war. Aber das hier war eine Art „Insel“. Ich stehe gar nicht auf dünne Männer, aber das hier war dann doch einige Ticks zu „gepolstert“. Es wunderte mich auch gar nicht mehr, dass beim ersten Telefonat, das für eine bestimme Uhrzeit angekündigt war, ganz unerwartet seine Fußpflegerin anwesend gewesen war. Kein Wunder, dass diese vonnöten war – sicherlich kam er nicht selbst an seine Füße …

Aber all das war nicht das Schlimmste …

Wer mich kennt, weiß, dass ich viel rede. Nur: An jenem Abend saß ich annähernd stumm da. Ich hatte meinen Meister gefunden … Allerdings nur in puncto Reden.

Und was da alles erzählt wurde! Ich war erstaunt, denn offenbar gebrach es dem in jeder Hinsicht gewichtigen Herrn nicht an einer Auswahl an Gespielinnen, zumeist mit „Haaren bis zum Arsch“! 😉 (Falls ich das recht verstanden habe und er nicht gesagt hat: „Haare am Arsch“ – man weiß ja nie … 😉 )

Ganz ehrlich: Ich vermute, ich saß recht paralysiert da, mit ebensolchem Gesichtsausdruck, da ich mir kaum vorstellen konnte, was da erzählt wurde – und ich besitze viel Phantasie.

Viel schlimmer, dass ich das Gefühl hatte, von der Besatzung der Nachbartische angestarrt zu werden. Als ich kurz nach rechts und links blickte, sah ich: Ich hatte mich keineswegs geirrt! Sie sahen mich an, als fragten sie: „Das ist aber kein guter Freund von dir – oder?“ Und ich strahlte zurück, als wollte ich sagen: „Aber nein! Ich sitze rein zufällig an diesem Tisch und warte im Grunde nur auf jemanden!“

Man wunderte sich, dass ich noch nie verheiratet war. Ich konterte, als eine Sprechpause entstand: „Immerhin bin ich damit auch noch nicht geschieden! Eine Erfahrung, die wohl auch nicht ganz so toll ist …“ Das wurde bejaht … 😉

Aber Kinder! Kinder hätte ich ja auch nicht!

Schon kurz zuvor war dieses Thema angerissen worden, und da hatte ich schon in höflicher Abwehr gesagt, dass ich mich einfach irgendwann damit hätte abfinden müssen, dass ich nun einmal keine Kinder haben würde – es war eigentlich recht deutlich.

Aber die „Insel“ beharrte darauf, dabei ihre Sensibilität preisend. Ich grinste. Etwas sickig war ich nur dann, als er meinte: „Also, mal im Ernst: Frauen im gebärfähigen Alter kommen für mich ja gar nicht in Frage! Die wollen einfach Kinder! Und dazu bin ich mir zu schade!“

Meine Augenbrauen wanderten bis zum Haaransatz, und ich kam mir vor, als wäre ich aufgrund übergroßer Gnade zu diesem Date gebeten worden. (Von dem „Gnadending“ kam ich allerdings ab, als ich mein Augenmerk wieder ganz konkret auf mein Gegenüber richtete.)

Und da geschah es. Aufgrund einer Gesprächspause – das Gegenüber musste Luft holen – sagte ich mit leicht schneidender Stimme: „Hast du schon einmal darüber nachgedacht, Bücher zu schreiben?“ – „Ja. Warum?“ – „Weil es viel zu wenige phantastische Geschichten gibt! Ich denke, du wärest exakt der Richtige, da einen Ausgleich zu schaffen!“

(Fast) jedem Menschen wäre eigentlich klar gewesen, was ich meinte – er nahm es als Kompliment und meinte: „Ja, das haben mir schon mehrere Freunde geraten!“ (Ich hegte umgehend Zweifel an echter Freundschaft – vermutlich waren es einfach sehr realistische Menschen …)

Immerhin konnte ich einige eigene Sätze absondern. Ich musste allerdings aufpassen wie ein Luchs, um dazwischenzukommen. Ähnlich wie beim Konsekutivdolmetschen. 😉

Und ein Kompliment erfolgte auch noch: „Ich bin ja total überrascht! Endlich treffe ich mal eine Frau, die sprechen kann, und das auch noch geistreich!“ Es sollte wohl wirklich ein Kompliment sein … Für ein erstes – und hier auch letztes – Treffen vielleicht nicht ganz so geeignet, Sympathie zu generieren.

Nein! Ich bin weder böse, noch sonstwie nickelig, aber dieses „Date“ hier war echt gruselig. Überschwemmt von selbstherrlichen Worten – und ich hatte doch schon einkalkuliert, dass Nervosität die normalen Dinge verzerren könne -, es war sogar weniger die Leibesfülle, die mich irritierte … Ich möchte nur ungern im Knast landen … Denn: Hätte ich einen solchen Menschen dauerhaft um mich, wäre das Ganze aus meiner Perspektive nur von kurzer Dauer, ehrlich gestanden. 😉

Morgen rufe ich Jadranka an und frage sie, ob es vielleicht an mir liege … 😉 Wie ich sie kenne, wird sie ihre eigenen Erfahrungen preisen – dabei ist sie gerade wieder Single. Vielleicht besser nicht anrufen … 😉

Ja, ich weiß – das klingt alles nicht nett. Aber ich hatte am Donnerstagabend drei sehr lange Stunden zu bestehen, die ebenfalls alles andere als nett waren, und das mit Aspekten, bei denen ich mich fragte, was sich das Gegenüber eigentlich dabei denke. Und mich fragte, was für Frauen es bis dato kennengelernt habe, die auf derart phantastische Geschichten stehen, auf Angeberei und weitere Dinge dieser Art. Aus meiner Sicht wird er wohl bei solchen Frauen bleiben müssen … 😉

Immerhin hat er mir erklärt, was die „biologische Uhr“ bedeute. Was für ein Glück: Wusste ich vorher auch noch gar nicht … 😉 Tat auch gar nicht weh. Hat mich auch gar nicht zum Lachen gebracht. Komisch eigentlich … Denn das ist es, was ich von einem echten Gegenüber brauche: meinerseits zum Lachen gebracht zu werden. Wie auch umgekehrt. 😉

Was ist schon die Fußball-WM gegen den CHIO!

An all diejenigen, die so enttäuscht von der deutschen „Leistung“ bei der Fußball-WM waren oder sind: Ich war es auch, habe inzwischen aber Abhilfe geleistet bzw. gefunden! Denn es gibt eine Sportart, in der „die Deutschen“ gestern so richtig brilliert haben …

Ich habe diese Sportart einst selber ausgeübt, bin mir allerdings auch im Klaren darüber, dass sie kein echter Ersatz für Fußball ist … Schon gar nicht für Männer … Aber tröstlich war es gestern doch! 😉

Denn – wie jedes Jahr um diese sommerliche Zeit – es tobt in Aachen eine internationale Großveranstaltung: der CHIO, der Concours Hippique International Officiel, ein reiterliches Top-Event, das vom Aachen-Laurensberger Rennverein, einem, nein, dem Aachener Reitverein seit dem 13. Juli 1924 jährlich ausgerichtet wird und die Crème de la crème der Reitsportwelt zuverlässig in diese Grenzstadt zieht und selbige zumeist zumindest im Zentrum und der Altstadt verstopft … 😉 Ich weiß, wovon ich spreche. Und doch war ich, obwohl ich mehr als 13 Jahre in Aachen lebte, niemals leibhaftig in der Soers, wo sich das Event zuträgt. Obwohl ich zuletzt ganz in der Nähe wohnte.

Warum ich nie dort war? Tja, ich kann es nicht einmal erklären. Oder doch? Ich hatte wenig Lust, mit all den Aachener „Größen“ derselben Leidenschaft zu frönen, die dort champagnertrinkend stehen und Menschen wie mich von oben herab betrachten würden. Nicht, dass mir das etwas ausmachen würde – mir ging nur der Öcher Klüngel auf den Keks, und der macht sich bei derartigen Veranstaltungen stets besonders breit. Und so sah ich, wenn ich Lust hatte, einzelne Prüfungen lieber zu Hause, vor dem TV. Wie seit jeher. 😉 Außerdem kenne ich mich: Bei interessanten Veranstaltungen – oder im Kino – sitzt garantiert jemand vor mir, der in irgendeiner Basketballmannschaft nicht nur sportlich, sondern auch physisch herausragt und der Größte ist. Die Gefahr bestand zu Hause nicht, und es war auch preisgünstiger. 😉 Erstaunlicherweise war mein Vater, der – anders als ich – dem Pferdesport nie frönte, während seiner Studienzeit durchaus beim CHIO gewesen …

Doch zurück. Eigentlich hatte ich gestern schön auf dem Balkon sitzen wollen, hatte aber irgendwann mitbekommen, dass der CHIO wieder einmal „grassiert“. Und da wollte ich doch zumindest einmal kurz hineinsehen … Was stand an? Ah! Voltigieren!

Ich finde sehr schön, dass diese Pferdesportart schon seit einiger Zeit aus ihrem Schattendasein herausgetreten ist. „Turnen auf dem galoppierenden Pferd“ sagte man früher ein wenig wegwerfend dazu, wenn jemand fragte, was Voltigieren denn eigentlich sei. Das klingt viel zu bieder und zu einfach. Es ist Akrobatik und ist – wenn man es kann – wirklich kunstvoll und obendrein wirklich schwierig. Einen Flickflack würde ich nicht einmal auf unbewegtem Boden hinbekommen – geschweige denn auf einem beweglichen „Boden“, genauer: einem galoppierenden Pferd!

Und kaum hatte ich gestern das erste Team in diesem Voltigier-Nationenpreis gesehen, hatte ich auch schon Blut geleckt und blieb – statt auf dem Balkon zu sitzen – vor dem Fernseher kleben … 😉 Unglaublich, was da geboten wurde, sowohl einzeln, als auch im Team! Atemberaubend, aber ich bewunderte nicht nur die menschlichen Akteure inklusive Longenführer, sondern auch die Pferde, die so, wie Voltigierpferde sein sollten, ruhig, gelassen und ausgeglichen auf der linken Hand an der Longe auf dem Zirkel galoppierten, nicht einmal ein Ohr anlegten und gekonnt die Balance hielten, obwohl sich auf ihrem Rücken größere und wechselnde Lasten befanden, die sich auch noch ständig verlagerten und anders positionierten. Wie gebannt saß ich vor dem Fernseher und staunte, was durch viel Disziplin alles möglich sei …

Weniger gebannt war ich in meiner allerersten Voltigierstunde damals, als ich mit dem Reiten beginnen wollte, mit 10, und dann war kein Platz in der Anfänger-Abteilung frei. Man riet daher, erst mit Voltigieren zu beginnen.

Vor der ersten Stunde war ich sehr nervös. O Gott – Turnen auf einem Pferd! Wie sollte ich da überhaupt hinaufkommen? Und ich hoffte, das Tier möge recht klein sein …

Als ich an einem Samstagnachmittag im Reitverein bzw. der Reithalle eintraf, waren wir zu zwölft. Zwölf Mädels, alle in Gymnastikhosen und -schläppchen mit rutschfesten Sohlen. Ich hatte mir die Gymnastikhose meiner Schwester ausgeliehen, da meine in der Wäsche war … Das führte später noch zu Ärger … 😉 (Meine Schwester ist nicht ganz so pferdeaffin wie ich – im Gegenteil. Nicht, dass sie etwas gegen Pferde hätte, aber es zog sie nie etwas in die Nähe dieser liebenswerten Lebewesen, während man mich immer nachdrücklich von ihnen wegzerren musste. 😉 )

Das Pferd war noch nicht fertig, und so musste das Dutzend voltigierwilliger Mädels – über die Hälfte wollte eigentlich lieber in der Abteilung reiten – sich erst einmal warmmachen. Wir mussten im Seitgalopp den Hufschlag der Bahn entlangspringen, im Kreuzschritt laufend dieselbe Strecke bewältigen, danach Bockspringen …

Dann kam das Pferd. Bzw.: Es wurde in die Halle gebracht. Ein großer Fuchs war es, etwa 170 cm Widerristhöhe oder gar höher, der einen Voltigiergurt mit zwei Griffen und Ausbindezügel trug, und der uns – wie mir schien – mit hochgezogener Augenbraue entgegenblickte. Dann wandte er den Blick ab, und das – ich weiß nicht, ob ich es mir einbildete -, mit leiser Resignation. Wahrscheinlich dachte er: „Und während meine Schulpferdkollegen schön in ihren Boxen dösen können, muss ich diese kichernden Dinger durch die Gegend schleppen und dabei auch noch unentwegt galoppieren. Und immer linksherum. Wahrscheinlich rumpeln sie mir ständig in den Rücken, weil sie so gar kein Gespür haben. Dabei habe ich schon einen Senkrücken, und dieses Gerumpel wird wahrscheinlich dazu führen, dass irgendwann mein Bauch über den Boden schleift … Zum Glück habe ich ja recht lange Beine, so dass dieser Tag noch relativ fern ist. Warum ich?“

Wirklich – so sah Sascha, wie diese Seele von Pferd, wie ich rasch entdeckte, hieß, drein, als er anlässlich meiner allerersten Voltigierstunde in die Halle geführt worden war. 😉 Er war ein sehr lieber und braver Kerl – noch heute muss ich schlucken, wenn ich daran denke, wie er endete.

Die erste Stunde war desillusionierend. Zum Glück war ich nicht die Größte in der Voltigierabteilung, denn wir wurden alle wie die Orgelpfeifen angeordnet, und die Größte von uns musste beginnen …

Aber von Mal zu Mal wurde es besser, und es ist gar nicht schwer, auf das galoppierende Pferd zu kommen. Einfach an der Longe entlang schnurstracks an die Seite des Pferdes laufen, die Griffe am Voltigiergurt packen, im Seitgalopp einige Sprünge neben dem Tier vollführen und dann in einem kräftigen Schlusssprung abspringen – schon zieht es einen aufs Pferd. Wer sich mit Physik auskennt: Das geschieht aufgrund der Zentrifugalkraft. Wenn man allzu kräftig abspringt, kann man allerdings auch schon einmal über das Ziel hinausschießen. Daher: Griffe nie loslassen! 😉

Ich lernte binnen kurzem den Grundsitz (natürlich ohne Festhalten!), die „Mühle“, die „Fahne“, die „Schere“, die „Flanke“ – und es gelang mir sogar, zwei Galoppsprünge auf dem Pferderücken zu stehen! (Ich muss allerdings hinzufügen, dass es in unserem Reitverein kein Voltigierpad gab und wir auf dem nackten Pferderücken herumturnen mussten – das ist in etwa so glatt wie Schmierseife … 😉 )

Und bevor die schwierigeren Elemente kamen, wurde glücklicherweise ein Platz in der Anfänger-Abteilung frei … 😉

Dennoch hat mich diese Sportart immer fasziniert, seit damals. Und was ich gestern sah, war nur atemberaubend. Und die beiden deutschen Teams landeten auf den Plätzen 1 und 2 – wenn das nichts ist! 😊

Ob es den Pferden allerdings gefällt? Ich weiß es nicht. Ich bewundere nur, wie ruhig und gelassen sie immer wirken.

Daher: Voltigieren kann – speziell passiv – wirklich Freude machen. Ganz im Gegensatz zur diesmaligen WM-Leistung der deutschen Mannschaft … 😉

Immerhin bin ich beim Kollegen-Tippspiel final auf Platz 9 gelandet. Wenn man bedenkt, dass 32 Kollegen teilnahmen, bin ich gar nicht so schlecht. Auf alle Fälle besser als beim aktiven Voltigieren … 😉

Ali shoppt online

Ich bin ja oft ein wenig skeptisch – zumindest in manchen Fällen -, was Online-Shopping anbelangt. Klar, bei namhaften Firmen kaufe auch ich ab und zu und habe bis dato nur geringfügig das zu verzeichnen gehabt, was man als Schuss in den Ofen bezeichnet.

Blöd ist, wenn man beim Surfen im Internet immer wieder Werbung vor die Nase gehalten bekommt, zumal eine meiner Schwächen – ich muss es leider zugeben – darin besteht, dass ich der Traum des Gemeinen Marketingspezialisten bin. Der Traum jedes Werbers und damit der Traum diverser Kunden von Werbeagenturen. 😉 Ja, ich weiß … Das ist nicht klug, vor allem, wenn man schon, wenn auch selten, der Ernüchterung anheimgefallen ist. Aber wir haben ja alle irgendwelche Schwächen. 😉 Man muss halt nur über sich selber lachen können – dann geht alles gleich viel leichter. 😉

Seit einiger Zeit wurde ich nun beim Surfen im Internet bereits von einer Firma quasi „bombardiert“. Egal, was ich gerade tat: Dauernd tauchte Werbung dieser Firma auf! Normalerweise ignoriere ich dergleichen standhaft, zumindest zunächst, aber hier knickte ich irgendwann ein, denn es ging um Klamotten

Was für schöne Tops, im früheren Leben auch einfach Oberteile genannt – die waren wirklich klasse. Auf den Bildern auf alle Fälle. Und wirklich nicht teuer …

Da ich seit einiger Zeit etwas im Stress bin, gelang es den Werbetreibenden irgendwann in einem schwachen Moment meinerseits: Ich bestellte zwei Oberteile. Die Firma ist in England beheimatet, und was kann es Besseres geben? 😉

Nun, da ich etwas schlauer bin, weiß ich: Die Firma gibt ihren Hauptsitz als in England befindlich an! Wahrscheinlich hat sie einen Briefkasten dort gemietet … Denn in Wirklichkeit sitzt die Zentrale in Asien, genauer: in China. Seit ich das weiß, seit ich irgendwann recherchiert hatte – relativ früh, wenn auch nicht früh genug, da ich ja bereits aus mir zwischenzeitlich und generell absolut nicht nachvollziehbaren Gründen bestellt hatte -, war mir klar, womit ich zu rechnen hatte, rein qualitativ; vor allem, nachdem ich im Internet gelesen und herausgefunden hatte, dass diverse Kundinnen – aber auch Kunden – sich geprellt fühlten. Entweder hatten sie die völlig falsche Ware bekommen. Oder die Größe stimmte nicht. Oder – diverse weitere Fälle – sie wären froh gewesen, auch nur einen Wischlappen zu bekommen. Aber: Sie bekamen gar nichts. Abgesehen von der Tatsache, dass sie eifrig Geld überwiesen hatten, hatten sie rein gar nichts bewirkt, und wahrscheinlich warten sie noch heute auf die Ware – obwohl sie sogar lange vor mir bestellt hatten … 😉

Zum Glück gibt es aber einen customer service, der offenbar dazu da ist, die Kunden hinzuhalten. Warum auch nicht und völlig normal – es geht ja um den Vorteil der Firma, nicht wahr? Ich wandte mich recht früh an diesen und monierte, die Ware sei noch nicht da – etwa drei Wochen nach Bestellung. Man schrieb mir eine sehr blumige Mail, fast poetisch wirkte sie, was daran lag, dass man wohl auf Mandarin schrieb und das Ganze per Translator übersetzen ließ. Solch blumiges Englisch hatte ich von keinem einzigen Muttersprachler erfahren – und ich kenne mich damit aus. Man beschied mir wiederholt, ich solle mir bitte, bitte keine Sorgen machen, und es sei eine Schande für die Firma, dass Wünsche offen geblieben seien …  (Ich rate übrigens dringend von automatisierten Übersetzungen ab – möglich, dass der Kunde sich zu allem anderen Ärger auch noch verarscht fühlt. Zumindest dann, wenn er mit der englischen Sprache wirklich vertraut ist. 😉 )

Ich machte mir zwar keine Sorgen, war aber sehr verärgert – auch über mich selber, denn was um alles in der Welt hatte mich nur bewogen, da zu bestellen und derart naiv zu handeln? Ich pflücke mein Einkommen ja nicht vom Baum und bin normalerweise kritischer – ich war enttäuscht von mir selber. 😉

Die nächste Mail schrieb ich testhalber auf Deutsch, und der Ertrag war noch viel witziger, denn das Ergebnis war noch schriller als das, was im „Englischen“ herausgekommen war: Man sei untröstlich, dass ich trotz aller Anstrengungen nicht befriedigt worden sei – man habe alles darangesetzt, zumal man inzwischen mitbekommen habe, dass ich in „gewisser Hinsicht“ sehr anspruchsvoll sei und gerne vor Vergnügen jauchzte! (Da habe ich in der Tat gejauchzt, und ich pries einmal mehr den menschlichen Faktor beim Übersetzen – ich habe lange genug als Übersetzerin gearbeitet und weiß, was bei Einsatz billiger Übersetzungssoftware herauskommen kann … Nicht selten Dinge, die immerhin als Partygag geeignet sind. 😉 )

Man beschied mir – zumindest verstand ich es so -, dass meine Bestellung alsbald bei mir eintreffe, und man schickte mir eine Trackingnummer und den Namen des Transportunternehmens. Ein chinesisches war es, und alsbald erfuhr ich, dass meine Bestellung am Flughafen Schiphol in Amsterdam gelandet sei, den Zoll passiert habe und nun „auf direktem Wege“ mittels eines LKW nach Deutschland und zeitnah zu mir transportiert werde.

Der LKW muss unterwegs mehrfach liegengeblieben sein, denn nachdem nach einer Woche noch immer derselbe Status zu lesen war, informierte ich die Fa. Bloomy Days Forever darüber, dass ich – würde ich mich gleich ins Auto setzen – in etwa zweieinhalb Stunden in Amsterdam sein könne. Ob sich der Fahrer verfahren habe – ich könne gern kostengünstig ein Navi anbieten. Und ich nannte die Summe, die ich für die Bestellung aufgewendet hatte.

Daraufhin sandte man mir eine Nachricht, die da besagte, ich solle mir bitte, bitte keine Sorgen machen, und ich bekam eine DHL-Trackingnummer. Ich war gar nicht sehr überrascht, dass diese ins Nirwana führte, zumal der von China aus gedungene LKW noch immer im Niemandsland zwischen Deutschland und den Niederlanden umherzuirren schien.

Ich muss gestehen, ich rechnete gar nicht mehr damit, den von mir in einem Akt von Wahnsinn und mangelnder Vorsicht bestellten Tand noch zu bekommen – ich wollte ihn auch gar nicht mehr haben. Doch inzwischen war ich von der Kommunikation mit dem fernen Unternehmen irgendwie fasziniert, und ich probierte aus, was passieren würde, würde ich eine Beschwerde auf des Unternehmens Homepage posten, nachdem ich bereits versucht hatte, meinen Auftrag zu stornieren. (Ich muss zu diesem billigen Versuch sicherlich nicht viel sagen: Man beschwor mich, mir um Himmels willen bitte keine Sorgen zu machen – aber die Ware sei unterwegs, und leider und zu des Unternehmens größtmöglicher Pein sei da ein Storno nicht mehr möglich. Damit hatte ich gerechnet – ich hätte es ja nicht anders gehalten.)

Es hatte zur Folge, dass man mich komplett ignorierte. Und so schrieb ich eine Rezension auf einem Verbraucherportal … Und – zack! – nach Tagen kompletter Funkstille bot man mir einen Tag nach Posten der Rezension per Mail eine „top solution“ an! Man wollte mir einen vergleichsweise kleinen Teil des von mir aufgewandten Kaufbetrages („including tax and customs“!) erstatten! Sollte die Ware noch eintreffen (man war sich offenbar selbst nicht sicher), dürfe ich diese natürlich behalten! Das alles natürlich nur, würde ich meine miese Bewertung aus dem Verbraucherportal entfernen. Erpressung in Reinform – darauf fahre ich ja total ab! 😉

Ich schrieb eine recht harsche Mail – diesmal wieder auf Englisch – zurück, in der auch der kurze, aber prägnante Satz: „Enough is enough!“ Anwendung fand, den ich einst so liebenswert in Irland von einer irischen Mutter in dialektaler Aussprache gehört hatte, als ich gerade zum Rock of Cashel hinaufstieg, während Mummy mit einem Kleinkind im Buggy hinter ihrem ungebärdigen Erstgeborenen her schrie: „James! Enough is enough!“ (Es hörte sich an wie: „Dschaims! Inuff is inuff!“ Ich habe es nie vergessen … 😉 )

Und „inuff is inuff“ sowie einige andere sehr deutliche Worte, die auch die Begriffe solutionabsolutely inacceptable, full und refund sowie sehr autoritär wirkende Anweisungen enthielten, führten dann dazu, dass man mir eine weitere „top solution“ anbot! Den gesamten von mir aufgewandten Betrag wolle man mir erstatten! Und sollte die Ware noch eintreffen, solle ich diese, bitte, behalten. Okay – das war ein Angebot, das ich annahm. Ich rechnete ja nicht damit, dass überhaupt etwas eintreffen würde, werde nun aber meine Kontobewegungen sehr genau beobachten.

Aber wie erstaunt war ich, als ich nach Hause kam! Da war in meinem Briefkasten etwas, das ich erst für Müll hielt – eine zusammengeknüllte DHL-Transporttüte! Ich nahm sie heraus, grinste und ging damit in meine Wohnung, wo ich das Gebinde öffnete. Ein Oberteil war darin. Und es passt sogar und sieht aus wie auf den Bildern. Ich sollte es nur nicht bei hohen Temperaturen tragen – nicht, dass sich das Material untrennbar mit meiner Haut verbindet! 😉 Aber mal im Ernst – „für umme“ ist das doch okay. 😉 Und ich soll es ja – komme, was wolle – unbedingt behalten, trotz der Erstattung des vollen Betrages! Ich bin gespannt, wann er auf meinem Konto eingeht – und ob überhaupt. Und meine Rezension werde ich nicht löschen …

Dennoch bin ich noch immer schockiert über mich selber. Wie konnte ich je so verstrahlt sein, überhaupt etwas zu bestellen? Vermutlich hatte ich noch nicht genug Stress, denn: „Wer keine Probleme hat, schafft sich welche.“ Nicht wahr? 😉

Die Firma heißt übrigens ganz anders … 😉

„Hast du das Spiel gesehen?!?“ Oder: Warum ich möglicherweise als WM-Orakel tauge …

Es findet gerade eine Party bei meinem Arbeitgeber statt, und eigentlich wollte ich auch just dort sein. Zumindest wollte ich dort das Fußballspiel Südkorea : Deutschland sehen. Zumindest hatte ich dies heute im Laufe des Tages beschlossen.

Eigentlich wäre heute ja die letzte Niederländischstunde gewesen, aber im Laufe des Arbeitstages wurde Jana und mir immer klarer, dass wir nicht dort anwesend sein würden. Immerhin gab es das Fest, aber – noch viel wichtiger! – dort auch das obengenannte Spiel! Und so schrieben wir eine sehr nette Mail an Thijs und entschuldigten unser Fernbleiben.

Da ich ja heute früh noch wildentschlossen war, nach M. zum Niederländischkurs zu fahren, war ich mit dem Auto zur Arbeit gefahren. Nachdem wir uns so reizend entschuldigt hatten, dachte ich, dass dieses Fußballspiel ja wohl ohne zumindest ein Bierchen gar nicht ginge, und ich beschloss, um kurz vor 3 den kleinen Monty nach Hause zu fahren und dann mit dem ÖPNV zum Arbeitgeber zurückzufahren. Und fast wäre das auch gutgegangen …

Um kurz vor 3 eilte ich gen Mitarbeiterparkplatz und enterte mein Auto, fuhr auch vom Hof und Richtung Heimstatt. Aber schon zwei Kilometer weiter wurde mir plötzlich total schwindelig, und ich musste mein Tempo drastisch reduzieren. Man möchte ja nicht an der Leitplanke oder einem Baum enden, wenn man es doch noch irgendwie verhindern kann.

Zu Hause angekommen, wollte ich noch einmal kurz in die Wohnung und ins Bad. Dort wurde mir ziemlich schwarz vor Augen – diese dämlichen Wetter- und Temperaturwechsel! Das vertrage ich offenbar einfach nicht. Aber wieso ausgerechnet heute? Es würde doch wohl kein böses Omen sein …

Ich blieb dann doch lieber zu Hause und musste das Spiel invalide von der Couch aus verfolgen. Lieber wäre ich bei meinen Kolleginnen und Kollegen gewesen, denn Schmach allein ansehen zu müssen, ist noch schlimmer als in Gesellschaft. Und während ich auf Kerstins und Janas WhatsApp-Nachrichten antwortete, die da: „Huhu, wo bist du?“ und „Wo bleibst du denn?!?“ lauteten, fing das Spiel an. Und es war nicht schön …

Wie es endete, muss ich wohl niemandem erklären. Es war einfach nur grauenvoll … Von Südkorea mit 2:0 geschlagen und aus der WM ausgeschieden! Geht es noch irgend grauenhafter?

Während das Spiel lief, chattete ich über ein Soziales Medium mit Jeannette, meiner Auffrisch-Fahrlehrerin, mit der ich mich morgen Abend treffe. Sie, ebenfalls fußballinteressiert oder -begeistert, war noch im Dienst und konnte das Spiel des Grauens nur per Radio verfolgen. Unsere Kommunikation sah dann wie folgt aus: „Was ist das für ein grauenhaftes Spiel?“ (Ich) – „Wie gut, dass ich es nur hören muss!“ (Jeannette) Und dann im Wechsel (ich begann): „[…]!“ – „[…]!!!“ – „Ah, nein!“ – „O Gott!“ – „Nein!“ – „NEIN!“ – „NEIN!!“ – „NEIN!!!“ – „Kann nicht wenigstens mal jemand abpfeifen?!? Das ist ja nicht auszuhalten!“ – „[…]!“ – „[…]!!!“ – „Endlich ist es vorbei!“ – „Ja!“ Und dann schrieb Jeannette: „Wir sollten morgen kein Eis essen, sondern ein Bierchen trinken …“ Schauen wir mal – ich fahre jedenfalls nicht mit dem Auto zum Lokal unseres Zusammentreffens … 😉

Kaum war das Spiel vorbei, begannen auch schon die Interviews und Erklärungsversuche. Und da klingelte mein Handy. Ich meldete mich mit meinem Nachnamen, und da hörte ich auch schon die Stimme meiner Mutter: „Hast du dieses Spiel gesehen?!?“ Sie meldete sich nicht einmal mit Namen, aber aus ihrer Stimme war das blanke Entsetzen zu hören. (Nein, eigentlich war es eher die blanke Entrüstung …) Dabei hatte sie erst kürzlich noch geschworen, diesmal kein WM-Spiel anzusehen! (Den „Hang“ zu konsequentem Handeln habe ich ganz eindeutig von meiner Mutter geerbt … 😉)

Interessanterweise schrie ich völlig synchron zu meiner Mutter den Satz: „Hast du dieses Spiel gesehen?!?“ Und – beide erneut synchron: „Das war ja grauenhaft!“ Und schon ergingen wir uns in Äußerungen, die glauben machen könnten, wäre auch nur eine von uns Bundes-Coach, wären wir garantiert Weltmeister geworden. Zumindest Vize-Weltmeister. 😉 Wir waren kein Jota besser als die Kerle, über die ich so gerne frotzle, die mit Pilsken und Chips auf der Couch sitzen und, bräsig über ihre Plauze hinwegsehend: „Lauf, du faule Sau!“ gen TV brüllen … 😉 (Abgesehen davon, dass meine Mutter und ich keine Plauzen haben und niemals: „Lauf, du faule Sau!“ brüllen würden … 😉)

Nachdem das Telefonat voller Entrüstung beendet war, fragte ich mich einmal mehr, warum in meiner Familie ausgerechnet meine Mutter und nicht mein Vater der Fußballfan sei, der sich über solche Dinge aufregen kann. Dann jedoch fiel mir ein, dass meine Mutter schon mit knapp eineinhalb Jahren Halbwaise geworden, nachdem ihr fußballbegeisterter Vater im Krieg gefallen war. Sie hat ihn nie richtig kennengelernt – aber das Fußball-Gen hat er ihr wohl vererbt. 😊 Er habe von klein auf immer begeistert Fußball gespielt, erzählte mir meine Oma einst, und der jüngere Bruder meiner Mutter hat dies wohl übernommen. Er spielte Fußball, bis sein Meniskus hin war. Danach verfolgte er das Geschehen eher passiv, aber nicht weniger enthusiastisch. Seinen Lieblingsverein nenne ich lieber nicht – sonst hagelt es Tomaten … 😉

Irgendwie muss ich es schon gespürt haben; zumindest schwächelte ich ja bereits auf der Heimfahrt, obwohl ich doch nur kurz mein Auto abstellen und wieder losrasen wollte … 😉 Ich gestehe, ich bin nicht so niedlich wie das WM-2010-Kraken-Orakel Paul aus Oberhausen, aber vielleicht habe ich ja eine ähnliche Befähigung wie der leider verstorbene nette kleine Krake … 😉

„Irgendwie passieren dir immer so außergewöhnliche Dinge …“ –

So meinte eine Kollegin heute zu mir, als ich ihr erzählte, was mir gestern kurz vor dem Betreten der Liegenschaften unseres gemeinsamen Arbeitgebers widerfahren war. Ich kam gerade von der zahnärztlichen Prophylaxe, genauer: der professionellen Zahnreinigung, einer echten IGEL-Angelegenheit, die bei meinem Zahnarzt rund 50,- € kostet. (Immerhin gab es gestern einige Warenproben dazu, weil ich mich darüber beschwerte, dass der Zahn 1-2, der obere kleine Frontzahn neben dem zentralen Schneidezahn rechts, bisweilen herumzicke. Genauer: weniger der Zahn, mehr das ihn umgebende Zahnfleisch.)

Ganz offenbar war die professionelle Zahnreinigung unter Zuhilfenahme einer Kürette noch nicht schmerzhaft genug gewesen, obwohl man sowohl Zähne, als auch Zahnfleisch ob ihres Topzustandes lobte (aber unangenehm ist es halt doch immer irgendwie …). Denn als ich meinen Wagen auf dem Mitarbeiterparkplatz geparkt hatte und auf das Gebäude 2 zuschritt, in dem sich der Kollegin und mein Wirkungsort befindet, ereilte mich ein weiteres schmerzhaftes Ereignis.

Kurz vor dem Eingang wollte ich meine Zigarette in einem der Abfallbehälter verklappen, die unten aus einem Müllbehälter, oben aus einem Aschenbecher bestehen. Schon beim Näherkommen sah ich Merkwürdiges: Der im unteren Müllbehälter befindliche Plastiksack flatterte. Ich wunderte mich noch und dachte: „So windig ist es doch aber gar nicht!“ Aber was sollte es – erst einmal die Zigarette ausdrücken und im oberen Teil des Behälters verklappen …

So dachte ich. Als ich mich gerade dazu anschickte und meine Hand mit der Zigarette zum Kippenbehälter ausstreckte, kam Leben in den unteren Teil des Müllbehälters! Und schneller, als ich „Hallo!“ sagen kann, stürzte etwas in Panik aus dem Mülleimer und raste flatternd in meine Richtung! Und obwohl es im letzten Moment wohl wahrnahm, was Sache war, konnte es nicht mehr abdrehen, sondern prallte mit Impetus gegen mein Brustbein …

Ich schrie wie am Spieß, als das schwarzweiße Ding gegen mich flog und ein spitzes Objekt sich in mein Brustbein zu bohren trachtete, es zum Glück nicht durchdrang … 😉 Im ersten Moment sah ich – nicht unbedingt sonderlich typisch für mich – nur Schwarzweiß, realisierte jedoch nicht, worum es sich handelte … Aber die unfreiwillige – von beiden Seiten! – Kollision schmerzte doch recht stark, und nicht nur ich schrie. Auch das schwarzweiße Ding war in heller Panik und schrie ebenfalls, flatterte panisch und schaffte es dann, die Kurve zu kriegen, während ich noch nach Luft rang. Es landete auf dem Dach des Gebäudes, in dem ich arbeite, und es schrie von dort, offenbar verärgert: „Tschack-tschack!“ Zusammen mit einigen Artgenossen, die ebenfalls auf dem Dach saßen: eine Elster war es!

Ich warf einen Blick in meinen Ausschnitt – blutete etwa etwas? So ein Elsternschnabel ist sehr spitz! 😉 Nein – zum Glück war alles soweit in Ordnung. Erst gestern Abend sah ich, dass ich tatsächlich ein kleines Hämatom habe – genau mittig. 😉

Als ich es meiner Kollegin erzählte, äußerte diese obigen Satz. Ich grinste und meinte: „Ja, ich verstehe es auch nicht so ganz und würde gern auf solche Erlebnisse verzichten.“ – „Mach dir nix draus. Mir ist zwar noch nie eine Elster gegen die Brust geprallt, aber mir passieren auch bisweilen komische Dinge.“ – „Wahrscheinlich verstehen wir einander deswegen so gut!“ – „Das glaube ich auch. Du verstehst auch immer, was ich erzähle – das passiert mir nicht oft.“

Ich habe ihr dann lieber nicht mehr erzählt, dass ich bereits einmal von einer Taube auf ähnliche Weise angeflogen worden war, die nach der Kollision schockiert, schwer atmend und irritiert gurrend auf dem Boden gesessen und um die ich mich noch gekümmert hatte, bis sie wieder flugfähig war … (Ich glaube, Tauben sind da etwas schlichter als Elstern.)

Jana habe ich dann auch davon erzählt, als wir gestern im NL-Kurs waren. Die lachte sich schlapp und meinte: „Finde ich total sympathisch. Ich dachte, nur mir würden so schräge Dinge passieren!“ – „Nein! Mir passieren öfter solch merkwürdige Sachen – mach dir keinen Kopp! Wir sind völlig normal!“ Sie meinte gerade: „Ja, klar“, als Thijs fragte, worüber wir uns da unterhielten, obwohl wir doch gerade de chchrrrammatica behandelten. Jana und ich wurden etwas rot, dann fasste ich mir ein Herz und erzählte, worüber wir gesprochen hätten, und ich fragte, was Elster auf Niederländisch heiße. Nicht sonderlich spannend: Es heißt ekster. Und ich hatte mit zwart-witte kakvogel gerechnet!

Thijs lachte sich halbtot, und er meinte: „Ich wusste von Anfang an, dass du irgendwie bijzonder bist!“ Ich starrte ihn entsetzt an und fragte: „Wie ist das genau gemeint?“ – „Niet zo, wie du es offenbar verstehst. Du hast immerrr gute Laune, wenn der cursus ist, du lachst vielll. Das ist bijzonder. Das ist ein Kompliment!“ – „Okay – danke! Dann ist es ja gut! Aber im Vertrauen: Ich habe nicht immer gute Laune …“ – „Aberrr hierrr immerrr – das ist nett!“ Na, dann! Warum sollte ich im NL-cursus auch schlechte Laune verbreiten? 😉

Und ich lerne dort auch viel. Als Thijs gestern erzählte – wir sprachen noch immer über das Thema Essen und Trinken -, einst habe eine niederländische TV-Wettermoderatorin versehentlich gesagt, am nächsten Tag würden regen – [re:xe] – en hagelslag fallen, lachte ich, rief: „Lekker weertje!“ („Schönes Wetter!“) und sagte, wenn tatsächlich hagelslag falle, würde ich sämtliche Gefäße wie Schüsseln und Eimer nach draußen stellen, um möglichst viel hagelslag aufzufangen. „Maar alleen van volle melk!“ rief ich noch, und Thijs lachte und meinte: „Du scheinst ein Fan von Schokostreuseln zu sein!“ Denn das ist mit hagelslag gemeint – echter Hagel heißt schlicht hagel, mit langem A und einem CH wie in lachen. Und ich rief: „Ja! Maar alleen van volle melk!“

Für den Fortgeschrittenenkurs bin ich inzwischen fest angemeldet, und irgendwann wird es mir auch gelingen, echte Sätze zu sprechen, inklusive aller grammatischen Zeiten. Und trotz der Tatsache, dass Elster leider nicht zwart-witte kakvogel heißt, obwohl das soviel schöner wäre. 😉

Und von meinem Physiotherapeuten konnte ich heute auch lernen: Er meinte, Kroatien würde heute 2:0 gegen Argentinien spielen, und wir stellten übereinstimmend fest, dass wir Argentinien beide nicht mögen. Hätte ich in puncto Kroatien doch mal auf ihn gehört! Die mag ich auch lieber, aber ich habe sie unterschätzt, denn ich hatte 2:2 getippt … 😉 Zwar haben sie nun 3:0 gespielt, aber da hätte ich wenigstens noch Punkte gemacht …

Euch einen schönen Abend! 😊

Epilog (einen Tag später):

Heute rief mein Physiotherapeut mich völlig überraschend an. Ich dachte, er wolle den nächsten Termin verlegen und fragte nach seinem Anliegen, nachdem ich mich gemeldet hatte. Ob es eine Terminverschiebung gebe.

„Aber nein, liebe Frau B.! Ich wollte nur nachfragen, ob Sie meinen Tipp beherzigt haben!“ – „Wie jetzt? In echt?“ – „Ja. Ich hoffe, Sie haben …“ – „Nee, leider nicht – ich kam nicht mehr dazu,“, schwindelte ich ein bisschen, da ich ja niemanden verletzen wollte. Außerdem hatte der Physiotherapeut auch noch – fast – Recht gehabt … – „Dann wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende!“ rief der Physiomann fröhlich, und ich sagte: „Wie – Sie haben jetzt ernsthaft angerufen, nur, um sich nach meinem Ergebnis zu erkundigen?“ – „Ja!“ Ich war verblüfft. Ist euch schon mal so etwas passiert?

Und wie dumm von mir, nicht gleich nach weiteren Tipps zu fragen – der Physiomann scheint tippmäßig Ahnung zu haben … 😉

Von Revolutionen, Bahnsteigkarten … und Umfragen

Gestern und heute, ergo am zweiten Spieltag, habe ich beim Tippspiel exakt 9 (in Worten: neun) Punkte erzielt und befinde mich derzeit auf Platz 8 (in Worten: acht), was morgen schon wieder ganz anders aussehen kann. Wahrscheinlich, wie ich mich kenne, mehr nach unten versetzt. Doch anders als bei der EM vor zwei Jahren suche ich keinen Tippberater mehr, da ich inzwischen begriffen habe, dass auch die treuesten Fußballkenner und Eingeweihten derzeit fast alle ganz weit unten in der Tabelle stehen, während ich auf derzeit Platz 8 eher einem Greenhorn gleiche, das nicht einmal weiß, was Abseits ist. Im Grunde bin ich daher ohnehin ganz falsch so weit oben plaziert (nein, ich schreibe nicht „platziert“ – nein!) … 😉

Fußballtechnisch lief es heute also ganz geschmeidig, und BEL:PAN lief – wie auch SWE:SKOR – völlig ungesehen von mir, denn um 14:00 h schwitzte ich über diversen Buchungen und einem zu stellenden Antrag, und um 17:00 h befand ich mich gerade auf dem Weg zur Physio. Danach raste ich nach Hause, denn wenigstens TUN:ENG wollte ich sehen, und da habe ich immerhin 3 von 4 möglichen Punkten eingeheimst, und vielleicht war der Elfmeter, der für Tunesien gegeben wurde, doch gar nicht so verkehrt gewesen. Ich hatte 0:1 für England getippt, und mit diesem Elfmeter endete das Spiel schließlich 1:2. Ohne diesen hätte England vielleicht noch viel früher aufgedreht … oder auch nicht.

Dann surfte ich ein wenig im Internet und geriet auf eines der Sozialen Medien und dort irgendwie auf eine Seite einer „politischen“ Jugendorganisation, deren Name auf besondere Haltbar-, Strapazier- und Widerstandsfähigkeit hinwies, nein: hinweisen sollte. Dort wurden wahrhaft weltbewegende Dinge diskutiert …

So gab es dort eine Umfrage, ob es legitim sei, wm-typischen Autoschmuck wie Deutschlandfähnchen abzureißen …

Ich musste zweimal hinsehen, um zu glauben, was ich dort las! Und dann konnte ich es noch immer nicht glauben … Eine diametral zum rechten Spektrum ausgerichtete Organisation startet eine Umfrage, ob es okay sei, würde man … Offenen Mundes – ich vermute es zumindest – saß ich vor meinem Lappy!

Es gibt einen schönen Spruch: „Wer in jungen Jahren nicht links ist, hat kein Herz. Wer es im Alter noch immer ist, hat kein Hirn.“ Man kann darüber streiten, und auch ich bin – nicht parteipolitisch gesehen, wohlgemerkt, mehr gefühlsmäßig – auch eher in die linke Richtung geneigt. Aber eben nie parteipolitisch – mehr vom Grundgefühl her – vom Idealistischen her. Das habe ich mir zumindest aus meiner Jugend bewahrt – und damit wohl auch mein Herz. 😉 Ich finde den Spruch oben witzig, interpretiere ihn jedoch so, dass man mit zunehmendem Alter meist (!) etwas oder viel realistischer denkt. Bei mir halten sich Idealismus und Realismus einigermaßen die Waage, obwohl ich vom Herzen und Gefühl dann doch eher eine Idealistin bin. Man muss sich aber eben nach der Decke strecken und stellt früher oder später fest, dass es eines ausgewogenen Verhältnisses bedürfe. 😉

Aber bis etwa 25 war ich auch eher spontan-impulsiv geartet. Manchmal merkt man es heute noch. Hinzu kam, dass ich in einem sehr liebevoll-wohlbehütenden Elternhaus aufgewachsen bin. Das kann gefährlich sein, denn: Wehe, wenn sie losgelassen …  Anders als meine Schwester, war ich öfter in Schwierigkeiten verwickelt. Nicht in schlimme, aber manchmal war es ein wenig unangenehm, zumal meine Eltern – zumindest mein Vater – sich nie erklären konnten, wie es dazu kommen konnte. 😉 Meine Mutter sah mich immer nur mit einer hochgezogenen Augenbraue an und meinte dann: „Die ist im Herzen eine Rebellin.“ Ja, das hat sich auch nicht geändert, und bei solch einer Konstellation ist es gut, wenn auch noch mehr oder minder viel Verstand hinzukommt, der einen zumindest nicht immer übers Ziel hinausschießen lässt. 😉

Als ich mein Elternhaus verließ (einen Tag nach der Abifeier, aber mit durchaus viel Heimweh), war es aufregend: Endlich tun und lassen können, was man wollte! Und so kletterte ich nachts über die Zäune mehrerer Freibäder, zusammen mit einer ganzen Gruppe, machte die Nacht generell gern zum Tage (ich bin eher ein „Nachtmensch“ 😉), rauchte wie ein Schlot (nicht nur herkömmliche Zigaretten) und hatte bisweilen wechselnden Übernachtungsbesuch. Trotz allem schaffte ich irgendwie – wenn auch bisweilen mit Ringen und Schatten unter den Augen – mein Pensum. Und das, obwohl gleich im ersten Semester ein Riesenstreik die gesamte Uni lahmlegte und ich mehr auf Demos war als im Hörsaal (was aber eh sinnlos gewesen wäre, da keine Vorlesungen und Seminare stattfanden – es war ja Streik). Und obwohl ich rein gar nichts dafür konnte, meinte meine Mutter: „Das ist ja typisch: Kaum fängt Ali zu studieren an, ist dort Streik, und keine einzige Veranstaltung findet statt!“ Das war ungerecht – ich konnte gar nichts dafür! 😉 Im Gegenteil – man wollte damals die philosophische Fakultät abschaffen, die Grundlage meines dortigen Seins! Dagegen musste man doch protestieren – und das tat ich, zusammen mit ganz vielen anderen Studis, auch aus allen anderen Fakultäten, denn die hatten sich solidarisch erklärt (bis auf die Physiker – die bekamen allzu Weltliches erst mit Verspätung mit, wenn überhaupt, wenn es sie denn überhaupt tangierte …). Das tat ich so gründlich, dass ich einige Tage keine Stimme mehr hatte. 😉 Ich unterschrieb Petitionen, ich schrieb einen eigenen Brief an die Bildungsministerin in Düsseldorf (wahrscheinlich landete er im Papierkorb oder gleich im Aktenvernichter, aber egal!) – es war cool, weil wir das Gefühl hatten, etwas Sinnvolles bewirken zu können – den Erhalt einer bildungstechnischen Einrichtung. 😉

Ich bin der dringenden Ansicht, dass ziviler Ungehorsam, wenn notwendig, unbedingt geleistet werden müsse. Aber alles mit Verstand.

Und da lese ich eine Umfrage, ob es legitim sei, Deutschlandfahnen abzureißen! Ich finde das Scheiße, auch wenn ich keine Fähnchen am Auto habe, aber das Argument fand ich schon so peinlich … Noch „scheißer“ finde ich jedoch diese Rundum-sorglos-abgesichert-Einstellung – man macht doch keine Umfrage, wenn man meint, im Recht zu sein (auch wenn man es im Zweifel nicht ist)! Mir wurde wirklich schlecht … Man macht, was man für richtig hält. Man muss dann aber im Zweifel auch den Kopp hinhalten. Das kann peinlich sein, wie ich weiß, denn es macht keinen Spaß, wenn man vor der Polizei wegrennen muss, die zufällig in der Nähe des Freibades Streife fährt, in das man gerade bei Nacht widerrechtlich eingedrungen ist, um fern des Tagesansturms in Ruhe ein paar Bahnen – oder Runden – zu schwimmen. 😉

In welcher Welt, so fragte ich mich vorhin fassungslos, lebe ich eigentlich? Sich im Recht wähnende Wohlstandsgören, wie ich auch eines war, starten im Internet eine Umfrage, um sich Straftatbestände, und seien sie noch so gering, legitimieren zu lassen – quasi qua vox populi! Das ist peinlich! Macht es, wenn ihr es für richtig haltet, steht dann aber auch dazu, und seid doch, bitte, nicht immer so entsetzlich peinlich-saturiert und krampfig auf Applaus aus, wenn ihr doch Rebellen sein wollt, Kämpfer für – irgendein – Recht!

Ausgerechnet ein Idol dieser Wohlstandskinderchen fiel mir ein: Lenin, der wohl einst gesagt hatte: „Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas; wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!“ Das Zitat wird ihm zumindest zugesprochen. Und er hatte wohl Recht, wenn man auch Bahnsteigkarte durch Umfrage ersetzen muss.

Als ich meinen besten Freund Fridolin in diesem Sozialen Medium online sah, schickte ich ihm den Link zur Umfrage und räsonierte haareraufend, das sei ja wohl das Grauen, und ich fragte ihn, woran dieses Grauen wohl liege.

Seine Antwort war typisch Fridolin, denn er schrieb in bemerkenswerter Geschwindigkeit: „Ich kann dir das nicht erklären. Als ich ein kleiner Bub war, war die Drohung, jemanden so zu verdreschen, dass er nicht mehr wisse, ob er Männchen oder Weibchen sei, ultimativ. Heute gibt es viele, die das ganz ohne Schläge nicht mehr wissen und stattdessen hunderte Geschlechter erfinden oder ihre sexuellen Interessen mit dem biologischen Geschlecht verwechseln. Der Wahn nimmt zu. In jeder Form. Wir verblöden (die Spezies, ich natürlich nicht).“

Man muss diese Aussage nicht en tout teilen, aber ich schüttete mich vor Lachen aus – eine vergleichsweise kurze, knackige Aussage, typisch Fridolin. Der ist sich übrigens über die Jahre treu geblieben – diese Aussage hätte er auch schon vor Jahren in Aachen tätigen können – zumindest in großen Teilen. 😉

Manche Dinge ändern sich zum Glück nicht – auch wenn seit neuester Zeit gern Umfragen getätigt werden, und das sogar von wackeren Verteidigern vermeintlicher Gerechtigkeit und Toleranz. 😉

Euch einen schönen Abend! 😊

Kurz nach der Halbzeitpause doch lieber zur Tanke …

Heute war es soweit. Das Auftaktspiel für Deutschland stand an: Deutschland gegen Mexiko.

Zuvor das Spiel Costa Rica versus Serbien. Ich hatte 0:1 für Serbien getippt, mir das Spiel auch angesehen und tatsächlich mitgefiebert. Ich gestehe, es lag auch ein bisschen an meiner Position in der Tipprunde, denn ich gehöre irgendwie zu denen, die nie so konstant in einer „Region“ der Tabelle verharren, sondern eher wie beim Tischtennis pingpongmäßig hin und her schießen, und das in erstaunlich hoher Frequenz. 😉

Von Platz 1 auf Platz 11, dann auf Platz 5, stürzte ich kürzlich auf Platz 21, und das binnen kürzester Zeit. Zwischenzeitlich war ich gar auf Platz 27, und da dachte ich noch: „Die Letzten werden die Ersten sein!“ Dabei war ich nicht einmal Letzte. Denn: Als ich dann auf Platz 29 fiel, dachte ich: „Pech im Spiel – Glück in der Liebe!“ Und da war ich immer noch nicht Letzte. Und ich dachte, dass demnächst großes Liebesglück über mich hereinbrechen werde, als ich auch schon wieder auf Platz 16 gerissen wurde! Und im Zuge des CRC-SER-Spiels gleich schwindelerregende sieben Plätze höher auf Platz 9! Eine einstellige Zahl! Hurra! 😉

Nun werden Uneingeweihte sagen, dass es daran liege, dass ich von Fußball keinen Plan hätte, aber da liegen sie nicht richtig, denn die echten Fußball-Cracks liegen auch ziemlich hinten. Es ist halt ein Vabanque-Spiel … 😉

Für das deutsche Auftaktspiel hatte ich den absolut „feigen“ Tipp 2:1 gewagt, obwohl der – wie sich herausstellte – in der Tat gewagt war. Dabei war mir – ich schwöre, es war so! – mehr nach 0:1 für Mexiko. Ja, schimpft mich nur eine Nestbeschmutzerin, aber ich fand das recht realistisch. Ich hatte Testspiele gesehen. Aber irgendwie überkam mich doch ein wenig Scham, und ich dachte, es könne ja nicht wirklich schaden und niemandem wehtun, würde ich doch pro „Die Mannschaft“ tippen.

Als die Tippzeit abgelaufen war und das Spiel begann, sah ich, dass meine Tippbrüder und -schwestern wohl ähnlich gedacht und gehandelt hatten wie ich. 😉 Zumindest war ich nicht allein.

Während der ersten Halbzeit gingen mir die Zigaretten aus, als gerade die Mexikaner ihr Tor schossen, und ich beschloss, in der Halbzeitpause mal eben zur Tanke zu titschen, denn für Fußballspiele brauche ich Zigaretten, speziell bei der WM, ich gestehe es. Aber ein Anruf hinderte mich am rechtzeitigen Aufbruch, und so beschloss ich, erst nach dem Spiel loszuziehen, zumal ich auch noch eine angebrochene Schachtel eines „Notkaufs“ fand, vor einiger Zeit getätigt, als es meine Marke – Luckies – nicht gab.

Doch obwohl noch einige Zigaretten in der Schachtel waren, schaltete ich irgendwann enerviert aus. Das Spiel ging an meine Nerven. Ich ertrug kaum, es anzusehen, und so dachte ich: „Du gehst jetzt zur Tanke. Und du solltest dich auch nicht beeilen.“ Denn: Zeichnet sich ab, dass das Grauen Einzug halten werde, muss man – ich zumindest – nicht auch noch jede Millisekunde miterleben. Es ist ähnlich, wie wenn man in absolut ungünstiger Situation gezwungen ist, einen Schwangerschaftstest machen zu müssen, wobei die modernen ja wenigstens sehr schnell anzeigen, was Sache ist. Ich jedoch musste als Studentin mal einen machen, der im Vergleich zu seinen moderneren, schnelleren  und damals sehr teuren Kollegen zu seiner Entfaltung ganze fünf Minuten brauchte, bis der Teststreifen anzeigte, was nun genau anliege (zwei blaue Streifen = nicht schwanger, zwei blaue und ein rosa Streifen mittig = schwanger). Ich gestehe, auch da musste ich das Haus verlassen – unmöglich, allein mit dem Test nebst Teststreifen in der Wohnung zu bleiben, ohne einen Herzinfarkt zu erleiden, weil man alle paar Sekundenbruchteile hinrennen und draufstarren muss, als ändere sich das Ergebnis dadurch. 😉 Und letzten Endes gab es dann zwei blaue Streifen und sonst nix …

Und so schaltete ich den Fernseher aus und machte mich kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit auf den Weg zur Aral-Tankstelle. Und ich ließ mir viel Zeit.

Als ich zurückkehrte, schaltete ich den Fernseher wieder ein. Ich muss gestehen, dass es mich nicht gewundert hätte, hätte es inzwischen 0:2 gestanden. Dem war aber nicht so – im Grunde war alles noch offen. Theoretisch zumindest. Praktisch beherrschten jedoch die Mexikaner das Spielfeld, und so ging es dann auch aus …

Keiner der Tippbrüder und -schwestern hat bei diesem Spiel auch nur einen Punkt gemacht, und ich habe beschlossen, mich künftig doch wieder mehr auf mein Bauchgefühl zu verlassen. 😉

Und nun hoffe ich, dass die Brasilianer und Schweizer wenigstens so spielen, wie ich getippt habe … 😉

Euch einen schönen Abend und – wenn ihr Fußball mögt – viel Spaß bei der WM! 😊

Auf ein Neues!

„32 Kollegen (und Kolleginnen, selbstredend, aber ich benutze – stur, wie ich bin – immer die althergebrachte Pluralform und fühle mich dabei rein gar nicht benachteiligt) müsst Ihr sein!“

So die Devise des WM-Tippspiels bei meinem Arbeitgeber, bei dem immerhin die genannten 32 Kollegen mitmachen. Ich selbstredend auch, denn mir war vor knapp drei Wochen aufgefallen, dass ja trotz „drohender“ WM noch keine offizielle Anfrage bezüglich einer Tipprunde ergangen sei. Und so schrieb ich an einem Samstagabend meinen Kollegen Alexander per WhatsApp an, der derlei Dinge stets organisiert. Und ich erhielt Antwort: Die Tipprunde sei in Arbeit, jedoch seien zuerst die, die auf die Buli-Tipprunde abonniert seien, angeschrieben worden. Aber gut, dass ich fragte, so schrieb Alex und nahm mich gleich in die Runde auf. Gern dürfe ich auch noch andere Kollegen „keilen“ (nicht „keulen“, wohlgemerkt! 😉 )

Und es bedurfte nur geringer Überzeugungskraft, Jana dazu zu holen. Und Kerstin. Und Gina. Inzwischen sind wir besagte 32 Personen, die alle mittippen.

Heute war ich recht aufgeregt – heute war doch das Eröffnungsspiel. Russland gegen Saudi-Arabien. Um 17 Uhr ging es los. Um 16 Uhr hatte ich einen Physio-Termin, der aufgrund einer Verzögerung später begann … Nein! Ausgerechnet heute! 😉

Um 16:45 Uhr schloss ich in großer Eile mein Auto auf, warf mich hinein und sauste heimwärts. Beziehungsweise: Ich wäre gern gesaust, aber vor mir waren – der Arbeitstag war wohl lang gewesen – erneut und wie morgens einige Rote-Ampel-Nickerchen-Halter, die teilweise überhaupt nicht reagierten, als die entsprechenden Ampeln auf Grün schalteten. Einmal musste ich sogar hupen, denn der Herr vor mir wollte so überhaupt nicht anfahren, wie es schien … Und ich wollte dringend nach Hause – mir erschien mein 1:0-Tipp für Russland doch etwas zu „zahm“. Man wusste ja nie … (Ich muss jedoch gestehen, dass ich den Tipp auf das im Grunde noch „zahmere“ 2:1 abändern wollte – ein Tipp, noch feiger als 1:0 … 😉 Ein Tipp für Sicherheitssüchtige. 😉 )

Als dann endlich alles im Fluss war, gab es zwei abrupte Bremsmanöver, als ein Radfahrer, von links kommend, völlig „blind“ quer über die Straße schoss. Beim zweiten Mal latschte ein Ömchen mit Hund – ebenfalls ohne jedwede Blicke nach links und rechts – einfach auf die Straße. Wildes Hupen war in beiden Fällen die Folge; verständlich, denn solche Leute muss man wirklich energisch darauf hinweisen, dass sie durchaus nicht die Einzigen auf dem Erdenrund seien. Auch nahm ich an, dass die empört Hupenden sich ggf. in ähnlicher Lage wie ich befanden: Der Drang nach Hause war groß – das Eröffnungsspiel hatte bereits begonnen! 😉

Als ich schließlich zu Hause ankam, parkte ich so schnell, wie möglich, und dann rannte ich im strömenden Regen zu „meinem“ Haus, brach beim Aufschließen der Haustür fast den Schlüssel ab und rannte dann die Treppe bis in den ersten Stock hoch, als seien Hunde hinter mir her … 😉

Schnell den Fernseher eingeschaltet, den meine Patentante mir vor vier Jahren geschenkt hat, nachdem mein alter Fernseher pünktlich zu Beginn der damaligen WM den Geist aufgegeben hatte. Sie hatte gesagt: „Dass du ohne Fernseher dasitzst, geht doch nicht! Es ist Fußball-WM!“ Und immerhin zum Viertelfinale konnte ich dann selber zu Hause die Spiele verfolgen. 😉

Als ich eingeschaltet hatte, sah ich, dass es in der Tat 1:0 für Russland stand. Und sogleich dachte ich: „Nichts gegen euch, liebe russische Nationalmannschaft, aber würde es euch etwas ausmachen, bis zum Abpfiff kein Tor mehr zu schießen? Und natürlich müsst ihr jedweden Versuch der Saudis, ein Tor zu schießen, irgendwie abwürgen!“ Nun, Letzteres gelang dann auch, aber dann fiel das 2:0. Ich stürzte – zusammen mit diversen Mitstreitern – von Platz 1 auf Platz 11, dies aber in der beruhigenden Gewissheit, dass ich nicht auf dem letzten Platz für heute landen würde, denn drei Kolleginnen hatten allen Ernstes 1:1 getippt. Allerdings blieb das Restrisiko, dass die Saudis aufholen und gleichziehen würden. Aber das geschah nicht, und als das 3:0 fiel, hatte ich mich mit den nur 2 Punkten, die ich bis dato hatte, bereits abgefunden. Beim 4:0 hob ich kaum noch meine Augenbrauen, war jedoch mit den meisten meiner Weggefährten von Platz 11 immerhin auf Platz 5 hochgeschnellt. Allerdings erstaunte mich das 5:0 dann doch – ich war sicherlich nicht die Einzige. Und seitdem bin ich zusammen mit 28 Weggefährten erneut auf Platz 1! 😉 Nur Anne, Wiebke und Marina sind auf Platz 30 – das 1:1 war wirklich unvorsichtig gewesen. 😉

Und so machte es gar nichts, dass ich meinen leichtfertigen 1:0-Tipp doch nicht mehr auf den 2:1-Sicherheitstipp hatte ändern können – all diejenigen, die per se so getippt hatten, sind zusammen mit mir auf Platz 1 … 😉 Cool – mit so etwas hatte ich nicht gerechnet. 😉

Morgen geht’s weiter …

Ali und Zahlen

Zugegeben, der Titel klingt etwas wie Malen nach Zahlen. Kennt ihr sicher vom Hörensagen und kam irgendwann in meiner Kindheit auf. Malen nach Zahlen, nicht ganz so kreativ wie Schreiben nach Gehör, aber mit ähnlich schrillen und sehr bunten Ergebnissen verbunden. 😉 Rassige Pferdeköpfe, putzige Kätzchen, die mit Wollknäulen kämpften, mehr oder minder edle Jagdhunde und Landschaftsszenen wie Stillleben mit Hummern, Weintrauben und Äpfeln in einer dekorativen Schale waren bei diesem Hobby sehr angesagt, dessen Kreativitätsgrad noch in den Kinderschuhen steckte. Selbst Schreiben nach Gehör ist erheblich kreativer – und wie!

Menschen malten nach Zahlen, die sich irgendwann als Kind voller Empörung ob der Stumpfsinnigkeit von Malbüchern – „Aber nicht über den Strich malen!“ – abgewandt hatten, nun nach einer Vorgabe, einem Aufbügel-Stickmuster nicht unähnlich („Hier Kreuzstich!“), in der die zu benutzenden Farben numeriert waren. (Nein, ich schreibe nicht „nummeriert“, und wenn ihr mich steinigt! 😉 ) Und die Bilder hingen dann – bestenfalls – in Kinderzimmern und Kellerbars.

Malen nach Zahlen hat mich nie gereizt. Ich malte und zeichnete lieber selber, ganz ohne Vorlage, und wenn mir eine Schattierung danebengeriet, war sie wenigstens von mir selber falsch gemacht und klaffte nicht blutrot im edlen Antlitz eines Pferdes, das meine frühere Schulfreundin Annabell so schön nach Zahlen ausgemalt hatte, aber leider statt der 6 und der 9 zweimal Nummer 6 in ihrem Malen-nach-Zahlen-Gebinde hatte, weswegen der eigentlich als rauchgrau geplante (normalerweise serienmäßig im hier fehlenden Farbtöpfchen Nr. 9 befindlich) Schatten nun in Blutrot (Napf Nr. 6) erschien, als habe jemand dem Pferd mit einer Machete ins Gesicht geschlagen! 😉

Nein, das war nichts für mich. Ich fiel damals nur auf Ministeck herein. Ihr mögt gern selber googeln, worum es sich dabei handelt, und ihr werdet herausfinden, dass das nur etwas für ganz besonders geduldige und in sich gekehrte Menschen sein kann. Also nichts für mich, aber ich hatte es mir zu Weihnachten gewünscht (alle Mädchen aus meiner Klasse hatten sich das gewünscht …) und auch bekommen, und so wollte ich meine Eltern nicht enttäuschen. Meine Eltern liefen recht schnell mit Mundwinkeln herum, die sie gewaltsam hinunterdrücken mussten, auf dass ich, die fluchend mit diesem blöden Zeug, winzig kleinen Mosaik-Stecksteinchen, dasaß, das ich mir gewünscht hatte und das – im Optimalfalle – Dinge hervorrief, die an Petit-point-Stickerei erinnerten, die ich schon immer als grauenhaft spießig empfand, nicht völlig von meiner Geschmacksverirrung frustriert werden sollte. Beherrschte man Ministeck, sah das Ergebnis aus wie ein mosaikhaftes Ergebnis, das man anders und eher flächig mit Malen nach Zahlen erzeugte. Und auch bei dieser Methode, Geschmacksverirrungen herzustellen, musste man offenbar das Raster, das dazu notwendig war, bereits im Kopp haben. Als Kind fand ich noch einigermaßen mangelhaft, dieses Raster eben nicht im Kopp zu haben. Je älter ich wurde, umso besser fand ich mein rasterloses Gedankendasein. 😉

Mein Metier waren eigentlich immer eher Buchstaben, Laute und alles, was man daraus bilden konnte …

Und nun sitze ich da und habe derzeit massiv mit rasterhaften Dingen zu tun. Rasterhaft. Nicht lasterhaft, wohlgemerkt. 😉 Und mit Zahlen – ganz grauenhaft … 😉 Im Moment bearbeite ich Zwischen- und Abschlussberichte. Da ich in der Einarbeitungsphase bin, alles so, wie es kommt. Das ist nicht immer angenehm, aber heute hatte ich – obwohl der Tag sich eher überraschend anließ und es ja auch unangenehme Überraschungen gibt – einige Erfolgserlebnisse! 😉 Und sogar einige Fehler, die ich nicht einmal selber erzeugt hatte, fielen mir auf. Ich mache offenbar Fortschritte. 😉

Und ich musste feststellen, dass einem Zahlen – nachdem man sie gefühlt etwa zweihundertundeinundvierzig (ich übertreibe!) Male angestarrt hat, um einen Buchungsfehler zu finden – auch ans Herz wachsen können. 😉 Vor allem dann, wenn man sie mit Namen verbinden kann, nämlich den Namen der Klienten, die hinter dieser zunächst anonymen Zahl stehen. Und ich ertappte mich dabei, wie ich urplötzlich Zusammenhänge erkennen konnte. Da fehlten doch exakt 43,- €! Und die schienen offenbar im Kontext zu dem und dem Klienten zu stehen! Oha, da hatte es wohl eine Fehlbuchung gegeben! Das musste behoben werden. Und schon behob ich, und das hoffentlich so, dass es nicht heißt: „Wir buchen – Sie fluchen“ …

Ich muss gestehen, diese eher detektivische Arbeit macht mir sogar Spaß. Noch. Allerdings nicht, weil ich nun auf einmal mit Zahlen per Du sei. Nein, ich brauche ja den Rückschluss über Namen, Gesichter und Geschichten, die hinter den Zahlen stehen. Trainiert aber in jedem Falle das Gedächtnis. 😉

Mein Fazit daher: Zahlen und ich sind einfach nicht kompatibel – wenn ich mit ihnen umgehe, brauche ich offenbar noch immer Zusatzinfos. Dann aber läuft es prima, und ich entdecke die kleinsten Fehler. Als ganz neutrale Buchhalterin daher nicht geeignet. Aber zum Glück ist das ja auch nicht mein Job. Nur eine Art Begleiterscheinung, die aber nicht schaden kann. 😉

Malen oder Denken in Zahlen bleibt mir wohl weiterhin relativ fremd. Macht aber auch nix. Jeder, wie er kann.

Euch einen schönen Abend! 😊

Von „slaatje“, „koelkastjes“ und „silveruitjes“

Gestern war ich nach zwei Wochen Auszeit – einmal fiel der Kurs wegen der Pfingstferien aus, letzte Woche hatte ich am Mittwoch bis Viertel nach 7 abends im Büro zu tun – wieder bei meiner mittwöchlichen Lieblingsbeschäftigung – dem Niederländischkurs. Jana war letzte Woche anderer Verpflichtungen wegen auch nicht dagewesen, und so waren wir ob der Tatsache, dass wir völlig „außen vor“ zum Kurs fahren sollten, ein wenig verunsichert. Für gewöhnlich ist zumindest eine von uns dort anwesend und kann dann die andere auf dem Laufenden halten.

Normalerweise wären wir zusammen gefahren, aber ich hatte noch einiges im Büro zu tun, und so meinte ich zu Jana: „Ich fahre ausnahmsweise selber direkt von hier nach M. – wir treffen uns dann dort.“ Und so fuhr ich dann auch gegen Viertel nach 5 los – und war viel zu früh da. Aber ich kalkuliere lieber großzügig, denn ich kenne mich und meinen Orientierungssinn. Den sogenannten, denn wenn ich auch einige erfreuliche Sinne habe, gehört der Orientierungssinn leider nicht dazu. Daher benutze ich ja auch auf ungewohnten Strecken immer mein Smartphone, mich zu leiten – und inzwischen habe ich diverse und ganz verschiedene Wege nach M. erkundet und war stets sehr erstaunt, aus welcher Richtung und über welch verschlungene Pfade ich am Zielpunkt eintraf. Viele Wege führen nach Rom – die Richtigkeit dieser Redensart kann ich nur bestätigen. Immerhin bin ich vor drei Wochen auf der Rückfahrt aufgrund des leeren Akkus meines Smartphones ganz eigenständig gefahren – und war sogar schneller zu Hause als mit dem Navi. Vielleicht bin ich orientierungsmäßig doch begabter, als ich dachte … 😉

Wie auch immer: Gestern war ich zu früh da, und das führte dazu, dass ich nun ein Paar neuer Ohrringe besitze, ein neues Armband und einen neuen Armreifen, denn irgendwie muss man sich doch die Zeit vertreiben, und da die VHS von M. in einem zu großen Teilen etwas deprimierenden Einkaufscenter beheimatet ist – in einer Mall -, flanierte ich dort ein bisschen und fand zielsicher eine Filiale von Pierreries Pierrette. Und was ich da im Schaufenster sah, fand ich einfach nur reizend … Und als ich wieder herauskam, hatte ich drei neue Teile an Modeschmuck – und wenn man die Ohrringe einzeln zählt, sogar vier! 😉

Bevor ich noch weiteren Talmi und Tinnef kaufen konnte – dieses Einkaufscenter bietet diesbezüglich viele Möglichkeiten -, begab ich mich lieber in den Außenbereich, wo ich zwei Zigaretten rauchte. Und dann war es auch schon Zeit für den NL-Kurs, doch als ich vor dem Kursraum eintraf, saß dort nur eine Kurskollegin, Jackie, die mich gleich nett begrüßte und meinte: „Außer uns ist noch niemand da. Habe ich beim letzten Mal viel verpasst?“ Ich lachte und meinte: „Gerade wollte ich dich das Gleiche fragen – ich war auch nicht da.“ – „O je. Ich tue mich ohnehin noch so schwer – dabei ist meine Mama Holländerin. Aber weil wir immer hier in Deutschland gewohnt haben, haben wir immer auf Deutsch miteinander gesprochen. Ich muss sicherlich viel aufholen, und erst neulich, als ich bei offenem Fenster Sprechübungen machte, rief ein Nachbar herüber, ob denn alles in Ordnung sei!“ Ich lachte mich fast schlapp. Jackie lachte auch und meinte: „Bei dir fragt sicher niemand, oder?“ Ich lachte noch mehr, denn ich musste daran denken, wie kürzlich meine Nachbarin gefragt hatte, was ich da eigentlich übte und ob ich übte oder nicht vielmehr Bauchschmerzen gehabt hätte … (Da hatte ich gerade einige Übungen hinsichtlich des heiklen ui-Lautes gemacht, und das leichtsinnig bei geöffneter Balkontür, und es klingt nun einmal so wie die Laute, die Seelöwen oder -hunde von sich geben, wenn sie das tun, was man bei diesen Tieren euphemistisch als „bellen“ bezeichnet. Es klingt im Grunde so, als übergebe sich gerade jemand. Und die Nachbarin sah mich so richtig zweifelnd an, als ich ihr sagte, dass ich gerade Niederländisch lernte. Genauer: Sie sah mich derart misstrauisch an, als hätte ich ihr erklärt, dass ich das nur lernte, um in NL ganz professionell Drogen käuflich erwerben zu können. Manche Leute verbinden mit den Niederlanden, vulgo: Holland, eben nur eines …)

Als ich Jackie das erzählte, lachte sie noch lauter als ich und war dann beruhigt. 😉

Kurz darauf kamen auch die anderen an, auch Jana, und schon ging es los. Inzwischen sind wir bei les drie angelangt, Lektion 3, und im Laufe der eineinhalb Stunden wurde mir klar, dass ich besser zuvor noch etwas Essbares zu mir genommen hätte, denn es ging um Essen und Trinken, ebenso darum, wie man in einem Lokal etwas bestelle. Wir lernten, dass ein großer Salat, ein Salat als Hauptgang, salade heiße, ein Beilagensalat hingegen slaatje, und den gab es gemäß Lehrbuch mit ganz verschiedenen Zutaten, sowohl mit tomaat oder tomaten (das N bitte nie artikulieren, sonst erkennt man euch gleich als Deutsche und könnte euch beim Drogenkauf infolgedessen über den Tisch ziehen … 😉 ), als auch wortels oder wortelen („Möhren“ bzw. „Wurzeln“) bzw. augurken (Gewürzgurken – Schlangengurken heißen schlicht komkommers, und wer Englisch und/oder Französisch sprechen kann, hat hier eindeutig Vorteile, da er zumindest cucumber und concombre kennt … 😉 ).

Wir lasen diverse Dialoge, in denen im Restaurant Bestellungen aufgegeben werden sollten – und immer war ich beim slaatje an der Reihe, das an mir klebte wie hondenpoep aan de schoen, wie (Hunde-)Scheiße am Schuh! Und het slaatje wurde stets abwandelnd angeboten, met wortels oder met rucola oder met garnalen, was sich mit diesem reizenden Ccchhhh im Anlaut spricht. Und als ich glaubte, über het slaatje erhaben zu sein, war ich erneut an der Reihe, als im Dialogverlauf jemand just dieses kalorienarme Gericht bestellte. Und als Krönung dann mit einer Zutat, die ich niemals in einen Salat, auch nicht in einen Beilagensalat, befördern würde: Denn dieses letzte slaatje um 19:42 h, das erneut bestellt werden musste, als ich mit Lesen (lezen) dran war, wurde met silveruitjes serviert! Ich bitte euch: Silberzwiebeln in einem Salat! Oder Salätchen! Die isst man doch so und dann gleich das ganze Glas leer! 😉 Mache ich zumindest so – die wären schon vernichtet, bevor sie auch nur ein Salatblatt erblickt hätten! 😉 Und wenn es sich um frische Perlzwiebeln handelte, würde ich im Handumdrehen Balsamicozwiebeln daraus kochen! 😉 Niemals kämen sie in einen salade und auch nicht in een slaatje. 😉

Im Verlauf dieser Stunde fing mein Magen empfindlich zu knurren an, und um das Ganze zu übertönen, fragte ich, wann denn nach der Sommerpause der A2-Kurs beginne. Thijs freute sich und meinte: „Immerhin eine Interessentin! Es ist immer etwas frustrierend mit die Kurse in het Nederlands. Die meiste komme und finde het Nederlands so süß! Und dann merke sie, dass das gar nicht so süß ist – und dann komme sie gar nicht mehr. Es freut mir, dass du fragst, wann die A2-Kurs anfängt!“ – „Ja, klar – ich möchte die Sprache wirklich lernen – und das ganz ernsthaft, obwohl ich sie auch irgendwie süß finde. Ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel!“ – „Nee – helemaal niet! Es freut mich, dass die Kurs dann stattfinde kann.“

Na, immerhin habe ich gestern jemandem eine Freude gemacht. 😉

Und gerade überlege ich mir, wie meine gruselige Datenschutzerklärung wohl auf Niederländisch klingen würde … Wahrscheinlich auch irgendwie knuffig. Würde besser zu meinem Blog passen als das, was da seit dem 25. Mai zu lesen ist und worin Dinge stehen, bei denen ich mich frage, ob ich sie überhaupt und wirklich nutze oder nicht aus Vorsicht lieber alles angab, um auf der sicheren Seite zu sein. Vielleicht sollte ich diesen juristischen Wust mal ins Niederländische übersetzen lassen – das läse sich sicherlich netter. 😉

Einen schönen Abend! 😊

Nachtrag: Und wenn man het slaatje nicht zur Gänze aufisst, stellt man es in de koelkast. Oder – so typisch niederländisch – in het koelkastje. In den Kühlschrank. Oder in den kleinen Kühlschrank. Und wenn ihr in einem niederländischen Hotel seid, das nicht alles auf Englisch gepolt hat, ist het koelkastje das, was anderswo als Minibar bezeichnet wird. Koelkastje hat aber viel mehr Charme. Finde ich zumindest. 😉

Die Schlinge zieht sich zu …

Heute hatte ich einen Tag frei – ein klassischer Brückentag. Das war auch günstig so, denn um 13:00 h fand meine allererste Physio statt, bestehend aus den Fraktionen Allgemeine Krankengymnastik und Traktionsbehandlung. Ich war erstaunlicherweise zu früh da, komme sonst eher auf dem letzten Drücker an, aber so konnten die Formalitäten noch bequem erledigt werden, was bedeutete, dass ich einen Anmeldebogen ausfüllte und unterschrieb sowie knapp 25,- € Rezeptgebühr und Eigenbeteiligung berappen musste.

Inzwischen sitze ich zu Hause und fühle mich so, wie man sich fühlt, wenn man bereits erahnen kann, dass am nächsten Tag der ohnehin eingeschränkte Bewegungsradius noch einmal zusätzlich limitiert sein könnte. 😉

Zunächst wurde ich in einen Raum mit einer Liege geschickt und sollte mein Oberteil ausziehen. Den BH durfte ich anbehalten, sah allerdings auch keinen Grund, ihn mir vom Leib zu reißen, denn es geht ja nur um die Schultern bzw. Halswirbelsäule. Daher erschien mir der Hinweis des Physiotherapeuten auf den anzubehaltenden BH zunächst redundant, doch dann dachte ich, dass er das sicherlich nicht grundlos gesagt hatte, nachdem möglicher- und unnötigerweise schon einige Patientinnen, die verunsichert zum ersten Mal dagewesen waren, blankgezogen hatten. 😉 Vielleicht ja sogar absichtlich, denn der Therapeut sah nicht schlecht aus. Ich schätzte ihn auf Ende 30, Anfang 40.

Also saß ich da in Jeans und einem Spitzen-BH mit floralem Muster und wartete. Da kam auch schon der Therapeut herbeigeeilt, in der Hand meine ärztliche Verordnung, und er meinte: „Frau B. – Herr Dr. L., den ich sehr schätze, hat sich etwas vage ausgedrückt, indem er von ‚mehreren Bereichen‘ schrieb. Welche Bereiche tun weh? Beschreiben Sie mir bitte die Schmerzphänomene.“ Und ich beschrieb die Phänomene, indem ich sagte: „Ich fühle mich, als hätte ich ein Ochsenjoch auf beiden Schultern, daran eine große Last. Es fing rechts an, hat inzwischen aber auch auf die linke Seite übergegriffen. Schmerzen, wie ich sie meinem ärgsten Feind nicht wünschen würde, und nachts weiß ich nicht mehr, wie ich überhaupt liegen soll. Schlafen kann ich daher auch nicht gut.“ – „Hat sich in Ihrem Leben kürzlich etwas geändert? Sport? Oder sonst etwas? Denn manchmal liegen solche Dinge auch in Stress begründet – das darf nicht unterschätzt werden. Viele tun so etwas ab und so, als würde nur körperliche Anstrengung auf Bandscheiben, Muskeln, Knochen und Gelenke schlagen, aber dem ist nicht so.“ Wie sympathisch – der Mann sah die Thematik auch eher ganzheitlich. 😉 Ich beschrieb ihm meine Situation, die sich ja im letzten Dreivierteljahr massiv und gleich zweifach geändert habe, zumindest beruflich. Er wollte wissen, was ich arbeitete, ich grinste und erläuterte, dass ich im Büro arbeitete. „Also viel Umstellung und viel Neues in der letzten Zeit, Einarbeitung und Stress, und das zweifach.“ – „Ich kann über die Abwesenheit der genannten Faktoren nicht klagen.“

Und schon stellte sich der Therapeut hinter mich, hieß mich die Schultern straffen und den Kopf heben. Im nächsten Moment schnellte ich beinahe wie eine Rakete senkrecht hoch, dabei hatte er rechtsseitig nur einen ganz bestimmten Punkt an meiner Schulter gedrückt, und das gar nicht einmal fest … Ich gestehe, ich hätte ihm am liebsten eine geknallt! 😉

„Ah, ich sehe schon, Frau B.,“, meinte er, „und ich bin froh, dass Sie mir nicht gleich eine geknallt haben, so, wie Sie darauf reagierten. Ich hätte es Ihnen nicht einmal verdenken können. Da scheint ja einiges im Argen zu sein.“ – „Aber nein! Wie kommen Sie denn darauf, dass ich Ihnen am liebsten eine geknallt hätte?“ – „Berufserfahrung.“ – „Aber nein. Aus zweierlei Gründen wäre das nie passiert: a) können Sie ja nichts dafür, b) standen Sie hinter mir – und soweit kann ich mich derzeit so schnell gar nicht drehen, ohne mich selber massiv zu verletzen!“ Herr M. lachte sich scheckig und meinte: „Sehr schön! Das gefällt mir! Eine Patientin mit Selbstironie – das sind immer die Besten. Die jammern nicht.“ – „Wieso auch? Sie tun ja nur Dinge, die auf lange Sicht helfen sollen.“ – „Hoffentlich auch auf mittlere Sicht, Frau B. – ich sehe Sie hier allerdings öfter als die sechs Male, die auf Ihrer Verordnung stehen. Aber in den 18 Sitzungen, die die KV in manchen Fällen genehmigt, kriegen wir Sie schon wieder flott.“ – „O Gott – so schlimm ist es?“ – „Nein, Sie sind keine Ausnahme! Das geht ganz vielen Leuten so. Keine Sorge.“

Und schon begann die Behandlung: „Haben Sie ein Handtuch dabei, Frau B.?“ Hatte ich. Wie gut, dass ich zuvor noch einmal gegoogelt hatte … 😉 Und ich breitete das Handtuch über die Liege und legte mich darauf. Meine Füße wurden hochgelagert, dann sollte ich mein Haupt anheben, und der Therapeut, der hinter dem Kopfende der Liege saß, schob seine Hände darunter. Und schon wurde meine HWS nebst Schultern in Nähe des Kopfes behandelt. Doof war, dass ich meinen Kopf nicht ablegen konnte, trotzdem „ganz entspannt“ liegen sollte. Hätte ich ganz entspannt gelegen, hätte der Therapeut seine Hände nur mehr erschwert bewegen können, weil das Gewicht meines Kopfes darauf gelagert hätte … 😉

Immerhin war es ansonsten ähnlich wie beim Friseur, und der Therapeut war recht gesprächig. Aber auf nette Weise, denn offenbar ist er Sarkastiker. Gute Wahl. Er erzählte von seinen Kindern, von seiner „Großen“ und den beiden „Kleinen“, und ich fragte, wie alt die „Große“ denn sei. Ich rechnete mit 12, 13 Jahren, aber Herr M. meinte: „20 ist sie gerade.“ – „Nein!“ – „Doch. Frau B. – ich bin derselbe Jahrgang wie Sie.“ – „Was?“ rief ich – zwar nicht das, was meine Eltern mir beigebracht haben, die immer darauf hinwiesen, dass es: „Bitte?“ heiße, aber wir sind hier im Pott, und da darf man auch: „Was?“ rufen, finde ich. Oder: „Wat?“ 😊 Herr M. lachte und meinte: „Ja, und ich kann das Kompliment auch erwidern. Wir sind derselbe Jahrgang, wie ich Ihrem Anmeldeformular entnahm. Sie und ich haben uns sehr, sehr gut gehalten.“ – „Bis auf meine Bandscheiben.“ – „Das haben wir auch bald wieder im Griff, und Sie springen umher wie ein junges Reh. Sind Sie ja im Grunde auch, wenn im Moment auch physisch nicht ganz so, aber im Kopp und von außen betrachtet.“ Mein Tag war gerettet. 😉

Nach dieser Erstbehandlung wurde ich in einen anderen Behandlungsraum und auf eine andere Liege gebeten, hinter deren Kopfende ein elektrisches medizinisches Gerät stand, das ein wenig an das Gerät erinnerte, das mein Zahnarzt verwendet, um im Rahmen einer Wurzelbehandlung die individuelle Tiefe bzw. Länge der zu behandelnden Wurzeln zu ermitteln. Ich beschloss, einfach nur den Anordnungen meines „Schleifers“ zu folgen und mir keinerlei Gedanken um Sinn und Zweck dieses Elektrogerätes zu machen. Und schon legte ich mich auf die Liege, die Füße wurden hochgelagert. Und der Therapeut legte eine Schlinge zwar nicht um meinen Hals, aber um meinen Kopf und um mein Kinn herum und fixierte sie. (Ich erinnerte mich an die hunderte von Malen, da ich früher, als ich noch ritt, diversen Pferden eine Trense angelegt hatte – immerhin hatte ich nun erstmalig einen Eindruck davon, wie sich das in etwa so anfühlt, obwohl man mir nicht einmal ein metallenes Gebiss zwischen die Zähne klemmte … 😉 )

„Keine Angst, Frau B. – es kostet Sie nicht den Kopf,“, sagte der Therapeut, und ich meinte: „Zum Glück bin ich nicht ängstlich.“ – „Das ist gut. Es zieht jetzt gleich ein bisschen bzw. wird gleich ein bisschen an Ihnen gezogen. Wenn Sie es nicht aushalten sollten, rufen Sie. Ansonsten drücken Sie auf diesen Knopf hier.“ Und er drückte mir eine Alarmknopfvorrichtung in die Hand. Ich bin das ja schon gewohnt – kenne ich ja aus dem MRT … 😉

Das Gerät hinter mir fing zu summen und zu brummen an (das macht das Gerät beim Zahnarzt nicht – das gibt nur eine interessante Melodei von sich, wenn es die ultimative Zahnwurzelspitze erreicht hat, während sich der Patient/die Patientin in kaltem Schweiß ganz woandershin wünscht), und recht schnell merkte ich, wie es arbeitet, denn die Schlinge um mein liebliches Antlitz und den Kopf zog sich in intermittierender Weise mehr und mehr fest und zu und schien meinen Kopf aus den Angeln heben zu wollen. Bzw. schien es meinen Hals etwas verlängern zu wollen. Es war nicht schlimm, aber auch nicht ganz schmerzfrei, und die ganze Zeit wartete ich auf das befreiende Knacken, das sich stets äußert, wenn eine Verspannung sich löst. Es knirschte und krachte zwar durchaus im „Gebälk“, aber das befreiende Knacken blieb aus …

Zehn Minuten musste ich in dieser Schlinge ausharren, dann wurde ich „abgetrenst“. Ich muss gestehen, dass ich darüber nicht ganz unfroh war, denn wenn ich auch ein bisschen größer und meine Beschwerden los sein wollte, so doch nicht über Gebühr – und wer will schon einen Schwanenhals? 😉 Und nun stehen mir noch 5 bzw. 17 weitere Traktionsbehandlungen bevor. Wenn es so weitergeht, werde ich die 1,70-m-Marke nicht nur erreichen, sondern sprengen. Ich sollte vielleicht aber meinen Therapeuten in diesem Falle noch darauf hinweisen, dass er auch meine Beine ein wenig strecken möge … 😉

Man entließ mich mit zwei Übungen, die ich dreimal am Tag machen solle. „Geht auch prima im Büro, Frau B.!“ hatte Herr M. mir noch gesagt und hinzugefügt: „Aber immer schön morgens, mittags und abends, egal, was passiert.“ (Vor meinem geistigen Auge sah ich, wie ich mitten in einer Beratung aufspringen und rufen würde: „Behalten Sie, was Sie fragen wollten! Ich muss gerade mal meine Physio-Übungen machen!“)

Und als ich die Praxis verließ, hielt ich meinen Kopp schon viel höher. Bis mir nach etwa 50 Metern etwas schwummrig wurde. Offenbar zu schnell gestreckt …

Nach einem kleinen Zwischenstopp am Finanzamt und nach dem Einkaufen langte ich zu Hause an. Vor dem Nachbarhaus stand Frau Sieling mit der kleinen Bella, einem schwarzen Kleinspitz. Da sie beide mich nicht sahen, als ich näherkam, da sie gerade in einer Gehorsamsübung befindlich waren, meinte ich gedämpft: „Nicht erschrecken.“

Frau Sieling drehte sich um, lachte, und wir begrüßten einander. Sie meinte: „Gut, dass ich Sie treffe, Frau B.! Ich hätte aber auch ohne das mit Ihnen Kontakt aufgenommen. Sind Sie noch immer an einem Stellplatz für Ihr Auto interessiert? Ich gebe meinen nämlich auf, und da habe ich sofort an Sie gedacht!“ – „Wirklich? Ja, klar – das wäre toll! Wie teuer ist der Stellplatz denn?“ – „20 Euro pro Monat habe ich bezahlt.“ – „Nehme ich sofort, auch für 30. Ab wann wäre das? Und geben Sie Ihr Auto denn ganz auf?“ – „Ja, ich schenke mein Auto meiner Enkelin zu ihrem Geburtstag, wenn sie bis dahin ihren Führerschein hat. Aber zum vierten August wird der Platz voraussichtlich frei.“ – „Zum vierten August? Das wäre ja ein echtes Geburtstagsgeschenk!“ – „Ja, ist es auch – woher wissen Sie das?“ – „Woher weiß ich was?“ – „Meine Enkelin hat am vierten August Geburtstag!“ – „Echt? Das ist sehr sympathisch – ich auch.“ – „Ach! Das ist ja nett! Das freut mich, Frau B. – dann wäre das ja in der Tat ein doppeltes Geschenk. Ich muss halt nur noch mit Frau G. sprechen, der der Platz gehört. Ich denke aber, dass es kein Problem sein wird – sie hat kein Auto.“

Das war doch mal eine nette Wendung dieses schmerzhaften Streck- und Foltertages – ich hoffe, Frau G. mag mir den Stellplatz auch überlassen und schafft sich zwischenzeitlich nicht noch ein Auto an! 😊 Ich fand es auf alle Fälle nett, dass Frau Sieling direkt an mich dachte. Klar, sie will die Last auch schnellstmöglich loswerden, aber es gibt hinreichend Menschen hier, die einen Stellplatz haben wollen. 😉

Und nun bin ich gespannt, ob ich mich morgen zumindest einigermaßen normal bewegen kann. Im Moment bestehen einige Zweifel …

Es geht doch nichts über charmante Männer …

Vorgestern war mal wieder einer jener Tage, an denen man sich denkt: „Warum bin ich nicht einfach im Bett geblieben! Ach, ja – da war doch was …“

Ja, genau. „Was“ nennt sich sozialversicherungspflichtige Werktätigkeit, und da ich nunmehr auf einer Stelle sitze, die mir – wenn ich mir ihr Spektrum irgendwann komplett angeeignet habe – sehr gefällt, zumal ich mit vielen Menschen arbeite, quasi als Dienstleisterin, fahre ich durchaus gern zur Arbeit, denn es handelt sich um eine Aufgabe, die mir wirklich Freude macht.

Bei der Arbeit war es prima, wenn auch ziemlich warm, und nur meine blöden Schultern trübten das Gesamterlebnis, denn die tun nach wie vor spätestens nach vier Stunden so weh, dass ich mich stets frage, ob es nicht irgendwo Ersatzteile gebe – zur Not auf dem Schwarzmarkt. 😉 Doch zum Glück beginnt am kommenden Freitag meine Krankengymnastik inklusive Traktionsbehandlung. Da das vom lateinischen Verb trahere kommt, was soviel wie ziehen bedeutet, habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, vielleicht doch noch die 1,70-m-Marke vom Scheitel bis zur Sohle zu erreichen … 😉 Hoffentlich zieht man recht tüchtig an mir. 😉

Als mir mein Orthopäde sagte, dass „Streckübungen“ gemacht werden würden, rief ich freudestrahlend: „Super! Seit ich dieses akute Schulterproblem habe, habe ich meine Kollegin schon mehrfach gefragt, ob sie nicht zufällig eine Streckbank zur Hand habe oder mal an mir ziehen könne. Offenbar merkt man doch selber, woran es fehlt.“ – „Ja, das stimmt – aber so schlimm wie mit einer Streckbank wird es sicherlich nicht, keine Sorge!“ – „Ich mache mir keine Sorgen – ich möchte einfach diese Scheißschmerzen loswerden – ich warte nun seit geraumer Zeit auf das erlösende Knacken, das die Verspannung löst. Aber da kommt nichts!“ Daraufhin meinte er: „Verständlich. Wir sollten uns allerdings auch noch einmal Ihre Rotatorenmanschetten genau ansehen – die Röntgenbilder legen nahe, dass Sie ggf. unter einem Impingement-Syndrom leiden oder ein solches erleiden könnten.“ – „Sie haben freie Hand – Hauptsache, diese Schmerzen gehen weg, denn die machen mich bald wahnsinnig!“ – „Sie gehen jetzt erst einmal zur Physio, und dann sehen wir weiter, ob das ohne OP zu händeln ist.“ – „Wie – OP?“ – „Ja, möglicherweise, aber wir bzw. Sie fangen jetzt erst einmal mit der Physio an. Gibt es in Ihrer Familie jemand mit dem Impingement-Syndrom?“ Ich holte tief Luft und sagte: „Danke, Papa …“ – „Ah, alles klar. Liegt wohl bei Ihnen in der Familie.“  Ja, fand ich auch total rührend … 😉

Meine Stimmung bei der Arbeit verschlechterte sich in dem Maße, wie meine Schultern ihre Sperenzchen steigerten. Trotzdem blieb ich nach außen fröhlich, und nachdem ich alles, was ich hatte erledigen wollen, erledigt hatte, schnappte ich meine Sachen, eilte gen Mitarbeiterparkplatz und stieg in den Backofen, den ich gemeinhin als Auto bezeichne. Verbrannte mir die sensiblen Fingerchen („Frau B., haben Sie auch schon Taubheitsgefühle in den Fingern, die durch Ihre angegriffenen Bandscheiben und mutmaßliches Impingement-Problem ausgelöst sein könnten?“ Danke, Herr Dr. L., dass Sie mir noch weitere unschöne Symptome nannten, von denen ich bis dato nichts ahnte … 😉 ), zuerst am Lenkrad, dann am Schalthebel. Wie gesagt: Backofen …

Einkaufen musste ich auch noch, und so fuhr ich zu einem Discounter in der Nähe. Ich brauchte unter anderem Mineralwasser (natürlich das mit Kohlensäure und nicht etwa medium). Warum – so fragte ich mich – lagert man bei diesem Discounter die 1,5-Liter-Flaschen des sprudelnden Mineralwassers im obersten Regal? Nicht nur, dass meine Bandscheiben, Rotatorenmanschetten und damit Arme einmal mehr Arien sangen, nein. Zu allem Überfluss stürzte auch noch eine 0,5-Liter-PET-Flasche mit Malzbier unerwartet auf meinen linken Fuß. Von ganz oben. Die hatte wohl dort gelegen, wo ich sie mit meinen – noch! – 1,65 m nicht hatte sehen können, nachdem ein Kunde, der zu faul gewesen war, sie dorthin zurückzustellen, wo all die anderen PET-Malzbierflaschen standen, klammheimlich neben die großen Mineralwasserflaschen gelegt hatte. Merkt ja keiner. Nicht wahr? 😉

Als die Flasche auf meinen linken Mittel- und Vorderfuß prallte, um dann davon zu reflektieren – der Einfallwinkel entspricht dem Ausfallwinkel – und danach gewissermaßen mit Effet auf die Zehen zu knallen, erlebte ich einmal mehr einen jener Momente, in denen man erfährt, dass simultanes Lachen und Weinen durchaus möglich ist. Inklusive Fluchen, denn das tat ich, und das nicht nur innerlich. Es tat aber auch wirklich heftig weh, und heute musste ich entdecken, dass sich einer meiner Zehennägel blau verfärbt hat. Ich warte also nun darauf, dass er schwarz wird – es führt kein Weg daran vorbei. Immerhin spare ich so den Nagellack. 😉

Nicht allerbester Stimmung fuhr ich nach Hause, die Kupplung mit größerer Vorsicht händelnd – oder heißt das in diesem Falle füßelnd? –, denn mein linker Fuß schmerzte aufs Possierlichste, ergatterte den vorletzten freien Parkplatz, parkte ein, stieg aus dem Auto und schlug die Fahrertür zu. Dann streckte ich mich erst einmal, um im nächsten Moment vor Schreck gefühlt einen Meter hochzuspringen! Denn ich war unerwartet angesprochen worden, nachdem ich mich ganz allein gewähnt hatte.

Und ich drehte mich um. Erneut erfolgte die unerwartete Ansprache: „Miau!“ Da stand eine Katze, wie aus dem Boden gewachsen!

Sofort waren alle Misshelligkeiten vergessen. 😊 Und ich ging in die Knie und säuselte mit leicht erhobener Stimme: „Was bist du denn für eine süße Kitty?“ Die „Kitty“ kam näher, sehr nah und dengelte ihren Kopp gegen meinen linken Arm. Wäre ich mit Katzen nicht vertraut, hätte ich es fast für eine gewaltsame Aktion gehalten, denn es geschah recht kraftvoll. 😉 Dabei schnurrte das Tier so laut, dass es fast ein vorüberfahrendes Auto hinter uns übertönte. Und es umkreiste mich, dass es enger kaum ging, schnurrte so sehr, dass es wie ein Nähmaschinenmotor klang und knallte alle paar Zentimeter seinen Kopp gegen mich. 😊

Als es rechts an mir vorbeistrich, sagte ich: „Oh! Ich sehe gerade, du bist gar keine ‚Kitty‘! Du bist ja ein ‚Tom‘! [Von tomcat, dem englischen Wort für Kater. 😉]“ Das Schnurren wurde daraufhin noch intensiver, und mit besonderer Verve knallte das Tier seinen Kopf gegen meinen rechten Unterarm.

Knapp zehn Minuten verharrte ich so in Hockstellung, umkreist von dem freundlichen Tier. Es mag bescheuert wirken, dass ich da so lange ausharrte, aber ich liebe Tiere sehr, und es ist für mich immer ein Kompliment, wenn sie zeigen, dass sie mich offenbar als vertrauenswürdig und sympathisch einstufen. (Mein Ex Giacomo meinte vor einiger Zeit mal: „Mit Ali spazieren zu gehen, ist bisweilen eine echte Herausforderung. Garantiert kommt auf dem Spaziergang von irgendwo eine Katze her. Oder ein Hund. Und dann hängt man erst einmal eine Weile fest, weil die Tiere sie so begeistert begrüßen, dass sie immer meint: ‚Wie könnte ich jetzt weggehen?‘ Wildfremde Katzen kommen auf sie zugelaufen, und sobald sie in die Knie geht, klettern sie ihr auf den Arm! Und dann wird man die Tiere nicht mehr los! Ich habe mehrere Katzen wie Hunde neben ihr herlaufen sehen, als hätte sie den Befehl Bei Fuß! gegeben. Und vor Pferden ist man auch nicht sicher!“)

Der freundliche Kater hat mich dann vom Auto – als hätte ich: „(Bei) Fuß!“ gesagt – noch bis zu meiner Haustür begleitet, ununterbrochen schnurrend. Als ich meinen Haustürschlüssel in die Hand nahm, haute er mir seinen Kopf gegen das Schienbein, sprang noch kurz an meinem Bein hoch, ließ sich knuddeln und ging dann seiner Wege. Ich war gerührt – offenbar hatte das Tier gemerkt, dass ich einen nicht ganz so tollen Tag gehabt hatte. Und als ich mich umdrehte, nachdem ich die Tür aufgeschlossen hatte, sah ich, wie er auf eine Dreiergruppe Menschen auf der anderen Straßenseite zuschritt. Dazu gehörte ein Kind, das gleich begeistert rief: „Oh! Eine Katze!“ Sogleich beschleunigte sich der Schritt des kleinen „Tom“, und ich sah, wie er zu dem kleinen Mädchen rannte, das bereits in die Knie gegangen war. 😊

Ich liebe Tiere wirklich sehr. Bis auf Insekten und Spinnen. Denen will ich zwar auch nichts, aber ich wünschte, sie würden instinktiv begreifen, dass ich ein Problem mit ihnen habe, das ich selber nicht erklären kann. Es muss irgendein urzeitliches Problem sein, wie ich heute meiner Mutter erklärte, als ich zum Rasenmähen zu meinen Eltern gefahren war, wir auf der Terrasse Kaffee tranken und ich mittendrin laut und reflexmäßig schrie und aufsprang. Eine riesige schwarze Libelle hatte mich angesteuert … 😉 Das geht ja gar nicht! 😉

Libellen und anderen Insekten fehlt einfach dieser Kuschelfaktor, und sie tauchen – anders als der charmante Kater – grundsätzlich in den ganz falschen Momenten auf. 😉

Euch ein schönes Wochenende!

Manche Dinge scheinen ganz plötzlich zu geschehen … Oder: Ali hektisch

In der Tat scheinen manche Dinge, obwohl sie regelmäßig erscheinen oder länger zuvor angekündigt waren und damit quasi wie ein Damoklesschwert über den künftig Betroffenen schwebten, ganz plötzlich auf den Plan zu treten. Bestes Beispiel: die Bahn. Völlig überraschend für das Unternehmen gibt es 4 (in Worten: vier) Jahreszeiten! Mit mindestens dreien hat die Bahn bisweilen ganz große Probleme: dem Sommer, dem Herbst und dem Winter. Im Sommer funktioniert das, was im Winter bisweilen nicht funktioniert – die Heizung in den Bahnen –, unter Umständen hervorragend. Ich selber habe bis dato zwei Fahrten dieser Art mitgemacht, und natürlich geschahen diese im Fernverkehr, als ich von Bayern nach NRW unterwegs war – stundenlang … Wie sehr habe ich die alten Züge vermisst, in denen man noch Fenster hatte, die man öffnen konnte! Dafür funktioniert die Klimaanlage im Sommer dann eben nicht – nur eines scheint zu gehen. Das muss man einsehen. 😉 Und im Herbst fallen Blätter, auch auf die Gleise, und dann, da das immer wieder völlig unerwartet geschieht, auch die eine wie die andere Bahn aus.

Jedoch gibt es auch Dinge, die explizit lange zuvor angekündigt wurden – ganz anders als die Jahr für Jahr völlig überraschend auftretenden Jahreszeiten -, und trotzdem wird man doch aufs Unangenehmste davon eingeholt.

Zumindest geht es mir derzeit so, denn ich muss mein Blog hier um jeden Preis irgendwie datenschutztechnisch korrekt (mit mindestens drei R und hübsch preußisch artikuliert) gestalten, da ja ab übermorgen diese wunderbare DSGVO ihren Einfluss geltend macht. Da ich bis vor wenigen Tagen ziemlichen Stress hatte – und das seit etwa einem Dreivierteljahr -, kam ich eher nicht dazu. Oder so. Denn wenn ich Zeit gehabt hätte, war ich so unvorsichtig, lieber zu entspannen, statt mich der Aufrüstung meines Blogs zu widmen. Selber schuld, nicht wahr? Aber immerhin bin ich gut im Improvisieren und in schnellen, hektischen, letzten Endes aber befriedigenden, Lösungen …

Mein erster Impuls vor zwei Wochen: „Alles klar, ich lösche mein Blog lieber!“ Dann dachte ich: „Geht’s noch? Auf keinen Fall! Ich habe ja noch zwei Wochen …“ Wie schnell zwei Wochen vergehen können, muss ich in derlei Fällen immer wieder genauso überrascht feststellen, wie die Bahnbetriebe jedes Jahr von neuem erstaunt über die Existenz ganz verschiedener Jahreszeiten und damit einhergehenden ganz typischen Witterungsverhältnissen zu sein scheinen. Ich bin mir sehr sicher, dass sehr nahe Verwandte meiner Wenigkeit nun den Vergleich mit der Grille ziehen würden, die im Sommer sang … (Und dies ausschließlich tat.) Oder mit einem meiner Lieblingskinderbücher: „Frederick“, dem kleinen Mäuserich, der, anders als seine Mäusekollegen, keineswegs Getreidevorräte für den Winter anlegte, sondern – aus Sicht der Mäusekollegen – in den Tag hineinlebte (was ich nicht einmal tue). Sie schimpften mit ihm und verstanden nicht, wie man so sorglos sein könne, und sie schalten ihn einen Spinner. 😉 Aber dann kam der Winter, und die Mäuschen, die Frederick trotz seiner vermeintlichen Faulheit an ihren Essensvorräten teilhaben ließen, froren und langweilten sich gar furchtbar in ihrem Bau, als die Vorräte zur Neige gingen. Und da trat der kleine Frederick auf den Plan, der im Sommer keineswegs gefaulenzt, sondern Wörter, Sonnenstrahlen und Farben gesammelt hatte, an denen er nun im Gegenzug die frierenden und sich langweilenden Mäusekollegen teilhaben ließ, die daraufhin gar nicht mehr froren. Und von Langeweile war auch nicht mehr die Rede, zumal Frederick zum Schluss noch ein persönliches Gedicht vortrug. Daraufhin riefen die Mäuschen: „Frederick, du bist ja ein Dichter!“ Und Frederick verneigte sich verlegen und meinte: „Ich weiß es, ihr lieben Mäusegesichter.“ Das ist doch süß, nicht wahr?

Meine Mutter fand dieses Kinderbuch auch immer ganz reizend. Angesichts meiner derzeitigen Situation jedoch denke ich, sie hätte es mir besser nicht so oft vorgelesen, als ich noch klein war. 😉 Irgendwie muss sich das in meinem Hinterkopf festgesetzt haben, und nun arbeite ich im Akkord an der Umsetzung dieser wunderschönen Verordnung in Bezug auf diese Seite hier. Und ich kann euch nicht einmal ein persönliches Gedicht präsentieren, wiewohl ich über Farben sicherlich eine Menge erzählen könnte. 😉

Und auch darüber, wie ich den morgigen Abend verbringen werde. Wahrscheinlich auch die Nacht … 😉

Wenn es so weitergeht, werden wir bald eingebürgert …

Derzeit habe ich ein paar Tage Urlaub, was ich noch immer nicht ganz fassen kann. Mein letzter richtiger Urlaub war vor einem Jahr – exakt heute vor einem Jahr saß ich vormittags im Flieger von Düsseldorf nach Glasgow … Darüber hinaus hatte ich zwar mal einzelne Tage Urlaub, aber weniger zur Erholung, mehr, um Termine wahrnehmen zu können, die mit Erholung wenig zu tun hatten. Zwischen Weihnachten und Neujahr hatte ich auch ein paar Tage frei, aber da musste die Klausur für die Nebentätigkeit erstellt werden. Wie auch immer: Mein letzter erholsamer Urlaub begab sich vor exakt einem Jahr – und sogar der fing wenig erholsam an. 😉

Heute früh erwachte ich und erschrak nach einem Blick auf die Uhr: O Gott – viel zu spät dran! Und schon wollte ich aus dem Bett hechten, als die Erkenntnis, dass ich ja Urlaub habe, sich allmählich in meinem Brägen manifestierte. Mit einem erleichterten Seufzer sank ich wieder zurück in die Kissen und auf meine ramponierten Schultern (mein Orthopäde hat vorgestern einen Bandscheibenschaden in der HWS diagnostiziert und mir Physiotherapie verschrieben …) – wie herrlich, im Bett liegenbleiben zu können, während andere bereits der Fron nachkommen müssen. 😉

Und ich schlief noch eine Runde, soweit es die schmerzenden Schultern zuließen, denn aufgrund der Bandscheibenproblematik walte – so der Orthopäde – dort eine Entzündung ihres Amtes. Nachdem er es gesagt hatte, habe ich auch akzeptiert, dass ich mir diese Schmerzen beileibe nicht – wie zuvor geglaubt – eingebildet hatte. Nach dem vorgestrigen Ersthelfertraining war es besonders schlimm gewesen, aber zum Glück war danach der Termin beim Arzt, der mir zwei Spritzen gab, nachdem er mich geröntgt und mir ein Rezept für die Physio ausgestellt hatte. Und nachdem er, hinter mir stehend, meinen Kopf erst nach rechts, dann nach links gedreht und zu seiner Helferin gesagt hatte: „Rechts 80. Links 80.“ Da er nichts erklärte, meinte ich frotzelnd: „Wenn Sie den Kopf einseitig mit Schwung bis 100 oder darüber hinaus drehen, habe ich danach sicherlich gar keine Probleme mehr.“ Der Arzt lachte und strich mir über die Schultern: „Ich mag Ihren Humor, Frau B.!“ Es machte mich nicht gerade froh, dass er zum Abschied zu mir sagte: „Wir sehen uns in der nächsten Zeit öfter, Frau B.!“

Den weiteren heutigen Tag vertrieb ich mir eher gemächlich, und am frühen Nachmittag ließ ich mir ein schönes, warmes Bad ein – das würde sicherlich auch meinen Schultern guttun. 😊 Ich nahm ein Buch mit, als ich mich in die Eckbadewanne begab. Ich hatte viel Zeit – erst um Viertel vor 6 sollte ich bei Jana sein, denn heute stand ja unser Niederländisch-Kurs wieder an, und wir fahren meist zusammen.

Gegen kurz vor 5 wurde ich wach. In der Badewanne – ich war vor lauter Entspannung eingeschlafen! Mein Buch hat es leider nicht überlebt … Aber zum Glück war es ein Paperback.

Ich schickte Jana eine WhatsApp-Nachricht: Ich würde aufgrund der Umstände, die ich ihr beschrieb und wofür ich mehrere Tränen lachende Emojis erntete, von hier aus direkt mit meinem Auto nach M. fahren. Das tat ich auch, mit Hilfe meines Smartphones, denn ich bin orientierungsmäßig bekanntermaßen komplett unbeleckt.

Ich kam sogar noch vor Jana im Parkhaus an. Als ich gerade zurücksetzte, um einen der Frauenparkplätze zu ergattern (ja, lacht nur, aber dieses Parkhaus ist wirklich spooky!), an denen ich vorbeigefahren war, sah ich gerade noch, wie ein silbergrauer Volvo exakt auf den Platz fuhr, den ich einnehmen wollte! 😉 Ich sah das Nummernschild – Jana! 😉 Und so fuhr ich auf den nächstgelegenen Männerparkplatz, in einer dunkleren Ecke gelegen. Ppphhhh! Ich stieg aus, und da sah ich, dass Jana schon im Weggehen begriffen war. Sie hatte offenbar gar nicht gesehen, wem sie da zuvorgekommen war, und so rief ich ihren Namen. Sie drehte sich um und rief: „Hey! Cool! Wir kommen gleichzeitig an!“ Und schon machten wir uns auf zum Kurs. Jana meinte: „Du musst kurz vor mir angekommen sein – ich habe dich gar nicht gesehen!“ – „Ich war die, die vor dir zurücksetzte, um den Frauenparkplatz noch zu bekommen.“ – „Oh! Du warst das? Sorry, das tut mir leid – ich war so froh, den Platz zu bekommen, denn das Parkhaus ist echt etwas gruselig.“ – „Ich war ja auch schon vorbeigefahren und schon ein Stück entfernt.“ – „Ja, ich hatte zwar gesehen, dass da jemand zurücksetzte, aber du warst in der Tat ein Stück entfernt. Tut mir leid.“ – „Unsinn. Alles in Ordnung.“ Und schon eilten wir gen NL-Kurs.

Als wir den Kursraum betraten, saßen nur zwei Teilnehmerinnen da. Und natürlich Thijs, der sich freute, dass doch noch zwei Leute kamen. Und da heute alles so leger war, sprachen wir über niederländische Bräuche. Wusstet ihr, dass man, wenn man bei Niederländern zum Kaffee ist, exakt nur einen Keks oder exakt ein Stück Kuchen bekommt? Sabrina, die eine der beiden zuvor Anwesenden, sprach mich gleich an: „Ali, du kennst das sicher auch, oder?“ – „Äh, eigentlich ist mir das nicht so bewusst. Obwohl … Moment! Ich glaube, ich habe das schon einmal gelesen – es gibt wirklich nur einen Keks oder ein Stück Kuchen. Ich kann das aber nicht beurteilen, da ich in den Niederlanden selten Kuchen gegessen habe, weil ich nicht so der ‚süße Typ‘ bin.“ (Kekse hatte ich schon gegessen, meist tatsächlich singulär. Auch solche, da mehr als einer unvorbereitet ohnehin weniger ratsam sein könnte. Aber das ist schon länger her … 😉 )

Kurz darauf traf dann noch Birte ein, und der Unterricht ging los. Wir haben heute weniger gelernt als sonst – Thijs schien weniger gesammelt als sonst, was mir schon zu Anfang aufgefallen war, lange bevor er sagte, er habe gestern Nacht schlecht geschlafen. Kenne ich noch aus meiner eigenen Dozententätigkeit. Man wirkt dann etwas fahrig und lässt sich leichter dazu hinreißen, Anekdoten zu erzählen (über Kekse und Kuchen, zum Beispiel 😉 ).

Immerhin lernten wir heute einiges über Personalpronomina, was wir noch nicht wussten. Dann einige Hörverständnisübungen und nette Dialoge. Ebenso einige landeskundliche Aspekte. Sabrina wollte wissen, was der Unterschied zwischen Holland und den Niederlanden sei. Thijs blickte in die Runde und meinte: „Kennt jemand den Unterschied?“ Ich grinste leider ein wenig und war prompt dran. Zum Glück kannte ich den Unterschied, und zum Dank durfte ich dann die ganzen zwölf Provinzen aufzählen, aus denen die Niederlande bestehen. Nach einigem Nachdenken fielen sie mir auch alle ein – die hatte ich alle vor Jahren im ersten NL-Kurs auswendiglernen müssen. So etwas prägt, und dann vergisst man nie wieder Flevoland oder Drenthe. Ganz zu schweigen von Noord-Brabant oder Overijssel. 😉

Ich lernte heute, dass die meisten Niederländer nicht wirklich böse würden, bezeichnete man sie als Holländer. Das kannte ich noch anders, und ich erwähnte, dass einer meiner Bekannten sich noch vor einigen Jahren dagegen verwahrt hätte, als Holländer bezeichnet zu werden. Thijs grinste und meinte: „Ja, das mögen Limburger nicht so gern.“ (Ich stellte fest, dass ich offenbar seit meinem ersten Auftreten und der Bekenntnis, diverse Jahre in direkter Nähe zu Limburg gelebt zu haben, als limburglastig gelte … 😉 ) Aber ich meinte: „Nee! Der kam gar nicht aus der Provinz Limburg – der kam aus Gelderland!“ – „Oh, das ist eher selten.“ – „Ja, aber er reagierte ziemlich angepieselt, wenn er mal wieder als Holländer bezeichnet wurde und hob stets hervor, er sei Niederländer.“ – „Ist ja eigentlich so auch korrekt.“ – „Ja, und dieser Niederländer war stets sehr, sehr korrekt! Wehe, jemand sprach das ui falsch aus!“ Thijs lachte und meinte, derlei Verhalten kenne er eigentlich nur von Limburgern. Ich warf ein, der Gelderlandse jong habe zum damaligen Zeitpunkt immerhin auch schon länger an der südniederländischen Grenze, ergo im Limburger Einzugsbereich, gelebt, woraufhin Thijs noch mehr lachte und meinte, das färbe sicherlich ab. Die Limburger würden ja auch frieten und frietjes zu dem sagen, was im großen Restbereich der Niederlande als patat bezeichnet werde und hierzulande als Pommes oder Fritten bekannt sei.

Als wir dann mehrere Dialoge lesen mussten, meinte Thijs zu mir: „Eigentlich gehörst du in den A2-Kurs. Jana auch.“ – „Um Himmels willen – mir fehlen die notwendigen Kenntnisse in der Grammatik. Ich hoffe, ich darf hierbleiben!“ Und Jana meinte: „Das gilt auch für mich! Ali und ich sind einfach niederländischverrückt, und sie hat auch noch Jahre an der Grenze gelebt – aber uns beiden fehlt das Grammatikfundament. Dürfen wir bleiben?“ Thijs lachte einmal mehr und meinte: „Ja, klar – das ist doch ohnehin selbstverständlich. Ich wollte euch eigentlich nur ein Kompliment machen.“

Wenn es so weitergeht, werden Jana und ich demnächst in den Niederlanden – vielleicht auch in Holland – eingebürgert. 😉

„Du spielst … was?“ – Eine Theorie zum Thema „Erlernen von weniger populären Musikinstrumenten von klein auf“ …

Ich spiele seit meinem siebten Lebensjahr Klavier, in Musikerkreisen und gehobener Gesellschaft auch Piano genannt, was vom italienischen Namen dieses Instrumentes kommt, der da Pianoforte lautet. Ein sehr populäres Instrument, mit dem – abgesehen von echten Fans – Generationen von Kindern und Jugendlichen gequält wurden. Keine Frage, ich finde gut, ein Musikinstrument spielen zu können. Auch das Pianoforte, obwohl es – wenn es auch ein sehr schönes Instrument ist – niemals mein Lieblingsinstrument gewesen ist. Lieber wäre mir die Querflöte gewesen, mein Lieblingsinstrument seit früher Kindheit. Schuld daran trägt ein Nachbar meiner frühesten Kindheit, der Erster Geiger in einem Sinfonieorchester war, aber neben der Violine auch Klavier, Klarinette, Saxophon und Querflöte hervorragend spielte. Da sage noch einmal jemand etwas gegen frühkindliche Prägung! 😉

Jenem Nachbarn – abgesehen von meinem Vater, der klassische Musik liebt und auch dafür Verantwortung trägt, dass ich Klavier zu spielen in der Lage bin – ist zu verdanken, dass ich erste Einblicke in das erhielt, was als symphonische – wahlweise auch sinfonische – Musik bekannt ist. Dafür gibt es ein probates Mittel. Es heißt Peter und der Wolf und ist ein sogenanntes symphonisches bzw. Musikmärchen und wurde von seinem russischen Komponisten, Sergej Prokofjew, dazu geschaffen, Kindern die Instrumente eines Sinfonieorchesters spielerisch vorzustellen und sie mit einem Orchester vertraut zu machen.

Ich habe erst kürzlich eine ältere Version davon auf einem Ableger eines Hauptsenders im TV gesehen. Sie war aus den ausgehenden 90ern und vom Orchester der Deutschen Oper Berlin nebst Loriot als Erzähler gestaltet. Ich war durch Zufall auf diesen Kanal geraten, als das Werk gerade begann, indem das Orchester die Instrumente stimmte und der Kammerton a‘ in der Luft hing, anhand dessen die Instrumente gestimmt werden, und ich blieb prompt hängen. Allein das Stimmen der Instrumente des Orchesters erzeugte bei mir Spannung. Kindheitserinnerungen kamen auf, und so blieb ich die ganze gute halbe Stunde dabei, denn es ist ein wirklich auf auch noch kleine Kinder abgestimmtes Werk und daher entsprechend kurz. 😊 Wer das als kleines Kind durchhält, hat gute Chancen, als Erwachsener eine drei- oder vierstündige Oper ohne größere Schäden durchzustehen. Wenn er denn will. 😉

Als Herr Wuttke Stephanie, seinen Sohn Gernot und mich, damals fünf Jahre alt, damals zu der Aufführung von Peter und der Wolf mitnahm, an der er selber als Bestandteil der Streicher teilhatte, die das Motiv und Thema des kleinen, tapferen Peters spielten, der mit Hilfe seines Freundes, des kleinen, ebenso tapferen Vogels, dargestellt durch – na, was wohl? – eine Querflöte, den Wolf mit einfachen, aber cleveren und garantiert nicht tödlichen Mitteln besiegt, war ich ganz aufgeregt. Mein erster offizieller Konzertbesuch! 😉 (Das dachte ich damals zwar nicht so, war aber dennoch aufgeregt.)

Bis die Vorstellung begann, war noch einiges an Zeit, und Herr Wuttke musste noch an einer Vorabprobe teilnehmen. Er meinte zu uns: „Seht euch das Musiktheater an. Aber macht keinen Ärger. Und um 17 Uhr seid ihr pünktlich hier und auf euren Plätzen.“ Und Stephanie, Gernot und ich rannten durchs Musiktheater und sahen uns alles an. Gernot war nicht zum ersten Mal dort – er kannte sich aus, und wir landeten dank seiner Kenntnisse im Großen Haus sogar hinter der Bühne, wurden mehrfach fortgejagt, aber es gab auch Mitarbeiter, die Gernot erkannten und uns dann einiges zeigten, was mit ihrer Arbeit zu tun hatte. Ich war ja noch klein und fand damals die vielen Türen, die in den Konzertraum des Großen Hauses, ins Parkett und die beiden Ränge führten, am interessantesten. Es war für mich wie ein Ausflug in eine andere, spannende Welt. Viel zu schnell mussten wir ins Kleine Haus, wo Peter und der Wolf beginnen sollte.

Das Kleine Haus war erheblich weniger spektakulär, doch dort harrten andere interessante Dinge. Denn das Orchester stimmte gerade seine Instrumente. Eine gewisse Kakophonie, aber gerade dadurch interessant – es lag Spannung in der Luft. Und schon ging es los. Der Erzähler hob an, die Geschichte zu erzählen, dann wurden die verschiedenen Charaktere vorgestellt – ergo die verschiedenen Instrumente. Und die Geschichte nahm ihren Lauf. Ich fand es spannend, aber als der Wolf, von drei Hörnern intoniert, erschien, wäre ich vor Furcht am liebsten unter dem Vordersitz verschwunden. Drei Hörner, untermalt von anderen Instrumenten und Schlagwerk, die ein sehr unheilschwangeres und unheimliches Motiv spielten. Und schon verzog ich mein Gesicht, aber da tönte von rechts: „Wehe, du heulst! Da ist kein Wolf! Das ist nur Musik.“ Es war Stephanie, die mich da warnte, sie nicht zu blamieren. Dabei hatte ich mich schon beim Motiv des Großvaters, der von einem Fagott dargestellt wird, ein wenig verunsichert gefühlt. Auch das Fagott hatte für mich einen etwas dräuenden Klang … 😉

„Nur Musik“! Ich sah Stephanie an – was sagte sie da? Das ist doch nicht „nur“! Das waren für mich keine drei Hörner – das war ein Wolf, der drohend nahte! Und das Fagott war kein Fagott, sondern ein knorziger, Pfeife rauchender Großvater, bei dem man auch nicht so recht wusste … Die Klarinette eine Katze, die auf samtenen Pfoten einherschlich oder -lief, die so nasal klingende Oboe eine Ente, die Querflöte ein munter zwitschernder Vogel, die so heiter schrammelnden Streicher der kleine, fröhliche Peter, und die Pauken und die Große Trommel waren Gewehrschüsse! „Nur Musik“! Ha!

Auf der Rückfahrt im Auto „fachsimpelte“ ich mit Herrn Wuttke und pries Peter, den Vogel und die Katze – alles Instrumente, die ich mochte. Um die Ente, die vom Wolf gefressen worden war, tat es mir leid (da hätte ich während der Aufführung fast zu weinen begonnen – immerhin war ich passionierte Entenfütterin … 😉 ), und ich war sehr beeindruckt von diesem musikalischen Werk. 😉 Herr Wuttke freute sich, und er meinte zu Stephanie und Gernot: „Wenigstens eine, die offenbar Freude daran hatte – der kleinen Ali hat es wohl gefallen.“

Seit damals frage ich mich jedoch, wie man auf die Idee komme, Instrumente wie Horn, Oboe oder Fagott von klein auf freiwillig zu erlernen. Keine Frage: Sie werden in klassischen Orchestern stets benötigt. Aber – freiwillig?

Mein Ex Richie hat mir mal vor vielen Jahren ein altes Tonband vorgespielt, das er als Kind aufgenommen hatte („Ich wollte damals Toningenieur werden!“). Man hörte ihn – als Kind – sprechen, im Hintergrund seine Eltern. Doch da waren noch andere Laute, die sehr merkwürdig klangen. Und so fragte ich: „Was ist das da im Hintergrund? Es klingt wie ein Nebelhorn oder wie ein Elefant mit schlimmen Verdauungsproblemen.“ – „Das ist mein Bruder Benno. Er hat da gerade Fagott geübt.“ Ich kannte Benno bereits. Er war Fotograf, und ein wirklich guter, ein echter Künstler. Und so fragte ich: „Benno? Fagott? Nun ja, er ist in der Tat ein wenig exzentrisch … Dennoch: Hat er das freiwillig gespielt?“ – „Nee. Er wollte eigentlich Trompete lernen.“ – „Warum dann der Schwenk vom Blech- zum Holzblasinstrument?“ – „Meine Eltern dachten, es sei nur ein Strohfeuer, und so wollten sie ihm keine Trompete kaufen, aber er meinte, in der Musikschule gäbe es Leihinstrumente. Aber alle Trompeten waren bereits verliehen, und es gab nur noch ein freies Fagott.“ – „Das wundert mich nicht!“ – „Was?“ – „Dass das Fagott noch frei war. Wer sucht sich das freiwillig aus? Ich meine … Hör doch mal hin! Das klingt wirklich nach Verdauungsproblemen. Aber gut – es ist sicherlich eine seiner ersten Übungen.“ – „Nee, da hatte er schon ein Jahr Unterricht.“ Ich schluckte. O Gott! Schlimmer als jeder Geigenschüler in der Anfangszeit. Aber – zu Bennos Verteidigung – Fagott ist sehr schwer zu spielen. „Tapfer,“, meinte ich, „wie lange hat er denn durchgehalten?“ – „Danach nur noch knapp ein Jahr – er hatte halt immer noch auf die Trompete gehofft, denn man hatte ihm gesagt, er würde die erste freiwerdende Leihtrompete bekommen, wenn einer der Trompetenschüler aufgäbe. Zunächst solle er doch mit dem Fagott beginnen …“ – „Es wurde aber keine Trompete frei, nehme ich an?“ – „Richtig. Benno selber hätte aber noch länger als die knapp zwei Jahre durchgehalten – er war wirklich fixiert auf die Trompete.“ – „Aber?“ – „Mein Vater hat ihm Geld geboten, wenn er nur mit dem Fagottspielen aufhöre.“ – „Okay, angesichts dieser Foltertöne aus der Kammer des Schreckens oder dem Zoo kann ich deinen Vater verstehen.“ – „Wir haben alle gelitten.“ – „Glaube ich sofort. Wusstest du, dass manche Orchestermusiker das Fagott auch als ‚Furzröhre‘ bezeichnen?“

Mit der Oboe, die mit dem Fagott verwandt ist, verhält es sich ähnlich. Ich habe mal eine Gruppe Oboenanfänger – auch die hatten schon fast ein Jahr Unterricht gehabt – gehört und kann nur sagen: Ja, Übung macht den Meister … Hier muss viel Übung her – extra viel Übung. Aber es sind wirklich schwierig zu spielende Instrumente mit einem heiklen Mundstück – das Erzeugen von Tönen generell, ganz zu schweigen von sinnstiftenden und beabsichtigten solchen, ist nicht von Pappe. Daher frage ich mich auch immer, ob Kinder und Jugendliche Instrumente wie Oboe und Fagott wirklich freiwillig auswählen … Auf diese Idee wäre ich nie verfallen.

Ob sie von den Eltern gezwungen werden? Ob das eigentlich gewünschte Leihinstrument in der Musikschule vergriffen war und man sie mit der Aussicht auf das erste freiwerdende Wunschinstrument in die Doppelrohrblatt-Mundstück-Falle lockte, worunter dann die gesamte Familie zu leiden hat, ebenso die Nachbarn? 😉

Oder ob sie – wie ich – als Kinder in Peter und der Wolf gebracht wurden, wo sie dann die Ente bzw. den Großvater zu ihren Lieblingscharakteren erwählten und die die beiden Figuren darstellenden Instrumente unbedingt erlernen wollten? 😉

Dennoch habe ich mir diese Neunziger-Aufführung sehr gern angesehen. Sehr niedlich, was man beim Kameraschwenk ins Publikum sehen konnte: gebannt auf die Bühne starrende Kinder mit aufgerissenen Augen und offenem Mund. Nett auch die Kommentare, das Lachen – und einmal hörte man Weinen (das tat mir etwas leid), als die Ente, die doch selber schuld war, vom Wolf verspeist wurde … Ich habe mal im Fernsehen einen Orchestermusiker lachend erzählen hören, das lebhafteste Publikum habe man stets bei Peter und der Wolf. Laute Zwischenrufe der Begeisterung oder des Bedauerns, der Sorge und Lachen seien an der Tagesordnung. Aber deswegen sei man als Musiker dabei eigentlich immer gut gelaunt, denn es sei schön, die Begeisterung und das Mitfiebern der Kinder zu erleben.

Das kann ich aus Publikumsperspektive nur bestätigen. 😊 Und wer weiß? Vielleicht sind ja einige künftige Oboisten und Fagottisten im Publikum … Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. 😉

Euch ein schönes, harmonisches Wochenende! 😊

Vielleicht sollte ich einfach wieder in mein Elternhaus ziehen …

Ich habe inzwischen das Gefühl, nach der Arbeit oder am freien Wochenende jeden Tag gen D. zu rasen, wo mein Elternhaus steht. In Wirklichkeit fahre ich nur jeden zweiten Tag. Aber das reicht auch, da ich derzeit wirklich sehr viel zu tun habe. Irgendwie reißt es nicht ab …

Heute war es ziemlich warm, und so strich ich gegen kurz nach 5, als ich im Büro meine Sachen packte, das Rasenmähen. Mochte der Rasen alles andere überragen – nicht bei diesem Wetter und nicht nach diesem Arbeitstag! Aber hin musste ich – der Garten musste gewässert werden. Außerdem musste ich mich erneut als Pest Control betätigen, da ja alle zwei Tage gegen die Plage des asiatischen Zünslers Maßnahmen ergriffen werden müssen, wie man mir im Gartencenter erklärte, als ich aus dem Bereich der ABC-Waffen die C-Variante kaufte (obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, ob nicht auch B mit hineinspielt – zumindest wurde dies behauptet;  A jedoch auf keinen Fall – das wäre dann doch etwas übertrieben 😉) Außerdem wollte ich endlich diesen vielgepriesenen Algenkalk kaufen, um nach meinen bisherigen Bemühungen den Buchsbaum noch für die Nachbrut zu vergällen. Einen Sack hatten sie im Gartencenter noch übrig, und der freundliche Inhaber des Centers meinte auch, er würde ihn mir durchaus verkaufen, wenn ich darauf bestünde. „Jedoch“, so sein fachmännisches Profigärtner-Urteil, „sind inzwischen schon zahlreiche Kunden angekommen und haben gesagt, dass das überhaupt nichts bringe. Es wurde in der letzten Zeit ein großer Hype betrieben. Es mag nutzen, wenn man vor dem Einfallen der Tiere die Sträucher damit präpariert, aber wenn die Tiere schon da sind, würde ich es nicht empfehlen. Und letzten Endes wirkt sich Kalk auch mehr auf die Bodenqualität aus. Hätten Sie noch kein Vorkommen, würde ich sagen: ‚Probieren Sie es aus!‘ Da Ihre Pflanzen jedoch schon befallen sind … Ich verkaufe Ihnen den Algenkalk, keine Frage – aber ich hatte jetzt schon so viele Reklamationen, dass ich das guten Gewissens nicht machen könnte.“ – „Es erübrigt sich ohnehin – an dem Sack hebe ich mir ja einen Bruch! Vielen Dank für die ehrliche Beratung. Dann kaufe ich doch lieber noch ein bisschen Gift.“ Der Gärtner lachte und meinte: „Klingt toll – dann kaufe ich doch lieber noch ein bisschen Gift! Sind Sie verheiratet?“ – „Mitnichten. Auch nicht verwitwet – ich vermute, Ihre Frage zielte darauf und auf die Tatsache ab, dass Giftmorde überproportional von Frauen begangen werden. Mir geht es aber wirklich nur um die Zünsler … Obwohl … Vielleicht nutzt dieser zentnerschwere Sack ja auch im einen wie anderen Falle. Wirft man ihn auf das, was man nicht oder nicht mehr mag, ob nun nörgeliger Ehemann oder Zünsler, kommt man vielleicht auch ans Ziel!“ Der Gärtner lachte heftig und meinte: „Jetzt weiß ich wieder, wer Sie sind! Sie waren in den letzten Tagen schon einmal hier und haben mich auch da zum Lachen gebracht. Kann man Sie für Veranstaltungen engagieren?“ – „Ich überlege mir das und teile Ihnen dann das Resultat meiner Überlegungen mit – sicherlich komme ich noch öfter vorbei, wenn meine Eltern nicht bald selber wieder für ihren Garten sorgen. Inzwischen gewöhne ich mich beinahe an diesen Zwei-Tage-Rhythmus, in dem ich nach der Arbeit immer nach D. fahren muss, um erneut als Blumenpflegerin, Bewässerungsexpertin wie Schädlingsbekämpferin, in größeren Abständen auch als Rasenmäherin tätig zu werden. Und das, obwohl ich Gartenarbeit nicht sonderlich mag – das geht nicht gegen Sie! Erschreckend, dass ich inzwischen über Buchsbaum und Zünsler besser Bescheid weiß als meine gartenbegeisterte Mutter, die sich mit Botanik und Gartenarbeit ziemlich gut auskennt!“ – „Können Ihre Eltern sich nicht um ihren Garten kümmern?“ – „Im Moment nicht, weil sie nicht vor Ort sind. Sie haben einen Zweitwohnsitz in der Heimat meiner Mutter und sind zweimal im Jahr für längere Zeit dort. Im Herbst-Winterhalbjahr ist das für mich entspannter – da muss man nur Blumen gießen und nach Post sehen. In der warmen Jahreszeit ist es meist stressiger, vor allem, wenn gierige Raupen sich marodierend über einen größeren Pflanzenbestand hermachen …“

Ich kaufte noch eine Portion Gift, das jedoch bienen- und vogelverträglich sei, wie auf der Packung stand, obwohl die Inhaltsstoffe furchterregende Namen hatten. Nun gut, ich bin keine Chemikerin … Dies hier war zum eigenhändigen Anmischen und von einem anderen Hersteller. Dann raste ich zu meinem Elternhaus – es war schon kurz nach 6, und irgendwann wollte ich auch endlich mal zu Hause sein.

Zunächst einmal stand das Wässern der Pflanzen an – einige Rhododendren hingen schon wie ein Schluck Wasser in der Kurve … Zunächst war der Vorgarten dran. Dazu musste ich in die Garage und hatte wohlweislich den kleinen Monty so geparkt, dass er nicht mit dem Garagentor in Konflikt geriete, das  selbstverständlich über einen Elektro-Antrieb verfügt, zumal  mein Vater Ingenieur ist. Und weil er das ist, ist er ein Bedenkenträger und hat grundsätzlich stets sämtliche Ventile sämtlicher Wasserleitungen in Haus und Garage sehr, sehr fest zugedreht, wenn er und meine Mutter längere Zeit nicht da sind – mit Überschwemmungen ist jederzeit zu rechnen. 😉 Ich kämpfe schon immer mit dem Hauptventil im Haus – das in der Garage war noch fester zugedreht …

Ich erinnerte mich prompt an eine Gegebenheit, die etwa drei Jahre zurückliegt. Ich sollte im Haus irgendetwas prüfen, musste dazu auf eine Leiter steigen und ein Ventil über Kopf öffnen. „Kein Problem, Alilein,“, hatte mein Vater gesagt, „du steigst einfach auf eine Leiter, und dann öffnest du das rote Ventil über Kopf – unten im Keller, du weißt schon …“ Das Ventil zu finden, war kein Problem, das mit der Leiter auch nicht. Aber dann – ich hatte das Telefon zwischen Schulter und Ohr geklemmt – bekam ich das Ventil nicht auf, und ich sagte zu meinem Vater: „Wo ist eine Rohrzange? Das Ding geht nicht auf!“ – „Nein, Kind, lieber keine Rohrzange – Laien sollten keine Rohrzange benutzen. Am Ende ist das Ventil hin!“ – „Sonst noch irgendwelche Tipps, wie ich das Ding öffnen kann?“ – „Dreh einfach dran.“ – „Ja, für wie blöd hältst du mich? Was mache ich hier die ganze Zeit? Ich versuche, zu drehen! Das Ding ist wie einbetoniert! Hast du es vielleicht mit einer Rohrzange festgezogen? Mit bloßen Händen doch sicher nicht!“ Ich durfte dann zwar keine Rohrzange benutzen – ich hätte das Ventil ja beschädigen können! -, aber immerhin ein anderes Werkzeug zu Hilfe nehmen. Damit klappte es irgendwann auch, aber ich schnaubte in den Hörer: „Das ist echt eine Zumutung! Nächstes Mal schraubst du das Ding nicht so fest zu, bitte! Du bist doch immer derjenige gewesen, der sich mokierte, wenn Leute Schrauben doll drehten oder Wasserflaschenverschlüsse wie die Berserker festzurrten, dass kaum jemand sie ohne Werkzeug öffnen konnte!“

Dann wollte meine Mutter mich sprechen. Und während wir sprachen, rief mein Vater etwas aus dem Hintergrund – ich sollte noch irgendetwas kontrollieren. „Was denn jetzt?“ – „Papa möchte dich noch einmal sprechen.“ Und schon war mein Vater dran, und giftig fragte ich: „Was nun? Würde ich dir eine Freude bereiten, indem ich noch ein paar Ventile auf- und zudrehe? Oder soll ich nachsehen, ob die Garage noch da ist?“ Das war es dann nicht. Aber etwas ähnlich „Spektakuläres“ … 😉 Ich liebe meinen Vater sehr, aber die Ingenieure seiner Generation sind nicht immer einfach in ihrem Bedenkenträgertum … 😉

Das Wässern des Vorgartens heute stellte – nachdem das Ventil endlich offen war – dann kein Problem dar, und ich ging sehr großzügig vor. Als ich gerade den Schlauch zum linken Teil des Vorgartens zerrte, um dort die Pflanzen zu bewässern, hörte ich hinter mir auf der Straße einen Knall, und kurz darauf schrie ein Kind und weinte bitterlich …

Ich drehte mich um – o Gott, hatte das Ganze mit meiner Turbo-Bewässerung zu tun? Nein, niemand war über den Schlauch gestürzt, der Unfall außer Reichweite geschehen. Aus dem Augenwinkel hatte ich kurz vor dem Knall eine sehr schnelle Bewegung wahrgenommen, und nun sah ich, was es gewesen war: Ein kleiner Junge, etwa sechs, sieben Jahre alt, war voller Übermut mit dem Fahrrad die Straße entlanggerast, wohl seitlich weggerutscht und dann gestürzt, und das so richtig mit Schmackes. Nun lag er da, das Fahrrad halb auf ihm, und er schrie zum Steinerweichen. Ich stellte sofort den Schlauch ab und rief: „Ganz ruhig! Liegenbleiben!“ Und ich rannte zu dem Kleinen, der bitterlich weinend bäuchlings auf dem Boden lag. Im ersten Moment hatte ich mit Kopfverletzungen, hohem Blutverlust und sonstigen Katastrophen gerechnet – es hatte wirklich laut geknallt. Und mein alle zwei Jahre stattfindendes Ersthelfertraining steht doch erst am nächsten Montag wieder an … Und es ist dringend nötig …

„Ganz ruhig liegenbleiben – warte, ich helfe dir,“, sagte ich zu dem Kleinen. Und ich hob das kleine Fahrrad auf und legte es an die Seite. „Ich kann nicht aufstehen,“, jammerte der kleine Kerl, während ich ihn begutachtete. Am Kopf, von hinten und seitlich war keine Verletzung erkennbar, und so sagte ich, die ich weiß, dass Kinder oft – wie auch hier – im ersten Schrecken gar nicht schreien, dies danach umso lauter tun – auch aus Schreck: „Komm, ich helfe dir aufstehen, das kriegen wir hin.“ Und ganz vorsichtig packte ich dem kleinen Kerl unter die Achseln und hob ihn auf, wobei er aktiv mithalf. Dann sah ich ihn mir genauer an, und ich sah, dass zwar nichts Dramatisches passiert war, er aber einige Schürfwunden hatte, von denen ich weiß, dass sie zwar harmlos sind, aber richtig fies wehtun. An beiden Knien, obwohl da nur oberflächlich und ohne Blut, aber an einem Arm eine kleine blutige Schürfwunde, am anderen Ellbogen auch.

„Das tut jetzt sehr weh, das weiß ich, aber es ist nicht so schlimm. Wo wohnst du?“ – „Da hinten,“, jammerte der Kleine, und ich fragte: „Schaffst du es bis dahin?“ Der Kleine nickte. „Deine Mama oder dein Papa sollen das desinfizieren, und dann heilt das auch ganz schnell.“

Ich erschrecke noch jetzt ein bisschen über mich – ich war wohl im Ali-als-Kind-Modus. Ich hätte den kleinen Fratz nach Hause begleiten müssen, obwohl er sagte, er schaffe das allein. Eine tolle Ersthelferin bin ich! Lässt das Kind allein nach Hause gehen! Es tut mir jetzt noch leid – ich kannte das so aus meiner eigenen Kindheit, hätte hier aber doch anders reagieren müssen.

Mein Gedanke war jedoch nicht böse oder unachtsam gewesen: Ich habe – auch im Ersthelfertraining – gelernt, dass Kinder meist viel gelassener auf kleine (!) Verletzungen reagieren, wenn man kein so großes Brimborium macht, sondern ruhig und ganz normal mit ihnen umgeht. Warum mache ich mir jetzt Sorgen? Ach, ja – weil ich den kleinen Fratz nicht allein hätte gehen lassen sollen … Am besten, ich spreche das Ganze im Ersthelfertraining in sechs Tagen an. Sicherlich werde ich verbal in der Luft zerfetzt …

Zur Strafe musste ich dann noch den hinteren Garten bewässern – es wäre alles einfacher gewesen, hätte mein Ingenieurvater mich zuvor mit der Funktionsweise des wasserführenden Systems vertraut gemacht, das er in den letzten Jahren offenbar mehrfach geändert hat … 😉

Als ich zu Hause eintraf, war es nach 21 Uhr, und meine Frisur war etwas zerzaust. Ich hatte mir wohl einmal zu häufig die Haare gerauft … 😉

Zum Glück kommen meine Eltern am Donnerstag zurück. Wäre ich gläubig, würde ich meinem Schöpfer auf Knien danken … 😉

Und noch etwas habe ich gelernt: Nie wieder werde ich unmündige Opfer ihres eigenen überhöhten Fahrverhaltens allein nach Hause gehen lassen. Das spukt mir noch immer im Kopp herum … 🙁