Das Kind in sich bewahren … ;-)

Heute fand ich bei der Arbeit im Eingangspostfach meiner Abteilung ein an mich persönlich adressiertes Päckchen vor, das mich bei erster Betrachtung ein wenig irritierte. Manchmal bekomme ich bei der Arbeit ja völlig ungefragt Werbematerial zugesandt, und erst neulich habe ich zwei von drei Kartons dieses Werbematerials einer recht teuren Fremdsprachen-Lehrinstitution ins Altpapier geworfen, den dritten jedoch aufgehoben. Darin: etwa einhundert Werbekataloge. Im Grunde sind schon die zuviel, zumal die Institution sehr stolze Preise hat, aber ich wollte nicht gleich alles wegwerfen. Man weiß nie, ob man diese Kataloge nicht noch einmal braucht. Sollte sich diese Annahme als unbegründet erweisen, sind auch diese Kataloge dem Papierrecycling-Prozess geweiht. 😉

Aber das Päckchen, das ich heute aus unserem Eingangspostfach holte, war doch etwas anders. Es war explizit an mich gerichtet, und der Absender verhieß, dass es sich um eine Institution handelte, die mit gebrauchten Waren handelte. Ich war noch nie so schnell in meinem und Janas Büro!

Als ich das Päckchen öffnete, bahnte sich ein breites Grinsen Bahn in mein Gesicht. Ich hatte – wiewohl dem passenden Alter eigentlich entwachsen – Die Märchenbraut bestellt!

Keine Ahnung, ob ihr das (noch) kennt, aber diese Serie ist so herrlich, dass man sie sich – sofern man das Kind in sich bewahrt hat – auch als Erwachsene noch ansehen kann. Und endlich ist mir bewusst, wer daran „schuld“ ist, dass ich solch ein Monty-Python-Fan bin! Die Märchenbraut ist schuld! Die Tschechen! 😉 Denn das ist ein derart zwar nicht absurdes, aber groteskes „Theater“, dass jeder, der einen Hang zu Sarkasmus, Galgenhumor und auch Phantasie hat, seine helle Freude daran hat. 😉 Ich bin mir sicher, dass ich auf Monty Python’s Flying Circus niemals so begeistert reagiert hätte, hätten meine Eltern mir Die Märchenbraut verweigert.

Bei uns war es – au contraire! – eher so, dass meine Mutter mit mir damals vor dem Fernseher saß, laut und schallend lachte und immer wieder sagte: „Die Tschechen haben es echt drauf! Deren Kinder- und Märchenfilme sind die besten!“ Und damit hatte sie – meiner Meinung nach – absolut recht! 😊

Mein Vater und meine Schwester fanden Dinge wie Die Märchenbraut immer recht albern. Ihnen erschloss sich wohl dieser spezielle Humor nicht, über den meine Mutter und ich uns vor Lachen immer bogen. Was für ein herrlicher und liebenswerter „Schwachsinn“! 😉 (Meine Schwester hat wohl weniger slawische Charakteristika mitbekommen, denn im Grunde sind wir mütterlicherseits beide sowohl nicht nur fränkisch-, sondern auch polnisch- und tschechischstämmig. Meine Schwester hat wohl mehr Westfälisches mitbekommen. 😉)

In Wirklichkeit ist Die Märchenbraut tatsächlich total albern, aber auf eine derart liebenswert-groteske Art, dass ich mich neulich vor Lachen bog, als ich während meines Weihnachtsurlaubs durch Zufall eine Folge davon sah, die mal wieder ausgestrahlt wurde.

Und – ich gestehe es! – ich habe mir dann die beiden DVDs der Ursprungsserie bestellt. Und heute kamen sie an! Meine Kollegin Jana rief: „Was hast du denn da bekommen? Du strahlst, als hättest du einen Sechser im Lotto gewonnen!“ Ich erklärte ihr, dass ein Sechser im Lotto mich wahrscheinlich noch mehr zum Jubeln gebracht hätte – dies hier sei nur die Vorstufe, aber auch hervorragend. Und nun werde ich ihr und ihren Kindern die DVDs umgehend leihen müssen, sobald ich damit „durch“ bin. 😉

Vorhin rief meine Mutter mich an. Ich sagte: „Schnell, schnell – ich muss Die Märchenbraut sehen!“ (Ein Satz, der in seiner Absurdität dem gleichnamigen tschechischen OEuvre höchstselbst hätte entsprungen sein können – man passt sich offenbar an. 😉 ) Meine Mutter meinte: „Ist alles in Ordnung mit dir?“ Ich erinnerte sie an den Zauberer Zweiter Kategorie bzw. Raben Rumburak, und da sagte sie: „Ich erinnere mich – das war doch so eine tschechische Serie!“ Dann schien sie zu überlegen und lachte auch schon los. „Gute Wahl!“ rief sie, fügte jedoch hinzu: „Meinst du nicht, dass du dem Alter ein bisschen entwachsen bist?“ – „Niemals!“ rief ich zurück, und da lachte sie wieder und meinte: „Wahrscheinlich hast du recht! Außerdem haben die Tschechen es wirklich drauf, was Kinderfilme anbelangt, die auch Erwachsene noch gut sehen können.“

Das ganze Desaster und Durcheinander beginnt damit, dass Karl Majer, neben seiner Bestimmung als Familienvater beruflich als relativ bedeutungsloser Schauspieler und – seit neuestem! – auch Märchenerzähler (dem „Sandmännchen“ nicht unähnlich) im Fernsehen tätig, der kleineren Kindern kurz vor dem Zubettgehen noch „Das Märchen zur guten Nacht“ vorlesen soll, seinem kleinen Sohn Hansi einen Besuch auf dem Rummel verspricht. Doch erst das Schauspiel und die Märchen. Gleich bei der Vorlese-Premiere geht einiges schief, und zusätzlich hat er bei seinem schauspielberuflichen Einsatz ein messingnes Glöckchen gefunden, das bei jedem Läuten einen Herrn in einem altmodischen Kutschermantel und einem Zylinder auf dem Haupt erscheinen lässt, der Herrn Majer stets fragt, was sein Wunsch sei, was Herr Majer zunächst jedoch gar nicht versteht. Außerdem muss er erst auf den Rummel mit Hansi und dessen kleiner Freundin Gretchen, der er versprochen hat, an der Schießbude einen Teddybären zu erschießen.

Dies gelingt nicht, und abends im ehelichen Schlafzimmer erzählt Herr Majer seiner Frau, dass er am nächsten Tag mit den beiden Kleinen erneut auf den Rummel müsse, da er dem kleinen Gretchen doch diesen Teddybären versprochen habe. Und was man speziell Kindern verspreche, müsse man auch halten – koste es, was es wolle, komme, was wolle! (Diese Einstellung finde ich wirklich liebenswert. 😊) Und dann sagt er zu seiner Frau: „Ach, sieh mal, was ich am Filmset gefunden habe!“ Und schon zückt er das messingne Glöckchen und läutet. Prompt erscheint der Herr mit dem Kutschermantel und Zylinder, der fragt, was der Wunsch Herrn Majers sei. Nach erster Irritation („Mein Herr! Es ist eine Dame anwesend!“) sieht Herr Majer seine Chance gekommen, und er sagt: „Ich würde gern das Schießen lernen!“ Und schon stülpt der kutschermantel- und zylinderbewehrte Herr, der sich später als Zauberer Zweiter Kategorie Rumburak vorstellt, Herrn Majer seinen Mantel über den Kopf, und die beiden verschwinden zu Frau Majers Entsetzen spurlos …

Und in einem verwunschen wirkenden Land tauchen sie wieder auf. Genauer: im Märchenreich. Eine Hexe auf ihrem Besen fliegt über sie hinweg, und die sieben Zwerge marschieren an ihnen vorbei, dabei laut „Hi-ho, hi-ho!“ singend. 😉

Herr Majer hat sich noch nicht ganz von der Überraschung erholt, da drückt Rumburak ihm auch schon ein Gewehr, eine Büchse, in die Hand und gebietet ihm, auf einen zufällig in Schussrichtung stehenden Bären – wahrscheinlich aus Schneeweißchen und Rosenrot – zu schießen, was jedoch misslingt. Der Bär läuft weg, und es gibt eine kleine Diskussion zwischen Herrn Majer und Rumburak.

Da der Bär weg ist, gebietet Rumburak Herrn Majer, auf einen Wolf zu schießen, der soeben ans Ufer des Sees, unweit dessen sie stehen, getreten ist, um dort zu trinken. Herr Majer schießt – und trifft. Der Wolf beschwert sich und bekundet, er sei schwer verwundet: „Was soll das? Hilfe! Ich bin schwer verwundet! Ruft sofort jemanden!“ Rumburak ist entsetzt, denn ihm schwant, dass Unheil blühe, da das Märchenreich auf den sprechenden Wolf, Bestandteil von Rotkäppchen, nicht verzichten kann. Herr Majer, der zunächst aufgrund seines unerwarteten Treffers noch stolz war, reist mit Rumburak ins Menschenreich zurück, um den Tierarzt zu holen, der den Majer’schen Familiendackel Waldi stets behandelt. Der jedoch verweigert die Behandlung eines Wolfs, und als die beiden ins Märchenreich zurückkehren, begraben gerade die sieben Zwerge den Wolf, der zwischenzeitlich verstorben ist. Und mit all dem beginnt das ganze Unheil und eine Abfolge vollkommen absurd-grotesker Vermischungen aus „Märchen“ und „Realität“, inklusive Intrigen. Und man lehnt sich beruhigt zurück und denkt: „Gut, zu wissen, dass keine Welt die wirklich bessere ist – Intrigen allüberall!“ 😉

Nein. Es ist zwar albern, aber geistreich und immens lustig für Menschen, die sich an hintergründigem Humor erfreuen können. Es ist keine geistlos-alberne Kinderbespaßung, sondern wirklich witzig, witty, wie man im Englischen sagen würde. Witz durch und durch, mit vielen dezenten Seitenhieben. Offenbar traute man Kindern früher mehr zu. 😉

Sorry, aber das konnte ich mir jetzt nicht verkneifen. 😉

Ich kann nur eines sagen, was ich seit meiner Kindheit sage: „Die Tschechen machen die besten Kinderfilme überhaupt!“ 😉

„Eile mit Weile“ oder: „Hasse ma ‘nen Euro?“, die Zweite …

Es gibt Tage, da denke ich, es könnte an der Zeit sein, eines dieser hochfrequent beworbenen gedächtnisfördernden Ginkgo-Präparate nicht nur zu kaufen, sondern auch regelmäßig einzunehmen.

Ich hatte schon als Kind ein Herz für den Ginkgo, da dieser auch als „Elefantenohr-Baum“ geführt wird, und jeder, der mich kennt, weiß, wie tierverrückt ich bin. Nein, ich bin dennoch keine „Aktivistin“ der besonderen Art, jedenfalls keine der Art, die das Gefühl den Verstand – sofern vorhanden – komplett verdrängen lässt. Mir geht vieles nicht nur gegen den Strich, sondern macht mich auch stinkwütend, und ich habe auch durchaus Petitionen mitgezeichnet, die sich inhaltlich gegen das Schreddern kleiner männlicher Küken oder das anästhesielose Kastrieren armer rosa Ferkel, die das Pech hatten, als kleiner Eber zur Welt zu kommen, aussprachen. Oder gegen Massentierhaltung oder andere Tierquälereien.

Doch meist sehe ich doch von Kauf und Einnahme ab, da ich nicht vom Grunde her vergesslich bin, sondern oft einfach in Eile oder in Gedanken. Kommt beides zusammen, wird es bisweilen richtig übel. 😉

Das musste ich auch gestern wieder erfahren. Ich war am späten Nachmittag bei Kollegin Jana zu einer Neujahrsparty mit vielen ihrer Freunde und Bekannten nebst vieler Kinder eingeladen, hatte einen Salat angefertigt, ein paar Süßigkeiten erworben und wollte mich dann rechtzeitig mit dem Auto auf den Weg machen. Ich musste zuvor noch zur Sparkasse, denn dort, wie man mir zuvor per Mail auf meine Anfrage mitgeteilt hatte, lagere meine neue EC-Karte, die man – die Mail war in der Hinsicht etwas inkonsistent – angeblich bereits im Oktober abgeschickt habe, zusammen mit ihren vielen „Schwestern“, die an andere Kunden gingen. Da ich jedoch in der letzten Zeit nicht umgezogen bin, erstaunte mich dies sehr, denn dann hätte ich sie doch im Briefkasten vorfinden müssen, wie dies bei der Kreditkarte, die ich kaum noch benutze, ganz reibungslos geklappt hatte. Doch egal – Hauptsache, ich kam an meine neue Debitkarte. Man ist finanziell ja so hilflos und quasi handlungsunfähig ohne derlei Einrichtungen … 😉

Als ich das Haus verließ, um in den Garagenhof zu gehen, fuhr gerade ein Nachbar vom selbigen. Wir hatten einander nach dem Jahreswechsel noch nicht gesehen, und so winkte er mir fröhlich zu, ich winkte ebenso fröhlich zurück, als er das Fenster auf der Fahrerseite herunterfuhr. Offenbar wollte er mir noch etwas sagen. Ich eilte hin, und er rief mir: „Ein frohes neues Jahr, Frau B.!“ zu. Ich erwiderte die guten Wünsche, und schon waren wir mitten in einem netten Nachbarschaftsgespräch. Dies hatte ein bisschen Zeit in Anspruch genommen, wie ich nach einem Blick auf meine heißgeliebte Junkers-Fliegeruhr mit Schrecken sah, als ich schließlich gen Auto strebte. Und so war auch meine Abfahrt eine relativ forsch-dynamische, und schon „raste“ ich gen Zentrum des Nachbarstadtteils.

Jetzt aber schnell, dachte ich, als ich den kleinen Monty auf dem Aldi-Parkplatz abgestellt hatte, und schnellen Schrittes eilte ich zur Sparkasse. Dort händigte man mir nach Vorlegen meines Personalausweises meine neue Debitkarte aus und behielt die alte, die schon diverse Jahre auf dem Buckel hatte (obwohl sie gar keinen Buckel hatte), ein.

Rasch wollte ich noch eine Überweisung an einem der Kundenterminals tätigen – zum Glück war gerade eines frei geworden, und ich stürzte zur Tat. Danach ließ ich mir noch einen Beleg ausdrucken und packte dann Beleg sowie Rechnung in meine Tasche. Und auch die Karte steckte ich ins Portemonnaie …

Das zumindest glaubte ich. Als ich jedoch nach der Feier noch rasch an der Tanke Zigaretten kaufen wollte und mein Portemonnaie öffnete, lugten da, wo die rote Debitkarte normalerweise steckt, nur mein Personalausweis, die DHL-Packstationkarte, mein Führerschein, die Stempelkarte meines Arbeitgebers sowie die Kreditkarte hervor. Ich hatte zum Glück noch Bargeld bei mir, war aber ziemlich unruhig und leerte erst einmal meine Taschen aus. Durchwühlte das Portemonnaie – vielleicht hatte ich die Karte an eine andere Stelle … Nein. Die Karte war nicht da …

Ich rief sofort den Karten-Sperrnotruf an und raufte mir dabei zünftig die Haare. Der junge Mann meinte: „Machen Sie sich keine Gedanken – wissen Sie, wie oft so etwas passiert? Dauernd. Sie würden lachen!“ – „Mir ist nicht so zum Lachen – wie dämlich kann man sein?“ – „Hat damit nix zu tun, Frau B., geschieht meist in hektischen Momenten.“ – „Ja, aber wie absurd ist das! Da habe ich die Karte nicht einmal fünf Minuten in meiner Obhut – und dann so etwas!“ Der junge Mann lachte und meinte: „Auch das passiert. Waren Sie denn in Eile?“ – „Und wie!“ – „Sehen Sie?“ Und er sperrte die Karte, erklärte, nunmehr sei ich auch gegen Fremdnutzung versichert, und er fand noch einmal Worte des Trostes. 😉

Ich schlief schlecht letzte Nacht und machte mir furchtbare Vorwürfe.

Morgens stand ich auf und rief beim Service- und Kundencenter der Bank an, wo ich ja erst gestern gewesen war. Ich war ziemlich klein mit Hut und versicherte der Angestellten, dass mir so etwas noch nie passiert sei – was ja auch stimmt! Sie meinte, sie werde mal in ihrem Bestand nachsehen, ob meine Karte dort sei, und sie würde mich zurückrufen. Keine fünf Minuten später meldete sich mein Handy und damit auch die Bankangestellte, die sagte: „Frau B. – Ihre Karte ist hier! Keine Sorgen mehr machen, sie ist wohlbehalten hier. Wahrscheinlich haben Sie in Eile vergessen, sie aus dem Slot des Terminals zu nehmen. Bei solch einer Zeitüberschreitung zieht der Automat die Karte automatisch ein und behält sie ein. Alles gut!“ – „Das ist mir noch nie passiert.“ – „Mir schon. Sehen Sie – Sie haben sie zum Glück nicht verloren. Und Sie haben dann auch alles richtig gemacht. Schnellstmöglich sperren lassen und sich bei uns melden. Sie können die Karte bis 13 Uhr bei uns abholen, und dann wird sie auch wieder entsperrt. Und noch einmal: Solche Fälle haben wir hier Tag für Tag – ärgern Sie sich nicht zu sehr.“

Ich holte die Karte somit innerhalb zweier Tage zum zweiten Mal ab, und als ich danach noch Kontoauszüge drucken ließ, verstaute ich die Karte sofort im Anschluss im Portemonnaie, sah sicherheitshalber aber noch zweimal nach, ich gebe es zu … 😉 Sicher ist sicher. 😉

Grauenhaft. Ich sollte dringend mal daran arbeiten, weniger in Gedanken zu sein. Und weniger in Eile. Mein erster und ganz ernstgemeinter Vorsatz für 2019. 😉

Wird schon schiefgehen … 😉

„Hasse ma ‘nen Euro?“

Ja, ich finde auch, dass: „Hasse ma ‘ne Mark?“ viel netter klinge. Irgendwie nostalgisch. So heimelig-kumpelhaft. 😉 Wie eine liebgewonnene Tradition, gewissermaßen. Aber die Mark ist ja nun schon seit geraumer Zeit Geschichte.

Hasse ma ‘ne Mark? schoss mir heute durch den Kopf, als ich feststellte, dass ich viel zu selten auf meine EC-Karte schaue. Denn das sollte man viel öfter tun, finde ich (seit heute). Denn mir war doch glatt durchgegangen, dass meine Debitkarte nur bis zum 31. Dezember 2018, 23:59:59 h gültig war. Es liegt wohl daran, dass ich immer irgendwie ein bisschen in Gedanken bin. Und auch ein bisschen wurschtig – ich gebe es zu.

Es liegt aber auch daran, dass das Geldinstitut, bei dem ich Kundin bin, mir weder eine Ankündigung, dass es eine neue Karte geben werde, noch die Karte, noch die PIN zugesendet hat. Also sind wir beide irgendwie schuld.

Ich merkte es heute, als ich – seit Silvester – das erste Mal wieder einkaufen war. Glücklicherweise hatte ich, bevor ich mich ans Einkaufen machte, noch einen Kontoauszug ziehen wollen („mein“ Einkaufsmarkt hat im Eingangsbereich einen Geldautomaten meines Geldinstitutes, ebenso ein Kundenterminal), was mir jedoch verweigert wurde, da meine Karte abgelaufen sei. O nein! Und ich musste einkaufen, da ich morgen am späten Nachmittag eingeladen bin und einen Salat mitzubringen versprochen habe, dessen Zutaten ich bei diesem Besuch des Einkaufsmarktes käuflich erwerben wollte …

Mir brach ein bisschen der Schweiß aus, denn der Salat musste heute Abend zubereitet werden und über Nacht im Kühlschrank ruhen und durchziehen! Ich riss mein Portemonnaie aus der Tasche und sah: Im Scheinfach waren exakt 15 Euro (ich habe nie viel Bargeld bei mir – wofür gibt es die praktischen Karten?). Im Fach für die Münzen fand ich noch 7 Euro und ein paar Zerquetschte. Nun ja, der Einkauf würde der wohl am präzisesten kalkulierte seit einiger Zeit werden …

Ich kaufte sehr sparsam ein und erzielte eine Summe von exakt fünfzehn Euro einundzwanzig. Wow – noch sieben Euro und ein paar Cents, die ich auf den Kopp hauen konnte! Abheben kann ich ja nun nichts, zumindest nicht bequem am EC-Automaten. Ich beschloss, diese fürstliche Summe lieber aufzuheben.

Dann fiel mir ein, dass meine Eltern mir zu Weihnachten ein Geldgeschenk hatten zukommen lassen, und das glücklicherweise und anders als gewöhnlich in bar! 😉 Die nächsten Tage sind somit gesichert. 😉

Auf der Fahrt nach Hause fluchte ich im Auto ganz reizend vor mich hin. Hatte ich das wirklich übersehen? Nee! Gewiss nicht.

Dann fiel mir ein: „MO-MENT! Das war ja schon einmal so!“ In der Tat. Das Kreditinstitut mit dem großen S hatte schon einmal verbaselt, mir die Nachfolgekarte zukommen zu lassen! Als ich mich damals beschwerte, schoben sie es auf die Post …

Ich weiß jetzt schon, wer der bzw. die Schuldige sein wird, wenn ich morgen meinem sogenannten Kreditinstitut einen freundlichen Besuch abstatten werde. Nein. Nicht ich. Es wird die Post sein. Die lässt zwar auch zu wünschen übrig, aber das ist nun schon das zweite Mal, dass das Geldinstitut mich im Stich gelassen hat. Ob die mich loswerden wollen? 😉

(Nein, ich weiß, ich hätte mal einen genaueren Blick auf meine EC-Karte werfen sollen – ich bin mitverantwortlich. 😉)

Drückt mir die Daumen, dass ich bald meine neue Karte bekomme. Nicht, dass ich wirklich aufgrund der Tatsache, dass ich mangels Karte nichts mehr abheben noch sonstige Transaktionen tätigen kann, eines Tages hohlwangig vor euch sitze und mit rauher Stimme: „Hasse ma ‘nen Euro?“ oder gar: „Hasse ma ‘ne Kippe?“  frage … 😉

Happy New Year! :-)

Gestern oder vielmehr letztes Jahr habe ich mit meiner Kollegin und inzwischen guter Freundin Jana Silvester gefeiert. Es war ein wunderschöner Abend! Und sehr lustig obendrein. 😊

Um kurz vor halb fünf am Nachmittag setzte ich mich in die Straßenbahn und raste gen zentrale Haltestelle im benachbarten Stadtteil. Bereits während der Fahrt stellte ich – einmal mehr – fest, dass das Publikum im ÖPNV an Tagen wie diesem ein ganz besonderes ist, zumindest zu größeren Teilen. Man könnte auch sagen: speziell. 😉 Ich nehme mich selten aus, führe jedoch im öffentlichen Raum nicht unbedingt Selbstgespräche oder schimpfe unkontrolliert vor mich hin, wobei ich wütende Blicke auf die Umsitzenden schieße. Oder sonstige Dinge, die ich gestern in der Bahn erlebte. Nun ja, ich würde ja bald aussteigen.

Von der zentralen Haltestelle aus marschierte ich weiter, bis ich um 16:50 Uhr an Janas Haustür klingelte. Sie öffnete und rief: „Hey, du hast mich erwischt! Ich bin noch nicht fertig. Moment! Du bist zehn Minuten zu früh! Was ist passiert?“ Die Frage war berechtigt, da zu meinen persönlichen Schwächen gehört, eher zu spät als zu früh aufzuschlagen. Und Jana kennt mich nun seit fast einem Jahr. Ich rief fröhlich: „Ich wollte dich am letzten Tag des Jahres überraschen! Ich komme doch nie zu früh.“ – „Überraschung gelungen,“, lachte Jana, „komm herein!“

Wir wollten erst gemeinsam kochen und dann nach Bochum fahren, wo wir in den Kammerspielen ein Theaterstück ansehen wollten, um danach im Foyer des Schauspielhauses an der Silvesterparty teilzunehmen. Während Jana sich fertigmachte, las ich mir schon einmal das Rezept durch. Ein schnelles Gericht, aber sehr lecker: Steaks mit gebackenen Rosmarin-Knoblauch-Kartoffeln, geschmorten Tomaten und Salat sollte es geben, und wir bereiteten alles schließlich zusammen zu und aßen dann gemeinsam. Anschließend fuhren wir nach Bochum.

Das Theaterstück war interessant, die Hauptdarstellerinnen, minderjährige Laiendarstellerinnen, machten ihre Sache großartig, wirklich. Aber das Stück war nicht meins, und während der Vorstellung sah ich mehrere Leute eilig zu einem der Ausgänge streben, durch den sie ebenso eilig verschwanden. Wir jedoch wollten das Stück bis zu Ende sehen, das keinem gängigen Genre entsprach und mich am ehesten an Experimentelles Theater erinnerte, dessen Fan ich nicht bin. Was auch immer es war, es war eindeutig avantgardistisch gemeint. Wir blieben also sitzen, was jedoch zu einem gewissen Teil auch daran lag, dass wir mitten im Publikum saßen, wo ein Aufbruch mittendrin immer etwas unangenehm ist, da dann alle aufstehen müssen, an denen vorbei man dann eiligst gen Ausgang strebt. 😉 Aber ich bin ohnehin eine Verfechterin der Einstellung, dass man sich mit Dingen erst befassen müsse, um sie beurteilen zu können. Und die Mädels haben das zähe Spektakel wirklich großartig umgesetzt – das kann man anders nicht sagen, und ich war wirklich voller Bewunderung für die noch sehr jungen Mädchen. Die hatten den Applaus auf alle Fälle mehr als verdient. Die Regisseurin und ich – da bin ich mir jedoch sehr sicher – würden sicherlich nicht auf einen Nenner kommen, würden wir über das Stück diskutieren, aber Geschmäcker und Ansichten sind nicht selten total verschieden, und das ist auch gut so! 😊

Als Jana und ich unsere Mäntel abholten und auf die Straße gingen, um erst einmal eine zu rauchen, meinte sie: „Ali, wie fandest du das Stück?“ Sie klang zögerlich, und ich meinte: „Ich fand es … interessant. Die Mädels waren großartig – das muss gesagt werden. Warum fragst du?“ – „Weil ich das Stück sehr merkwürdig fand und keine eigene Interpretation für mich finde. Du kennst dich mit sowas wohl besser aus.“ Ich lachte und meinte: „Nein, wie kommst du darauf? Ich bin nicht so der Schauspiel-Typ – frag mich etwas über Musiktheater, dann könnte ich eher meine Meinung sagen.“ – „Aber du hast doch u. a. Literaturwissenschaften studiert.“ – „Ja, zu Literatur könnte ich noch etwas sagen – bei diesem Stück hier ist mir nicht einmal das Genre klar, was wahrscheinlich beabsichtigt ist. Aber von Theaterwissenschaft, was ja in den 80ern und 90ern neben Ökotrophologie ein total angesagter Studiengang war, habe ich keine Ahnung. Ich bin auch ratlos. Und bitte: Ich habe zwar irgendwas studiert, aber das heißt beileibe nicht, dass ich mich überall auskennen würde. Im Vertrauen: Du überschätzst mich!“ Da lachte Jana, und ich meinte grinsend: „Und beim nächsten Mal gehen wir in eine Wagner-Oper!“ Jana sah mich an und meinte: „Das ist nicht dein Ernst!“ – „Nein. Ich mag Wagner-Opern nicht. Und wir sollten auch besser in einen Teil des Opernzyklus‘ Licht von Karlheinz Stockhausen gehen. Das wäre sicherlich ein geeignetes Pendant zu diesem Stück hier.“ Und ich lachte laut. Seit jeher frage ich mich, was Stockhausen-Begeisterte zu Stockhausen-Begeisterten mache. Ich finde seine Musik grauenhaft.

Fröhlich machten wir uns auf zum Schauspielhaus. Und die Party war auch prima, und wir tanzten und lachten viel. Leider war der Jahreswechsel dann etwas verdorben, und das nicht nur für Jana und mich, sondern auch für andere Partygäste, denn eine ganze Gruppe von Menschen, die sich auf dem Vorplatz zum Schauspielhaus zusammengefunden hatten, verwandelten den Vorplatz in eine Art Kriegsgebiet, indem sie bereits ab 23 Uhr intensiv herumböllerten. Mit großen Recyclingtaschen diverser Discounter und Supermärkte, randvoll mit Pyrotechnik, kamen sie an und hantierten obendrein auf sehr riskante Weise mit den Knallern. Sogar etwa sechsjährige Kinder liefen mit Chinaböllern in der Hand herum, die sie dann anzündeten und unbesehen sonstwohin warfen. Das fand ich ein bisschen fragwürdig, vor allem, als ein kleiner Junge rief: „Eine Bombe, eine Bombe! Geil!“ Ja, total geil, so eine Bombe …

Glücklicherweise teilte uns vor dem Theater Wartenden, die Sektgläser startbereit in der Hand, dann das Schauspielhaus via Lautsprecher mit, dass es nur noch eine Minute bis zum Jahreswechsel sei – angesichts der exorbitanten Knallerei hätte man schon annehmen können, der Zeitpunkt sei bereits überschritten -, und dann gab es den Countdown. Jana und ich stießen mit unseren Sektgläsern an, umarmten und drückten einander ganz fest und wünschten einander Glück und Gesundheit, und das kam wirklich von Herzen. 😊 Das Feuerwerk wurde noch intensiver – es fühlte sich wirklich an, als wären wir mitten in einem Kriegsgebiet, aber wir betrachteten gerührt die wunderbaren Bilder, die da an den Himmel gemalt wurden. Und trotz des Lärms hörten wir die Kirchenglocken läuten. Wahrscheinlich hat Bochum besonders leistungsstarke Glocken … Wir nahmen allerdings auch nur die tiefgestimmten, größten Glocken wahr über all dem Geheule, Gepfeif und den Detonationsgeräuschen. 😉

Und zum Glück gab es keine Verletzten, niemand wurde von einem Blindgänger getroffen oder einer Rakete angeflogen.

Wie sich Letzteres anfühlt, weiß ich übrigens. Vor Jahren feierte ich mit meinem damaligen Freund Henrik auf einer Privatparty mit vielen Teilnehmern in Essen. Es gab viel zu essen, es gab Bier, Wein, Sekt, Glühwein und Feuerzangenbowle. Kurz vor Mitternacht stürmten wir auf die Straße, dabei mehrere leere Sektflaschen als „Abschussrampen“ für Raketen. Und es war ein wunderbares Feuerwerk! Der Veranstalter der Party, ein ehemaliger Kollege von Henrik und mir, hatte jedoch gesagt: „Nur auf der Straße – nicht auf dem Bürgersteig. Sicher ist sicher.“ Und so standen wir vorne am Rand des Bürgersteigs, und wir alle ah-ten und oh-ten angesichts der wunderbaren Effekte am Himmel und auf der Straße.

Plötzlich schlug mir jemand von hinten auf die rechte Schulter, und das sehr heftig. Zumindest dachte ich dies, und als ich meinen Kopf nach rechts drehte, sauste unter lautem Geheul eine Rakete an meinem rechten Ohr vorbei! Offenbar war sie es gewesen, die den Schlag auf meine Schulter verursacht hatte … Ich erschrak fast zu Tode, und ich schrie vor Schreck laut auf. Der Gastgeber, mit dem ich zwei Jahre in einem Büro gesessen hatte, kam zu mir und fragte, was passiert sei. Es stellte sich heraus, dass einer der Gäste hinten auf dem Bürgersteig eine eigene „Abschussbasis“ installiert, aber wohl zuviel Feuerzangenbowle konsumiert hatte, denn er war, als die Zündschnur schon fast bis zum Anschlag durchgeglommen war, gegen die Sektflasche getaumelt, die dann umkippte und die Rakete dann, während die Flasche kippte, schräg und in Richtung meiner rechten Schulter abgeschossen wurde. Der Gastgeber hat dann dem Verantwortlichen die Hölle heißgemacht, nachdem er sich um mich gekümmert hatte, die jedoch versicherte, nur einen gigantischen Schrecken erlitten zu haben, und man möge kein allzu großes Fass aufmachen. „Doch, Ali! Das muss man! Du hättest schwer verletzt sein können! Deine Haare hätten in Flammen aufgehen, sonstwas hätte passieren können! Und ich hatte eigens gesagt: Nur auf der Straße!“ – „Ja, du hast ja Recht, ich will nur keinen allzu großen Aufriss meinetwegen.“ – „Doch!“ rief Volker. Und dann stauchte er den Herrn zusammen, der das Ganze verursacht hatte, und er rief ihm ein Taxi. Und die nächsten Tage dachte ich umso mehr, dass das absolut richtig gewesen sei, denn was ich im ersten Schrecken nicht gemerkt hatte, war die Tatsache, dass ich ein durchdringendes Pfeifen im rechten Ohr hatte. Es dauerte drei Tage, wurde dann schwächer und verschwand. Aber es war sehr unangenehm – als würde ich mich noch immer im Zentrum des Silvesterfeuerwerks befinden. 😉

Aber gestern war es – abgesehen von kleinen Ärgernissen – wirklich sehr schön. So viel hatte ich schon lange nicht mehr getanzt und gelacht.

Euch auch ein frohes, gesundes und glückliches neues Jahr! 😊

Zittern „auf Schalke“

Nein, ich war nicht anlässlich eines Fußballspiels vor zwei Tagen auf Schalke, obwohl das Zittern unter Umständen auch dazu gepasst hätte. Bitte verratet mich nicht, aber ich bin gar keine so überzeugte Schalkerin … 😉 Pssst – nicht weitersagen. (Klar, wenn der BVB gegen die Knappen spielen würde, wäre ich auf alle Fälle auf Seiten Schalkes, und das gilt auch für einige andere Clubs, mal abgesehen vom „Glubb“ aus Nürnberg und der wahren Borussia – und ich mag Schalke ja auch, nur nicht so, wie es so viele andere Menschen speziell in dieser Stadt hier tun. 😉)

Zittern kann man jedoch auch ganz ohne Fußball auf Schalke, wenn es draußen in Strömen regnet und drinnen nicht viel wärmer ist. Ich war zum Weihnachtssingen dort. Mit Kerstin, einer meiner Kolleginnen. Einer Kollegin, die ich sehr mag, da „hart, aber herzlich“, wie sie mir auch schon vorgestellt wurde. 😉

Um 14:30 h wollte Kerstin vor meiner Haustür stehen und mich mit ihrem Mazda abholen. Sie wohnt nicht hier in der Stadt und meinte, es wäre doch albern, würde ich mich auch ins Auto setzen und zur „Arena“ fahren. Da sie eh fahren müsse, würde sie mich ganz einfach abholen. Und so sauste ich um 14:28 h die Treppen hinunter und sah aus dem Flurfenster den kleinen, weißen Mazda schon auf der anderen Straßenseite stehen.

Kaum saß ich im Auto, kaum hatten wir einander begrüßt, meinte Kerstin: „Komm, wir rauchen erst mal eine – das hier ist ein Raucherauto.“ – „Gut, dass wir mit deinem Mazda fahren – meiner ist kein Raucherauto.“ – „Aber du rauchst doch auch!“ – „Nicht in meinem Auto!“ – „Wat biss du denn für eine?“ rief Kerstin amüsiert. „Wat ich für eine bin? Eine Inkonsistente! Im Gegensatz zu dir rauche ich zwar nicht im Auto, aber in der Wohnung, wenn auch nur im Wohnzimmer.“ – „Dat würde ich niemals tun! Nur auf’m Balkon!“ – „Das meinte ich mit inkonsistent!“

Und als wir aufgeraucht hatten, fuhren wir los zur Arena. Ich lotste Kerstin sicher zu einem noch nicht ganz so übervölkerten Parkplatz – aber wir waren auch verdammt früh dran. Einlass war ab 15 h, und wir waren eine Viertelstunde früher da. Das war aber auch gut, denn so standen wir relativ weit vorne in einer der Schlangen der Weihnachtssingwilligen. 😉

Endlich waren wir drin, inzwischen auch auf Waffen und/oder Flaschen abgetastet! Es war 15:15 h – noch viel Zeit totzuschlagen, da das Massenevent erst um 16:30 h begann. Wir rauchten erst mal eine …

Dann ließ Kerstin ihre Knappenkarte aufladen, und wir umkreisten – natürlich hatten wir das Stadion just an dem Eingang geentert, der am weitesten von unserem Block Q entfernt war – die Arena und setzten uns erst einmal auf unsere beiden Randplätze. Dann holte Kerstin heiße Getränke. Und dann war es immer noch so lange hin bis zum Anfang …

Wir gingen noch einmal eine rauchen, danach zum Klo. Und zurück auf unsere Plätze in Reihe 27. Und noch immer so viel Zeit …

Kerstin und ich sind beide nicht die Geduldigsten, und so standen wir wieder auf. Noch eine rauchen. Draußen meinte Kerstin, einige Jahre jünger als ich: „Ali, wir sind beide leider doof! Wir hätten verdammt nochmal Sitzkissen mitnehmen sollen! Hast du auch einen so kalten Hintern?“ Ich grinste und meinte: „Ich wollte ja vorhin nichts sagen, als ich ein erheblich älteres Paar hier mit einer Tüte vorbeigehen sah, in der ganz eindeutig zwei Sitzkissen waren, weil ich fürchtete, du würdest mich für ein Weichei halten. Aber du hast recht: Wir hätten Sitzkissen mitnehmen sollen! Nun, immerhin regnet es im Moment nicht.“ Und daher blieben wir auch länger draußen.

Irgendwann saßen wir wieder auf unseren Plätzen ohne Sitzkissen, mussten aufgrund der Randplätze jedoch noch mehrfach aufstehen, um Menschen durchzulassen. Endlich war die Reihe voll! Nur die vor uns war erschreckend leer.

Und dann ging es los! Eine Massenveranstaltung reinsten Weihwassers, amerikanisiert, dass es heftiger kaum ging. Immerhin begann es mit Alle Jahre wieder. Und Kerstin und ich sangen heftig mit – es machte Spaß!

Als wir Morgen kommt der Weihnachtsmann anstimmten, kam tatsächlich jemand: die halbe Reihe 26 vor uns! Eine Art Hühnerhaufen, der sich zunächst setzte, dann wieder „hochflatterte“, weil mittendrin eine der Damen – alle tranken Glühwein – doch, wenn auch verspätet, gemerkt hatte, dass sie noch einmal zur Toilette müsse. Und kaum war sie wieder da, merkte auch die Nächste, dass sie … La Ola in der halben Reihe 26 in Block Q, obwohl mir Hühnerhaufen erheblich besser gefiel …

Und so ging es bis zur Pause. Irgendwann sah ich einen intensiven Blick von rechts auf mich gerichtet, und ich drehte mich in die Richtung, obwohl ich blind hätte sagen können, wer mich da anstarrte und auch, warum. Natürlich war es Kerstin, und sie hatte ihren sehr, sehr strengen Blick drauf, der besagte: „Pass op! Leg dich nicht mit mir an!“ Ich sah sie an, und da meinte sie auch schon: „Was ist das da in der Reihe vor uns?“ – „Keine Ahnung – ist wohl ein Hühnerhaufen!“ – „Wenn das so weitergeht, werde ich sauer. Ich versuche hier, Videos zu machen, und dauernd habe ich irgendeinen dieser blöden Hinterköppe im Bild! Leiden die unter Sitzunruhe?“ – „Eher unter einer Reizblase,“, gab ich zurück, „reg dich nicht auf – mich nervt es auch.“ – „Du hast doch unsere Regenschirme unter deinem Sitz!“ – „Soll ich denen auf die Köppe hauen, oder was erwartest du von mir?“ – „Ja!“

Zum Glück hatte sie sich bis zur Pause wieder beruhigt. Der Hühnerhaufen nicht. Der flatterte immer noch.

Richtig ärgerlich war ich dann auch, als die Hühner nach der Pause den gleichen Scheiß wieder abzogen, und mir entfleuchte der Spruch: „Boah, ey! Ich verstehe manche Männer immer besser! Frauen – manche zumindest! – stören im Fußballstadion nur!“ Und ich meinte zu einer der vor mir Wuselnden: „Hallo? Würden Sie sich bitte einfach hinsetzen? Sie stören!“

Da drehte die „Dame“ sich zu mir um und meinte: „Ey! Wat willss du Tussi von miiaa! Ey! Ich kann hier machen, wattich will! Ich happ dafüüaa bezahlt!“ – „Ich auch,“, gab ich zurück, zuckte jedoch vor ihrem ein wenig unkontrolliert hervorschnellenden Zeigefinger zurück. Lieber die ewige Hin-und-Her-Stresserei aushalten als ein Auge einbüßen! Hätte ich meine Brille getragen, wäre diese Diskussion anders ausgegangen. 😉

Aber ich schwor mir: „Wenn dieser Haufen vor uns auch noch mein Lieblingslied stört, haue ich denen echt die Schirme auf’n Kopp!“ Zum Glück waren sie wohl alle am Glühweinstand oder au’m Lokus, als Leonard Cohens Hallelujah dran war. Kein Weihnachtslied, aber wunderschön.

Und sie waren auch abwesend, als das Steigerlied angestimmt wurde: Das einzige Lied, bei dem sich alle von den Sitzen erhoben und voller Inbrunst und sichtlich und hörbar bewegt mitsangen. Auf der Bühne auch ein Kumpel, der mit Tränen in den Augen ebenfalls voller Inbrunst sang. Auch ich hatte die Tränen in den Augen – und ich war gewiss nicht die Einzige. Zwei Tage nach Schließung der letzten noch fördernden Zeche war das zu erwarten. Ein bisschen kitschig, aber wunderschön.

Dann noch ein paar kitschige anglo-amerikanische Weihnachtslieder, ein eher hispanisches ebenso, das ich seit vielen Jahren kenne, das jedoch erst seit einiger Zeit allgemein bekannt ist und prompt zum „Weihnachtshit“ wurde. Nun ja … 😉 Auf alle Fälle hymnisch. 😉 Und der Refrain singt sich so schön.

Wir sangen fast bis zum Umfallen, und kurz vor Ende der zweiten „Halbzeit“ merkte ich, die früher in zwei Chören gesungen hat, die Auswirkungen, die eintreten, wenn man sehr lange nicht so viel gesungen hat: Meine Stimme machte Zicken! Die von Kerstin auch! Wir singen beide Alt, und die meisten Lieder waren für Altistinnen zu hoch angestimmt. Wir schafften zwar die höheren Töne, aber es war mehr „Druck“ vonnöten, zumal die um uns Sitzenden gar nicht so begeistert sangen wie wir. 😉 Mehr „Druck“ auf die tiefergestimmten Stimmbänder bedeutet: mehr Stress, mehr Anstrengung, und beim letzten Lied, Stille Nacht, war mir klar, dass ich anderntags sicherlich keinen geraden Ton mehr hervorbringen könnte, würde ich mich bemühen, alles „auszusingen“. Keinen geraden Ton würde ich mehr sprechen können – ich spreche nicht vom Singen. 😉 Das wäre gar nicht mehr gegangen. 😉

Als Stille Nacht gerade ausgeklungen war, kam der Hühnerhaufen einmal mehr zurück und wunderte sich: „Wie getz? Schonn aus?“ Kerstin sagte: „Ja, schonn aus! Wäre Ihnen länger vorgekommen, hätten Sie die ganze Zeit auf Ihren Plätzen gesessen!“ – „Ey, wie biss du denn drauf, Tussi!“

Ich zerrte Kerstin schnell am Ärmel weg und meinte: „Wie ich es vorhin schon anmerkte: Es gibt Frauen, die gehören nicht in ein Fußballstadion – egal, zu welchem Ereignis!“

Und wir schlappten durch den inzwischen wieder strömenden Regen frierend zu Kerstins Auto. Sie meinte: „Ist dir auch so scheißkalt? Das hat da total gezogen! Ich habe einen ganz kalten Hintern, und meine Füße spüre ich kaum noch!“ – „Geht mir genauso – schnell zum Auto!“ – „Hast du dir gemerkt, wo wir geparkt haben?“ – „Rechts neben dir stand ein schwarzes Auto, und links war ein Baum.“ Wir hielten inne und sahen uns um: Etwa ein Drittel aller dort parkenden Autos war schwarz, und es gab zahlreiche Bäume …

Dennoch haben wir den kleinen weißen Mazda irgendwann gefunden, beide völlig durchgefroren und mit nassen, kalten Füßen, und Kerstin fuhr mich nach Hause.

Und trotz allem: Es war ein sehr, sehr schöner Abend! 😊

Auf Kohle geboren …

„Wir sind auf Kohle geboren.“ So sagen echte Ruhris, echte Pottkinder. Ja, ich weiß, dass das oft belächelt wird, nicht recht ernst genommen. Irgendwie wird hier alles als Manta, Manta wahrgenommen und bewertet. Falls jemand diesen Film noch kennt. 😉

Das ist mir allerdings gleichgültig, denn auch ich bin auf Kohle geboren worden, und zu meiner Kindheit gehörten selbstredend funktionsfähige Zechen mit funktionsfähigen Fördertürmen, an denen sich das Rad drehte – natürlich! Was der Unterschied zwischen einer Seil- und einer Förderfahrt sei, war mir schon in sehr jungen Jahren klar, und ein Teil meiner Vorfahren väterlicherseits bestand aus Kumpels.

Jedes Mal, wenn wir zu meinen Großeltern väterlicherseits fuhren und ein Förderturm zur Linken sichtbar war, sagte mein Vater an einem bestimmten Punkt: „Hier bin ich schon durch die Erde gelaufen.“ Da hielt ich immer die Luft an: beeindruckend! Mein Vater war da durch die Erde gelaufen! Es war für mich so ähnlich wie die Aussage, dass jemand anderes über Wasser gelaufen sei. 😉

Und als meine Schwester und ich gerade des eigenständigen Laufens – ohne allzu heftige Stürze auf den dick verpackten Windelpopo zu verursachen – mächtig waren, schleppte mein Vater uns mitsamt unserer fränkischen Mutter, die mit Steinkohlebergbau absolut unvertraut war, ins Bochumer Bergbaumuseum. Ich war so oft dort – und doch so lange nicht. Ich sollte wieder einmal hinfahren. Jetzt erst recht!

Mein Vater, ein waschechtes Pottkind ohne jedwede externe – zum Beispiel fränkische – Einflüsse, studierte Elektrotechnik, um nach erfolgreichem Examen Bestandteil der Bergbau-Fraktion des Konglomerats Montanindustrie zu werden, wozu auch die Stahlproduktion gehört – selbstredend. Davon spricht mein Vater auch stets mit Hochachtung. Er ist wirklich ein echtes Pottkind. 😉 Allerdings habe ich keinen einzigen Stahlarbeiter in meinem Stammbaum – ich stamme der Kohlefraktion ab. Aber ohne Kohle kein Stahl, nicht wahr? 😉

Nur gibt es die Kohle billiger – nein, preisgünstiger, denn billig ist so ein billiges Wort! – aus anderen Ländern, wo man die Arbeitssicherheit nicht so priorisiert wie hierzulande, wie man bisweilen lesen kann. Manchmal als Katastrophenmeldung aus fernen Landen. Ich weiß noch, wie ich mitfieberte, als es 2010 in Südamerika ein Grubenunglück gegeben hatte.

Wie auch immer: Ich bin heute ein wenig traurig, denn heute wurde die letzte noch fördernde Zeche – Prosper Haniel in Bottrop – geschlossen. Keine Förderung mehr. Stillgelegt.

Eine meiner Kolleginnen meinte, es sei ja auch an der Zeit – Kohle sei viel zu lange subventioniert worden. Und sie sagte: „Endlich ist dieser Bergbau-Scheiß vorbei!“ Ich bin selten sprachlos. Hier war ich es. Man kann über die Subventionierung streiten. Aber ist es denn besser, Kohle aus Ländern preisgünstig zu erwerben, die mit allen Mitteln fördern – Sicherheit wurscht? Denn irgendwo muss ja gespart werden, wenn ein Produkt so günstig angeboten wird. Und ich hatte vor einiger Zeit ein interessantes Gespräch mit zwei chinesischen Ingenieuren, die auf die teils gruseligen Arbeitsbedingungen im Bergbau ihres Landes hinwiesen. Von sich aus, was mich erstaunte, denn sie waren erschreckend offen und schilderten die Zustände weniger verblümt, als ich von Asiaten gewohnt war. Möglich also, dass die Zustände noch schlimmer waren, als sie sie schilderten.

Mir tun die Kumpels leid. Die werden zwar unterkommen, da sie ja alle qualifiziert sind durch ihre Ausbildung. Die älteren werden in Rente gehen. Aber ich bin aufgrund der Erfahrung meiner Bergbau-Vorfahren ganz sicher, dass Menschen, die au’m Pütt gearbeitet haben, ein ganz besonderer Schlag sein müssen. Ein Menschenschlag, der die Region hier ausgemacht hat. Künftig wird das wegbrechen, und das Revier wird eine Region sein wie -zig andere. Austauschbar. Traurig. Ähnlich traurig wie das Verschwinden von Dialekten. Okay – versteht auch nicht jeder. 😉

Schimpft mich eine Nostalgikerin, Konservative (was ich nicht bin) oder eine Traditionalistin (was ich so auch nicht bin): Es ist mir egal. Mir tut es irgendwie weh, dass hier wieder etwas zu Grabe getragen wird, was ich von klein auf kannte. Ob etwas Besseres nachkommt, steht in den Sternen. Dass hier Wissen, Kenntnisse und Handwerkskunst im Sande verlaufen, ist mehr als klar.

Vielleicht bin ich ja wirklich eine unbelehrbare Traditionalistin. Ich weiß es nicht. Ich war heute den ganzen Tag auf alle Fälle etwas traurig. Wieder ein Stück Kindheit, wieder ein Stück Heimat weg. Als würde man es einem unter den Füßen wegreißen. Als wäre es ein Tagesbruch. Ja, und diesen Ausdruck wird man bald auch nicht mehr kennen.

„Tagesbruch? Was ist das denn?“ wird man sagen. Nicht, dass ein Tagesbruch etwas Gutes sei – ganz und gar nicht! 😉 Aber allein der Begriff wird untergehen, ähnlich wie der Begriff D-Zug.

Wie ich auf D-Zug komme? Das war total süß! Ich saß in der 301, in der Straßenbahn. Ich kam von meiner Dozentenfron aus Dortmund, und hinter mir saßen vier junge Mädels. Eines fragte ein anderes: „Sag mal, wann bekommen wir endlich deine Geburtstagseinladung?“ Das angesprochene Mädchen meinte: „Bald – eine alte Frau ist doch kein D-Zug!“ Und dann hörte ich förmlich, wie sich atemloses Schweigen auf die vier Mädels legte und das künftige Geburtstagskind meinte: „Was ist eigentlich ein D-Zug?“ Da brach ich in lautes Gelächter aus.

Und ich drehte mich zu den Mädels um und meinte: „Sorry, ich habe gerade euer Gespräch mitangehört. Und ich finde total klasse, dass ich mal – quasi omamäßig – etwas erklären kann. Ihr wollt wissen, was ein D-Zug ist?“ Die vier Mädels nickten. Ich erklärte es ihnen, wir lachten alle, und die Mädels meinten: „Wie beschwerlich Reisen früher gewesen sein muss!“ Ich lachte und meinte: „Etwas beschwerlicher als heute.“

Ich kann noch immer nicht ganz fassen, dass ich nun in einer zechenlosen Region lebe, bin mir jedoch sicher, dass ich irgendwie damit klarkomme – ich bin ja ein Ruhri, und wir kommen mit allem klar! 😉 -, und ich wünsche euch allen ein frohes Weihnachtsfest und alles Liebe und Gute für 2019! 😊

P. S.: Und ich bin sehr stolz, ein echtes Pottkind zu sein! So! 😉

Verfolgt von der „Zuckerfee“ … ;-)

Noch vier Tage, dann fängt der Weihnachtsurlaub an. Er ist dringend nötig, wie es scheint und ich heute feststellen musste.

Nun ist der Montag noch nie mein Lieblingstag gewesen. Bereits früher, als Kind und Jugendlicher, graute mir bereits am Sonntag vor dem Montag. Da fing die Woche an, und man musste wieder zur Schule. Obwohl ich keine schlechte Schülerin war, bin ich nie sonderlich gern zur Schule gegangen. Es half auch nicht, dass mein Vater immer sagte, das bereite aufs spätere Arbeitsleben vor. Ich dachte nur: „Tolle Motivation – Hut ab, Papa, echt!“ Und da mir sonntags schon immer vor Montag graute und bereits der Tag vor dem Horrortag überschattet war, war auch der Sonntag nie mein Lieblingstag. 😉 Hinzu kam, dass meine Schwester Stephanie sich stets stolz in die Brust warf, sie sei an einem Sonntag geboren worden, somit ein echtes Sonntagskind und damit etwas Besonderes – als wäre sie die Sonne selbst, nach der der Wochentag, an dem sie das Licht der Welt erblickte, benannt wurde und um die die Planeten zu kreisen verdammt sind. 😉

Ich wurde an einem ordinären Freitag geboren, kam pünktlich zum Spätfilm um 22:30 h an einem heißen Augustabend zur Welt und war wohl aufgrund der hohen Tagestemperaturen und der soeben am eigenen Leib verspürten Strapazen so ermattet, dass ich zunächst nicht einmal schreien wollte, als ich das grelle Licht des Kreißsaals wahrnahm. Erblickte wäre falsch, da ich laut meiner Mutter meine Augenlider so fest zusammenpresste, dass man beinahe annehmen konnte, sie wären zusammengewachsen. Und – wie es auch heute noch meine Art ist, wenn ich schlechte Laune oder mich besonders massiv geärgert habe – ich schwieg beredt. Mehrere sanfte Klapse waren notwendig, um festzustellen, dass ich offenbar durchaus lebendig war, denn da holte ich wohl Luft, aber man musste mich wohl auch noch vorsichtig zwicken, damit ich auch eine Lautäußerung von mir gab, das dann aber sehr intensiv und offenbar sehr, sehr verärgert. Eher empört. Dieses Unterfangen, auch Leben genannt, fange ja schon gut bzw. höchst bescheiden an, schien ich zum Ausdruck bringen zu wollen.

Montage sind vor allem frühmorgens für mich offenbar ähnlich wie jener Moment im Kreißsaal einer Essener Klinik. Der Wecker klingelt, und ich mag die Augen nicht aufmachen, nachdem mir, schlaftrunken, schmerzhaft zu Bewusstsein gedrungen ist, dass Montag sei. Dieser Moment, da ich exakt dies feststelle, ist annähernd von Verzweiflung und Trauer umfangen. Nein, ich arbeite gern, aber der Wochenbeginn ist seit jeher so grauenhaft, dass ich fast überzeugt bin, dass Menschen durch den Wochentag, an dem sie geboren wurden, doch ein wenig beeinflusst wurden. Ich meine, ich bin an dem Tag geboren worden, an dem das Wochenende beginnt! Kein Wunder, dass mich der Montag schreckt – was will man auch anderes erwarten? 😉

Doch zurück. Der heutige Montag war wie alle Montage. Kurz: grauenhaft. Das einzige, was mich tröstete, war das Bewusstsein, dass es der letzte Montag vor dem Weihnachtsurlaub sei, und so schleppte ich mich mit halbgeschlossenen Augen ins Bad und unter die Dusche, machte mich alltagstauglich und sauste schließlich in den Hof, wo Monty seit Anfang September seinen Stellplatz hat.

Murrend und knurrend schwang ich mich hinters Steuer und startete den Motor. Bzw. versuchte, den Motor zu starten, denn dieser gab röchelnde Geräusche von sich. Nein! Bitte nicht! Ich war eh schon spät dran! Keine Ahnung, wie vieler Versuche es bedurfte, bis ich es geschafft hatte und der Motor wie gewohnt vor sich hinbrummte. Das war mir schon einmal passiert – bei ähnlicher Witterung, so dass sich mir die Frage stellte, ob der kleine Monty vielleicht Rheumatiker sei, der allzu feuchte Witterung nicht vertrage. Immerhin war er wegen der Ausfallerscheinung vor knapp einem Jahr schon einmal eigens in der Werkstatt gewesen, wo man nichts Lebensbedrohliches feststellte. Genauer: Man stellte gar nichts fest. Vermutlich ist der kleine Wicht einfach wetterfühlig. Ich kann ihn verstehen – ich fand das Wetter heute auch scheiße. 😉

Ich raste gen Arbeit, ich war wirklich spät dran. Immerhin fand ich sofort einen Parkplatz und sauste ins Büro, wo ich pünktlich zum Beginn der Öffnungszeiten – wir haben Publikumsverkehr – eintraf.

Meine Bürokollegin, die immer viel früher da ist, grinste mir zu und meinte: „Moin!“ Ich japste: „Moin! Schönes Wochenende gehabt?“ – „Ja, und du? Du wirkst etwas unentspannt.“ Ich lachte und berichtete, verlieh ebenso meiner Hoffnung Ausdruck, dass mein Wagen nach Feierabend zügig anspringen möge (was er übrigens tat – er scheint einfach auch kein Montagstyp zu sein, zumindest morgens).

Dann arbeiteten wir friedlich vor uns hin. Bis ich meinte: „Am Sonntag gehe ich mit Kerstin zum Weihnachtssingen auf Schalke!“ – „Echt? Cool!“ – „Ja, hoffentlich wird es das!“

Und da meinte Jana: „Wann ist das?“ – „Am Sonntag,“, rief ich fröhlich, „um 16:30 h!“ Da sah sie mich an und meinte: „Aber am Sonntag um 16 h ist doch Der Nussknacker im Musiktheater!“

Ich sah sie an, freundlich lächelnd. Ja, okay, Tschaikowskys Nussknacker ist am kommenden Sonntag um 16 h im Musiktheater. Schön. Was aber hatte das mit mir zu tun? Keine Frage: Ich liebe Tschaikowskys Nussknacker, ich mag Ballett, und dieses hier mag ich ganz besonders.

Ich schaltete leider noch immer nicht, bis Jana sagte: „Da wolltest du doch mit!“ – „Ich?“ – „Ja!“

Nebulös tauchte in meinem Gehirn eine Unterhaltung auf, in der es um diese Veranstaltung ging. Offenbar hatte ich gesagt, ich wolle mit. Es wundert mich auch nicht – wie gesagt: Ich liebe dieses Ballett. Aber mir wurde auch klar, dass diese Unterhaltung vor längerer Zeit stattgefunden hatte – und das Ergebnis hatte ich wohl nicht abgespeichert, obwohl ich die Veranstaltung in meinem Outlook-Kalender eingetragen hatte, wie sich herausstellte. Nur leider benutze ich diesen Kalender mehr bei der Arbeit, und das auch nur im Modus „Arbeitswoche anzeigen“, ergo nur Montag bis Freitag …

Ich fühlte mich wie jeder, der vor dem Problem steht, simultan an zwei verschiedenen Orten sein zu sollen, was sich zumeist schwierig gestaltet. Und ich hatte ein schlechtes Gewissen. Einer würde ich absagen müssen, entweder Jana oder Kerstin. (Mir graute davor, Kerstin absagen zu müssen – die würde alles andere als gnädig reagieren. Und ich hätte es ihr nicht einmal verdenken können.)

Jana war, wie ich sie auch kennengelernt habe, sehr liebenswert und machte es mir leichter. Als ich mir die Haare raufte, meinte sie: „He! Keinen Kopp machen! Du kennst das Ballett! Geh mit Kerstin zum Weihnachtssingen!“ – „Aber das tut mir so leid! Wie konnte ich das nur vergessen!“ – „Keinen Kopp machen, sagte ich gerade! Hörst du mir eigentlich zu?“ – „Meist schon.“ – „Gerade eben wohl nicht – hör auf, dir Vorwürfe zu machen. Bestimmt geht meine Mutter gern mit – der würde das sicherlich auch Spaß machen.“ Ich machte mir darob noch mehr Vorwürfe, aber Jana schimpfte mich lachend aus.

Grauenhaft! Wie hatte ich das vergessen können! Dieser Montag war mit einem Schlag noch gruseliger geworden. Ich hasse solche Situationen, in denen man einen zugunsten eines anderen enttäuschen muss. Jana hat mir allerdings wirklich sehr geholfen – ich bin ihr wirklich sehr dankbar. Und dieser Dank äußerte sich bei mir darin, dass ich den Rest des Tages einen Ohrwurm hatte. Einen schlimmen Ohrwurm, denn Tschaikowskys Tanz der Zuckerfee aus dem Nussknacker ist – zumindest als Ohrwurm – sehr eigen, und das nicht zuletzt seiner Instrumentierung wegen, denn der dominierende Part erfolgt auf einer Celesta. 😉 Ich ertappte mich sogar dabei, dass ich das Stück vor mich hin pfiff, als ich zwei Buchungen tätigte …

Auf alle Fälle weiß ich nun, dass ich doch wieder einen Taschenkalender werde führen müssen. 😉

Der allergrößte Witz ist, dass ich erst gestern – völlig untypisch für mich – einen Märchenfilm im TV sah, der mittags im Ersten lief: Nussknacker und Mausekönig von bzw. nach E.T.A. Hoffmann, ein Kunstmärchen, das der Ursprung des Tschaikowsky’schen Balletts ist. Und nicht einmal da fiel der Groschen!

Ich muss wirklich urlaubsreif sein … 😉

Die Postkutsche kommt!

Reisen in früheren Zeiten war unzweifelhaft erheblich beschwerlicher als heutzutage. Glücklicherweise haben sich diesbezüglich die Zeiten geändert.

Auch für Postsendungen galt dies, die mit der Postkutsche befördert wurden und aufgrund der geringen Fahrtgeschwindigkeit und oft größerer Entfernung sowie unbequemer Straßensituation teils sehr, sehr lange brauchten, um beim Empfänger zu landen. Wurde – wie in so vielen Western eindrucksvoll dargestellt – eine Postkutsche (die oft auch weniger betuchte Reisende beförderte) überfallen, erreichte manche Sendung den Empfänger auch gar nicht. „Pech gehabt!“ war dann die Losung der Stunde.

Aber zum Glück muss ja heutzutage niemand mehr wochenlang warten, bis endlich ein Brief, ein Päckchen, ein Paket eintrifft, den oder das man sehnlich erwartet. In Zeiten der E-Mail, von WhatsApp und Konsorten hat der Brief ohnehin ein wenig an Bedeutung verloren. Größere Sendungen – besagtes Päckchen oder Paket – werden jedoch nach wie vor ungebrochen auf dem Postweg befördert, obwohl es viel schöner wäre, den jeweiligen Inhalt, das zu versendende Gut an den Empfänger ganz einfach beamen zu können. 😉 Doch zum Glück gibt es ja zahlreiche serviceorientierte und zuverlässige Logistik-Unternehmen, auch Paketdienste genannt. Bequem, sicher und zeitnah wie pünktlich werden dort beförderte Sendungen ausgeliefert, von freundlichen, serviceorientierten Zustellern, denen man gern ein Trinkgeld gibt, wenn sie das große, schwere Paket, das nicht in die Packstation – mein bevorzugter Ablageort – passte, in den ersten Stock getragen haben. Ja, es ist wirklich wunderbar, sich stets und immer auf solch vorbildliche Unternehmen verlassen zu können, statt auf die alle Jubeljahre eintreffende Postkutsche warten zu müssen, manchmal sogar vergeblich, da unterwegs überfallen …

Und ich mache immer und ausschließlich positive Erfahr… – MO-MENT! Was erzähle ich denn da? Hat mir jemand etwas in den letztjährig im Vereinigten Königreich erworbenen Earl Grey Tea getan? 😉

Immer und ausschließlich positive Erfahrungen? Ha!

Ich weiß, dass die Zusteller einen harten und unverschämt schlecht bezahlten Job haben – das finde ich absolut daneben. Ich weiß, dass durch die Explosion hinsichtlich Online-Bestellungen das Lieferaufkommen ebenfalls explodiert ist und habe zwischenzeitlich beschlossen, meine Online-Bestellungen, ohnehin nicht hoch, zu drosseln. Dennoch sehe ich es nicht ganz ein, dass diese Unternehmen – eines habe ich ganz besonders lieb – ein Riesenbohei um und massenweise Werbung für ihre tollen Dienstleistungen machen, die sie sich teuer bezahlen lassen, die Realität dann jedoch suboptimal erscheint und man sich dann noch – hakt man nach oder, sofern nötig, beschwert sich – auf den Arm genommen fühlt angesichts der meist wenig oder nicht hilfreichen Standardantworten und der mangelhaften Lösungsmöglichkeiten der Zuständigen.

Gestern sah ich ein Video, in dem ein junger Mann all seiner angestauten Wut Luft macht – kaskadenartig bricht sein ganzer Frust aus ihm heraus, und wie man so schnell sprechen kann, kann selbst ich nicht nachvollziehen. Aber verstehen konnte ich den jungen Mann, der am Black Friday wohl etwas bestellt hatte, worauf er sich freute. Und dann kam das Paket nicht. Ja, kann passieren, aber man hatte ihm mal wieder einen Benachrichtigungsschein in den Briefkasten geworfen, obwohl er wohl zu Hause gewesen war. Klingel kaputt, könnte man da annehmen, aber das muss beileibe nicht sein.

Nur in Notfällen lasse oder ließ ich mir Pakete und Sendungen an meine Wohnadresse schicken, denn auch ich kenne dieses wundersame Phänomen des sich plötzlich und ohne Vorwarnung im Briefkasten materialisiert habenden Paketdienst-Benachrichtigungsscheines, auf dem steht, man habe leider nicht zu Hause angetroffen werden können, obwohl man – ein toller Service dieses Paketdienstes! – bereits einen Wunschtermin bean- bzw. beauftragt hatte (meist Samstag) und daher wie festgetackert in der Wohnung ausharrte, um nur ja den Paketdienst nicht zu verpassen … In der stillen Wohnung, die kontemplative Stille durch keinerlei penetrantes Klingelsignal gestört.

Dreimal bin ich auf den Wunschtermin schon hereingefal…, ääh, habe ich ihm eine Chance gegeb…, nein! Dreimal habe ich die wunderbare Wunschtermin-Wahlmöglichkeit wahrgenommen und diesen Service genutzt. Genutzt hat es mir vice versa jedoch … wenig.

Beim ersten Mal harrte ich der Dinge, die da kommen sollten. Aber nicht kamen. Ich wartete auch noch die nächsten zwei Tage, dann rief ich beim Paketdienst an und fragte nach dem Verbleib des Paketes. Das sei zugestellt worden, hieß es, nachdem ich meine Sendungsnummer heruntergebetet hatte, insgesamt dreimal. Ich war bass erstaunt, wie, zugestellt? Bei mir gähnende Leere und kein Paket. Wem hatte man es zugestellt? Tja, das könne sie mir auch nicht sagen, erklärte die junge Frau – das sei nicht angegeben. Wie bitte? Nicht angegeben? „Aber das muss man doch angeben – das kenne ich nicht anders,“, sagte ich mit schwächer werdender Stimme, „wie soll man denn sonst herausfinden, bei wem man das Paket abholen muss?“

Tja, da habe es wohl leider einen Systemfehler gegeben, so dass sie mir nun nicht mehr mitteilen könne, wo genau sich mein Paket gerade seiner Existenz erfreue. Sicherheitshalber klingelte ich bei den Nachbarn, die mit mir in einem Haus leben. Zwei sagten, sie wüssten nichts von einem Paket, einer war nicht da, und die alte Frau Müller hörte wohl nicht, dass ich klingelte …

Als ich am nächsten Abend von der Arbeit kam, klingelte mein Telefon sehr energisch. Ich meldete mich und wurde sogleich in sehr energischem Ton angeherrscht: „Frau B.! Holen Sie endlich Ihr Paket ab, das ich für Sie angenommen habe! Das steht jetzt schon seit einer Woche hier!“ Es war die alte Frau Müller. Zwar hatte sie offenbar ein anderes Zeitgefühl, denn es war Dienstag, und das Paket stand somit erst seit Samstag bei ihr, aber ich konnte verstehen, dass sie sich ärgerte. Dabei konnte ich nicht einmal etwas dafür. Glücklicherweise ging alles noch einmal glimpflich aus.

Ich beschloss, bei der nächsten schweren Sendung, die nicht an die Packstation geliefert werden konnte, so der Versender, dem werten Wunschtermin eine weitere Chance zu geben. Sicherlich hatte ich nur Pech gehabt. Aber es war wie beim ersten Mal. Nur hatte ich diesmal einen Benachrichtigungsschein im Briefkasten – ich sei leider nicht zu Hause gewesen, und so habe man das – wirklich schwere – Paket nun in die nächstgelegene Paketdienst-Filiale gebracht, wo ich es bequem am Montag abholen könne … Ja, ich holte es auch am Montag ab, wenn auch nicht bequem, denn ich musste das schwere Ding zu Fuß nach Hause schleppen. Es war wirklich schwer, denn es waren sechs gläserne Halbliterflaschen naturtrüben fränkischen Kellerbieres darin, das ich hier in keinem Getränkemarkt gefunden hatte. Drei davon wollte ich jemandem zum Geburtstag schenken, die anderen drei waren für mich. Fluchend schleppte ich das Gebinde meiner Wege, aber das Geburtstagsgeschenk kam so in zweifachem Sinne von Herzen, denn mein Herz hämmerte heftig gegen meine Rippen, als ich das schwere Paket endlich in meine Wohnung gewuchtet hatte. Im Schweiße meines Angesichts und ohne Rücksicht auf meine Unversehrtheit hatte ich dieses Geburtstagsgeschenk und mein eigenes Deputat heimgeschleppt, denn ich wäre mit dem schweren Karton fast die Treppe hinuntergesegelt. 😉

Und trotz all dieser Unbilden gab es noch einen Drittversuch – es ging nicht anders, und ich dachte: „Was lange währt, wird endlich gut!“ und „Aller guten Dinge sind drei!“ Doch sogleich fiel mir auf, dass die vorhergegangenen zwei Dinge ja keineswegs gut gewesen waren, aber ich wollte nicht kleinlich sein.

Und so saß und harrte ich erneut an einem Samstag. Mir ging ein Lied aus den End-80ern durch den Kopp, dessen Refrain lautete: „All I can do is sit `n‘ wait. All I can do is sit `n’ wait.  […] Sit `n‘ wait, sit `n‘ wait, sit `n‘ wait …“ Nie zuvor und nie wieder habe ich diesen Text als so wahr empfunden … 😉

Ich harrte sogar längere Zeit am Küchenfenster und lief, harrte ich schließlich wieder woanders, öfter dorthin, um hinauszustarren. Möglich, dass der Paketdienst-Wagen ja gleich käme.

Irgendwann erschien es mir immer unwahrscheinlicher, und ich ging mit der Wäsche in den Keller – es musste gewaschen werden. Auf dem Rückweg öffnete ich meinen Briefkasten, denn es schien etwas darin zu liegen. Ja! Es war ein Benachrichtigungsschein des Paketdienstes! Leider sei ich nicht zu Hause anzutreffen gewesen … (Doch, doch – man hätte nur einmal den Versuch starten müssen, dies herauszufinden, indem man die Klingel betätigte, dachte ich resignierend.)

Meine Resignation wuchs, und dies ins schier Unermessliche, als ich den Text auf dem Schein zu Ende las. Man habe das Paket bei meinem Wunschnachbarn abgegeben. Bitte, bei wem? Ich hatte einen Wunschnachbarn? Das war mir neu! Ich hatte nie einen solchen angegeben! Wozu auch – ich hatte ja bereits vom wunderbaren Wunschtermin Gebrauch gemacht und war deswegen selbstredend höchstpersönlich zu Hause und annahmewillig wie -fähig gewesen! Wozu da die Notwendigkeit eines Wunschnachbarn – und wer sollte das überhaupt sein? Ich staunte, als ich sah, dass weder ein Name, noch die Hausnummer eingetragen war! Immerhin schien sich diese ominöse Person, bei der nun mein Paket seiner Abholung harrte, in derselben Straße zu befinden, in der auch das Haus steht, in dem ich lebe. Aber hier sind so viele Häuser … 😉

War das eine humanitäre Aktion des Paketdienstes, die unter dem Titel Lerne deine Nachbarn besser kennen rangierte? Oder wollte der Paketdienst intuitiv-hellseherische Fähigkeiten bei seinen Kunden fördern? Ich war ratlos und überlegte, ob ich mich auf der Straße aufbauen sollte, um dort laut zu rufen: „Hallo? Hat hier irgendjemand ein Paket für mich angenommen? Bitte melden Sie sich – Sie wurden zu meinem Wunschnachbarn ernannt, und da sollten wir einander doch mal kennenlernen, nicht wahr? Oder werfen Sie das Paket einfach in den Vorgarten – es ist nichts Zerbrechliches drin!“

Ich verwarf diese Idee, denn es war eiskalt draußen, und ich wollte auf diese Weise nicht im Mittelpunkt stehen. Ich bin ohnehin viel schüchterner, als viele glauben. 😉 Stattdessen verbrachte ich an diesem Nachmittag eine gar lauschige Zeit, indem ich Klinken putzte und bei diversen Nachbarn klingelte, um zu erfragen, ob man eventuell ein Paket für mich entgegengenommen habe. Bei Numero 10 wurde ich schließlich fündig, und freudestrahlend meinte ich zu der Nachbarin im Nebenhaus, die mir in Mantel und Schal die Tür öffnete: „Sie also sind mein Wunschnachbar!“ – „Wie bitte?“ Ich zeigte ihr den Benachrichtigungsschein, und sie griff sich an den Kopf und meinte: „Da steht ja gar kein Name und keine Hausnummer! Wie doof ist das denn? Da mussten Sie jetzt von Tür zu Tür rennen? Toller Service des Paketdienstes! Ich bin leider auf dem Sprung, sonst würde ich Sie auf einen Kaffee hereinbitten. Aber beim nächsten Mal,“ sagte sie und kniff mir ein Auge zu, „denn ich musste auch schon öfter Paketen hinterherrennen, obwohl ich zu Hause war. Wenigstens stand bei mir aber immer ein Name auf dem Zettel.“ Und wir schieden lachend voneinander.

Ich kann den frustrierten jungen Mann aus dem Video daher durchaus verstehen, wenn ich in einem Fall auch seine Wortwahl nicht schätze. Aber ansonsten hat er mein volles Verständnis.

Und bisweilen überlege ich, ob die Zeit der Postkutschen wirklich so unbequem war – unbequemer als heute. Denn bekam man früher seine Post nicht wegen eines unschönen Überfalls oder Achsbruchs, so bekommt man seine Post heute bisweilen auch nicht. Nicht wegen irgendwelcher Überfälle, sondern weil Pakete bisweilen auf wundersame Weise verschwinden, Pakete wider die Vereinbarung in Paketdienst-Filialen abgeliefert werden, ohne den zu Hause harrenden Wunschtermin-Empfänger darüber in Kenntnis zu setzen oder einfach über den Gartenzaun geworfen werden (eine Bekannte berichtete, sie habe kürzlich ein schon länger erwartetes, angeblich zugestelltes Paket unter einem ausladenden Busch im Garten gefunden, mehr durch Zufall, da sie gerade den Rasen mähte, und ein Nachbar berichtete, er habe ein Paket für einen anderen Nachbarn in der Blauen Tonne gefunden …). Und Päckchen sind sowieso ganz heikel! Keine Tracking-Nummer. Verschickt deshalb lieber niemals Päckchen! 😉

In diesem Sinne: Beamen wäre doch ganz schön. 😉 Und: Trotz so vieler Wunschmöglichkeiten bleiben doch recht viele Wünsche offen.

Einen schönen zweiten Advent! 🙂

„Many years ago …“ – Brieffreundschaft etwas anders als früher

Kürzlich überflutete mich eine Welle der Nostalgie. Ich liebe es, Briefe zu schreiben, mit der Hand. Ich bin ohnehin ein bisweilen recht sentimentaler Mensch, wenngleich ich das nach Möglichkeit gegenüber meiner Umwelt zu verbergen trachte. 😉

Ich hatte vor Jahren eine wunderbare Brieffreundin – ich berichtete bereits. Die Brieffreundschaft begann, als ich in der Mittelstufe war, und ich nahm sie mit ins Studium. Und möglicherweise würden wir einander noch heute schreiben, wäre meine amerikanische Brieffreundin nicht im Alter von 21 Jahren gestorben. Woran, weiß ich bis heute nicht, und irgendetwas sagt mir, dass ich es vielleicht auch gar nicht wissen möchte.

Nach ihr hatte ich keine Brieffreundin mehr, mit der ich meine Gedanken besser teilen konnte als mit Menschen, die bisweilen neben mir standen oder saßen. Zu groß der Schock des Verlusts, der allerdings auch dafür sorgte, diese über Kontinente gehende Verbundenheit niemals zu vergessen.

Neulich erzählte ich meiner Kollegin Jana davon. Und sie sagte: „Warum keine neue Brieffreundschaft suchen?“ Sie hatte Recht, und ich suchte im Internet nach Institutionen, die solcherart „Verbindungen“ vermitteln.

Rasch wurde ich fündig. Und meldete mich an. Ich konnte mir sogar aussuchen, ob ich lieber per Mail oder per snail mail, also auf dem normalen Briefpostweg korrespondieren wolle. Und schon erschuf ich mein Profil, schrieb eine kleine Einführung, natürlich auf Englisch, denn es ist eine internationale Seite. 😉

Die Technik streikte ein wenig, als ich meine wunderbare Einleitung posten wollte. Etwa eine halbe Stunde rang ich mit den Elementen, und kaum war es endlich geschafft, sah ich, dass sich bereits jemand gemeldet und mir eine Nachricht hinterlassen hatte. Hui – das ging hier ja schnell! 😉

Ein Mann war es, der da etwas zurückhaltend-schüchtern anfragte, ob ich vielleicht mit ihm korrespondieren wolle. Und – Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage! – er kam aus dem Vereinigten Königreich! 😉 Genauer: aus Cornwall, einem Landesteil, den ich noch nie besucht, von dem ich aber gehört habe, dass er einfach nur umwerfend sei. Ich habe mich bis dato immer zurückgehalten, dorthin zu reisen, seitdem so viele Deutsche dies tun, nachdem vor vielen Jahren die ersten Verfilmungen von Rosamunde-Pilcher-Romanen Einzug im deutschen Fernsehen hielten. Seitdem reisen viele Deutsche an die verschiedenen Tatorte (auch Schottland ist betroffen). 😉 Ich würde ja auch gern, aber ich reise so gern, weil ich mir die Menschen und Kultur vor Ort ansehen möchte, nicht, um dort auf halb Deutschland und Menschen zu treffen, die wer weiß was von diesen Orten erwarten, als wären es Pilgerstätten. Oder meinetwegen Pilcherstätten. 😉

Ich konnte nicht sofort ausschweifend antworten. Ich war noch bei der Arbeit, schrieb aber kurz, es freue mich, dass er sich gemeldet habe, und ich würde nach Feierabend mehr schreiben.

Zu Hause sah ich mir sein Profil an und beschloss, umgehend zurückzuschreiben, denn was da stand, fand ich total interessant: freischaffender Orchestermusiker stand da neben anderen Dingen, und das Instrument, das er spielt, überzeugte mich definitiv. Jemand, der aus Überzeugung Bratsche spielt und nicht Violine und damit unter Umständen die erste Geige, kann nur auf interessante Weise anders sein. Fand ich, zumal Bratsche in der Tat ein besonderes Instrument ist. Gehört zur Familie der Streichinstrumente und Geigen, wird in gleicher Haltung gespielt wie eine Violine, ist jedoch etwas größer, und während sich die Violine stets wie der Sopran im Chor laut und mit bisweilen metallisch-klarer Qualität vordrängt, verhält sich die Bratsche stets – wie der Alt im Chor – zurückhaltend, ist aber unverzichtbar sowohl im Orchester, als auch im Streichquartett. Und als Soloinstrument ist sie ganz anders als eine Violine: Eher melancholisch klingt sie, gewissermaßen nachdenklich, und man denkt an Torfmoore, Rauch von Torffeuern und nebelverhangene Landschaften. Wer einen Sinn für Verwunschenes hat, wird die Bratsche wohl mehr schätzen als die grelle und vornehmlich fröhlich-heiter klingende Violine.

Und so dachte ich, dass es sicherlich interessant sei, mit einem Bratschisten aus Cornwall Mails auszutauschen und fing daher gleich damit an.

Aber kaum kam die erste Antwort, wurde es noch besser: Der Bratschist ist gar kein Engländer. Es wurde noch verwunschener … 😉 Der Bratschist ist Waliser! 😉 Ich kenne die meisten Teile des Vereinigten Königreichs – bis auf Nordirland und Wales. Wales fand ich immer irgendwie verwunschen – es mag an der Sprache liegen, die mit Wörtern mit erstaunlich vielen Konsonanten aufwartet, einige davon in Dopplung, teils – zumindest gefühlt – ohne jedweden Vokal. Es mag allerdings auch daran liegen, dass nur ganz besondere Menschen und nicht die halbe Welt nach Wales in den Urlaub reisen. Wales war bis dato für mich auch terra incognita. Der einzige Waliser, den ich persönlich kennenlernte, war ein Welsh Pony, auf dessen Rücken ich während meiner aktiven Zeit als Reiterin zweimal saß. Ein reizendes Tier, obwohl Schimmel. 😉

Inzwischen lerne ich Tag für Tag mehr und kann sogar den Frauennamen Angharad einigermaßen authentisch aussprechen. 😉

Die Mails gehen hin und her, und es ist bereits zur Gewohnheit worden, obwohl das Ganze erst vor drei Tagen einsetzte, zumal sogar der Humor harmoniert und es diverse Ähnlichkeiten gibt. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass ich wieder und wieder zum Rechner renne und nachsehe, ob eine Mail da sei.

Der Bratschist schrieb mir gestern Ähnliches, und dann plauderten wir wieder ein Weilchen und verabschiedeten uns schließlich. Heute würde es weitergehen.

Als ich mich heute früh einloggen wollte, erhielt ich eine Fehlermeldung. Ich versuchte es einige Minuten später. Fehlermeldung. Weitere Versuche ergaben eine Fehlermeldung. Und so ging es über Stunden. Ich wurde nervös. Und ziemlich sickig. Verdammt, was sollte das denn? (Hatte ich schon einmal erwähnt, dass mein zweiter Name Die Ungeduldige ist? Oder, weil es schöner klingt, Impatiens?) 😉

Nach vier Stunden – mein Tagesgeschäft war soweit erledigt – war ich derart aufgebracht, dass ich den Rechner, der nichts dafür konnte, am liebsten mit Schmackes aus dem Bürofenster geworfen hätte. Hui – was war das denn?

Um mich zu beruhigen, hörte ich ein wenig klassische Musik: Johann Sebastian Bachs Cellosuiten BWV 1007 – 1012, arrangiert für Solobratsche … Meine Kollegin starrte mich irritiert an: „Ist alles in Ordnung, Ali?“ – „Pssst! Hör doch diesen Klang!“ Meine Kollegin sah mich besorgt an, und mir wurde die Musik dann auch ein wenig zu düster, und so stellte ich sie ab. Die Seite war noch immer nicht erreichbar.

Glücklicherweise hatte ich dann alle Hände voll zu tun, da ein neuer Schub Arbeit über mich hereinbrach. So soll es sein, und so hatte ich auch gar keine Gelegenheit, nach Neuigkeiten hinsichtlich der allzu spröden Seite zu schauen.

Als ich die Arbeit erledigt hatte, funktionierte die Seite wieder! Und da war auch schon eine Nachricht: Endlich funktioniere die Seite wieder – das sei ja kein Zustand gewesen! Und der Bratschist schrieb, dass er immer unruhiger geworden sei, weil er sich schon so an die Mails gewöhnt hätte, die – so meinte er – seine Tage erhellten. 😉 Ich schrieb zurück, aber nein, mir sei absolut klar gewesen, dass alles beizeiten wieder funktionieren würde, wobei ich mir den Angstschweiß von der Stirn wischte. Ich setzte aber lieber ein Smiley dahinter – was ich ja total selten mache. Und bekam zur Antwort: „I’ve already noticed you have a somewhat wicked sense of humour. I like that very much.”

Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Misstrauisch, wie ich bin, und das nicht grundlos, hoffe ich nur, es ist kein Fake. 😉 Ich vermute allerdings, dass es sich eher um den Austausch zweier ähnlich gestrickter „Spinner“ handle. 😉

Es gab übrigens noch diverse weitere Kontakte – alles Männer, obwohl ich angegeben hatte, dass ich mit Männlein wie Weiblein gleichermaßen gern schriebe.

Wie auch immer: Brieffreundschaften sind heute doch ein bisschen anders als früher. 😉

Und als ich vorhin beim Einkaufen war, ertappte ich mich dabei, dass ich die Kassiererin irrtümlich auf Englisch ansprach (ist mir schon öfter passiert, wenn ich viel Englisch gesprochen oder – wie hier – geschrieben hatte und keine Absicht), die mich sogleich anblaffte: „Hier wird Deutsch gesprochen, ey! Immer diese Ausländer – verstehen kein Wort, erwarten aber, dass man ihre Sprache spricht! Dat geht nich‘ gegen Sie! Abba so gehtet ja nich‘, ne?“ Und sie zwinkerte mir zu, woraufhin ich lieber weiter so tat, als verstünde ich kein Wort … 😉

„Ich liebte ein Mädchen in …“ Oder: „Vorsicht! ‚Feind‘ singt mit!“ 😉

„Ich liebte ein Mädchen in Tegel, die hatte Ohren wie Segel. […] Ich liebte ein Mädchen in Mexiko, die hatt‘ einen runden sexy Po!“

So sang ich voller Inbrunst als Kleinkind. Das war irgendwann in den Siebzigern. Und dummerweise sang ich dergleichen sehr deutlich artikuliert und voller Begeisterung ganz laut bei meinen Großeltern in NRW … Ich habe schon als Kleinkind sehr gern gesungen. 😉

Die Aufregung war groß – woher hatte „die Kleine“ solch ein Lied? Die Aufregung war besonders groß, als ich an die Zeile geriet, die da hieß: „Ich liebte ein Mädchen in Mainz, die war gar keins.“ (Gut, um das zu verstehen, war ich noch zu klein, und auch den Rest des balladenartigen Blödel-Liedes im Schnelldurchlauf – es dauert nur etwa zweieinhalb Minuten – habe ich damals inhaltmäßig bisweilen nicht so recht verstanden, bis auf den mexikanischen Po und die Segelohren in Tegel – zum Glück hatten meine sittenstrengen Großeltern die zweite Strophe nicht zur Gänze mitbekommen, die da mit: „Ich liebte ein Mädchen in Wedding, die wollte immer nur Petting“ begann … (Was das bedeutete, wusste ich damals auch noch nicht, wie auch so vieles andere in diesem Lied – aber es reimte sich! Naja, zumindest so etwas Ähnliches. 😉 )

Meine Großeltern fragten investigativ, woher ich denn dieses Lied kennte, und meine Antwort erfolgte ebenso inbrünstig wie arglos, und ich bekannte, dass mein Onkel aus Franken und seine Freunde das immer sängen. Und die Mama würde auch immer mitsingen. Große Entrüstung bei meinen Großeltern, die hinsichtlich der angeheirateten süddeutschen Verwandtschaft, speziell jedoch mit meinem etwas unkonventionellen Onkel immer etwas gefremdelt haben. Hätte ich doch gesagt, dass dieses Lied nicht tagtäglich, sondern nur bei Partys intoniert wurde, die meist schon nachmittags begannen, harmlos, so dass auch Kinder zunächst noch daran teilnehmen konnten. Und dass man in Franken nicht derart „geschraubt“ mit Kindern umgehe. Zumindest in meiner Familie nicht. Hätte ich im fränkischen Teil meiner Familie dieses Lied so inbrünstig vorgesungen, hätte man laut gelacht, mich für meinen Mut gelobt und mir dann noch gesagt: „Und den Rrressdd, den lerrrnsdd fei spädä, wennsdd grrößä bist, gell?“

Das Lied hatte ich lange vergessen, nur manchmal schossen mir die Textzeilen mit dem „Mädchen aus Tegel“ und dem „Mädchen aus Mexiko“ durch den Kopf, und dann musste ich immer lachen. Das Lied ist untrennbar mit meiner Kindheit verbunden, und von daher war es für mich immer ein schönes Lied, das gute Laune machte. Gut, nicht zwingend bei meinen Großeltern aus NRW, und der Gedanke daran entlockte mir aus unerfindlichen Gründen immer ein leicht ironisches Grinsen … 😉 Nichts gegen meine Großeltern hier, die ich mochte, aber man kann es auch übertreiben mit dem Entsetzen.

Erst vor drei Tagen wurde mir das Lied wieder präsent, denn ich las, dass sein „Erschaffer“, Ingo Insterburg war sein Künstlername, gestorben sei. Und ich googelte nach dem gesamten Text, las ihn und brach in lautes Lachen aus. Das hatte ich bei meinen liebevollen, aber sittenstrengen Großeltern allen Ernstes gesungen? 😉 Ich verstand ihre Aufregung zwar noch immer nicht, aber ich hatte eine Ahnung, was sie wohl gedacht haben müssen.

Dann rief ich meine Schwester an, und als sie sich meldete, sang ich: „Ich liebte ein Mädchen in Mexiko“. Zum Glück erkannte sie meine Singstimme und sang zurück: „Die hatt‘ einen runden sexy Po!“ Sie hatte Lied und Text offenbar auch verinnerlicht. 😉
Und dann schwelgten wir ein bisschen in Kindheitserinnerungen, zu denen auch dieses Lied und viele schöne Ferien in Franken gehörten. Auch meine Erfahrung hier nach Absingen des Liedes – Stephanie lachte sich halbtot und meinte: „Typisch Ali! Wie konntest du das auch bei Omma und Oppa absingen? Und dann noch fröhlich erklären, dass das in Franken ganz normal sei! Kein Wunder, dass Omma Elisabeth damals so schockiert war, als sie mit uns beiden mit dem Zug nach Franken fuhr, wir von Onkel Christoph in Würzburg abgeholt wurden, der dich und mich mit den Worten: ‚Da seid ihr ja endlich, ihr kleinen Scheißerlein!‘“ empfing! Weißt du noch, wie entgeistert Omma guckte, während wir laut jubelnd zu Onkel Christoph rannten und er uns in den Arm nahm? Omma war völlig verstört! Da bezeichnet man ihre Enkelinnen als Scheißerlein, und die jubeln sogar und stürzen dem vermeintlichen Beleidiger auch noch in die Arme!“ – „Ich fand es passend, dass Omma mal gezeigt wurde, wie es in Franken abgeht und dass das – wenn es auch schräg klingen mag – sehr liebevoll gemeint ist. Eine Lektion in interkultureller Kompetenz!“ – „Erinnerst du dich daran, dass Omma ganz stumm im Auto gesessen hat, auf der Fahrt von Würzburg nach Bamberg? Während du und ich laut lachten und uns freuten, endlich wieder in Franken zu sein?“ – „Ja. Ich glaube, sie hat es nicht verstanden, dass wir nach einer vermeintlichen Beschimpfung auch noch so begeistert auf die Umgebung reagierten. Sie verstand die fränkische bzw. bayerische Art nicht und verwechselte das Ganze mit ungehobeltem Benehmen. Da ist sie ja aber beileibe nicht die Einzige.“

Und ich lachte und sang: „Ich liebte ein Mädchen in Wannsee, die konnte kein’n nackten Mann seh’n!“ Stephie lachte.

Es kommt halt immer auf die Chemie an – und die stimmt bisweilen schon nicht zwischen verschiedenen Regionen eines Landes. Gut – weder Onkel Christoph noch ich waren je die besten Diplomaten … 😉

„AKW“ muss nicht immer „Atomkraftwerk“ heißen …

Ich finde ja, dass manche Wörter – speziell im Deutschen – recht sperrig seien. Damit sind – schlimmstenfalls – Kreationen wie Donau­dampfschifffahrts­gesell­schafts­kapitän gemeint. Und – ja! – dieser Begriff ist keineswegs erfunden, nein. Den gab es wirklich! 😉

Grauenhaft sogar für Muttersprachler – wie erst mussten oder müssen sich Menschen fühlen, die Deutsch als Fremdsprache lernen! Noch schlimmer als ich bei meinem tapferen Erwerb der polnischen Sprache (dagegen erscheint mir der Niederländisch-Kurs, den ich auch weiterhin besuche, wie eine Art Erholung … Fast möchte man dabei die Füße hochlegen, zumindest im direkten Vergleich. Und man windet sich beim Niederländischen – anders als beim Polnischen – auch keinen Knoten in die Zunge … 😉 )!

Aber es gibt da etwas Wunderbares: Abkürzungen. Wir alle kennen sie. Sie vereinfachen zum Beispiel – z. B. – den Schriftverkehr. Mein Grad, den ich nach einem zermürbenden Studium endlich ergattert hatte, heißt abgekürzt M.A., und das steht für Magister Artium, wörtlich übersetzt: Meister der Künste! Die größte Kunst bestand übrigens darin, mich selber davon zu überzeugen, das Examen auch wirklich zu machen, das ich dann auch bestand, und das sogar gut … 😉 (Fragt aber bitte nicht nach dem Heulen und Zähneklappern, Blut, Schweiß und Tränen – ich hatte panische Angst vor dem Examen. Und das alles für zwei Buchstaben und zwei Punkte hinter meinem Namen, der allerdings damit erheblich mehr hermacht … 😉 ) Alles dafür, dass ich vor Jahren, als ich durch Insolvenz meines damaligen Arbeitgebers arbeitslos geworden war, bei der Agentur für Arbeit gefragt wurde, ob das Kürzel mit Abschluss heiße. Da habe ich nach anfänglichem Staunen laut gelacht – ja, in der Tat! Im Grunde heißt es das ja irgendwie. 😉 Frau Röhrig entschuldigte sich sogleich bei mir, als ich es erklärte, aber ich lachte noch mehr und meinte: „Nein, nein! Alles in Ordnung! Die Glückseligkeit hängt beileibe nicht von einem akademischen Grad ab – sonst säße ich ja gar nicht hier. Nein, alles okay! Ganz ehrlich: Ich wollte eigentlich gar nicht studieren, sondern Logopädin für Kinder werden. Mir ist völlig schnurz, ob jemand so einen oder ähnlichen Grad hat oder nicht – Hauptsache, das Herz sitzt an der richtigen Stelle!“

Abkürzungen sind bei sperrigen Begriffen oder auch Fremdwörtern bisweilen sehr, sehr praktisch. Auch wenn ich mich manchmal wundere, warum manche Leute et cetera nicht einfach mit etc., sondern ect. abkürzen. Es ist besser, eine andere Abkürzung zu benutzen, wenn man nicht genau weiß, wie sich die fremdsprachliche Abkürzung schreibt, und hier wäre usw. sicherlich besser. Dasselbe bei q.e.d. – da las ich schon mehrfach c.e.d. Einmal sogar ausgeschrieben: Cuod erat demonstrandum … Es klingt jetzt sicherlich arrogant, ist aber gar nicht so gemeint, nur würde ich in solchen Fällen empfehlen, die deutsche Abkürzung, w.z.b.w., was zu beweisen war, zu verwenden.

Auch auf offiziellen Einladungen findet man bisweilen Abkürzungen, zumindest solchen, da eine Rückmeldung gewünscht ist. Früher schrieb man u.A.w.g. – um Antwort wird gebeten. Danach war RSVP nicht selten zu finden. Das ist eleganter – zumindest empfanden das nicht wenige Einladende so. Denn das ist die französische Abkürzung, und Französisch wird ja von vielen als total schick empfunden. Dabei ist es eine ganz normale Sprache, und somit ist RSVP auch eine ganz normale Abkürzung, die Répondez, s’il vous plaît bedeutet. Kurz und schmerzlos: „Bitte antworten Sie.“ Sofern man teilnehmen möchte. 😉

Ich habe bis vor einiger Zeit als Dozentin gearbeitet und musste meinen Studis ganz minutiös erklären, dass einige meiner Veranstaltungen s. t. stattfänden, andere jedoch c. t. – sie kamen ständig durcheinander und im Falle von s. t. oft viel zu spät, obwohl die Veranstaltung in der Tat pünktlich zum im Vorlesungsverzeichnis genannten Zeitpunkt begann. Als ich ihnen erklärte, was die Abkürzungen bedeuteten, blickte ich in riesengroße Augen: „Wat? Wie? Sine? So wie Apfelsine? Was heißt denn das?“ Da erst fiel mir auf, dass viele Studis gar kein Latein mehr in der Schule haben. Beim letzten Seminar mit 30 Teilnehmern fragte ich – denn Lateinkenntnisse sind auch im Englischen sehr hilfreich und erleichtern einiges – einmal mehr nach, wer denn noch (!) Latein in der Schule gehabt hätte, und da meldeten sich ganze zwei Leute, und das mit einem Habitus, als hätten sie dafür den Nobelpreis verdient – mindestens … 😉 (Ich gebe zu, Latein war gewiss auch nicht mein Lieblingsfach – ganz im Gegenteil! Ich hatte unverdientes Glück: Ich musste dafür nicht viel lernen. Umso schöner, dass es mir wirklich weitergeholfen hat in meinem Studium – und nicht nur dort. 😉 Aber eine besondere Leistung ist es eigentlich nicht. Oder? Eine Leistung – abhängig von der Art des Lateinlehrers – ist es, wenn man vor Langeweile im Lateinunterricht nicht einschläft. 😉 )

Dennoch waren zu meinen Studienzeiten auch Lateinunkundige – davon gab es damals allerdings nicht so viele wie heute, und viel mehr Schüler waren mit dieser Sprache gequält worden – in der Lage, den Unterschied zwischen s. t., sine tempore, und c. t., cum tempore, zu verstehen, und das nach nur einmaliger Erklärung. 😉 Sine tempore waren meist Seminare, Übungen oder Praktika. Cum tempore meist Vorlesungen, denn da konnte jede/r so hereinschneien, wie er/sie wollte.

Im privaten Gebrauch können Abkürzungen ganz individuell sein. Glücklicherweise bin ich mit der Abkürzneigung vertraut, da durch meinen Vater, Elektroingenieur und abkürzbegeistert, von klein auf damit quasi verwachsen, und das hat schon mehrfach geholfen. Man muss manchmal einfach nur abstrakt denken – und/oder ein Faible für Sprache haben. 😉

Vor diversen Jahren war ich auf der Examensparty meines – auch damals schon – Ex-Freundes Richie eingeladen, die in Neuss stattfand, woher Richie stammte. Einige Leute aus Aachen sollten auch kommen, darunter Paul, der mich dann auch mit dem Auto mitnahm. Als wir in Neuss vor Richies Elternhaus geparkt und an der Tür geklingelt hatten, stellten wir fest, dass niemand öffnete, obwohl von jenseits der angebauten Garage, hinter der der Garten war, Partygeräusche zu hören waren. Paul klingelte wieder und wieder an der Haustür, bis der Klingeldraht beinahe durchbrannte … Wir riefen. Wir klingelten. Ohne Erfolg.

Dann plötzlich entdeckte Paul ein Schild: „Z. P.: B. a. d. GT h. d. MT k.!“ Er sah sich nach mir um und meinte: „Kannst du dir erklären, was das heißen soll?“ Ich sah ihn zunächst ebenso irritiert an wie er mich, dann sah ich mich um, und schon fiel der Groschen: „Ja! Klar! ‚Zur Party: Bitte an der Gartentür hinter der Mülltonne klingeln!‘“ Und ich strahlte Paul an, als hätte ich gerade das Rad erfunden. 😉

Paul sah mich an, als sei ich vom Irrsinn angefallen, und er meinte: „Aha. ‚Gartentür‘ – ‚Mülltonne‘ …“ – „Ja, sorry, ich bin selten durch die Garage ins Haus gekommen – aber daneben ist doch die Gartentür! Da ist die Garage, und links daneben ist die Gartentür – hinter der Mülltonne!“ Paul seufzte, dann meinte er: „Diese absolut irre Abkürzung ist eindeutig auf Richies Mist gewachsen! Klar, ist ja auch Ingenieur – die kürzen immer alles ab!“ Und dann grummelte er vor sich hin: „Du bist keine Ingenieurin, verstehst das aber offenbar – warum seid ihr beide eigentlich nicht zusammengeblieben? Sogar die bescheuertsten Abkürzungen verstehst du! Als wäret ihr eins!“ Ich lächelte und meinte: „Ich bin vorbelastet. Mein Vater ist Ingenieur. Die lieben Abkürzungen, und wie die zu interpretieren sind, lernt man als Ingenieurkind ganz schnell.“

Paul drückte enerviert auf die Klingel neben der Gartentür. Die ging Sekundenbruchteile später auf, und Richie rief laut und begeistert: „Da seid ihr ja! Ihr habt offenbar die Abkürzung verstanden! Endlich – die meisten haben -zigmal an der Haustür geklingelt und dann laut gerufen. Immerhin – ihr habt es verstanden!“ Paul grinste: „Ich nicht! Ich würde jetzt noch vor der Haustür stehen und klingeln – hier, deine Ex hat total schnell geschaltet! Die reinste Dechiffriermaschine – so schnell ging das! Warum ihr beide nicht mehr zusammen seid, ist mir ein Rätsel! So eine Frau findest du so schnell nicht wieder – versteht sogar deine bekloppten Abkürzungen …“ Und Paul stürmte durch die Gartentür, während Richie mich in den Arm nahm und meinte: „Der versteht das nicht – hat halt keine Ingenieurgene. Er ist halt ein Banker.“ – „Und ich Philologin.“ – „Aber mit echten Ingenieurgenen – grüß doch bitte deinen Vater von mir!“ 😉

Ingenieure unter sich. Mein Vater hat, als ich noch studierte, meine monatliche „Förderrate“ immer überwiesen, und auf dem Kontoauszug stand am Ende der Buchung immer: HGP. Das erstaunte mich anfangs, und als ich dann nachfragte, erklärte er mir, dass dies: „Herzliche Grüße, Papa“ heiße. Das fand ich total süß, und ich freute mich immer, wenn ich es auf Kontoauszügen las. 😊

Mein Vater hat nie von seinem AKW abgelassen, den er – je nach Stimmung – auch als AküWa bezeichnet, als Abkürzwahn. Nett, dass er es selber als eine Art Trieb betrachtet. Sehr sympathisch und menschlich. 😉

Erst kürzlich wurde er von diesem „Wahn“ eingeholt. Und das durch mich. Und der Anlass so erfreulich. Und harmlos. 😉

Denn am Sechsten dieses Monats rief ich meine Eltern an. Es war ein erfreuliches Telefonat, eine Gratulation, und als meine Mutter sich meldete, rief ich fröhlich: „Alles Gute zum Hochzeitstag!“

Meine Mutter stutzte, dann fing sie zu lachen an und meinte: „Ach, du Scheiße! Das haben wir ja völlig vergessen! Karl-Heinz – wir haben heute Hochzeitstag! Ali ruft an und gratuliert!“ Mein Vater rief aus dem Hintergrund Dankesworte, und ich lachte und meinte: „Ja, vielleicht verdrängt man einiges ja mit der Zeit …“ Meine Mutter lachte auch und meinte: „Nicht frech werden!“ Und wir unterhielten uns kurzfristig weiter, bis aus dem Hintergrund mein Vater etwas rief. Seine Stimme klang triumphierend. Und irgendwie erleichtert. Als sei eine Last von ihm abgenommen worden. Und ich hörte, wie er zu meiner Mutter etwas sagte … Es klang wie undeutliches Gemurmel, da meine Mutter den Hörer zuhielt.

Dann hörte ich meine Mutter wieder, die laut lachend in den Hörer rief: „Danke für deinen Anruf und die Glückwünsche, Ali! Endlich wissen wir, was da auf unserem Wandkalender am Sechsten vermerkt ist! Da steht HT-KuK! Wir haben nun seit Tagen herumgerätselt, was das wohl heißen könne – du hast uns echt geholfen, weil wir schon dachten, dass das ein Termin sein könnte, den zu verpassen peinlich sein könnte! Und nun wissen wir endlich, was das heißt, nämlich …“ – „ … Hochzeitstag Karl-Heinz und Kathrin!“ – „Ja! Das alles ist nur deinem Vater anzulasten, mit seinen ewigen bescheuerten Abkürzungen! Seit Jahrzehnten! Nur wusste er früher noch, was die bedeuten! Karl-Heinz! Heute koche ich nicht – wir gehen essen! Das muss gefeiert werden!“ 😉

Aber sie waren beide fröhlich und freuten sich, wenn auch meine Mutter meinte, dass Abkürzungen vielleicht mit fortschreitendem Alter nicht mehr ganz so praktisch seien. 😉

E. e. sch. A.! 😉

Im Grunde sind immer und an allem die Eltern schuld – speziell die Mütter … ;-)

Neulich stolperte ich in der Online-Ausgabe einer renommierten Zeitung über einen Artikel, in dem es darum ging, dass Kinder unser aller Zukunft seien. Daran gibt es natürlich nichts zu rütteln. Höchstens an der Art und Weise, wie die Kinder sozialisiert werden. Und da scheint sich gegenüber meiner und der Kindheit vieler anderer Menschen meiner Altersgruppe so einiges geändert zu haben. Ganz zu schweigen von der Altersgruppe meiner und der anderen Menschen meiner Altersgruppe Eltern! 😉

Staunend las ich die Auskunft eines Praktikanten bzw. einer Praktikantin eines KiGas bzw. einer KiTa, die besagte, dass eine Mutter stolz berichtet habe, dass sie ihrem kleinen Sohn – sicherlich ein wichtiges Projekt, als das manche Eltern ihr Kind sehen – jeden Morgen minutiös mittels eines Haartrockners die Klobrille vorwärme, da er sich sonst nicht für den Toilettengang erwärmen könne. (Und es kann ganz leicht in die Hose oder sonstwohin gehen, wenn man da nicht hinreichend aufmerksam ist … 😉 ) Eine weitere Mutter bekräftigte, dass ihre Tochter den Toilettengang strikt verweigere, sei der Toilettensitz nicht vorgewärmt, und dann kamen noch mehrere Erziehungsberechtigte zusammen, die Ähnliches zu berichten wussten.

Ich las, saß da und war froh, keinen Spiegel vor meinem Antlitz zu haben. Mein Gesicht hätte ich in dem Moment, da ich dessen, was dort berichtet wurde, gewahr wurde – nebst allen Konsequenzen! – nicht sehen mögen. Wahrscheinlich blickte ich wie jemand drein, vor dessen Augen gerade ein Massaker stattfindet oder -gefunden hat: leerer Blick, offener Mund, Schock!

Mal ganz im Ernst: Geht es noch? Kinder verweigern den Gang zur Toilette, wenn die Eltern die Klobrille nicht vorwärmen? (Keine Frage, daran sind nicht die Kinder schuld …) Das schockierte mich wirklich, aber als ich dann an die letzten Seminare an der Universität in der Nachbarstadt dachte, wunderte ich mich nicht mehr so sehr. Dann dachte ich über die von mir geleiteten Seminare an einer anderen Hochschule nach, und da hatte ich immerhin drei Jahrgänge, von denen der älteste bzw. erste noch der coolste war, obwohl es da auch Abstriche gab. Sie wollten alle als total erwachsen ernstgenommen werden, aber wenn es hart auf hart kam, hieß es öfter: „Frau B., Herr Prof. W. ist ungerecht! Können Sie mal mit ihm sprechen? Bittääää!“ Meine Antwort in jedem dieser Fälle: „Nein. Das ist nicht meine Aufgabe, und darüber hinaus: Warum sollte ich das tun? Was erwarten Sie von mir? Sie sind erwachsen, wollen ja auch als Erwachsene wahrgenommen werden. Das tue ich – es sei denn, Sie benehmen sich mal wieder kindisch. Im Allgemeinen jedoch nehme ich Sie ernst. Und somit erwarte ich auch von Ihnen, dass Sie Ihre Probleme wie erwachsene Menschen angehen. Ich nenne Ihnen bei Misserfolg gern Stellen, an die Sie sich wenden können. Nur, bitte: Halten Sie mich da heraus, da ich a) keinen Einfluss habe, b) Sie ja erwachsen sind. Meinen Sie denn, während meines Studiums wäre jemand anderes als ich hingegangen und hätte sich in Zweifelsfällen für mich eingesetzt? Nee!“ So war es auch. Manchmal galt es einfach, das Beste aus der verfahrenen Situation zu machen, und das tat man dann auch.

Ich muss dazusagen, dass mich die Studis trotzdem – vielleicht auch gerade deswegen – gemocht haben. Zu einigen habe ich heute noch Kontakt, und inzwischen duzen wir einander. Erst kürzlich bekam ich eine Nachricht über den Messenger eines Sozialen Mediums, als ich in Bonn bei der Fortbildung war: „Hey, Ali! Kann es sein, dass ich dich vorhin im Frühstücksraum des …-Tagungshotels gesehen habe? Ich war mir nicht sicher und musste schnell auschecken, da ich meinen Zug bekommen musste – aber das wollte ich doch gerne wissen! Ich denke, du warst das – ich habe mich in jedem Fall gefreut!“ 😉 Und es stimmte! Julius warnte mich sogar noch, dass es im Tagungszentrum nur Jever als Biersorte gebe! Ich schrieb zurück, ich hätte am Vorabend lieber Jever getrunken als Kölsch beim Italiener, und ich erntete diverse höchst amüsierte Emojis und die Hoffnung, demnächst mal persönlich ein Pilsken zu trinken. Nett! 😊

Ich bin mir sicher, dass Julius‘ Eltern ihm – ähnlich wie meine Eltern – auch nicht die Klobrille warmgeföhnt haben. Dennoch rief ich kürzlich meine Eltern an, wenn auch aus anderen Gründen. Aber – meine Mutter war dran – ich meinte: „Ich bin übrigens sehr bestürzt darüber, wie ich als Kind vernachlässigt wurde!“ Dabei grinste ich …

Meine Mutter schnappte nach Luft, dann meinte sie: „Geht es noch?!?“ Und ich rief: „Das war nicht ernstgemeint! Hör mir einfach zu!“ Und schon las ich ihr aus der Online-Version der o. a. Zeitung vor … Meine Mutter sagte erst einmal gar nichts. Doch dann drang dröhnendes Lachen durch den Hörer, und sie rief: „Ach, du Scheiße! Und das soll die Zukunft sein? In der Tat: Wenn das der Standard ist, haben Papa und ich uns hinsichtlich deiner Schwester und deiner Person einiges vorzuwerfen! Nicht nur, dass Papa und ich euch zumuteten, euch auf die unangewärmte Klobrille zu Hause setzen zu müssen, mussten Stephie und du damals im Urlaub im Allgäu auch noch ein Plumpsklo aufsuchen! Naja, du nur dreimal, weil du solche Angst hattest. Aber das Ding war sogar für Erwachsene arg, und du warst knapp drei Jahre alt und wärest fast durch die Brille in die Senkgrube gefallen – zum Glück habe ich dich festgehalten! Danach war das Klo-Thema mit dir auch einen Tick schwieriger, aber es musste nie etwas vorgewärmt werden. Unglaublich! Da graut einem ja vor der Zukunft. Ich muss feststellen, dass ich erstaunlich pflegeleichte Kinder habe.“ (In gewisser Weise war ich den Kindern, die alles vorgekaut und -gewärmt haben müssen, sogar noch ein wenig dankbar: Derartiges hatte meine Mutter zuvor noch nie geäußert! 😉 )

Eine Woche später rief Mama mich an, und sie sagte: „Ich habe noch einmal nachgedacht. Stephie war ja neulich da, und wir haben mit ihr alte Super-8-Filme angesehen, aus der Zeit, als sie noch ein Baby bzw. Kleinkind war. Da wurde mir zeitweilig ganz schlecht! Es gab mehrere Szenen, da sie in der Küche auf der Arbeitsplatte saß, ganz klein war sie noch, und neben ihr stand der Obstkorb, und ein Messer lag daneben! Und in einer anderen Szene spielt sie mit einer Zigarettenschachtel! Und in der Szene darauf mit einem Feuerzeug! Ehrlich gestanden: Wie verantwortungslos war ich denn damals?!?“

Ich lachte schallend und sagte: „Überhaupt nicht verantwortungslos! Du warst doch immer dabei und hast aufgepasst! Die Zeiten waren anders, Zigarettenschachteln und Feuerzeuge lagen herum, aber dennoch wurde auf die Kinder aufgepasst – mach dir doch keinen Kopp! Stephie ist doch gut geraten! Sie raucht nicht einmal!“

Mama lachte, und dann meinte sie: „Es kommt natürlich auch ein bisschen auf die Persönlichkeit des Kindes an … Dich hätte ich gewiss nicht auf der Arbeitsplatte sitzen lassen können, und die Zigaretten und das Feuerzeug hätte ich dir sicherlich gleich aus der Hand gewunden! Du warst zwar immer sehr gelassen und wirktest sehr ruhig – aber wehe, man drehte dir nur kurz den Rücken zu! Du kamst immer auf ganz unerwartete Ideen! Es war nie langweilig mit dir.“

Da rief ich: „Wie – auch noch Kritik? Ihr habt mir ja noch nicht einmal die Klobrille vorgewärmt! Kein Wunder, dass ich da so reagierte!“

Und meine Mutter und ich lachten uns halb schlapp … 😃 Und wir freuen uns unbändig auf die Zukunft! 😉

„All die schönen Pferde …“

Ich liebe Tiere (abgesehen von Spinnen und Insekten, denen ich jedoch auch nichts Schlimmes wünsche), und zu meinen Lieblingstieren zählen auch Pferde. Früher bin ich geritten, habe – ich Feigling! – aber nach einem sehr heftigen Sturz beim Springen damit aufgehört. Das war ein einschneidendes Erlebnis, und danach habe ich viele Jahre gar nicht auf einem Pferd gesessen. Erst lange danach wieder, aber regulär habe ich nie wieder mit dem Reiten begonnen, obwohl ich – auch jetzt noch – immer wieder überlegte, ob ich nicht doch vielleicht wieder anfangen solle.

Ich bin am liebsten Dressur oder im Gelände geritten. Allerdings nur dann, wenn es um nichts ging. Ich bin nicht der Turniertyp. Wenn alles mit fairen Dingen zugeht und die Tiere gut gehalten werden, habe ich nichts gegen gelegentliches „Kräftemessen“. Ich selber musste das aber nie haben. Ich war gern mit Pferden zusammen, ich ritt gern, aber nie für einen Preis.

Es muss für mich immer fair und mit rechten Dingen zugehen. Keine zweifelhaften Trainingsmethoden, kein allzu ehrgeiziger Druck, keine falschen Voraussetzungen. Ich war, als ich noch ritt, wohl eher der Typ Freizeitreiter. Ich kenne jedoch einige Turnierreiter, die unter guten Bedingungen Turniere reiten – dagegen habe ich rein gar nichts.

Was ich noch nie mochte, sind Pferderennen, das kann ich wohl mit Fug und Recht sagen. Ich würde auch nie auf Pferde wetten. Zum einen, weil ich eine absolute Wettversagerin bin, zum anderen und wichtiger, weil ich es abstoßend finde. Da werden Pferde, Vollblüter, in halsbrecherischem Tempo über eine Rennbahn gehetzt, die teils unter extrem fragwürdigen Konditionen gehalten und trainiert werden. Nicht in allen Rennställen, aber in viel zu vielen. Und auf der Zielgeraden bekommen sie dann auch noch den Arsch versohlt von Reitern, die nicht ans oberste Regalbrett im Supermarkt reichen.

Irgendwie ist es mir schon zuwider, dass Tiere, die nicht selbst entscheiden können, für das finanzielle Wohl von Menschen rennen oder sonst etwas tun müssen, das sie vielleicht selber ganz anders oder gar nicht machen würden.

Mich stößt sehr vieles am Renn“sport“ ab. Eingefleischte Fans dieses fragwürdigen Geschehens sprechen wieder und wieder von den „edlen Vollblütern“. Ja, das sind sie, diese Pferde – in der Tat edel, wunderschön und sehr sensibel. Ich hatte in meiner aktiven Zeit selber das Vergnügen, drei Vollblüter zu reiten. Oder zumindest auf ihnen zu sitzen … 😉 Obwohl es gar nicht so schlecht lief.

Diese drei Wallache waren nicht im Rennsport tätig, sondern der Stolz meines damaligen Reitlehrers, seine eigenen Pferde, und ich war stolz, dass man sie mir anvertraute.

Aladin war ein Schimmel und recht eitel. Reiterfehler zeigte er sofort und zuverlässig an, und ich kann mich an eine Stunde erinnern, in der ich zweimal unfreiwilligen Bodenkontakt hatte. 😉 Danach wusste ich, wie der Hase lief. Bariton – man beachte den Namen, denn das Pferd konnte gar nicht singen – war ein Fuchs und ein etwas hibbeliger und guckiger Geselle. Selbst wenn das Kommando Halt! hieß und man vorschriftsmäßig zum Halt parierte, trippelte und tänzelte er herum, blickte hier- und dorthin, erschrak bisweilen vor dem Schweif des Vorderpferdes, und wir beide waren sicherlich nicht die beste Kombination, da ich durch sein Gehibbel auch immer nervöser wurde. 😉 Bonito hingegen, ein brauner Wallach, war ein Traum für mich. Er war der Coolste der drei. Man spürte zwar, dass auch er recht „nervig“ war, und auch er zeigte sofort, wenn etwas nicht stimmte, aber er tat es auf eine eher abgeklärte Art. Auch so begriff man. Er war der Gentleman des Trios, bestehend aus einem „Playboy“, einem „Huch, ist das ein Monster oder doch nur der Schweif meines Vordermannes?“-Typ und eben ihm, dem Coolen, Abgeklärten. 😉

Alle drei hatten eines aber nie: einen panischen Blick. Gut, Bariton war sicherlich besonders sensibel, aber ich habe nie echte Angst bei ihm gesehen. Er erschrak schneller als die beiden anderen, aber das ging schnell vorüber. Eigentlich stand mir dieses Pferd wesenstechnisch sogar am nächsten, da auch ich sehr schreckhaft bin. Aber das geht immer schnell vorüber. 😉

Möglich, dass die drei Vollblüter meiner aktiven Zeit jedoch auch deshalb so ausgeglichen waren, weil man sie nicht – anders als Rennpferde – bereits mit einem Jahr versteigert und mit eineinhalb Jahren antrainiert hatte. Wahrscheinlich haben sie einfach Glück gehabt, dass sie fürs Rennen zu langsam waren.

Denn Rennpferde werden im zarten Alter von einem Jahr bereits versteigert und dann nicht selten mit eineinhalb Jahren schon fürs Rennen trainiert. Denn Vollblüter – so die allgemeine Aussage bei Rennpferdebesitzern, Trainern, Jockeys und Zuschauer-Fans – seien ja „frühreifer“ als Warmblüter. Das ist natürlich ein tolles Argument, nicht wahr, wenn man quasi Kinder schon zu Hochleistungssportlern trainiert. Auch Vollblüter sind mit einem, eineinhalb und auch zwei Jahren – da bestreiten nicht wenige ihre ersten Rennen – noch nicht ausgewachsen, und Knochen, Sehnen und der gesamte Bewegungsapparat sind noch nicht ausgereift. Und es gibt Rennställe, da stehen die armen Kerle 23 Stunden in einer Box und werden nur eine Stunde zum Training herausgeholt. Weidegang? Kommunikation mit anderen Pferden? Was ist das? Die Verletzungsgefahr beim Investitions“material“ ist viel zu groß! Gewiss sind nicht alle Rennställe so, aber zu viele.

Ich habe mir heute eine Doku zum Thema angesehen. Aufs Frühstück habe ich danach verzichtet. Ich habe Pferderennen noch nie gemocht, wusste auch, dass es immer wieder vorkommt, dass Pferde ein Rennen nicht überleben. Das Wissen darum ist schlimm genug, es aber vorgeführt zu bekommen, ist noch eine andere Hausnummer.

Ich sah heute sehr unschöne Bilder, die meine Meinung zu Pferderennen noch verstärkten: Mehrere Pferde, die stürzten, sich wieder hochrappelten, auf allen Vieren auftreten wollten und mit einem Bein ins Leere traten, denn der jeweilige Huf trug nichts mehr, baumelte lose und, nur noch von Haut und Fell gehalten, in der Gegend herum. Durchbruch – das Todesurteil. Zumindest in diesem Genre. Ich sah offene Brüche. Ich sah ein Pferd, das in merkwürdig steifem, schlenkerndem Gang bis an den Rand der Bahn schlingerte wie ein Schiff in Seenot und dort zusammenbrach. Aortenabriss, so hieß es. Klar, damit kann man nicht weiterlaufen – das sollte auch dem Dümmsten einleuchten. Und damit kann man auch nicht weiterleben. Erstaunlich schnell waren Menschen mit einer Plane zugegen, ebenso ein Mann mit einer Tasche, wohl der Bahnveterinär, während der Jockey fluchend vom zusammengebrochenen Tier sprang. Dann kam noch ein anderer Mann angerannt, wütend. Wohl der Besitzer des Tieres, das es – Frevel! – nicht geschafft hatte, eine Siegprämie zu errennen! Der einzige, kleine Trost für mich, der unwillkürlich Tränen übers Gesicht rannen, war eine junge Frau, die ebenfalls herbeigerannt kam und sichtlich weinte: Es war wohl die Pflegerin des Tieres, die es wirklich mochte.

Schäbige Bilder. Schäbige Interviews folgten. Da behaupteten einige, die Pferde würden aus Freude auf der Bahn so rennen. Panik im Führring wurde damit begründet, dass es „nun einmal Vollblüter“ seien. Ich dachte sofort an Bonito, den Abgeklärten. Auch er ein Vollblut. Aber nie die Panik in den Augen, die hier wiederholt zu sehen war.

Panischen Pferden wurde im Führring mit Lederzügeln wirklich mit Schmackes auf die Nüstern geschlagen – als ob dadurch etwas besser würde! Klar! Ein panisches Lebewesen ist auf einmal nicht mehr panisch, wenn es heftig geschlagen wird … Eine junge Arbeitsreiterin demonstrierte, wie ein „Zungenband“ funktioniere, mit denen man Pferden die Zunge festbinde …

Je länger ich dem scheußlichen Treiben zusah, desto mehr dachte ich: „Ist hier niemand, der mit Pferden als Lebewesen umgehen kann? Oder besser: will?“ Ich bin beileibe keine übermäßig beschlagene Pferdekennerin. Ich weiß, dass man bisweilen etwas handfester sein muss, wenn ein Pferd aufmüpfig wird und sich als Alphatier zeigen will. Aber das war es hier alles nicht. Hier sah ich angsterfüllte Tiere, die auch noch geschlagen wurden. Ein himmelweiter Unterschied. Niemand schien sich so recht für die Tiere zu interessieren, die man als „edle Vollblüter“ pries, denen man huldigen wolle …

Ich musste die Doku mehrfach unterbrechen, da alles an einem Stück nicht zu ertragen war. Selbstgefällige Menschen, die behaupteten, die Tiere täten das alles aus Spaß am Rennen. Desinteressierte Menschen, profitorientiert. Sicherlich erfreuen sich die Tiere auch daran, sich die Beine zu brechen, Sehnen oder gleich die Aorta abzureißen – das muss ein unglaublicher Spaß sein!

Ein Tierarzt, ehemaliger Rennbahntierarzt, kam zu Wort. Seine Aussagen bestätigten das, was ich gesehen hatte. Und dann wieder eine Szene, da ein Pferd sich ein Bein gebrochen hatte. Ein junges Mädchen am Rand der Bahn schluchzte publikumswirksam auf und rannte weg, als Helfer das arme Tier, das stieg, wobei der abgetrennte Huf in der Luft wie ein Lämmerschwanz hin- und herschwang, und wegrennen wollte auf seinen drei funktionstüchtigen Beinen, auch schon zu Boden rangen. Im Hintergrund sah man den Tierarzt und einen Wagen mit Pferdehänger nahen, und eilfertig wurde eine Spanische Wand rund um das sich noch immer wehrende und kämpfende Tier aufgestellt. Die Spanische Wand ist wichtig: Die armen Zuschauer sollen ja nicht zu sehr leiden …

Es heißt, Pferderennen sei als „Sport“art auf dem absteigenden Ast. Ich finde das gut.

Sorry, aber es brach heute aus mir heraus. Ich habe noch einige Diskussionen online verfolgt, zwischen Rennfans und – angesichts der furchtbaren Bilder – -gegnern. Die „Fans“ tobten, waren rein argumentativ aber nicht ganz satisfaktionsfähig …

Euch eine schöne Woche.

Was man im Dreieck gemeinsam haben kann

Ich bin vorhin von einer Dienstreise zurückgekehrt. Von einer Fortbildung in Bonn, und die war richtig klasse! 😊 (Im Gegensatz zum Bonner Hauptbahnhof, von dem ich schon berichtete – eine Zumutung. Und in einem halben Jahr – dem vergangenen – hat sich dort rein gar nichts geändert … 😉 )

Am Mittwochmorgen war ich losgefahren, natürlich mit der Bahn, und ich war viel zu früh da, obwohl zwei Beförderungsmittel Verspätung gehabt hatten. Das Tagungshotel kannte ich schon vom April und war quasi ein „alter Hase“ – schade nur, dass ich nicht direkt einchecken konnte … Ich war wirklich viel zu früh da. (Aber zum Glück gibt es bei derlei Seminaren etwa eine bis zwei Kaffeepausen, und in einer solchen raste ich zur Rezeption und bekam meine Keycard.)

Ich war in der Tat ein „alter Hase“, denn zu Beginn verkündete die Organisatorin des Seminars, um einander besser kennenzulernen, würden wir nunmehr keine altbackene Vorstellungsrunde zelebrieren, sondern das „Dreieck der Gemeinsamkeiten“ praktizieren. Dazu teilt sich die große Gruppe so auf, bis jeweils drei Teilnehmer zusammen sind. Einer malt ein Dreieck auf ein großes Blatt Papier, und an die drei Spitzen wird jeweils ein Name der Teilnehmer aus der Gruppe geschrieben. Dann unterhalten sich die drei Gruppenmitglieder über ihre beruflichen Gegebenheiten, Vorlieben und Besonderheiten, und man hält Eigenes fest, schreibt aber an den jeweiligen Dreiecksschenkel auch, wenn Gemeinsamkeiten bestehen. In die Mitte des Dreiecks kommt dann das, was alle drei gemeinsam haben. Das kannte ich schon von meinem letzten Bonner Seminar …

Bei Verena, Martina und mir stand mittig: „Reisen gern / Wandern gern / Haben ein sprach- und kommunikationslastiges Studium absolviert“.

Das „Dreieck der Gemeinsamkeiten“ klingt zwar wie eine Art „Stuhlkreis“-Beschäftigung, aber just bei uns in der Gruppe geschah das, was der absolute Glücksfall war: Zwei Teilnehmerinnen, die einander noch nie zuvor gesehen hatten, stellten fest, dass sie erstaunlich viel gemeinsam haben! Und das waren just Martina und ich! (Ich gebe zu, dass ich, als ich Martina in den ersten Minuten erlebte, dachte: „Mit der wirst du sicherlich wenig zu tun haben – ist nicht so dein Fall …“ Und dann das! 😉)

Denn nicht nur, dass Martina schon Sprachdienstleistungen vollbracht hat, sie allerdings als Dolmetscherin, ich als Übersetzerin, hat sie wie ich Beziehungen zu Franken, obwohl sie Saarländerin ist und ich im rheinischen Teil des Ruhrgebiets zur Welt kam. Einer ihrer Söhne liebt Schalke, ich lebe in direkter Nachbarschaft dazu … Ihr Mann ist Franke, meine Mutter ist ebenfalls in Franken beheimatet. Das Beste jedoch war: Wir haben beide im Sommer Urlaub in Polen gemacht, obwohl wir sonst andere Urlaubsziele anstreben. Beide aus dem gleichen Grund: „Irgendwie zog es mich dahin,“, sagte Martina, „und dann musste die Familie mit!“ Beide haben wir angefangen, Polnisch zu lernen, weil es uns im Land so gut gefiel – jetzt mal im Ernst: Wer macht das schon? 😉 Mir kam es auch nicht mehr wie ein Zufall vor …

Verena schien zu Martina und mir wenig Gemeinsames zu haben. Bis sie in der Kaffeepause zu mir meinte: „Ich muss jetzt erst einmal dringend eine rauchen!“ Ich starrte sie an, dann begann ich zu lachen: „Das hätten wir an den Ali-Verena-Dreiecksschenkel setzen können, wussten es aber da nicht besser.“ Sie starrte mich an und fing plötzlich zu grinsen an: „Du rauchst also auch! Cool! Immerhin zwei aus diesem Seminar! Sollen wir eben eine rauchen?“ – „Klar! Ich bin ja froh, dass außer mir noch eine Raucherin da ist!“

Zuvor hatten wir jedoch – wie alle anderen auch – unsere Erkenntnisse präsentieren müssen, was in unserer Gruppe ich übernahm. Als ich gerade Martinas und meine – völlig unerwarteten – Gemeinsamkeiten erläuterte, zu Franken kam, von der Seminarleiterin gefragt, ob wir das fränkische Essen oder Bier bevorzugen würden, was ich mit: „Alles, vor allem die Menschen“ beantwortete und von der Seminarleiterin Applaus bekam – offenbar war die Seminarleiterin auch schon in Franken gewesen und wusste, was gemeint war -, dann zu Polen überging, strahlte mich eine der anderen Teilnehmerinnen an, die im Auditorium saß und hielt mir ihre ausgestreckten Daumen entgegen.

Erst später erfuhr ich, dass auch sie im Sommerurlaub in Polen gewesen war und das alles extrem schön gefunden hatte. Sie meinte zu mir: „Darf ich dich mal drücken? Du hast das so lebendig und liebenswert herübergebracht, wie ich das auch empfunden habe! Bist du Polin? Und darf ich dich drücken?“ – „Zum ersten Punkt: nein. Zum zweiten: klar! Ich fand es einfach nur so entspannt und schön da!“ rief ich fröhlich und wurde ganz fest gedrückt. 😊 Und die andere Teilnehmerin und ich schwärmten danach von der polnischen Küche, der Herzlichkeit dort, bis die Seminarleiterin eingriff. Denn immerhin ging es nicht um Polonisierung, sondern um Internationalisierung … 😉

Gestern hatten wir volles Programm – von morgens bis abends Vorträge … Die waren wirklich sehr interessant, aber wir alle hatten den Höhepunkt des Tages vor Augen: einen Museumsbesuch mit Führung. Keineswegs fakultativ, sondern obligatorisch. 😉

Ich war hinterher heilfroh, dass die anderen genauso geschafft waren wie ich – ansonsten hätte ich mich noch alt gefühlt. 😉 Aber Verena, Martina und ich – alle unterschiedlich alt – schlappten vom Museum aus los, in Erwartung, irgendeine gastronomische Einrichtung in der Nähe zu finden, während der Rest von uns laut plappernd in die Innenstadt strebte …

Wir drei sind irgendwo vom richtigen Weg abgekommen und mussten dann kilometerweit latschen, bis das nächste Restaurant auftauchte. Verena meinte: „Inzwischen ist mir die Richtung oder Nationalküche wurscht – ich muss einfach irgendetwas essen!“ Und so hatten wir irgendwann die Terrasse eines asiatischen Restaurants erklommen, und zwei von uns hatten ihre Hintern aufatmend schon fast auf den Stühlen der Außengastronomie plaziert, als der Inhaber des Restaurants kam und erklärte, es tue ihm leid, aber sie hätten eine geschlossene Gesellschaft …

Wir sind dann weitergelaufen, bis zum Italiener, der nicht weit vom Tagungshotel entfernt beheimatet ist. Dort sind wir allerdings in Ungnade gefallen, wie es schien, denn nachdem wir schon grimmig begrüßt worden waren, hatte Verena dann auch noch die Stirn, ihre Pizza „Primavera“ statt mit Champignons mit Paprika zu bestellen – und mich muss der Wirt per se gehasst haben, denn als ich ein Kölsch – echtes Bier gab es dort nicht – bestellte, brachte er mir gleich ein großes! Also kein Trinkgeld, denn wenn ich ein Kölsch, Pils, Wasser oder eine Cola bestelle, bedeutet das allgemein immer die kleinste Größe.  Als würde ich ein großes Kölsch bestellen! 😉

Das Seminar war hervorragend, der Zusammenhalt ebenso – mit Verena bin ich zweimal zur ARAL-Tanke gegangen, um Wasser, Zigaretten und Süßigkeiten zu kaufen. Martina habe ich heute aufgetragen, den einen ihrer beiden Söhne unbekannterweise zu grüßen – ganz Gelsenkirchen hoffe, dass Schalke das Ruder herumreißen könne (einer von Martinas Söhnen, sieben Jahre alt, ist Schalke-Fan – ganz allein entschieden, was ich süß fand, und so ließ ich ihn grüßen und behauptete, es werde sicherlich alles besser. Zumindest verlieh ich meiner Hoffnung auf Änderung der Lage Ausdruck.) Das fand Martina nett, und sie meinte: „Das finde ich total rührend – du glaubst doch offenbar selber nicht dran!“ – „Das stimmt. Aber das sollte man deinen Sohn nicht wissen lassen. In dem Alter glaubt man noch an Wunder. Und manchmal passieren die sogar!“ Da nahm Martina mich in den Arm und meinte: „Es ist total schön, dich kennengelernt zu haben! Anfangs dachte ich, dass wir keine Gemeinsamkeiten hätten …“ – „Das dachte ich auch.“ – „Aber das hat sich ja wohl ganz schnell geändert!“ 😉

Schönes Seminar, schönes Resümee – was will man mehr? 😉

Euch ein schönes Wochenende! 😊

P.S.: Gerade bekam ich eine Mail von Martina, ihr Sohn lasse mich auch grüßen. Sie schrieb noch, ich sei nun eine Art Idol für ihn. O je …

Zum Glück habe ich nicht explizit gesagt, dass ich gar kein Schalke-Fan bin, sondern dass meine Präferenzen woanders liegen. Aber Auswärtige setzen stets voraus, dass man als Gelsenkirchener ganz automatisch Schalke-Fan sei – ich muss da jetzt nicht hingehen und das Ganze richtigstellen … Oder? Es ist ein Kind! 😉

Reisen in Polen kann überraschend sein

Es ist immer ein wenig komisch, wenn Klischees, gegen die man stets mit Inbrunst wetterte, wahr werden, wenigstens partiell. Finde ich zumindest. Schön, wenn man einen gewissen Sinn für Ironie, auch Selbstironie, besitzt, sonst wäre man wahrscheinlich dauerfrustriert. 😉

Ich muss hervorheben, dass dies keineswegs verallgemeinert werden kann, aber ich bin mir sehr sicher, dass meiner Schwester und mir das Folgende in Deutschland mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht widerfahren wäre. Ja, ich wäre fast bereit, meine Hand dafür ins Feuer zu legen, dass so etwas hier unmöglich wäre – zumindest den Erfahrungen nach, die ich in den letzten Jahren so machte. Lieber aber meine linke Hand dem Feuer weihen, denn ich bin Rechtshänderin, und man weiß ja nie …

Es begab sich am fünften September dieses Jahres, dem letzten Tag in Warschau, an dem Stephie und ich mit unseren Trolleys auf dem Weg gen Warszawa Centralna waren, von wo wir mit dem Zug nach Krakau fahren wollten. Inzwischen hat Stephie einen Trolley, der noch größer als meiner ist, über den aufgrund seiner Größe mehrfach lästerliche Bemerkungen gefallen waren, egal, wohin wir reisten. Sogar das Wort Schrankkoffer glaubte ich, gehört zu haben … Und nun das! Und mit den beiden Monstertrolleys dann in brütender Wärme zu Fuß zum Bahnhof – und Stephie rennt immer so … 😉 „Wir brauchen noch Tickets!“ begründete sie das Tempo, und ich staunte: Offenbar brauchten wir dauernd Tickets, denn sie hat stets ein immenses Tempo am Leib! Dabei bin ich schon zügig zu Fuß.

Am Bahnhof standen wir erst einmal brav Schlange und warteten ebenso brav, bis auf der Anzeigetafel schließlich eine 7 aufleuchtete, als wir ganz vorne standen. Und schon begaben wir uns an Schalter 7 der PKP S.A., was, wie ich schon vor der Reise im Internet recherchiert hatte, keineswegs eine Terrororganisation, sondern die größte Eisenbahngesellschaft Polens ist und ganz vollständig Polskie Koleje Państwowe Spółka Akcyjna oder auf Deutsch Polnische Staatsbahnen AG heißt. Die Dame, die uns bediente, war sehr pragmatisch und auch ein wenig dominant, denn sie ließ sich nicht davon abbringen, uns in einem Zug unterzubringen, der um 12 Uhr abfuhr. Es war 8 vor 12, und die Bahnsteige waren etwas weiter entfernt. Außerdem gibt es in Polen ein anderes System, was Bahnsteige/Gleise anbelangt, und ich redete eifrig auf die Dame von der PKP ein, uns lieber auf den übernächsten Zug zu buchen, und das auf Englisch. Sie antwortete mir auf Polnisch, und schon hatten wir die Tickets für den 12-Uhr-Zug. Sie fackelte da gar nicht lange, obwohl ich noch zu intervenieren versuchte, und das Ganze sogar mit „Proszę …“ einleitete. Nein, nein, nein. Sie hatte beschlossen, dass wir mit dem 12-Uhr-Zug in der ersten Klasse fahren würden, und dann war das so!

Dafür war das Ticket sehr, sehr günstig. Zugfahren in Polen – so hatte ich zuvor schon gelesen – ist sehr günstig, kein Vergleich zu Deutschland. Und so stoben Stephie und ich mit den Schranktrolleys von dannen, Richtung perony, den Bahnsteigen …

Als wir an peron 3 eintrafen, gab es ein wenig Konfusion. Der Zug, der für 12 Uhr ausgeschildert war, schien nicht nach Krakau zu fahren. Dafür stand am Nachbargleis ein Zug, der für Krakau ausgeschildert war, wenn auch nicht für Punkt 12 Uhr, und so stiegen wir ein. Rappelvoll war der Waggon, in den wir gestiegen waren, und ich schleppte mich mit hängender Zunge – wir hatten so rennen müssen – und vielfachem Przepraszam, proszę! in den nächsten Waggon, das Zugrestaurant. Das war ja echt nobel hier! Und das für den schmalen Preis? Hier konnte etwas nicht stimmen! Stephie hegte auch starke Zweifel und hatte auch schon den Zugführer, vulgo: Schaffner, entdeckt, den sie gleich ansprach. Da standen wir noch und hätten eigentlich auch noch aussteigen können … 😉

Der Schaffner, den Stephie auf Englisch angesprochen hatte, erklärte, wir wären hier leider falsch, schloss jedoch die Tür, obwohl Stephie noch meinte, wir sollten doch besser aussteigen und das Ticket umtauschen. Aber obwohl wir noch immer nicht abfuhren, war dies aus Gründen wohl nicht mehr möglich. Meine Schwester sah mich hilfesuchend an, und ich tat etwas, das mir gar nicht liegt: Ich dachte an etwas ganz, ganz Trauriges, und schon sah ich den Schaffner traurig an und sagte, wir seien Schwestern, die eine Rundreise durch Polen machten, weil unsere Ahnen doch von dort stammten, deren Heimatorte wir auch besuchen wollten … Und jetzt auch noch falsch – o weh … (Übrigens war nichts davon gelogen. 😊 )

Der Schaffner sah sich unsere Tickets an, erklärte, wir befänden uns in der höchsten Zugkategorie, und unsere Tickets wären hier nicht gültig – und er nannte uns den Aufpreis. Ich sah Stephie an. Die schluckte, ich schluckte auch, riss meine Augen auf und wollte gerade fragen, ob man denn da nicht vielleicht etwas machen könne … Da erklärte der Schaffner, wir sollten uns bitte Plätze in der zweiten Klasse suchen – man könne da etwas machen, und ihm werde da sicherlich etwas einfallen. Na, also!

Er half uns sogar mit dem Gepäck, und schon saßen wir in der zweiten Klasse und rasten gen Krakau. Die Tickets hatte der Schaffner an sich genommen. Etwas beklommen fühlten wir uns, konzentrierten uns aber auf die PKP-Anweisungen, die auf verschiedenen Bildschirmen zu sehen waren und sich auf die Zugkategorie bzw. den Sitzbereich bezogen, in dem wir gerade saßen, offenbar der Ruhebereich. Laut Anweisungen durfte man in diesem Zug oder diesem Bereich eigentlich kaum etwas außer dasitzen und die Fresse halten. Telefonieren? Verboten bzw. unerwünscht! Kindergeschrei? Verboten! (Ungeachtet dessen kreischte in unserem Großraumabteil ein Kind wie angestochen. Und eine Frau hinter mir telefonierte völlig ungeniert lautstark gleich mehrmals. Schräg gegenüber wurden mitgebrachte Speisen verzehrt und laut gerülpst. Und keiner schritt ein. Irgendwie sympathisch inkonsequent. 😉 )

Mehrfach gab es Fahrkartenkontrollen – nur an uns eilte der Schaffner stets vorbei und sagte zweimal beschwörend, als Stephie nachfragte, wie es denn nun um uns stehe: „Not now, not yet – just wait!“ Stattdessen fragte er jedes Mal, ob denn auch alles zu unserer Zufriedenheit sei, ob wir vielleicht etwas wünschten. Es war ein bisschen grotesk. 😉

Kurz bevor wir in Kraków Glówny einliefen, erschien der Schaffner und erklärte uns mit unterdrückter Stimme, wir könnten nun wählen: den vollen Aufpreis von 280,- Złoty pro Person mit Quittung oder 100 Złoty pro Nase ohne Quittung … Ich glaube, mir traten vor unterdrücktem Lachanfall die Augen aus dem Kopp, während Stephie den Schaffner anstarrte, als käme er von einem anderen Stern. Sie riss sich jedoch schnell zusammen und verzichtete auf die Quittung. Es war uns beiden bewusst, dass wir hier möglicherweise komplett übers Ohr gehauen wurden, aber für den Preis von 200 Złoty insgesamt konnten wir es verschmerzen. Dass der Schaffner uns auch noch mehrfach beschwor, in Polen speziell beim Zugfahren stets vorsichtig zu sein, entlockte mir bereits wieder einen Lachanfall, den ich jedoch unterdrücken konnte. War es hier so gefährlich? Oder wirkten wir so unbedarft? Wahrscheinlich Letzteres – wir hatten ja nicht einmal mit dem Schaffner verhandelt. 😉

Nichtsdestotrotz: Ich bin mir sicher, hier in Deutschland hätte der Zug einen Sonderhalt eingelegt, und man hätte uns am Weg mitten in waldreicher und einwohnerarmer Gegend ausgesetzt. Natürlich nicht ohne Konsequenzen – sicherlich hätten wir beide wegen Erschleichung von Beförderungsleistung noch eine Anzeige am Hals gehabt … 😉

Aber Autofahren ist auch interessant. Wir holten nach den fünf Tagen in Krakau am Flughafen den von uns reservierten Mietwagen ab und machten uns damit auf die Fahrt nach Schlesien, nachdem ein Taxifahrer in einem Museumsexponat von Auto – Stoßdämpfer, was ist das? – uns von Kleparz nach Balice gefahren hatte.

Unser Mietwagen war ein Kombi, ein Exemplar einer bekannten tschechischen Automarke, die sich „Schkodda“ spricht. In Kackbraun. Während wir in Schlesien unterwegs waren, gab es wenig Probleme, nur fragte Stephie ständig: „Weißt du, wie schnell man in geschlossenen Ortschaften fahren darf? Die fahren hier alle so schnell!“ Ich riet zu 50 km/h, wenn nicht anders angegeben, aber sie meinte: „Die anderen fahren viel schneller – sieh mal, da überholt schon wieder einer!“ Ich meinte, 50 sei meines Erachtens auch hier gültig, und wir hätten ein Mietwagen- und damit „Deppen“-Kennzeichen – das nerve die Einheimischen sicher per se. Und als wir googelten, stimmte das auch.

Aber wir kamen problemlos überall hin, wohin wir wollten – nach Kietrz, woher diverse Vorfahren stammen (ich hoffe, es war damals dort nicht so deprimierend, wie ich es jetzt empfand; aber es ist auch eine kleine Ortschaft inmitten von Gegend und weitläufigen Feldern – ich bin mir sicher, der Film „Weites Land“ wurde dort gedreht …), nach Racibórz, nach Skoczów (da war es richtig schön!) und in die Beskiden. Nach Katowice. Und nach Rybnik, wo wir gleich zweimal waren, weil es uns dort so gefiel. Sogar in Tschechien waren wir mit dem „Schkodda“, denn wir wollten – u. a. aus genealogischen Gründen – nach Ostrava. Aber es war ein total verregneter Tag, es schüttete wie aus Eimern, so sehr, dass wir kurz nach der tschechischen Grenze anhalten mussten, da die Scheibenwischer nicht mehr nachkamen und wir mehr schwammen als fuhren. Ostrava wirkte dann, als wir weiterfahren konnten, ziemlich deprimierend, so dass wir nicht einmal ausgestiegen sind, zumal der Regen da auch schon wieder stärker wurde. Lieber wieder zurück nach Polen, wo wir uns inzwischen – und das sehr schnell – heimisch fühlten. 😉

Am 15. September sind wir morgens frühzeitig losgefahren, denn wir mussten nach Warschau, wo unser Flieger um kurz nach 17 Uhr starten sollte. Zum Glück gibt es ja Apps fürs Smartphone, die den Weg zuverlässig weisen …

Es war eine interessante Fahrt. Zweimal wurden wir in die Irre geleitet, dann in eine total smarte Umleitung geführt, die sich letzten Endes auch als richtig erwies. Nur: Vor uns auf der Landstraße, für die wir die gut ausgebaute Autobahn verlassen hatten, fuhr eine Fahrerin, die offenbar dem Gott der Langsamkeit huldigte. Und Überholen ging nicht auf dieser kurvenreichen und starkbefahrenen Straße. Da wir aufgrund der beiden Irreleitungen des Systems bzw. plötzlich aufgetretener Autobahnsperrungen – „Sie werden aufgrund von Sperrungen auf der A2 umgeleitet!“ – inzwischen etwas knapp mit der Zeit und immer noch nicht weit von Łódź entfernt waren, wo es zwar auch einen Flughafen gibt, wir aber nicht registriert waren, wurden wir etwas nervös. Dann schickte sich hinter uns ein Fahrer an, sowohl uns, als auch die konstant 40 fahrende Dame zu überholen, und ich schrie Stephie an: „Häng dich dran! Los! Der kennt sich hier aus!“ Und im Vorbeifahren gestikulierte ich ins überholte Auto, dass wir mit der dort praktizierten Fahrweise nicht einverstanden seien … 😉

Irgendwann wurden wir erneut auf die A2 geleitet, und wir atmeten ein wenig auf. Bis Stephie zusammenzuckte: „O Gott! Hinter uns ist die Polizei! Und ich fahre 160! 140 ist erlaubt!“ Wir rechneten damit, alsbald überholt und dann an die Seite gelotst zu werden, um dann so richtig latzen zu müssen …

Jedoch – nichts geschah. Doch! Als Stephie das Tempo auf 140 km/h drosselte, sahen wir im Rückspiegel, dass der Polizeiwagen sehr dicht auffuhr. Und wir sahen, dass der Fahrer aufmunternde Gesten machte, dass wir schneller fahren sollten. Und der Beifahrer machte Handbewegungen, als wolle er eine Garnitur Hühner verscheuchen …

Stephie war sauer: „Überall habe ich gelesen: ‚O Gott! Bloß an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halten, sonst Ärger!‘ Ich mache das, und dann ist die Polizei genervt, weil ich die Geschwindigkeitsbegrenzungen einhalte!“

Wir haben es aber geschafft und den Wagen vollgetankt am Flughafen abgestellt und den Schlüssel noch abgeben können. Wir haben sogar unseren Flug noch bekommen! Aber es war sehr, sehr hektisch. 😉 (Es gibt nicht nur einen Grund, weswegen ich Polnisch lernen möchte – das vereinfacht dort so vieles … 😉)

Dennoch: Ich werde ganz sicher wieder nach Polen reisen – zumindest möchte ich das. Das Land gefällt mir. Es ist zwar sehr katholisch, aber in anderer Hinsicht nicht so dogmatisch, und man kann verhandeln. Das gefällt mir. 😊

Euch ein schönes Wochenende! 😊

Der perfekte Mohnkuchen

Ja, ich weiß, dass es nichts von Menschenhand Geschaffenes gibt, das perfekt wäre. 😉 Bis auf den Weihnachtsstollen und den Mohnkuchen meiner Oma, genauer: alles, was man aus Hefeteig und Mohn zubereiten kann. Also Mohnkuchen, Mohnstriezel, Mohnstrudel (den dann natürlich aus handgefertigtem Strudelteig), Mohnplätzchen – jegliches Gebäck aus Mohn.

Gleiches galt und gilt für Streuselkuchen, Pflaumen- und Quarkkuchen (nein, ich meine keine Käsesahnetorte, sondern einen Blechkuchen auf Hefeteigbasis mit einem Belag aus Quark, Rosinen und leicht zitroniger Note). Nie wieder habe ich solchen Kuchen bekommen, seit meine Oma nicht mehr selber kochen und backen konnte. Dabei waren Pflaumen- und Quarkkuchen noch die einfacheren Gesellen, und auch meine Mutter kann sehr gut kochen und backen, tendiert aber dazu, ihr Licht allzu sehr unter den Scheffel zu stellen, so dass man als unbeteiligter Dritter irgendwann selber daran glaubt, das von ihr Geschaffene, das eigentlich immer sehr gut schmeckt, könne gar nicht wirklich gut sein. Ich habe das von ihr geerbt …

Richtig heikel aber ist Mohnkuchen. Ich muss jedoch sagen, dass in der Tat jegliches Backwerk, das Mohn enthielt und von meiner Oma angefertigt worden war, das beste war, das ich je gegessen habe. Mohn war und ist eine Art Heiligtum in meiner Familie mütterlicherseits, und kam die weiterläufige Verwandtschaft Omas zusammen, gab es nicht selten Diskussionen darüber, wie mit Mohn in seiner Verarbeitung zu Gebäck optimal zu verfahren sei.

Die einen schworen darauf, ihn zu mahlen. Gott behüte, riefen die anderen, denn Mohn dürfe nur gequetscht werden, bevor man ihn zügig weiterverarbeite. Eine dritte Partei war dafür, ihn erst grob zu quetschen, dann sicherheitshalber noch einmal zu mahlen, und das gaben sie mit derartiger Inbrunst kund und zu wissen, dass in mir als kleinem Mädchen immer Mitgefühl mit dem ölhaltigen Saatgut aufkam. In einem waren aber alle einig: Nie, niemals ein vorbearbeitetes Fertigprodukt kaufen! Mohn wird so leicht ranzig, und es wusste ja auch niemand, ob der Mohn nicht vielleicht in eine angeranzte Mühle geworfen worden war, in der er so ganz ohne Liebe und echter Verve kurz und klein gemahlen wurde … Man kann mit Mohn so viel falsch machen! 😉

Bei Oma wurde der Mohn gequetscht, es wurde großer Aufwand betrieben, aber das Ergebnis gab ihren Mühen immer Recht, und bis heute betrachte ich gekauften oder anderweitig gebackenen Mohnkuchen immer mit einem gewissen Argwohn. Ich bin wirklich nicht heikel oder gar zickig, was Essen anbelangt, aber hier ist das anders, ähnlich wie mit Weihnachtsplätzchen. Da bin ich wirklich verwöhnt worden und daher sehr heikel. Meine eigenen Machwerke, die ich bis dato als Plätzchen angefertigt habe, habe ich stets verschämt verklappt, da sie einfach nur grauenhaft waren.

In der Kantine meines Arbeitgebers gibt es auch Mohnkuchen. Eine Kollegin schwärmte mir eines Tages davon vor, und so kaufte ich mir einmal ein Stück, obwohl mich schon irritierte, wie dick die „Mohn“schicht war. Meine Oma sparte nicht mit Mohn, der stets angemessen dick und großzügig im jeweiligen Gebäck zu finden war, aber die Schicht in diesem Kuchen war so fett und unappetitlich hellgrau, dass es nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Ich war jedoch eingelullt und kaufte wie ferngesteuert das Stück dieses „Mohnkuchens“. 😉

Kaum probiert, war ich entsetzt und fragte: „Was haben die mit dem Mohn veranstaltet – was ist das überhaupt für eine pappige Masse?“ – „Ja, so ist Mohn nun einmal!“ – „Nee. Da hat jemand ein halbes Fuder Vanillepudding mitverarbeitet – das ist doch kein Mohnkuchen!“ Meine Kollegin verstand nicht, was ich zu meckern hatte … 😉 „Das ist Vanillepudding mit ein paar Mohnsamen drin!“ – „Also, ich mag den – das ist der beste Mohnkuchen überhaupt!“ – „Das ist Kuchen mit etwas Mohn drin, aber doch kein Mohnkuchen! In einem richtigen Mohnkuchen hat man eine schöne, schwarze Schicht aus Mohn und ohne diesen ekligen Pudding! Und den Mohn muss man quetschen und dann mit Milch und Butter aufkochen, bis das Ganze eine homogene Masse ergibt!“ Ich hatte die frühkindlichen Mohnlektionen hervorragend verinnerlicht, und theoretisch machte mir in dieser Beziehung keiner was vor! 😉

Praktisch habe ich mich jedoch noch nie an einem Mohnkuchen versucht, käme jedoch nie auf die Idee, das Ganze mit Vanillepudding zu strecken – behüte! Das wäre Frevel und quasi eine Gotteslästerung. 😉

Vielleicht sollte ich es einfach mal selbst versuchen. Was mich daran hindert, sind mehrere Dinge: A) Ich backe generell nicht gern, b) habe ich immer vor Augen, wie angespannt meine Mutter, die wirklich gut kochen und backen kann, immer war, wenn sie einen Mohnkuchen oder -striezel anfertigte, vor allem, wenn meine Oma anwesend war, c) backe ich nicht gern. Ach, hatte ich das schon erwähnt? 😉

Überhaupt schmeckt Mohn – sofern gut verarbeitet – sehr gut, ist aber total unpraktisch: Man muss sich danach grundsätzlich etwa dreimal die Zähne putzen, weil man beim ersten und zweiten Mal trotz großer Gründlichkeit und peniblen Spülens nicht alle Mohnfitzel erwischt hat. Daher mein Tipp: Mohnprodukte – ähnlich wie Thunfischbaguettes – immer nur dann essen, wenn ihr nicht mehr in die Öffentlichkeit geht oder gar ein Date habt. Oder nur mit geschlossenem Mund lachen. Aber man wirkt dann so verkniffen … 😉

Und ansonsten: Immer nur quetschen. Nicht mahlen. Und niemals ein Fertigprodukt verwenden! 😉

„Smacznego!“

Ich muss sagen, dass ich Polen richtig vermisse: Die Menschen waren stets höflich, zumeist sogar freundlich und liebenswürdig wie hilfsbereit. Ebenso war dort alles stilvoll, und sogar dort, wo abrissreife Häuser neben tollkühnen wie nicht selten weit in den bis auf zwei Ausnahmen strahlendblauen polnischen Himmel ragenden Neubauten standen, wo kleine Macken waren, geschah dies mit Stil. 😊 Aber da ich in meinem Leben auch hier in Deutschland häufiger mit Polen zu tun hatte, wusste ich, dass ich mit der polnischen Lebensart gut zurechtkommen würde. 😊

Einer der besten Aspekte in Polen ist das Essen. Und diejenigen, die unter Obstipation oder – auf Deutsch – Verstopfung leiden, sollten dringend mal die polnische Küche probieren, die neben der Tatsache, dass sie zum größten Teil einfach nur wunderbar ist – mal abgesehen von flaczki -, auch noch dies Leiden kurieren kann, und das pronto. Denn vieles ist krautlastig, und obwohl ja gesagt wird, dass Kraut bzw. Kohl schwerverdaulich sei und lange im Magen liege, kann ich dies nicht verifizieren. Der Kulturpalast in Warschau kann das bestätigen, denn er wurde Zeuge davon, wie ich in seinem Inneren hektisch zur toaleta zwar nicht rannte, da nicht ratsam, mich ihr jedoch nervös in sehr verhaltenem Schritt wie eine Aufziehpuppe und Panik in den Augen so schnell wie nur eben möglich näherte und dann mit Tränen der Erleichterung in den Augen in der einzigen freien kabina verschwand … 😉

Zu meinen Favoriten der polnischen Küche gehören pierogi, wunderbare Teigtaschen, Ravioli ähnlich, die mit allen nur denkbaren Füllungen versehen auf den Plan treten können. Am liebsten waren mir die mit Kraut und/oder Pilzen gefüllten, die es in unserem dritten und letzten Hotel in Schlesien auch schon zum Frühstück gab – herrlich, denn ich liebe es auch zum Frühstück schon herzhaft. Hier war ich richtig, und endlich verstand mich mal jemand! 😉 Zum Glück fanden auch die anderen Hotelgäste diese Teigtaschen so toll wie ich, so dass ich immer nur eine oder zwei noch davon abbekam, da ich immer erst gegen halb 10 zum Frühstück aufschlug, das von 7 bis 10 Uhr feilgeboten wurde. Ansonsten hätte ich Polen sicherlich wie eine gestopfte Gans verlassen. 😉

Ein weiterer Favorit ist Żurek, eine Suppe, die auf vergorenem Roggenschrot bzw. Sauerteig basiert. Klingt schräg, schmeckt jedoch hervorragend und wird in einem kleinen, ausgehöhlten Brotlaib mit Wurst, Räucherspeck und einem hartgekochten Ei serviert – gilt als typische Ostersuppe. Wird jedoch in Restaurants für die Touris alljährlich angeboten, und das, wovon mir eine meiner Omas immer vorschwärmte, die aus Schlesien stammte, das, was als Saurer Jur stets ein wenig wehmütig als die Suppe gepriesen wurde, wollte ich doch auch probieren, und ich kann nur sagen: Ich kann dich verstehen, Oma – das ist wirklich lecker! Wenn man es sauer mag, versteht sich. 😊 Und nachdem ich mit Freunden schon einmal selber Kwass hergestellt habe, dürfte es nicht zu schwer sein, selber Żurek anzusetzen, ohne das Haus in die Luft zu sprengen. 😉

Barszcz und Bigos liebe ich auch sehr. Ersteres eine klare Suppe auf der Basis Roter Bete, zweiteres ein Schmorgericht auf der Basis von Sauerkraut, Weißkohl, Wurst und Fleisch und so gut, dass man sich hineinlegen und wälzen möchte. Allerdings eher ein Wintergericht. 😉

Wer Pilze mag, ist in Polen ebenfalls richtig, und ich fühlte mich wie im Paradies. Gleiches gilt für Karpfen, einen meiner Lieblings-Speisefische. 😉

Und Wurst ist in Polen ebenfalls ein Gedicht. Am liebsten hätte ich davon etwas mitgebracht, aber mein Trolley war bereits gut gefüllt, und ich vertraue einfach auf den polnischen Wurstverkaufswagen, der ab und an hier vorbeifährt. 😉 Und ich hoffe, sie haben auch echte polnische Gurken dabei! Eingelegte Gurken, die ich seit frühester Kindheit liebe, sind in Polen ebenfalls hervorragend. Und jegliches Gebäck auf Basis von Hefeteig, Quark und – Mohn! Da bin ich wirklich verwöhnt. Meine Oma machte den besten Mohnkuchen, den ich kenne, den besten Quarkkuchen und überhaupt …

Meine Mutter sah mich nachdenklich an, als ich heute bei meinen Eltern war und schwärmte. Dann sagte sie: „Żurek, Pilze, Karpfen, Salzgurken, Mohn … Offenbar hast du wirklich besonders viel Slawisches geerbt.“ Und dann grinste sie und meinte: „Ich mag das auch alles.“ Während mein Vater noch immer ein wenig verstört dreinblickte, nachdem er vom Żurek gehört hatte. Sauerteig gibt es bei ihm nur in gebackener Form als Brot. 😉

Aber als ich wieder nach Hause fuhr, meinte meine Mutter: „Ich glaube, ich suche im Internet gleich mal nach einem Żurek-Rezept und besorge dann Natursauer oder Roggenschrot und die restlichen Zutaten.“

Mein Vater sah angstvoll drein, als ich fröhlich hupend gen Heimat fuhr, und ich habe ein bisschen den Eindruck, er bereute, dass ich überhaupt zu Besuch gekommen war … 😉 Hätte er erst von flaczki gehört, die ich jedoch auch gar nicht mag: saure Kuttelsuppe! 😉

„Warschau ist Oper – Krakau ist Operette!“

So entfleuchte mir, als meine Schwester Stephanie und ich – wir verreisen öfter gemeinsam – frisch von Warschau kommend in Krakau den ersten Abend durch die Innenstadt flanierten.

„Nicht so laut!“ meinte Stephanie. Sie fürchtete, die anwesenden Krakauer könnten ob dieses Urteils bekümmert sein. Dabei waren sicherlich die wenigsten Menschen auf dem Rynek Główny, dem Krakauer Hauptmarkt, bei dem sich das polnische Wort für „Haupt-“ wie gwuwne spricht (ja, ich habe viel gelernt … 😉 ), echte Krakauer, denn die Stadt quoll über vor Touristen. Und so sagte ich albern frotzelnd: „Warum? Ich habe doch nicht operettka gesagt!“ – „Pssst!“ machte Stephie und sah mich leicht warnend an. Sie kann ihre Rolle als ältere Schwester irgendwie nicht so recht ablegen. Ich meine als jüngere allerdings auch nicht, und so haben wir einen Ausgleich. 😉

Aber sie gab zu, dass mein Urteil durchaus treffend sei, in gedämpftem Ton, als befänden sich an jeder Ecke Agenten. 😉

Drei Tage vorher waren wir mit einer originären LOT-Boeing in Warschau gelandet, und ich kann nur sagen, ich hatte selten einen so angenehmen Flug mit solch netter und zuvorkommender Crew. Kann ich nur weiterempfehlen. Am Flughafen hob ich gleich mal 1000 Złoty an einem Geldautomaten ab und fühlte mich reich. So viele Hunderter! Aber das waren mal etwa 262 Euro … Wir enterten ein Taxi und ließen uns zu unserer Unterkunft fahren, einem Haus mit vielen Apartments, wohl für Geschäftsreisende oder aber Touris. Machen wir es kurz: Ich musste zwei Stunden auf meinen Schlüssel warten, weil offenbar das Apartment nicht geputzt worden war … Wir sahen uns erst einmal Stephies Apartment Nr. 56 an: Es war auf alle Fälle geputzt, es gab ein WC, vom Bad getrennt, eine Kochnische mit Arbeitsplatte, Wasserkocher, Kaffeemaschine und Schränke mit Tassen, Tellern und Gläsern, ebenso Besteck. Der Fußbodenbelag schreckte mich ein wenig ab, dunkles PVC, ebenso der Geruch im Apartment, was wohl an den Putzmitteln lag. Es roch nach Lysol, das ich noch von meiner Krankenhaustätigkeit kenne. Stephie riss sogleich sämtliche Fenster auf und meinte: „Das Putzmittel riecht nicht wirklich gut!“ – „Ist wohl Lysol, und da kannst du wenigstens sicher sein, dass alles wirklich porentief rein ist,“, grinste ich. Sehr überzeugt sah Stephie nicht aus, und sie meinte: „Schön, aber warum kann das dann nicht gleichzeitig besser riechen?“ – „Ist wohl ähnlich wie mit den besonders gesunden Lebensmitteln und Speisen: Die schmecken meist auch nicht so gut wie die ungesunden.“

Wir beschlossen, erst einmal in die Stadt zu gehen und baten den jungen Rezeptionisten, bei dem ich kurz zuvor die Rechnung mit meiner Kreditkarte beglichen hatte, den Schlüssel für mein Apartment in Stephies Nr. 56 zu deponieren. Glücklicherweise sprach der junge Mann – wie so viele andere Menschen in Warschau und auch Krakau – gutes Englisch. Sonst hätten wir uns mit Händen und Füßen verständigen müssen – Polnisch ist wirklich sehr schwer.

Warschau ist eine sehr gegensätzliche Stadt. Auf unserem Weg ins nahegelegene Śródmieście – die Innenstadt – sahen wir einige abrissreife Häuser in direkter Nachbarschaft schnieker und topmoderner Hochbauten, außen verglast und glänzend. Es wurde überall gebaut, und die Stadt hat etwas Faszinierendes. Mich faszinierten besonders die Gegensätze, aber auch Stephie war begeistert, obwohl einige Ecken wirklich nicht sehr schön aussahen. Aber das ist ja überall so.

Begeistert waren wir auch von der Nettigkeit der Menschen – nicht ein negatives Erlebnis hatten wir in Warschau. Genaugenommen: Wir hatten kein einziges negatives Erlebnis in allen Teilen Polens, die wir besucht haben. 😊 Auch dort nicht, wo man weniger Englisch sprach. (Interessantes Phänomen, das ihr vielleicht auch kennt: In Ländern, deren Sprache ich nicht spreche bzw. verstehe, ist es für mich, spricht jemand neben mir Englisch, stets so, als spräche er meine Muttersprache … 😉 In Polen ging es mir sogar mit einer Gruppe Franzosen so, als wir in einer Region waren, da wenig Englisch gesprochen wurde. 😉)

Wir verbrachten dreieinhalb schöne Tage in Warschau, und ich kann nur sagen: Wenn es nach mir geht, bin ich nicht zum letzten Mal in Warschau gewesen, dessen englischer Name, Warsaw, den man auch öfter lesen konnte, mich immer an einen Agententhriller erinnert. Speziell an den Kulturpalast habe ich sehr positive Erinnerungen … 😉

Warum? Nun, wir waren zuvor in der Starówka gewesen, der Altstadt, und wir hatten dort gegessen. Nein, das Essen war hervorragend, und doch hatte das Gericht, das ich gewählt hatte – ein typisch polnisches – ganz spezielle Auswirkungen auf mich. Leider mit Zeitverzögerung, also erst dann, als wir zu Fuß nach Hause gingen … 😉 Stephie meinte: „Alles in Ordnung? Du bist auf einmal so blass!“ – „Stephie, ich muss ganz dringend mal wohin – renn bitte nicht so …“ Mir stand der kalte Schweiß auf der Stirn. Vor uns der Kulturpalast. Stephie meinte: „Du gehst ganz langsam weiter, und ich renne schon mal vor und sehe nach, ob da eine Toilette ist!“ Gesagt – getan. Und es kam dann so, dass ich den Warschauer Kulturpalast in mein Herz schloss, denn er war meine Rettung. 😉

Einen Tag später fuhren wir von Warszawa Centralna mit dem Zug nach Krakau. Über die Zugfahrt berichte ich gesondert, denn die war auch speziell. 😉 Noch jetzt muss ich lachen, denn es bewahrheitete sich ein Klischee, gegen das ich immer gewettert hatte („Total blödes Klischee!“) … 😉 Davon aber später. Unvergesslich auf alle Fälle. 😉

Krakau ist wunderschön, aber eben „Operette“ statt „Oper“. Am Hauptmarkt reihten sich unzählige weiße Kutschen, Landauer, Zweispänner, mit geschmückten Pferden mit Federbüschen auf den Köpfen. Warschau ist ein würdevoller und solider Kuchen, Krakau ist Zuckerbäckerei. Ich las in einem Reiseführer, dass Polen sagen würden: „In Warschau wurde schon immer gearbeitet, in Krakau gefeiert.“ Ob das so ist, vermag ich nicht zu sagen – es stand so in dem Reiseführer, aber ich könnte mir vorstellen, dass zumindest ein Jota Wahrheit daran ist. Obwohl auch in Krakau selbstredend gearbeitet wird.

Wir machten eine Rundfahrt mit einem total netten jungen Polen als Stadtführer, waren – wenn auch kurz – auf dem Wawel, länger und ausgiebig jedoch im jüdischen Viertel in Kazimierz. Und an einem Tag marschierten wir zu Fuß nach Podgórze und besuchten dort das Museum bzw. die Gedenkstätte Fabryka Oskara Schindlera, die frühere Emaillefabrik Oskar Schindlers. Kennt ihr sicher – „Schindlers Liste“. Das hat mich ziemlich mitgenommen. Ich habe schon als Jugendliche viel zum Thema gelesen, aber das hier ging noch näher als das, was ich bisher gelesen hatte. Und das war schlimm genug gewesen.

Krakau ist schön. Aber ich glaube, ich würde eher noch einmal nach Warschau reisen. 😊 Oder nach Śląsk, nach Schlesien, wohin wir dann mit einem Mietwagen fuhren, den wir am Flughafen Kraków-Balice abholten. Oder nach Gdánsk, nach Danzig.

Schlesien war schön, wenn es dort auch öfter Gelegenheiten gab, meinen kleinen Pocket-Sprachführer Polnisch aus der Tasche zu kramen. 😉 Aber zumindest Dzien dobry!, Do widzenia!, Przepraszam, Dobry wieczór! gingen mir recht leicht über die Lippen, und das bereits seit Beginn der Reise. Doof nur, dass das Gegenüber speziell in Schlesien dann oft dachte, ich spräche Polnisch und sogleich kaskadenartig in dieser wunderschön klingenden Sprache auf mich einredete. Ich lächelte dann immer und meinte: „Przepraszam, but unfortunately I don’t speak Polish!“ Sprachpanscherei in Reinkultur und völlig grotesk … 😉 Aber die so Angesprochenen lachten immer und redeten nicht selten etwas lauter und langsamer auf Polnisch auf mich ein, was mir nur leider so gar nicht half. 😉 Einige rafften ihre Englischkenntnisse zusammen, und wir verständigten einander dann immer ganz wunderbar, schleuderten einander englische Sätze (ich), polnische Sätze (sie), englische wie polnische Einzelbegriffe (sie wie ich in beiden Sprachen) um die Ohren. Aber alles klappte. Eine Verkäuferin erklärte mir in gebrochenem Englisch, sie fände sehr nett, dass ich zumindest die polnischen Begriffe, die ich kannte, anwendete – das fände sie sehr höflich und respektvoll. Ich sagte: „Thank you – dziękuję!“ Sie strahlte mich an, ich strahlte zurück.

Und auch, wenn das alles so gut funktioniert hat, habe ich gerade angefangen, Polnisch zu lernen. Eine ehemalige Studentin von mir hat mir einen guten Tipp gegeben. Sie kommt aus Polen, fand überraschend, dass jemand ihre Muttersprache lernen wolle – das habe sie noch nie erlebt. Ich habe polnische Vorfahren, und leider spricht in meiner Familie keiner (mehr) Polnisch. Da es mir in diesem Land so sehr gefallen hat, fand ich es an der Zeit. Und ich habe auch schon begonnen – es ist wirklich schwierig. 😉 Mit Martas, meiner Ex-Studentin, Tipp mache ich nun täglich mindestens 15 Minuten Polnisch. Es wird also nur etwa 10 Jahre dauern, bis ich mich verständigen kann … 😉 Denn im Moment befinde ich mich noch in dem Stadium, da ich wunderschöne Anfängersätze bilde, wie: „Die Katze trinkt Milch“ – „Kot pije mleko/mleczko“. Oder: „Der Elefant isst Plätzchen“ – „Słoń je ciasteczka“. 😉

Ein Tipp von mir: Polen ist ganz eindeutig eine oder mehrere Reisen wert! 😊

„Is‘ mir doch egal …“

Ich gebe zu, ich hatte in der letzten Zeit recht viel zu tun, weswegen ich meinen neuen Mobilfunk-Vertrag bisher auch noch nicht aktiviert hatte, was ich jedoch heute Abend nachgeholt habe, und das auf interessante Weise … Aber es ging alles gut aus. 😉

An meinem Geburtstag Anfang des Monats hatte ich den neuen Vertrag abgeschlossen bzw. beantragt, auch kurz darauf meine neue SIM-Karte bekommen, zusammen mit anderen Anweisungen, deren Befolgung nicht nur die Aktivierung meines neuen Vertrages, sondern auch die Zusendung meines neuen Smartphones in Zartviolett – welches sich offiziell blau/lavendel nennt – betraf. Aber ich war bisher wirklich nicht dazu gekommen. Und wenn Zeit war, habe ich nicht daran gedacht, weil andere Dinge vorgingen.

Gestern, mitten in einer Besprechung, rief der Mobilfunk-Provider mich auf dem Handy an (zumindest war die Rufnummer später, nachdem ich sie weggedrückt hatte, meinem Provider zuzuordnen). Aber es war ein ganz schlechter Zeitpunkt. Wahrscheinlich wollten sie nachfragen, ob ich noch lebte, und ich pappte einen Zettel an den Monitor meines Arbeits-PC: „Dringend Mobilfunk-Provider anrufen!“ Aber auch heute kam ich in der Mittagspause nicht dazu, und so rief ich nach Feierabend an, als ich bereits zu Hause war.

Zunächst hörte ich mir mehrfach die aufmunternden Werbejingles an, und dann erzählte mir eine Computerstimme, stichprobenartig und zu Schulungszwecken würden manche Gespräche aufgezeichnet. Sollte ich damit einverstanden sein, müsse ich nur ja sagen.

Ich bin keine Jasagerin, und so schwieg ich, als man – offenkundig – mit einem Ja meinerseits rechnete. Ich schwieg – und flog prompt aus der Leitung. Okay! Botschaft angekommen!

Ich rief erneut an, und an der Stelle, da man seine Zustimmung zum Gesprächsmitschnitt geben muss, sagte ich fröhlich und laut: „Ja!“ Sofort wurde ich durchgestellt!

Und es meldete sich ein junger Mann, den ich aufgrund der monotonen Art und Weise, in der er sprach, für einen Automaten hielt. Recht schnell jedoch war mir klar: „Der ist echt!“ Und schon sprudelte ich los …

Der junge Mann wirkte völlig demotiviert, als er nach meiner Auftragsnummer fragte, die ich leider nicht direkt vor mir liegen hatte, weil im Schreiben meines Providers gestanden hatte: „Halten Sie die letzten vier Ziffern Ihrer Festnetz-Kundennummer zur Hand!“ Die hatte ich nicht nur zur Hand – die lagen direkt vor mir, mitsamt letzter Rechnung! Und da werde ich nach der Auftragsnummer gefragt, die zwar auch in meiner Nähe lag, die ich jedoch erst einmal aus dem Provider-Kuvert fingern musste, und so sagte ich: „Fängt schon gut an! Ich könnte Ihnen aus dem Effeff meine Kundennummer nennen, die Sie aber wohl nicht wollen oder brauchen. Einen Moment bitte – ich beeile mich.“ – „Ehrlich gesagt: Is‘ mir völlig egal, wie lange Sie brauchen! Ich habe noch 23 Minuten bis Feierabend!“ – „So lange wird es nicht dauern – da ist sie ja schon!“ Und schon schmetterte ich dem freundlichen jungen Mann die von ihm geforderten Ziffern entgegen.

„Da fehlt noch eine Ziffer …“ kam von ihm, und ich rief: „Sorry, klar – die 1! Tut mir leid, dass ich Sie jetzt noch aufhalte.“ – „Also, im Grunde ist mir das egal – Sie können machen, was Sie wollen. Bis 20 Uhr, denn da habe ich Feierabend.“

Da wurde es mir doch etwas zu doof, und ich sagte, und das ganz bewusst in Ruhrgebietsakzent: „Na, Sie sind mir ja’n Hääaazken! Ich rufe Sie freundlich an, und Sie erklären mir dauernd, dass Ihnen eh alles scheißegal sei! Ich nehme an, Ihr Chef steht nicht direkt hinter Ihnen? Oder hat man Sie gefeuert, und Sie müssen noch den Rest der Schicht ableisten?“ – „Äh, nein, ich wollte eigentlich nur sagen …“ – „Machen Sie sich keine Mühe! Ich verstehe Sie sehr gut! Publikumsverkehr ist bisweilen anstrengend – dafür habe ich Verständnis. Ich bin ja auch sicher nicht die bequemste Anruferin kurz vor Feierabend – ich hatte die falsche Nummer bei der Hand und stelle blöde Fragen. Und mir ist klar, dass Sie sicherlich schon einiges hinter sich haben, heute.“

Da taute der junge Mann auf. „Sie verstehen mich?“ – „Ja, ich habe auch mit Publikumsverkehr zu tun, und das ist nicht immer einfach.“ – „Danke! Ich hatte heute einen echten Scheißtag! Tut mir leid, dass Sie das nun getroffen hat – dabei sind Sie nett, und das waren beileibe nicht alle Anrufer. Ein großer Teil das genaue Gegenteil.“ – „Ich kann Sie sehr gut verstehen. Sie sollten sich trotzdem etwas zusammenreißen – Sie klangen zu Beginn unseres Telefonats etwas … wie soll ich das sagen … naja … gleichgültig, und das ist euphemistisch ausgedrückt. Ich fühlte mich alles andere als willkommen.“ – „Sind Sie ein Testanruf?“- „Nee, ich bin ganz echt – seien Sie froh!“ – „Ja, das bin ich jetzt wirklich.“ – „Wie gesagt: Ich verstehe Sie wirklich gut, aber lassen Sie sich Ihre Genervtheit nicht anmerken. Klar: Den Letzten beißen die Hunde – aber im Zweifel kann der Letzte nichts dafür.“

Der junge Mann taute noch mehr auf, und er meinte: „Es tut mir leid, dass ich so arschig war, zu Anfang des Gesprächs. Sie sind wirklich nett, und wenn Sie die letzte Anruferin für die heutige Schicht sind, habe ich es wohl gut getroffen.“ – „Danke. Wenn wir bis 20 Uhr sprechen, bin ich die letzte Anruferin für Sie. Ich kann Ihnen gern noch ein paar Fragen stellen …“ – „Au ja, gern.“ – „Ich habe tatsächlich noch ein paar Fragen zu meinem neuen Vertrag …“ – „Gern!“

Zwar konnte er mir meine Fragen nicht beantworten, aber damit hatte ich auch nicht gerechnet, denn mir war klar, dass er mir meine neue Handynummer nicht mitteilen konnte. Aber ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man angerufen und zum Teil nicht nett behandelt wird. Es ist ja nur eine anonyme Stimme … Und man hat ja Anspruch auf bevorzugte Behandlung, ganz egal, wie arschig man sich benimmt … 😉

Und so half ich, die Zeit bis zum Feierabend zu überbrücken, und der junge Mann wurde immer fröhlicher. Zum Schluss sagte er: „So, von jetzt an wird das Gespräch nicht mehr mitgeschnitten. Ich danke Ihnen – das war ein sehr nettes Telefonat. Ich dachte erst, …“ – „ … dass die dusselige Kuh nicht einmal die richtige Nummer zur Hand habe! Tut mir leid – Ihr Auftraggeber hatte mir die falsche Nummer im Anschreiben genannt.“ – „Ja, glaube ich Ihnen auch. Sie waren ja ansonsten total fit und wirklich nett und schnell. Erlebe ich auch nicht immer.“ – „Glaube ich Ihnen. Kopp hoch, auch wenn der Hals dreckig ist! Und nicht so lustlos wirken.“ – „Ja, ich weiß. Tut mir leid – Sie waren echt cool!“ – „Ich bin gar nicht cool.“ – „Doch. Heute waren Sie es auf alle Fälle. Danke.“

Ja, das war doch nett. Da werde ich angerotzt mit: „Is‘ mir doch egal!“ Und dann ergibt sich ein nettes Gespräch, in dessen Verlauf ich einen jungen Mann davor bewahre, vor Feierabend noch mit echten Schnarchnasen sprechen zu müssen … 😉

Mir hingegen merkt man inzwischen an, dass ich bisweilen Publikumsverkehr, auch via Telefon, habe, denn als meine Schwester Stephanie mich kürzlich anrief, meldete ich mich mit meinem Nachnamen, den ich ins Telefon säuselte und kurz danach hinterhersäuselte: „Was kann ich für Sie tun?“ 😉 Es hat sich mir wohl eingebrannt … 😉

Bestens gerüstet und voller Spannung

Zumindest theoretisch bin ich bestens gerüstet für den bald anstehenden Urlaub in Polen, denn gestern befreite ich meinen niedlichen neuen Pocket-Sprachführer Polnisch aus der Packstation. Ich liebe Sprache und Sprachen – wenn auch nicht alle, denn es gibt einige, die mir nicht so gefallen -, und so stürzte ich mich zu Hause voller Begeisterung auf das wehrlose, kleine Ding, um mich in die Sprache eines Teils meiner Vorfahren ein wenig „einzufühlen“.

Ganz vorn, auf der Innenseite des Buchdeckels, standen schon sehr interessante Infos, genannt: „Das Wichtigste in Kürze“. Und so weiß ich nun, dass es im Polnischen, anders als in anderen slawischen Sprachen, tak heißt, wenn man ja sagen will – nicht etwa da. (Ich hoffe, ich komme nicht durcheinander, denn aus dem Schwedischen kenne ich tack, und das heißt dort danke. 😉 ) Und nein heißt nie und spricht sich ähnlich wie njä. Bitte, danke und Entschuldigung! folgten.

Was mich ein wenig irritierte – aber wirklich nur ein wenig! – ist die Tatsache, dass auf Position 6 gleich: Hilfe! rangiert. Ich verdrängte den Gedanken, warum das wohl schon so schnell und so weit oben erwähnt sei, da ich das Wort so reizend finde. Und so stellte ich mir vor, wie jemand überfallen wird – natürlich ohne jedwede Klischees, denn das kann ja überall passieren – und laut: „Ratunku! Ratunku!“ ruft. Natürlich mit schönem gerolltem Zungenspitzen-R! 😉 Ich liebe dieses Wort, hoffe jedoch, dass ich es nie werde benutzen müssen. 😉 Aber falls jemand in meiner Nähe Ratunku! ruft, weiß ich wenigstens, was gemeint ist und halte es weder für ein Schimpfwort, noch für einen Zauberspruch, mit dessen Hilfe man unbescholtene Mitmenschen in hässliche, warzenübersäte Kröten verwandelt … 😉

Nun gehe ich davon aus, dass in den größeren und großen Städten, die wir heimsuchen werden – Warschau (Warszawa) und Krakau (Kraków), aber auch Racibórz (auf Deutsch: Ratibor, was aber auch irgendwie gar nicht so deutsch klingt … 😉 ), nicht wenige Leute des Englischen mächtig sein werden. Aber in den kleineren Orten, die wir besuchen wollen, ist das vielleicht nicht so gegeben. Und ich hoffe, dass Stephie und ich in den kleineren Orten niemals in die Verlegenheit geraten werden, einen Tisch für zwei Personen reservieren zu müssen … 😉

Denn ich finde die deutsche Sprache – im Vergleich zum Englischen – bisweilen schon etwas „raumgreifend“. Aber nachdem ich heute in meinem kleinen Sprachführer las, wie der Satz: „Reservieren Sie uns bitte für heute Abend einen Tisch für zwei Personen“ auf Polnisch lautet und wieviel Raum er nimmt, leistete ich im Stillen Abbitte. 😉 Da ich davon ausgehe, dass im Zweifel ich in einem Umfeld, das weder anglo-, franko-, noch germanophon ist, eine derartige Bitte werde aussprechen müssen, sollte ich schon einmal üben, schnell und einigermaßen akkurat folgenden Satz zu äußern: „Proszę zarezerwować dla nas na dziś wieczór stolik dla dwóch osób!“ 😉

So lang ist der Satz eigentlich gar nicht. Er kommt einem nur so lang vor, vor allem in der Lautschrift, die hilfreich unter dem im Sprachführer angegebenen höflichen Satz angeführt ist. Vielleicht sollte ich einfach besonders liebreizend lächelnd die weniger höfliche Form benutzen: „Poproszę stolik dla dwóch osób.“ – „Einen Tisch für zwei Personen, bitte.“ Und wenn all das nicht hilft, sage ich einfach: „Stól!“ und zeige auf meine Schwester und mich, dabei ganz besonders lieblich lächelnd. Stól heißt Tisch. Das ist dann zwar total unhöflich und hinsichtlich der Grammatik falsch, aber sicherlich wird man meine Bemühungen zu schätzen wissen. 😉

Die Grammatik ist ohnehin so eine Sache in den slawischen Sprachen – allein die Kasus und die Deklination -, und ganz besonders im Polnischen. Neben der Artikulation – die Aussprache ist, wenn man sich damit noch nie beschäftigt hat, auch ein Buch mit sieben Siegeln. Hoffentlich bleiben wir mit dem Mietwagen nie im Hinterland liegen, denn sonst müsste ich fragen: „Gdzie tu jest w pobliźu warsztat naprawczy?“ („Wo gibt es hier in der Nähe eine Werkstatt?“ Praktischerweise wurde das deutsche Wort Werkstatt polonisiert in warsztat und würde mir sicherlich die wenigsten Probleme bereiten. 😉 Das größte Problem würde sicherlich die Antwort des so Angesprochenen darstellen … )

Aber nach all dem, was ich von Bekannten und Freunden hörte, die bereits einmal oder mehrmals in Polen waren, würden Stephie und ich sicherlich sofort – insbesondere in eher ländlichen Bezirken – in die Familie aufgenommen, mit einer zünftigen zakuska bewirtet, das Auto in die nächste warsztat geschleppt und repariert. So, wie ich das aus den slawischen Ländern kenne, die ich bisher bereist habe. 😊 Und von all den Polen, mit denen ich bisher hierzulande zu tun hatte. 😊

Und wenn alle sprachlichen Bemühungen nicht helfen, stelle ich mich hin und singe ein polnisches Volkslied, das ich vor vielen Jahren im Chor singen musste bzw. durfte: „Hej, bystra woda“! Ich gebe zu, man musste uns den Text phonetisch nahebringen – eine polnische Muttersprachlerin tat dies, und so klang das Ergebnis dann wohl zumindest so ähnlich wie Polnisch. Mit Ruhrgebietsakzent. Aber das machte nichts, denn das Ruhrdeutsche wurde ja auch durch Polen „mitentwickelt“. 😉 Den Text kann ich heute noch – vor allem den der ersten Strophe. Wenn wir damit nicht punkten können, weiß ich es auch nicht … 😉

Als ich heute einer polnischen Bekannten erzählte, ich würde im Urlaub nach Polen fahren, freute sie sich. Und als ich dann einen Satz, den ich zuvor aus meinem niedlichen Pocket-Sprachführer auswendig gelernt hatte, zitierte: „Ten lek jest tylko na receptę“, was soviel heißt wie: „Dieses Mittel ist verschreibungspflichtig“ und dann noch aberwitzig ergänzte: „O której godzinie jest śniadanie?“ [„Um welche Zeit ist das Frühstück?“], meinte sie: „Czy mówisz po polsku?“

Ich starrte sie an, dann grinste ich und sagte: „Nie. [Njä]“ Und da lachte sie sich halbtot und meinte: „Cool, Ali! Ich frage, ob du Polnisch sprichst, und du sagst nein. Aber auf Polnisch! Und das klang echt gut!“ (Ich hatte die Frage wohl richtig interpretiert. 😉 )

Na, also! Ich muss mir gar keine Sorgen machen. 😉 Am besten wird sein – zumindest für nicht-anglo-, franko- und germanophone Regionen –, ich merke mir strategisch sinnvolle Vokabeln und präge mir deren Aussprache ein. Und wenn mich einer fragt, ob ich Polnisch beherrsche, antworte ich besser nicht mit: „Nie.“ Sondern besser nonverbal und durch Hochziehen meiner Schultern. Alles andere könnte sonst verarschend wirken.

Der Urlaub wird sicherlich toll, und ich freue mich schon – zumal ich auch sprachlich inzwischen zumindest ansatzweise gerüstet bin. Oder so etwas Ähnliches. 😉

Eines weiß ich aber schon jetzt: Meinen Lieblingsfluch haben die Polen aus dem Deutschen übernommen, wie ich durch Googeln erfuhr. Er schreibt sich szajs! Und wie er sich ausspricht, könnt ihr dann ganz einfach googeln. 😉