„Prettig met u kennis te maken!“

Heute fuhren Jana und ich nach der Arbeit gemeinsam los. Der zweite Termin des Niederländisch-Kurses stand an, und diesmal konnte ich problemlos teilnehmen. 😉

Es ist ein kleiner Kurs, denn es gibt nur 7 Teilnehmer, obwohl mehr auf der Liste standen, die heute wohl erstmalig zur Verfügung stand und auf der man die einzelnen Termine abhaken muss. Offenbar hatte die Liste auf mich gewartet. 😉

Während die anderen Teilnehmer alle ihre Haken oder Kreuzchen machten, verkündete Thijs, der Dozent, heute komme noch ein Mann dazu. Wie zu erwarten, waren – abgesehen von Thijs selber – fast nur Frauen im Kursraum. Bis auf einen versprengten Mann, der mit seiner Freundin Niederländisch lernen möchte, da sie beide mit dem Gedanken spielen, sich in „het kikkerlandje“ dauerhaft niederzulassen.

Jana raunte mir zu: „Wahrscheinlich fühlt sich Thijs wohler, wenn noch ein weiterer Mann anwesend ist,“, und ich lachte gedämpft, da man ja nicht gleich durch eine dreckige Lache auffallen möchte. Offenbar jedoch war der Mann verspätet. Und nicht nur das – er tauchte gar nicht auf! Dafür aber hörte ich von Thijs ein erstauntes: „Ach!“, als ich ihm die Liste zurückgab, und da fiel der Groschen. Er hatte mich meines Vornamens wegen, den er wohl für einen männlichen gehalten hatte, völlig falsch eingeschätzt. 😉 Ich grinste ihn an und hob meine Schultern, und er grinste zurück.

Dann wurde wiederholt, was letztmalig behandelt worden war, und Thijs meinte zu mir: „Versuch es einfach – wir sind ja noch ganz am Anfang.“ Ich war ratz-fatz mit dem Übungszettel fertig. Ich hatte ja schon einen halben Niederländisch-Kurs vor vielen Jahren gemacht – offenbar war viel hängengeblieben. Sogar die Uhrzeiten, die meine frühere Aachener NL-Dozentin Marjolein so schmählich vernachlässigt hatte, hauten hin. Es ist nicht so schwer. Und ich bin hier besonders lernwillig, weil ich diese Sprache schon immer lernen wollte – schon von Kindesbeinen an, da ich sie so mag.

Dann ging es – wie Jana mir schon von der letzten Stunde zu berichten gewusst hatte – an die Aussprache. Da hatte ich schon gegrinst, denn noch immer hatte ich ganz plastisch vor Augen, wie Mike, ein Bekannter aus Aachen, der mit meiner damaligen Kurskollegin und guten Freundin Marilu verheiratet und darüber hinaus Niederländer ist, nach den jeweiligen Kursstunden das „ausbügelte“, was uns seiner Meinung nach dort nicht optimal beigebracht worden war. Speziell an unserer Aussprache des für Nicht-Niederländer sehr, sehr heiklen Lautes ui hatte er vieles zu meckern, und es stellte sich heraus, dass er ein echter „Schleifer“ sein konnte. Als ich nach etwa zweistündigem – gefühlt längerem – Üben sämtlicher UI-Wörter, die ihm einfielen, schließlich das Wort uien, Zwiebeln, authentisch aussprechen konnte, hatte ich fast Tränen in den Augen stehen, in etwa so, als hätte ich diese Scheiß-Zwiebeln allesamt geschält und kurz und klein geschnitten. Und an Marjolein hatte er auch zu meckern: „Was hat die euch als Beschwerde im Restaurant beigebracht, wenn das Hähnchengericht nicht schmeckt? De kip is niet lekker? Sagt das nie, niemals, nicht einmal dann, wenn es stimmt, in den Niederlanden! Denn dann könnte man euch für niet lekker halten, denn das heißt auch nicht ganz dicht sein. Ich sehe schon, was Idiome anbelangt, besteht hier großer Aufbesserungsbedarf.“ Wir versprachen und schworen, dass niemals derartige Formulierungen unseren Sprechwerkzeugen entfleuchen würden. Ich zumindest habe mich seither immer daran gehalten, und lieber hätte ich behauptet, jegliches noch so wenig genießbare Gericht wäre eine wahre Offenbarung gewesen, nur um die Wendung niet lekker zu vermeiden. 😉
Auch lernte ich, dass man niemals sagen dürfe, man sei satt. Denn den Begriff gibt es auch im Niederländischen, und er schreibt sich zat. Heißt aber etwas ganz anderes als im Deutschen, nämlich be- oder sturztrunken.

Mike war in der Hinsicht zwar ein echter Einpeitscher, aber offenbar im besten Sinne. Niemals würde ich in Holland äußern, das Essen sei zwar niet lekker gewesen, ich aber trotzdem zat. 😉

Thijs machte es spannend, als es um die korrekte Aussprache ging, und schon präsentierte er uns eine Liste von Wörtern, die wir der Reihe nach laut aussprechen sollten, dazu entscheiden, ob ein Laut lang oder kurz ausgesprochen werde – die Regeln hatte er kurz zuvor erklärt. Und er begann auf der anderen Seite der U-förmig aufgestellten Tische. Ich zählte die Begriffe ab – bei der Nummer 7 würde ich dran sein. O Gott! Passend zu meiner unvergleichlichen Fähigkeit, ständig die Arschkarte, das kürzere Streichholz zu ziehen, stand hinter der Nummer 7 in de tuin, was, so wusste ich noch, im Garten heißt. Ich war die Einzige, die einen Begriff mit diesem für Neusprachler undurchdringlichen ui-Laut hatte! Das war extrem unfair, wie ich fand. 😉 Alle anderen hatten so schöne Wörter und Begriffe, und es half mir auch nicht, dass Thijs auf meine vorherige Frage, wie man den ui-Laut am besten isoliert und nachhaltig übe, gesagt hatte: „Stell dir die Geräusche vor, die Seehunde machen, und dann machst du die nach!“ Sehr schön! Ich finde ja immer, dass der typische Ruf von Seehunden (zeehonden) immer ein wenig so klinge, als übergebe sich gerade jemand. „Ah, ja“, sagte ich und fügte hinzu: „Die Nachbarn werden sich freuen!“ Dann aber dachte ich: „Kopp hoch – nur die Harten kommen in de tuin!“

Gespannt blickte Thijs mich an. Ich räusperte mich, hängte meinen Unterkiefer aus, um einen seehundartigen Laut zu produzieren, und dann fing ich zu sprechen an. Ich bin mir sicher, dass Mike mich noch mindestens eine halbe Stunde lang tuin, uit, uien und weitere Wörter, die, von Muttersprachlern artikuliert, immer so charmant klingen, monoton hätte wiederholen lassen.

Thijs hingegen war begeistert! Er sah mich an, als hätte ich soeben das Rad erfunden, und dann rief er: „Das war perfekt!“ Ich staunte nicht schlecht. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Thijs aus Den Haag stammt, Mike hingegen aus Arnhem. Man muss die unterschiedlichen Dialekte, Akzente und Mundarten beachten. 😉

Als wir dann noch in unserem Lehrbuch, das Wat leuk! heißt, was in etwa mit Wie schön/nett/lustig/toll! zu übersetzen ist, obwohl ich der Ansicht bin, dass man dieses Wort gar nicht mit dem Gefühl, das dahinter steht, ins Deutsche übersetzen könne, seit ich Mascha kenne, die insgeheim bei mir auch Leukje heißt (sie sagt es immer mit derartiger Inbrunst, dass selbst toll dieser Inbrunst nicht gerecht wird), mehrere Dialoge per Lückentextauffüllung stemmen sollten, wobei wir den Text von einer CD hörten, muss ich wohl Zweifel bei Thijs ausgelöst haben. Denn als ich mich freiwillig zum Vorlesen des zweiten – sehr formellen – Dialoges meldete und sogar alles richtig hatte, sah er mich nachdenklich an und bat mich nach der Stunde zu sich.

„Das ist nicht deine erste Niederländischstunde gewesen, oder?“ meinte er in seinem reizenden niederländischen Akzent. „Nee,“, sagte ich, „ich hatte mal einen Kurs angefangen, aber der war nicht so gut wie dieser hier, und da habe ich ihn wieder abgebrochen – es machte einfach keinen Spaß. Und sich hinzuzwingen, bringt ja nichts. Aber das ist viele Jahre her.“ – „Wo war das? Kann es sein, dass du an der niederländischen Grenze gelebt hast – oder in der Nähe?“ – „Ja, mittendrin im Dreiländereck. In Aachen. Quasi am drielandenpunt.“ – „Ha! Lag ich doch richtig! Das habe ich sofort gehört! Da sind einige Besonderheiten in deinem Akzent!“ – „O je, das ist sicherlich schlecht.“ – „Nein. Man hört halt nur den Einfluss. Man hört aber auch, dass du offenbar ein annähernd natürliches Gespür für die Sprache hast. Das ist sehr gut. Unbedingt weitermachen.“

Super. Da ich in nächster Nachbarschaft der Provinz Limburg gelebt habe, klinge ich für jemanden, der Hoch-Niederländisch spricht (klingt irgendwie auch ein bisschen bekloppt: Hoch-Niederländisch), sicherlich so, wie es für einen Norddeutschen klingt, der ins tiefste Bayern zieht. Ich grinste Thijs an, der grinste zurück und meinte: „Man hört es ein bisschen an den Vokalen. Aber alles wunderbar und authentisch! Unbedingt weitermachen!“

Ich war überrascht: Ich lebe doch schon so lange nicht mehr in Aachen und sehe auch Mascha nur selten. Was einem alles ganz unbewusst so anhaftet! Sogar in Fremdsprachen …

Offenbar hat der sprachliche Einfluss aus Vaals, Maastricht und Umgebung mehr hinterlassen als die Bemühungen von Mike, der aus der Provinz Gelderland stammt. Glücklicherweise lebt er, denn sonst würde er im Grab rotieren – er fand die Limburgse Mundart immer ziemlich furchtbar … Armer Mike – da hatte er sich solche Mühe gegeben … 😉

Ich werde mich künftig bemühen, doch mehr die Hochsprache zu lernen. 😉 Spaß macht es allemal! 😊

Von „slingerschijt“ und „mierenneukers“

Vorgestern fand das erste Treffen des Niederländischkurses für groentjes en beginnelings statt, für den Jana und ich uns angemeldet haben – beide große Fans der Nederlandsche taal. Leider ohne mich, denn ich musste an jenem Mittwoch überstürzt und ohne mein tägliches Arbeitspensum geschafft zu haben, die Stätte der Fron verlassen. Mir ging es gar nicht gut. Ich hatte von halb 9 bis halb 12 Weiterbildungswillige eingeschrieben und war heilfroh, dass Jana – leise zwar, aber hörbar – Musik laufen hatte, denn ich hatte mir wohl am Tage zuvor etwas eingefangen, das nun Magen-Darm-Konsequenzen hatte. Mein Bauchbereich sonderte Geräusche ab, als kämpften zwei verfeindete Wolfsrudel oder sonstige Raubtiere miteinander … Ich hoffe, es lag nicht an der Veranstaltung vom Tage zuvor, da im internationalen Austausch befindliche Kunden uns kulinarische Spezialitäten ihrer jeweiligen Heimat kredenzt hatten. Falls doch, bin ich mir nicht ganz sicher, ob die getrocknete Mango aus Vietnam oder nicht doch der auf einer Eigenkreation beruhende „Auflauf“ aus den Vereinigten Staaten, der sehr viel Tabasco enthielt, dafür verantwortlich war.

Fakt war: Es ging mir gar nicht gut, und ich musste überstürzt nach Hause, teilte Jana aber noch mit, ich würde ihr Bescheid geben, wenn mit meiner Teilnahme am NL-Kurs wirklich nicht zu rechnen sei.

Gegen 17:15 h schickte ich ihr eine WhatsApp-Nachricht. Es ging so gar nicht, zumal ich quasi auf zwei Rädern mit dem Auto zu Hause eingetroffen war und meine Zeit danach hauptsächlich im Badezimmer fristete … Jana schickte mir liebe Grüße und Genesungswünsche, während ich mich ärgerte: Wie gerne wäre ich in die Nachbarstadt zum Kurs gefahren, auf den ich mich schon lange gefreut hatte!

Ich gebe zu, ich hatte schon ein bisschen überlegt, wie ich die Nachricht schicken sollte, nachdem ich recht schnell festgestellt hatte, dass meine Teilnahme an der ersten Stunde nicht gegeben sein würde (allerspätestens ab 17 h). Sollte ich ihr eine markige niederländische Bezeichnung meines Zustandes übermitteln, die sie dem Kursleiter gleich ebenso markig mitteilen könnte? Ich eruierte – wozu gibt es Online-Wörterbücher? -, dass mein Zustand ganz langweilig auch im Niederländischen als diarree bezeichnet werde. Langweilig.

Doch was war das? Da standen noch diverse Synonyme! Und eines davon war slingerschijt! Ich brach vor Lachen fast zusammen, wobei ich zum Glück ja schon saß. Und dachte einmal mehr: „Wie liebenswert-direkt diese Sprache doch ist – wie für mich geschaffen!“ Übersetzt das doch mal wörtlich ins Deutsche (was man eigentlich und normalerweise nicht so 1:1 darf – hier aber schon … 😉 )! Einfach grandios! 😉

Gestern bin ich eigentlich nur zur Arbeit gegangen, weil ich keine Lust darauf hatte, dass mein ohnehin schon immenses Arbeitspensum noch mehr zunähme, mein Schreibtisch, den ich derzeit ohnehin schon bisweilen gern einfach in die Luft sprengen würde, noch voller wäre. Richtig gut ging es mir immer noch nicht, und ich habe den ganzen Tag statt Kaffees nur Tee getrunken, schwarzen Tee, echten englischen schwarzen Tee mit viel Tannin. Der scheint auch geholfen zu haben. (Rührend war aber, wie meine Kolleginnen reagierten: „Das liegt alles nur an deiner Doppelbelastung!“ Fand ich richtig lieb, sagte jedoch: „Ich denke eher, es war die getrocknete Mango. Ich scheine darauf allergisch zu reagieren.“)
Jana meinte: „Ich glaube, du hast nicht so viel verpasst bei dem Kurs – ich denke, das, was wir gelernt haben, kanntest du schon. Wir haben Farben und Uhrzeiten gelernt.“ Die Farben kannte ich in der Tat schon, aber hinsichtlich der Uhrzeiten musste ich feststellen, dass meine Niederländisch-Dozentin an der RWTH da etwas hat schleifen lassen … 😉

Gleich fragte ich Jana nach den anderen Teilnehmern und dem Kursleiter. Kaum überraschend, teilte sie mir mit, dass bis auf einen Teilnehmer nur Frauen anwesend wären. Und der Kursleiter sei Niederländer und total nett, obendrein Sprachwissenschaftler. „Und da ist so eine Frau dabei, die wie eine Bibliothekarin oder Archivarin wirkt – eine echte Korinthenkackerin.“ – „Ah, so eine gab es in meinem früheren NL-Kurs auch – das scheint eine Art Standard in Sprachkursen zu sein. Die schien zum Lachen in den Keller zu gehen und schüttelte immer ihr weises Haupt, wenn wir alle mal wieder über einen knuddeligen niederländischen Begriff lachten – sogar die niederländische Dozentin. […] Was heißt eigentlich Korinthenkacker auf Niederländisch?“

Und schon bemühte ich eines der Online-Wörterbücher, und dies in Erwartung eines neuen erheiternden Begriffs, während Jana, genauso niederländischverrückt wie ich, mich gespannt ansah. Ich las laut: „Mierenneuker!“ Dann lachte ich. Jana rief: „Los! Was heißt das?!?“ – „Nun ja, was neuken heißt, weiß jeder, der schon mal den Spruch: Lekker neuken op de Wallen zonder te betalen gehört hat. Oder: Lekker neuken in de keuken!“

Jana sah mich an, dann fing sie heftig zu lachen an. Sie hatte sofort verstanden … Dann meinte sie: „Zumindest der hintere Teil des Wortes ist klar. Aber was sind mieren?“ – „Keine Ahnung – ich kenne nur Nieren. Aber warte …“ Und schon gab ich mieren ein. Sekundenbruchteile später versank ich in einer Art Lachflash …

„Los! Was heißt das? Was sind mieren?!?“ schrie Jana. „Nun sag schon – das ist unfair! Den hinteren Wortteil habe ich verstanden – aber warum lachst du jetzt so? Es muss etwas völlig Bescheuertes sein!“ Ich sah sie an und meinte: „Ja! Mieren sind Ameisen! Und nun kombiniere das eine mit dem anderen Wort – das ist ja noch besser als unser Korinthenkacker, obwohl ich den Begriff schon sehr schön finde!“ Und ich schüttete mich erneut vor Lachen aus. Jana meinte nur: „O Gott!“ Dann lachte auch sie hemmungslos. Und meinte schließlich: „Ali, wir sind genau richtig in einem Kurs, der uns diese Sprache lehrt – das ist einfach nur grandios und witzig!“ – „Einer der Gründe, weswegen ich diese so plastische Sprache lernen will.“

Jana erklärte mir dann noch, dass nächste Woche primär an der Aussprache gearbeitet werden würde, und dass der Kursleiter schon gesagt habe, dass das niederländische ui etwas schwieriger sei. Aber wenn man die korrekte Aussprache des Begriffs Feuilleton beherrsche, könne gar nichts schiefgehen. Merke: Man sollte die französische Sprache beherrschen, wenn man Niederländisch korrekt lernen will. Da sind Jana und ich zum Glück richtig.

Und selbst wenn unsere Aussprache vom Kursleiter moniert werden sollte, können Jana und ich nun immerhin dem Kursleiter sagen: „Hey! Wil je een mierenneuker zijn?“

Das ist doch schon einmal ein guter Anfang. 😉 Oder nicht?

Viele Wege führen nach Bonn – doch wehe, man will wieder weg …

„Wäre ich doch mit dem Auto gefahren!“ So dachte ich heute mehrfach, als ich die Stadt Bonn – einst Bundeshauptstadt – anderweitig verlassen wollte. Schon nach meinem Erstbesuch dieser Stadt hatte ich mich – damals noch ein Kind – schon gefragt, warum man just diese Stadt ausgewählt habe, obwohl sie zweifellos partiell sehr hübsch ist – es sei denn, man geht von ihrem Bahnhof aus … Denn der ist das Grauen. Zumindest momentan. Und Bonn an sich ist eine nette, wenn auch provinzielle Stadt.

Glücklicherweise bin ich eine Freundin des Realismus, und meine Eingangsfrage beantwortete ich mir selber: „Weil du Autobahnfahren hasst wie die meisten Katzen das Wasser!“ (Bis auf die aus der Türkei stammende Van-Katze, die Wasser so sehr liebt, dass sie sich voller Elan in die für ihren Halter wohltemperiert gefüllte Badewanne stürzt … 😉 Einige Ausnahmen mag es geben, aber die meisten Katzen verabscheuen Wasser und mögen es höchstens in geringer Darreichungsmenge zum Trinken.)

Am Mittwoch war ich zu einem vom DAAD veranstalteten Workshop gefahren, und auf der Hinfahrt war auch alles tutti. Mal abgesehen von dem eindeutig kurz vor der Abwrackung stehenden ehemaligen „InterRegio“-Zug, der inzwischen umgespritzt und – gefärbt als „InterCity“ unterwegs ist … Und „inzwischen“ bedeutet auch, dass er offenbar schon kurz nach Beginn der Geschichtsschreibung als solcher eingesetzt wurde. Aber was erwarte ich von einem IC, der tatsächlich in meiner Heimatstadt hält! 😉

Der Workshop war richtig toll, und ich kann rein gar nichts Schlechtes sagen, außer die Tatsache anmerken, dass die hervorragende Dozentin diesen auf absehbare Zeit nicht mehr veranstaltet, was wirklich ein Verlust ist. Sie erläuterte mir heute in der U-Bahn vom Gustav-Stresemann-Institut bis Bonn Hbf, warum dies so sei, und ich fand Gelegenheit, mich persönlich zu entschuldigen, dass mein vermeintlich auf lautlos gestelltes Smartphone gestern mitten im Seminar geklingelt hatte … 😉 (Bis gestern hielt ich mich für eine erbärmliche Sprinterin. Nun ja – auch diese Zeiten sind vorbei …)

Irgendwie verband diese Dozentin und mich offenbar etwas, denn als ich am Mittwoch eingecheckt, mein Zimmer im Institutshotel eingenommen hatte und nun mit dem Aufzug nach unten fuhr, um noch um den Block zu marschieren und mir etwas zu essen zu kaufen, prallte ich beim Aussteigen mit einer mich um Haupteslänge überragenden Dame zusammen, die direkt vor dem Aufzug gestanden hatte und unvermittelt eintreten wollte, dann jedoch rasch ihren Trolley beiseite fuhr, um den bisherigen Fast-Umfall zumindest zu minimieren. Ich dachte, warum auch immer: „Das ist garantiert die Dozentin!“ Keine Ahnung, warum. Doch! Wann immer ich Fortbildungen mache oder gemacht habe, gab es bei meiner Ankunft oder vice versa Zusammentreffen vorher, bei denen ich dachte: „Das ist garantiert der Dozent/die Dozentin!“ Oft mit irgendwelchen Peinlichkeiten oder Missgeschicken verbunden – und nicht selten trog meine Ahnung nicht.

Es wunderte mich daher am nächsten Morgen keineswegs, dass ich kurz vor Beginn des gestrigen Seminartages just dieser Frau gegenüberstand, die all ihre Eleven persönlich und mit Handschlag begrüßte. Als ich vor ihr stand, stutzten wir beide, und dann fing ich zu lachen an – ich kann leider nicht aus meiner Haut. Sie lachte mit und meinte: „Irgendwoher kennen wir uns!“ – „Ja, wir wären gestern fast zusammengeprallt.“ – „Wo?“ – „Als Sie wohl gerade ankamen und den Aufzug nehmen wollten, aus dem ich gerade ausstieg …“ – „Ach, ja! Das ist ja nett! Wohnen Sie auch im dritten Stock?“ – „Nein, im ersten.“ Trotzdem schüttelte sie mir heftig die Hand, und ich konnte mir sicher sein, dass ich nicht mehr aus dem Auge gelassen werden würde.

Ehrlich gestanden: Da hatte ich die Befürchtung, dass ich nunmehr zu jeglichen unangenehmen Übungen herangezogen werden würde. Ich kenne das von manchen Dozenten: Sie kennen ein Gesicht und greifen dann in Zweifelsfällen gern auf dessen Inhaber zurück. Wie auf einen Rettungsanker. Ich habe das in meiner Dozententätigkeit nie gemacht, war aber während eines Seminars im Rahmen einer Fortbildung schon einmal „Opfer“.

Die Dozentin hier war jedoch wirklich gut und behandelte uns alle gleich. Und sie war nett, dennoch unnachgiebig, und wir haben gestern wirklich von 9 bis Viertel vor 6 gearbeitet, und das, da es auch um Themen ging, die den Umgang mit Emotionen in der Beratungstätigkeit behandelten, wirklich energieraubend. Heute von 9 bis Punkt 1. Und sie hat geschafft, dass auch ich inzwischen glaube, in ferner Zukunft mal eine gute Beraterin zu werden. 😉 Offenbar habe ich bis dato auch viel durchaus richtig gemacht, wie sie mir bescheinigte, da ich mich trotz geringer Erfahrung häufig einbrachte. Sie sagte mir heute in der U-Bahn: „Ihre Eingangsfrage fand ich wirklich nett, als ich fragte, wie Sie alle Ihre Kunden begrüßen würden: ‚Was führt Sie zu mir?‘ Und Ihre Attitüde fand ich so nett: Sie vermittelten wirklich, interessiert zu sein, und Sie bringen etwas herüber, das dem Ratsuchenden zeigt, dass er Ihnen alles erzählen kann.“ Ich grinste, weil ich dachte: „Ja, derzeit bin ich liebreizend, da ich noch nicht viel von der Tätigkeit weiß und mir die Ratsuchenden leidtun, da sie just auf mich treffen. Da muss man doch wenigstens lieb sein und sie lieb begrüßen.“ Das sagte ich auch der Dozentin, die schallend zu lachen begann.

Dann meinte sie: „Ich glaube, Sie unterschätzen sich. Sie scheinen wirklich sehr schön mit Ihren Kunden umzugehen. Sie müssen sich nur Zeit lassen – Sie sind doch noch ganz am Anfang. Hat sich denn schon mal jemand über Sie beschwert?“ – „Nein. Eher im Gegenteil.“ – „Na, sehen Sie! Das meine ich.“ So erzählte sie mir heute in der U-Bahn Richtung Chaos, auch Bonn Hbf genannt.

Dort trennten sich unsere Wege, denn sie musste weiter nach Köln, während ich für drei Stunden strandete.

Da der Arbeitgeber Öffentlicher Dienst nurmehr die günstigsten Tickets bei Dienstreisen akzeptiert und erstattet und da ich mit Verzögerungen gerechnet hatte und nach Möglichkeit ohne Umsteigen zurück ins Ruhrgebiet wollte, hatte ich mir eine bestimmte Verbindung herausgesucht. Ging erst zwei Stunden nach meiner Ankunft an diesem … Bahnhof.

Ich war schon am Mittwoch entsetzt, als ich dort eintraf. Es schienen nur drei Gleise überhaupt befahren zu sein, davon eines lediglich geringfügig. Die Gleise 2 und 3 dafür verstärkt, und exakt diese Situation bot sich mir heute erneut. Der Bahnhof eine Großbaustelle, Gleis 1 gesperrt, die Gleise 2 und 3 dafür übervölkert.

Nachdem ich etwas gegessen hatte – an Gleis 1 eingenommen, da dort hinreichend Sitzgelegenheiten warteten -, machte ich mich auf zu Gleis 2, wo mein Zug später abfahren sollte. Ein Gewühl dort, als bestünde irgendein Notstand. In all dem Gewühl sah ich Malina, eine Seminarkollegin, als ich mich gerade auf den hinteren Gleisbereich begeben und den Raucherbereich suchen wollte. Sie sah mich auch und winkte heftig – ich schwenkte um und kämpfte mir den Weg zu ihr durch.

„Das ist ja schön – so sehen wir einander noch einmal!“ schrie sie. „Hoffentlich hast du mehr Glück mit deinem Zug als ich!“ – „Der fährt erst in über einer Stunde, und eigentlich könnte ich noch in die Stadt …“ – „Mach das bloß nicht! Auf die Weise habe ich schon mal den letzten Zug verpasst!“ – „Ja, es lohnt sich auch für mich nicht. Aber was ist mit dir?“

Es stellte sich heraus, dass sie – sie kam von der Uni in Frankfurt – eine Verbindung hatte, die mit mehrmaligem Umsteigen u. a. in Köln verbunden war. Aber am Nebengleis war eine Direktverbindung nach Frankfurt Hbf angezeigt, die bei der Vorab-Buchung nicht angezeigt worden war. Ebensowenig auf bahn.de, wie mir Malina sehr lebhaft sofort auf ihrem Smartphone zeigte und beteuerte, sie habe inzwischen alles versucht, umzubuchen, was aber mit einem Sparticket nicht gehe.

Ich sah eine Bahnbedienstete am Gleis und sagte: „Da hinten ist eine Bahnbedienstete – los, die fragen wir jetzt!“ Gesagt – getan, und sie war eine sehr gute Beraterin. 😉 Denn sie erklärte, dass sie, sobald der Zug einfahren würde, mit dem Zugführer sprechen würde, der Malinas Sparticket, mit dem man nur und ausschließlich den zuvörderst gebuchten Zug besteigen dürfe, sicherlich umwandeln könne. Ich weiß noch, dass wir ihr sagten: „Wir setzen uns dort vorn hin!“ Sie meinte, sobald der Zug einführe, würde sie uns ganz sicher finden …

Malina und ich redeten und redeten … Sie erzählte mir, dass sie in der zwölften Woche schwanger sei und sich so freue. Ich dachte: „Die Dritte in der reinen Frauenveranstaltung dieses Seminars!“ Denn offenbar verirren sich wenige Männer in diese Tätigkeit, warum auch immer, denn es war in der Tat eine reine Frauenveranstaltung gewesen. 😉

Ich freute mich aber auch für sie, und als wir beide kaskadenartig redeten, muss wohl der Zug eingefahren sein, der ohne Umstieg nach Frankfurt gefahren ist, heute, von Bonn Hbf … 😉

Als Malina zehn Minuten später die Nähe der zuvor gedungenen Bahnbediensteten suchte, sah ich nur noch, wie diese in einer Art gestikulierte, die für mich so aussah, als sagte sie: „Wo waren Sie denn?“ Es bestätigte sich, als Malina dann zu mir zurückkam. Immerhin: Wir lachten beide, und ich habe sie dann in den nächsten Zug verfrachtet, der gen Köln fuhr. Sie nahm mich zum Abschied in den Arm, ich drückte sie auch, wies dann auf ihren Bauch und meinte: „Alles Gute für euch!“ Das hatte immerhin zur Folge, dass nicht ich – wie ich es eigentlich geplant hatte – ihren Trolley in den Zug hob, sondern ein Mann, der Richtung Malina meinte: „Sie dürfen nicht schwer heben!“ Ich kniff ihr ein Auge zu, sie kniff zurück.

Und mein IC – zumindest besser als das Ding, mit dem ich am Mittwoch gen Bonn gefahren war – kam auch irgendwann mit nur 40 Minuten Verspätung nach eigentlicher Abfahrzeit.

Immerhin war es ein schönes Seminar mit netten Kolleginnen, deren Probleme mit den meinen zumindest arbeitstechnisch bisweilen fast deckungsgleich sind. Mindestens drei waren schwanger – das bin ich nicht. 😉

Der Bonner Hauptbahnhof ist – zumindest derzeit – jedoch eine Katastrophe. Nichts fährt, wie es sollte, und es gibt nur zwei ernsthaft befahrene Gleise, aber der Nutzer dieser Institution wird zumindest darauf hingewiesen, dass derzeit 150 Bahnhöfe innerhalb Deutschlands auf ähnlich schöne Weise nicht nur renoviert, sondern beglückt werden.

Ich kann nur eines sagen: Den Bonner Hauptbahnhof habe ich als Kind oft befahren, wenn auch nur auf der Durchreise zu schöneren Zielen. Und wenn es so bleibt, wie es ist, wird sich daran nichts ändern. 😉

Aber es gab wohl einmal ein sehr schönes – aus meiner Sicht – Staatsgeschenk seitens Deutschlands an Großbritannien, und das vor der Wiedervereinigung: ein Pferd. Ich glaube, es war ein Hannoveraner Wallach, der wie eine Eins in die britische „Kavallerie“ passte, die an Tagen bemüht wurde, da Repräsentationspflichten anstanden. Der Rappwallach aus deutschen Gefilden trabte in schönem Gleichschritt mit seinen Kollegen anderer Provenienz mit. Sein Name: Bonn.

Was für ein Name für ein so stolzes Tier! 😉

Der Fels in der Brandung – das Auge des Hurrikans: Ali …

Ostern ging viel zu schnell vorüber. Vier Tage der Ruhe. Gestern Abend saß ich ein wenig niedergeschlagen auf der Couch – niedergeschlagen, weil alles immer so schnelllebig ist und ich am Folgetag, ergo heute, wieder in das eintreten würde, was man gerne metaphorisch als Hamsterrad bzw. – für Anglophile – als rat race bezeichnet.

Ich arbeite gern, und ich möchte gar nicht dauernd zu Hause sitzen, aber derzeit dreht sich das Hamsterrad für mich noch schneller als gewöhnlich, etwa doppelt so schnell, da ich schneller treten muss, weil die Tätigkeitsfelder zweier Stellen von mir bedient und erledigt werden müssen. Und beide sind mir neu … 😉

Ergo hoffte ich, als ich heute den Weg zur Arbeit antrat, darauf, es möge ein relativ ruhiger Tag werden. Mit absoluter Ruhe rechne ich schon gar nicht mehr. 😉

Er fing auch ruhig an, der Arbeitstag. Ich gratulierte meiner Kollegin Saskia nachträglich zum Geburtstag und überreichte ihr ein kleines Geschenk. Wir waren heute allein in unserer Abteilung, da alle anderen noch Urlaub hatten. Und ich kochte erst einmal Kaffee …

Dann begann ich, das zu erledigen, was ich am Donnerstag nicht mehr hatte erledigen können. Vergleichsweise wenige Mails in der jeweiligen Mailbox meiner vier Dienstaccounts – ich begab mich auf die Seite der Deutschen Bahn, da ich für morgen und Freitag ein Ticket benötigte, denn morgen am frühen Nachmittag muss ich mich zu einer Fortbildung aufmachen, einen Workshop, in dem es um die Optimierung von Kundengesprächen geht. Ich freue mir schon jetzt die Hucke voll, da einer der Programmpunkte Rollenspiele lautet. Ich hasse Rollenspiele! Zumindest dann, wenn ich Bestandteil und nicht nur Beobachter bin. 😉

Dann klingelte mehrfach das Telefon, und glücklicherweise konnte ich den Anrufern helfen. Na, also! Es lief doch alles prima, obwohl Jana im Urlaub war und mehrere Leute nicht nur telefonisch, sondern höchstpersönlich Rat suchend auftauchten. Ich glaube, ich habe das ganz gut hinbekommen. 😉

Doch bei einem weiteren Telefonat, das auch recht erfolgreich verlief, pochte es plötzlich an meine Bürotür, und ein junger Mann streckte seinen Kopf durch die Tür. Ich kannte ihn, ich hatte ihn bzw. seine Unterlagen erst am vergangenen Donnerstag weiterbildungstechnisch geprüft und registriert, auf dem letzten Drücker, da er eine Prüfung absolvieren wollte, die bereits diese Woche stattfinden soll. Ich nickte und lächelte ihm zu und bedeutete ihm mimisch wie gestisch, einen Moment vor der Tür zu warten, bis ich das Telefonat beendet hätte. Er verschwand sofort wieder auf dem Gang vor Janas und meiner Bürotür.

Als ich mit dem Telefonat mit dem anderen Kunden, meinem zweiten Themengebiet zugehörig, fertig war, holte ich den jungen Mann wieder ins Büro. In der Zeit, da ich den Hörer aufgelegt, mich erhoben hatte und zur Tür schritt, durchliefen mehrere Gedanken mein Hirn: „Was will er hier? Es ist doch alles gut ausgegangen, und er wurde gerade noch rechtzeitig eingeschrieben … Was ist passiert? Er sah so besorgt aus! O Gott!“ Ich hatte kein gutes Gefühl …

„Herr […]? Kommen Sie doch bitte herein! Entschuldigen Sie, bitte – ich musste das Gespräch noch zu Ende führen, aber jetzt bin ich ganz für Sie da!“ rief ich derart strahlend, als hätte ich an der Losbude auf der Kirmes – nach vielen kostspieligen und Löcher ins Kinderportemonnaie reißenden Nieten – endlich den großen himmelblauen Plüschelefanten gewonnen, dessen Materialwert den Preis der dafür aufgewendeten Lose bei weitem unterschreitet. (Verzeihung! Heute wäre es sicherlich ein in den Farben des Regenbogens schillerndes Riesen-Einhorn mit güldenem Plüschhorn auf der Stirn – und da komme ich mit Elefanten! 😉 )

„Nehmen Sie doch bitte Platz!“ rief ich womöglich noch strahlender und mit fanfarenartig fröhlicher Stimme und wies auf einen der beiden Besucherstühle vor Janas und meinen Arbeitsplätzen. Insgeheim dachte ich: „Warum kann Ostern nicht doppelt so lange dauern? Was will er? Und hoffentlich bin ich in der Lage, das Problem zu beheben!“ Denn dass es sich um ein solches handeln musste, war mir so klar, wie etwas nur klar sein kann.

Und mit aufmunterndem, fröhlichem Lächeln ließ ich mich auf meinem Bürostuhl nieder. „Was gibt es denn, Herr […]?“

Mit besorgter Miene hielt mir der junge Mann drei Schriftstücke entgegen. Bei dem einen handelte es sich um seinen von mir höchstselbst ausgestellten Zulassungsbescheid, aber offenbar um eine Kopie aus dem Prüfungsamt, denn zwei Aspekte waren mit grünem Textmarker hervorgehoben. Ich erinnerte mich dunkel daran, dies mit leichter Hand selber getan zu haben, den zweiten Aspekt besonders nachdrücklich, bei dem es sich um die Bezeichnung der Prüfung handelte, die der junge Mann absolvieren wollte. Der nachdrückliche Markierduktus trat sogar auf dieser Farbkopie deutlich hervor. 😉

Das zweite war seine Registrierungsbescheinigung, die jedoch nur bis zum 31. März und damit vorläufig gültig war, da er eine endgültige erst nach Überweisung des Beitrages erhalten würde. Das dritte Papier war der Überweisungsnachweis seiner Bank. Er hatte wohl direkt nach seiner Registrierung am Donnerstag brav den Beitrag angewiesen. Dazu sagte er: „Ich muss mich morgen mit einer gültigen Registrierungsbescheinigung ausweisen, wenn ich die Prüfung antreten will. Ich habe aber nur diese hier, und die ist seit drei Tagen abgelaufen. Was mache ich denn jetzt?“

Diese Frage stellte sich mir auch. Ich bin noch völlig neu in diesem Metier und leider noch nicht mit allen Wassern gewaschen. Es war doch alles nach Plan gelaufen – nur war der Plan zumindest offenbar partiell scheiße … 😉 Ich merkte, dass ich selber etwas unsicher wurde, aber ich verstärkte mein Lächeln daraufhin und meinte: „Sie haben alles richtig gemacht und sofort überwiesen. Es kann natürlich ein paar Tage dauern, bis der Betrag auf unserem entsprechenden Konto gebucht ist – und es war ja auch Ostern.“ (Ja, genau. O Gott! Und morgen war die Prüfung!)

„Warten Sie, das haben wir gleich,“, meinte ich optimistisch. Zumindest nach außen.

Ich habe früher oft und viel mit Kindern gearbeitet, und Kinder brauchen Sicherheit, die man ihnen am besten auch dann möglichst überzeugend vermittelt, wenn man selber gar nicht so sicher ist. Das ist mir offenbar in Fleisch und Blut übergegangen, und es scheint sich nun, da ich mit Erwachsenen arbeite, auszuzahlen. Denn die brauchen auch Sicherheit.
😉

Und schon wählte ich meine Kollegin Sabrina an, die immer alles weiß. Sie verwies mich an den Vorgesetzten. Den rief ich kurz darauf an, und er meinte: „Ein Fall fürs Prüfungsamt.“ Dort rief ich an, erreichte aber niemanden. Ich rief erneut den Vorgesetzten an, der mich an eine andere Stelle verwies. Dort meldete sich auch niemand. Mir wurde ganz anders, aber ich ertappte mich dabei, wie ich meinen armen „Kunden“ gewinnend ansah und derart optimistisch, dass es schon fast an für mich völlig untypische Euphorie grenzte, sagte: „Keine Sorge, Herr […], alles wird gut!“

Wie viele Anrufe an verschiedene Stellen ich insgesamt startete, habe ich nicht gezählt. Sie gingen allesamt erfolglos aus, und ich habe irgendwann sogar in der Finanzabteilung angerufen und eine der Buchhalterinnen gefragt, ob denn inzwischen die Buchung eingegangen sei. Sie war total nett, und ich hatte den Eindruck, es tue ihr leid, dass sie mir keinen positiven Bescheid geben konnte. Mein Mut sank, aber ich lächelte den jungen Mann gewinnend an und rief: „Keine Sorge! Alles wird gut!“ Dabei stand mir der kalte Schweiß auf der Stirn …

Nachdem ich noch weitere Stellen vergeblich angerufen hatte – Ferien und Urlaubszeit! – und ziemlich allein auf weiter Flur stand, meinte ich: „Bei wem schreiben Sie die Prüfung?“ – „Bei Herrn Müller!“ – „Alles klar, dann rufe ich jetzt den an! Und keine Sorge: Alles wird gut!“ strahlte ich den jungen Mann an, wobei meine Schläfenadern aufs Empfindlichste pochten. Die Erholung über Ostern ebenso empfindlich dahin …

Herr Müller ging gleich nach dem ersten Klingeln dran – fast hätte ich vor Schreck den Hörer fallengelassen! Aber ich bin ja professionell – zumindest musste ich es hier sein. 😉 Und so rief ich vermeintlich fröhlich: „Herr Müller! Guten Tag – und ich hoffe, Sie hatten ein erholsames und schönes Osterfest!“ – „Ich hoffe, Sie auch, Frau B.! [Ja. Nur das, was danach kam, war nicht so erholsam …] Was kann ich für Sie tun?“

Rasch schilderte ich das Problem, dabei stets mit aufmunternder Alles-wird-gut-Attitüde zu meinem „Kunden“ blickend und nickend, der inzwischen einen unserer Dienstkulis vor Nervosität irreversibel auseinandernahm. Ich habe den Kuli danach entsorgt – er war nicht mehr zu gebrauchen.

Herr Müller meinte: „So ein Zufall! Ich sitze gerade vor der Teilnehmerliste der Kandidaten für die morgige Prüfung! Herr […] ist zugelassen. Und er soll einfach den Zulassungsbescheid mitbringen, ebenso einen amtlichen Ausweis mit Lichtbild. Und dann noch […]. Und auch […] noch! Dann kriegen wir das hin.“ – „Danke, Herr Müller. Ich gebe es weiter. Herzlichen Dank – Sie haben sehr geholfen!“

Und ich legte auf und strahlte den jungen Mann an: „Sehen Sie! Ich habe doch gesagt, dass alles gut werde! Sie müssen nur morgen einiges vorlegen …“ Und ich zählte alles auf, er notierte sich alles, und dann sagte ich erneut: „Alles gutgegangen – wie ich es sagte!“

Da meinte der junge Mann: „Frau B. – ich bedanke mich bei Ihnen ganz herzlich. Ich bin selten derart nett behandelt worden. Ich hatte irgendwann den Eindruck, dass Sie an Ihren eigenen Worten zweifelten, dass alles gutgehen würde. Aber ich hatte auch danach keine Minute Zweifel an Ihnen. Sie waren so engagiert, dass ich dachte: ‚Es sieht zwar offenbar nicht so gut aus, aber sie wird sicherlich eine Lösung finden‘. Und das haben Sie – ganz herzlichen Dank! Auch für Ihre gekonnte Ansprache, dass alles gut werden würde – ich habe erst relativ spät gemerkt, dass Sie sich dessen ganz und gar nicht sicher waren.“

Ich platzte vor Lachen heraus und meinte: „In der Tat. Aber jetzt ist ja wirklich alles in trockenen Tüchern, und das freut mich sehr. Und ich drücke Ihnen für die Prüfung morgen ganz fest die Daumen!“ – „Danke. Und Sie empfehle ich weiter – ich habe selten jemanden erlebt, der derart überzeugend beteuert, alles werde gut und man dann erst mit einiger Verzögerung merkt, dass die Dinge gar nicht so sicher liegen. Ich hatte aber dennoch wirklich keine Zweifel an Ihnen.“

Als ich den in seinen Grundfesten zerstörten Kunden-Kugelschreiber in meinen Papierkorb entsorgte und durch einen neuen ersetzte, grinste ich. Denn im Grunde hatte ich mich selber zu beruhigen versucht, als mir klar war, dass ich in der Tat allein auf weiter Flur stand – hatte durchaus genutzt. 😉

Danach rauchte ich erst einmal eine Zigarette mit Kerstin, die offenbar auch einen stressigen Tag hatte. Aber ich meinte nur: „Keine Sorge, Kerstin! Alles wird gut!“ Sie war danach auch schon viel besser gelaunt. 😉

Ganz im Ernst: Wozu da noch die Fortbildung bis Freitag? Am heutigen Kundengespräch wäre nichts mehr zu optimieren gewesen … 😉 Und künftig verlasse ich mich nur noch auf mich selbst und frage in vergleichbaren Fällen gleich nach dem Prüfer, wenn der vorgeschriebene Dienstweg schon in ersten Ansätzen nicht funktionieren will. 😉

„Décoluchisée“

Heute, am Karsamstag, hatte ich endlich Zeit, mal wieder zum Friseur zu gehen – meine Haare reichten schon fast bis zu den Schultern, ließen sich morgens nicht mehr so recht bändigen, und meinen Pony hatte ich bereits zweimal höchstselbst ein wenig gekappt, weil er schon weit über die Augen reichte, zumindest im nassen Zustand, und sich seinen Weg bis zur Nase bahnen wollte. Ich erinnerte im Aussehen mehr und mehr an den Bobtail meiner Patentante – Gott habe es selig, das liebe, wenn auch ein wenig unbedarfte Tier, das einmal vor meinen Augen versehentlich gegen eine Wand rannte, weil sein „Pony“ rassetypisch weit über die Augen reichte, die man nur sehen konnte, wenn man den Schopf des Hundes anhob. Da es so schnell ging, hatte ich leider nicht mehr eingreifen können. Zum Glück aber war ich da, den armen Kerl zu trösten, als er nach der Kollision weinend durch die Gegend taumelte … Und er erholte sich auch glücklicherweise schnell und hatte fortan immer einen echten Pony, so geschnitten, dass man nicht nur seine Augen, sondern er auch ungehindert aus denselben sehen konnte … 😉 (Wenn ich es recht überlege, ist es total pervers, einem Hund die Rute derart zu kupieren, dass er, wenn er mit dem Schwanz wedeln will, mit dem gesamten Hinterteil wackeln muss, aber seine Stirnhaare derart lang wachsen lässt, dass er dauernd Gefahr läuft, gegen Hindernisse zu rennen. Meine Patentante, die sehr an dem lieben Tier hing, schnitt ihm daraufhin höchstselbst immer einen Pony, der ihn ein bisschen wie Coluche aussehen ließ. Es fehlte nur die Brille.)

Ein bisschen erinnerte auch ich – vor dem Friseurbesuch – an diesen französischen Humoristen, wenn auch sein Pony erheblich kürzer war als meiner und an seiner Stirn klebte, als hätte man ihn dort mit Sekundenkleber fixiert. Das tat meiner nicht, ganz im Gegenteil – er verfügte eher über ein flatterhaftes Wesen. 😉 Ansonsten aber sahen meine Haare ähnlich sauerkrautartig aus wie die seinen. Nur dass meine nicht dunkel und auch nicht lockig sind.

Nachdem ich gestern einen Film gesehen hatte, in dem dieser leider bei einem Motorradunfall tödlich verunglückte, recht krasse und provokante, mir aber nicht zuletzt daher sehr sympathische Humorist mitspielte, war mir klar, dass ich heute keineswegs ausschlafen, sondern schnurstracks zum Friseur eilen würde. Ich sah den Film zunächst auf Deutsch, dann auf Französisch, da ich meine brachliegenden Fertigkeiten in der französischen Sprache, die ich einst fast fließend sprach, ein wenig aufpeppen wollte. Und wenn ich auch Coluche seiner provokanten und kompromiss- wie furchtlosen Art dem sogenannten Establishment gegenüber schätze, wollte ich doch nicht so aussehen wie er. 😉

Als ich beim Friseursalon eintraf, war ich mir nicht sicher, ob ich auch wirklich drankommen würde – es war Samstag, und da sitzen sehr gern Rentnerinnen da. Ausgerechnet am einzigen Tag, da auch Berufstätige die Dienste der Inhaberin dieses Unternehmens ohne Einschränkungen in Anspruch nehmen können. Obwohl Rentnerinnen jeden Tag in der Woche – abgesehen von Montag, da Friseure traditionell frei haben – Zeit für den Friseurbesuch haben.

Und exakt so war es, als ich eintraf: Im Wartebereich saßen bereits eine Rentnerin und eine Frau, die nicht viel älter als ich gewesen sein mag, aber offenbar ein inniges Verhältnis zu Sonnenbänken und sehr, sehr lange blondierte Haare hatte. Etwas zögerlich rief ich: „Guten Morgen!“ Und Frau K., die Inhaberin des Salons, ihres Zeichens Friseurmeisterin, grüßte zurück und rief gleich, als sie mein zögerliches Verhalten sah: „Nein, nix da – nicht weggehen. Es kann etwas dauern, aber Sie kommen auf jeden Fall noch dran, Frau B.!“ – „Gehen auch noch Strähnchen – oder nur Schneiden?“ Schneiden war zwar vorrangig vonnöten, aber ich konnte meinen Ansatz auch nicht mehr ertragen – er sah aus wie eine Start- oder Landebahn auf einem Flughafen … 😉 Frau K. meinte: „Kommt ganz darauf an, wann Sie drankommen – ich kann das im Moment nicht genau abschätzen.“ Denn sie und Melly, die heute Dienst hatte, hatten da einige Damen jenseits des Erwerbstätigenalters sitzen, und eine meinte mit Blick auf mich: „Ach herrje, Frau K.! Da sollen Sie auch noch strähnen! Sie wollen doch auch mal Feierabend haben! Ach, könnten Sie mir bitte noch die Augenbrauen färben, wenn Sie mit meinen Haaren fertig sind? Die Haare bitte gründlich waschen, denn ich habe das jetzt seit zwei Wochen nicht gemacht.“ Die Dame hatte ziemlich kurze Haare, und ich fragte mich, weshalb sie überhaupt dort saß, indem ich meine Haare ordnete, die sich erneut coluchemäßig verselbstständigt hatten, nachdem ich meinen Schal abgenommen hatte. Und im Spiegel sah mein recht dunkler Haaransatz noch mehr wie eine Landebahn aus. Einzig die Bahnbefeuerung fehlte … Und da regte sich eine Rentnerin, die von Dienstag bis Freitag jeden Tag nutzen könnte, an einem Samstag auf, dass eine Berufstätige sich um kurz vor 10 erdreistete, sich Strähnchen machen und die Haare schneiden zu lassen, weil sie sonst keine Zeit dazu hat … 😉

Die Frau mit den langen blondierten Haaren und dem gegerbten Antlitz sah mich grinsend an, und ich hob die Schultern und meinte: „Ich kann nur samstags.“ Sie grinste noch mehr und meinte: „Ich auch. Und ich hätte auch gern so richtig ausgeschlafen. Aber einige alte Damen sind zeit ihres Lebens immer samstags zum Friseur gegangen, weil der Samstag ja auch der Badetag war. Das kriegen Sie und ich denen nicht mehr ausgetrieben. Die kommen gar nicht auf die Idee, dass der Samstag im Grunde anderen vorbehalten sein sollte, die sonst nicht können, weil die Arbeit es nicht zulässt. Die meisten von denen kennen das wahrscheinlich gar nicht. Der Höhepunkt ist allerdings, dass dann auch noch Bemerkungen kommen, die besagen, dass sie es ungeheuerlich finden, dass Sie oder ich sich erdreisten, eine umfangreichere Behandlung vornehmen lassen zu wollen, während sie – nachdem sie jeden anderen Tag Zeit hätten – an einem Samstag mit ihrem Hintern einen Platz blockieren.“ Und sie kniff mir ein Auge zu. Ich platzte in einem Lachanfall heraus. Die Rentnerin, die mit uns im Wartebereich saß, warf uns vorwurfsvolle Blicke zu, und ich meinte schnell: „Wir meinen nicht Sie – Sie sitzen ja genauso hier wie wir und warten.“ Da meinte die alte Dame: „Wenn ich es recht überlege, haben Sie Recht! Ich könnte auch an jedem anderen Tag. Ich werde mir das merken. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht. Übrigens … ich fand die Bemerkung der Dame da, die offenbar auch Rentnerin ist und kritisierte, dass Sie sich Strähnchen machen lassen wollen, auch doof.“ Und sie strahlte mich an, ich strahlte zurück. Und sie meinte: „Ich werde künftig nicht mehr samstags zum Friseur gehen. Eine muss ja den Anfang machen, junge Frau! Immerhin arbeiten Sie auch für meine Rente!“ Ich grinste sie an und bedankte mich, und die Langmähnige bedankte sich ebenfalls.

Immerhin brachte der Friseurbesuch heute neben der Aufhübschung meiner sogenannten Frisur und Haarfarbe ein Erfolgserlebnis mit sich. Aber nicht nur eines: Ich hatte hinreichend Zeit, mich über die neuesten Trends zu informieren, und gleich am Dienstag werde ich mir violetten Lidschatten besorgen. Der dernier cri – einmal wieder. Einen kleinen Rest dieses dernier cri , quasi den avant-dernier cri habe ich noch im Badezimmerschrank, denn als ich den Friseursalon verließ, hatte der Drogeriemarkt leider schon geschlossen. So muss der Rest aus dem Badezimmerschrank bis Dienstag reichen. Endlich ein Ende dieser Nude- und Erdton-Phase! Violett passt auch viel besser zu meinen Augen, da Rot darin enthalten ist, und das ist die Komplementärfarbe zu meiner Augenfarbe. 😉

Höchst befriedigt verließ ich den Friseursalon und tauchte ein in den Wahnsinn, der sich im nächstgelegenen Supermarkt abspielte. Denn morgen und übermorgen droht ja Ostern – und da muss man sich bevorraten … Ich wollte doch nur Kaffee, All-in-one-Lösung für meine Kontaktlinsen, die dieser Supermarkt erfreulicherweise führt, Mineralwasser sowie Sardellenfilets, Kapern und Tomaten, da ich morgen als Osteressen Spaghetti alla puttanesca zubereiten möchte. Strozzapreti am Vorabend des Karfreitags, Spaghetti alla puttanesca am Ostersonntag: Merkt man, dass ich zu Kirche und Religion ein gespaltenes Verhältnis habe? 😉

Nein, nicht wahr? 😉 Ich muss jedoch sagen, dass Strozzapreti zu meinen Lieblings-Pastasorten gehören und dass ich alla puttanesca einfach nur gern esse. 😊

Euch ein schönes Osterfest!

Das richtige Outfit fürs Kino

Gestern war einmal mehr ein anstrengender Tag. Von morgens bis mittags prüfte ich Unterlagen der zahlreichen Bewerber, die mir ihre Anträge zwecks Fort- und Weiterbildung gesendet hatten, die inzwischen geprüft und die Bewerber somit zugelassen waren und von mir eingeschrieben werden konnten. Es war der einzige Tag in dieser Woche, da ich einen solchen Zulassungstermin hatte. Und es war der einzige Tag, da es eine Netzwerkstörung gab …

Das war – um mal mit einem bekannten Sozialdemokraten zu sprechen – suboptimal, denn zwar hatte ich mir die nötigen Prüfunterlagen schon am Vortage ausgedruckt, da ich a) gerne vorbereitet und b) morgens immer etwas später dran bin – und meine ersten beiden Bewerber kamen bereits um halb neun.

Leider hatte ich zwei wichtige Unterlagen in all dem Stress vergessen. Und die liegen auf dem Laufwerk unserer Abteilung – ohne Netzwerkzugriff kam ich nicht dran. (Habe mir schon vorgemerkt, diese Unterlagen und alles, was ich sonst so brauche, an anderer Stelle zusätzlich abzuspeichern … Aber erst am Dienstag.) So begann meine Zulassungs-Session etwas hektisch und strubbelig, aber zum Glück hatte eine Kollegin noch einen Schwung dieser Formulare, die ich brauchte, auf Halde liegen …

Um 11:45 h war dann zum Glück auch der letzte Bewerber abgefrühstückt, und ich ging mit Kerstin eine rauchen. Danach hängte ich mit Jana einige Poster im ganzen Gebäude aus, die auf eine Veranstaltung unserer Abteilung hinwiesen. Wir holten uns etwas zu essen aus der Cafeteria und gingen dann – das Aufhängen der Poster war so anstrengend gewesen – auch noch einmal eine rauchen.

Danach arbeitete ich alles, was noch anlag, soweit ab, dass ich wieder etwas „Luft“ hatte – weiter geht es am Dienstag. Jana hatte sich bereits in den Urlaub verabschiedet, aber ich war abends noch mit ihr zum Essen verabredet, und danach wollten wir ins Kino.

Beim Verlassen meines Arbeitsplatzes winkte der diensthabende Pförtner mir noch zu und rief: „Frau B. – kommen Sie doch bitte mal her!“ Und als ich zu ihm ging, überreichte er mir eine österlich dekorierte Packung Raffaello, die in einem Eierbecher stak und mit Klarsichtfolie und einem Geschenkband versehen war. Wohl eine Osteraktion des Herstellers, die Herr A. gekauft hatte, und ich freute mich sehr über die nette Geste und bedankte mich. Daraufhin meinte Herr A.: „Ja, ich bin mit Ihnen aber auch noch nicht fertig, Frau B.! Sie haben mir neulich so nett geholfen, und ich fahre bald in den Urlaub in meine Heimat. Da bringe ich Ihnen noch etwas Schönes mit.“ – „Aber ich habe doch nur ein paar Seiten korrekturgelesen, Herr A.! Das ist doch nicht nötig! Ich freue mich doch schon sehr über das hier – auch wenn selbst dies nicht nötig gewesen wäre.“ – „Bekommen hier auch nur die liebsten Mitarbeiter.“ Ich sah noch drei weitere Gebinde dieser Art an seinem Arbeitsplatz stehen, grinste und bedankte mich.

Dann raste ich los, denn ich wollte noch kurz in einen Einkaufsmarkt, der in der Nähe des örtlichen Konglomerats aus mehreren Systemgastronomie-Niederlassungen verschiedener Couleur und dem Kinocenter gelegen ist. Schnell noch einkaufen, denn der Tisch in der systemgastronomischen Niederlassung italienischer Ausrichtung war für 18:30 h reserviert, die Kinovorstellung begann um 20:30 h. Falls es so klingen sollte: Ich habe nichts gegen Systemgastronomie – und das Essen war gut!

Ich war vor Jana da und nahm schon einmal Platz und bekam zur normalen Karte auch noch die Wochenkarte, auf der hauptsächlich Pastagerichte vermerkt waren. Da kam auch schon Jana, und wie üblich lächelte sie fröhlich und rief: „Hey, da bist du ja!“ Ich stand auf, und sie drückte mich und meinte: „Du warst aber doch nicht bis jetzt noch im Büro, oder?“ – „Nee, noch kurz einkaufen, aber zu Hause war ich bis dato noch nicht. Daher auch nur dieses hier – ich konnte nicht mehr nach Hause, sonst bekämst du jetzt schon ein richtiges Osternest. Kommt dann halt erst nach deinem Urlaub.“ Und ich überreichte ihr einen güldenen sitzenden Schokoladenhasen mit einer roten Schleife und einem Glöckchen daran um den Hals. Seit meiner Kindheit mein all-time-favourite unter den Schokoladen-Osterhasen. Sie rief: „Das wäre doch nicht nötig gewesen! Und ein Osternest? Das ist ja süß, da freue ich mich schon! Aber das musst du doch nicht!“ – „Also: Ich musste nicht, aber ich wollte, denn ich mag dich, und darüber hinaus hilfst du mir auch sehr viel.“ – „Naja, du bist ja auch völlig überlastet mit deinen zwei neuen Tätigkeitsfeldern, denn du musst ja auch noch die Sachen deiner Vorgängerstelle machen! Ich sehe doch, dass du rotierst! Aber: Ich mag dich auch – direkt von Anfang an. Ich glaube, wir haben denselben Humor und auch sonst einiges gemeinsam. Danke!“ – „Ich habe zu danken.“ – „Ach, Unsinn. Wir machen uns jetzt erst einmal einen netten Abend!“

Und schon studierte sie die Karte. Und wir bestellten zweimal Pasta. Jana Spaghetti mit Bärlauchpesto, ich eine meiner Lieblings-Pastasorten mit Rindfleischstreifen, Pilzen und einer Marsalasauce, die ich aufgrund ihrer Form und ihres Namens besonders mag: Strozzapreti. Das heißt aus dem Italienischen übersetzt: „Würg den Priester!“ Ich fand, das passe hervorragend zum Gründonnerstag. 😉 Jana lachte, als ich ihr den Namen übersetzte, meinte ebenfalls, das passe perfekt, und wir aßen, tranken und lachten sehr viel. Jana meinte einmal: „Wir haben sogar eine ähnliche Lache!“ – „Ja. Dreckig.“ – „Aber von Herzen kommend.“ Da lachten wir noch mehr.

Fast hätten wir darüber das Kino vergessen, und so zahlten und brachen wir schleunigst auf. Kerstin hatte uns bei der Arbeit zwar schon für eindeutig verrückt oder wenigstens, naja, experimentierfreudig erklärt, als wir ihr von dem Film erzählten, dessen Trailer sie sich angesehen und befunden hatte, das sei nichts für sie, und ich solle sie ja nicht nachts anrufen, weil ich vor Angst nicht schlafen könne, wie sie lachend sagte. Denn wir wollten uns Unsane ansehen, einen Film, der mit einem Smartphone gedreht worden war. Und wir waren schon sehr gespannt.

Da wir etwas spät dran waren, waren die besten Plätze schon besetzt, und so kamen Jana und ich recht weit vorn zu sitzen. Ich glaube, ich habe im Kino noch nie so weit vorn gesessen, aber das kommt davon, wenn man lachend und mit Logorrhoe bei Spaghetti und Strozzapreti sitzt und die Zeit vergisst. 😉 Dennoch waren die Plätze in Ordnung – ich hatte es mir schlimmer vorgestellt.

Wir pellten uns aus Jacke bzw. Mantel und nahmen Platz. Ich hatte einen Loop-Schal um den Hals und überlegte noch, ob ich ihn auch abnehmen solle, folgte aber, als mir Kerstins Worte wieder einfielen, einem Impuls und behielt ihn um.

Der Film war in dem Sinne kein Horrorfilm, aber er wirkte sehr dicht und bedrückend, teils bedrohlich, und es gab einige Szenen, die unvermittelt heftig waren. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Jana plötzlich nach ihrem Mantel griff und ihn wie eine Decke über sich legte. Und als ich bei einer wirklich unvermittelt auftretenden und erschreckenden Szene meinen Loop-Schal vors Gesicht riss, nahm ich noch wahr, dass Jana das Gleiche mit ihrem Mantelkragen machte. Und da musste ich trotz der erschreckenden Szene lachen. Jana lachte auch und meinte: „Gut, dass ich meinen Mantel und du deinen Schal hast!“ Und wir lachten noch mehr – es lockerte die bedrückend-bedrohliche Grundstimmung des Films zumindest ein bisschen auf … 😉

Die richtige Kleidung ist wichtig, wenn man sich Filme ansieht. 😉 Eine Komödie kann man sich problemlos ansehen, aber bei bedrückenden, bedrohlichen Filmen, Horror- oder Psychothrillern ist es ganz gut, wenn man Kleidungsstücke trägt, die man sich zur Not vors Gesicht ziehen kann. Hoodies sind da auch sehr praktisch, denn ich erinnere mich, als Studentin mal mit meinem damaligen Freund einen wirklich heftigen Horrorfilm gesehen zu haben, bei dem ich einen Hoody trug. Eigentlich kann ich gar nicht sagen, dass ich diesen Film wahrhaftig gesehen habe, denn es gab so viele Stellen, da ich mir die Kapuze auf den Kopp und deren Rand über die Augen zerrte. Das ist zwar albern, sieht aber noch besser aus, als ständig mit den Händen vor dem Gesicht dazusitzen oder gar unter dem Kinositz Zuflucht zu suchen, wie ich einmal im Kino mitbekam, als sich ein Mädel in meiner Reihe unter dem Vordersitz zu verkriechen versuchte … So eine Kapuze ist sehr praktisch, dämpft sie doch zumindest ein wenig auch die furchtbaren Geräusche, die bei einer Gewaltszene entstehen können. 😉

Und wie ich gestern feststellte: Auch Loop-Schals oder ein Mantelkragen sind sehr geeignet, dämpfen auch erschreckte Ausrufe … 😉

Nach dem Film beschlossen Jana und ich, alsbald wieder ins Kino zu gehen. Ein französischer Film soll es beim nächsten Mal sein. Noch eine Gemeinsamkeit: Wir mögen beide französische Filme. 😉 Da es kein Horrorfilm ist, können wir uns ganz normal gekleidet hineinsetzen … 😉

In diesem Sinne: Auch bei Kinobesuchen immer pragmatisch handeln! 😉

Die berühmte Duplizität der Ereignisse Nummer II oder: Telefonieren mit verheirateten Frauen …

Heute fiel mir wieder einmal etwas auf, das mir schon öfter begegnet war. Ein interessantes Phänomen, über welches viel zu selten berichtet wird: die berühmte Duplizität der Ereignisse. Ich schrieb schon einmal darüber.

Hier jedoch in einem besonderen Rahmen, über den – wohl mit Grund – auch viel zu selten berichtet wird: Telefonate. Telefonate mit anderen Frauen. Genauer: mit verheirateten Frauen. Denn bereits mehrfach fiel mir auf, dass Telefonate mit unverheirateten Frauen oft ganz anders ablaufen. Seltener als bei Telefonaten mit den Verheirateten kommt es hierbei zu Unterbrechungen, die entweder spontan geschehen oder aber durch ein hektisches: „Warte einen Moment!“ eingeleitet werden.

Just heute trat dieses Phänomen erneut auf den Plan. Denn meine Mutter rief an, um mir etwas zu erzählen. Wir plauderten, lachten und alberten ein wenig, als ich sie plötzlich sagen hörte: „Einen Moment!“ Und schon hörte ich sie in ganz anderem, viel strengerem und rigiderem Tonfall etwas äußern, das da lautete: „Hast du etwa wieder aus irgendwelchen Kelchen getrunken?“

Automatisch drängte sich mir die Frage auf: „Wer hat aus meinem Becherchen getrunken?“ Aber das ist wieder etwas völlig anderes.

Und so starrte ich nur mit hochgezogenen Augenbrauen mein Smartphone an, als könne es mir diese merkwürdige Kelchfrage erläutern und beantworten, während meine Mutter insistierend nachbohrte: „Nun sag schon – ich hoffe, nicht! Wir wollen nächste Woche nach Franken!“

Ich rief: „Ich trinke nicht aus Kelchen! Und schon gar nicht um diese Uhrzeit! Was bedeutet das überhaupt?“ Sie antwortete: „Ach! Du warst doch gar nicht gemeint! Dein Vater ist vom Gottesdienst zurück, und neulich hat er sich dabei eine heftige Magen-Darm-Grippe eingefangen.“ – „???“

Dann fiel der Groschen! Mein Vater ist evangelisch, und er geht sonntags öfter in den Gottesdienst. Und nimmt als echter Protestant natürlich auch am Abendmahl teil, wo dann ein Kelch mit Wein oder Traubensaft kreist. (Mein Vater geht allerdings, wenn er mit meiner katholischen Mutter in deren Gottesdienst geht, auch dreist mit zur Kommunion – er meint, vor Gott seien alle Menschen gleich, und dazu grinst er immer etwas sarkastisch. Ich finde das gut: „Protestant“ in des Wortes reinstem Sinne … 😉 )

Offenbar hatte er sich beim Abendmahl vor einiger Zeit in der Tat einen Magen-Darm-Infekt eingehandelt, da wohl in der Runde der Abendmahl-Teilnehmer jemand – wahrscheinlich selber noch ahnungslos – irgendein Virus mit sich schleppte und munter per Gemeinschaftskelch ganz gerecht in der Gemeinde verteilte. Nun war mir die Kelchproblematik klarer, und ich lachte schallend.

Danach ging das Telefonat fast ohne Unterbrechung weiter. Nur zweimal noch rief meine Mutter streng irgendwohin: „Nein, lass das bitte stehen!“ bzw. „Das gehört nicht in den Restmüll, Karl-Heinz!“ Ich lachte in mich hinein – es ist bei jedem Telefonat das Gleiche.

Dann rief Mama plötzlich: „Ali, hier blinkt: Anruf wartet! Was bedeutet das?“ – „Dass parallel jemand anzurufen versucht.“ – „Was muss ich denn jetzt machen?“ – „Ich kenne mich mit eurem Telefon nicht so aus – vielleicht ist es aber wichtig. Ich lege auf – wir können ja immer noch telefonieren. Vielleicht ist es ja Stephie.“ Denn meine Schwester ging in diesem Falle vor. Sie wollte sicherlich meinen Eltern mitteilen, ob sie heute tatsächlich aus Sachsen zu ihnen reisen wollte, um dann ein paar Tage zu bleiben und meine Eltern dann nach Franken zu fahren – und von dort aus nach Sachsen zurück.

Wir legten auf. Zwei Minuten später ertönte erneut die Melodei meines Smartphones, und als ich dranging, meldete sich meine Schwester. Sie wunderte sich, dass bei meinen Eltern niemand drangehe, und ich klärte sie auf.

Aber dann hatte sie mir doch noch einiges zu erzählen. Und sie plauderte und plauderte. Plötzlich zuckte ich zusammen, denn sie schrie unvermittelt: „Nein! Lass das liegen! Das brauche ich fürs Essen! Ich muss doch gleich noch vorkochen!“ Und zu mir sagte sie: „Schöne Grüße von Harald.“ Derweil versuchte ich, das Klingeln und Pfeifen in meinem linken Ohr zu ignorieren, denn meine Schwester gehört zu den verheirateten Frauen, die einen nicht vorwarnen, wenn sie ihren Mann anzuschreien oder sonstwie zurechtzuweisen trachten … 😉

Binnen einer Viertelstunde zweimal dieses Phänomen, das ich auch aus Telefonaten mit Ehefrauen kenne, die nicht mit mir blutsverwandt sind. 😉 Ich lachte albern in mich hinein und dachte: „Wie gut, dass du nicht verheiratet und derzeit allein bist. Ob du auch so klingen würdest?“

Ich strengte mich an und überlegte, wie ich denn bei Telefonaten mit Verwandten und Freunden mit meinem jeweiligen Ex umgegangen war. Ich glaube fast, ich bin da etwas anders. Ich tendierte wohl eher zu nonverbalen Signalen, wenn ich mitteilen wollte, dass ich etwas nicht wolle oder man bitte warten solle, bis ich aufgelegt hätte. Ich bin eher der Typ, der wild herumgestikuliert und mimisch darstellt, was ich – telefonierte ich nicht gerade – verbal äußern würde. Ich erinnerte mich immerhin, einmal auf diese Weise mit wildem Gesichtsausdruck mit meinem rechten Zeigefinger vor meinem Hals eine rasche Bewegung von links nach rechts gemacht zu haben, die international so gedeutet wird, dass man jemanden ins Jenseits befördern wolle, um mir danach ebenso energisch mit demselben Zeigefinger wild gegen die Stirn zu tippen, als mein Ex Giacomo laut rief: „O Gott! Ist da etwa deine unmögliche Freundin Lena dran?!? Och nee! Die labert immer so lange und hat immer Probleme, und wir wollen doch noch weg!“ Und während ich dies tat, sprach ich mit etwas lauterer Stimme, aber so liebreizend-harmonisch wie zuvor mit Lena, die mich fragte: „Was hat der gesagt?“ – „Er erinnerte mich gerade daran, dass wir jetzt gleich zu einer Geburtstagsfeier aufbrechen müssen …“ So sagte ich mit sanfter Stimme und bedachte Giacomo mit Blicken, die empfindlichere Naturen sofort lang und tot hätten hinschlagen lassen. Ja, Lena redet viel, und sie pflegt stets in unpassenden Momenten anzurufen, aber sie hatte Liebeskummer, und ich mag sie.

Ich glaube fast – wenn auch nicht ganz im Ernst -, dass aufgrund meiner Telefonerfahrungen dieses Phänomen besonders häufig bei schon länger verheirateten Frauen auftrete … 😉 Egal, ob sie Kinder haben oder nicht. Denn solche Telefonate sind für gewöhnlich bei Müttern von Kleinkindern nicht ungewöhnlich. 😉 Wahrscheinlich ist es einfach eine Reminiszenz an das vielgerühmte Kind im Manne.

So dachte ich grinsend, als meine Mutter erneut anrief, weil sie mich noch etwas fragen wollte. Auch hier wieder zwei Unterbrechungen mit Zurufen an meinen Vater, und ich wies sie darauf hin, dass ich beim Telefonat mit Stephanie Ähnliches erlebt hatte. Und ich meinte: „Wenigstens muss ich beim Telefonieren niemanden anschreien oder energisch auf etwas hinweisen.“ Sie lachte, und da schrie ich plötzlich: „Hey! Nein! Gehst du hier raus! Sofort! Aber zackig! Zurück!“

Meine Mutter rief: „Was ist denn da los?“ – „Ach, wieder das Eichhörnchen! Ich habe die Balkontür zum Durchlüften offen – und das kleine Vieh kommt einfach ungeniert herein, und das nicht zum ersten Mal! Ich muss auflegen!“

Ich hörte noch, wie meine Mutter lachte und mich nachäffte: „Wenigstens muss ich beim Telefonieren niemanden anschreien oder energisch auf etwas hinweisen …“

Meine Theorie war also Unsinn. Man muss gar nicht verheiratet sein. Manchmal reicht eine offene Balkontür, um beim Telefonieren andere anherrschen zu müssen … 😉

Euch einen schönen Sonntag und einen harmonischen Wochenanfang. 😊

Blöde mehr oder minder naturgegebene Dinge, die anders viel besser wären …

Heute bin ich nach einem extrem anstrengenden Tag nach Hause gekommen und habe gedacht: „Es wäre viel einfacher, wenn manche Dinge nicht so wären, wie sie naturgegeben sind!“

Der Tag fing schon bescheiden an, als meine Kontaktlinsen sich – anders als sonst – nicht so geschmeidig in die Klüsen bringen ließen, wie sie es für gewöhnlich tun. Nein, ehrlich gestanden, sogar schon eher: Ich erwachte heute zum harmonischen Weck-Gedudel meines Smartphones. Harmonisch und von mir selber ausgewählt – und mich Morgen für Morgen ob seiner Harmonie verhöhnend. Aber ich war nicht recht bei mir und dachte: „Wie gut, dass Wochenende ist!“ Warum ich das dachte, wird auf ewig ein Mysterium bleiben, da es absolut unlogisch ist, dass am Wochenende der Wecker klingelt … Kaum hatte ich mich für eine nette weitere Runde Power Napping auf die rechte Seite gedreht, wurde mir dieser Umstand auch schon klar, und ich verfluchte nicht nur die Existenz und Notwendigkeit der Erwerbsarbeit, sondern das gesamte Dasein. 😉 Und mit wenig harmonischen Lauten erhob bzw. wälzte ich mich aus dem Bett. Danach dann im Bad nach der Dusche die Zicken der kleinen Silikon-Sehhilfen. Spätestens da war mir klar, dass dieser Tag nicht derjenige sein würde, den ich zu preisen gedächte.

Und in der Tat: Es ging bescheiden weiter. Extra viel früher aufgestanden als sonst – denn es gibt eine neue Baustelle auf der Hauptstraße meines und des Nachbarstadtteils – fuhr ich nicht aufs Beste gelaunt gen Fron. Und stand prompt auf jener Hauptstraße im Stau, der wohl dadurch entstanden war, dass einige Leute, die in der Schlange weit vor mir und an deren Anfang waren, offenbar noch schlimmere Nicht-Morgenmenschen sind als ich und ungerührt an den Schildern vorbeigerast waren, auf denen stand: „Hauptstraße gesperrt – bis Lessingstraße frei!“ Es stehen da alle paar hundert Meter diese Schilder, und doch hatten einige sie offenbar übersehen und waren fast in die Gleisbaustelle hineingerast. Zum Glück hatten sie und die hinter ihnen Fahrenden rechtzeitig gebremst – aber nun mussten die Fahrer ganz vorn wenden, und die dahinter Stehenden warteten sich einen Wolf … Als es weiterging, bog ich vor der Lessing- in die Droste-Hülshoff-Straße rechts ein, und ich gestehe, ich fuhr 40 statt der vorgegebenen 30 Stundenkilometer, und das in der Hoffnung, den treudoof in die Lessingstraße (Zwangs-)Abgebogenen zuvorzukommen. Aber die waren wohl auch alle schneller gefahren, als erlaubt, und so stand ich nach der Einmündung auf den Westring erneut im Stau …

Ich mache es kurz: Das frühere Aufstehen und Losfahren hat sich überhaupt nicht gelohnt!

Bei der Arbeit erwartete mich das übliche Chaos. Zwar ist die Frist sämtlicher Anträge, die ich zu bearbeiten habe, abgelaufen, aber die Frequenz der Anrufe hat sich seither gesteigert. Interessanterweise rufen just die besonders oft an, die auf dem letzten Drücker ihre Anträge eingereicht haben und eigentlich die Füße stillhalten sollten. Und einer, der mich seit Anfang jeglicher Fristen bis aufs Blut gereizt hat, indem er dauernd anrief und behauptete, es handelte es sich „nur um eine kurze Frage“, was dann regelmäßig in etwa zehnminütige Telefonate unschöner Art ausartete, in der mir der Bewerber wiederholt erklärte, er wolle mich keineswegs nerven und schätze meine Bemühungen – eine Behauptung, die er durch seine ewigen Neuauflagen möglicher Szenarien, die er aus dem Hut zauberte, um wider die Vorgaben doch zum seinerseits gewünschten Resultat zu kommen, Lügen strafte – rief mich angesichts seiner Zulassung, die für ihn nur wenig Spielraum ließ, dann an. Etwa zum zwanzigsten Mal, obwohl ich ihm in der Mail, die seine Zulassungsbescheide enthielt, schon geschrieben hatte, er möge bitte per Mail antworten. Zum Glück hatte ich – und das ganz in echt! – einen Termin vor der Brust, und so meinte ich: „Herr […] – ich habe jetzt einen Termin. Schreiben Sie mir bitte eine Mail!“ Das tat er auch, und er erklärte, dass das ja alles so gar nicht in seinem Sinne sei – da würde er verzichten. Dafür hatte ich etwa fünfzehnmal mit ihm telefoniert und sehr viel Zeit verschwen…, ääh, investiert … 😉

Irgendwann waren Jana und ich eine rauchen, und wir sprachen über Kinder, Gott und die Welt. Ich habe zwar keine Kinder, aber viel mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet, und so meinte ich: „Wenn man mit Kindern umgeht, steht man schnell vor den eigenen Grenzen. Warum – zum Beispiel – haben Menschen nur zwei Arme und Hände? Warum nicht mehr – vor allem, wenn es um Kinder geht? Da bräuchte man durchaus mehr – acht wie diese indischen Göttinnen!“ Jana stimmte mir zu und meinte, es dürften auch gerne zehn sein. Ich grinste und pflichtete ihr bei. (Im Moment könnte ich – auch ganz ohne die Arbeit mit Kindern – auch ein paar Hände und damit Arme mehr gebrauchen …)

Warum hat ein Tag nur 24 Stunden? Für mich dürften es derzeit gern mehr sein. Gut, ich könnte an meinem Arbeitsplatz übernachten – aber ein Tag mit mindestens 25 Stunden wäre derzeit auch nicht schlecht. 😉

Warum funktionieren Dinge meist dann nicht richtig, wenn man so gar keine Zeit hat? Und warum nölen grundsätzlich die Antragssteller herum, die auf dem letzten Drücker alles mit Müh und Not eingereicht haben, während andere, die gleich zu Beginn der Bewerbungsfrist ohne großes Lamento tätig wurden, keinen Piep von sich geben und geduldig abwarten, bis sie an der Reihe sind?

Warum nun wieder diese neue Baustelle, die bis Mitte April bestehen soll? Ah – das verstehe ich! 😉 Ich soll jeden Morgen durchs sogenannte „Dichterviertel“ fahren müssen und mir sagen: „Siehste, Ali! Hätteste mal einen MINT-Studiengang absolviert, könntest du hier wohnen!“ Denn das „Dichterviertel“ ist wunderbar ruhig (Tempo-30-Zone), und da stehen zum Teil echt schöne Villen.

Ich merke es mir mal fürs nächste Leben vor. Und vielleicht habe ich dann auch serienmäßig acht Arme und Hände, und der Tag hat 48 Stunden. Wer weiß das schon? 😉

„Being for the Benefit of Mr Kite”

Das ist ein Lied der Beatles, und sein Text geht direkt zu Anfang so:

For the benefit of Mr Kite
There will be a show tonight on trampoline
The Hendersons will all be there
Late of Pablo Fanques Fair – what a scene
Over men and horses, hoops and garters
Lastly through a hogshead of real fire!
In this way Mr K. will challenge the world!

Dieses Lied geht mir seit Dienstag durch den Kopf. Es ist nicht verwunderlich, dass ich immer irgendein Lied im Kopf habe, und es ist auch nicht verwunderlich, dass es eines der Beatles ist, da meine Mutter mir zu meinen Kleinkindzeiten statt Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein wieder und wieder Beatles-Songs vorsang (oder welche von den Rolling Stones, und obwohl ich musikalisch eher von den 80ern/90ern geprägt wurde, habe ich diese Lieder immer geliebt und kann viele davon auswendig mitsingen – melodie- und textsicher), zumal ich ja ohnehin weder ein Prinzchen, noch ein Prinzesschen war – in der Rolle habe ich mich nie wiedergefunden.  😉 Nicht einmal zu Karneval, der Zeit, da viele meiner Freundinnen und Mitschülerinnen verzückt in langen und bauschigen rosafarbenen Synthetikkleidern herumliefen, mit einem güldenen oder – besser –  goldfarbenen Krönchen aus Plastik auf dem Kopp, das mittels eines Gummibandes unter dem Kinn auf selbigem Kopp gehalten wurde. Oder auch nicht. Denn spielen konnte man in dem Fummel mit dem Kronending auf der Birne nicht, und rannten die Prinzessinnen beim Fangenspielen los, schnalzte nicht selten das Gummiband unterm Kinn weg, und das Krönchen landete im Dreck. Oder es verrutschte beim Laufen und hing dann entweder über dem rechten oder linken Ohr oder unterm Kinn. Und dann war das Geschrei groß, zumal die nicht als Prinzessinnen Verkleideten – ca. drei oder vier von uns – auch keineswegs den Hofstaat mimen und das Krönchen wieder aufheben und der Königlichen Hoheit aufs Haupt setzen bzw. wieder geraderücken wollten. 😉 Ich fand diese Aufmachung schon immer irgendwie unpraktisch, und sie führte auch nicht selten zu Streit, da die temporären Prinzessinnen irgendwie nicht einsehen wollten, dass andere nicht einsehen wollten, ihnen zu huldigen, obwohl sie ein bauschiges rosafarbenes Synthetikkleid und ein goldfarbenes Plastikkrönchen trugen. Es erinnerte immer ein bisschen an Schützenvereinsbrüder in ihren Operetten-Uniformen, denen man gefälligst huldigen sollte … 😉 (Obwohl ich durchaus gern zum Schützenfest gegangen bin, früher, als ich noch zur Schule ging – das war immer lustig. Als Kind mochte ich das, und ich habe auch heute nichts dagegen.)

Doch ich schweife ab. Am Dienstag war ich nicht bei der Arbeit, da ich die Nacht von Montag auf Dienstag großenteils im Bad verbracht hatte, wenn ich nicht leidend und mit einer Wärmflasche auf dem Bauch im Bett gelegen habe. Irgendwann abends hatten sie mich überfallen: richtig widerliche Magenkoliken. Mir war im doppelten Sinne ganz anders, denn zunächst befürchtete ich, die Koliken könnten eine Folge meiner Tarte Tatin aux poires gewesen sein, die ich am Montag zur Arbeit mitgebracht hatte … (Und ich muss sagen: Sie kam wider meine Befürchtungen gut an, und sogar Kollegin Gina, die ungern sehr süß isst, meinte: „Ich weiß gar nicht, was du hast – die ist nicht zu süß, sondern schmeckt sehr gut! Schön saftig und vor allem so schön karamellig. Kannst du gerne öfter machen!“ Und als ich am Dienstagmorgen meine Bürokollegin Jana anrief, um mich krankzumelden und sie fragte, ob es ihr denn gut gehe, lachte sie und meinte: „Ali, es lag gewiss nicht an deiner Tarte Tatin – Gina und mir geht es gut, und wir essen – wenn wir dürfen – gleich noch ein Stück davon!“ Natürlich durften sie, und ich war froh, dass es ihnen gut ging. 😉 )

Ich kauerte danach auf der Couch, Wärmflasche auf dem Bauch und Laptop auf dem Schoß. Und ich las die Onlineausgabe einer überregionalen Zeitung, in der ich einen Artikel fand, wie für mich geschaffen. Es ging um Sport. Sport für Leute mit wenig Zeit, Sport für Leute, die es hassen, sich immer nur aus schlechtem Gewissen zum Yoga, Pilates oder Lauftreff schleppen zu müssen. Denn der Verfasserin des Artikels geht es wohl genauso, und sie schrieb über ihre Erfahrungen mit einem Trend, der einmal mehr – zumindest bisher – an mir vorbeigetreidelt ist: Sie hatte sich ein Indoor-Trampolin gekauft und getestet, und sie war so begeistert, dass ich gleich angesteckt und getriggert wurde: ein Trampolin – wunderbar, und auch noch indoor!

Und ich dachte: „Wenn ich mir schon finanziell keine allzu großen Sprünge erlauben kann … Und der Fitnessaspekt wird auch so gelobt! Und wie gern bin ich früher als Kind schon in meinem Bett herumgesprungen und habe getestet, ob ich bis zur Zimmerdecke komme, wider das Verbot durch meinen Vater – bis das Bett irgendwann ermattet zusammenbrach. Und im Schulsport fand ich das Trampolin auch schon immer so toll – man reiche mir ein Trampolin!“ Da naturgemäß niemand da war, mir den Wunsch zu erfüllen, musste ich selber tätig werden, und schon recherchierte ich auf einem größeren Internethandelsportal. Und wurde fündig. Und nicht nur das …

Inzwischen ist in der Tat ein reizendes, kleines Indoor-Trampolin auf dem Weg zu mir. 😉 Morgen soll es ankommen. Da es in die nahegelegene Packstation passen soll, gehe ich davon aus, dass ich bereits Unmengen an „Karolinen“, wie mein bester Freund Kalorien im Scherz nennt, beim Aufbau und der Installation verbrennen werde. Somit dürfte dieses Trampolin bereits vor seiner vollumfänglichen Gestaltnehmung der Fitness Vorschub leisten. Und auch beim herzhaften Fluchen sollen angeblich so einige „Karolinen“ verbrannt werden – das sind doch schöne Aussichten! 😉

Kaum hatte ich das Ding bestellt, fiel mir ein, dass der demnächst unter mir wohnende Nachbar sich sicherlich einen Ast freuen würde, würde ich meine Trampolin-Workouts regelmäßig vollführen. Aber dann lachte ich dreckig: Der neue Nachbar plagt mich nun seit Wochen mit der Renovierung seiner Wohnung, insbesondere am Wochenende, da ich endlich mal ausschlafen könnte, was im Moment dringend nötig wäre. Und schon war es vorbei mit meinem schlechten Gewissen. Und ich dachte: „Ich beschwere mich auch nicht, wenn der Nachbar über mir sich immer aufregt, wenn Schalke nicht so gut gespielt hat! Und ich hätte allen Grund dazu!“ (Denn dann brüllt der Nachbar immer laut herum, und mehrfach klang es, als würde er das Inventar seiner und seiner Frau Wohnung kurz und klein sägen …)

Rücksichtsvoll, wie ich bin, werde ich das faltbare Gerät wohl in der Küche in Betrieb nehmen. Der neue Nachbar sieht nicht so aus, als hielte er sich über Gebühr lange dort auf. 😉

Dennoch muss ich feststellen, dass sich Magenkoliken bisweilen etwas merkwürdig auf Menschen auswirken können – hätte ich diese nicht gehabt, hätte ich mir nie ein Trampolin gekauft … 😉

In diesem Sinne: Bleibt schön gesund! 😉

„Hoffentlich ist niemand Diabetiker!“ Ali backt …

Auf den Tag genau vor drei Jahren habe ich das letzte Mal gebacken. Beziehungsweise: Ich hatte bis heute vor drei Jahren exakt letztmalig gebacken. Damals gab es etwas zu feiern, und ich stand am 11. März 2015 abends in meiner Küche (in Bleu) und rührte müde, aber eifrig einen Teig für Muffins zusammen. Genauer: Mandarinen-Muffins. Ein neues Rezept, das ich aus dem Internet hatte. Nicht so süß sollten die Muffins sein, und wer mich kennt, weiß: Süß ist nicht mein „Element“.

Ein wunderbarer Duft zog durch die Wohnung, als die zwölf netten Muffins in meinem Muffinblech, das ich früher oft genutzt hatte, immer mehr an Volumen zunahmen und in entzückender Weise erst goldgelb, dann goldbraun wurden, als sie fertig gebacken waren. Ich schaltete den Backofen aus und ließ die kleinen Kerlchen noch einige Minuten drin.

Kaum draußen an der frischen Luft, zeigte sich, dass irgendetwas anders war als sonst. Denn die Muffins, die im Ofen noch so wunderschön ausgesehen hatten, prall und drall, begannen draußen peu à peu, zu schrumpfen, als versuchten sie, zur Gänze wieder in die Muffinformen zurückzukriechen. Ich raufte mir die Haare – so etwas war mir noch nie passiert. Und als sie dann ausgekühlt waren und ich einen probierte, steigerte sich – sofern überhaupt möglich – die Frustration noch: Sie waren in der Tat nicht sonderlich süß, und sie hatten die Konsistenz von Gummi. Hätte ich mal eines der Rezepte verwendet, die ich sonst immer benutzte! Aber nun war nichts mehr zu ändern, und ich musste die Muffins mitnehmen, von denen ich annahm, sie würden von der Wand zurückspringen, wenn man sie dagegen würfe. 😉

Sie waren dann auch kein großer Erfolg, und ein Kollege bezeichnete sie als Türstopper. Normalerweise wäre ich wahrscheinlich etwas beleidigt gewesen, aber in diesem Falle nicht – und er hatte ja Recht. Und seitdem habe ich die Finger von selbst hergestellten Backwaren gelassen … Ich backe ohnehin nicht so gern – ich liebe es dafür, zu kochen.

Nach diesen drei Jahren freiwilligen Verzichts habe ich mich heute doch mal wieder daran gemacht, mich der hohen Kunst des Backens hinzugeben. Etwas ganz Einfaches zum Wiedereinstieg sollte es sein … Und da ich ja die französische Küche sehr liebe, erschien auch sogleich ein Bild vor meinen Augen. Ein Bild von einem saftigen Kuchen, den ich stets bewundert habe. Ein Kuchen, der seinerseits aus einem Küchenunfall entstanden sei, wie es immer wieder heißt. Genauer: Es handelt sich um eine Tarte Tatin, jene Tarte, die als renversée et caramélisée bekannt ist. Das heißt, der Belag wird zunächst karamelisiert und dabei schon einmal halb weich gegart, und dann kommt der Boden aus Mürbeteig auf den Belag, wird seitlich schön festgedrückt, um die Früchte herum – und dann backt man das Ganze eine halbe Stunde im Ofen, bis der Boden goldbraun ist, was man gut sehen kann, da die Tarte ja auf dem Kopf steht. 😉

Klassischerweise macht man diese Tarte mit Äpfeln, am besten säuerlichen solchen. Ich hatte keine Äpfel. Aber Birnen, denn ich wollte eine Tarte Tatin aux poires machen, eine Birnen-Tarte. Und schon schritt ich zur Tat, setzte einen Mürbeteig an, den ich – zu einer Kugel geformt – für eine Stunde in den Kühlschrank legte. Dann schälte ich die Birnen, vierteilte sie brutal und entfernte das Kerngehäuse. Sehr, sehr saftige Birnen … Parallel schmolz ich 80 Gramm Butter in einem Topf (denn ich besitze leider keine echte Tarte-Tatin-Form), gab die im Rezept angegebene Menge Zucker hinzu, sowie – ganz raffiniert – etwas Salz, da Karamel (ich weigere mich, das mit zwei L zu schreiben …) mit einem Hauch Salz noch besser schmeckt. Ich rührte in dem Gebräu herum, auf dass der Zucker sich auflöse, dann gab ich die Birnenviertel hinzu, die 12 Minuten auf mittlerer Stufe vor sich hinschmoren und karamelisieren sollten. Inzwischen butterte ich die Form aus – eine Original-Pyrex-Form aus feuerfestem Glas, in die ich schließlich die Birnen und das wild blubbernde Karamel gab. Die Birnen noch hübsch mit der Wölbung nach unten drehen und nett anordnen, dabei etwas Platz für den Teigrand lassen. Mensch, das ging mir alles flott von der Hand – ich war begeistert! 😉

Schnell den Teig ausgerollt, etwas größer als die Form, und ihn dann zügig – er durfte ja nicht reißen – über die noch immer behäbig blubbernden Birnen gebreitet und mittig leicht festgedrückt. Dann auch seitlich in den schmalen Raum zwischen Birnen und Rand gedrückt, toll, wie das klappte … Aua! Was zum Henker …

Mist! Ich war wohl in der Herstellung des Karamels etwas zu großzügig verfahren – es blubberte an einigen Stellen unter dem Rand hervor und mir auf die empfindsamen Fingerchen … Wer je Karamel gemacht hat, weiß, wie höllenmäßig heiß das ist und wie exzellent man sich damit verbrennen kann. Ich wusste das auch … Jetzt ist es mir noch klarer als zuvor.

Schnell noch mit einer Gabel den Teig eingestochen, und noch schneller hinein in den vorgeheizten Ofen mit dem Gesamtkunstwerk.

Binnen kurzem roch es einfach nur betörend in meiner Wohnung, und ich warf zwischendurch immer wieder einige Blicke auf die Tarte, deren Boden hervorragend bräunte. An einigen Stellen blubberte Karamel hervor und bräunte seinerseits. Nach 30 Minuten schaltete ich den Ofen aus, und schließlich holte ich das karamelisierte OEuvre heraus. Es darf nicht zu lange in der Form bleiben, weil sonst das Karamel fest wird und man zwar den Boden aus der Form bekommt, der Belag aber darin kleben bleibt.

Tarte etwas abkühlen lassen, dann eine Tortenplatte auf die Form legen, Platte und Form fest aufeinanderdrücken und mit Schwung umdrehen – dann löst sich die Tarte ganz leicht.

So stand es im Rezept. Ganz einfach. Ich jedoch stand vor einem Problem. Ich habe keine Tortenplatte … Wozu auch? Ich backe ja nie … Was nun? Die Zeit drängte.

Immerhin besitze ich ein Kuchengitter, auf das ich – vorausschauend – eine Lage Backpapier legte, da die Tarte nicht nur sehr saftig, sondern auch sehr klebrig wirkte. Und mit vorsichtigem Schwung stülpte ich die Tarte aus der Form. Vorsichtig, weil es eine sehr rutschige Angelegenheit war und ich weder den Kuchen zerstören, noch die relativ teure Pyrex-Hyper-Super-Form fallenlassen wollte. 😉

Nun ja. Abgesehen davon, dass der Teigrand an einer Seite nicht ganz so hoch ist und beim Lösen aus der Form kleinere Teile an Mr Pyrex hängenblieben, so dass an diesen Stellen der Eindruck entstehen könnte, Mäuse – möglicherweise die Weihnachtsmaus von James Krüss – hätten sich am Teig zu schaffen gemacht, sieht das Gesamtergebnis gar nicht so schlecht aus …

Wie gesagt: Es sieht gar nicht so schlecht aus. Dann probierte ich ein noch in der Form befindliches Stück Mürbeteig, an dem noch ein Birnenfragment hing. Und ich erstarrte. Nicht zu einer Salzsäule. Eher zu einem Zuckerhut. Denn: Dieser Kuchen ist das Gegenstück zu den wenig süßen Türstoppern, die ich auf den Tag genau heute vor drei Jahren gebacken habe … Er ist so süß, dass man Angst um seinen Blutzuckerspiegel bekommt! Dabei habe ich mich exakt an die Angaben im Rezept gehalten …

Er ist so süß, dass mir vor Schreck wahrscheinlich die Augen halb aus dem Kopf traten, als ich ihn testete. Und obwohl ich mir danach die Hände gewaschen habe, blieb zunächst sowohl das Backpapier, das ich ins Regal zurückräumte, als auch der Rezeptausdruck, den ich ins Altpapier befördern wollte, an meinen Fingern hängen …

Immerhin weiß ich nun, warum man diese Tarte am besten mit möglichst säuerlichen Äpfeln machen sollte. Und ich habe vorhin erst einmal die Küche gereinigt – irgendwie schien alles zu kleben, und das mag ich absolut nicht.

Da ich nun nichts mehr ändern kann, muss ich die Tarte so, wie sie ist, mit zur Arbeit nehmen. Dummerweise hatte ich sie bereits angekündigt. Und nun hoffe ich, dass keine meiner Kolleginnen Diabetikerin ist. Ich befürchte jedoch fast, diese Tarte könnte glatt in der Lage sein, einen spontanen Diabetes auszulösen …

Umso weniger verstehe ich, warum im Rezept noch angegeben ist, am besten schmecke die Tarte lauwarm mit Sahne oder einer Kugel Vanilleeis. Damit wäre eine irreversible Lähmung der Geschmacksnerven garantiert.

Ich habe beschlossen, diese Tarte nie, nie wieder mit Birnen zu machen. Nur noch mit Äpfeln. Oder sauren Gurken. 😉

„Wat leuk!“ Oder: Warum ich reagiere, wenn jemand: „Mevrouw de Boer!“ ruft

Irgendwie kamen meine neue Kollegin Jana und ich kürzlich darauf, dass wir beide Niederländisch sehr mögen und diese Sprache unheimlich gern selber beherrschen würden. Sie meinte: „Hey! Wir können doch zusammen einen Kurs machen, wenn du magst!“ Ich rief: „Sehr gern!“ Aber irgendwie dachte ich gar nicht, dass es ihr so ernst sei …

Doch heute griff sie das Thema tatsächlich erneut auf und erzählte ganz eifrig, sie habe bereits recherchiert (hatte ich, ehrlich gesagt, auch schon) – leider habe der Kurs für mehr oder minder Ahnungslose, groentjes und beginnelings, der A1-Kurs, bereits im Februar begonnen. Zumindest in der hiesigen Volkshochschule. Das hatte ich auch schon gesehen. Und so recherchierten wir auch in den Nachbarstädten. Überall hatten die Kurse schon begonnen. Während Jana in B. recherchierte, tat ich dies in M. – und dort wurde ich auch fündig, denn der A1-Kurs beginnt dort erst Mitte April. Hurra! Wir waren begeistert – dem Naturereignis „Niederländisch für Newbies“ stand nichts mehr im Wege. Da Jana zwei Kinder hat, musste sie sich allerdings zunächst nach einer Betreuungsperson für die Mittwochabende umsehen, war sich aber ziemlich sicher, dass sich da jemand finde. Da ich Jana bis dato als sehr toughe und entschlossene Person kennengelernt habe, mache ich mir keine allzu großen Sorgen darüber, dass ich nun gegebenenfalls doch allein hinfahren müsse. (Falls doch: Feuert mich an, da auch wirklich mittwochs immer brav hinzufahren – allein ist es immer doof … 😉 )

Da Sprachkurse schnell ausgebucht sind, meldete zumindest ich mich schon einmal definitiv an. (Wehe dir, Jana, wenn du mir morgen sagst, dass es bei dir nicht gehe … 😉 )

Jana sah allerdings kein Problem – warten wir es ab. Sie meinte: „Wahrscheinlich kann ich gegen dich ohnehin nicht anstinken – ich habe den Eindruck, du kennst dich schon besser aus. Vielleicht solltest du besser in den A2-Kurs? O je – dann wäre ich allein im A1-Kurs.“ – „Keine Sorge! Ich fange auch mal lieber bei A1 an, obwohl ich tatsächlich mal einen Niederländisch-Kurs an der Uni gemacht habe. Naja … zumindest zur Hälfte. Dann war es mir zu doof. Und ich muss das Ganze ja auch mal wirklich fundiert und von der Pike auf lernen.“ – „Wieso ‚doof‘? O je – ob wir dann wirklich einen solchen Kurs machen sollen?“ – „Nein, keine Sorge! Es lag nur an der Unterrichtsgestaltung. Es war in einem Sommersemester, und wir trafen uns jeden Donnerstag im Fo7, einem Hörsaal im Kármán-Auditorium. Unsere Dozentin kam aus Groningen, und sie war sehr nett …“

Das war sie wirklich gewesen. Meine Freundin Marie-Louise und ich stießen erst zur zweiten Stunde dazu – bei der ersten Seminarsitzung waren wir beide verhindert gewesen. Ich hatte mit einer heftigen Bronchitis darnieder gelegen, Marie-Louise hatte einen anderen Termin. Aber zur zweiten Stunde waren wir präsent, wenngleich meine Stimme dies noch nicht so war – nach der Bronchitis klang sie gewöhnungsbedürftig, sehr kratzig und viel tiefer als sonst. Es war nicht ganz einfach, zu sprechen, und es reizte zu Lachanfällen, wenn ich meine Stimme erhob, denn ich klang wie ein etwa 70-jähriger männlicher Kettenraucher, der obendrein täglich eine Flasche Whisky konsumiert und danach mit Reißnägeln gurgelt. 😉 Richtig gut konnte ich nicht sprechen, und als Marilu, wie sie genannt wurde, und ich neu im Kurs eintrafen und uns vorstellen mussten, übernahm Marilu meinen Part und erklärte, ich hätte erkältungsbedingt eine Stimme wie ein rostiges Reibeisen. Marjolein, die Dozentin, lachte und meinte: „Die optimale Voraussetzung, wenn man Niederländisch lernen möchte! Keine Sorge – alles wird gut!“

Die erste Hälfte der jeweiligen Doppelstunde bestand daraus, dass wir im Hörsaal saßen und Lektionen lernten – dazu auch die zugehörige Portion grammatica, ein Wort, das mit einem wunderbar velaren Laut, genauer: dem CH wie in Lachen, auch Ach-Laut genannt, anlautet. 😉

Nach einer Dreiviertelstunde meinte Marjolein dann immer ganz reizend in ihrer naturgemäß kehligen Aussprache: „Vooruit dan maar! De zon schijnt! Wij willen op de trap gaan zitten!“ Oder aber: „Het zonnetje schijnt zo mooi!“

Schon immer liebte ich den Hang, Dinge so reizend zu verniedlichen. Jedenfalls im Niederländischen. Was ich jedoch nicht liebte und im Grunde auch keiner von uns wollte, war, den Hörsaal zu verlassen, um draußen in der so schön scheinenden Sonne auf der Treppe vor dem Kármán-Auditorium zu sitzen, wo gefühlt hunderte Passanten vorbeikamen, die Zeugen unserer praktischen Sprachübungen wurden, denn die Übungen mussten wir immer „op de trap“ machen, mit verteilten Rollen.

Es gab da stets diese „reizenden“ Dialoge, die sich zwischen Meneer Gonzalez, einem fiktiven mexikanischen Touristen – er kann auch Spanier gewesen sein -, und Mevrouw de Boer abspielten. Meneer Gonzalez kannte sich als Tourist grundsätzlich nicht aus, aber zum Glück war stets die allwissende und hilfsbereite Mevrouw de Boer präsent, eine Niederländerin und Einheimische, die fortan die Wege und Geschicke von Meneer Gonzalez leitete und lenkte. 😉 Marilu hatte sich spontan für die Rolle von Meneer Gonzalez entschieden.

Wir saßen da immer auf dieser starkfrequentierten Treppe und vollführten peinlich berührt diese Dialoge, während die Passanten entsprechende Bemerkungen machten. Einige zweifelten an unserem Verstand und lästerten, was das Zeug hielt. Unter diesen Voraussetzungen macht das Ganze nicht so viel Spaß – das kann sicherlich jeder nachvollziehen … 😉 Und spätestens nach einer halben Stunde hatte ich der ungewohnten stimmlos-velaren Laute bzw. uvularen Frikative oder Reibelaute (der Name „Reibelaut“ kommt nicht von ungefähr) wegen Halsschmerzen … Und so gingen Marilu und ich irgendwann nicht mehr hin. Immerhin hat ihr Mann, seines Zeichens Niederländer, sich sehr erfolgreich um die korrekte Aussprache unserer niederländischen Nasallaute verdient gemacht, die wir mit Hilfe einiger Biere dann irgendwann auch annähernd authentisch beherrschten.

Ich habe mich jedoch oft geärgert, das Ganze nicht einfach durchgezogen zu haben, denn Niederländisch ist wirklich eine ganz sympathische Sprache. Was im Deutschen extrem bürokratisch klingt, klingt im Niederländischen in vielen Fällen einfach nur … knuddelig. Ihr kennt doch sicherlich diese Verkehrsschilder, auf denen ein Auto zu sehen ist, das an einem Abschleppwagen hängt. Im Deutschen steht darunter immer ganz spröde: „Widerrechtlich parkende Fahrzeuge werden kostenpflichtig abgeschleppt.“ In den Niederlanden sieht das Schild zwar genauso aus, aber unter der bildlichen Darstellung las ich dort mehrfach: „Fout gestaan – in de kraan!“ Widerrechtliches Parken hat dort zwar die gleichen Konsequenzen wie hierzulande, aber mal ehrlich: Das klingt doch einfach nur süß und wie mit Augenzwinkern gesagt. (Obwohl es absolut ernst gemeint ist.) 😊

Und ich brach vor Lachen in Maastricht mal beinahe zusammen, als ich die Beschriftung an einer Verkehrsinsel las, auf der sich ein versenkbarer Poller befand. Denn dort hieß es: „Attentie! Beweegbaar obstakel!“ Es war das „obstakel“, das den Lachanfall auslöste, da ich dieses Wort aus dem Lateinischen, Englischen, Französischen und Italienischen kannte. Hier, mitten in den Niederlanden, überfiel es mich unerwartet, und es klang so herrlich altmodisch-gespreizt und damit auch ein bisschen albern. Da ich selber zu Albernheiten tendiere, lachte ich mich fast schlapp. Nicht laut, mehr innerlich. 😉 Beweegbaar obstakel hatte im Erwachsenenalter die gleiche Wirkung auf mich wie die erstmalige Konfrontation mit dem Begriff bromfiets als Kind. Fiets ist das Fahrrad, und brommen bedeutet brummen – ergo ein brummendes Fahrrad. Kurz und in deutscher Sprache: ein Moped oder Mofa! Wer angesichts des Begriffs bromfiets nicht lacht oder beschließt, diese Sprache einfach nur zu lieben, hat kein Herz. 😉 Finde ich jedenfalls. 😉

Aber zum Glück weiß ich Sprachen zu schätzen, und ich lache im Grunde zumeist auch nur über den Klang, beileibe nicht über die Aussage. Es klingt oft einfach niedlich, auch wenn es todernst gemeint ist. Und ich möchte gern diese Sprache sprechen können, weil sie so sympathisch klingt und der Erwerb von Fremdsprachen ohnehin immer lohnend ist. Und weil wir ja hier nicht weit von den Niederlanden entfernt leben.

Was auch immer Jana mir morgen sagt: Ich werde ab Mitte April mittwochs nach M. fahren, aus einem Buch mit dem Titel Wat leuk! lernen und sicherlich erneut regelmäßig unter Halsschmerzen leiden. 😉

Im Zuge meines ersten Niederländischkurses hatte ich in Aachen bei einigen Leuten dann den Spitznamen Mevrouw de Boer, und ich schwöre, ich würde auch heute noch reagieren bzw. zusammenzucken, würde man mich oder eine Person, die wirklich so heißt, so rufen … 😉 )

There is something fishy about it …

„Ali, was hältst du von Fischen?“

So fragte mich kürzlich eine Freundin. „Wie meinst du das?“ fragte ich zurück. „Meinst du Fische als Nahrungsmittel oder in anderer Weise? Oder meinst du die Tätigkeit?“

„Mehr das Sternzeichen,“, bekam ich zur Antwort. Wie peinlich! Ich gebe zu, ich habe ein Faible für derartige Dinge, aber eigentlich mehr in der Art, dass ich den Verdacht hege, dass einige grundsätzliche Wesenszüge in der Tat das widerspiegeln könnten [!], was so gern als „vollumfänglich typisch“ für das eine wie das andere Sternzeichen angenommen wird. Bei mir spricht allerdings mehr die Erfahrung und weniger die Sterne.

Als ich jedoch über das Sternzeichen Fische nachdachte, fiel mir auf, dass ich zwar einige Fische kenne, mit denen mich jedoch in der Tat wesenstechnisch nichts verbindet. Meine letzte nähere Bekanntschaft ist auch Fische, und unsere Wege trennten sich alsbald. Ich vermute zwar, dass dies auch anderweitig eingetreten wäre, da er Sarkasmus nicht verstand, nicht verstand, wenn ich eine frotzelnde Bemerkung machte, denn er nahm alles bierernst und wollte dann diskutieren. Ein Alptraum für jeden Menschen, der gern frotzelt und Sarkasmus liebt! 😉

Ich kenne auch einige sehr nette Menschen dieses Sternzeichens, aber mit keinem bin ich näher befreundet. Nicht etwa, weil ich derart abergläubisch wäre, das nun wirklich nicht. Nein – es sind eher Menschen, mit denen ich spreche und dann feststelle, dass man, hier: ich, sich wunderbar übers Wetter austauschen kann, ansonsten aber keine Gemeinsamkeiten habe.

Und nun stand Jasmin da und bedurfte eines Ratschlages. Und so lachte ich und meinte, ich könne nur von mir ausgehen, und für mich seien Fische aufgrund einiger Erfahrungen nicht geeignet. Und genauso umgekehrt, und ich beschrieb, warum, beschrieb die Sarkasmusresistenz des Fischs, mit dem ich zuletzt zu tun gehabt hatte. Jede sarkastisch-frotzelige Äußerung meinerseits wurde aufs Absolute ernstgenommen, und dann sollte diskutiert werden. Und das trotz der Vorwarnung meinerseits, dass ich sehr sarkasmus- und frotzelaffin sei.

Jasmin meinte: „O Gott! Das kommt mir erschreckend bekannt vor. Ich habe dich jetzt gefragt, weil du ja ziemlich offen bist und wir uns neulich über Sternzeichen unterhalten haben. Im Grunde bestätigst du nur meine Befürchtung.“ Wir klangen wie zwei Opfer einer Wahrsagerin, die in ihrem Zelt auf dem Jahrmarkt in eine dieser Briefbeschwerer-Glaskugeln starrt – vorgeblich eine echte und magische Kristallkugel – und den Verzweifelten, die zu ihr eilen, dramatisch-dräuenden Blicks etwas vom Pferd erzählt … 😉

Ich winkte ab, da die Sache ja nun wirklich individuell zu sehen ist und man das Ganze ohnehin nicht bierernst nehmen kann, aber Jasmin fragte weiter, was denn mit meinem Fisch gewesen sei, denn meinen Humor verstände sie recht gut, auch sarkastische Bemerkungen meinerseits. Und dann meinte sie: „Und ich mag dich obendrein.“ – „Ich dich auch.“ Und wir stellten fest, dass wir über einen ähnlichen Humor verfügen – aber trotzdem wollte Jasmin, Sternzeichen Waage, doch eine Antwort.

Ich sagte: „Ich kann dir wirklich nur sagen, wie das bei mir gelaufen ist. Aber ich bin mir sicher, wenn ich dir das Ganze erzähle, fangen wir beide zu lachen an. Also: nur Mut! Vielleicht ist dein Fisch ja auch ganz anders!“

Und ich erzählte. Jasmins Gesicht verfinsterte sich mehr und mehr, so dass ich irgendwann rief: „Jasmin! Astrologie ist keine ernstzunehmende Wissenschaft! Sie ist im Grunde überhaupt keine solche!“ Doch sie sah mich nur leicht melancholisch an und meinte: „Was du gerade erzählt hast, trifft zu hundert Prozent auf meinen Fisch zu! Alles! Ich war ja ohnehin schon im Zweifel … Und nun hast du mir noch eine Bestätigung gegeben, dass das nicht passe.“ – „Du hast mich gefragt, und ich habe dir gesagt, ich könne nur für mich sprechen. Aber warte! Ich hatte früher einen Freund, der auch Fische war – der war ganz anders!“ – „Und wieso bist du nicht mehr mit ihm zusammen?“ – „Weil wir nicht zusammenpassten. Aber der war wenigstens nicht so ätherisch wie der letzte Fisch. Wahrscheinlich war er Aszendent Lumberjack. Auch wenn es nicht passte: Seine direkte Art fand ich zumindest nett. Blöd war halt nur, dass er sehr empfindlich war, was seine Person anbelangte. Aber auch nur im Hinblick auf die. Aber warte! Da war noch Anthony! Ein Neuseeländer, den ich sehr mochte. Ich habe so viele schöne Gespräche mit Tony geführt. Ich dachte damals, er sei Informatiker, da er in einer IT-Firma arbeitete. Er dachte das Gleiche von mir, da auch ich in einer IT-Firma arbeitete. Und es stellte sich heraus, dass wir beide in der Tat dasselbe studiert hatten. Nur eben nicht das, was wir vom Gegenüber dachten. Er war auch Anglist! Der war auch Fische!“ – „Warst du mit dem zusammen?“ – „Nee.“ – „Warum nicht?“ – „Weil ich damals mit einem Skorpion zusammen war. Davon rate ich übrigens dringend ab. Zumindest dir und mir. Ich glaube, im Vergleich zu diesem Skorpion wäre jedweder Fisch harmlos.“ Und ich grinste Jasmin an und meinte, und das mit einem Augenzwinkern: „Manchmal sind Fische im Vergleich gar nicht so schlimm. Es könnte zumindest schlimmer kommen.“ Jasmin meinte: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt mit dieser Sternzeichen-Kategorie zu tun haben möchte. Mein Fisch ist so sensibel! Knallt einem dann aber Dinge quer über die Rübe, bei denen man nur schlucken muss – total unsensibel!“ Ich grinste und rief: „When you have to deal with pisces, there’s always something fishy about it!”

Jasmin hat einige Zeit in England gelebt, und als sie meinen Spruch hörte, platzte sie heraus und konnte sich kaum noch beruhigen. „Was für ein Wortspiel!“ rief sie, und dann erklärte sie, sie würde noch einmal in sich gehen …

Liebe Fische– und Skorpion-Geborene: Ich mag euch! 😊 Aber beste Freunde waren wir nie so recht. Es liegt an der Wellenlänge. Zumindest habe ich bis dato diese Erfahrung gemacht. Ob es am Sternzeichen liegt, vermag ich natürlich nicht zu sagen. 😉

Kleiner Nachtrag: Nein, ich bin nicht gar so abergläubisch, wie es hier scheint. It was just for the fun of it … 😉

Vom „Biest“, der „Russen- oder Kältepeitsche“ sowie der „Winterwalze“ – alles völlig cool!

Ich staune ja immer wieder darüber, was Medien bisweilen aus alltäglichen und/oder unabwendbaren Dingen kreieren. Manchmal habe ich den Eindruck, es seien eher Werbetexter und nicht Journalisten am Werke, denn kürzlich erfuhr ich, dass wir – wie inzwischen geschehen – von der Russenpeitsche getroffen werden würden, als ich einfach nur wissen wollte, wie das Wetter werden würde. (Nein, ich habe rein gar nichts gegen Werbetexter, bewundere bisweilen sogar ihre Wortkreationen – wirklich! Ich falle ja selber öfter auf die wohlfeilen und den Reiz auf Neues erzeugenden Worte herein … 😉 )

Aber bitte! Russenpeitsche? Zunächst wunderte ich mich nicht wenig, doch dann schoss mir durch den Kopf, dass das, was wohl gemeint war, vor einigen Jahren schon als Kältepeitsche durch die Tageszeitungen und Gazetten geisterte. Bereits da hatte ich mich so köstlich amüsiert, dass mir gleich viel wärmer wurde und ich das, was die Kältepeitsche dann mit sich brachte, leichter ertrug als andere, die sich von einem schlichten Wort eingeschüchtert fühlten, das sie sofort in ihren Wortschatz übernahmen.

Vor einigen Tagen las ich erstmalig von der Russenpeitsche. Anfangs fand ich es ein bisschen diskriminierend, denn ich dachte mir, dass auch Russen zwar an derlei arktische Temperaturen gewöhnt seien – je nachdem, wo sie leben -, aber doch der Begriff an sich irgendwie nicht sehr freundlich wirke. Russen reisen auch gern in wärmere Gebiete. Warum? Weil sie das vielleicht auch schön finden? Wie kann man dann von Russenpeitsche sprechen, wenn doch selbst Russen gern davor in wärmere Gefilde flüchten bzw. reisen? Sofern sie es sich leisten können – ist bei uns ja nicht anders. 😉

Vorgestern fand ich dann einen weiteren Begriff für das derzeit grassierende Phänomen: die Winterwalze! (Nein, ich lese nicht die Zeitung für Kurzsichtige mit den vier Buchstaben! Es stand auch anderswo – was mir zu denken gab …) O Gott – das klang ungleich bedrohlicher für meine Ohren. Denn eine Walze tut das, dessen sie bezichtigt wird und weswegen sie so heißt, wie sie heißt: Sie walzt alles nieder! Erstmalig stattete ich meinen Wagen, den kleinen Monty, mit der wattierten und alubeschichteten Windschutzscheibenabdeckung aus, da er eine kleine „Bordsteinschwalbe“ ist und keine Garage hat. Ich gebe zu, dass ich am liebsten eine Gesamtummantelung für den armen kleinen Kerl gehabt hätte – aber die hatte ich nicht zur Hand. 😉

Am besten gefiel mir übrigens die Bezeichnung, die ich vorhin in einer Nachrichtensendung hörte, die das derzeitige Wetterphänomen, das seriöse Meteorologen übrigens als „arktische oder sibirische Kälte“ bezeichnen, wie ich las, am besten beschreibt: Man nannte es einfach nur das Biest.

Und das finde ich sehr treffend, obwohl ich, als ich heute früh um 06:45 Uhr aus dem Haus auf die Straße trat, den kleinen Monty gar wundersam und romantisch glitzernd vorfand – bis auf die Windschutzscheibe -, es noch gar nicht so kalt fand. Mag sein, dass es daran lag, dass ich noch nicht richtig wach war, was um diese Uhrzeit bei mir ziemlich normal ist. Wie sollen Kälte- und Schmerzrezeptoren da fehlerlos funktionieren? 😉

Ich nahm die Frontscheibenverhüllung ab, nachdem ich den Motor angelassen hatte, die Lüftung und Heizung bis zum Anschlag Richtung „warm, aber sofort!“ gedreht und die Heckscheibenheizung in Betrieb genommen hatte. Pflichtschuldig – und um das Abtauen bzw. Enteisen etwas zu beschleunigen – scharrte ich die wunderschönen Eiskristalle gnadenlos von sämtlichen Scheiben – bis auf die Windschutzscheibe, denn da gab es dank „Mantel“ ja keine.

Ich hatte ein bisschen Bedenken gehabt, der Motor könne aufgrund der arktisch-sibirischen Kälte nicht anspringen, nachdem er kürzlich schon unerklärliche Fisimatenten gemacht hatte, aber – wie gesagt – er sprang an wie eine Eins (woher kommt der blöde Spruch eigentlich – hat man jemals eine Eins springen, laufen oder sonstige Aktivitäten durchführen gesehen, deren man sie immer bezichtigt?). Das war auch nötig, denn ich musste Monty heute zur Werkstatt bringen. Denn er sollte ein neues Hinterteil bekommen. Eine neue Heckschürze, denn ich hatte die originale ja kürzlich bei einem Unfall nachhaltig beschädigt. Ab 7 Uhr sollte ich den Wagen vorbeibringen. Drei Tage hatte man für die Reparatur veranschlagt.

Um 07:05 Uhr fuhr ich auf den Hof der Werkstatt, parkte schnurgerade ein, nahm alles, was ich mitnehmen wollte, und dann schloss ich den kleinen Kerl ab. Nein, ich habe ihn nicht noch liebevoll getätschelt, aber ich gebe zu, ich warf ihm einen wehmütig-aufmunternden Blick zu, der besagte: „Am Freitag hole ich dich wieder ab!“

Dann gab ich meinen Schlüssel am Empfang ab, und, ich gebe es zu, ein bisschen blutete mein Herz. Vor allem deswegen, weil ich nun auf den ÖPNV angewiesen war … Erst gestern war ich damit unterwegs gewesen, und – wie es der Teufel wollte – just in der Straßenbahn, mit der ich zu meinem Arzt fuhr, neben und um dessen Praxis herum es so gut wie nie Parkplätze gibt (denn ansonsten wäre ich mit dem Auto gefahren, was ich nach einem einmaligen Versuch jedoch aufgegeben habe), gab es eine Schlägerei. Die Bahn musste außerplanmäßig an einer Haltestelle länger halten, mehrere mutige Männer griffen ein und warfen die Idioten, die sich nicht hatten beherrschen können, kurzerhand aus der Bahn, deren Fahrer sofort die Türen schloss, auf dass die Schläger nicht wieder hineinkämen. Immer wieder entzückend, den ÖPNV hier genießen zu dürfen …

Doch zunächst musste ich erst einmal zum Zuge bzw. der Straßenbahn kommen, und von meiner Vertragswerkstatt ist das ein gehöriges Stück Weges. Alle passenden Busse waren weg, und so schritt ich munter drauflos – bloß nicht stehenbleiben, denn ansonsten wäre ein Festfrieren nicht unwahrscheinlich gewesen. Ich schritt etwa fünf Meter, als mir bewusst wurde, dass ich es in der Tat mit einer Kältepeitsche zu tun hatte, denn der eiskalte Wind peitschte in mein Gesicht und überallhin, ging durch und durch, obwohl ich gefütterte Stiefel und Skisocken trug, die ich in einem relativ kalten Winter – harmlos gegen das, was derzeit herrscht – gekauft habe, obwohl ich nicht einmal Ski fahre. Und da ich ja normalerweise immer mit dem Auto zur Arbeit fahre, hatte ich keine Handschuhe dabei. Auch keine Mütze. Aber ich hatte ja eine Kapuze! Die setzte ich auf – „Scheißegal, wie das aussieht!“ – , aber der böse sibirische Wind riss sie wieder von meinem Haupt! Ich setzte sie erneut auf, obwohl mir klar war, dass es sich um ein sinnloses Unterfangen handeln würde. Aber niemals kampflos aufgeben! Nun ja … Irgendwann gab ich auf – es hatte keinen Sinn, und ich hatte den Eindruck, meine Haarwurzeln machten Versuche, bis ins Gehirn zu kriechen … Meine Hände steckte ich in die Jackentaschen, und trotzdem spürte ich nach etwa einem Kilometer meine kleinen Finger kaum noch. O Gott! Zwei kleine Finger, hingerafft und getötet von der Russenpeitsche! 😉

Ich habe es dann tatsächlich, ohne als Eisklotz auf der Strecke stehenzubleiben, bis zur Straßenbahnhaltestelle geschafft – und irgendwann kam ich auch vor Kälte schnatternd bei der Arbeit an. Im Büro tauten auch meine kleinen Finger wieder auf – es gab nicht nur acht, sondern zehn Überlebende! 😉

Glücklicherweise hat meine derzeitige Doppeltätigkeit dann auch dafür gesorgt, dass mir recht schnell sehr warm ums Herz wurde – man glaubt ja kaum, welch schräge Menschen es auf der Welt gibt, die dann für eine Fort- und Weiterbildung eingeschrieben werden wollen und denen man höchstselbst einen Termin dafür gegeben hat! 😉

Am frühen Nachmittag weilte ich dann in einem Webinar, und danach stellte ich fest, dass jemand eine Nachricht in der Mailbox meines Handys hinterlassen hatte. Bei genauerem Nachforschen stellte sich heraus, dass es meine Vertragswerkstatt war … Sogleich geisterten zwei fiese Möglichkeiten vor meinem geistigen Ohr: „Frau B., es tut uns leid – der Schaden ist erheblich größer, als erwartet, und er überschreitet das, was Ihre Versicherung abdeckt.“ Oder: „Frau B., es tut uns furchtbar leid, aber Ihr Wagen ist von der Hebebühne gestürzt und nun ein Totalschaden!“ Man weiß ja nie … 😉

Ich rief sofort an und hörte die Nachricht ab, die da besagte, dass der kleine Monty, der kleine Musterschüler, schon fertig sei und im Kinderparadies auf seine Mama warte. 😉 Nein, nicht ganz so, aber man sagte, mein Wagen sei fertig. Ich hörte die Nachricht zweimal ab – konnte das sein? Man hatte von drei Tagen gesprochen! Hatten sie die Heckschürze etwa in einer Kontrastfarbe installiert? Immerhin hatte man davon gesprochen, dass noch lackiert werden müsse. Würde mein Wagen künftig mit einer flammroten Heckschürze zur ansonsten dunkelblauen Karosserie wie ein paarungsbereiter Pavian umherfahren müssen? Umgehend rief ich in der Werkstatt an …

Nein, alles bestens, der Wagen sei fertig. Und ich könne ihn heute noch abholen. Meine neue Kollegin Jana meinte: „Ich nehme dich gerne mit und werfe dich dann irgendwo raus!“ Ich nahm angesichts der Kältepeitsche das Angebot gerne an, und sie fuhr mich extra noch zum Busbahnhof, der nicht an ihrem Weg lag. Das wollte ich gar nicht, aber sie meinte, sie tue das gern, und es sei gar kein Problem. Ich war wirklich gerührt – sie hatte noch andere Termine, und sie hat zwei Kinder und genug zu tun. Ich werde mich demnächst revanchieren.

Schnatternd vor Kälte traf ich – der Bus hielt leider nicht direkt vor Ort – auch in der Werkstatt ein, bezahlte meine Selbstbeteiligung und nahm meine Wagenschlüssel in Empfang. Fast hätte ich Monty auf dem Hof nicht gefunden, denn da standen nur blitzende Autos. Und auch ein blitzender dunkelblauer kleiner Fiesta mit meinem Kennzeichen. 😉 Nett – man hatte ihn durch die Waschstraße gefahren! Ohne diese Maßnahme hätte die neue dunkelblaue Heckschürze trotz karosseriegleicher Farbgebung jedoch in der Tat wie eine Kontrastfarbe gewirkt – so dreckig, wie der Wagen witterungsbedingt außen war … 😉

Der einzige Nachteil war, dass ich die Fahrertür kaum öffnen konnte – die Feuchtigkeit von der Autowäsche war bereits gefroren … 😉

Alles dank der Russenpeitsche! Inzwischen – und nach mehreren längeren Aufenthalten ohne Handschuhe und Mütze draußen – bin ich fast geneigt, diese Bezeichnung zu akzeptieren.

Obwohl ich finde, dass das Biest die derzeitigen Witterungsverhältnisse noch besser treffe … 😉

Eine Begegnung mit der Vergangenheit – Oder: Kochen kann manchmal frustrierend sein

Heute war ich bei meinen Eltern. Ich hatte eigentlich schon letztes Wochenende hinfahren wollen. Meine Eltern wohnen etwa 20 Kilometer entfernt von mir, aber wir sehen einander nicht so oft, und in der letzten Zeit hatte ich wiederholt das Gefühl, ich sollte mal öfter vorbeifahren, zumal ich meine Eltern sehr mag, jeden der beiden auf seine ureigene Weise. 😊

Aber letztes Wochenende war ich derart erschlagen, dass ich lieber einfach zu Hause bleiben wollte. Meine Mutter klang ein wenig enttäuscht, als ich ihr das am Telefon sagte, und das tat mir leid. Und mein Vater rief aus dem Hintergrund, sie würden gerade Altlasten verklappen, und da wären einige Sachen von mir, die ich doch bitte mal in Augenschein nehmen solle – ob man die gegebenenfalls wegwerfen könne. Oder ob ich die behalten und mitnehmen wolle. Nachdem wir das Telefonat beendet hatten, kam mir eine Idee. Und ich rief erneut an und meinte zu meiner Mutter: „Ich komme nächstes Wochenende, und dann koche ich für euch ein Stifado!“ – „Dieses griechische Schmorgericht, von dem du mir neulich so begeistert erzählt hast?“ – „Genau!“ rief ich selbstbewusst, und meine Mutter meinte, das sei ja eine nette Idee. Dann müsse sie an dem Tag ja gar nicht selber kochen – das sei doch mal eine nette Abwechslung.

Heute fuhr ich hin, und eigentlich hatte ich die Zutaten selber besorgen wollen, aber meine Mutter meinte: „Nee, lass mal, das mache ich schon.“ Und so lagen die wesentlichen Zutaten auch schon bereit, als ich um 14:15 Uhr eintraf. Sogar die Schalotten hatte meine Mutter schon abgezogen, und ein Kilogramm Rindfleisch aus der Hüfte lag bereit. Ich musste es nur noch schneiden, und zwar in Stücke, die etwas größer als die Größe bei einem „normalen“ Gulasch sind.

Doch zunächst wollte ich einmal mehr Montys Wischwassertank auffüllen – die letzte Befüllung auf dem Parkplatz meines Arbeitgebers war im Grunde nur eine „Notbefüllung“ gewesen, da der Tank komplett leer war. Meine Mutter meinte zu meinem Vorhaben: „Du machst das selber?“ – „Ja, klar – wer sonst?“ – „Naja, bei meinem Auto macht das immer Papa.“ Ich sah sie an und staunte. Denn meine Mutter ist ein sehr patenter Mensch, und mehrfach hatte ich sie auf Fahrten gen und in Franken ziemlich tough über die geöffnete Motorhaube ihres jeweiligen Autos gebeugt stehen sehen. Einmal hatten wir auf der Fahrt dorthin ein Problem mit dem Kühlwasser gehabt – der Motor stand wohl kurz vor dem Kochen. Meine Mutter fuhr an der nächsten Raststätte heraus, parkte schwungvoll vor einer der Zapfsäulen und öffnete die Motorhaube, über die sie sich dann kurz darauf beugte. Ich gestehe, meine Mutter war die erste Frau, die ich in dieser Position – über einer geöffneten Motorhaube – wahrnahm und konzentriert in den Motorraum starren sah. Als sie sah, dass sie da wohl nichts machen konnte, meinte sie: „Ali, aussteigen. Du gehst jetzt mal in die Tankstelle und fragst dort jemanden, ob er helfen könne. Wir können so nicht weiterfahren. Das Kühlwasser scheint zu kochen.“ Ich rannte in die Tankstelle und holte Hilfe. Der freundliche Mann riet uns, in die nächste Werkstatt zu fahren – so könnten wir nicht weiterfahren. Meine Mutter meinte: „Das war mir auch klar, aber danke.“ Und wir fuhren in die nächste Werkstatt am Platze. Dort grinste man und meinte: „Ja, der Fiesta hat halt noch einige Mängel. Sie sind nicht der erste Fall, der mit einem Fiesta von der Autobahn kommt und exakt dieses Problem hat. Also machen Sie sich keine Gedanken, gute Frau!“ Ich war erst zehn Jahre alt, aber ich verzog mein Gesicht peinlich berührt – ganz falscher Ansatz … Meine Mutter meinte sehr kühl: „Die ‚gute Frau‘ können Sie sich sparen – ich bin nicht auf der Brennsuppe dahergeschwommen gekommen!“ Der KFZ-Mechaniker entschuldigte sich sogleich, und immerhin wurde der Schaden, offenbar eine „Kinderkrankheit“ bei diesem Auto, behoben, und wir konnten weiterfahren.

Meine Mutter war es, die mir als Kind beibrachte, wie man den Ölstand richtig messe („Der Wagen darf nicht kalt sein – merk dir das!“). Wie man dynamisch und vorausschauend Auto fährt. Und nun wundert sie sich, dass ich in der Lage bin, Wischwasser nachzufüllen? Liegt es an mir, oder liegt es daran, dass sie sich manche Dinge nicht mehr zutraut? Ich fragte sie, und da meinte sie: „Ali, manche Dinge werden schwieriger, je älter man wird. Es liegt nicht an dir, denn du bist ja immer recht unerschrocken gewesen – wieso sollte ich daran zweifeln, dass du so einfache Dinge wie das Nachfüllen von Wischwasser könntest? Mir selber traue ich das nicht mehr so zu. Und ganz ehrlich: Ich war eigentlich immer froh, wenn dein Vater das machte. Ich fand das immer recht lästig, wenn auch notwendig, zu wissen, wie das gehe.“ – „Ja, aber du hast solche Dinge doch immer so pragmatisch angepackt!“ – „Manche Dinge muss man einfach tun, Ali – gefallen hat mir das nie so recht. Oder brichst du in Entzücken aus, wenn du unter eine Motorhaube guckst?“ Nee, kann ich nun wirklich nicht behaupten – es reicht, wenn die Jungs in meiner Vertragswerkstatt sich des Motorraums meines Autos annehmen, sofern nötig.

Nach getaner Arbeit widmete ich mich dem Kochen. Ich machte alles so, wie ich das hinsichtlich des Rezepts kannte. Aber irgendwie hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, dass etwas Essentielles fehle. Ich briet das Fleisch an, gab die Schalotten dazu, würzte und löschte dann mit Rotwein ab. Und dann schob ich das wunderbare Ofengericht in den vorgeheizten Backofen. Alle Gewürze waren drin, auch Zimt.

Ich ließ das Ganze erst einmal eine Stunde im Ofen. Dann wollte ich eigentlich nachsehen, ob sich alles richtig entwickle, aber meine Mutter meinte: „Mach dir nicht so viel Stress – das Zeug schmort da ganz allein vor sich hin.“ Hätte ich nachgesehen, wäre mir wahrscheinlich aufgefallen, dass etwas Entscheidendes fehlte … 😉

Nach eineinhalb Stunden holte ich den Topf aus dem Ofen und stellte fest, dass zwar das Fleisch gar war, sich aber erstaunlich wenig Sauce im Topf befand. Nicht zu wenig, aber weniger, als ich angenommen hatte. Meine Mutter kam dazu und sagte nach einem Blick in den Topf: „Irgendwie erinnert mich das Ganze an das Gulasch von Oma K.“ Und sie probierte, sah mich an und meinte: „Es schmeckt auch so ähnlich.“ Mit Oma K. war ich nie so auf einer Wellenlänge gewesen, und nun sollte ich etwas gekocht haben, das ihrem „Gulasch“ ähnelte? Ich probierte selber und stellte fest, dass meine Mutter Recht hatte. Und schon fiel mir der Fehler auf: „O Gott – es hätten noch geschälte Tomaten aus der Dose hineingehört! Weil die fehlen, gibt es auch vergleichsweise wenig Sauce! Wie konnte ich nur die Tomaten vergessen?“ Ich raufte mir die Haare, und meine Mutter lachte und meinte: „Immerhin! Dafür, dass du mit Oma K. nie so gut ausgekommen bist, hast du das, was sie immer als ‚Gulasch‘ bezeichnete, sehr gut nachgekocht!“

Hervorragend! Aber ich lachte auch und dachte mir: „Manchmal kommen sie wieder!“ (Das ist der Titel einer Geschichte von Stephen King.) Und als wir uns dann zum Essen hinsetzten und mein Vater probierte, meinte er: „Das schmeckt so ähnlich wie das, was meine Mutter immer als Gulasch gekocht hat!“ Na, danke! Da stehe ich stundenlang in der heißen Küche, gebe mir Mühe – und heraus kommt etwas, das jeder schon einmal gegessen zu haben wähnt! 😉

Ich war zerknirscht – noch nie hatte ich eine Zutat vergessen. Aber meine Mutter meinte, es sei doch gut, und das Einzige, worüber sie etwas verärgert war, war die langfaserige Qualität des Fleischs. Danach verkündete sie, sie wolle ohnehin Vegetarierin werden …

Muss ich mir jetzt Gedanken machen? 😉 Immerhin war das Fleisch so schön weich, dass man es mit der Gabel zerteilen konnte … Und ich habe obendrein etwas gelernt: Oma K. war viel weltoffener, als ich dachte: Sogar Stifado konnte sie! 😉

Mein Tipp: Kocht immer nur für andere, wenn ihr nicht völlig und komplett durch den Wind seid. Kochen bedarf der Konzentration. 😉

„Irgendeine(r) heulte immer …“

Gestern hatten wir anlässlich des Geburtstages einer Kollegin ein kleines Frühstück. Wir saßen zusammen, redeten über alles Mögliche, und irgendwann erzählte eine der Kolleginnen von einem Kindergeburtstag, den sie demnächst ausrichten und überleben müsse, wie sie sagte. Eine andere Kollegin, ebenfalls Mutter, meinte nur: „Mein herzliches Beileid!“ Und alle lachten. Auch die Nichtmütter, denn jede hatte wohl Erinnerungen an eigene Geburtstagsfeiern, die von ihren unerschrockenen Müttern organisiert und trotz aller möglichen Widrigkeiten immer irgendwie gut und vor allem tapfer „gestemmt“ wurden.

Auch ich erinnerte mich an diverse Geburtstagspartys meiner Kindheit und meinte grinsend: „Im Grunde gab es immer ein festes Schema bzw. einen festen Ablauf. Irgendeine(r) heulte immer. Oder – mit Verlaub – kotzte.“ Alle lachten, und die eine der beiden Mütter nickte und meinte: „Ja, das kenne ich auch. Entweder muss man trösten, schlichten, oder man wischt Erbrochenes auf.“ Erneut lachten alle, und alle waren sich einig, dass so ein Kindergeburtstag zwar nach außen als fröhliches Event gelte, aber im Grunde eher einem Pulverfass gleiche und somit eine echte Nervenprobe sei. Für die ausrichtenden Eltern, hier vornehmlich: Mütter. 😉

Ich habe keine Kinder, aber – wie gesagt – ich habe ein sehr gutes Gedächtnis. Und ich erinnerte mich, dass es bei uns damals bisweilen schon vor der eigentlichen Party zu Unstimmigkeiten kam. Nicht bei mir, ich war nicht betroffen, aber zwei Nachbarsmädchen, davon die eine meine damals beste Freundin Britta, hatten beide am selben Tag im Mai Geburtstag. Nur war die eine, Babette, ein Jahr älter und beabsichtigte, just an ihrem Geburtstag eine Party zu veranstalten. Britta protestierte, denn eine ähnliche Idee hatte sie ihrerseits schon gehabt. Und wir luden auch immer die Nachbarskinder mit ein (was die Anzahl der Gäste auf einer der beiden Partys ziemlich schrumpfen lassen würde). Zumindest die, mit denen wir uns im Allgemeinen gut verstanden.

Was mich noch heute vor die Frage stellt, warum ich dann eigentlich Babettes Bruder Christoph immer miteinladen musste – mit dem gab es immer Zoff, und bei einer Geburtstagsparty seiner Schwester hatte er nicht nur sämtliche Mädels dauernd attackiert, sondern – quasi als Höhepunkt der Feier – mich auch noch mittels einer Schaufel, die er mir über die Rübe zog, niedergestreckt, so dass ich eine kurze Zeit bewusstlos auf dem Rasen lag, während Christophs Mutter zunächst einmal Britta und Christoph trennte, da sich zwischen beiden eine Prügelei androhte, da er Britta auch noch attackiert hatte, wenn auch „nur“ mit den Fäusten. Dabei machte sich die Mutter eigentlich nur Sorgen um ihren Sohn – und sicherlich gab sie auch mir die Schuld an meinem KO auf dem Rasen, obwohl Christoph seit jeher als jähzornig und Störenfried bekannt war. Nachdem ich wieder zu mir gekommen war, erschien es der Mutter besser, mich nach Hause zu schicken. Nicht etwa, dass sie Christoph ins Haus geschickt hätte, nein!

Babette und Britta gerieten in Streit, und sie keiften einander furchtbar an, während ich zu schlichten versuchte und den Vorschlag machte, eine von beiden könne ja einen Tag nach ihrem Geburtstag feiern – die Party würde dadurch sicherlich nicht schlechter. Erst wollten sie davon nichts wissen, und wir mussten abzählen, wer als erste würde feiern dürfen, als sie sich schließlich mit der Lösung auseinandersetzten. Und so feierten wir erst bei Babette, am nächsten Tag bei Britta (da dröhnte mein Kopf auch nicht mehr so sehr, denn just in jenem Jahr hatte Christoph während Babettes Feier seine „Charmeoffensive“ gestartet … 😉 )

Ich bekam als Kind immer eingetrichtert, mich bloß nicht zu sehr vollzustopfen, mich eher bescheiden zu verhalten, damit ich nicht als Vielfraß gälte. Ich vermute jedoch, meine Mutter sagte dies aus Gründen der Vorsicht, da ich seit jeher einen etwas empfindlichen Magen habe, der bei allzu viel kalter Limo oder gar O-Saft – egal, ob kalt oder warm – zu streiken begann. Das dann noch in Kombination mit Kuchen, Flips, Chips und später den obligatorischen Würstchen mit Kartoffel- und Nudelsalat hätte durchaus zu einer Katastrophe ausarten können. Das überließ ich dann doch lieber anderen … 😉

Eine meiner Geburtstagspartys artete auch aus. Eigentlich war es nicht nur meine Geburtstagsparty, sondern die meiner Schwester und mir. Unsere Geburtstage liegen nur zweieinhalb Monate auseinander, und an meinem im August waren wir ohnehin in Franken gewesen. Ergo feierte ich nach, während Stephanie an ihrem Geburtstag selber feiern konnte.

Eingeladen waren vergleichsweise viele Kinder, und meine Patentante hatte zugesagt, ebenfalls zu kommen und meiner Mutter in der Betreuung der „Wilden“ zu helfen. Außerdem war noch die Mutter von Stephanies Sandkastenfreund da, um den wir beide immer konkurrierten, wer ihn mal heiraten würde. Einmal sogar, als er dabei war, und meine Schwester meinte gebieterisch, sie habe immerhin die älteren Rechte, da sie ihn länger kenne. Und so fragte sie ihn direkt, welche von uns er heiraten wolle. Daraufhin sagte er zu Stephanie, dass er, wenn es überhaupt dazu käme, wohl mich nehmen würde. Stephanie wurde zickig und fragte, warum, und da meinte er: „Weil Ali nicht so zickig ist und mich nicht dauernd herumkommandiert.“ – „ICH BIN NICHT ZICKIG!“ zickte Stephanie, und er grinste nur. Ich sagte lieber nichts. Merkwürdigerweise war Stephanie danach nur auf mich sauer … irgendwie ungerecht. 😉

Gernots Mutter war eigentlich nur dabei, weil meine Mutter und sie einander gut verstanden – soviel Aufsicht war nun auch nicht vonnöten, und meine Mutter kam im Grunde auch immer allein klar mit der ganzen Bande, aber ich glaube, sie fand es selber netter, nicht nur von schreienden Kindern umgeben zu sein … 😉

Als Christoph und Babette eintrafen, fragte Christoph sofort, ob man nicht einmal den Fernseher einschalten könne. Er war bei jedem Besuch total fixiert auf dieses Gerät, da seine und Babettes Eltern aus ideologischen Gründen keines hatten. Im Prinzip eine gute Methode, ihn in Schach zu halten … Aber meine Mutter meinte, es sei doch schöner, würde er mit den anderen spielen (meine Mutter ist manchmal wirklich todesmutig … 😉 ). Ich hätte Christoph lieber die ganze Zeit vor dem Fernseher gewusst … 😉

Das Geburtstagsgeschenk meiner Tante für Stephanie wurde lieber umgehend aus dem Verkehr gezogen, damit es seine Ruhe haben konnte, denn es handelte sich um einen Goldhamster nebst Käfig und Hamsterzubehör. Meine Mutter brachte den Käfig lieber gleich in Stephanies und mein Zimmer, als zahlreiche Kinder sich darum scharten und einige Hände schon hineingriffen, um den friedlich pennenden „Ulli“ aus seinem Schlaf zu reißen, was bei Hamstern im Allgemeinen keine so gute Idee ist – allein schon angesichts ihrer Zähne … 😉

Dann ging es ans Auspacken der Geschenke, und das dauerte ein bisschen, da es so viele waren. Britta schielte da schon dauernd zum sehr liebevoll dekorierten Esstisch hinüber, auf dem diverse Kuchen standen … Und endlich gab es dann auch Kuchen und im Anschluss viele Spiele. Topfschlagen stand damals auf der Beliebtheitsskala sehr weit oben … 😉

Gegen 6 gab es dann Abendessen – natürlich Würstchen mit Kartoffel- und Nudelsalat; das war von allen Kindern gewünschter Standard.

Und da kam es zum Eklat, denn Babette meinte zu meiner Mutter: „Kann man die Würstchen auch mit der Gabel schneiden? Meine Mami kauft nur Würstchen, die man auch mit der Gabel schneiden kann!“ Und sie mühte sich ab, mit dem Messer ein Stück von ihrer Wurst abzuschneiden, die genauso war, wie Würstchen für meinen Geschmack sein sollten: knackig. 😉

Gernot, der eher ein Gemütsmensch ist, neben ihr saß und den ihre teils recht hysterische Art – mehrfach hatte sie bereits wegen Bagatellen in den höchsten Tönen geheult – schon mehrfach genervt hatte, reichte es. Und er sagte: „Die Würstchen hier sind klasse, und die kann man auch mit der Gabel schneiden!“ Und schon nahm er seine Gabel und zerteilte mit Nachdruck Babettes Würstchen in zwei Hälften. Leider spritzte dabei von der Wurstflüssigkeit etwas auf Babettes Arm und in ihr Gesicht … Und schon verwandelte sie sich erneut in eine Sirene und kreischte hysterisch in den höchsten Tönen, während Christoph, der einige Plätze weiter entfernt gesessen hatte, wutentbrannt aufsprang, dabei erst sein volles Glas, dann seinen Stuhl umwarf und zu Gernot stürmte. „Was hast du mit meiner Schwester gemacht?!?“ brüllte er und fing an, auf Gernot einzuschlagen, untermalt vom sirenenartigen Gekreisch seiner Schwester, die schrie, als wäre sie nicht von ein bisschen lauwarmem Wurstwasser benetzt worden, sondern als würde sie mit glühenden Feuerzangen gefoltert. Eine Stimmung wie im Tollhaus …

Meine Mutter, meine Tante und Gernots Mutter sprangen ihrerseits auf und überwältigten Zerberus Christoph. Meine Mutter donnerte: „Christoph, du setzst dich jetzt sofort wieder auf deinen Platz und gibst Ruhe! Was soll denn das?“ (Ich grinste leise in mich hinein.) Derlei Behandlung war Christoph nicht gewohnt, und offenen Mundes starrte er meine erzürnte Mutter an, schlich dann aber lieber wieder auf seinen Platz. Später wollte er nicht mehr gar so gern zu uns kommen, und seine Mutter fragte meine vorwurfsvoll, was sie denn ihrem kleinen „Toffi“ angetan hätte – der hätte gesagt: „Nee, ich will nicht mehr zu B.s.“ – „Warum denn nicht, Toffi?“ – „Ich habe Angst vor Frau B.!“ – „Was haben Sie mit ihm gemacht, Frau B.?“ – „Ich habe ihm lediglich ein paar passende Worte gesagt, weil er einen Anfall von Jähzorn hatte und einen anderen Jungen geschlagen hat. Übrigens haben einige Kinder Angst vor Ihrem ‚Toffi‘!“ Ich muss sicherlich nicht dazusagen, dass das Verhältnis zwischen Toffis und meiner Mutter danach temporär nicht ganz so herzlich war … 😉

Babette bekam von Gernots Mutter ihr Fett weg: „Ein bisschen Wurstwasser, und du kreischst hier herum, dass das Haus fast zusammenstürzt – du bist doch kein Baby mehr. Mal ehrlich: War das so schlimm?“ Babette war ebenfalls wie vom Donner gerührt und sofort still. Meine Mutter begutachtete sie und fand keinerlei schlimme Brüh- oder Brandverletzungen. Sie fand gar nichts und lenkte dann mittels eines Spiels von dem Vorfall ab.

Später gab es dann eine wirklich Verletzte. Und schon wieder war Gernot involviert, in den sich eine von Stephanies Freundinnen spontan verliebt hatte, was jedoch nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Und auch Britta schien ein Auge auf ihn geworfen zu haben – immerhin hatte er die Würstchen-Affäre so gelassen gehändelt und konnte ja nichts für den hysterisch-jähzornigen Ausbruch der beiden Geschwister aus dem Nachbarhaus … Und irgendwie kam es zu einer Rangelei zwischen Gernot, der sich die beiden Grazien vom Hals halten wollte, Marie und Britta. Marie war recht groß und etwas kräftiger gebaut, und im Wahn, die Konkurrenz von „ihrem Gernot“ fernhalten zu müssen, gab sie Britta einen heftigen Stoß. Britta knallte mit dem Kopf auf den Wohnzimmerteppich und blieb – wie nur wenige Monate zuvor ich auf dem Rasen der Nachbarn – benommen liegen. (Ihr seht: Irgendwie war bei uns regelmäßig jemand kurzzeitig bewusstlos oder benommen, nachdem er ausgeknockt worden war. Wie? Das gehörte bei euch nicht zum festen Programm? 😉 ) Das Ganze war so schnell gegangen, dass niemand rechtzeitig hatte eingreifen können. Meine Mutter war gerade nur kurz in die Küche gegangen, und Gernots Mutter und meine Tante waren auch nicht schnell genug im Zentrum des Wahnsinns gewesen, weil alles zunächst noch harmlos gewesen und sich dann ganz plötzlich in einen Kampf um den offenbar von mehreren Mädels präferierten Gernot gewandelt hatte, schneller, als man „Hallo“ sagen kann. Mama kam sofort herbeigerannt, als sie mich Marie anschreien hörte: „Na, toll! Jetzt ist Britta tot!“ – „Was?“ rief meine Mutter und kam alarmiert angerannt, während Gernots Mutter und meine Tante sich um die hingestreckte Britta kümmerten, die gerade wieder zu sich kam. Meine Tante fuhr dann sicherheitshalber mit ihr ins Krankenhaus, aber zum Glück fehlte ihr nichts Ernsthaftes, wenn man von einer kleinen Platzwunde absah.

Das war der Moment, da meine Mutter aussah, als dächte sie: „Lieber über glühende Kohlen laufen, als einen Kindergeburtstag organisieren …“ Aber sie riss sich zusammen, und wir spielten noch einige Spiele, und Mama regte sich auch gar nicht über eine Vase auf, die dabei zu Bruch ging. Wahrscheinlich hatte sie sich einfach der Tollhaus-Atmosphäre ergeben und dachte sich: „Völlig egal – Hauptsache, es gibt keine Toten!“ 😉

Und daher widme ich den Beitrag allen Müttern und Vätern, die sich diesem Vergnügen aussetzen (müssen). Nicht immer ist es so turbulent, aber manchmal eben schon. Vor dieser Leistung ziehe ich meinen Hut. Außerdem kenne ich ähnliche Situationen – ich habe längere Zeit ehrenamtlich auf der Kinderstation des Krankenhauses von D. gearbeitet, sonntags. Da lernt man einiges … 😉

Ein schönes Wochenende! 😊

Ali bringt Mädels zum Weinen und schämt sich … Aber nur ein bisschen …

Ich gestehe, der Plural „Mädels“ ist ein bisschen übertrieben, denn ich hatte heute und auch jemals zuvor in meiner derzeitigen Position nur ein weinendes Mädel am Telefon. Aber dieses Mädel weinte so heftig, dass es gleich für mehrere gilt …

Gestern um 24 Uhr lief die Bewerbungsfrist für einen bestimmten Aspekt meiner – seit Anfang Oktober – bisherigen Arbeit aus, und ich machte schon gestern zum Feierabend drei Kreuze – obwohl ich damit rechnete, dass der auf dieses Angebot meines Arbeitgebers abgestimmte Mailaccount sicherlich heute explodieren würde. Und ich rechnete auch mit postalisch zugesendeten weiteren Anträgen, obwohl doch explizit gewünscht wurde, diese per Mail zu schicken … (Denn derzeit ist es ja so, dass ich – eher unfreiwillig – stellentechnisch „auf zwei Hochzeiten tanze“, auf denen ich quasi bis dato die Anwesenden und Gepflogenheiten nur rudimentär kenne.)

Heute täuschte mich Outlook zunächst, indem es auf diesem speziellen Account zunächst gar keine neuen Mails anzeigte. Aber ich traute dem Braten nicht. Und kaum klickte ich den Account an, explodierte er auch schon! -zig neue Anträge, die noch zu bearbeiten wären …

Meine neue Kollegin Jana meinte mit einem Blick auf mich: „Ali, ich wollte gerade in die Poststelle – ich könnte Hilfe beim Tragen gebrauchen!“ Und sie winkte mir verstohlen mit ihrer Schachtel „Lucky Strike“ zu. Ich grinste und meinte: „Ich helfe dir gern beim Tragen – ich brauche ja auch noch einiges, vor allem Ordner.“ Und ich winkte mit meiner eigenen Schachtel „Lucky Strike“ zurück. Sehr sympathisch – Jana raucht nicht nur, sondern sie raucht auch noch „meine“ Sorte! 😉 Und schon schritten wir von dannen, erst zur Poststelle, dann zu Janas speziellem Rauchplatz, wo ich auch schon früher mal zum Rauchen war. Dort sagte sie mir: „Boah, ich beneide dich nicht. Von einer neuen Stelle auf die nächste, und dann quasi zweigeteilt. Als ich sah, dass du dir vorhin in die Haare gegriffen hast, und als ich deinen Blick sah, dachte ich, frag Ali, ob sie nicht mitgehen möchte. Tragen können hätte ich das Ganze auch allein. Aber ich finde das schon krass.“ – „Ach, es wird schon gehen.“ – „Ja, sicher. Aber entspannend ist das sicher nicht.“ – „Entspannend ist anders.“ Und schon kamen wir ins Plaudern. Und Lachen.

Zurück am Arbeitsplatz, harrten die zahlreichen neuerlichen Anträge noch immer meiner. (Was hatte ich auch erwartet?) Und eine Mail, in der stand: „Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte mich gern bewerben – welche Unterlagen brauche ich? Schicken Sie mir die doch bitte zu!“ Abgeschickt um kurz vor 22 Uhr gestern, und ich fragte mich, was die junge Dame – denn eine solche war es – sich dabei wohl gedacht hatte. Die Bewerbungsfrist von Anfang Januar bis gestern – und just gestern um kurz vor 22 Uhr kommt sie auf die Idee … Während mein Schreibtisch unter der Last von Anträgen fast zusammenbricht …

Und ich fragte mich, warum immer die mangelnde Digitalisierung der Gesellschaft beklagt werde. Gerade solch junge Leute wie die junge Frau, die da anfragte, können doch kaum ohne ihr Smartphone, Tablet etc. pp., und sie kennen sich – so die landläufige Meinung – mit derlei Medien erheblich besser aus als ältere Menschen. Warum nur kommen sie nicht auf die Idee, mal rechtzeitig auf Seiten zu gehen, die offenbar wichtig sind? Warum fragen sie um kurz vor 10? Und was erwarten sie – dass der Account 24/7 bedient werde? 😉

Ich schrieb eine freundliche, aber eindeutige Mail an die junge Dame, in der ich ihr erklärte, dass sie leider zu spät dran sei, nachdem die Frist Anfang Januar begonnen und gestern Schlag 12 nachts geendet habe. Ich teilte ihr auch noch mit, wo sie das Antragsformular hätte finden können (das erschreckend viele Antragsteller auch ohne diese Hilfestellung ganz normal gefunden hatten). Sicherlich würde sie das verstehen. Und ich widmete mich den rechtzeitig eingetroffenen Anträgen.

Doch da klingelte mein Telefon, und ich ging dran und meldete mich fröhlich-optimistisch. Und natürlich mit meinem Namen. 😉 Erst hörte ich nichts, obwohl ich merkte, da war jemand am anderen Ende. Es war, als stutzte jemand. Und mit einiger Verzögerung hörte ich ein Schniefen. Und eine etwas piepsige Stimme fragte: „Frau B.?“ – „Ja.“ – „Frau B., ich habe gerade Ihre Mail bekommen. Sie sagen, dass ich mich nicht mehr bewerben könne …“ – „Ja, und das meine ich auch so. Denn die Bewerbungsfrist endete gestern.“ – „Aber – ich habe doch vor Mitternacht angefragt!“ – „Ja, eben. Angefragt.“ – „Aber das gilt dann doch noch! Ich habe mich ja bei Ihnen gemeldet!“ Ich griff mir an den Kopp. (Sorry, aber die letzten Tage waren anfragetechnisch etwas heftig …) Dann sagte ich: „Ja, aber eine Anfrage oder Meldung ist kein Antrag. Ihren Antrag hätten Sie einreichen müssen.“ – „Ich hatte doch kein Formular – das müssen Sie mir doch schicken!“ In sehr forschem Tonfall, und ebenso forsch gab ich zurück: „Nein, das muss ich durchaus nicht, denn es ist alles hübsch auf unserer Webseite zu finden, und ich will auch nichts von Ihnen, sondern Sie von uns. Andere haben das auch gefunden – entschuldigen Sie, bitte, wenn ich das so sage.“ Erneutes Schniefen war die Antwort, und wenn ich auch ein durchaus mitfühlender Mensch bin, war ich hier genervt. Man hatte wohl darauf abgezielt, mich weich zu stimmen. Offenbar hatte man auch mit einem Mann gerechnet, wie man im weiteren Verlauf des Gesprächs erklärte. Ja, tut mir leid – damit konnte ich nicht dienen … 😉

„Ja, aber ich habe doch vor Mitternacht eine Mail geschickt!“ – „Ja. Eine Mail. Aber keinen Antrag.“ – „Frau B. – bitte machen Sie doch eine Ausnahme!“

Erst vor zwei Tagen sagte meine Kollegin Gina, die ein Telefonat mitbekommen hatte, das ich mit einem potentiellen Antragssteller geführt hatte, ich sei zu freundlich und zu lieb. Sie meinte, sie hätte meine Art total schön gefunden und sich sicherlich als Antragssteller sehr wohlgefühlt – aber die sollten doch, bitte, auch noch etwas selber machen! Sie hatte es sehr freundlich gesagt, aber ich hatte sofort verstanden. Je freundlicher, desto mehr Gefahr, ausgenutzt zu werden. Das hatte ich mir zu Herzen genommen.

Und so sagte ich: „Liebe Frau […], ich verstehe Sie durchaus. Aber verstehen Sie auch, bitte, mich! Ich kann und möchte keine Ausnahme machen. Denn wenn ich hier eine Ausnahme mache, haben alle anderen, die sich zu spät um die Dinge kümmern, um die sie sich durchaus eher hätten kümmern können, weil die Frist lang genug war, auch ein Anrecht auf Ausnahmen. Und das sehe ich, ehrlich gesagt, gar nicht ein. Denken Sie bitte auch ein bisschen an die Menschen, von denen Sie erwarten, Ausnahmen zu machen. Ich sitze hier ganz allein und habe einen Haufen Anträge, die rechtzeitig eingereicht wurden. Und da erwarten Sie von mir, eine Ausnahme zu machen. Warum sollte ich das tun? Das sehe ich nicht ein – das würde einen Rattenschwanz anderer Ausnahmen nach sich ziehen!“ – „Sie kennen meine Situation nicht!“ – „Sie meine auch nicht. Also verbleiben wir so: Sie haben sich leider zu spät gerührt, und ich mache keine Ausnahmen.“ Da legte sie auf, allerdings noch mit einem extralauten Schluchzer …

Ich sah Jana an und fragte: „Jana? War ich unfreundlich?“ – „Nein. Du hast nur klipp und klar erklärt, dass das so nicht gehe. Das war gut!“

Na, immerhin. So richtig toll fühlte ich mich dabei nicht. Ich wollte nie ein „Bürokratenhengst“ werden. Aber das war ich ja auch gar nicht … 😉 Es reicht einfach nur irgendwann. 😉 Vor allem nach all den anderen Telefonaten der letzten Tage und Wochen, da ich immer mehr den Eindruck gewann: „Das Bildungsniveau ist nicht unbedingt gestiegen. Wohl aber die Ansprüche derer, die hier anrufen und dich wie Karl Arsch behandeln.“

Immerhin rief dann heute noch eine Bewerberin an, mit der ich auch schon mehrfach telefoniert hatte und ihr heute erneut erklären musste, ihr nicht weiterhelfen zu können. Sie ist aber sehr freundlich, und so sagte ich: „Es tut mir wirklich sehr leid, Frau K. – ich würde Ihnen gerne etwas anderes sagen.“ Da meinte sie: „Ach, Frau B., machen Sie sich keinen Kopp! Es wäre schön, wenn es klappen würde, aber ich weiß, dass es schwierig ist. Aber ich möchte mich bei Ihnen bedanken: Sie sind immer so freundlich und hilfsbereit!“

Ich war fast überwältigt und bedankte mich herzlich. Nicht lange zuvor hatte ich immerhin jemanden zum Weinen gebracht … (Obwohl es ziemlich aufgesetzt klang. So nicht! 😉 )

Kleiner Nachtrag: Weinen hilft nicht immer, auch wenn dieser Irrglaube weitverbreitet ist. Richtig doof wird es, wenn man a priori und aufgrund eines Namens glaubt, gleich mit einem Mann zu telefonieren – und dann meldet sich eine Frau, die ohnehin von Ausreden schon genervt ist und auf Weinen gar nicht so recht anspringen mag. Warum?

Weil sie die Tricks alle selber kennt … 😉 Bisweilen ohne jeglichen Nutzen schon höchstselbst eingesetzt hat. 😉

Euch ein schönes Wochenende – und mir auch. 😉

„Mein Name ist ‚Undzwar‘! ‚Hallo Undzwar‘!“

Ja, ich weiß – das liest sich ziemlich bescheuert. Eine kleine Entlehnung von: Mein Name ist Bond. James Bond. Aber diejenigen unter euch, die oft dienstlich telefonieren müssen, telefonieren mit externen, nicht betriebszugehörigen Menschen, die ratsuchend bei euch anrufen, wissen sicherlich sofort, was ich meine.

Ich habe noch gelernt, meinen Namen zu nennen, wenn ich irgendwo anrufen muss, weil ich eine Frage habe. Eine Auskunft wünsche. Mit einem anderen menschlichen Lebewesen fernmündlich kommuniziere, wie das in grauer Vorzeit so hübsch hieß. 😉

Als ich noch klein war, ziemlich klein im Sinne von sehr jung, hatte ich immer ein bisschen Schiss vor dem Telefon. Vielleicht auch wegen des sehr lauten Klingelns, denn ich bin ein sehr ausgeprägtes Geräuschsensibelchen, und vielleicht war die Klingel des elterlichen Telefons auch etwas sehr laut eingestellt, obwohl keiner von uns je schwerhörig war. Drangehen? Ich? Niemals! Und selbst wenn schon jemand anderes drangegangen war und der Anrufer dann mich sprechen wollte – zum Beispiel an meinem Geburtstag -, nahm ich den Hörer stets derart vorsichtig und zögerlich an mich, als könne er jeden Moment explodieren. Und obwohl ich eigentlich ein sehr sprechfreudiger Mensch bin, war ich als Kind – etwa bis zu meinem sechsten, siebten Lebensjahr – stets knapp mit Worten, wenn ich einen Telefonhörer am Ohr hatte.

Das hat sich grundlegend geändert, und mindestens mein Vater bereute sicherlich spätestens seit meiner Pubertät und solange ich bei meinen Eltern lebte, mir immer wieder gesagt zu haben, ich solle am Telefon ruhig lebhaft sein. Denn das habe ich irgendwann hinreichend verinnerlicht und setze es seither mit Fleiß um. Ich bin eine begnadete Telefoniererin (selbst flirten kann ich da begnadet 😉 ) – und manchmal auch Telefonistin.

Im Dienst, zum Beispiel. Denn ich werde oft angerufen. Spätestens seit Anfang Oktober, da ich meine Stelle nach vielen Jahren intern wechselte. Ich bin seither zuständig für mehr oder minder junge Leute, die sich bildungstechnisch weiterentwickeln oder verändern wollen.

Wann immer mein Telefon klingelt, melde ich mich brav mit dem Namen meines Arbeitgebers, dem ich meinen eigenen hinterherschiebe, und das Ganze in einer fröhlich-optimistisch klingenden Manier. Wir sind ein Dienstleister, und so bin auch ich Dienstleisterin. Und da muss der Ansprechpartner auch einen Namen haben. Ich finde jedoch, das gelte auch für andere nicht-dienstleistende Telefonate. Vielleicht bin ich da etwas altmodisch, aber ich finde, es schade nie, wenn man wisse, mit wem man spreche. Wichtig auch, weil man sich ja durchaus bisweilen verwählen kann …

Meine Schwester Stephanie hat da mal ein einschlägiges Erlebnis gehabt. Sie wollte meine Oma väterlicherseits anrufen und wählte, wie sie glaubte, Vorwahl und Anschluss (in Wirklichkeit wählte sie – da sie meiner Mutter simultan unbedingt noch von einem Erlebnis erzählen wollte – zweimal den Anschluss). Es meldete sich eine ältere Dame mit dem Namen „Wilser“. Meine Oma hieß Ilse, und meine Schwester plauderte, wie es ihre Art ist, wild drauflos: „Hallo, Oma! Wie geht es dir? […] […] […]“ Frau Wilser kam gar nicht zu Wort. Stephanie meinte hinterher, ein wenig habe sie sich schon gewundert, dass meine Oma väterlicherseits, sonst gar nicht so progressiv, sich mit ihrem Vornamen gemeldet habe, und so habe sie zwischendurch auch gefragt, ob es Oma denn gut gehe, was diese jedoch bejaht habe, obwohl ihre Stimme gar nicht so fröhlich und überhaupt so gar nicht wie die ihre geklungen habe. Und Stephanie plauderte und plauderte, und die arme Frau Wilser fragte, ob es der Mama und dem Papa und Stephanie selber denn auch gut gehe, was Stephanie bejahte. Dann jedoch fragte „Oma“ nach „Jacqueline“. Stephanie fragte irritiert, wen „Oma“ denn damit meine, und da meinte „Oma“ wohl: „Aber Kind! Deine Schwester!“ – „Aber Oma! Meine Schwester heißt Ali!“ – „Wer spricht denn da?“ – „Oma! Ich bin es doch, Stephanie!“ – „Ich kenne keine Stephanie!“ So klärte sich alles auf, und Frau Wilser lachte sich halb kaputt und fand das Ganze sehr sympathisch. Meine Schwester habe ich noch nie derart rot angelaufen gesehen, und damals – es war während meiner Pubertät – fand ich das mal ganz lehrreich. 😉

Allein, um solche Situationen zu vermeiden, wenn Frau Wilser sich wohl doch gefreut hatte, dass ihre Familie sie vermeintlich angerufen hatte, sollte man doch gleich, wenn sich jemand meldet, seinen Namen nennen. Oder nicht?

Vermutlich sehe ich das völlig falsch, denn ich habe heute mindestens sechs bis sieben Anrufe entgegengenommen, da man sich nach meinem fröhlich-optimistischen Abnehmen und meinem Spruch wie folgt meldete: „Hallo! Und zwar habe ich ein Problem/eine Frage/viele Probleme/viele Fragen …“

Es ist kein gänzlich neues Phänomen. Ich habe das schon vor einiger Zeit bemerkt, und „Und zwar“ klingt in meinen Ohren wie ein Reizwort, seit es mir erstmalig unangenehm auffiel. Mal im Ernst – was für eine bescheuerte Einleitung zu einem Telefonat ist das? Noch dazu ohne Nennung des Namens … Ich bin ja schon froh, wenn wenigstens ein „Hallo“ vorgeschoben wird – ich habe aber auch schon Telefonate geführt, die ganz ohne „Hallo“, „Guten Morgen“ oder „Guten Tag“ abliefen, sondern bei denen nahtlos an meinen Begrüßungsspruch „Und zwar“ angeschlossen wurde … Frage ich nach einem Namen, klingt der Gesprächspartner nicht selten vorwurfsvoll, nennt er diesen dann, als hätte ich das doch per se wissen müssen …

Mit Verlaub – ihr könnt mich gern engstirnig nennen -, wenn ich dieses „Und zwar“ höre, sehe ich schon rot, und meine Schläfenadern fangen leise zu pochen an. Meist jedoch erst nach dem sechsten, siebten, achten Mal in Folge. Wenn man oft telefonieren muss, fallen einem bestimmte Dinge eher auf als jemandem, der nur selten oder privat telefoniert. (Und mir ist auch bewusst, dass jeder irgendeine nervende Angewohnheit hat. Aber eben jeder irgendeine – das Und-zwar-Phänomen hingegen scheint inzwischen flächendeckende Ausbreitung erfahren zu haben … 😉 )

Ich scheine irgendetwas verpasst zu haben – man meldet sich inzwischen mit „Und zwar“ und nennt um Himmels willen nicht mehr seinen Namen! Offenbar habe ich den Moment verpasst, da dies geschah. (War sicherlich gerade eine rauchen …) Wahrscheinlich gleichzeitig mit dem Wegfall von Bindestrichen, wo sie durchaus sinnvoll sind, mit dem Erstarken dessen, was allgemein als Deppenapostroph bezeichnet wird – und wozu überhaupt Präpositionen? 😉

Nein, ich bin nicht immer so kleinkariert, aber es nervt, wenn man derart unkultiviert und im Grunde unhöflich wieder und wieder angesprochen wird – unter Umständen auch noch unfreundlich. Und das merkt man besonders stark, wenn man viel dienstlich telefoniert. Ich telefoniere übrigens privat großenteils auch ganz anders, aber dann doch nicht so, wie viele meiner Anrufer sich bei meinen Diensttelefonaten artikulieren.

Der oder die Nächste, der oder die mich anruft und sich mit „Und zwar …“ meldet, wird von mir aufs Höflichste und durchgängig mit „Herr/Frau Undzwar“ angeredet. Mal sehen, wie er – oder sie – reagiert … 😉

Ali – très énervée

Ja, auch ich habe schlechte Phasen in meinem Leben, und heute meinte meine (Ex-)Kollegin Kerstin zu mir: „Boah, du redest seit deinem Wechsel nur noch über die Arbeit – ich fange an, mir Sorgen zu machen!“ Ich starrte sie bewusst irre grinsend an und meinte: „Woran könnte das wohl liegen? Zwei komplett neue Stellen binnen etwa viereinhalb Monaten, -zig neue Portale, die ich kennenlernen muss, -zig neue Themengebiete – und erst die ganzen Passwörter! Aber sieh mal, wie fröhlich ich lächle!“ Und ich grinste noch irrer, bis sie – für gewöhnlich hart im Nehmen – rief: „Bitte hör sofort damit auf! Das ist nicht die Ali, die ich kennengelernt habe!“ Und dann lachten wir beide dreckig, ich noch dreckiger als Kerstin. 😉

Denn ich bin derzeit wirklich ein bisschen „fratze“. Es ist nicht nur so, dass ich mich nun binnen kurzer Zeit in ein erneut völlig unbekanntes Gebiet einarbeiten müsse, was keine Probleme bereitet. Nein, ich muss auch noch das Aufgabengebiet der „alten“ „neuen“ Stelle mitmachen, da diese nicht so schnell neu besetzt werden kann. Und bezüglich dieser Aufgaben war oder bin ich ja auch noch in der Einarbeitungsphase … Derzeit fühle ich mich bisweilen wie auf einem Dreimaster, dessen Steuermann plötzlich ins Koma gefallen ist, und der unerwartet in einen Hurrikan geraten ist … 😉

Gestern Abend hatte ich nach Feierabend dann auch noch einen zünftigen Auffahrunfall, an dem ich auch noch schuld bin. Nicht, dass ich geschlafen hätte – beileibe nicht! Es war nur eine sehr hektische Situation auf einem engen Supermarkt-Parkplatz, und ich setzte in meiner matschigen Verfassung auch nur ein Stück zu weit zurück, um einen Idioten durchzulassen, der mich schon bei Einfahren auf den Parkplatz bedrängt hatte, viel zu dicht auffuhr. Ich fuhr eine halbe Runde vor ihm her und fand eine Parklücke, in die ich rückwärts einparken wollte. Hinter mir stand ein anderes Auto. Hatte ich alles gesehen, und so setzte ich an, einzuparken. Aber der Idiot, der zuvor hinter mir gewesen war, kam vor mir nicht vorbei und fing wie ein Bescheuerter zu hupen und aufzublenden an – dazu gestikulierte er in einer Weise, die sogar mir zu obszön vorgekommen wäre. Ich – ohnehin schon „um“ und „in der Wurst“ – wollte den blöden Kerl vorbeilassen, um ihn loszuwerden, und ich drehte mich noch um und befand, da sei noch viel Platz zwischen mir und dem bis dato unbeteiligten Dritten, der in der Parklücke hinter mir stand. Aber es war bereits dunkel, und ich verschätzte mich – und dann machte es bumm!

Ich hatte das Glück, einen netten Unfallgegner zu haben, der sofort meinte: „Der Typ hat Sie genötigt und bedrängt – ich konnte das genau sehen!“ – „Ja, aber der ist nun weg, und im Endeffekt bin ich Ihnen in die Karre gefahren und ganz eindeutig schuld. Ich hätte mich einfach so verhalten sollen wie sonst und mich nicht irritieren lassen sollen. Die Schuld liegt bei mir, das ist ganz klar.“ Und wir riefen vorschriftsmäßig die Polizei, aber der Motorradpolizist, der dann auftauchte, lachte nur und meinte: „Was erwarten Sie nun von mir?“ – „Dass Sie den Unfall aufnehmen?“ meinte ich ein wenig irritiert, aber da lachte er schon und meinte: „Ich bin gerade hierhergefahren, weil ich von der Zentrale darauf aufmerksam gemacht wurde, dass es einen Unfall auf diesem Parkplatz gebe, bei dem die Parteien offenbar nicht einig seien. Ganz ehrlich: Ich bin hierhergekommen in dem Bewusstsein, dass sich hier zwei Parteien die Köppe einschlügen und ich einen Platzverweis, eine Verwarnung aussprechen sowie ein Verwarngeld erheben müsse! Und ich komme hier an und sehe die beiden Beteiligten dastehen, freundlich plaudern, lachen und zusammen eine rauchen! Merken Sie sich: Wir kommen im Grunde zu Unfällen nur noch raus, wenn es hart auf hart kommt.“ Der Unfallgegner und ich starrten einander irritiert an, und ich meinte: „Jahrzehntelange Indoktrination, bei einem Unfall ja sofort die Polizei zu rufen, für die Wurst!“ Der Unfallgegner lachte sich scheckig und meinte: „Sie und ich stammen offenbar aus derselben Zeit.“ So sah es aus. 😉

Die Sache läuft nun, seitdem ich gestern noch meine Versicherung in Kenntnis gesetzt habe.

Heute hatte ich einen Termin bei meinem Bis-dato-Chef, der aber immer noch irgendwie mein Chef ist, da ich ja auch die Sachen aus seiner Abteilung noch voll bearbeite. (Die ich auch zum allerersten Male mache …) Es ging um Klärung des weiteren Prozesses. Ich kam mit einer hübschen Liste und hatte alles im Griff. Ehrlich gestanden, wunderte es mich, dass ich den Termin überhaupt hatte – es lief doch alles.

Man erklärte mir jedoch, dass ich ja so wenig Rückfragen gehabt hätte – offenbar erwartete man Chaos und das Schlimmste. Aber ich hatte ja meine hübsche Liste, und ich konnte auch alle Fragen beantworten. Der Chef starrte mich überrascht an und meinte: „Warum hat Frau N. mich dann angesprochen, dass sie die Befürchtung hätte, irgendetwas laufe nicht so gut?“

Ich sah den Chef an, mit sehr großen Augen, und ich meinte: „Ja, das kann ich Ihnen auch nicht beantworten. Da müssen Sie Frau N. fragen.“ Er sah noch einmal auf meine Unterlagen, rief das Ganze auf dem Server ab und meinte: „Ist doch alles prima! Was will sie denn?“ Ich lächelte und meinte: „Wie gesagt – ich kann Ihnen das nicht beantworten.“ – „Sie meinte, Sie hätten kaum Rückfragen gehabt, und das sei doch nicht normal.“ – „Ach, ich finde, dass der Begriff normal ohnehin über- und bisweilen ganz falsch strapaziert werde.“ – „Ich werde Frau N. darauf ansprechen. Frau B. – mir tut das mit Ihrem Unfall sehr leid. Ich befürchte, dass die von uns induzierte Doppelbelastung daran einen großen Anteil habe – Sie fahren doch immer so umsichtig.“ – „Äääh …“ – „Ich bin mehrfach hinter Ihnen gefahren, als Feierabend war, und Sie waren immer sehr umsichtig.“ – „Ja, das bin ich normalerweise auch. Gestern wohl nicht.“ – „Ja, wahrscheinlich ist diese Mehrfachbelastung schuld.“ – „Aber nein!“ rief ich, obwohl ich ein ähnliches Gefühl hege. 😉 „Ich hätte halt besser aufpassen müssen!“ – „Aber das tun Sie sonst doch. Es tut mir sehr leid!“ – „Jetzt hören Sie aber auf! Sie können nichts dafür – immerhin bin ich gefahren! Ich möchte davon jetzt auch nichts mehr hören.“ – „Na gut.“

Mit Frau N. werde ich auch noch sprechen und mich bedanken, dass sie mich unnötigerweise in eine für mich unangenehme Situation gebracht hat. Ich kenne sie ja nun schon recht lange, wenn wir auch nie direkte Kolleginnen waren. Ich werde jegliche Frage nach ihrem Befinden vermeiden, da ich die Antwort aufgrund jahrelanger Erfahrung ohnehin schon kenne: Seufzen. Stöhnen. Und dann der Satz: „Es geht mir nicht gut …“ Das kenne ich nun schon seit vielen Jahren und staune immer wieder, dass es einem Menschen geschlagene 15 Jahre am Stück nicht ein einziges Mal gut gehen könne …

Da bin ich mit meinem mutmaßlichen 1000-Euro-Schaden am Auto doch noch gut bedient! Und auch, wenn es teurer wird, werde ich auf die Frage, wie es mir gehe, gewiss nicht mit: „Es geht mir nicht gut …“ antworten. 😉 Zumal ich ja nicht Opfer, sondern Täter bin. 😉

Morgen muss ich Zahlungsanweisungen machen und buchen. Drückt mir die Daumen … 😉

Neunzehn Uhr vierzig

Wenn es so weitergeht, wird exakt diese Uhrzeit mein künftiger gewöhnlicher Feierabend sein. Zumindest für die nächsten Wochen – ich hoffe nicht, dass Monate daraus werden …

Denn derzeit gehöre ich zu jenen, die „zween Herren“ dienen. Seit Anfang der Woche sitze ich an meinem neuen Arbeitsplatz – seit der Mittagszeit habe ich einen funktionsfähigen Arbeits-PC (ich ging eigentlich davon aus, dass dieser bereits zu meinem gestrigen Arbeitsbeginn bereitstehen würde – aber ich hatte mich geirrt 😉 ), und es ist immer wieder erstaunlich, worüber man sich freuen kann, wenn es zuvor nicht funktionierte … Ich freute mich heute wie ein Schneekönig, als ich auf meinem Arbeitsdrucker auch endlich drucken konnte … 😉 Zwar funktioniert ein bestimmtes Tool noch nicht, aber ich habe bereits den Zuständigen alarmiert, der hoffentlich morgen Abhilfe leisten wird.

Dabei muss ich jedoch auch noch die Dinge bearbeiten, die ich seit Anfang Oktober auch erst lerne. Kein Wunder, wenn man da etwas länger im Büro sitzt. Schon jetzt fühle ich mich etwas zweigeteilt, tröste mich jedoch mit dem Gedanken, dass vom klassischen Vierteilen betroffen zu sein sicherlich noch schlimmer wäre. 😉 (Ähnlich beliebt in früheren Zeiten wie Teeren und Federn sowie der Scheiterhaufen.)

Gestern stempelte ich mich um 19:40 h aus. Heute desgleichen, und der freundliche Pförtner meinte, als er meiner ansichtig wurde: „Frau B.! Sie gehen aber immer spät in letzter Zeit!“  Ich lächelte, wie ich glaubte, fröhlich, und da meinte er: „O je – so schlimm?“ – „Aber nein, Herr da Silva – alles bestens!“ – „Wirklich? Sie sehen ein bisschen gestresst aus.“ – „Das kommt Ihnen nur so vor. Aber danke der Nachfrage.“

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht nur Herrn da Silva so vorkomme, dass ich irgendwie gestresst wirke. Mir kommt das auch so vor. 😉 Nein, eigentlich habe ich sogar das starke Gefühl, dass dem wirklich so sei. Mein Tipp: Beklagt euch nie über Langeweile am Arbeitsplatz! Denn diese Klagen – wenn auch berechtigt – haben mich erst an diesen 19:40-h-Punkt geführt. 😉

Und im Gefühl, irgendwie zweigeteilt und in beiden Teilen noch recht unzulänglich zu sein, eierte ich zum Parkplatz. Im Dunkeln gekommen, im Dunkeln gegangen. Kenne ich noch aus meinem ersten Semester – Wintersemester – von den Dienstagen, da die erste Vorlesung um 08:15 h begann, die letzte von vier Lehrveranstaltungen um 18:30 h endete. Auch da: Im Dunkeln zur Fron gegangen, im Dunkeln von der Fron heimgekehrt. 😉 Unvergessen.

Und ich hatte heute wieder das typische und übliche Erlebnis, als ich Wischwasser beim kleinen Monty, meinem dunkelblauen Ford Fiesta, nachfüllen wollte, da der Tank heute früh nach dem Enteisen meiner Frontscheibe ganz plötzlich leer war – es hatte sich schon angekündigt. Ich war zwar schon fertig und hatte gerade die Motorhaube wieder einrasten lassen, ja, ich saß sogar schon im Auto, die Tür noch offen, als ein jüngerer Mann des Weges kam, grinste und fragte, ob denn alles in Ordnung sei. Offenbar hatte er mein Tun zuvor schon beobachtet. Und wie üblich äußerte ich meinen bekannten Sermon: „Alles bestens. Ich habe nur Wischwasser nachgefüllt. Sah ich irgendwie hilflos aus?“ – „Nein, aber Sie hatten die Motorhaube geöffnet!“ – „Ja. Sicherlich. Wie sonst sollte ich wohl den Wischwassertank auffüllen? Oder sitzt der bei Ihrem Wagen irgendwo anders als bei anderen Autos?“ Ich klang, glaube ich, ein bisschen nickelig. Es mag daran liegen, dass das Auffüllen des Wischwassers heute eine der wenigen Aktionen war, die mir wirklich perfekt und aus dem Handgelenk gelungen waren – und schon kommt jemand und zweifelt an der Expertise! 😉 Und das nur, weil eine Frau (!) die Motorhaube ihres eigenen Autos geöffnet hat! Ist das etwa Sexismus? 😉 Ich bin mir dessen inzwischen nicht mehr ganz so sicher – bei diesen inflationären Sexismus-Aspekten … (Und teils an ganz falschen Stellen angesetzt …)

Aber ich lenkte rasch ein, als ich den entsetzten Blick des jungen Mannes sah. Ich bin ja kein Unmensch. 😉 Und so riet ich ihm dringend von dem Scheibenreinigungskonzentrat eines Mineralölunternehmens ab, dessen Name an einen sehr großen, jedoch sukzessive schrumpfenden und zwischenzeitlich in mehrere Teile zerfallenen See in Zentralasien erinnert, jedoch damit gar nichts zu tun hat, sondern eher eine Art Akronym chemischen Ursprungs ist. „Wenn Sie das in dem Mischungsverhältnis benutzen, das auf der Flasche empfohlen wird, haben Sie ständig Schlieren auf der Front- und Heckscheibe!“

Der junge Mann lachte und meinte: „Sie gefallen mir! Ich dachte, Sie wären in Schwierigkeiten, als ich Sie da mit offener Motorhaube stehen sah, aber Sie wissen ja genau, was Sie tun!“ – „Und das als Frau,“, ergänzte ich, aber er winkte ab und meinte: „Nehmen Sie es mir nicht übel, aber meine …“ – „… Freundin weiß nicht einmal, wo der Wischwassertank ist. Oder?“ – „Ja, genau! Woher wissen Sie das?“ – „Es ist nicht das erste Mal, dass ich auf diesem Parkplatz Hilfsangebote bekam, wenn ich mit offener Motorhaube dastand. Aber wenn ich zu Hause die Motorhaube öffnen würde, würden gleich diverse Nachbarn mutmaßen, ich hätte wohl ein Problem und direkt angerannt kommen. Demnächst fahre ich am besten in den Wald, wenn ich Wischwasser auffüllen will. Aber bei meinem Glück kommt dann sicher ein Hirsch, so ein Zwölfender, an und fragt, ob ich vielleicht Hilfe brauche. Nehmen Sie es mir nicht übel – ich bin ein Frotzelkopp!“ – „Nee, nehme ich Ihnen nicht übel – ich finde das witzig. Und gleich sage ich meiner Freundin, dass sie das demnächst …“ – „Sagen Sie’s nicht,“, warf ich ein, „das habe ich nun auch schon mehrfach gehört.“ Und wir lachten beide und verabschiedeten uns voneinander.

Danach war ich gleich viel fröhlicher, und so fuhr ich dann auch nach Hause. Und auch morgen werde ich sicherlich wieder um 19:40 h Feierabend machen, vermute ich.

Inzwischen ist immerhin unsere Reinigungskraft eingeweiht, die mich gestern im „alten“ Büro antraf, heute im neuen. In keinem von beiden hatte sie noch jemanden erwartet – nicht um diese Zeit. Sie war extrem überrascht und rief heute aus: „Sie sind offenbar überall!“ – „Nein, keine Sorge. Ich sitze von nun an immer hier.“ Denn inzwischen habe ich ja wenigstens einen funktionsfähigen Rechner auch an meinem neuen Arbeitsplatz! 😉

Bei all dem Stress gibt es jedoch auch einen Vorteil, denn jede Medaille hat ja zwei Seiten: Wenn es so weitergeht, bin ich in wenigen Tagen im Plus, was meine Arbeitsstunden anbelangt. Aber das ist auch eine meiner Lebenseinstellungen: Man muss allem auch etwas Positives abgewinnen können! Und – wer weiß? – vielleicht bin ich auch bald wieder in der Lage, Überstunden abzufeiern. Derzeit sieht es zumindest so aus … 😉

Dieser Abschied fällt wirklich schwer

Morgen ist mein letzter Tag in meinem Büro, in dem ich seit Anfang Oktober sitze. Also noch gar nicht so lange. Aber dieser Abschied fällt mir fast schwerer als der von meinem vorherigen Büro.

Noch bevor ich Kerstin kennenlernte, hörte ich über sie, dass sie „hart, aber herzlich“ sei. Mir rutschte das Herz in die Hose, und ich war froh, dass mein erster Arbeitstag an neuer Stelle gleichzeitig ihr letzter Urlaubstag war. So konnte ich mich erst einmal ganz bescheiden einrichten, und es würde nicht gleich zu einer Klopperei kommen … 😉

Am nächsten Tag war ich ein wenig nervös, als ich meine neue Arbeitsstätte betrat. Als ich das Büro meines Chefs passieren wollte, sah ich, dass die Tür offenstand. Ich trat hinzu und wollte meinem neuen Chef einen guten Morgen wünschen. Aber da stand schon jemand … 😉 Und so schmetterte ich ein lautes: „Guten Morgen!“ von meiner Position aus in sein Büro. Mein Chef rief: „Ah! Frau K. – da lernen Sie Ihre neue Kollegin gleich kennen! Frau K. – das ist Frau B.! Frau B. – das ist Ihre neue Bürogenossin, Frau K.!“ Und „Frau K.“ drehte sich um. Ich sah eine Frau, die um einiges größer als ich ist, keine Kunst – und ich sah sofort: „Das wird entweder total gut- oder völlig in die Hose gehen.“ Sehr herausfordernder Blick, und ich glich meinen gleich an – ich war ja ohnehin schon „vorgewarnt“. Aber freundlich, und wir zogen gleich in unser Büro ab und beschnupperten einander zunächst. Die Wände sind recht dünn, und wenn wir auch heute immer hören, wenn der Chef Besuch hat, sogar einzelne Stimmen unterscheiden und Personen zuordnen können, so herrschte doch in diesen ersten Momenten absolute Stille aus seiner Kemenate. Ich frage mich, womit er gerechnet hatte: katzenartiges Kreischen bei Nichtgefallen, wüstes Knurren und finstere Kampfgeräusche, wie man sie von rivalisierenden Hunden kennt? 😉

Wir saßen die ersten Tage freundlich, aber noch ein bisschen fremdelnd einander gegenüber, aber da wir beide Raucherinnen sind, ging die Gewöhnung aneinander recht schnell, da Kerstin in regelmäßigen Abständen meinte: „Was meinst du – sollen wir eine rauchen gehen?“ – „Na klar- wieso nicht?“ rief ich dann immer. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, in den allerersten Tagen das Heft an mich zu reißen und zuerst zu fragen. 😉 Das war ja ihr Büro – sie dort die Dienstältere. Ich die biologisch Ältere – es liegen durchaus ein paar Jahre zwischen uns. 😉

Und da wir beide gern und viel reden, außerdem noch ganz ähnliche Einstellungen vertreten und ähnlich impulsiv sind, verstanden wir einander schnell recht gut. 😊

Inzwischen so gut, dass ich Kerstin eine „Knalltüte“ nennen kann, wenn sie allzu impulsiv ist, ich aber keineswegs böse bin, wenn sie mir sagt: „Boah! Du bist manchmal echt krass in dem, was du so sagst! Alles in Ordnung? Obwohl … ich verstehe dich!“ Ich verstehe sie auch. Daher die „Knalltüte“. Ich kenne das alles. 😊

Gestern, am Mittwoch, rührte sie mich sogar, als sie sagte: „Noch drei Tage.“ – „Was dann?“ – „Dann bist du nicht mehr hier … Ehrlich, Ali – ich hatte Angst vor deiner Ankunft! Der Chef meinte, du seiest ein paar Jahre älter als ich, und ich hatte Angst, du würdest mir deswegen Vorschriften machen wollen! Aber du bist ja ganz anders, und mir tut es total leid, dass du gehst!“ – „Mir auch,“, gab ich zurück, und da meinte sie: „Wir wollen uns die letzten drei Tage aber richtig schön machen! Oder?“ – „Ja, klar,“, rief ich zurück und kniff ihr ein Auge zu. Und ich fügte hinzu: „Was meinst du – sollen wir eine rauchen gehen?“ Sie grinste und meinte: „Klasse Idee – hätte von mir sein können!“ Was die Frage nach dem Rauchen anbelangt, sind wir inzwischen gleichberechtigt. 😉
Ich werde jedenfalls nie vergessen, wie nett sie reagierte, als ich nach meinem MRT-Termin anrief, mich unter Umständen sogar abholen und nach Hause fahren wollte – das fand ich richtig klasse! Dabei kannten wir einander damals erst knapp sechs Wochen lang.

Und ganz besonders nett war das erste Mitarbeitergespräch mit unserem Dezernenten, den ich ja schon sehr lange kenne. Er meinte: „Ihr beide scheint ja recht gut zusammenzupassen. Oder? Kommst du mit Kerstin gut klar?“ – „Ja, tue ich.“ – „Dachte ich mir schon. Ihr habt beide eine große Klappe.“ – „Ja, danke!“ – „Ganz ehrlich: Ich habe Kerstin neulich auch schon gefragt, ob sie mit dir klarkomme.“ – „O je – was hat sie gesagt?“ – „Sie meinte: ‚Passt super. Sie redet nur sehr viel.‘“

Ich brach in apokalyptisches Gelächter aus, und der Dezernent meinte, ebenfalls lachend: „Aber da meinte sie auch schon: ‚Auf der anderen Seite: Das tue ich ja auch!‘“ Da lachte ich noch mehr, denn das stimmt – wir reden beide sehr gern. Und schnell. Und ich fand es einfach nur sympathisch, dass sie gleich gestand, dasselbe Laster – neben dem Rauchen – zu haben. 😉

Als ich vom Gespräch zurückkam, saß Kerstin da ein wenig unsicher, und sie legte auch gleich los: „Ali, ich habe unserem Chef gesagt, ich käme hervorragend mit dir klar. Das stimmt ja auch. Aber ich habe gesagt, du würdest viel reden. Dabei tue ich das auch. Hat er dir sicher gleich auf die Nase gebunden, oder?“ – „Nein. Hat er nicht. Ist mir völlig neu! Aber interessant …“ gab ich vermeintlich gekränkt von mir. „Ali, ich meinte das nicht böse – es ist einfach nur so, dass ich nicht gewohnt bin, dass andere auch so viel reden …“ – „Ja, ist schon okay …“, gab ich zurück. Aber dann konnte ich nicht mehr und brach in lautes Gelächter aus. Kerstin saß da, starrte mich irritiert an, und dann schrie sie: „Boah! Du Arschloch! Der hat dir das sofort gesagt, ne?“ – „Nicht sofort – wir haben vorher noch zwei oder drei andere Sätze gewechselt.“ – „Und ich mache mir hier Gedanken! Boah, du bist ja echt arschig! Und lachst dann auch noch!“ – „Ja, soll ich weinen?“ – „Nee, bitte nicht!“ Und dann lachte sie noch lauter als ich.

Ja, wir raunzen einander manchmal an – sie bezichtigt mich öfter, nicht ganz gar zu sein, während ich ihr vorwerfe, einen an der Murmel zu haben. Das übrigens immer dann, wenn wir einander im Grunde spiegeln, es aber um Himmels Willen nicht wahrhaben wollen. 😉

Morgen ist der letzte Tag mit Kerstin im Büro. Ich kenne sie noch nicht lange, aber sie wird mir fehlen. Sie ist so herzerfrischend ehrlich und geradeheraus. 🙂