Die Postkutsche kommt!

Reisen in früheren Zeiten war unzweifelhaft erheblich beschwerlicher als heutzutage. Glücklicherweise haben sich diesbezüglich die Zeiten geändert.

Auch für Postsendungen galt dies, die mit der Postkutsche befördert wurden und aufgrund der geringen Fahrtgeschwindigkeit und oft größerer Entfernung sowie unbequemer Straßensituation teils sehr, sehr lange brauchten, um beim Empfänger zu landen. Wurde – wie in so vielen Western eindrucksvoll dargestellt – eine Postkutsche (die oft auch weniger betuchte Reisende beförderte) überfallen, erreichte manche Sendung den Empfänger auch gar nicht. „Pech gehabt!“ war dann die Losung der Stunde.

Aber zum Glück muss ja heutzutage niemand mehr wochenlang warten, bis endlich ein Brief, ein Päckchen, ein Paket eintrifft, den oder das man sehnlich erwartet. In Zeiten der E-Mail, von WhatsApp und Konsorten hat der Brief ohnehin ein wenig an Bedeutung verloren. Größere Sendungen – besagtes Päckchen oder Paket – werden jedoch nach wie vor ungebrochen auf dem Postweg befördert, obwohl es viel schöner wäre, den jeweiligen Inhalt, das zu versendende Gut an den Empfänger ganz einfach beamen zu können. 😉 Doch zum Glück gibt es ja zahlreiche serviceorientierte und zuverlässige Logistik-Unternehmen, auch Paketdienste genannt. Bequem, sicher und zeitnah wie pünktlich werden dort beförderte Sendungen ausgeliefert, von freundlichen, serviceorientierten Zustellern, denen man gern ein Trinkgeld gibt, wenn sie das große, schwere Paket, das nicht in die Packstation – mein bevorzugter Ablageort – passte, in den ersten Stock getragen haben. Ja, es ist wirklich wunderbar, sich stets und immer auf solch vorbildliche Unternehmen verlassen zu können, statt auf die alle Jubeljahre eintreffende Postkutsche warten zu müssen, manchmal sogar vergeblich, da unterwegs überfallen …

Und ich mache immer und ausschließlich positive Erfahr… – MO-MENT! Was erzähle ich denn da? Hat mir jemand etwas in den letztjährig im Vereinigten Königreich erworbenen Earl Grey Tea getan? 😉

Immer und ausschließlich positive Erfahrungen? Ha!

Ich weiß, dass die Zusteller einen harten und unverschämt schlecht bezahlten Job haben – das finde ich absolut daneben. Ich weiß, dass durch die Explosion hinsichtlich Online-Bestellungen das Lieferaufkommen ebenfalls explodiert ist und habe zwischenzeitlich beschlossen, meine Online-Bestellungen, ohnehin nicht hoch, zu drosseln. Dennoch sehe ich es nicht ganz ein, dass diese Unternehmen – eines habe ich ganz besonders lieb – ein Riesenbohei um und massenweise Werbung für ihre tollen Dienstleistungen machen, die sie sich teuer bezahlen lassen, die Realität dann jedoch suboptimal erscheint und man sich dann noch – hakt man nach oder, sofern nötig, beschwert sich – auf den Arm genommen fühlt angesichts der meist wenig oder nicht hilfreichen Standardantworten und der mangelhaften Lösungsmöglichkeiten der Zuständigen.

Gestern sah ich ein Video, in dem ein junger Mann all seiner angestauten Wut Luft macht – kaskadenartig bricht sein ganzer Frust aus ihm heraus, und wie man so schnell sprechen kann, kann selbst ich nicht nachvollziehen. Aber verstehen konnte ich den jungen Mann, der am Black Friday wohl etwas bestellt hatte, worauf er sich freute. Und dann kam das Paket nicht. Ja, kann passieren, aber man hatte ihm mal wieder einen Benachrichtigungsschein in den Briefkasten geworfen, obwohl er wohl zu Hause gewesen war. Klingel kaputt, könnte man da annehmen, aber das muss beileibe nicht sein.

Nur in Notfällen lasse oder ließ ich mir Pakete und Sendungen an meine Wohnadresse schicken, denn auch ich kenne dieses wundersame Phänomen des sich plötzlich und ohne Vorwarnung im Briefkasten materialisiert habenden Paketdienst-Benachrichtigungsscheines, auf dem steht, man habe leider nicht zu Hause angetroffen werden können, obwohl man – ein toller Service dieses Paketdienstes! – bereits einen Wunschtermin bean- bzw. beauftragt hatte (meist Samstag) und daher wie festgetackert in der Wohnung ausharrte, um nur ja den Paketdienst nicht zu verpassen … In der stillen Wohnung, die kontemplative Stille durch keinerlei penetrantes Klingelsignal gestört.

Dreimal bin ich auf den Wunschtermin schon hereingefal…, ääh, habe ich ihm eine Chance gegeb…, nein! Dreimal habe ich die wunderbare Wunschtermin-Wahlmöglichkeit wahrgenommen und diesen Service genutzt. Genutzt hat es mir vice versa jedoch … wenig.

Beim ersten Mal harrte ich der Dinge, die da kommen sollten. Aber nicht kamen. Ich wartete auch noch die nächsten zwei Tage, dann rief ich beim Paketdienst an und fragte nach dem Verbleib des Paketes. Das sei zugestellt worden, hieß es, nachdem ich meine Sendungsnummer heruntergebetet hatte, insgesamt dreimal. Ich war bass erstaunt, wie, zugestellt? Bei mir gähnende Leere und kein Paket. Wem hatte man es zugestellt? Tja, das könne sie mir auch nicht sagen, erklärte die junge Frau – das sei nicht angegeben. Wie bitte? Nicht angegeben? „Aber das muss man doch angeben – das kenne ich nicht anders,“, sagte ich mit schwächer werdender Stimme, „wie soll man denn sonst herausfinden, bei wem man das Paket abholen muss?“

Tja, da habe es wohl leider einen Systemfehler gegeben, so dass sie mir nun nicht mehr mitteilen könne, wo genau sich mein Paket gerade seiner Existenz erfreue. Sicherheitshalber klingelte ich bei den Nachbarn, die mit mir in einem Haus leben. Zwei sagten, sie wüssten nichts von einem Paket, einer war nicht da, und die alte Frau Müller hörte wohl nicht, dass ich klingelte …

Als ich am nächsten Abend von der Arbeit kam, klingelte mein Telefon sehr energisch. Ich meldete mich und wurde sogleich in sehr energischem Ton angeherrscht: „Frau B.! Holen Sie endlich Ihr Paket ab, das ich für Sie angenommen habe! Das steht jetzt schon seit einer Woche hier!“ Es war die alte Frau Müller. Zwar hatte sie offenbar ein anderes Zeitgefühl, denn es war Dienstag, und das Paket stand somit erst seit Samstag bei ihr, aber ich konnte verstehen, dass sie sich ärgerte. Dabei konnte ich nicht einmal etwas dafür. Glücklicherweise ging alles noch einmal glimpflich aus.

Ich beschloss, bei der nächsten schweren Sendung, die nicht an die Packstation geliefert werden konnte, so der Versender, dem werten Wunschtermin eine weitere Chance zu geben. Sicherlich hatte ich nur Pech gehabt. Aber es war wie beim ersten Mal. Nur hatte ich diesmal einen Benachrichtigungsschein im Briefkasten – ich sei leider nicht zu Hause gewesen, und so habe man das – wirklich schwere – Paket nun in die nächstgelegene Paketdienst-Filiale gebracht, wo ich es bequem am Montag abholen könne … Ja, ich holte es auch am Montag ab, wenn auch nicht bequem, denn ich musste das schwere Ding zu Fuß nach Hause schleppen. Es war wirklich schwer, denn es waren sechs gläserne Halbliterflaschen naturtrüben fränkischen Kellerbieres darin, das ich hier in keinem Getränkemarkt gefunden hatte. Drei davon wollte ich jemandem zum Geburtstag schenken, die anderen drei waren für mich. Fluchend schleppte ich das Gebinde meiner Wege, aber das Geburtstagsgeschenk kam so im wahrsten Sinne von Herzen, denn mein Herz hämmerte heftig gegen meine Rippen, als ich das schwere Paket endlich in meine Wohnung gewuchtet hatte. Im Schweiße meines Angesichts und ohne Rücksicht auf meine Unversehrtheit hatte ich dieses Geburtstagsgeschenk und mein eigenes Deputat heimgeschleppt, denn ich wäre mit dem schweren Karton fast die Treppe hinuntergesegelt. 😉

Und trotz all dieser Unbilden gab es noch einen Drittversuch – es ging nicht anders, und ich dachte: „Was lange währt, wird endlich gut!“ und „Aller guten Dinge sind drei!“ Doch sogleich fiel mir auf, dass die vorhergegangenen zwei Dinge ja keineswegs gut gewesen waren, aber ich wollte nicht kleinlich sein.

Und so saß und harrte ich erneut an einem Samstag. Mir ging ein Lied aus den End-80ern durch den Kopp, dessen Refrain lautete: „All I can do is sit `n‘ wait. All I can do is sit `n’ wait.  […] Sit `n‘ wait, sit `n‘ wait, sit `n‘ wait …“ Nie zuvor und nie wieder habe ich diesen Text als so wahr empfunden … 😉

Ich harrte sogar längere Zeit am Küchenfenster und lief, harrte ich schließlich wieder woanders, öfter dorthin, um hinauszustarren. Möglich, dass der Paketdienst-Wagen ja gleich käme.

Irgendwann erschien es mir immer unwahrscheinlicher, und ich ging mit der Wäsche in den Keller – es musste gewaschen werden. Auf dem Rückweg öffnete ich meinen Briefkasten, denn es schien etwas darin zu liegen. Ja! Es war ein Benachrichtigungsschein des Paketdienstes! Leider sei ich nicht zu Hause anzutreffen gewesen … (Doch, doch – man hätte nur einmal den Versuch starten müssen, dies herauszufinden, indem man die Klingel betätigte, dachte ich resignierend.)

Meine Resignation wuchs, und dies ins schier Unermessliche, als ich den Text auf dem Schein zu Ende las. Man habe das Paket bei meinem Wunschnachbarn abgegeben. Bitte, bei wem? Ich hatte einen Wunschnachbarn? Das war mir neu! Ich hatte nie einen solchen angegeben! Wozu auch – ich hatte ja bereits vom wunderbaren Wunschtermin Gebrauch gemacht und war deswegen selbstredend höchstpersönlich zu Hause und annahmewillig wie -fähig gewesen! Wozu da die Notwendigkeit eines Wunschnachbarn – und wer sollte das überhaupt sein? Ich staunte, als ich sah, dass weder ein Name, noch die Hausnummer eingetragen war! Immerhin schien sich diese ominöse Person, bei der nun mein Paket seiner Abholung harrte, in derselben Straße zu befinden, in der auch das Haus steht, in dem ich lebe. Aber hier sind so viele Häuser … 😉

War das eine humanitäre Aktion des Paketdienstes, die unter dem Titel Lerne deine Nachbarn besser kennen rangierte? Oder wollte der Paketdienst intuitiv-hellseherische Fähigkeiten bei seinen Kunden fördern? Ich war ratlos und überlegte, ob ich mich auf der Straße aufbauen sollte, um dort laut zu rufen: „Hallo? Hat hier irgendjemand ein Paket für mich angenommen? Bitte melden Sie sich – Sie wurden zu meinem Wunschnachbarn ernannt, und da sollten wir einander doch mal kennenlernen, nicht wahr? Oder werfen Sie das Paket einfach in den Vorgarten – es ist nichts Zerbrechliches drin!“

Ich verwarf diese Idee, denn es war eiskalt draußen, und ich wollte auf diese Weise nicht im Mittelpunkt stehen. Ich bin ohnehin viel schüchterner, als viele glauben. 😉 Stattdessen verbrachte ich an diesem Nachmittag eine gar lauschige Zeit, indem ich Klinken putzte und bei diversen Nachbarn klingelte, um zu erfragen, ob man eventuell ein Paket für mich entgegengenommen habe. Bei Numero 10 wurde ich schließlich fündig, und freudestrahlend meinte ich zu der Nachbarin im Nebenhaus, die mir in Mantel und Schal die Tür öffnete: „Sie also sind mein Wunschnachbar!“ – „Wie bitte?“ Ich zeigte ihr den Benachrichtigungsschein, und sie griff sich an den Kopf und meinte: „Da steht ja gar kein Name und keine Hausnummer! Wie doof ist das denn? Da mussten Sie jetzt von Tür zu Tür rennen? Toller Service des Paketdienstes! Ich bin leider auf dem Sprung, sonst würde ich Sie auf einen Kaffee hereinbitten. Aber beim nächsten Mal,“ sagte sie und kniff mir ein Auge zu, „denn ich musste auch schon öfter Paketen hinterherrennen, obwohl ich zu Hause war. Wenigstens stand bei mir aber immer ein Name auf dem Zettel.“ Und wir schieden lachend voneinander.

Ich kann den frustrierten jungen Mann aus dem Video daher durchaus verstehen, wenn ich in einem Fall auch seine Wortwahl nicht schätze. Aber ansonsten hat er mein volles Verständnis.

Und bisweilen überlege ich, ob die Zeit der Postkutschen wirklich so unbequem war – unbequemer als heute. Denn bekam man früher seine Post nicht wegen eines unschönen Überfalls oder Achsbruchs, so bekommt man seine Post heute bisweilen auch nicht. Nicht wegen irgendwelcher Überfälle, sondern weil Pakete bisweilen auf wundersame Weise verschwinden, Pakete wider die Vereinbarung in Paketdienst-Filialen abgeliefert werden, ohne den zu Hause harrenden Wunschtermin-Empfänger darüber in Kenntnis zu setzen oder einfach über den Gartenzaun geworfen werden (eine Bekannte berichtete, sie habe kürzlich ein schon länger erwartetes, angeblich zugestelltes Paket unter einem ausladenden Busch im Garten gefunden, mehr durch Zufall, da sie gerade den Rasen mähte, und ein Nachbar berichtete, er habe ein Paket für einen anderen Nachbarn in der Blauen Tonne gefunden …). Und Päckchen sind sowieso ganz heikel! Keine Tracking-Nummer. Verschickt deshalb lieber niemals Päckchen! 😉

In diesem Sinne: Beamen wäre doch ganz schön. 😉 Und: Trotz so vieler Wunschmöglichkeiten bleiben doch recht viele Wünsche offen.

Einen schönen zweiten Advent! 🙂

„Many years ago …“ – Brieffreundschaft etwas anders als früher

Kürzlich überflutete mich eine Welle der Nostalgie. Ich liebe es, Briefe zu schreiben, mit der Hand. Ich bin ohnehin ein bisweilen recht sentimentaler Mensch, wenngleich ich das nach Möglichkeit gegenüber meiner Umwelt zu verbergen trachte. 😉

Ich hatte vor Jahren eine wunderbare Brieffreundin – ich berichtete bereits. Die Brieffreundschaft begann, als ich in der Mittelstufe war, und ich nahm sie mit ins Studium. Und möglicherweise würden wir einander noch heute schreiben, wäre meine amerikanische Brieffreundin nicht im Alter von 21 Jahren gestorben. Woran, weiß ich bis heute nicht, und irgendetwas sagt mir, dass ich es vielleicht auch gar nicht wissen möchte.

Nach ihr hatte ich keine Brieffreundin mehr, mit der ich meine Gedanken besser teilen konnte als mit Menschen, die bisweilen neben mir standen oder saßen. Zu groß der Schock des Verlusts, der allerdings auch dafür sorgte, diese über Kontinente gehende Verbundenheit niemals zu vergessen.

Neulich erzählte ich meiner Kollegin Jana davon. Und sie sagte: „Warum keine neue Brieffreundschaft suchen?“ Sie hatte Recht, und ich suchte im Internet nach Institutionen, die solcherart „Verbindungen“ vermitteln.

Rasch wurde ich fündig. Und meldete mich an. Ich konnte mir sogar aussuchen, ob ich lieber per Mail oder per snail mail, also auf dem normalen Briefpostweg korrespondieren wolle. Und schon erschuf ich mein Profil, schrieb eine kleine Einführung, natürlich auf Englisch, denn es ist eine internationale Seite. 😉

Die Technik streikte ein wenig, als ich meine wunderbare Einleitung posten wollte. Etwa eine halbe Stunde rang ich mit den Elementen, und kaum war es endlich geschafft, sah ich, dass sich bereits jemand gemeldet und mir eine Nachricht hinterlassen hatte. Hui – das ging hier ja schnell! 😉

Ein Mann war es, der da etwas zurückhaltend-schüchtern anfragte, ob ich vielleicht mit ihm korrespondieren wolle. Und – Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage! – er kam aus dem Vereinigten Königreich! 😉 Genauer: aus Cornwall, einem Landesteil, den ich noch nie besucht, von dem ich aber gehört habe, dass er einfach nur umwerfend sei. Ich habe mich bis dato immer zurückgehalten, dorthin zu reisen, seitdem so viele Deutsche dies tun, nachdem vor vielen Jahren die ersten Verfilmungen von Rosamunde-Pilcher-Romanen Einzug im deutschen Fernsehen hielten. Seitdem reisen viele Deutsche an die verschiedenen Tatorte (auch Schottland ist betroffen). 😉 Ich würde ja auch gern, aber ich reise so gern, weil ich mir die Menschen und Kultur vor Ort ansehen möchte, nicht, um dort auf halb Deutschland und Menschen zu treffen, die wer weiß was von diesen Orten erwarten, als wären es Pilgerstätten. Oder meinetwegen Pilcherstätten. 😉

Ich konnte nicht sofort ausschweifend antworten. Ich war noch bei der Arbeit, schrieb aber kurz, es freue mich, dass er sich gemeldet habe, und ich würde nach Feierabend mehr schreiben.

Zu Hause sah ich mir sein Profil an und beschloss, umgehend zurückzuschreiben, denn was da stand, fand ich total interessant: freischaffender Orchestermusiker stand da neben anderen Dingen, und das Instrument, das er spielt, überzeugte mich definitiv. Jemand, der aus Überzeugung Bratsche spielt und nicht Violine und damit unter Umständen die erste Geige, kann nur auf interessante Weise anders sein. Fand ich, zumal Bratsche in der Tat ein besonderes Instrument ist. Gehört zur Familie der Streichinstrumente und Geigen, wird in gleicher Haltung gespielt wie eine Violine, ist jedoch etwas größer, und während sich die Violine stets wie der Sopran im Chor laut und mit bisweilen metallisch-klarer Qualität vordrängt, verhält sich die Bratsche stets – wie der Alt im Chor – zurückhaltend, ist aber unverzichtbar sowohl im Orchester, als auch im Streichquartett. Und als Soloinstrument ist sie ganz anders als eine Violine: Eher melancholisch klingt sie, gewissermaßen nachdenklich, und man denkt an Torfmoore, Rauch von Torffeuern und nebelverhangene Landschaften. Wer einen Sinn für Verwunschenes hat, wird die Bratsche wohl mehr schätzen als die grelle und vornehmlich fröhlich-heiter klingende Violine.

Und so dachte ich, dass es sicherlich interessant sei, mit einem Bratschisten aus Cornwall Mails auszutauschen und fing daher gleich damit an.

Aber kaum kam die erste Antwort, wurde es noch besser: Der Bratschist ist gar kein Engländer. Es wurde noch verwunschener … 😉 Der Bratschist ist Waliser! 😉 Ich kenne die meisten Teile des Vereinigten Königreichs – bis auf Nordirland und Wales. Wales fand ich immer irgendwie verwunschen – es mag an der Sprache liegen, die mit Wörtern mit erstaunlich vielen Konsonanten aufwartet, einige davon in Dopplung, teils – zumindest gefühlt – ohne jedweden Vokal. Es mag allerdings auch daran liegen, dass nur ganz besondere Menschen und nicht die halbe Welt nach Wales in den Urlaub reisen. Wales war bis dato für mich auch terra incognita. Der einzige Waliser, den ich persönlich kennenlernte, war ein Welsh Pony, auf dessen Rücken ich während meiner aktiven Zeit als Reiterin zweimal saß. Ein reizendes Tier, obwohl Schimmel. 😉

Inzwischen lerne ich Tag für Tag mehr und kann sogar den Frauennamen Angharad einigermaßen authentisch aussprechen. 😉

Die Mails gehen hin und her, und es ist bereits zur Gewohnheit worden, obwohl das Ganze erst vor drei Tagen einsetzte, zumal sogar der Humor harmoniert und es diverse Ähnlichkeiten gibt. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass ich wieder und wieder zum Rechner renne und nachsehe, ob eine Mail da sei.

Der Bratschist schrieb mir gestern Ähnliches, und dann plauderten wir wieder ein Weilchen und verabschiedeten uns schließlich. Heute würde es weitergehen.

Als ich mich heute früh einloggen wollte, erhielt ich eine Fehlermeldung. Ich versuchte es einige Minuten später. Fehlermeldung. Weitere Versuche ergaben eine Fehlermeldung. Und so ging es über Stunden. Ich wurde nervös. Und ziemlich sickig. Verdammt, was sollte das denn? (Hatte ich schon einmal erwähnt, dass mein zweiter Name Die Ungeduldige ist? Oder, weil es schöner klingt, Impatiens?) 😉

Nach vier Stunden – mein Tagesgeschäft war soweit erledigt – war ich derart aufgebracht, dass ich den Rechner, der nichts dafür konnte, am liebsten mit Schmackes aus dem Bürofenster geworfen hätte. Hui – was war das denn?

Um mich zu beruhigen, hörte ich ein wenig klassische Musik: Johann Sebastian Bachs Cellosuiten BWV 1007 – 1012, arrangiert für Solobratsche … Meine Kollegin starrte mich irritiert an: „Ist alles in Ordnung, Ali?“ – „Pssst! Hör doch diesen Klang!“ Meine Kollegin sah mich besorgt an, und mir wurde die Musik dann auch ein wenig zu düster, und so stellte ich sie ab. Die Seite war noch immer nicht erreichbar.

Glücklicherweise hatte ich dann alle Hände voll zu tun, da ein neuer Schub Arbeit über mich hereinbrach. So soll es sein, und so hatte ich auch gar keine Gelegenheit, nach Neuigkeiten hinsichtlich der allzu spröden Seite zu schauen.

Als ich die Arbeit erledigt hatte, funktionierte die Seite wieder! Und da war auch schon eine Nachricht: Endlich funktioniere die Seite wieder – das sei ja kein Zustand gewesen! Und der Bratschist schrieb, dass er immer unruhiger geworden sei, weil er sich schon so an die Mails gewöhnt hätte, die – so meinte er – seine Tage erhellten. 😉 Ich schrieb zurück, aber nein, mir sei absolut klar gewesen, dass alles beizeiten wieder funktionieren würde, wobei ich mir den Angstschweiß von der Stirn wischte. Ich setzte aber lieber ein Smiley dahinter – was ich ja total selten mache. Und bekam zur Antwort: „I’ve already noticed you have a somewhat wicked sense of humour. I like that very much.”

Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Misstrauisch, wie ich bin, und das nicht grundlos, hoffe ich nur, es ist kein Fake. 😉 Ich vermute allerdings, dass es sich eher um den Austausch zweier ähnlich gestrickter „Spinner“ handle. 😉

Es gab übrigens noch diverse weitere Kontakte – alles Männer, obwohl ich angegeben hatte, dass ich mit Männlein wie Weiblein gleichermaßen gern schriebe.

Wie auch immer: Brieffreundschaften sind heute doch ein bisschen anders als früher. 😉

Und als ich vorhin beim Einkaufen war, ertappte ich mich dabei, dass ich die Kassiererin irrtümlich auf Englisch ansprach (ist mir schon öfter passiert, wenn ich viel Englisch gesprochen oder – wie hier – geschrieben hatte und keine Absicht), die mich sogleich anblaffte: „Hier wird Deutsch gesprochen, ey! Immer diese Ausländer – verstehen kein Wort, erwarten aber, dass man ihre Sprache spricht! Dat geht nich‘ gegen Sie! Abba so gehtet ja nich‘, ne?“ Und sie zwinkerte mir zu, woraufhin ich lieber weiter so tat, als verstünde ich kein Wort … 😉

„Ich liebte ein Mädchen in …“ Oder: „Vorsicht! ‚Feind‘ singt mit!“ 😉

„Ich liebte ein Mädchen in Tegel, die hatte Ohren wie Segel. […] Ich liebte ein Mädchen in Mexiko, die hatt‘ einen runden sexy Po!“

So sang ich voller Inbrunst als Kleinkind. Das war irgendwann in den Siebzigern. Und dummerweise sang ich dergleichen sehr deutlich artikuliert und voller Begeisterung ganz laut bei meinen Großeltern in NRW … Ich habe schon als Kleinkind sehr gern gesungen. 😉

Die Aufregung war groß – woher hatte „die Kleine“ solch ein Lied? Die Aufregung war besonders groß, als ich an die Zeile geriet, die da hieß: „Ich liebte ein Mädchen in Mainz, die war gar keins.“ (Gut, um das zu verstehen, war ich noch zu klein, und auch den Rest des balladenartigen Blödel-Liedes im Schnelldurchlauf – es dauert nur etwa zweieinhalb Minuten – habe ich damals inhaltmäßig bisweilen nicht so recht verstanden, bis auf den mexikanischen Po und die Segelohren in Tegel – zum Glück hatten meine sittenstrengen Großeltern die zweite Strophe nicht zur Gänze mitbekommen, die da mit: „Ich liebte ein Mädchen in Wedding, die wollte immer nur Petting“ begann … (Was das bedeutete, wusste ich damals auch noch nicht, wie auch so vieles andere in diesem Lied – aber es reimte sich! Naja, zumindest so etwas Ähnliches. 😉 )

Meine Großeltern fragten investigativ, woher ich denn dieses Lied kennte, und meine Antwort erfolgte ebenso inbrünstig wie arglos, und ich bekannte, dass mein Onkel aus Franken und seine Freunde das immer sängen. Und die Mama würde auch immer mitsingen. Große Entrüstung bei meinen Großeltern, die hinsichtlich der angeheirateten süddeutschen Verwandtschaft, speziell jedoch mit meinem etwas unkonventionellen Onkel immer etwas gefremdelt haben. Hätte ich doch gesagt, dass dieses Lied nicht tagtäglich, sondern nur bei Partys intoniert wurde, die meist schon nachmittags begannen, harmlos, so dass auch Kinder zunächst noch daran teilnehmen konnten. Und dass man in Franken nicht derart „geschraubt“ mit Kindern umgehe. Zumindest in meiner Familie nicht. Hätte ich im fränkischen Teil meiner Familie dieses Lied so inbrünstig vorgesungen, hätte man laut gelacht, mich für meinen Mut gelobt und mir dann noch gesagt: „Und den Rrressdd, den lerrrnsdd fei spädä, wennsdd grrößä bist, gell?“

Das Lied hatte ich lange vergessen, nur manchmal schossen mir die Textzeilen mit dem „Mädchen aus Tegel“ und dem „Mädchen aus Mexiko“ durch den Kopf, und dann musste ich immer lachen. Das Lied ist untrennbar mit meiner Kindheit verbunden, und von daher war es für mich immer ein schönes Lied, das gute Laune machte. Gut, nicht zwingend bei meinen Großeltern aus NRW, und der Gedanke daran entlockte mir aus unerfindlichen Gründen immer ein leicht ironisches Grinsen … 😉 Nichts gegen meine Großeltern hier, die ich mochte, aber man kann es auch übertreiben mit dem Entsetzen.

Erst vor drei Tagen wurde mir das Lied wieder präsent, denn ich las, dass sein „Erschaffer“, Ingo Insterburg war sein Künstlername, gestorben sei. Und ich googelte nach dem gesamten Text, las ihn und brach in lautes Lachen aus. Das hatte ich bei meinen liebevollen, aber sittenstrengen Großeltern allen Ernstes gesungen? 😉 Ich verstand ihre Aufregung zwar noch immer nicht, aber ich hatte eine Ahnung, was sie wohl gedacht haben müssen.

Dann rief ich meine Schwester an, und als sie sich meldete, sang ich: „Ich liebte ein Mädchen in Mexiko“. Zum Glück erkannte sie meine Singstimme und sang zurück: „Die hatt‘ einen runden sexy Po!“ Sie hatte Lied und Text offenbar auch verinnerlicht. 😉
Und dann schwelgten wir ein bisschen in Kindheitserinnerungen, zu denen auch dieses Lied und viele schöne Ferien in Franken gehörten. Auch meine Erfahrung hier nach Absingen des Liedes – Stephanie lachte sich halbtot und meinte: „Typisch Ali! Wie konntest du das auch bei Omma und Oppa absingen? Und dann noch fröhlich erklären, dass das in Franken ganz normal sei! Kein Wunder, dass Omma Elisabeth damals so schockiert war, als sie mit uns beiden mit dem Zug nach Franken fuhr, wir von Onkel Christoph in Würzburg abgeholt wurden, der dich und mich mit den Worten: ‚Da seid ihr ja endlich, ihr kleinen Scheißerlein!‘“ empfing! Weißt du noch, wie entgeistert Omma guckte, während wir laut jubelnd zu Onkel Christoph rannten und er uns in den Arm nahm? Omma war völlig verstört! Da bezeichnet man ihre Enkelinnen als Scheißerlein, und die jubeln sogar und stürzen dem vermeintlichen Beleidiger auch noch in die Arme!“ – „Ich fand es passend, dass Omma mal gezeigt wurde, wie es in Franken abgeht und dass das – wenn es auch schräg klingen mag – sehr liebevoll gemeint ist. Eine Lektion in interkultureller Kompetenz!“ – „Erinnerst du dich daran, dass Omma ganz stumm im Auto gesessen hat, auf der Fahrt von Würzburg nach Bamberg? Während du und ich laut lachten und uns freuten, endlich wieder in Franken zu sein?“ – „Ja. Ich glaube, sie hat es nicht verstanden, dass wir nach einer vermeintlichen Beschimpfung auch noch so begeistert auf die Umgebung reagierten. Sie verstand die fränkische bzw. bayerische Art nicht und verwechselte das Ganze mit ungehobeltem Benehmen. Da ist sie ja aber beileibe nicht die Einzige.“

Und ich lachte und sang: „Ich liebte ein Mädchen in Wannsee, die konnte kein’n nackten Mann seh’n!“ Stephie lachte.

Es kommt halt immer auf die Chemie an – und die stimmt bisweilen schon nicht zwischen verschiedenen Regionen eines Landes. Gut – weder Onkel Christoph noch ich waren je die besten Diplomaten … 😉

„AKW“ muss nicht immer „Atomkraftwerk“ heißen …

Ich finde ja, dass manche Wörter – speziell im Deutschen – recht sperrig seien. Damit sind – schlimmstenfalls – Kreationen wie Donau­dampfschifffahrts­gesell­schafts­kapitän gemeint. Und – ja! – dieser Begriff ist keineswegs erfunden, nein. Den gab es wirklich! 😉

Grauenhaft sogar für Muttersprachler – wie erst mussten oder müssen sich Menschen fühlen, die Deutsch als Fremdsprache lernen! Noch schlimmer als ich bei meinem tapferen Erwerb der polnischen Sprache (dagegen erscheint mir der Niederländisch-Kurs, den ich auch weiterhin besuche, wie eine Art Erholung … Fast möchte man dabei die Füße hochlegen, zumindest im direkten Vergleich. Und man windet sich beim Niederländischen – anders als beim Polnischen – auch keinen Knoten in die Zunge … 😉 )!

Aber es gibt da etwas Wunderbares: Abkürzungen. Wir alle kennen sie. Sie vereinfachen zum Beispiel – z. B. – den Schriftverkehr. Mein Grad, den ich nach einem zermürbenden Studium endlich ergattert hatte, heißt abgekürzt M.A., und das steht für Magister Artium, wörtlich übersetzt: Meister der Künste! Die größte Kunst bestand übrigens darin, mich selber davon zu überzeugen, das Examen auch wirklich zu machen, das ich dann auch bestand, und das sogar gut … 😉 (Fragt aber bitte nicht nach dem Heulen und Zähneklappern, Blut, Schweiß und Tränen – ich hatte panische Angst vor dem Examen. Und das alles für zwei Buchstaben und zwei Punkte hinter meinem Namen, der allerdings damit erheblich mehr hermacht … 😉 ) Alles dafür, dass ich vor Jahren, als ich durch Insolvenz meines damaligen Arbeitgebers arbeitslos geworden war, bei der Agentur für Arbeit gefragt wurde, ob das Kürzel mit Abschluss heiße. Da habe ich nach anfänglichem Staunen laut gelacht – ja, in der Tat! Im Grunde heißt es das ja irgendwie. 😉 Frau Röhrig entschuldigte sich sogleich bei mir, als ich es erklärte, aber ich lachte noch mehr und meinte: „Nein, nein! Alles in Ordnung! Die Glückseligkeit hängt beileibe nicht von einem akademischen Grad ab – sonst säße ich ja gar nicht hier. Nein, alles okay! Ganz ehrlich: Ich wollte eigentlich gar nicht studieren, sondern Logopädin für Kinder werden. Mir ist völlig schnurz, ob jemand so einen oder ähnlichen Grad hat oder nicht – Hauptsache, das Herz sitzt an der richtigen Stelle!“

Abkürzungen sind bei sperrigen Begriffen oder auch Fremdwörtern bisweilen sehr, sehr praktisch. Auch wenn ich mich manchmal wundere, warum manche Leute et cetera nicht einfach mit etc., sondern ect. abkürzen. Es ist besser, eine andere Abkürzung zu benutzen, wenn man nicht genau weiß, wie sich die fremdsprachliche Abkürzung schreibt, und hier wäre usw. sicherlich besser. Dasselbe bei q.e.d. – da las ich schon mehrfach c.e.d. Einmal sogar ausgeschrieben: Cuod erat demonstrandum … Es klingt jetzt sicherlich arrogant, ist aber gar nicht so gemeint, nur würde ich in solchen Fällen empfehlen, die deutsche Abkürzung, w.z.b.w., was zu beweisen war, zu verwenden.

Auch auf offiziellen Einladungen findet man bisweilen Abkürzungen, zumindest solchen, da eine Rückmeldung gewünscht ist. Früher schrieb man u.A.w.g. – um Antwort wird gebeten. Danach war RSVP nicht selten zu finden. Das ist eleganter – zumindest empfanden das nicht wenige Einladende so. Denn das ist die französische Abkürzung, und Französisch wird ja von vielen als total schick empfunden. Dabei ist es eine ganz normale Sprache, und somit ist RSVP auch eine ganz normale Abkürzung, die Répondez, s’il vous plaît bedeutet. Kurz und schmerzlos: „Bitte antworten Sie.“ Sofern man teilnehmen möchte. 😉

Ich habe bis vor einiger Zeit als Dozentin gearbeitet und musste meinen Studis ganz minutiös erklären, dass einige meiner Veranstaltungen s. t. stattfänden, andere jedoch c. t. – sie kamen ständig durcheinander und im Falle von s. t. oft viel zu spät, obwohl die Veranstaltung in der Tat pünktlich zum im Vorlesungsverzeichnis genannten Zeitpunkt begann. Als ich ihnen erklärte, was die Abkürzungen bedeuteten, blickte ich in riesengroße Augen: „Wat? Wie? Sine? So wie Apfelsine? Was heißt denn das?“ Da erst fiel mir auf, dass viele Studis gar kein Latein mehr in der Schule haben. Beim letzten Seminar mit 30 Teilnehmern fragte ich – denn Lateinkenntnisse sind auch im Englischen sehr hilfreich und erleichtern einiges – einmal mehr nach, wer denn noch (!) Latein in der Schule gehabt hätte, und da meldeten sich ganze zwei Leute, und das mit einem Habitus, als hätten sie dafür den Nobelpreis verdient – mindestens … 😉 (Ich gebe zu, Latein war gewiss auch nicht mein Lieblingsfach – ganz im Gegenteil! Ich hatte unverdientes Glück: Ich musste dafür nicht viel lernen. Umso schöner, dass es mir wirklich weitergeholfen hat in meinem Studium – und nicht nur dort. 😉 Aber eine besondere Leistung ist es eigentlich nicht. Oder? Eine Leistung – abhängig von der Art des Lateinlehrers – ist es, wenn man vor Langeweile im Lateinunterricht nicht einschläft. 😉 )

Dennoch waren zu meinen Studienzeiten auch Lateinunkundige – davon gab es damals allerdings nicht so viele wie heute, und viel mehr Schüler waren mit dieser Sprache gequält worden – in der Lage, den Unterschied zwischen s. t., sine tempore, und c. t., cum tempore, zu verstehen, und das nach nur einmaliger Erklärung. 😉 Sine tempore waren meist Seminare, Übungen oder Praktika. Cum tempore meist Vorlesungen, denn da konnte jede/r so hereinschneien, wie er/sie wollte.

Im privaten Gebrauch können Abkürzungen ganz individuell sein. Glücklicherweise bin ich mit der Abkürzneigung vertraut, da durch meinen Vater, Elektroingenieur und abkürzbegeistert, von klein auf damit quasi verwachsen, und das hat schon mehrfach geholfen. Man muss manchmal einfach nur abstrakt denken – und/oder ein Faible für Sprache haben. 😉

Vor diversen Jahren war ich auf der Examensparty meines – auch damals schon – Ex-Freundes Richie eingeladen, die in Neuss stattfand, woher Richie stammte. Einige Leute aus Aachen sollten auch kommen, darunter Paul, der mich dann auch mit dem Auto mitnahm. Als wir in Neuss vor Richies Elternhaus geparkt und an der Tür geklingelt hatten, stellten wir fest, dass niemand öffnete, obwohl von jenseits der angebauten Garage, hinter der der Garten war, Partygeräusche zu hören waren. Paul klingelte wieder und wieder an der Haustür, bis der Klingeldraht beinahe durchbrannte … Wir riefen. Wir klingelten. Ohne Erfolg.

Dann plötzlich entdeckte Paul ein Schild: „Z. P.: B. a. d. GT h. d. MT k.!“ Er sah sich nach mir um und meinte: „Kannst du dir erklären, was das heißen soll?“ Ich sah ihn zunächst ebenso irritiert an wie er mich, dann sah ich mich um, und schon fiel der Groschen: „Ja! Klar! ‚Zur Party: Bitte an der Gartentür hinter der Mülltonne klingeln!‘“ Und ich strahlte Paul an, als hätte ich gerade das Rad erfunden. 😉

Paul sah mich an, als sei ich vom Irrsinn angefallen, und er meinte: „Aha. ‚Gartentür‘ – ‚Mülltonne‘ …“ – „Ja, sorry, ich bin selten durch die Garage ins Haus gekommen – aber daneben ist doch die Gartentür! Da ist die Garage, und links daneben ist die Gartentür – hinter der Mülltonne!“ Paul seufzte, dann meinte er: „Diese absolut irre Abkürzung ist eindeutig auf Richies Mist gewachsen! Klar, ist ja auch Ingenieur – die kürzen immer alles ab!“ Und dann grummelte er vor sich hin: „Du bist keine Ingenieurin, verstehst das aber offenbar – warum seid ihr beide eigentlich nicht zusammengeblieben? Sogar die bescheuertsten Abkürzungen verstehst du! Als wäret ihr eins!“ Ich lächelte und meinte: „Ich bin vorbelastet. Mein Vater ist Ingenieur. Die lieben Abkürzungen, und wie die zu interpretieren sind, lernt man als Ingenieurkind ganz schnell.“

Paul drückte enerviert auf die Klingel neben der Gartentür. Die ging Sekundenbruchteile später auf, und Richie rief laut und begeistert: „Da seid ihr ja! Ihr habt offenbar die Abkürzung verstanden! Endlich – die meisten haben -zigmal an der Haustür geklingelt und dann laut gerufen. Immerhin – ihr habt es verstanden!“ Paul grinste: „Ich nicht! Ich würde jetzt noch vor der Haustür stehen und klingeln – hier, deine Ex hat total schnell geschaltet! Die reinste Dechiffriermaschine – so schnell ging das! Warum ihr beide nicht mehr zusammen seid, ist mir ein Rätsel! So eine Frau findest du so schnell nicht wieder – versteht sogar deine bekloppten Abkürzungen …“ Und Paul stürmte durch die Gartentür, während Richie mich in den Arm nahm und meinte: „Der versteht das nicht – hat halt keine Ingenieurgene. Er ist halt ein Banker.“ – „Und ich Philologin.“ – „Aber mit echten Ingenieurgenen – grüß doch bitte deinen Vater von mir!“ 😉

Ingenieure unter sich. Mein Vater hat, als ich noch studierte, meine monatliche „Förderrate“ immer überwiesen, und auf dem Kontoauszug stand am Ende der Buchung immer: HGP. Das erstaunte mich anfangs, und als ich dann nachfragte, erklärte er mir, dass dies: „Herzliche Grüße, Papa“ heiße. Das fand ich total süß, und ich freute mich immer, wenn ich es auf Kontoauszügen las. 😊

Mein Vater hat nie von seinem AKW abgelassen, den er – je nach Stimmung – auch als AküWa bezeichnet, als Abkürzwahn. Nett, dass er es selber als eine Art Trieb betrachtet. Sehr sympathisch und menschlich. 😉

Erst kürzlich wurde er von diesem „Wahn“ eingeholt. Und das durch mich. Und der Anlass so erfreulich. Und harmlos. 😉

Denn am Sechsten dieses Monats rief ich meine Eltern an. Es war ein erfreuliches Telefonat, eine Gratulation, und als meine Mutter sich meldete, rief ich fröhlich: „Alles Gute zum Hochzeitstag!“

Meine Mutter stutzte, dann fing sie zu lachen an und meinte: „Ach, du Scheiße! Das haben wir ja völlig vergessen! Karl-Heinz – wir haben heute Hochzeitstag! Ali ruft an und gratuliert!“ Mein Vater rief aus dem Hintergrund Dankesworte, und ich lachte und meinte: „Ja, vielleicht verdrängt man einiges ja mit der Zeit …“ Meine Mutter lachte auch und meinte: „Nicht frech werden!“ Und wir unterhielten uns kurzfristig weiter, bis aus dem Hintergrund mein Vater etwas rief. Seine Stimme klang triumphierend. Und irgendwie erleichtert. Als sei eine Last von ihm abgenommen worden. Und ich hörte, wie er zu meiner Mutter etwas sagte … Es klang wie undeutliches Gemurmel, da meine Mutter den Hörer zuhielt.

Dann hörte ich meine Mutter wieder, die laut lachend in den Hörer rief: „Danke für deinen Anruf und die Glückwünsche, Ali! Endlich wissen wir, was da auf unserem Wandkalender am Sechsten vermerkt ist! Da steht HT-KuK! Wir haben nun seit Tagen herumgerätselt, was das wohl heißen könne – du hast uns echt geholfen, weil wir schon dachten, dass das ein Termin sein könnte, den zu verpassen peinlich sein könnte! Und nun wissen wir endlich, was das heißt, nämlich …“ – „ … Hochzeitstag Karl-Heinz und Kathrin!“ – „Ja! Das alles ist nur deinem Vater anzulasten, mit seinen ewigen bescheuerten Abkürzungen! Seit Jahrzehnten! Nur wusste er früher noch, was die bedeuten! Karl-Heinz! Heute koche ich nicht – wir gehen essen! Das muss gefeiert werden!“ 😉

Aber sie waren beide fröhlich und freuten sich, wenn auch meine Mutter meinte, dass Abkürzungen vielleicht mit fortschreitendem Alter nicht mehr ganz so praktisch seien. 😉

E. e. sch. A.! 😉

Im Grunde sind immer und an allem die Eltern schuld – speziell die Mütter … ;-)

Neulich stolperte ich in der Online-Ausgabe einer renommierten Zeitung über einen Artikel, in dem es darum ging, dass Kinder unser aller Zukunft seien. Daran gibt es natürlich nichts zu rütteln. Höchstens an der Art und Weise, wie die Kinder sozialisiert werden. Und da scheint sich gegenüber meiner und der Kindheit vieler anderer Menschen meiner Altersgruppe so einiges geändert zu haben. Ganz zu schweigen von der Altersgruppe meiner und der anderen Menschen meiner Altersgruppe Eltern! 😉

Staunend las ich die Auskunft eines Praktikanten bzw. einer Praktikantin eines KiGas bzw. einer KiTa, die besagte, dass eine Mutter stolz berichtet habe, dass sie ihrem kleinen Sohn – sicherlich ein wichtiges Projekt, als das manche Eltern ihr Kind sehen – jeden Morgen minutiös mittels eines Haartrockners die Klobrille vorwärme, da er sich sonst nicht für den Toilettengang erwärmen könne. (Und es kann ganz leicht in die Hose oder sonstwohin gehen, wenn man da nicht hinreichend aufmerksam ist … 😉 ) Eine weitere Mutter bekräftigte, dass ihre Tochter den Toilettengang strikt verweigere, sei der Toilettensitz nicht vorgewärmt, und dann kamen noch mehrere Erziehungsberechtigte zusammen, die Ähnliches zu berichten wussten.

Ich las, saß da und war froh, keinen Spiegel vor meinem Antlitz zu haben. Mein Gesicht hätte ich in dem Moment, da ich dessen, was dort berichtet wurde, gewahr wurde – nebst allen Konsequenzen! – nicht sehen mögen. Wahrscheinlich blickte ich wie jemand drein, vor dessen Augen gerade ein Massaker stattfindet oder -gefunden hat: leerer Blick, offener Mund, Schock!

Mal ganz im Ernst: Geht es noch? Kinder verweigern den Gang zur Toilette, wenn die Eltern die Klobrille nicht vorwärmen? (Keine Frage, daran sind nicht die Kinder schuld …) Das schockierte mich wirklich, aber als ich dann an die letzten Seminare an der Universität in der Nachbarstadt dachte, wunderte ich mich nicht mehr so sehr. Dann dachte ich über die von mir geleiteten Seminare an einer anderen Hochschule nach, und da hatte ich immerhin drei Jahrgänge, von denen der älteste bzw. erste noch der coolste war, obwohl es da auch Abstriche gab. Sie wollten alle als total erwachsen ernstgenommen werden, aber wenn es hart auf hart kam, hieß es öfter: „Frau B., Herr Prof. W. ist ungerecht! Können Sie mal mit ihm sprechen? Bittääää!“ Meine Antwort in jedem dieser Fälle: „Nein. Das ist nicht meine Aufgabe, und darüber hinaus: Warum sollte ich das tun? Was erwarten Sie von mir? Sie sind erwachsen, wollen ja auch als Erwachsene wahrgenommen werden. Das tue ich – es sei denn, Sie benehmen sich mal wieder kindisch. Im Allgemeinen jedoch nehme ich Sie ernst. Und somit erwarte ich auch von Ihnen, dass Sie Ihre Probleme wie erwachsene Menschen angehen. Ich nenne Ihnen bei Misserfolg gern Stellen, an die Sie sich wenden können. Nur, bitte: Halten Sie mich da heraus, da ich a) keinen Einfluss habe, b) Sie ja erwachsen sind. Meinen Sie denn, während meines Studiums wäre jemand anderes als ich hingegangen und hätte sich in Zweifelsfällen für mich eingesetzt? Nee!“ So war es auch. Manchmal galt es einfach, das Beste aus der verfahrenen Situation zu machen, und das tat man dann auch.

Ich muss dazusagen, dass mich die Studis trotzdem – vielleicht auch gerade deswegen – gemocht haben. Zu einigen habe ich heute noch Kontakt, und inzwischen duzen wir einander. Erst kürzlich bekam ich eine Nachricht über den Messenger eines Sozialen Mediums, als ich in Bonn bei der Fortbildung war: „Hey, Ali! Kann es sein, dass ich dich vorhin im Frühstücksraum des …-Tagungshotels gesehen habe? Ich war mir nicht sicher und musste schnell auschecken, da ich meinen Zug bekommen musste – aber das wollte ich doch gerne wissen! Ich denke, du warst das – ich habe mich in jedem Fall gefreut!“ 😉 Und es stimmte! Julius warnte mich sogar noch, dass es im Tagungszentrum nur Jever als Biersorte gebe! Ich schrieb zurück, ich hätte am Vorabend lieber Jever getrunken als Kölsch beim Italiener, und ich erntete diverse höchst amüsierte Emojis und die Hoffnung, demnächst mal persönlich ein Pilsken zu trinken. Nett! 😊

Ich bin mir sicher, dass Julius‘ Eltern ihm – ähnlich wie meine Eltern – auch nicht die Klobrille warmgeföhnt haben. Dennoch rief ich kürzlich meine Eltern an, wenn auch aus anderen Gründen. Aber – meine Mutter war dran – ich meinte: „Ich bin übrigens sehr bestürzt darüber, wie ich als Kind vernachlässigt wurde!“ Dabei grinste ich …

Meine Mutter schnappte nach Luft, dann meinte sie: „Geht es noch?!?“ Und ich rief: „Das war nicht ernstgemeint! Hör mir einfach zu!“ Und schon las ich ihr aus der Online-Version der o. a. Zeitung vor … Meine Mutter sagte erst einmal gar nichts. Doch dann drang dröhnendes Lachen durch den Hörer, und sie rief: „Ach, du Scheiße! Und das soll die Zukunft sein? In der Tat: Wenn das der Standard ist, haben Papa und ich uns hinsichtlich deiner Schwester und deiner Person einiges vorzuwerfen! Nicht nur, dass Papa und ich euch zumuteten, euch auf die unangewärmte Klobrille zu Hause setzen zu müssen, mussten Stephie und du damals im Urlaub im Allgäu auch noch ein Plumpsklo aufsuchen! Naja, du nur dreimal, weil du solche Angst hattest. Aber das Ding war sogar für Erwachsene arg, und du warst knapp drei Jahre alt und wärest fast durch die Brille in die Senkgrube gefallen – zum Glück habe ich dich festgehalten! Danach war das Klo-Thema mit dir auch einen Tick schwieriger, aber es musste nie etwas vorgewärmt werden. Unglaublich! Da graut einem ja vor der Zukunft. Ich muss feststellen, dass ich erstaunlich pflegeleichte Kinder habe.“ (In gewisser Weise war ich den Kindern, die alles vorgekaut und -gewärmt haben müssen, sogar noch ein wenig dankbar: Derartiges hatte meine Mutter zuvor noch nie geäußert! 😉 )

Eine Woche später rief Mama mich an, und sie sagte: „Ich habe noch einmal nachgedacht. Stephie war ja neulich da, und wir haben mit ihr alte Super-8-Filme angesehen, aus der Zeit, als sie noch ein Baby bzw. Kleinkind war. Da wurde mir zeitweilig ganz schlecht! Es gab mehrere Szenen, da sie in der Küche auf der Arbeitsplatte saß, ganz klein war sie noch, und neben ihr stand der Obstkorb, und ein Messer lag daneben! Und in einer anderen Szene spielt sie mit einer Zigarettenschachtel! Und in der Szene darauf mit einem Feuerzeug! Ehrlich gestanden: Wie verantwortungslos war ich denn damals?!?“

Ich lachte schallend und sagte: „Überhaupt nicht verantwortungslos! Du warst doch immer dabei und hast aufgepasst! Die Zeiten waren anders, Zigarettenschachteln und Feuerzeuge lagen herum, aber dennoch wurde auf die Kinder aufgepasst – mach dir doch keinen Kopp! Stephie ist doch gut geraten! Sie raucht nicht einmal!“

Mama lachte, und dann meinte sie: „Es kommt natürlich auch ein bisschen auf die Persönlichkeit des Kindes an … Dich hätte ich gewiss nicht auf der Arbeitsplatte sitzen lassen können, und die Zigaretten und das Feuerzeug hätte ich dir sicherlich gleich aus der Hand gewunden! Du warst zwar immer sehr gelassen und wirktest sehr ruhig – aber wehe, man drehte dir nur kurz den Rücken zu! Du kamst immer auf ganz unerwartete Ideen! Es war nie langweilig mit dir.“

Da rief ich: „Wie – auch noch Kritik? Ihr habt mir ja noch nicht einmal die Klobrille vorgewärmt! Kein Wunder, dass ich da so reagierte!“

Und meine Mutter und ich lachten uns halb schlapp … 😃 Und wir freuen uns unbändig auf die Zukunft! 😉

„All die schönen Pferde …“

Ich liebe Tiere (abgesehen von Spinnen und Insekten, denen ich jedoch auch nichts Schlimmes wünsche), und zu meinen Lieblingstieren zählen auch Pferde. Früher bin ich geritten, habe – ich Feigling! – aber nach einem sehr heftigen Sturz beim Springen damit aufgehört. Das war ein einschneidendes Erlebnis, und danach habe ich viele Jahre gar nicht auf einem Pferd gesessen. Erst lange danach wieder, aber regulär habe ich nie wieder mit dem Reiten begonnen, obwohl ich – auch jetzt noch – immer wieder überlegte, ob ich nicht doch vielleicht wieder anfangen solle.

Ich bin am liebsten Dressur oder im Gelände geritten. Allerdings nur dann, wenn es um nichts ging. Ich bin nicht der Turniertyp. Wenn alles mit fairen Dingen zugeht und die Tiere gut gehalten werden, habe ich nichts gegen gelegentliches „Kräftemessen“. Ich selber musste das aber nie haben. Ich war gern mit Pferden zusammen, ich ritt gern, aber nie für einen Preis.

Es muss für mich immer fair und mit rechten Dingen zugehen. Keine zweifelhaften Trainingsmethoden, kein allzu ehrgeiziger Druck, keine falschen Voraussetzungen. Ich war, als ich noch ritt, wohl eher der Typ Freizeitreiter. Ich kenne jedoch einige Turnierreiter, die unter guten Bedingungen Turniere reiten – dagegen habe ich rein gar nichts.

Was ich noch nie mochte, sind Pferderennen, das kann ich wohl mit Fug und Recht sagen. Ich würde auch nie auf Pferde wetten. Zum einen, weil ich eine absolute Wettversagerin bin, zum anderen und wichtiger, weil ich es abstoßend finde. Da werden Pferde, Vollblüter, in halsbrecherischem Tempo über eine Rennbahn gehetzt, die teils unter extrem fragwürdigen Konditionen gehalten und trainiert werden. Nicht in allen Rennställen, aber in viel zu vielen. Und auf der Zielgeraden bekommen sie dann auch noch den Arsch versohlt von Reitern, die nicht ans oberste Regalbrett im Supermarkt reichen.

Irgendwie ist es mir schon zuwider, dass Tiere, die nicht selbst entscheiden können, für das finanzielle Wohl von Menschen rennen oder sonst etwas tun müssen, das sie vielleicht selber ganz anders oder gar nicht machen würden.

Mich stößt sehr vieles am Renn“sport“ ab. Eingefleischte Fans dieses fragwürdigen Geschehens sprechen wieder und wieder von den „edlen Vollblütern“. Ja, das sind sie, diese Pferde – in der Tat edel, wunderschön und sehr sensibel. Ich hatte in meiner aktiven Zeit selber das Vergnügen, drei Vollblüter zu reiten. Oder zumindest auf ihnen zu sitzen … 😉 Obwohl es gar nicht so schlecht lief.

Diese drei Wallache waren nicht im Rennsport tätig, sondern der Stolz meines damaligen Reitlehrers, seine eigenen Pferde, und ich war stolz, dass man sie mir anvertraute.

Aladin war ein Schimmel und recht eitel. Reiterfehler zeigte er sofort und zuverlässig an, und ich kann mich an eine Stunde erinnern, in der ich zweimal unfreiwilligen Bodenkontakt hatte. 😉 Danach wusste ich, wie der Hase lief. Bariton – man beachte den Namen, denn das Pferd konnte gar nicht singen – war ein Fuchs und ein etwas hibbeliger und guckiger Geselle. Selbst wenn das Kommando Halt! hieß und man vorschriftsmäßig zum Halt parierte, trippelte und tänzelte er herum, blickte hier- und dorthin, erschrak bisweilen vor dem Schweif des Vorderpferdes, und wir beide waren sicherlich nicht die beste Kombination, da ich durch sein Gehibbel auch immer nervöser wurde. 😉 Bonito hingegen, ein brauner Wallach, war ein Traum für mich. Er war der Coolste der drei. Man spürte zwar, dass auch er recht „nervig“ war, und auch er zeigte sofort, wenn etwas nicht stimmte, aber er tat es auf eine eher abgeklärte Art. Auch so begriff man. Er war der Gentleman des Trios, bestehend aus einem „Playboy“, einem „Huch, ist das ein Monster oder doch nur der Schweif meines Vordermannes?“-Typ und eben ihm, dem Coolen, Abgeklärten. 😉

Alle drei hatten eines aber nie: einen panischen Blick. Gut, Bariton war sicherlich besonders sensibel, aber ich habe nie echte Angst bei ihm gesehen. Er erschrak schneller als die beiden anderen, aber das ging schnell vorüber. Eigentlich stand mir dieses Pferd wesenstechnisch sogar am nächsten, da auch ich sehr schreckhaft bin. Aber das geht immer schnell vorüber. 😉

Möglich, dass die drei Vollblüter meiner aktiven Zeit jedoch auch deshalb so ausgeglichen waren, weil man sie nicht – anders als Rennpferde – bereits mit einem Jahr versteigert und mit eineinhalb Jahren antrainiert hatte. Wahrscheinlich haben sie einfach Glück gehabt, dass sie fürs Rennen zu langsam waren.

Denn Rennpferde werden im zarten Alter von einem Jahr bereits versteigert und dann nicht selten mit eineinhalb Jahren schon fürs Rennen trainiert. Denn Vollblüter – so die allgemeine Aussage bei Rennpferdebesitzern, Trainern, Jockeys und Zuschauer-Fans – seien ja „frühreifer“ als Warmblüter. Das ist natürlich ein tolles Argument, nicht wahr, wenn man quasi Kinder schon zu Hochleistungssportlern trainiert. Auch Vollblüter sind mit einem, eineinhalb und auch zwei Jahren – da bestreiten nicht wenige ihre ersten Rennen – noch nicht ausgewachsen, und Knochen, Sehnen und der gesamte Bewegungsapparat sind noch nicht ausgereift. Und es gibt Rennställe, da stehen die armen Kerle 23 Stunden in einer Box und werden nur eine Stunde zum Training herausgeholt. Weidegang? Kommunikation mit anderen Pferden? Was ist das? Die Verletzungsgefahr beim Investitions“material“ ist viel zu groß! Gewiss sind nicht alle Rennställe so, aber zu viele.

Ich habe mir heute eine Doku zum Thema angesehen. Aufs Frühstück habe ich danach verzichtet. Ich habe Pferderennen noch nie gemocht, wusste auch, dass es immer wieder vorkommt, dass Pferde ein Rennen nicht überleben. Das Wissen darum ist schlimm genug, es aber vorgeführt zu bekommen, ist noch eine andere Hausnummer.

Ich sah heute sehr unschöne Bilder, die meine Meinung zu Pferderennen noch verstärkten: Mehrere Pferde, die stürzten, sich wieder hochrappelten, auf allen Vieren auftreten wollten und mit einem Bein ins Leere traten, denn der jeweilige Huf trug nichts mehr, baumelte lose und, nur noch von Haut und Fell gehalten, in der Gegend herum. Durchbruch – das Todesurteil. Zumindest in diesem Genre. Ich sah offene Brüche. Ich sah ein Pferd, das in merkwürdig steifem, schlenkerndem Gang bis an den Rand der Bahn schlingerte wie ein Schiff in Seenot und dort zusammenbrach. Aortenabriss, so hieß es. Klar, damit kann man nicht weiterlaufen – das sollte auch dem Dümmsten einleuchten. Und damit kann man auch nicht weiterleben. Erstaunlich schnell waren Menschen mit einer Plane zugegen, ebenso ein Mann mit einer Tasche, wohl der Bahnveterinär, während der Jockey fluchend vom zusammengebrochenen Tier sprang. Dann kam noch ein anderer Mann angerannt, wütend. Wohl der Besitzer des Tieres, das es – Frevel! – nicht geschafft hatte, eine Siegprämie zu errennen! Der einzige, kleine Trost für mich, der unwillkürlich Tränen übers Gesicht rannen, war eine junge Frau, die ebenfalls herbeigerannt kam und sichtlich weinte: Es war wohl die Pflegerin des Tieres, die es wirklich mochte.

Schäbige Bilder. Schäbige Interviews folgten. Da behaupteten einige, die Pferde würden aus Freude auf der Bahn so rennen. Panik im Führring wurde damit begründet, dass es „nun einmal Vollblüter“ seien. Ich dachte sofort an Bonito, den Abgeklärten. Auch er ein Vollblut. Aber nie die Panik in den Augen, die hier wiederholt zu sehen war.

Panischen Pferden wurde im Führring mit Lederzügeln wirklich mit Schmackes auf die Nüstern geschlagen – als ob dadurch etwas besser würde! Klar! Ein panisches Lebewesen ist auf einmal nicht mehr panisch, wenn es heftig geschlagen wird … Eine junge Arbeitsreiterin demonstrierte, wie ein „Zungenband“ funktioniere, mit denen man Pferden die Zunge festbinde …

Je länger ich dem scheußlichen Treiben zusah, desto mehr dachte ich: „Ist hier niemand, der mit Pferden als Lebewesen umgehen kann? Oder besser: will?“ Ich bin beileibe keine übermäßig beschlagene Pferdekennerin. Ich weiß, dass man bisweilen etwas handfester sein muss, wenn ein Pferd aufmüpfig wird und sich als Alphatier zeigen will. Aber das war es hier alles nicht. Hier sah ich angsterfüllte Tiere, die auch noch geschlagen wurden. Ein himmelweiter Unterschied. Niemand schien sich so recht für die Tiere zu interessieren, die man als „edle Vollblüter“ pries, denen man huldigen wolle …

Ich musste die Doku mehrfach unterbrechen, da alles an einem Stück nicht zu ertragen war. Selbstgefällige Menschen, die behaupteten, die Tiere täten das alles aus Spaß am Rennen. Desinteressierte Menschen, profitorientiert. Sicherlich erfreuen sich die Tiere auch daran, sich die Beine zu brechen, Sehnen oder gleich die Aorta abzureißen – das muss ein unglaublicher Spaß sein!

Ein Tierarzt, ehemaliger Rennbahntierarzt, kam zu Wort. Seine Aussagen bestätigten das, was ich gesehen hatte. Und dann wieder eine Szene, da ein Pferd sich ein Bein gebrochen hatte. Ein junges Mädchen am Rand der Bahn schluchzte publikumswirksam auf und rannte weg, als Helfer das arme Tier, das stieg, wobei der abgetrennte Huf in der Luft wie ein Lämmerschwanz hin- und herschwang, und wegrennen wollte auf seinen drei funktionstüchtigen Beinen, auch schon zu Boden rangen. Im Hintergrund sah man den Tierarzt und einen Wagen mit Pferdehänger nahen, und eilfertig wurde eine Spanische Wand rund um das sich noch immer wehrende und kämpfende Tier aufgestellt. Die Spanische Wand ist wichtig: Die armen Zuschauer sollen ja nicht zu sehr leiden …

Es heißt, Pferderennen sei als „Sport“art auf dem absteigenden Ast. Ich finde das gut.

Sorry, aber es brach heute aus mir heraus. Ich habe noch einige Diskussionen online verfolgt, zwischen Rennfans und – angesichts der furchtbaren Bilder – -gegnern. Die „Fans“ tobten, waren rein argumentativ aber nicht ganz satisfaktionsfähig …

Euch eine schöne Woche.

Was man im Dreieck gemeinsam haben kann

Ich bin vorhin von einer Dienstreise zurückgekehrt. Von einer Fortbildung in Bonn, und die war richtig klasse! 😊 (Im Gegensatz zum Bonner Hauptbahnhof, von dem ich schon berichtete – eine Zumutung. Und in einem halben Jahr – dem vergangenen – hat sich dort rein gar nichts geändert … 😉 )

Am Mittwochmorgen war ich losgefahren, natürlich mit der Bahn, und ich war viel zu früh da, obwohl zwei Beförderungsmittel Verspätung gehabt hatten. Das Tagungshotel kannte ich schon vom April und war quasi ein „alter Hase“ – schade nur, dass ich nicht direkt einchecken konnte … Ich war wirklich viel zu früh da. (Aber zum Glück gibt es bei derlei Seminaren etwa eine bis zwei Kaffeepausen, und in einer solchen raste ich zur Rezeption und bekam meine Keycard.)

Ich war in der Tat ein „alter Hase“, denn zu Beginn verkündete die Organisatorin des Seminars, um einander besser kennenzulernen, würden wir nunmehr keine altbackene Vorstellungsrunde zelebrieren, sondern das „Dreieck der Gemeinsamkeiten“ praktizieren. Dazu teilt sich die große Gruppe so auf, bis jeweils drei Teilnehmer zusammen sind. Einer malt ein Dreieck auf ein großes Blatt Papier, und an die drei Spitzen wird jeweils ein Name der Teilnehmer aus der Gruppe geschrieben. Dann unterhalten sich die drei Gruppenmitglieder über ihre beruflichen Gegebenheiten, Vorlieben und Besonderheiten, und man hält Eigenes fest, schreibt aber an den jeweiligen Dreiecksschenkel auch, wenn Gemeinsamkeiten bestehen. In die Mitte des Dreiecks kommt dann das, was alle drei gemeinsam haben. Das kannte ich schon von meinem letzten Bonner Seminar …

Bei Verena, Martina und mir stand mittig: „Reisen gern / Wandern gern / Haben ein sprach- und kommunikationslastiges Studium absolviert“.

Das „Dreieck der Gemeinsamkeiten“ klingt zwar wie eine Art „Stuhlkreis“-Beschäftigung, aber just bei uns in der Gruppe geschah das, was der absolute Glücksfall war: Zwei Teilnehmerinnen, die einander noch nie zuvor gesehen hatten, stellten fest, dass sie erstaunlich viel gemeinsam haben! Und das waren just Martina und ich! (Ich gebe zu, dass ich, als ich Martina in den ersten Minuten erlebte, dachte: „Mit der wirst du sicherlich wenig zu tun haben – ist nicht so dein Fall …“ Und dann das! 😉)

Denn nicht nur, dass Martina schon Sprachdienstleistungen vollbracht hat, sie allerdings als Dolmetscherin, ich als Übersetzerin, hat sie wie ich Beziehungen zu Franken, obwohl sie Saarländerin ist und ich im rheinischen Teil des Ruhrgebiets zur Welt kam. Einer ihrer Söhne liebt Schalke, ich lebe in direkter Nachbarschaft dazu … Ihr Mann ist Franke, meine Mutter ist ebenfalls in Franken beheimatet. Das Beste jedoch war: Wir haben beide im Sommer Urlaub in Polen gemacht, obwohl wir sonst andere Urlaubsziele anstreben. Beide aus dem gleichen Grund: „Irgendwie zog es mich dahin,“, sagte Martina, „und dann musste die Familie mit!“ Beide haben wir angefangen, Polnisch zu lernen, weil es uns im Land so gut gefiel – jetzt mal im Ernst: Wer macht das schon? 😉 Mir kam es auch nicht mehr wie ein Zufall vor …

Verena schien zu Martina und mir wenig Gemeinsames zu haben. Bis sie in der Kaffeepause zu mir meinte: „Ich muss jetzt erst einmal dringend eine rauchen!“ Ich starrte sie an, dann begann ich zu lachen: „Das hätten wir an den Ali-Verena-Dreiecksschenkel setzen können, wussten es aber da nicht besser.“ Sie starrte mich an und fing plötzlich zu grinsen an: „Du rauchst also auch! Cool! Immerhin zwei aus diesem Seminar! Sollen wir eben eine rauchen?“ – „Klar! Ich bin ja froh, dass außer mir noch eine Raucherin da ist!“

Zuvor hatten wir jedoch – wie alle anderen auch – unsere Erkenntnisse präsentieren müssen, was in unserer Gruppe ich übernahm. Als ich gerade Martinas und meine – völlig unerwarteten – Gemeinsamkeiten erläuterte, zu Franken kam, von der Seminarleiterin gefragt, ob wir das fränkische Essen oder Bier bevorzugen würden, was ich mit: „Alles, vor allem die Menschen“ beantwortete und von der Seminarleiterin Applaus bekam – offenbar war die Seminarleiterin auch schon in Franken gewesen und wusste, was gemeint war -, dann zu Polen überging, strahlte mich eine der anderen Teilnehmerinnen an, die im Auditorium saß und hielt mir ihre ausgestreckten Daumen entgegen.

Erst später erfuhr ich, dass auch sie im Sommerurlaub in Polen gewesen war und das alles extrem schön gefunden hatte. Sie meinte zu mir: „Darf ich dich mal drücken? Du hast das so lebendig und liebenswert herübergebracht, wie ich das auch empfunden habe! Bist du Polin? Und darf ich dich drücken?“ – „Zum ersten Punkt: nein. Zum zweiten: klar! Ich fand es einfach nur so entspannt und schön da!“ rief ich fröhlich und wurde ganz fest gedrückt. 😊 Und die andere Teilnehmerin und ich schwärmten danach von der polnischen Küche, der Herzlichkeit dort, bis die Seminarleiterin eingriff. Denn immerhin ging es nicht um Polonisierung, sondern um Internationalisierung … 😉

Gestern hatten wir volles Programm – von morgens bis abends Vorträge … Die waren wirklich sehr interessant, aber wir alle hatten den Höhepunkt des Tages vor Augen: einen Museumsbesuch mit Führung. Keineswegs fakultativ, sondern obligatorisch. 😉

Ich war hinterher heilfroh, dass die anderen genauso geschafft waren wie ich – ansonsten hätte ich mich noch alt gefühlt. 😉 Aber Verena, Martina und ich – alle unterschiedlich alt – schlappten vom Museum aus los, in Erwartung, irgendeine gastronomische Einrichtung in der Nähe zu finden, während der Rest von uns laut plappernd in die Innenstadt strebte …

Wir drei sind irgendwo vom richtigen Weg abgekommen und mussten dann kilometerweit latschen, bis das nächste Restaurant auftauchte. Verena meinte: „Inzwischen ist mir die Richtung oder Nationalküche wurscht – ich muss einfach irgendetwas essen!“ Und so hatten wir irgendwann die Terrasse eines asiatischen Restaurants erklommen, und zwei von uns hatten ihre Hintern aufatmend schon fast auf den Stühlen der Außengastronomie plaziert, als der Inhaber des Restaurants kam und erklärte, es tue ihm leid, aber sie hätten eine geschlossene Gesellschaft …

Wir sind dann weitergelaufen, bis zum Italiener, der nicht weit vom Tagungshotel entfernt beheimatet ist. Dort sind wir allerdings in Ungnade gefallen, wie es schien, denn nachdem wir schon grimmig begrüßt worden waren, hatte Verena dann auch noch die Stirn, ihre Pizza „Primavera“ statt mit Champignons mit Paprika zu bestellen – und mich muss der Wirt per se gehasst haben, denn als ich ein Kölsch – echtes Bier gab es dort nicht – bestellte, brachte er mir gleich ein großes! Also kein Trinkgeld, denn wenn ich ein Kölsch, Pils, Wasser oder eine Cola bestelle, bedeutet das allgemein immer die kleinste Größe.  Als würde ich ein großes Kölsch bestellen! 😉

Das Seminar war hervorragend, der Zusammenhalt ebenso – mit Verena bin ich zweimal zur ARAL-Tanke gegangen, um Wasser, Zigaretten und Süßigkeiten zu kaufen. Martina habe ich heute aufgetragen, den einen ihrer beiden Söhne unbekannterweise zu grüßen – ganz Gelsenkirchen hoffe, dass Schalke das Ruder herumreißen könne (einer von Martinas Söhnen, sieben Jahre alt, ist Schalke-Fan – ganz allein entschieden, was ich süß fand, und so ließ ich ihn grüßen und behauptete, es werde sicherlich alles besser. Zumindest verlieh ich meiner Hoffnung auf Änderung der Lage Ausdruck.) Das fand Martina nett, und sie meinte: „Das finde ich total rührend – du glaubst doch offenbar selber nicht dran!“ – „Das stimmt. Aber das sollte man deinen Sohn nicht wissen lassen. In dem Alter glaubt man noch an Wunder. Und manchmal passieren die sogar!“ Da nahm Martina mich in den Arm und meinte: „Es ist total schön, dich kennengelernt zu haben! Anfangs dachte ich, dass wir keine Gemeinsamkeiten hätten …“ – „Das dachte ich auch.“ – „Aber das hat sich ja wohl ganz schnell geändert!“ 😉

Schönes Seminar, schönes Resümee – was will man mehr? 😉

Euch ein schönes Wochenende! 😊

P.S.: Gerade bekam ich eine Mail von Martina, ihr Sohn lasse mich auch grüßen. Sie schrieb noch, ich sei nun eine Art Idol für ihn. O je …

Zum Glück habe ich nicht explizit gesagt, dass ich gar kein Schalke-Fan bin, sondern dass meine Präferenzen woanders liegen. Aber Auswärtige setzen stets voraus, dass man als Gelsenkirchener ganz automatisch Schalke-Fan sei – ich muss da jetzt nicht hingehen und das Ganze richtigstellen … Oder? Es ist ein Kind! 😉

Reisen in Polen kann überraschend sein

Es ist immer ein wenig komisch, wenn Klischees, gegen die man stets mit Inbrunst wetterte, wahr werden, wenigstens partiell. Finde ich zumindest. Schön, wenn man einen gewissen Sinn für Ironie, auch Selbstironie, besitzt, sonst wäre man wahrscheinlich dauerfrustriert. 😉

Ich muss hervorheben, dass dies keineswegs verallgemeinert werden kann, aber ich bin mir sehr sicher, dass meiner Schwester und mir das Folgende in Deutschland mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht widerfahren wäre. Ja, ich wäre fast bereit, meine Hand dafür ins Feuer zu legen, dass so etwas hier unmöglich wäre – zumindest den Erfahrungen nach, die ich in den letzten Jahren so machte. Lieber aber meine linke Hand dem Feuer weihen, denn ich bin Rechtshänderin, und man weiß ja nie …

Es begab sich am fünften September dieses Jahres, dem letzten Tag in Warschau, an dem Stephie und ich mit unseren Trolleys auf dem Weg gen Warszawa Centralna waren, von wo wir mit dem Zug nach Krakau fahren wollten. Inzwischen hat Stephie einen Trolley, der noch größer als meiner ist, über den aufgrund seiner Größe mehrfach lästerliche Bemerkungen gefallen waren, egal, wohin wir reisten. Sogar das Wort Schrankkoffer glaubte ich, gehört zu haben … Und nun das! Und mit den beiden Monstertrolleys dann in brütender Wärme zu Fuß zum Bahnhof – und Stephie rennt immer so … 😉 „Wir brauchen noch Tickets!“ begründete sie das Tempo, und ich staunte: Offenbar brauchten wir dauernd Tickets, denn sie hat stets ein immenses Tempo am Leib! Dabei bin ich schon zügig zu Fuß.

Am Bahnhof standen wir erst einmal brav Schlange und warteten ebenso brav, bis auf der Anzeigetafel schließlich eine 7 aufleuchtete, als wir ganz vorne standen. Und schon begaben wir uns an Schalter 7 der PKP S.A., was, wie ich schon vor der Reise im Internet recherchiert hatte, keineswegs eine Terrororganisation, sondern die größte Eisenbahngesellschaft Polens ist und ganz vollständig Polskie Koleje Państwowe Spółka Akcyjna oder auf Deutsch Polnische Staatsbahnen AG heißt. Die Dame, die uns bediente, war sehr pragmatisch und auch ein wenig dominant, denn sie ließ sich nicht davon abbringen, uns in einem Zug unterzubringen, der um 12 Uhr abfuhr. Es war 8 vor 12, und die Bahnsteige waren etwas weiter entfernt. Außerdem gibt es in Polen ein anderes System, was Bahnsteige/Gleise anbelangt, und ich redete eifrig auf die Dame von der PKP ein, uns lieber auf den übernächsten Zug zu buchen, und das auf Englisch. Sie antwortete mir auf Polnisch, und schon hatten wir die Tickets für den 12-Uhr-Zug. Sie fackelte da gar nicht lange, obwohl ich noch zu intervenieren versuchte, und das Ganze sogar mit „Proszę …“ einleitete. Nein, nein, nein. Sie hatte beschlossen, dass wir mit dem 12-Uhr-Zug in der ersten Klasse fahren würden, und dann war das so!

Dafür war das Ticket sehr, sehr günstig. Zugfahren in Polen – so hatte ich zuvor schon gelesen – ist sehr günstig, kein Vergleich zu Deutschland. Und so stoben Stephie und ich mit den Schranktrolleys von dannen, Richtung perony, den Bahnsteigen …

Als wir an peron 3 eintrafen, gab es ein wenig Konfusion. Der Zug, der für 12 Uhr ausgeschildert war, schien nicht nach Krakau zu fahren. Dafür stand am Nachbargleis ein Zug, der für Krakau ausgeschildert war, wenn auch nicht für Punkt 12 Uhr, und so stiegen wir ein. Rappelvoll war der Waggon, in den wir gestiegen waren, und ich schleppte mich mit hängender Zunge – wir hatten so rennen müssen – und vielfachem Przepraszam, proszę! in den nächsten Waggon, das Zugrestaurant. Das war ja echt nobel hier! Und das für den schmalen Preis? Hier konnte etwas nicht stimmen! Stephie hegte auch starke Zweifel und hatte auch schon den Zugführer, vulgo: Schaffner, entdeckt, den sie gleich ansprach. Da standen wir noch und hätten eigentlich auch noch aussteigen können … 😉

Der Schaffner, den Stephie auf Englisch angesprochen hatte, erklärte, wir wären hier leider falsch, schloss jedoch die Tür, obwohl Stephie noch meinte, wir sollten doch besser aussteigen und das Ticket umtauschen. Aber obwohl wir noch immer nicht abfuhren, war dies aus Gründen wohl nicht mehr möglich. Meine Schwester sah mich hilfesuchend an, und ich tat etwas, das mir gar nicht liegt: Ich dachte an etwas ganz, ganz Trauriges, und schon sah ich den Schaffner traurig an und sagte, wir seien Schwestern, die eine Rundreise durch Polen machten, weil unsere Ahnen doch von dort stammten, deren Heimatorte wir auch besuchen wollten … Und jetzt auch noch falsch – o weh … (Übrigens war nichts davon gelogen. 😊 )

Der Schaffner sah sich unsere Tickets an, erklärte, wir befänden uns in der höchsten Zugkategorie, und unsere Tickets wären hier nicht gültig – und er nannte uns den Aufpreis. Ich sah Stephie an. Die schluckte, ich schluckte auch, riss meine Augen auf und wollte gerade fragen, ob man denn da nicht vielleicht etwas machen könne … Da erklärte der Schaffner, wir sollten uns bitte Plätze in der zweiten Klasse suchen – man könne da etwas machen, und ihm werde da sicherlich etwas einfallen. Na, also!

Er half uns sogar mit dem Gepäck, und schon saßen wir in der zweiten Klasse und rasten gen Krakau. Die Tickets hatte der Schaffner an sich genommen. Etwas beklommen fühlten wir uns, konzentrierten uns aber auf die PKP-Anweisungen, die auf verschiedenen Bildschirmen zu sehen waren und sich auf die Zugkategorie bzw. den Sitzbereich bezogen, in dem wir gerade saßen, offenbar der Ruhebereich. Laut Anweisungen durfte man in diesem Zug oder diesem Bereich eigentlich kaum etwas außer dasitzen und die Fresse halten. Telefonieren? Verboten bzw. unerwünscht! Kindergeschrei? Verboten! (Ungeachtet dessen kreischte in unserem Großraumabteil ein Kind wie angestochen. Und eine Frau hinter mir telefonierte völlig ungeniert lautstark gleich mehrmals. Schräg gegenüber wurden mitgebrachte Speisen verzehrt und laut gerülpst. Und keiner schritt ein. Irgendwie sympathisch inkonsequent. 😉 )

Mehrfach gab es Fahrkartenkontrollen – nur an uns eilte der Schaffner stets vorbei und sagte zweimal beschwörend, als Stephie nachfragte, wie es denn nun um uns stehe: „Not now, not yet – just wait!“ Stattdessen fragte er jedes Mal, ob denn auch alles zu unserer Zufriedenheit sei, ob wir vielleicht etwas wünschten. Es war ein bisschen grotesk. 😉

Kurz bevor wir in Kraków Glówny einliefen, erschien der Schaffner und erklärte uns mit unterdrückter Stimme, wir könnten nun wählen: den vollen Aufpreis von 280,- Złoty pro Person mit Quittung oder 100 Złoty pro Nase ohne Quittung … Ich glaube, mir traten vor unterdrücktem Lachanfall die Augen aus dem Kopp, während Stephie den Schaffner anstarrte, als käme er von einem anderen Stern. Sie riss sich jedoch schnell zusammen und verzichtete auf die Quittung. Es war uns beiden bewusst, dass wir hier möglicherweise komplett übers Ohr gehauen wurden, aber für den Preis von 200 Złoty insgesamt konnten wir es verschmerzen. Dass der Schaffner uns auch noch mehrfach beschwor, in Polen speziell beim Zugfahren stets vorsichtig zu sein, entlockte mir bereits wieder einen Lachanfall, den ich jedoch unterdrücken konnte. War es hier so gefährlich? Oder wirkten wir so unbedarft? Wahrscheinlich Letzteres – wir hatten ja nicht einmal mit dem Schaffner verhandelt. 😉

Nichtsdestotrotz: Ich bin mir sicher, hier in Deutschland hätte der Zug einen Sonderhalt eingelegt, und man hätte uns am Weg mitten in waldreicher und einwohnerarmer Gegend ausgesetzt. Natürlich nicht ohne Konsequenzen – sicherlich hätten wir beide wegen Erschleichung von Beförderungsleistung noch eine Anzeige am Hals gehabt … 😉

Aber Autofahren ist auch interessant. Wir holten nach den fünf Tagen in Krakau am Flughafen den von uns reservierten Mietwagen ab und machten uns damit auf die Fahrt nach Schlesien, nachdem ein Taxifahrer in einem Museumsexponat von Auto – Stoßdämpfer, was ist das? – uns von Kleparz nach Balice gefahren hatte.

Unser Mietwagen war ein Kombi, ein Exemplar einer bekannten tschechischen Automarke, die sich „Schkodda“ spricht. In Kackbraun. Während wir in Schlesien unterwegs waren, gab es wenig Probleme, nur fragte Stephie ständig: „Weißt du, wie schnell man in geschlossenen Ortschaften fahren darf? Die fahren hier alle so schnell!“ Ich riet zu 50 km/h, wenn nicht anders angegeben, aber sie meinte: „Die anderen fahren viel schneller – sieh mal, da überholt schon wieder einer!“ Ich meinte, 50 sei meines Erachtens auch hier gültig, und wir hätten ein Mietwagen- und damit „Deppen“-Kennzeichen – das nerve die Einheimischen sicher per se. Und als wir googelten, stimmte das auch.

Aber wir kamen problemlos überall hin, wohin wir wollten – nach Kietrz, woher diverse Vorfahren stammen (ich hoffe, es war damals dort nicht so deprimierend, wie ich es jetzt empfand; aber es ist auch eine kleine Ortschaft inmitten von Gegend und weitläufigen Feldern – ich bin mir sicher, der Film „Weites Land“ wurde dort gedreht …), nach Racibórz, nach Skoczów (da war es richtig schön!) und in die Beskiden. Nach Katowice. Und nach Rybnik, wo wir gleich zweimal waren, weil es uns dort so gefiel. Sogar in Tschechien waren wir mit dem „Schkodda“, denn wir wollten – u. a. aus genealogischen Gründen – nach Ostrava. Aber es war ein total verregneter Tag, es schüttete wie aus Eimern, so sehr, dass wir kurz nach der tschechischen Grenze anhalten mussten, da die Scheibenwischer nicht mehr nachkamen und wir mehr schwammen als fuhren. Ostrava wirkte dann, als wir weiterfahren konnten, ziemlich deprimierend, so dass wir nicht einmal ausgestiegen sind, zumal der Regen da auch schon wieder stärker wurde. Lieber wieder zurück nach Polen, wo wir uns inzwischen – und das sehr schnell – heimisch fühlten. 😉

Am 15. September sind wir morgens frühzeitig losgefahren, denn wir mussten nach Warschau, wo unser Flieger um kurz nach 17 Uhr starten sollte. Zum Glück gibt es ja Apps fürs Smartphone, die den Weg zuverlässig weisen …

Es war eine interessante Fahrt. Zweimal wurden wir in die Irre geleitet, dann in eine total smarte Umleitung geführt, die sich letzten Endes auch als richtig erwies. Nur: Vor uns auf der Landstraße, für die wir die gut ausgebaute Autobahn verlassen hatten, fuhr eine Fahrerin, die offenbar dem Gott der Langsamkeit huldigte. Und Überholen ging nicht auf dieser kurvenreichen und starkbefahrenen Straße. Da wir aufgrund der beiden Irreleitungen des Systems bzw. plötzlich aufgetretener Autobahnsperrungen – „Sie werden aufgrund von Sperrungen auf der A2 umgeleitet!“ – inzwischen etwas knapp mit der Zeit und immer noch nicht weit von Łódź entfernt waren, wo es zwar auch einen Flughafen gibt, wir aber nicht registriert waren, wurden wir etwas nervös. Dann schickte sich hinter uns ein Fahrer an, sowohl uns, als auch die konstant 40 fahrende Dame zu überholen, und ich schrie Stephie an: „Häng dich dran! Los! Der kennt sich hier aus!“ Und im Vorbeifahren gestikulierte ich ins überholte Auto, dass wir mit der dort praktizierten Fahrweise nicht einverstanden seien … 😉

Irgendwann wurden wir erneut auf die A2 geleitet, und wir atmeten ein wenig auf. Bis Stephie zusammenzuckte: „O Gott! Hinter uns ist die Polizei! Und ich fahre 160! 140 ist erlaubt!“ Wir rechneten damit, alsbald überholt und dann an die Seite gelotst zu werden, um dann so richtig latzen zu müssen …

Jedoch – nichts geschah. Doch! Als Stephie das Tempo auf 140 km/h drosselte, sahen wir im Rückspiegel, dass der Polizeiwagen sehr dicht auffuhr. Und wir sahen, dass der Fahrer aufmunternde Gesten machte, dass wir schneller fahren sollten. Und der Beifahrer machte Handbewegungen, als wolle er eine Garnitur Hühner verscheuchen …

Stephie war sauer: „Überall habe ich gelesen: ‚O Gott! Bloß an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halten, sonst Ärger!‘ Ich mache das, und dann ist die Polizei genervt, weil ich die Geschwindigkeitsbegrenzungen einhalte!“

Wir haben es aber geschafft und den Wagen vollgetankt am Flughafen abgestellt und den Schlüssel noch abgeben können. Wir haben sogar unseren Flug noch bekommen! Aber es war sehr, sehr hektisch. 😉 (Es gibt nicht nur einen Grund, weswegen ich Polnisch lernen möchte – das vereinfacht dort so vieles … 😉)

Dennoch: Ich werde ganz sicher wieder nach Polen reisen – zumindest möchte ich das. Das Land gefällt mir. Es ist zwar sehr katholisch, aber in anderer Hinsicht nicht so dogmatisch, und man kann verhandeln. Das gefällt mir. 😊

Euch ein schönes Wochenende! 😊

Der perfekte Mohnkuchen

Ja, ich weiß, dass es nichts von Menschenhand Geschaffenes gibt, das perfekt wäre. 😉 Bis auf den Weihnachtsstollen und den Mohnkuchen meiner Oma, genauer: alles, was man aus Hefeteig und Mohn zubereiten kann. Also Mohnkuchen, Mohnstriezel, Mohnstrudel (den dann natürlich aus handgefertigtem Strudelteig), Mohnplätzchen – jegliches Gebäck aus Mohn.

Gleiches galt und gilt für Streuselkuchen, Pflaumen- und Quarkkuchen (nein, ich meine keine Käsesahnetorte, sondern einen Blechkuchen auf Hefeteigbasis mit einem Belag aus Quark, Rosinen und leicht zitroniger Note). Nie wieder habe ich solchen Kuchen bekommen, seit meine Oma nicht mehr selber kochen und backen konnte. Dabei waren Pflaumen- und Quarkkuchen noch die einfacheren Gesellen, und auch meine Mutter kann sehr gut kochen und backen, tendiert aber dazu, ihr Licht allzu sehr unter den Scheffel zu stellen, so dass man als unbeteiligter Dritter irgendwann selber daran glaubt, das von ihr Geschaffene, das eigentlich immer sehr gut schmeckt, könne gar nicht wirklich gut sein. Ich habe das von ihr geerbt …

Richtig heikel aber ist Mohnkuchen. Ich muss jedoch sagen, dass in der Tat jegliches Backwerk, das Mohn enthielt und von meiner Oma angefertigt worden war, das beste war, das ich je gegessen habe. Mohn war und ist eine Art Heiligtum in meiner Familie mütterlicherseits, und kam die weiterläufige Verwandtschaft Omas zusammen, gab es nicht selten Diskussionen darüber, wie mit Mohn in seiner Verarbeitung zu Gebäck optimal zu verfahren sei.

Die einen schworen darauf, ihn zu mahlen. Gott behüte, riefen die anderen, denn Mohn dürfe nur gequetscht werden, bevor man ihn zügig weiterverarbeite. Eine dritte Partei war dafür, ihn erst grob zu quetschen, dann sicherheitshalber noch einmal zu mahlen, und das gaben sie mit derartiger Inbrunst kund und zu wissen, dass in mir als kleinem Mädchen immer Mitgefühl mit dem ölhaltigen Saatgut aufkam. In einem waren aber alle einig: Nie, niemals ein vorbearbeitetes Fertigprodukt kaufen! Mohn wird so leicht ranzig, und es wusste ja auch niemand, ob der Mohn nicht vielleicht in eine angeranzte Mühle geworfen worden war, in der er so ganz ohne Liebe und echter Verve kurz und klein gemahlen wurde … Man kann mit Mohn so viel falsch machen! 😉

Bei Oma wurde der Mohn gequetscht, es wurde großer Aufwand betrieben, aber das Ergebnis gab ihren Mühen immer Recht, und bis heute betrachte ich gekauften oder anderweitig gebackenen Mohnkuchen immer mit einem gewissen Argwohn. Ich bin wirklich nicht heikel oder gar zickig, was Essen anbelangt, aber hier ist das anders, ähnlich wie mit Weihnachtsplätzchen. Da bin ich wirklich verwöhnt worden und daher sehr heikel. Meine eigenen Machwerke, die ich bis dato als Plätzchen angefertigt habe, habe ich stets verschämt verklappt, da sie einfach nur grauenhaft waren.

In der Kantine meines Arbeitgebers gibt es auch Mohnkuchen. Eine Kollegin schwärmte mir eines Tages davon vor, und so kaufte ich mir einmal ein Stück, obwohl mich schon irritierte, wie dick die „Mohn“schicht war. Meine Oma sparte nicht mit Mohn, der stets angemessen dick und großzügig im jeweiligen Gebäck zu finden war, aber die Schicht in diesem Kuchen war so fett und unappetitlich hellgrau, dass es nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Ich war jedoch eingelullt und kaufte wie ferngesteuert das Stück dieses „Mohnkuchens“. 😉

Kaum probiert, war ich entsetzt und fragte: „Was haben die mit dem Mohn veranstaltet – was ist das überhaupt für eine pappige Masse?“ – „Ja, so ist Mohn nun einmal!“ – „Nee. Da hat jemand ein halbes Fuder Vanillepudding mitverarbeitet – das ist doch kein Mohnkuchen!“ Meine Kollegin verstand nicht, was ich zu meckern hatte … 😉 „Das ist Vanillepudding mit ein paar Mohnsamen drin!“ – „Also, ich mag den – das ist der beste Mohnkuchen überhaupt!“ – „Das ist Kuchen mit etwas Mohn drin, aber doch kein Mohnkuchen! In einem richtigen Mohnkuchen hat man eine schöne, schwarze Schicht aus Mohn und ohne diesen ekligen Pudding! Und den Mohn muss man quetschen und dann mit Milch und Butter aufkochen, bis das Ganze eine homogene Masse ergibt!“ Ich hatte die frühkindlichen Mohnlektionen hervorragend verinnerlicht, und theoretisch machte mir in dieser Beziehung keiner was vor! 😉

Praktisch habe ich mich jedoch noch nie an einem Mohnkuchen versucht, käme jedoch nie auf die Idee, das Ganze mit Vanillepudding zu strecken – behüte! Das wäre Frevel und quasi eine Gotteslästerung. 😉

Vielleicht sollte ich es einfach mal selbst versuchen. Was mich daran hindert, sind mehrere Dinge: A) Ich backe generell nicht gern, b) habe ich immer vor Augen, wie angespannt meine Mutter, die wirklich gut kochen und backen kann, immer war, wenn sie einen Mohnkuchen oder -striezel anfertigte, vor allem, wenn meine Oma anwesend war, c) backe ich nicht gern. Ach, hatte ich das schon erwähnt? 😉

Überhaupt schmeckt Mohn – sofern gut verarbeitet – sehr gut, ist aber total unpraktisch: Man muss sich danach grundsätzlich etwa dreimal die Zähne putzen, weil man beim ersten und zweiten Mal trotz großer Gründlichkeit und peniblen Spülens nicht alle Mohnfitzel erwischt hat. Daher mein Tipp: Mohnprodukte – ähnlich wie Thunfischbaguettes – immer nur dann essen, wenn ihr nicht mehr in die Öffentlichkeit geht oder gar ein Date habt. Oder nur mit geschlossenem Mund lachen. Aber man wirkt dann so verkniffen … 😉

Und ansonsten: Immer nur quetschen. Nicht mahlen. Und niemals ein Fertigprodukt verwenden! 😉

„Smacznego!“

Ich muss sagen, dass ich Polen richtig vermisse: Die Menschen waren stets höflich, zumeist sogar freundlich und liebenswürdig wie hilfsbereit. Ebenso war dort alles stilvoll, und sogar dort, wo abrissreife Häuser neben tollkühnen wie nicht selten weit in den bis auf zwei Ausnahmen strahlendblauen polnischen Himmel ragenden Neubauten standen, wo kleine Macken waren, geschah dies mit Stil. 😊 Aber da ich in meinem Leben auch hier in Deutschland häufiger mit Polen zu tun hatte, wusste ich, dass ich mit der polnischen Lebensart gut zurechtkommen würde. 😊

Einer der besten Aspekte in Polen ist das Essen. Und diejenigen, die unter Obstipation oder – auf Deutsch – Verstopfung leiden, sollten dringend mal die polnische Küche probieren, die neben der Tatsache, dass sie zum größten Teil einfach nur wunderbar ist – mal abgesehen von flaczki -, auch noch dies Leiden kurieren kann, und das pronto. Denn vieles ist krautlastig, und obwohl ja gesagt wird, dass Kraut bzw. Kohl schwerverdaulich sei und lange im Magen liege, kann ich dies nicht verifizieren. Der Kulturpalast in Warschau kann das bestätigen, denn er wurde Zeuge davon, wie ich in seinem Inneren hektisch zur toaleta zwar nicht rannte, da nicht ratsam, mich ihr jedoch nervös in sehr verhaltenem Schritt wie eine Aufziehpuppe und Panik in den Augen so schnell wie nur eben möglich näherte und dann mit Tränen der Erleichterung in den Augen in der einzigen freien kabina verschwand … 😉

Zu meinen Favoriten der polnischen Küche gehören pierogi, wunderbare Teigtaschen, Ravioli ähnlich, die mit allen nur denkbaren Füllungen versehen auf den Plan treten können. Am liebsten waren mir die mit Kraut und/oder Pilzen gefüllten, die es in unserem dritten und letzten Hotel in Schlesien auch schon zum Frühstück gab – herrlich, denn ich liebe es auch zum Frühstück schon herzhaft. Hier war ich richtig, und endlich verstand mich mal jemand! 😉 Zum Glück fanden auch die anderen Hotelgäste diese Teigtaschen so toll wie ich, so dass ich immer nur eine oder zwei noch davon abbekam, da ich immer erst gegen halb 10 zum Frühstück aufschlug, das von 7 bis 10 Uhr feilgeboten wurde. Ansonsten hätte ich Polen sicherlich wie eine gestopfte Gans verlassen. 😉

Ein weiterer Favorit ist Żurek, eine Suppe, die auf vergorenem Roggenschrot bzw. Sauerteig basiert. Klingt schräg, schmeckt jedoch hervorragend und wird in einem kleinen, ausgehöhlten Brotlaib mit Wurst, Räucherspeck und einem hartgekochten Ei serviert – gilt als typische Ostersuppe. Wird jedoch in Restaurants für die Touris alljährlich angeboten, und das, wovon mir eine meiner Omas immer vorschwärmte, die aus Schlesien stammte, das, was als Saurer Jur stets ein wenig wehmütig als die Suppe gepriesen wurde, wollte ich doch auch probieren, und ich kann nur sagen: Ich kann dich verstehen, Oma – das ist wirklich lecker! Wenn man es sauer mag, versteht sich. 😊 Und nachdem ich mit Freunden schon einmal selber Kwass hergestellt habe, dürfte es nicht zu schwer sein, selber Żurek anzusetzen, ohne das Haus in die Luft zu sprengen. 😉

Barszcz und Bigos liebe ich auch sehr. Ersteres eine klare Suppe auf der Basis Roter Bete, zweiteres ein Schmorgericht auf der Basis von Sauerkraut, Weißkohl, Wurst und Fleisch und so gut, dass man sich hineinlegen und wälzen möchte. Allerdings eher ein Wintergericht. 😉

Wer Pilze mag, ist in Polen ebenfalls richtig, und ich fühlte mich wie im Paradies. Gleiches gilt für Karpfen, einen meiner Lieblings-Speisefische. 😉

Und Wurst ist in Polen ebenfalls ein Gedicht. Am liebsten hätte ich davon etwas mitgebracht, aber mein Trolley war bereits gut gefüllt, und ich vertraue einfach auf den polnischen Wurstverkaufswagen, der ab und an hier vorbeifährt. 😉 Und ich hoffe, sie haben auch echte polnische Gurken dabei! Eingelegte Gurken, die ich seit frühester Kindheit liebe, sind in Polen ebenfalls hervorragend. Und jegliches Gebäck auf Basis von Hefeteig, Quark und – Mohn! Da bin ich wirklich verwöhnt. Meine Oma machte den besten Mohnkuchen, den ich kenne, den besten Quarkkuchen und überhaupt …

Meine Mutter sah mich nachdenklich an, als ich heute bei meinen Eltern war und schwärmte. Dann sagte sie: „Żurek, Pilze, Karpfen, Salzgurken, Mohn … Offenbar hast du wirklich besonders viel Slawisches geerbt.“ Und dann grinste sie und meinte: „Ich mag das auch alles.“ Während mein Vater noch immer ein wenig verstört dreinblickte, nachdem er vom Żurek gehört hatte. Sauerteig gibt es bei ihm nur in gebackener Form als Brot. 😉

Aber als ich wieder nach Hause fuhr, meinte meine Mutter: „Ich glaube, ich suche im Internet gleich mal nach einem Żurek-Rezept und besorge dann Natursauer oder Roggenschrot und die restlichen Zutaten.“

Mein Vater sah angstvoll drein, als ich fröhlich hupend gen Heimat fuhr, und ich habe ein bisschen den Eindruck, er bereute, dass ich überhaupt zu Besuch gekommen war … 😉 Hätte er erst von flaczki gehört, die ich jedoch auch gar nicht mag: saure Kuttelsuppe! 😉

„Warschau ist Oper – Krakau ist Operette!“

So entfleuchte mir, als meine Schwester Stephanie und ich – wir verreisen öfter gemeinsam – frisch von Warschau kommend in Krakau den ersten Abend durch die Innenstadt flanierten.

„Nicht so laut!“ meinte Stephanie. Sie fürchtete, die anwesenden Krakauer könnten ob dieses Urteils bekümmert sein. Dabei waren sicherlich die wenigsten Menschen auf dem Rynek Główny, dem Krakauer Hauptmarkt, bei dem sich das polnische Wort für „Haupt-“ wie gwuwne spricht (ja, ich habe viel gelernt … 😉 ), echte Krakauer, denn die Stadt quoll über vor Touristen. Und so sagte ich albern frotzelnd: „Warum? Ich habe doch nicht operettka gesagt!“ – „Pssst!“ machte Stephie und sah mich leicht warnend an. Sie kann ihre Rolle als ältere Schwester irgendwie nicht so recht ablegen. Ich meine als jüngere allerdings auch nicht, und so haben wir einen Ausgleich. 😉

Aber sie gab zu, dass mein Urteil durchaus treffend sei, in gedämpftem Ton, als befänden sich an jeder Ecke Agenten. 😉

Drei Tage vorher waren wir mit einer originären LOT-Boeing in Warschau gelandet, und ich kann nur sagen, ich hatte selten einen so angenehmen Flug mit solch netter und zuvorkommender Crew. Kann ich nur weiterempfehlen. Am Flughafen hob ich gleich mal 1000 Złoty an einem Geldautomaten ab und fühlte mich reich. So viele Hunderter! Aber das waren mal etwa 262 Euro … Wir enterten ein Taxi und ließen uns zu unserer Unterkunft fahren, einem Haus mit vielen Apartments, wohl für Geschäftsreisende oder aber Touris. Machen wir es kurz: Ich musste zwei Stunden auf meinen Schlüssel warten, weil offenbar das Apartment nicht geputzt worden war … Wir sahen uns erst einmal Stephies Apartment Nr. 56 an: Es war auf alle Fälle geputzt, es gab ein WC, vom Bad getrennt, eine Kochnische mit Arbeitsplatte, Wasserkocher, Kaffeemaschine und Schränke mit Tassen, Tellern und Gläsern, ebenso Besteck. Der Fußbodenbelag schreckte mich ein wenig ab, dunkles PVC, ebenso der Geruch im Apartment, was wohl an den Putzmitteln lag. Es roch nach Lysol, das ich noch von meiner Krankenhaustätigkeit kenne. Stephie riss sogleich sämtliche Fenster auf und meinte: „Das Putzmittel riecht nicht wirklich gut!“ – „Ist wohl Lysol, und da kannst du wenigstens sicher sein, dass alles wirklich porentief rein ist,“, grinste ich. Sehr überzeugt sah Stephie nicht aus, und sie meinte: „Schön, aber warum kann das dann nicht gleichzeitig besser riechen?“ – „Ist wohl ähnlich wie mit den besonders gesunden Lebensmitteln und Speisen: Die schmecken meist auch nicht so gut wie die ungesunden.“

Wir beschlossen, erst einmal in die Stadt zu gehen und baten den jungen Rezeptionisten, bei dem ich kurz zuvor die Rechnung mit meiner Kreditkarte beglichen hatte, den Schlüssel für mein Apartment in Stephies Nr. 56 zu deponieren. Glücklicherweise sprach der junge Mann – wie so viele andere Menschen in Warschau und auch Krakau – gutes Englisch. Sonst hätten wir uns mit Händen und Füßen verständigen müssen – Polnisch ist wirklich sehr schwer.

Warschau ist eine sehr gegensätzliche Stadt. Auf unserem Weg ins nahegelegene Śródmieście – die Innenstadt – sahen wir einige abrissreife Häuser in direkter Nachbarschaft schnieker und topmoderner Hochbauten, außen verglast und glänzend. Es wurde überall gebaut, und die Stadt hat etwas Faszinierendes. Mich faszinierten besonders die Gegensätze, aber auch Stephie war begeistert, obwohl einige Ecken wirklich nicht sehr schön aussahen. Aber das ist ja überall so.

Begeistert waren wir auch von der Nettigkeit der Menschen – nicht ein negatives Erlebnis hatten wir in Warschau. Genaugenommen: Wir hatten kein einziges negatives Erlebnis in allen Teilen Polens, die wir besucht haben. 😊 Auch dort nicht, wo man weniger Englisch sprach. (Interessantes Phänomen, das ihr vielleicht auch kennt: In Ländern, deren Sprache ich nicht spreche bzw. verstehe, ist es für mich, spricht jemand neben mir Englisch, stets so, als spräche er meine Muttersprache … 😉 In Polen ging es mir sogar mit einer Gruppe Franzosen so, als wir in einer Region waren, da wenig Englisch gesprochen wurde. 😉)

Wir verbrachten dreieinhalb schöne Tage in Warschau, und ich kann nur sagen: Wenn es nach mir geht, bin ich nicht zum letzten Mal in Warschau gewesen, dessen englischer Name, Warsaw, den man auch öfter lesen konnte, mich immer an einen Agententhriller erinnert. Speziell an den Kulturpalast habe ich sehr positive Erinnerungen … 😉

Warum? Nun, wir waren zuvor in der Starówka gewesen, der Altstadt, und wir hatten dort gegessen. Nein, das Essen war hervorragend, und doch hatte das Gericht, das ich gewählt hatte – ein typisch polnisches – ganz spezielle Auswirkungen auf mich. Leider mit Zeitverzögerung, also erst dann, als wir zu Fuß nach Hause gingen … 😉 Stephie meinte: „Alles in Ordnung? Du bist auf einmal so blass!“ – „Stephie, ich muss ganz dringend mal wohin – renn bitte nicht so …“ Mir stand der kalte Schweiß auf der Stirn. Vor uns der Kulturpalast. Stephie meinte: „Du gehst ganz langsam weiter, und ich renne schon mal vor und sehe nach, ob da eine Toilette ist!“ Gesagt – getan. Und es kam dann so, dass ich den Warschauer Kulturpalast in mein Herz schloss, denn er war meine Rettung. 😉

Einen Tag später fuhren wir von Warszawa Centralna mit dem Zug nach Krakau. Über die Zugfahrt berichte ich gesondert, denn die war auch speziell. 😉 Noch jetzt muss ich lachen, denn es bewahrheitete sich ein Klischee, gegen das ich immer gewettert hatte („Total blödes Klischee!“) … 😉 Davon aber später. Unvergesslich auf alle Fälle. 😉

Krakau ist wunderschön, aber eben „Operette“ statt „Oper“. Am Hauptmarkt reihten sich unzählige weiße Kutschen, Landauer, Zweispänner, mit geschmückten Pferden mit Federbüschen auf den Köpfen. Warschau ist ein würdevoller und solider Kuchen, Krakau ist Zuckerbäckerei. Ich las in einem Reiseführer, dass Polen sagen würden: „In Warschau wurde schon immer gearbeitet, in Krakau gefeiert.“ Ob das so ist, vermag ich nicht zu sagen – es stand so in dem Reiseführer, aber ich könnte mir vorstellen, dass zumindest ein Jota Wahrheit daran ist. Obwohl auch in Krakau selbstredend gearbeitet wird.

Wir machten eine Rundfahrt mit einem total netten jungen Polen als Stadtführer, waren – wenn auch kurz – auf dem Wawel, länger und ausgiebig jedoch im jüdischen Viertel in Kazimierz. Und an einem Tag marschierten wir zu Fuß nach Podgórze und besuchten dort das Museum bzw. die Gedenkstätte Fabryka Oskara Schindlera, die frühere Emaillefabrik Oskar Schindlers. Kennt ihr sicher – „Schindlers Liste“. Das hat mich ziemlich mitgenommen. Ich habe schon als Jugendliche viel zum Thema gelesen, aber das hier ging noch näher als das, was ich bisher gelesen hatte. Und das war schlimm genug gewesen.

Krakau ist schön. Aber ich glaube, ich würde eher noch einmal nach Warschau reisen. 😊 Oder nach Śląsk, nach Schlesien, wohin wir dann mit einem Mietwagen fuhren, den wir am Flughafen Kraków-Balice abholten. Oder nach Gdánsk, nach Danzig.

Schlesien war schön, wenn es dort auch öfter Gelegenheiten gab, meinen kleinen Pocket-Sprachführer Polnisch aus der Tasche zu kramen. 😉 Aber zumindest Dzien dobry!, Do widzenia!, Przepraszam, Dobry wieczór! gingen mir recht leicht über die Lippen, und das bereits seit Beginn der Reise. Doof nur, dass das Gegenüber speziell in Schlesien dann oft dachte, ich spräche Polnisch und sogleich kaskadenartig in dieser wunderschön klingenden Sprache auf mich einredete. Ich lächelte dann immer und meinte: „Przepraszam, but unfortunately I don’t speak Polish!“ Sprachpanscherei in Reinkultur und völlig grotesk … 😉 Aber die so Angesprochenen lachten immer und redeten nicht selten etwas lauter und langsamer auf Polnisch auf mich ein, was mir nur leider so gar nicht half. 😉 Einige rafften ihre Englischkenntnisse zusammen, und wir verständigten einander dann immer ganz wunderbar, schleuderten einander englische Sätze (ich), polnische Sätze (sie), englische wie polnische Einzelbegriffe (sie wie ich in beiden Sprachen) um die Ohren. Aber alles klappte. Eine Verkäuferin erklärte mir in gebrochenem Englisch, sie fände sehr nett, dass ich zumindest die polnischen Begriffe, die ich kannte, anwendete – das fände sie sehr höflich und respektvoll. Ich sagte: „Thank you – dziękuję!“ Sie strahlte mich an, ich strahlte zurück.

Und auch, wenn das alles so gut funktioniert hat, habe ich gerade angefangen, Polnisch zu lernen. Eine ehemalige Studentin von mir hat mir einen guten Tipp gegeben. Sie kommt aus Polen, fand überraschend, dass jemand ihre Muttersprache lernen wolle – das habe sie noch nie erlebt. Ich habe polnische Vorfahren, und leider spricht in meiner Familie keiner (mehr) Polnisch. Da es mir in diesem Land so sehr gefallen hat, fand ich es an der Zeit. Und ich habe auch schon begonnen – es ist wirklich schwierig. 😉 Mit Martas, meiner Ex-Studentin, Tipp mache ich nun täglich mindestens 15 Minuten Polnisch. Es wird also nur etwa 10 Jahre dauern, bis ich mich verständigen kann … 😉 Denn im Moment befinde ich mich noch in dem Stadium, da ich wunderschöne Anfängersätze bilde, wie: „Die Katze trinkt Milch“ – „Kot pije mleko/mleczko“. Oder: „Der Elefant isst Plätzchen“ – „Słoń je ciasteczka“. 😉

Ein Tipp von mir: Polen ist ganz eindeutig eine oder mehrere Reisen wert! 😊

„Is‘ mir doch egal …“

Ich gebe zu, ich hatte in der letzten Zeit recht viel zu tun, weswegen ich meinen neuen Mobilfunk-Vertrag bisher auch noch nicht aktiviert hatte, was ich jedoch heute Abend nachgeholt habe, und das auf interessante Weise … Aber es ging alles gut aus. 😉

An meinem Geburtstag Anfang des Monats hatte ich den neuen Vertrag abgeschlossen bzw. beantragt, auch kurz darauf meine neue SIM-Karte bekommen, zusammen mit anderen Anweisungen, deren Befolgung nicht nur die Aktivierung meines neuen Vertrages, sondern auch die Zusendung meines neuen Smartphones in Zartviolett – welches sich offiziell blau/lavendel nennt – betraf. Aber ich war bisher wirklich nicht dazu gekommen. Und wenn Zeit war, habe ich nicht daran gedacht, weil andere Dinge vorgingen.

Gestern, mitten in einer Besprechung, rief der Mobilfunk-Provider mich auf dem Handy an (zumindest war die Rufnummer später, nachdem ich sie weggedrückt hatte, meinem Provider zuzuordnen). Aber es war ein ganz schlechter Zeitpunkt. Wahrscheinlich wollten sie nachfragen, ob ich noch lebte, und ich pappte einen Zettel an den Monitor meines Arbeits-PC: „Dringend Mobilfunk-Provider anrufen!“ Aber auch heute kam ich in der Mittagspause nicht dazu, und so rief ich nach Feierabend an, als ich bereits zu Hause war.

Zunächst hörte ich mir mehrfach die aufmunternden Werbejingles an, und dann erzählte mir eine Computerstimme, stichprobenartig und zu Schulungszwecken würden manche Gespräche aufgezeichnet. Sollte ich damit einverstanden sein, müsse ich nur ja sagen.

Ich bin keine Jasagerin, und so schwieg ich, als man – offenkundig – mit einem Ja meinerseits rechnete. Ich schwieg – und flog prompt aus der Leitung. Okay! Botschaft angekommen!

Ich rief erneut an, und an der Stelle, da man seine Zustimmung zum Gesprächsmitschnitt geben muss, sagte ich fröhlich und laut: „Ja!“ Sofort wurde ich durchgestellt!

Und es meldete sich ein junger Mann, den ich aufgrund der monotonen Art und Weise, in der er sprach, für einen Automaten hielt. Recht schnell jedoch war mir klar: „Der ist echt!“ Und schon sprudelte ich los …

Der junge Mann wirkte völlig demotiviert, als er nach meiner Auftragsnummer fragte, die ich leider nicht direkt vor mir liegen hatte, weil im Schreiben meines Providers gestanden hatte: „Halten Sie die letzten vier Ziffern Ihrer Festnetz-Kundennummer zur Hand!“ Die hatte ich nicht nur zur Hand – die lagen direkt vor mir, mitsamt letzter Rechnung! Und da werde ich nach der Auftragsnummer gefragt, die zwar auch in meiner Nähe lag, die ich jedoch erst einmal aus dem Provider-Kuvert fingern musste, und so sagte ich: „Fängt schon gut an! Ich könnte Ihnen aus dem Effeff meine Kundennummer nennen, die Sie aber wohl nicht wollen oder brauchen. Einen Moment bitte – ich beeile mich.“ – „Ehrlich gesagt: Is‘ mir völlig egal, wie lange Sie brauchen! Ich habe noch 23 Minuten bis Feierabend!“ – „So lange wird es nicht dauern – da ist sie ja schon!“ Und schon schmetterte ich dem freundlichen jungen Mann die von ihm geforderten Ziffern entgegen.

„Da fehlt noch eine Ziffer …“ kam von ihm, und ich rief: „Sorry, klar – die 1! Tut mir leid, dass ich Sie jetzt noch aufhalte.“ – „Also, im Grunde ist mir das egal – Sie können machen, was Sie wollen. Bis 20 Uhr, denn da habe ich Feierabend.“

Da wurde es mir doch etwas zu doof, und ich sagte, und das ganz bewusst in Ruhrgebietsakzent: „Na, Sie sind mir ja’n Hääaazken! Ich rufe Sie freundlich an, und Sie erklären mir dauernd, dass Ihnen eh alles scheißegal sei! Ich nehme an, Ihr Chef steht nicht direkt hinter Ihnen? Oder hat man Sie gefeuert, und Sie müssen noch den Rest der Schicht ableisten?“ – „Äh, nein, ich wollte eigentlich nur sagen …“ – „Machen Sie sich keine Mühe! Ich verstehe Sie sehr gut! Publikumsverkehr ist bisweilen anstrengend – dafür habe ich Verständnis. Ich bin ja auch sicher nicht die bequemste Anruferin kurz vor Feierabend – ich hatte die falsche Nummer bei der Hand und stelle blöde Fragen. Und mir ist klar, dass Sie sicherlich schon einiges hinter sich haben, heute.“

Da taute der junge Mann auf. „Sie verstehen mich?“ – „Ja, ich habe auch mit Publikumsverkehr zu tun, und das ist nicht immer einfach.“ – „Danke! Ich hatte heute einen echten Scheißtag! Tut mir leid, dass Sie das nun getroffen hat – dabei sind Sie nett, und das waren beileibe nicht alle Anrufer. Ein großer Teil das genaue Gegenteil.“ – „Ich kann Sie sehr gut verstehen. Sie sollten sich trotzdem etwas zusammenreißen – Sie klangen zu Beginn unseres Telefonats etwas … wie soll ich das sagen … naja … gleichgültig, und das ist euphemistisch ausgedrückt. Ich fühlte mich alles andere als willkommen.“ – „Sind Sie ein Testanruf?“- „Nee, ich bin ganz echt – seien Sie froh!“ – „Ja, das bin ich jetzt wirklich.“ – „Wie gesagt: Ich verstehe Sie wirklich gut, aber lassen Sie sich Ihre Genervtheit nicht anmerken. Klar: Den Letzten beißen die Hunde – aber im Zweifel kann der Letzte nichts dafür.“

Der junge Mann taute noch mehr auf, und er meinte: „Es tut mir leid, dass ich so arschig war, zu Anfang des Gesprächs. Sie sind wirklich nett, und wenn Sie die letzte Anruferin für die heutige Schicht sind, habe ich es wohl gut getroffen.“ – „Danke. Wenn wir bis 20 Uhr sprechen, bin ich die letzte Anruferin für Sie. Ich kann Ihnen gern noch ein paar Fragen stellen …“ – „Au ja, gern.“ – „Ich habe tatsächlich noch ein paar Fragen zu meinem neuen Vertrag …“ – „Gern!“

Zwar konnte er mir meine Fragen nicht beantworten, aber damit hatte ich auch nicht gerechnet, denn mir war klar, dass er mir meine neue Handynummer nicht mitteilen konnte. Aber ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man angerufen und zum Teil nicht nett behandelt wird. Es ist ja nur eine anonyme Stimme … Und man hat ja Anspruch auf bevorzugte Behandlung, ganz egal, wie arschig man sich benimmt … 😉

Und so half ich, die Zeit bis zum Feierabend zu überbrücken, und der junge Mann wurde immer fröhlicher. Zum Schluss sagte er: „So, von jetzt an wird das Gespräch nicht mehr mitgeschnitten. Ich danke Ihnen – das war ein sehr nettes Telefonat. Ich dachte erst, …“ – „ … dass die dusselige Kuh nicht einmal die richtige Nummer zur Hand habe! Tut mir leid – Ihr Auftraggeber hatte mir die falsche Nummer im Anschreiben genannt.“ – „Ja, glaube ich Ihnen auch. Sie waren ja ansonsten total fit und wirklich nett und schnell. Erlebe ich auch nicht immer.“ – „Glaube ich Ihnen. Kopp hoch, auch wenn der Hals dreckig ist! Und nicht so lustlos wirken.“ – „Ja, ich weiß. Tut mir leid – Sie waren echt cool!“ – „Ich bin gar nicht cool.“ – „Doch. Heute waren Sie es auf alle Fälle. Danke.“

Ja, das war doch nett. Da werde ich angerotzt mit: „Is‘ mir doch egal!“ Und dann ergibt sich ein nettes Gespräch, in dessen Verlauf ich einen jungen Mann davor bewahre, vor Feierabend noch mit echten Schnarchnasen sprechen zu müssen … 😉

Mir hingegen merkt man inzwischen an, dass ich bisweilen Publikumsverkehr, auch via Telefon, habe, denn als meine Schwester Stephanie mich kürzlich anrief, meldete ich mich mit meinem Nachnamen, den ich ins Telefon säuselte und kurz danach hinterhersäuselte: „Was kann ich für Sie tun?“ 😉 Es hat sich mir wohl eingebrannt … 😉

Bestens gerüstet und voller Spannung

Zumindest theoretisch bin ich bestens gerüstet für den bald anstehenden Urlaub in Polen, denn gestern befreite ich meinen niedlichen neuen Pocket-Sprachführer Polnisch aus der Packstation. Ich liebe Sprache und Sprachen – wenn auch nicht alle, denn es gibt einige, die mir nicht so gefallen -, und so stürzte ich mich zu Hause voller Begeisterung auf das wehrlose, kleine Ding, um mich in die Sprache eines Teils meiner Vorfahren ein wenig „einzufühlen“.

Ganz vorn, auf der Innenseite des Buchdeckels, standen schon sehr interessante Infos, genannt: „Das Wichtigste in Kürze“. Und so weiß ich nun, dass es im Polnischen, anders als in anderen slawischen Sprachen, tak heißt, wenn man ja sagen will – nicht etwa da. (Ich hoffe, ich komme nicht durcheinander, denn aus dem Schwedischen kenne ich tack, und das heißt dort danke. 😉 ) Und nein heißt nie und spricht sich ähnlich wie njä. Bitte, danke und Entschuldigung! folgten.

Was mich ein wenig irritierte – aber wirklich nur ein wenig! – ist die Tatsache, dass auf Position 6 gleich: Hilfe! rangiert. Ich verdrängte den Gedanken, warum das wohl schon so schnell und so weit oben erwähnt sei, da ich das Wort so reizend finde. Und so stellte ich mir vor, wie jemand überfallen wird – natürlich ohne jedwede Klischees, denn das kann ja überall passieren – und laut: „Ratunku! Ratunku!“ ruft. Natürlich mit schönem gerolltem Zungenspitzen-R! 😉 Ich liebe dieses Wort, hoffe jedoch, dass ich es nie werde benutzen müssen. 😉 Aber falls jemand in meiner Nähe Ratunku! ruft, weiß ich wenigstens, was gemeint ist und halte es weder für ein Schimpfwort, noch für einen Zauberspruch, mit dessen Hilfe man unbescholtene Mitmenschen in hässliche, warzenübersäte Kröten verwandelt … 😉

Nun gehe ich davon aus, dass in den größeren und großen Städten, die wir heimsuchen werden – Warschau (Warszawa) und Krakau (Kraków), aber auch Racibórz (auf Deutsch: Ratibor, was aber auch irgendwie gar nicht so deutsch klingt … 😉 ), nicht wenige Leute des Englischen mächtig sein werden. Aber in den kleineren Orten, die wir besuchen wollen, ist das vielleicht nicht so gegeben. Und ich hoffe, dass Stephie und ich in den kleineren Orten niemals in die Verlegenheit geraten werden, einen Tisch für zwei Personen reservieren zu müssen … 😉

Denn ich finde die deutsche Sprache – im Vergleich zum Englischen – bisweilen schon etwas „raumgreifend“. Aber nachdem ich heute in meinem kleinen Sprachführer las, wie der Satz: „Reservieren Sie uns bitte für heute Abend einen Tisch für zwei Personen“ auf Polnisch lautet und wieviel Raum er nimmt, leistete ich im Stillen Abbitte. 😉 Da ich davon ausgehe, dass im Zweifel ich in einem Umfeld, das weder anglo-, franko-, noch germanophon ist, eine derartige Bitte werde aussprechen müssen, sollte ich schon einmal üben, schnell und einigermaßen akkurat folgenden Satz zu äußern: „Proszę zarezerwować dla nas na dziś wieczór stolik dla dwóch osób!“ 😉

So lang ist der Satz eigentlich gar nicht. Er kommt einem nur so lang vor, vor allem in der Lautschrift, die hilfreich unter dem im Sprachführer angegebenen höflichen Satz angeführt ist. Vielleicht sollte ich einfach besonders liebreizend lächelnd die weniger höfliche Form benutzen: „Poproszę stolik dla dwóch osób.“ – „Einen Tisch für zwei Personen, bitte.“ Und wenn all das nicht hilft, sage ich einfach: „Stól!“ und zeige auf meine Schwester und mich, dabei ganz besonders lieblich lächelnd. Stól heißt Tisch. Das ist dann zwar total unhöflich und hinsichtlich der Grammatik falsch, aber sicherlich wird man meine Bemühungen zu schätzen wissen. 😉

Die Grammatik ist ohnehin so eine Sache in den slawischen Sprachen – allein die Kasus und die Deklination -, und ganz besonders im Polnischen. Neben der Artikulation – die Aussprache ist, wenn man sich damit noch nie beschäftigt hat, auch ein Buch mit sieben Siegeln. Hoffentlich bleiben wir mit dem Mietwagen nie im Hinterland liegen, denn sonst müsste ich fragen: „Gdzie tu jest w pobliźu warsztat naprawczy?“ („Wo gibt es hier in der Nähe eine Werkstatt?“ Praktischerweise wurde das deutsche Wort Werkstatt polonisiert in warsztat und würde mir sicherlich die wenigsten Probleme bereiten. 😉 Das größte Problem würde sicherlich die Antwort des so Angesprochenen darstellen … )

Aber nach all dem, was ich von Bekannten und Freunden hörte, die bereits einmal oder mehrmals in Polen waren, würden Stephie und ich sicherlich sofort – insbesondere in eher ländlichen Bezirken – in die Familie aufgenommen, mit einer zünftigen zakuska bewirtet, das Auto in die nächste warsztat geschleppt und repariert. So, wie ich das aus den slawischen Ländern kenne, die ich bisher bereist habe. 😊 Und von all den Polen, mit denen ich bisher hierzulande zu tun hatte. 😊

Und wenn alle sprachlichen Bemühungen nicht helfen, stelle ich mich hin und singe ein polnisches Volkslied, das ich vor vielen Jahren im Chor singen musste bzw. durfte: „Hej, bystra woda“! Ich gebe zu, man musste uns den Text phonetisch nahebringen – eine polnische Muttersprachlerin tat dies, und so klang das Ergebnis dann wohl zumindest so ähnlich wie Polnisch. Mit Ruhrgebietsakzent. Aber das machte nichts, denn das Ruhrdeutsche wurde ja auch durch Polen „mitentwickelt“. 😉 Den Text kann ich heute noch – vor allem den der ersten Strophe. Wenn wir damit nicht punkten können, weiß ich es auch nicht … 😉

Als ich heute einer polnischen Bekannten erzählte, ich würde im Urlaub nach Polen fahren, freute sie sich. Und als ich dann einen Satz, den ich zuvor aus meinem niedlichen Pocket-Sprachführer auswendig gelernt hatte, zitierte: „Ten lek jest tylko na receptę“, was soviel heißt wie: „Dieses Mittel ist verschreibungspflichtig“ und dann noch aberwitzig ergänzte: „O której godzinie jest śniadanie?“ [„Um welche Zeit ist das Frühstück?“], meinte sie: „Czy mówisz po polsku?“

Ich starrte sie an, dann grinste ich und sagte: „Nie. [Njä]“ Und da lachte sie sich halbtot und meinte: „Cool, Ali! Ich frage, ob du Polnisch sprichst, und du sagst nein. Aber auf Polnisch! Und das klang echt gut!“ (Ich hatte die Frage wohl richtig interpretiert. 😉 )

Na, also! Ich muss mir gar keine Sorgen machen. 😉 Am besten wird sein – zumindest für nicht-anglo-, franko- und germanophone Regionen –, ich merke mir strategisch sinnvolle Vokabeln und präge mir deren Aussprache ein. Und wenn mich einer fragt, ob ich Polnisch beherrsche, antworte ich besser nicht mit: „Nie.“ Sondern besser nonverbal und durch Hochziehen meiner Schultern. Alles andere könnte sonst verarschend wirken.

Der Urlaub wird sicherlich toll, und ich freue mich schon – zumal ich auch sprachlich inzwischen zumindest ansatzweise gerüstet bin. Oder so etwas Ähnliches. 😉

Eines weiß ich aber schon jetzt: Meinen Lieblingsfluch haben die Polen aus dem Deutschen übernommen, wie ich durch Googeln erfuhr. Er schreibt sich szajs! Und wie er sich ausspricht, könnt ihr dann ganz einfach googeln. 😉

„’LOT‘? O Gott!“

Gestern Abend – ich lag gerade entspannt hingestreckt in meiner Eckbadewanne in lauwarmem Wasser, um mich ein wenig abzukühlen – rief meine Schwester an. Das Handy lag im Schlafzimmer, dessen Tür – ebenso wie die Badezimmertür gegenüber – offen stand. Ich hatte mich gerade so richtig schön in die Badewanne und unter Wasser gefläzt, als es klingelte.

Ich bin – ich muss es leider zugeben – zu den Leuten gehörig, die auch als Telefonjunkies bekannt sind. Menschen, die es ums Verrecken nicht klingeln lassen können und dann enttäuscht sind, wenn doch nur ein Meinungsforschungsinstitut am anderen Ende ist …  Gestern jedoch hob ich nicht einmal eine Augenbraue, sondern dachte nur: „Es ist mir völlig scheißegal, wer da gerade anruft. Ich bleibe hier liegen, bis ich Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen habe!“ 😉

So dachte ich geschätzt etwa vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden. Denn da klingelte das Handy erneut. (Glücklicherweise meldet sich meine Mailbox relativ zügig, sodass das Klingeln recht schnell abriss …) Doch nein – nichts würde mich aus der Badewanne bringen, jedenfalls nicht, bevor ich selber heraussteigen wollte!

Klingeln Numero 3 etwa fünf Minuten später gab mir Gewissheit, dass es sich wohl unzweifelhaft um meine Schwester handeln musste, was ich bereits bei Numero 1 vermutet hatte, bei Numero 2 noch ein wenig mehr. (Meine Schwester ruft, geht man nicht sofort ans Telefon, in geringen Abständen immer wieder an, wenn es etwas Wichtiges gibt. Oder so.) Von mir nimmt sie offenbar ohnehin an, dass ich gelegentlich absichtlich nicht drangehe, wenn sie anruft, obwohl ich es bequem könnte. Zu Unrecht. Seitdem sie das glaubt, unterdrückt sie ihre Rufnummer (obwohl ich glaube, dass das in Wirklichkeit einen anderen Grund habe) und ist doch zuverlässig immer als sie identifizierbar, da sie der einzige meiner Kontakte ist, bei dem Private Number auf dem Display erscheint, wenn er anruft … 😉

Als es dann knapp 5 Minuten später erneut klingelte, dachte ich: „O je – vielleicht liegt ja etwas Drastisches an!“ Ich dachte sofort an meine Eltern – nicht, dass da etwas passiert war! Und schon schoss ich aus der Wanne, trocknete mich ab, zog meinen fuchsiafarbenen Bademantel an und wählte die Nummer meiner Schwester.

Niemand ging dran. Und so whatsappte ich meine Schwester an: „Jetzt bin ich extra aus der Badewanne gestiegen!“ Keine fünf Minuten später klingelte mein Handy – Stephie war dran. „Sorry, ich wollte dich nicht stören – aber ich habe hier gerade einen günstigen Flug von Düsseldorf nach Warschau gefunden! Wir sollten am besten buchen!“

Das dachte ich mir bereits seit Tagen. Hatte auch schon darauf hingewiesen. Aber ich hasse es, allzu hektisch zu agieren – und Flüge gibt es ja immer. Nur halt dann manchmal nicht mehr ganz so günstig …

Meine Schwester war auf einer Flugbuchungs-Plattform fündig geworden, und ich setzte mich rasch an meinen PC, um parallel zu ihr zu buchen und ein E-Ticket zu generieren. Aber mein PC machte mir – ich hatte Ähnliches schon befürchtet – einen Strich durch die Rechnung. Er ist, was das Wetter anbelangt, ein ähnliches Sensibelchen wie ich, nur erheblich konsequenter, denn: Er schaltet sich, wenn es ihm zu warm wird, einfach sang- und klanglos ab. (Gut – ich bin bei derartigem Wetter auch schon umgekippt, ich will nicht meckern … 😉 )

Ich sagte: „Stephie, du wirst für mich mitbuchen müssen – mein Rechner hat sich gerade verabschiedet.“ – „Kein Problem – dann verrechnen wir das während der Reise.“ Und schon stellte sie ein wunderbares Reisepaket zusammen. Der Flug – hin und rück – sollte pro Nase ca. 120,- € kosten. Auf wundersame Weise ergab dann das finale Ergebnis einen Pro-Nase-Preis von knapp 260,- € … Dabei hatte sie – mit mir abgestimmt – nur wenige diesen Endpreis durchaus nicht rechtfertigenden Zusatzleistungen mitaufgenommen. Im Kopf überschlug ich den Preis für die Zusätze, was Stephie wohl ihresgleichen tat, und wir kamen beide darauf, dass da etwas nicht stimmen könne. Sie versuchte es über eine andere Plattform, auf der es nicht besser war, und da meinte ich: „Ich halte, ehrlich gesagt, nicht so viel von diesen Plattformen. Warum nicht bei der Airline direkt buchen? Diese Plattformen wirken immer so bequem – und dann kommt so etwas heraus. Einen Versuch direkt bei der Fluggesellschaft ist es zumindest wert.“

Das fand meine Schwester gut, meinte dann aber: „Sag mal, das wollte ich dich ohnehin fragen: Die Airline heißt LOT! O Gott – ich muss da an das englische Wort für Schicksal denken, und es ist ein Billigflug! Hast du schon einmal davon gehört?“

Meine Schwester und ich fliegen – wie die meisten meiner Familienmitglieder – für unser Leben gern. Nur offenbar völlig unterschiedlich. Zumindest sind unsere Interessen sehr verschieden. Ich interessiere mich fürs Fliegen en gros und en détail, also auch für die Technik, ebenso wie für das Drumherum. Und so sagte mir auch LOT etwas, und ich meinte: „Das ist die bekannteste und größte polnische Airline. Kannst du dich noch an den Flugunfall von 2011 erinnern, als eine Boeing 767 auf dem internationalen Flughafen in Warschau eine Notlandung vollführen musste und auf dem Bauch landete, weil das Fahrwerk sich nicht ausfahren ließ? Das war eine LOT-Maschine!“ – „Aaah! Bist du wahnsinnig? Was erzählst du denn da?!“ – „Ja, aber das ist wahr! Und – um dich zu beruhigen: Niemand an Bord wurde verletzt – alles ging glimpflich aus, und das aufgrund des Könnens des LOT-Piloten!“ – „Ali! Ich habe manchmal den Eindruck, du machst das mit Absicht!“ – „Was denn genau?“ – „Solche Dinge erzählen und dann abwarten, wie das Gegenüber reagiert!“ – „Unsinn! Ich habe doch nur darauf hinweisen wollen, dass LOT gar nicht so unbekannt sei.“ – „Das machst du mit Absicht!“ – „Jetzt hör zu palavern auf! Buche lieber die Flüge.“

Und das tat meine Schwester. Sie gab nach erfolgter Eingabe sämtlicher notwendiger Informationen die Nummer ihrer Kreditkarte ein und klickte Weiter an. Alles schien gut … Doch plötzlich rief sie: „Hier steht: „Leider ist Ihre Kreditkarte offenbar noch nicht für das AbsolutelySecure-Verfahren registriert – die Buchung konnte nicht vorgenommen werden!“

So ein Mist – unsere Plätze E und F (Mitte und Fenster) in Reihe 13 (die einzige Reihe, die noch zur Gänze frei war – warum nur … 😉 ) würden sicherlich alsbald anderweitig vergeben sein … Und so meinte ich: „Pass auf, ich gebe dir meine Kreditkartennummer [denn mein PC war noch immer nicht bereit, seinen Dienst zu tun], und dann versuchst du es damit noch einmal.“ Jedoch fügte ich hinzu: „Ich habe allerdings den dumpfen Verdacht, dass es zum gleichen Ergebnis komme …“

Und so war es auch. Schräg – ich buche Flüge und anderes immer über meine Kreditkarte und nutze sie oft. Meine Schwester wohl ähnlich – bisher nie ein Problem …

Es ging dann so aus, dass Stephie meinte: „Ich rufe jetzt bei der Hotline an! Bleibst du dran? Ich hole nur eben das Festnetztelefon.“ (Wir telefonierten beide per Handy, zumal ich mir ohnehin ein neues Festnetz-Telefon kaufen muss und derzeit nur übers Handy erreichbar bin.)

Sie fand heraus, dass bei LOT in Düsseldorf aufgrund der Tatsache, dass Sonntag war, niemand erreichbar war, fand dann aber die Servicenummer der Hotline und meinte lachend: „Ich habe die Wahl zwischen Englisch und Polnisch – was soll ich nehmen?“ Ich riet ihr zu Polnisch, da wir das ja beide fließend sprechen … 😉

Gefühlte acht bis zehn Minuten hing sie in der Warteschleife und fragte mich mehrfach, ob ich nicht lieber anrufen wolle. Hätte ich gemacht, hätte mein Festnetz-Telefon sich nicht kürzlich in die Ewigen Jagdgründe verabschiedet. Mit dem Handy rufe ich so ungern bei Hotlines an – nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Vielleicht bin ich da allzu skeptisch, denn so ein Callcenter kann ja überall auf der Welt … Lassen wir das.

Endlich meldete sich jemand, und meine Schwester parlierte los. Es endete nach insgesamt etwa einer Viertelstunde damit, dass wir nun beide Plätze auf der Maschine und auch die E-Tickets per Mail gesendet bekommen haben.

Als meine Schwester, der die Bestätigungen geschickt worden waren, die erste Mail öffnete, schrie sie: „O Gott! Das Callcenter ist in Toronto! Wie lange hat das Telefonat eigentlich gedauert?“ – „‘ne Viertelstunde vielleicht?“ – „Ach, du Schande – das wird sicher teuer!“ – „Ach, sicherlich nicht so teuer wie die Buchungen über die Buchungsplattform!“ – „Ja, danke! Was meinst du: Wie teuer mag das Gespräch gewesen sein?!?“ – „Steht irgendwie auf meine Stirn gemeißelt, dass ich Expertin für Auslands-Telefongebühren sei? Es wird sicherlich nicht so schlimm.“ [Ganz sicher war ich mir allerdings nicht … ] – „Du hättest ja auch mal …“ – „Ach! Ich habe derzeit nur mein Handy – was meinst du wohl, wie teuer das damit geworden wäre!“

Wenn man meint, man könne sparen, kommt sicherlich irgendein anderer fieser Aspekt dazwischen … 😉

Doch als ich die von meiner Schwester weitergeleiteten Mails mit den E-Tickets öffnete, sah ich etwas, das mir zwar vertraut ist, und doch enthielt es etwas, das ich nicht kannte: „Marketed by: LOT Polish Airlines – Operated by: Deep Blue Sea Airline.“

Mir ist das Dry-Lease wie Wet-Lease-Verfahren durchaus bekannt – passiert ja allenthalben, und keiner macht sich Gedanken. Nur: Deep Blue Sea kannte ich gar nicht … Aber man kann ja googeln …

Das tat ich auch. Und danach las ich noch einige Bewertungen zur Fluggesellschaft. Einer rumänischen Billigfluggesellschaft … Ich hätte es besser nicht getan … Die Bewertungen waren großenteils so geartet, dass selbst mir angst und bange wurde. Die Flotte besteht aus 29 Maschinen, der Altersdurchschnitt liegt bei 20,3 Jahren … Ich war nie gut in Mathe, aber mein erster Gedanke war: „29 Maschinen, und der Altersdurchschnitt liegt bei 20,3 Jahren! Wie alt mag die dienstälteste Maschine sein?“ Dann dachte ich: „Naja, sicherlich fliegt zum Frédéric-Chopin-Flughafen nicht die älteste Maschine …“

Stimmt. Tut sie nicht. Denn ich sah mir danach noch einmal die Flotte der LOT an – zwei Maschinen haben sie von Deep Blue Sea „wet-geleast“, ergo nicht nur die Maschine, sondern auch die Besatzung, die in fast allen Bewertungen als rude oder extremely rude bezeichnet wurde. Eine Boeing 737-800 aus dem Jahre 1997. Liegt nur knapp über dem Altersdurchschnitt, ist nicht die älteste Maschine … 😉

Das habe ich Stephie noch nicht erzählt – es erschien mir günstiger so. 😉 Sie machte sich noch Sorgen wegen LOT! Und das war keineswegs gerechtfertigt. 😉

Sollten wir bei An- oder Abflug abstürzen, so hoffe ich wenigstens, dass es über Polen passiere. Dann wären wir wenigstens bei den Ahnen … 😉

Nein – ich bin mir ziemlich sicher, dass beide Flüge prima funktionieren – zumindest bezüglich der Tatsache, dass wir sicher landen (obwohl ich Gruseliges in den ganzen Bewertungen las …), einmal in Polen, das zweite Mal in Deutschland. Vielleicht werden wir sogar positiv überrascht! 😉

Man muss immer positiv denken … 😉

Noch ist Polen nicht verloren …

Denn noch sind Stephie und ich ja nicht da.

In wenigen Wochen steht mein Jahresurlaub an. Endlich! Drei Wochen – ich kann es immer noch nicht glauben. Zu lange liegt mein letzter richtiger Urlaub, der nicht nur aus drei Tagen bestand, zurück. Genauer: Zum Zeitpunkt, da mein diesjähriger Jahresurlaub seinen Anfang nimmt, liegt mein letzter richtiger Urlaub beinahe eineinhalb Jahre zurück …

Und das merke ich mehr und mehr. 😉

Diesmal geht es zwar wieder mit meiner Schwester Stephanie los, jedoch nicht nach Schottland, Irland oder England – unsere letzten Reiseziele. Etwas ganz anderes wird es sein. Denn wir reisen – siehe oben – nach Polen. Schon lange hatten wir das vor. Teile unserer Vorfahren kommen aus der Region. Und aus Tschechien, genauer: aus Mähren. Oder Moravia, wie das so hübsch lateinisch heißt. 😉

Ich bin schon sehr gespannt, und heute, an einem denkwürdigen Tag, dem ich – ähnlich wie Silvester – jedes Jahr voller Grauen entgegensehe, seit ich 30 wurde (am vierzigsten denkwürdigen Tag habe ich sogar geweint! 😉 ), habe ich ganz pragmatisch ein Pocket-Wörterbuch für die Reise bestellt – mit Aussprachehilfen, denn Polnisch ist nicht nur eine sehr schwierige Sprache, sogar die schwierigste der generell schwierigen slawischen Sprachen, was die Grammatik anbelangt: Auch ihre Aussprache ist für nicht-slawischerprobte Sprecher schwer nachvollziehbar. Es werden bisweilen recht viele Konsonanten aneinandergereiht, die für Uneingeweihte schier unaussprechlich scheinen, für Muttersprachler jedoch gar kein Problem darstellen und – wenn man die Muttersprachler sprechen hört – ganz wunderbar klingen. Finde ich zumindest. Wunderbar, aber undurchschau- und ähnlich schwierig artikulierbar. Ich bin froh, wenigstens Smacznego! und Serdecznie witamy! sagen zu können. Nur: Ich glaube nicht, dass man eine vierzehntägige Polenreise bestreiten kann, wenn man lediglich Guten Appetit! und Herzlich willkommen! sagen kann, zumal wenn man dort zu Gast ist und nurmehr hoffen kann, dass man selber willkommen geheißen werde. 😉 Auch Ausspruch No. 3 – na zdrowie – hilft nur wenig weiter. Es sei denn, man sitzt in einer geselligen Kneipe und trinkt gerade ein leckeres piwo.

Die Reiseroute und ihr Ausmaß ist noch nicht ganz klar. Gleiches gilt für Abflug- und Ankunftsort. Möglich, dass wir von Düsseldorf nach Krakau oder Warschau fliegen. Oder von Dortmund. Auch sollten wir langsam damit beginnen, Hotelzimmer zu buchen. Aber vielleicht wird es ja ohnehin eine Abenteuerreise. 😉

Mein Tag begann zumindest heute damit, dass ich erneut nach günstigen Flügen suchte. Besser, ich lenkte mich vom neuen Lebensjahr und einer völlig ungewohnten Zahl ab, die die Anzahl meiner bisherigen Lebensjahre so genau definiert. 😉 Ich bin leider ein bisschen eitel … 😉

Zwischenzeitlich bekam ich diverse WhatsApp-Nachrichten und Glückwünsche, über die ich mich sehr freute. Zumindest stellten sie einen gewissen Trost dar. 😉 Dabei musste ich feststellen, dass der Akku meines Handys und das Handy an sich schwächelten – leider beileibe nicht zum ersten Mal. Vor drei Jahren hatte ich mir das S6 in Meerblau zum Geburtstag geschenkt – wenn das kein Zeichen war! Und schon ließ ich die Flugrecherche Flugrecherche sein und ging auf die Seite meines Mobilfunk-Providers, um – nicht, dass das noch zur Tradition wird – ein neues Smartphone nebst Vertragsänderung (die war vonnöten) zu organisieren. Das neue Smartphone wird zartviolett sein – ist mal was anderes. Doof nur, dass ich meine Nummer nicht behalten kann – ich habe eigens die Hotline des Providers angerufen, die mir bestätigte, leider, leider gehe das nicht. Warum, konnte mir keiner erklären. Nun gut – eine neue Nummer. Hoffentlich nicht wieder eine wie die bei E-Plus damals, die auf -6969 endete und die mir jedes Mal, wenn ich sie nennen musste, schlüpfrige Kommentare einbrachte – haha … 😉

Doch zurück zum Urlaub, den ich dann wohl mit neuem Handy antreten werde. Meine Patentante rief an, gratulierte und erklärte, sie habe einen Urlaubszuschuss auf mein Konto überwiesen, dessen Daten sie meinem Vater abgepresst hatte, um mich zu überraschen. (Leider hatte ich davon gar nichts mitbekommen, da ich kein Online-Banking betreibe – zum Glück wies mein Vater mich, als er und Mama mir gratulierten, darauf hin. 😉 ) Ich freute mich riesig, und Tante Ute erklärte, sie fände klasse, dass Stephie und ich nach Polen reisen würden. Immerhin sei sie dort zur Welt gekommen, was ihr jedoch auch erst klar geworden sei, als sie nach vielen Jahren einen neuen Pass beantragt habe und bei dessen Abholung sehr erstaunt gewesen sei, denn da habe statt des ihr aus dem alten Pass vertrauten Namens ihres Geburtsortes, dem einstigen deutschen Namen, ein Konglomerat erstaunlich vieler Konsonanten gestanden, und sie habe dies bei der Bediensteten der passausstellenden Behörde zunächst moniert und gesagt: „Ich kann meinen eigenen Geburtsort nicht aussprechen! Was, wenn ich ihn irgendwo angeben muss? Und wieso besteht er aus zwei Wörtern?“ Daraufhin habe man ihr mitgeteilt, sie sei nun einmal nach Kriegsende dort zur Welt gekommen – da gelte der polnische Name. Inzwischen kann sie ihn hervorragend aussprechen, und sie berichtete, sie sei mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin vor einigen Jahren dort gewesen, und es sei einfach nur schön gewesen, wie freundschaftlich man sie trotz der historischen Gegebenheiten aufgenommen hätte. Seither hätte sie neue Freunde in Polen, und es freue sie, dass Stephie und ich hinreisen würden – ganz gewiss würde es uns gefallen. Und diese ganzen Klischees, die manche Leute äußerten, seien einfach nur bescheuert.

Mein Reden seit Jahren. Ich werde nie vergessen, wie ich in Aachen mal mit Freunden und Bekannten in einer Kneipe saß und wir zu fortgeschrittener Stunde über unsere jeweilige Abstammung bzw. Vorfahren sprachen: Einer hatte französische Vorfahren aus dem Elsass, ein anderer englische, ein weiterer niederländische Wurzeln. Dann ruhten ihre Augen auf mir, und ich sagte völlig unvoreingenommen: „Ich habe unter anderem fränkische, polnische und tschechische Vorfahren.“ Daraufhin schrie der, der die französischen Vorfahren hatte, laut durch die Kneipe: „Achtung! Passt alle auf eure Habseligkeiten auf! Diese kleine Frau hier sieht harmlos aus, hat aber polnische Vorfahren! Ihr wisst, was das bedeutet – haltet eure Sachen lieber fest! Hahaha!“ Und er lachte sich halbtot, während – ungelogen! – diverse Leute in der Kneipe ihre Sachen an sich rafften und mir Blicke zuwarfen, als würde ich sie ihnen durch meine reine Anwesenheit streitig machen. Freundlich waren die Blicke beileibe nicht.

Ich sah meinen Bekannten an, tippte mir gegen die Stirn und sagte: „Sag mal, hast du sie noch alle? Was soll das denn?“ – „Ach, war doch nur ein Scherz!“ – „Ja, aber hast du gesehen, wie die Leute reagierten und mich ansahen? Geht es noch?“ Und die Tresenfrau meinte zu Michael, der sich gern Michel – französische Aussprache – nannte: „Mal wieder nach deinem Motto: Lieber einen guten Freund verlieren, als einen schlechten Witz auslassen, nicht wahr? Ich habe auch gesehen, wie Ali angesehen wurde. Übrigens bekleckern sich Franzosen auch nicht immer mit Ruhm. Wie alle anderen Menschen ganz unterschiedlicher Nationalitäten.“

Ich winkte ab: „Lass gut sein, Marilu. Es war ein Scherz. Ein blöder Scherz. Ich bin nur immer sehr erstaunt, wie unterschiedlich verschiedene Nationalitäten betrachtet werden. Ich werde von nun an von den Leuten, die gerade ihre Sachen an sich rafften, nicht nur als potentielle, sondern Per-naturam-Diebin angesehen werden. Warum eigentlich? Ich habe noch nie schlechte Erfahrungen mit Polen gemacht. Bis jetzt. Es kann natürlich sein, dass sich das noch ändert, denn in jedem Land gibt es nette Menschen, aber auch Arschlöcher. Nur ist mir bis jetzt noch nie Schlechtes durch Polen widerfahren, und ich kenne einige. Im Gegenteil.“

Das stimmte. Naja, gut, einen hatte ich kennengelernt, der nicht gerade eine Zierde seiner Zunft gewesen war. Dem hatte ich in der Sprach- und Förderschule, in der ich damals neben dem Studium arbeitete, Deutsch beibringen sollen. Władysław P. hieß er, und er bedeutete mir gleich in der allerersten Stunde, ich solle ihn Władek nennen. Ich nannte ihn konsequent Herr P., ignorierte, dass er mich „nach Warszawa“ mitnehmen wollte und schlug ihm mehrfach auf die Finger, als er nach mir griff. Und das genauso konsequent, wie ich das immer machte, wenn man übergriffig wurde – ganz unabhängig von der Staatsbürgerschaft. Und eines Tages sagte mein damaliger Chef ganz konsterniert zu mir: „Frau B., ich mache ja öfter hier die Runde, und aus Ihrem jeweiligen Unterrichtsraum höre ich immer lebhaftes Reden, Lachen und gute Stimmung. Als ich aber neulich, als Sie eine Stunde mit Herrn P. hatten, vorbeikam, traute ich meinen Ohren nicht: Aus Ihrem Raum drang etwas, das wie Kasernenhofton klang! Von Ihnen! Das kenne ich gar nicht von Ihnen! Sagen Sie mir bitte, was für einen Grund das hat!“ Ich schilderte die Gegebenheiten, auch, dass ich die Möglichkeit hätte, alsbald in Warszawa zu leben, lachte jedoch und meinte: „Keine Sorge, alles im Griff!“ Mein Chef fand das gar nicht so lustig, und er meinte: „So geht das nicht – das muss ihm klar sein!“ – „Ich denke, es ist klar. Ich habe es mehrfach zu verstehen gegeben. Und das durchaus energisch.“ Mein Chef sah mich besorgt an und meinte: „Sollten Sie in Schwierigkeiten sein, schreien Sie ganz laut – dann komme ich sofort zu Ihnen!“

Vor meinem geistigen Auge erschien folgendes Szenario: Großer Hund benimmt sich in Gegenwart eines Dackels komplett daneben, wird übergriffig gegen Dackel. Dackel bellt laut und empört, schnappt um sich. Tür geht auf, und zweiter Dackel erscheint. Beide Dackel kläffen großen Hund an, einer hängt sich an dessen Vorderbeine, der andere zwickt den großen Hund in die Hinterläufe, dabei garstig knurrend. Großer Hund lacht und schüttelt die kleinen Plagegeister ab … 😉

In etwa so hätte es ausgesehen, hätte mein Chef mich gegen den durchaus hochgewachsenen und kräftigen polnischen Sprachschüler verteidigen müssen – mein Chef überragte mich um etwa einen oder zwei Zentimeter. Und so brach ich in helles Lachen aus, als mein Chef mich inständig bat, ihn zu Hilfe zu rufen. Außerdem war es gar nicht nötig.

Dann hatte ich eine sehr, sehr nette Polin, der ich Deutsch beibringen sollte, und das lief prima, denn im Gegensatz zu Herrn P. lernte sie fleißig. Und eines Tages erklärte mir mein Chef, er habe eine ganz neue Schülerin für mich. Einen etwas schwierigeren Fall. Eine fünfzehnjährige Polin – der Fall liege ihm am Herzen. Das Mädchen sei sehr intelligent und ebenso künstlerisch begabt, aber extrem schüchtern und unsicher, und es werde in der Schule gemobbt. Da habe er sofort an mich gedacht: „Frau B., wenn eine das hinkriegen kann, dann Sie! Ich erinnere mich noch an Ihre Anfangszeit hier – Sie wirkten sehr schüchtern und ein bisschen verhuscht. Und mit einem Mal waren Sie so, wie Sie wohl wirklich sind, zumindest in der Tätigkeit hier. Woran lag das eigentlich?“

Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu meinem Chef, und ich sagte wahrheitsgemäß, dass eine ziemlich vertrackte Beziehung mich derart verunsichert hätte. Als diese beendet gewesen sei, ein halbes Jahr nach meinem Einstieg in dieser Sprach- und Förderschule, sei ich am Boden zerstört gewesen, hätte dann aber wohl irgendwie den Stier bei den Hörnern gepackt – irgendwie musste es ja weitergehen. 😉
Mein Chef grinste mich an und meinte: „Wozu gescheiterte Beziehungen bisweilen gut sein können! Inzwischen sind Sie meine echte Patentlösung für schwierige Fälle. Im Gegensatz zur Anfangszeit sehr lebhaft und fröhlich – und Sie haben ein Händchen für Ihre Schüler, vor allem die schwierigen Fälle.“ Das war ein Kompliment, und ich übernahm die kleine Lina sofort. Ein ganz liebes Mädchen, sehr sensibel, das in der Tat künstlerisch sehr begabt war. Gemobbt wurde es, weil es ganz anders war als seine Mitschülerinnen, nach denen sich die Jungs schon öfter umdrehten. Nach der kleinen Lina drehte sich keiner um – dabei hatte sie garantiert mehr drauf als das Gros der Mitschülerinnen.

Zu Anfang war es schwierig, sie zum Sprechen zu bringen – sie war total eingeschüchtert. Aber irgendwie klappte es recht schnell, und sie fasste Vertrauen zu mir. Ihr Traum: ein einjähriger Schüleraustausch in die Vereinigten Staaten. Daran würden wir arbeiten – und an Linas Selbstwertgefühl. Es war vordergründig Englisch, aber in Wirklichkeit noch viel mehr.

Aus dieser „Kooperation“ erwuchs eine Freundschaft, denn Linas Mutter lud sowohl meinen Chef, als auch mich im Zuge dieser insgesamt fast zwei Jahre andauernden „Arbeitsgemeinschaft“ eines Tages zu einer kleinen Feier ein: Es war im Advent, und wir waren eingeladen zum Vorweihnachtsessen, zu dem auch einige polnische Freunde eingeladen waren. Es war wunderschön. Es gab Barszcz und Bigos, viel Tee, Sekt, und wir erzählten viele Geschichten. Linas Mutter erzählte, wie sie nach Deutschland gekommen seien, damals noch mit ihrem Mann, der jedoch kurz darauf sehr krank geworden und gestorben sei. Seither würde sie Lina und sich allein durchbringen. Mir wurde meine Verantwortung noch bewusster, ebenso aber auch, dass man mir absolut vertraute.

Als wir während der Adventsfeier feststellten, dass meine näheren Vorfahren aus der gleichen Region kamen wie Linas Mutter („Nenn mich Danuta!“), ich die Gerichte kannte, von denen erzählt wurde, als es um das Thema Essen ging, rief mein Chef: „Irgendwie fühle ich mich jetzt so richtig doof: Ich gehöre gar nicht dazu!“ Und er lachte, und Danuta meinte gleich: „Doch! Natürlich Sie gehören dazu! Hätte ich Sie sonst eingeladen?“ Und zum Trost gab es dann eine Bescherung, denn – obwohl Danuta finanziell nicht übermäßig gut gestellt war – wir bekamen auch alle noch ein kleines Geschenk. Ich einen Kaffeebecher, in dem eine Orange steckte. Den Kaffeebecher habe ich heute noch und halte ihn in Ehren.

Und als mein Chef dann sein Unternehmen aufgab, habe ich privat noch weiter bei Lina und Danuta Unterricht gegeben, und Lina hat es nicht nur geschafft, das Austauschjahr zu ergattern, sondern war zum Schluss ganz anders als zu Beginn, lachend, fröhlich, den Kopp oben tragend, was ich ihr immer wieder gesagt hatte: „Kopp hoch tragen! Nicht die Nase – das wäre arrogant und eingebildet. Außerdem regnet es dann hinein. Du musst den Kopf gerade tragen, Schultern zurück – du bist jemand, und deine Mitschülerinnen können dich mal!“ Als ich meine letzte Stunde absolviert hatte, sagte Danuta: „Ich kann gar nicht soviel danken, wie es wäre nötig! Hast du ein ganz anderes Mädchen aus Lina gemacht!“ Ich grinste und schüttelte den Kopf: „Nee. Das hat sie ganz allein gemacht. Ich habe sie nur ein bisschen angestupst. Aber es ist ihre eigene Leistung, nicht meine, und das habe ich ihr vorhin genauso gesagt. Ganz ehrlich: Ich muss sogar ein bisschen grinsen, dass es so toll geklappt hat. Denn ich war früher genauso wie Lina zu Anfang. Nur nicht so begabt. Manchmal bin ich es heute noch. Umso schöner, immer wieder bestätigt zu sehen, dass es möglich ist, das zu überwinden. Mir hat die Arbeit auch sehr viel gebracht.“ Danuta sah mich an, dann platzte sie vor Lachen heraus und meinte: „Wie nennt ihr das hier? Understatement, glaube ich. Du bist die beste Lehrerin, die wir hätten kriegen können, und wir mögen dich beide sehr.“ Ich lachte auch und meinte: „Danke, das freut mich sehr – ebenso, euch getroffen zu haben. Aber Understatement ist es nicht – ich habe einfach nur die Wahrheit gesagt.“ – „Na, dann gratuliere ich uns allen – ich hoffe, wir bleiben in Kontakt, denn ich mag dich wirklich sehr gern.“ Und zum Abschied nahm Danuta mich in den Arm und drückte mich ganz fest. Und wir hatten auch noch längere Zeit Kontakt – bis ich Aachen verließ.

Danach hatte ich öfter Kontakt zu diversen Polen, und alles lief prima. Ich verstehe die doofen Klischees daher absolut nicht, obwohl mir klar ist, dass es in jedem Land, in jeder Nationalität sehr viele nette Menschen, aber auch echte Armleuchter gibt.

Dennoch habe ich mich vorhin bei einer echt unzulässigen Aussage ertappt, als mein Schwager mich anrief, um mir zum Geburtstag zu gratulieren. Ich meinte während des Gesprächs zu ihm: „Sag Stephanie doch bitte, dass ich auch schon ein Reisewörterbuch mit Aussprachehilfen gekauft habe – abgestimmt auf typische Reisesituationen in dem besuchten Land.“ – „Ja, mache ich.“ Und es ritt mich irgendein Teufelchen, denn ich rief: „Zum Beispiel der Satz: ‚He! Wir lassen uns nicht über den Tisch ziehen! Dieses Hotelzimmer ist den geforderten Preis nicht wert!‘ Oder: ‚Geben Sie mir sofort mein Portemonnaie mit der Kohle zurück!‘“ Helge lachte, ich lachte, denn natürlich war es nicht ernst gemeint gewesen, aber plötzlich kam mir zu Bewusstsein, dass ich gerade ein gruseliges Klischee bemüht hatte – über das ich mich Jahre zuvor echt geärgert hatte. Und meine Erkenntnis war: Ich bin keineswegs besser als andere Klischeereiter. Aber – ganz ehrlich – das hatte ich auch weder erwartet, noch behauptet. 😉

Ich bin sehr gespannt auf den Urlaub. Und ganz sicher, dass es mir sehr gefallen werde. 😊

Nostalgie im Urlaub …

Heute ist der erste Tag eines kurzen Urlaubs meiner Wenigkeit. Erst am kommenden Dienstag muss ich wieder im Büro sitzen und – wenn das Wetter sich nicht ändert – schwitzen. (Denn der interne Stellenwechsel von einem Südlagen-Büro ohne Klimatisierung in ein Westlagen-Büro ohne Klimatisierung hat sich zumindest in dieser klimatischen Hinsicht nicht als große Verbesserung erwiesen … 😉 )

Mein richtiger Jahresurlaub wird von Ende August bis Mitte September andauern, aber ein paar freie Tage zuvor waren zwingend notwendig. 😉

Ich schlief aus, herrlich! Dann duschte ich und machte mich fertig, denn um kurz nach 12 stand die Physio an. Irgendwie habe ich ein wenig gebummelt – die Straßenbahn, mit der ich fahren wollte, würde ich nicht mehr erwischen. Also mit dem Auto! Die Parkplatzsuche erwies sich als nicht ganz so einfach, und so stochte ich schließlich per pedes vom Aldi-Parkplatz in die Physio-Praxis, wo Doris, meine sehr sympathische Physiotherapeutin, mich gleich in Empfang nahm. Es wurde – wie bei jeder Behandlung – dann auch schnell sehr lustig, denn Doris und ich haben denselben Humor, und erst kürzlich kam ihr Kollege in den Behandlungsraum, nachdem wir wiederholt sehr laut und dreckig gelacht hatten, und er fragte: „Was geht denn hier ab?“ Doris sagte: „Wir haben einander gerade versaute Witze erzählt!“ Der Kollege zu mir: „Frau B.! So kenne ich Sie gar nicht!“ Darauf Doris: „Mach dir nichts draus, Tom! Hier haben sich zwei Seelenverwandte gefunden! Und jetzt geh bitte – du bist mitten in eine Pointe geplatzt!“

Nach der Physio eierte ich erschöpft zurück zu Aldi, kaufte dort noch ein und sauste dann in meinen Heimatstadtteil. Ich musste noch zur Packstation und zum Hermes-Paketshop. In der Packstation harrte meine neue Lieblings-Krimiserie meiner: Mord auf Shetland, im Original kurz: Shetland. Einmal gesehen – schon verliebt. Noch dazu als Schottland-Fan mit einer ausgeprägten Sympathie für Pferde und Ponys, und es kommt eine sehr bekannte und kleine, kurzbeinige Ponyrasse von dort, die unter dem Beinamen Dackel unter den Pferden geführt wird und als intelligenteste Rasse unter allen Pferden und Ponys gilt: das Shetland-Pony. Zu klein für mich zum Reiten, aber charmant und liebenswert. 😊 Und dann diese Landschaft! Sie hat etwas Verwunschenes an sich – und da bin ich ja sofort verloren! 😉 Am liebsten würde ich im September auf die Shetlands reisen, aber es steht schon ein anderes Reiseziel fest, zu dem ich mit Stephanie reisen werde. 😉

Rasch hatte ich die Sendung aus der Packstation befreit, nachdem ich unrechtmäßig auf einem reservierten Parkplatz geparkt hatte. Es würde ja schnell gehen – der Hermes-Shop ist auch nicht weit entfernt. Aber nachdem ich in brüllender Hitze hingeeilt war, musste ich feststellen: Er war geschlossen. So ein Mist! Drinnen harrten zwei Tops meiner – die hatte ich bestellt, nachdem ich das englische Top aus China neulich aufgrund schlechten Geschäftsgebarens „für umme“ bekommen hatte. 😉

Zu Hause begab ich mich an das, was ich schon seit Wochen plane und zumindest partiell auch schon ausgeführt habe: das Ausmisten von Schränken und Kommoden. Bei der Hitze nicht sonderlich angenehm, aber ich wollte die Zeit nutzen.

Und da fand ich etwas wieder, in einer Kommode, das ich dort wohl in einer nostalgischen Anwandlung hingepackt hatte: einen Brief meiner langjährigen amerikanischen Brieffreundin Camelia. Ihren letzten. Und ich musste mich setzen und ihn lesen.

In der Prä-E-Mail-und-Internet-Ära gab es eine Organisation in Finnland, die in Brieffreundschaften machte. Wollte man eine Brieffreundin oder einen Brieffreund aus dem In- oder Ausland, füllte man ein Formular aus, sandte es an die Organisation, die in Turku beheimatet war, einer Stadt, die ich inzwischen auch persönlich kenne – sogar die Hauptwache der Polizei in der Eerikinkatu, was übersetzt soviel wie Erikstraße heißt -, und dann bekam man eine Adresse aus dem gewünschten Land, wofür 2,50 DM zu berappen waren.

Mein allererster Brieffreund hieß Jürgen und kam aus Vilshofen. Ein Bayer – sehr sympathisch. Da war ich 9 Jahre alt, und mir blieb nur ein deutscher Brieffreund bzw. eine deutsche Brieffreundin, da ich des Englischen noch nicht mächtig war. Ich hatte eigentlich eine Brieffreundin gewollt, und auch Jürgen aus Vilshofen war sicherlich nicht allzu begeistert über eine kleine Brieffreundin aus NRW. Aber – und das rechne ich ihm noch heute hoch an! – er schrieb mir eine Karte auf meinen kurzen Brief! Er hätte es nicht machen müssen, aber war so anständig (vermutlich steckten seine Eltern dahinter 😉 ), mir zumindest zu antworten.

Der erste Kontakt hatte nicht so gut geklappt, aber eines Tages bekam ich einen Luftpostbrief. Aus England. Eine Philippa schrieb mir! Aus Leeds! Ich freute mich, aber da war dieses babylonische Sprachproblem … 😉 Aber auch dies ließ sich lösen. Ich schrieb einen Brief auf Deutsch, und meine Mutter übersetzte ihn dann ins Englische. Und so ging das über eine gewisse Zeit hin und her, und unter Philippas Briefen stand stets: P.S.: Best regards to Kathrin. Das ist meine Mutter, die mir Philippas Briefe auch immer übersetzte. Ich stellte fest: Ich musste dringend Englisch lernen! 😉

Dann schrieb ich noch mit Camilla aus Jönköping, einer Schwedin, zwei Jahre älter, die mich auch eines Tages einfach angeschrieben hatte. Da aber immer diese Umleitung über meine Übersetzerin, ääh, Mutter notwendig war, war das Briefeschreiben stets etwas umständlicher. Und irgendwann schlief es dann auch ein. Es ist einfach viel schöner, wenn man selber in der Lage ist, sich hinzusetzen und zu schreiben – ohne Umwege.

Jahre später, irgendwann in der Mittelstufe, kam meine Freundin Gunni plötzlich mit dieser finnischen Organisation an, die ich fast vergessen hatte, und prompt steckte sie mich mit ihrem Eifer an. Ich war damals großer USA-Fan, und natürlich sollte es eine Brieffreundin aus den Staaten sein! Genau wie bei Gunni – die hatte bereits eine solche aus Atlantic City.

Meine erste USA-Brieffreundin hieß Teresa und kam aus Toledo in Ohio. Aber der Kontakt war nicht sehr ergiebig. Enttäuscht schrieb ich die zwei Mark fuffzig als Fehlinvestition ab. Aber zwei Wochen später bekam ich einen Luftpostbrief aus Chicago. Eine Camelia schrieb mir! Sie hatte wohl eine deutsche Brieffreundin gewollt und meine Adresse bekommen.

Der Brief war so nett, dass ich mich direkt hinsetzte und antwortete – Englisch beherrschte ich inzwischen sehr gut. 😉 Und das war der Beginn einer langjährigen und wunderbaren Brieffreundschaft …

Sie ging wirklich über Jahre – ich nahm Camelia sogar mit nach Aachen, als ich dort zu studieren begann. Sie studierte ihrerseits in Evanston, und unsere Briefe gingen hin und her. Sie wusste Dinge über mich, die Menschen, die ich täglich sah, nicht wussten, umgekehrt vertraute sie mir auch ihre Sorgen an oder erzählte mir von Dingen, die sie mir sicherlich nicht auf die Nase gebunden hätte, wären wir einander täglich begegnet. Einmal schickte sie mir ein Päckchen nach Aachen. Eine Kassette war darin: „This is music I like!“ Dazu hatte sie einige typisch amerikanische Dinge gepackt – unter anderem auch drei Riegel Butterfinger. Ein wunderschönes Päckchen, für das ich mich auf ähnliche Weise revanchierte. Zu meinem Geburtstag bekam ich seit Beginn unserer Brieffreundschaft immer riesige Glückwunschkarten, sie umgekehrt auch.

Und wir planten immer, einander zu treffen. Interessanterweise wusste keine von uns, wie die andere überhaupt aussah – wir hatten nie Fotos verschickt, aber wir verstanden einander auf diesem Wege hervorragend, und sie schrieb mir einmal: „Es ist erstaunlich, wie sehr man an jemandem hängen kann, den man noch nie gesehen hat! Du gehörst zu meinem Leben – und ich weiß nicht einmal, wie du aussiehst! Aber was die Briefe anbelangt, habe ich ganz oft den Eindruck, dass wir Schwestern sein könnten.“ Das empfand ich ähnlich – bis heute weiß ich nicht, warum wir keine Fotos verschickt haben. Das erstaunt mich bis heute.

Eines Tages schrieb sie mir ganz euphorisch, sie und ihr Freund hätten sich verlobt, und sie wollten auch bald heiraten. Ich freute mich riesig für sie – ich hatte gerade Megazoff mit meinem damaligen Freund -, und ich schrieb ihr einen langen Brief.

Auf diesen Brief habe ich von ihr nie eine Antwort bekommen. Es vergingen zwei Wochen, bis ich unruhig wurde. Wir schrieben einander wirklich dauernd, und nun kam nichts. Hatte ich etwas Falsches geschrieben?

Nach zwei weiteren Wochen ohne Lebenszeichen schrieb ich einen weiteren Brief. Auch auf diesen erhielt ich keine Antwort. Ich muss ehrlich gestehen, dass mich das beunruhigte. Sie schrieb immer sofort zurück. Ich hatte kein gutes Gefühl. Entweder hatte ich irgendetwas falsch gemacht (meine erste Annahme), oder es war etwas passiert. Es mag komisch erscheinen, aber ich dachte wirklich ständig darüber nach, was passiert sein möge. Camelia war in der Tat wie eine ferne „Schwester“ für mich – und sie war in Gestalt ihrer Briefe immer dagewesen, seit Jahren.

Es vergingen weitere Wochen, und ich wollte am Wochenende zu meinen Eltern fahren, als meine Mutter mich zwei Tage vorher anrief und mir sagte, von einer Sally N. aus Chicago sei ein Brief für mich gekommen. Ich wunderte mich – ich kannte nur eine Camelia N. aus Chicago – Sally sagte mir nichts. Meine Mutter, die wusste, dass ich eine so enge Brieffreundin aus diesem Teil der Staaten hatte, meinte: „Vielleicht ist etwas passiert. Soll ich den Brief öffnen?“ – „Nein, ich komme ja übermorgen.“

Und kaum war ich dort, habe ich den Brief geöffnet. Tatsächlich – Sally N. schrieb mir. Und als ich zu lesen begann, begriff ich zunächst kaum, was sie schrieb. Denn der erste Absatz klang harmlos, und ich rechnete nicht mit etwas Bösem. Bis mir auffiel, dass da noch etwas im Kuvert lag: eine Drucksache. Obituary stand darauf, darunter ein Foto, das unterschrieben war mit Camelia S. N…

Obwohl ich inzwischen fließend englisch sprach, schnallte ich zunächst nicht, warum da obituary stand, das englische Wort für Todesanzeige oder Nachruf. Es wollte mir wohl einfach nicht in den Sinn.

Aber ich wusste nun, wie meine so liebgewonnene langjährige Brieffreundin aussah. Das einzige Foto, das ausgetauscht wurde.

Ich war völlig schockiert – das konnte doch nicht sein! Sie war doch gerade verlobt gewesen, und sie und ihr Verlobter hatten Heiratspläne gemacht! Ich stand da, hilflos mit dem Nachruf in der Hand, und meine Mutter fragte: „Was ist passiert?“ – „Camelia ist tot …“ – „Was? O Gott! Was ist denn passiert?“ – „Ich weiß es nicht.“ – „Lies doch mal den Brief!“

Ich musste mich erst einmal setzen, ich war wirklich schockiert. Dann las ich den Brief, den Sally, Camelias Mutter, mir geschrieben hatte. Es war ein langer Brief, ein sehr lieber, liebevoller Brief. Sie schrieb, es tue ihr leid, mir erst jetzt zu schreiben, aber sie hätte ihrerseits erst einmal klarkommen müssen, und man hätte natürlich zuerst an die amerikanischen Freunde und Verwandten gedacht. Als sie und ihr Mann Camelias Studentenzimmer im Wohnheim ausgeräumt hätten, hätte sie da meine zwei letzten Briefe ungeöffnet liegen sehen, und da sei ihr klargeworden, dass da ja noch jemand sei, der unterrichtet werden müsse. Und – ich solle ihr nicht böse sein – sie habe beide Briefe geöffnet und gelesen und sei gerührt gewesen, da ich mir wohl Sorgen gemacht hätte. Sie hätte von der Brieffreundschaft gewusst, da Camelia ihr davon erzählt habe, dass diese schon so viele Jahre andauere. Einmal habe sie ihr aus einem meiner Briefe vorgelesen und gesagt: „It is as if I had a sister in Germany!“ Und da habe sie, Sally, sich nun hingesetzt und mir geschrieben – denn das sei wirklich eine außergewöhnlich lange und enge Brieffreundschaft gewesen. Sie bedanke sich für die Zuneigung, die ich ihrer Tochter entgegengebracht hätte, obwohl wir einander ja nie gesehen hätten. Es sei einfach, aus der Nähe Zu- oder Abneigung zu empfinden – aus der Ferne über so viele Jahre so zuverlässig und freundschaftlich zu schreiben, empfände sie als etwas Besonderes.

Sie schrieb mir nicht, woran Camelia gestorben sei – ich weiß es bis heute nicht. Sie beendete ihren langen und sehr lieben Brief damit, dass sie schrieb: „Please do me a favor: Always take care of yourself, Ali dear! And whenever you are near or in Chicago, I would be happy to meet you. Though far away, you were very close to Camelia.”

Ich war völlig erschlagen und schockiert, aber auch gerührt von Sallys Brief. Geweint habe ich damals nicht – der Schock war zu groß. Aber ich setzte mich sofort hin und schrieb Sally einen Brief, einen langen und liebevollen Brief, und ich versprach, würde ich je in oder um Chicago sein, würde ich mich melden. Ich war nie in oder um Chicago, aber ich habe Camelia und ihre Familie nie vergessen.

Und als ich beim Ausräumen heute den letzten Brief von Camelia fand, musste ich mich einmal mehr hinsetzen. Und dann liefen auch einige Tränen. Anders als damals, als der Schock zu groß war. Vergessen habe ich das nie.

Den Brief werde ich nie wegwerfen. Er war so fröhlich, keiner ahnte, was passieren würde. Es ist so lange her, und trotzdem berührte es mich heute sehr. Offenbar muss man Menschen nicht täglich und persönlich sehen oder hören, und doch kann es passieren, dass sie Teil des eigenen Lebens werden.

Schade, dass es solche Brieffreundschaften nicht mehr gibt.

To date or not to date …

Am vergangenen Donnerstag hatte ich, dem weisen Rat meiner langjährigen Freundin Jadranka folgend, ein „Date“. Eigentlich war es ein „Blind Date“ – wir hatten nur zuvor zweimal telefoniert. Und im Moment ist mir danach, Jadranka einen Kopp kürzer zu machen, da sie meinte, das sei total spannend. Obwohl sie in einem Punkt recht hatte, denn sie sagte: „Das ist einfach unvergesslich, Ali!“

Das stimmt. Dieses „Date“ werde ich so schnell nicht vergessen. Da bin ich mir ganz sicher.

Es fing schon spannend an, denn ich fuhr nach der Arbeit nach Hause, um mich umzuziehen. Die Heimfahrt erfolgte ohne größere Hindernisse oder Staus, und ich brauchte auch nicht lange, mich zu stylen. Und so fuhr ich kurz darauf wieder los, doch bereits bei Ausfahrt aus meiner Wohnsiedlung sah ich Merkwürdiges: Auf der Mittelinsel des Kreisverkehrs, den ich kurz zuvor ohne jedwede Behinderung passiert hatte, prangte ein Feuerwehrwagen, und rechts neben der ersten Ausfahrt aus meiner Perspektive interviewte die Polizei gerade einen Fahrer. Der Kreisel selber bestach dadurch, dass soeben Sand auf die Fahrbahn geschüttet wurde, der von zwei wackeren Feuerwehrmännern mit Besen darauf verteilt wurde. Ich verharrte lieber an meiner Ein- bzw. Ausfahrt, während eine Frau, von links kommend, völlig verhuscht aus ihrer Einfahrt nach links abbog, wo sie beinahe mit einem anderen Fahrzeug kollidierte … Anhand der Hektik, die sie an den Tag legte, mutmaßte ich, dass sie einen Termin habe bzw. gerade aus dem Urlaub aus einem Land gekommen sei, da Linksverkehr an der Tagesordnung ist. Die Umstellung ist nicht ganz einfach – ich weiß, wovon ich spreche, denn das geht sogar Fußgängern so (beileibe: Ich bin in Großbritannien noch nie selber Auto gefahren … 😉 ).

Geduldig harrte ich an meiner Einfahrt aus, bis der junge Feuerwehrmann seinen Besen zur Seite stellte und mir Signale gab, ich solle fahren. Ich winkte ihm jovial zu, obwohl mir etwas beklommen ums Herz war: Schon das erste Hindernis wenige Meter von der Haustür entfernt! Das war sicherlich ein schlechtes Zeichen! (Hätte ich mal auf mein Bauchgefühl und das deutliche Zeichen geachtet … Hätte ich das getan, hätte ich einfach nur die 360-Grad-Kurve genommen. So blieb es bei 180 Grad … 😉 )

Und schon raste ich gen Treffpunkt. Ich war erfreulich früh da – keine meiner Stärken. Ich ergatterte sogar noch einen Tisch draußen, denn zumindest wusste ich, mein Gegenüber war bzw. ist Raucher.

Ich fühlte mich nicht gut, und ich schrieb sowohl Jadranka, als auch meiner Kollegin Kerstin eine WhatsApp: „Noch nicht da!“ Mit Kerstin hatte ich bereits ausgemacht, dass ich ihr, würde das Ganze wirklich verheerend sein, eine WhatsApp-Nachricht schicken würde, die das Zauberwort: Oje! beinhalten sollte. Sie hatte mir Stein und Bein geschworen, mich dann umgehend anzurufen und zu behaupten, sie sei meine Nachbarin, und sämtliche Keller stünden unter Wasser, weswegen ich sofort – leider! – das Date beenden müsse … 😉 Nicht gerade undurchsichtig, ich gebe es zu, aber hilfreich. Und – großes Lob an Kerstin! – sie war stets vor Ort. 😉 „Handy ist auf laut!“ schrieb sie mir noch, kurz bevor ich den Treffpunkt erreichte. Von Jadranka kein Wort …

Ich saß und wartete. Inzwischen hatte ich mir eine Weinschorle bestellt – mit viel Wasser, denn ich war ja mit dem Auto da …

Und dann geschah es! Als ich gerade Kerstin ungeduldig eine Nachricht hackte, dass ich maximal eine Viertelstunde warten würde, sah ich einen Wagen auf den großräumigen Parkplatz zwar nicht rasen, aber recht gebieterisch fahren und ebenso einparken. Dann stieg jemand aus …

Hektisch hackte ich ins Handy: „Kerstin, wenn der, der gerade hier eingeparkt hat, das ist, können wir es gleich vergessen!“ Sofort kam zurück: „Sieh ihn dir doch erst einmal an!“

Ja, da hatte sie Recht. Eersma kuckn. 😉

Und er war es! Und nahm gleich großrahmig Platz, wobei er monierte, dass die Stühle aber sehr schmal seien – er sei nun einmal „a big one“!

Ich hätte gern einen Spiegel vor meinem Gesicht gehabt, um mein Gesicht sehen zu können – vermutlich sah es geschockt aus. „A big one“ ist relativ. Ich habe rein gar nichts gegen einige Polster – ich bin leider auch nicht mehr so schlank, wie ich in meinen Zwanzigern war. Aber das hier war eine Art „Insel“. Ich stehe gar nicht auf dünne Männer, aber das hier war dann doch einige Ticks zu „gepolstert“. Es wunderte mich auch gar nicht mehr, dass beim ersten Telefonat, das für eine bestimme Uhrzeit angekündigt war, ganz unerwartet seine Fußpflegerin anwesend gewesen war. Kein Wunder, dass diese vonnöten war – sicherlich kam er nicht selbst an seine Füße …

Aber all das war nicht das Schlimmste …

Wer mich kennt, weiß, dass ich viel rede. Nur: An jenem Abend saß ich annähernd stumm da. Ich hatte meinen Meister gefunden … Allerdings nur in puncto Reden.

Und was da alles erzählt wurde! Ich war erstaunt, denn offenbar gebrach es dem in jeder Hinsicht gewichtigen Herrn nicht an einer Auswahl an Gespielinnen, zumeist mit „Haaren bis zum Arsch“! 😉 (Falls ich das recht verstanden habe und er nicht gesagt hat: „Haare am Arsch“ – man weiß ja nie … 😉 )

Ganz ehrlich: Ich vermute, ich saß recht paralysiert da, mit ebensolchem Gesichtsausdruck, da ich mir kaum vorstellen konnte, was da erzählt wurde – und ich besitze viel Phantasie.

Viel schlimmer, dass ich das Gefühl hatte, von der Besatzung der Nachbartische angestarrt zu werden. Als ich kurz nach rechts und links blickte, sah ich: Ich hatte mich keineswegs geirrt! Sie sahen mich an, als fragten sie: „Das ist aber kein guter Freund von dir – oder?“ Und ich strahlte zurück, als wollte ich sagen: „Aber nein! Ich sitze rein zufällig an diesem Tisch und warte im Grunde nur auf jemanden!“

Man wunderte sich, dass ich noch nie verheiratet war. Ich konterte, als eine Sprechpause entstand: „Immerhin bin ich damit auch noch nicht geschieden! Eine Erfahrung, die wohl auch nicht ganz so toll ist …“ Das wurde bejaht … 😉

Aber Kinder! Kinder hätte ich ja auch nicht!

Schon kurz zuvor war dieses Thema angerissen worden, und da hatte ich schon in höflicher Abwehr gesagt, dass ich mich einfach irgendwann damit hätte abfinden müssen, dass ich nun einmal keine Kinder haben würde – es war eigentlich recht deutlich.

Aber die „Insel“ beharrte darauf, dabei ihre Sensibilität preisend. Ich grinste. Etwas sickig war ich nur dann, als er meinte: „Also, mal im Ernst: Frauen im gebärfähigen Alter kommen für mich ja gar nicht in Frage! Die wollen einfach Kinder! Und dazu bin ich mir zu schade!“

Meine Augenbrauen wanderten bis zum Haaransatz, und ich kam mir vor, als wäre ich aufgrund übergroßer Gnade zu diesem Date gebeten worden. (Von dem „Gnadending“ kam ich allerdings ab, als ich mein Augenmerk wieder ganz konkret auf mein Gegenüber richtete.)

Und da geschah es. Aufgrund einer Gesprächspause – das Gegenüber musste Luft holen – sagte ich mit leicht schneidender Stimme: „Hast du schon einmal darüber nachgedacht, Bücher zu schreiben?“ – „Ja. Warum?“ – „Weil es viel zu wenige phantastische Geschichten gibt! Ich denke, du wärest exakt der Richtige, da einen Ausgleich zu schaffen!“

(Fast) jedem Menschen wäre eigentlich klar gewesen, was ich meinte – er nahm es als Kompliment und meinte: „Ja, das haben mir schon mehrere Freunde geraten!“ (Ich hegte umgehend Zweifel an echter Freundschaft – vermutlich waren es einfach sehr realistische Menschen …)

Immerhin konnte ich einige eigene Sätze absondern. Ich musste allerdings aufpassen wie ein Luchs, um dazwischenzukommen. Ähnlich wie beim Konsekutivdolmetschen. 😉

Und ein Kompliment erfolgte auch noch: „Ich bin ja total überrascht! Endlich treffe ich mal eine Frau, die sprechen kann, und das auch noch geistreich!“ Es sollte wohl wirklich ein Kompliment sein … Für ein erstes – und hier auch letztes – Treffen vielleicht nicht ganz so geeignet, Sympathie zu generieren.

Nein! Ich bin weder böse, noch sonstwie nickelig, aber dieses „Date“ hier war echt gruselig. Überschwemmt von selbstherrlichen Worten – und ich hatte doch schon einkalkuliert, dass Nervosität die normalen Dinge verzerren könne -, es war sogar weniger die Leibesfülle, die mich irritierte … Ich möchte nur ungern im Knast landen … Denn: Hätte ich einen solchen Menschen dauerhaft um mich, wäre das Ganze aus meiner Perspektive nur von kurzer Dauer, ehrlich gestanden. 😉

Morgen rufe ich Jadranka an und frage sie, ob es vielleicht an mir liege … 😉 Wie ich sie kenne, wird sie ihre eigenen Erfahrungen preisen – dabei ist sie gerade wieder Single. Vielleicht besser nicht anrufen … 😉

Ja, ich weiß – das klingt alles nicht nett. Aber ich hatte am Donnerstagabend drei sehr lange Stunden zu bestehen, die ebenfalls alles andere als nett waren, und das mit Aspekten, bei denen ich mich fragte, was sich das Gegenüber eigentlich dabei denke. Und mich fragte, was für Frauen es bis dato kennengelernt habe, die auf derart phantastische Geschichten stehen, auf Angeberei und weitere Dinge dieser Art. Aus meiner Sicht wird er wohl bei solchen Frauen bleiben müssen … 😉

Immerhin hat er mir erklärt, was die „biologische Uhr“ bedeute. Was für ein Glück: Wusste ich vorher auch noch gar nicht … 😉 Tat auch gar nicht weh. Hat mich auch gar nicht zum Lachen gebracht. Komisch eigentlich … Denn das ist es, was ich von einem echten Gegenüber brauche: meinerseits zum Lachen gebracht zu werden. Wie auch umgekehrt. 😉

Was ist schon die Fußball-WM gegen den CHIO!

An all diejenigen, die so enttäuscht von der deutschen „Leistung“ bei der Fußball-WM waren oder sind: Ich war es auch, habe inzwischen aber Abhilfe geleistet bzw. gefunden! Denn es gibt eine Sportart, in der „die Deutschen“ gestern so richtig brilliert haben …

Ich habe diese Sportart einst selber ausgeübt, bin mir allerdings auch im Klaren darüber, dass sie kein echter Ersatz für Fußball ist … Schon gar nicht für Männer … Aber tröstlich war es gestern doch! 😉

Denn – wie jedes Jahr um diese sommerliche Zeit – es tobt in Aachen eine internationale Großveranstaltung: der CHIO, der Concours Hippique International Officiel, ein reiterliches Top-Event, das vom Aachen-Laurensberger Rennverein, einem, nein, dem Aachener Reitverein seit dem 13. Juli 1924 jährlich ausgerichtet wird und die Crème de la crème der Reitsportwelt zuverlässig in diese Grenzstadt zieht und selbige zumeist zumindest im Zentrum und der Altstadt verstopft … 😉 Ich weiß, wovon ich spreche. Und doch war ich, obwohl ich mehr als 13 Jahre in Aachen lebte, niemals leibhaftig in der Soers, wo sich das Event zuträgt. Obwohl ich zuletzt ganz in der Nähe wohnte.

Warum ich nie dort war? Tja, ich kann es nicht einmal erklären. Oder doch? Ich hatte wenig Lust, mit all den Aachener „Größen“ derselben Leidenschaft zu frönen, die dort champagnertrinkend stehen und Menschen wie mich von oben herab betrachten würden. Nicht, dass mir das etwas ausmachen würde – mir ging nur der Öcher Klüngel auf den Keks, und der macht sich bei derartigen Veranstaltungen stets besonders breit. Und so sah ich, wenn ich Lust hatte, einzelne Prüfungen lieber zu Hause, vor dem TV. Wie seit jeher. 😉 Außerdem kenne ich mich: Bei interessanten Veranstaltungen – oder im Kino – sitzt garantiert jemand vor mir, der in irgendeiner Basketballmannschaft nicht nur sportlich, sondern auch physisch herausragt und der Größte ist. Die Gefahr bestand zu Hause nicht, und es war auch preisgünstiger. 😉 Erstaunlicherweise war mein Vater, der – anders als ich – dem Pferdesport nie frönte, während seiner Studienzeit durchaus beim CHIO gewesen …

Doch zurück. Eigentlich hatte ich gestern schön auf dem Balkon sitzen wollen, hatte aber irgendwann mitbekommen, dass der CHIO wieder einmal „grassiert“. Und da wollte ich doch zumindest einmal kurz hineinsehen … Was stand an? Ah! Voltigieren!

Ich finde sehr schön, dass diese Pferdesportart schon seit einiger Zeit aus ihrem Schattendasein herausgetreten ist. „Turnen auf dem galoppierenden Pferd“ sagte man früher ein wenig wegwerfend dazu, wenn jemand fragte, was Voltigieren denn eigentlich sei. Das klingt viel zu bieder und zu einfach. Es ist Akrobatik und ist – wenn man es kann – wirklich kunstvoll und obendrein wirklich schwierig. Einen Flickflack würde ich nicht einmal auf unbewegtem Boden hinbekommen – geschweige denn auf einem beweglichen „Boden“, genauer: einem galoppierenden Pferd!

Und kaum hatte ich gestern das erste Team in diesem Voltigier-Nationenpreis gesehen, hatte ich auch schon Blut geleckt und blieb – statt auf dem Balkon zu sitzen – vor dem Fernseher kleben … 😉 Unglaublich, was da geboten wurde, sowohl einzeln, als auch im Team! Atemberaubend, aber ich bewunderte nicht nur die menschlichen Akteure inklusive Longenführer, sondern auch die Pferde, die so, wie Voltigierpferde sein sollten, ruhig, gelassen und ausgeglichen auf der linken Hand an der Longe auf dem Zirkel galoppierten, nicht einmal ein Ohr anlegten und gekonnt die Balance hielten, obwohl sich auf ihrem Rücken größere und wechselnde Lasten befanden, die sich auch noch ständig verlagerten und anders positionierten. Wie gebannt saß ich vor dem Fernseher und staunte, was durch viel Disziplin alles möglich sei …

Weniger gebannt war ich in meiner allerersten Voltigierstunde damals, als ich mit dem Reiten beginnen wollte, mit 10, und dann war kein Platz in der Anfänger-Abteilung frei. Man riet daher, erst mit Voltigieren zu beginnen.

Vor der ersten Stunde war ich sehr nervös. O Gott – Turnen auf einem Pferd! Wie sollte ich da überhaupt hinaufkommen? Und ich hoffte, das Tier möge recht klein sein …

Als ich an einem Samstagnachmittag im Reitverein bzw. der Reithalle eintraf, waren wir zu zwölft. Zwölf Mädels, alle in Gymnastikhosen und -schläppchen mit rutschfesten Sohlen. Ich hatte mir die Gymnastikhose meiner Schwester ausgeliehen, da meine in der Wäsche war … Das führte später noch zu Ärger … 😉 (Meine Schwester ist nicht ganz so pferdeaffin wie ich – im Gegenteil. Nicht, dass sie etwas gegen Pferde hätte, aber es zog sie nie etwas in die Nähe dieser liebenswerten Lebewesen, während man mich immer nachdrücklich von ihnen wegzerren musste. 😉 )

Das Pferd war noch nicht fertig, und so musste das Dutzend voltigierwilliger Mädels – über die Hälfte wollte eigentlich lieber in der Abteilung reiten – sich erst einmal warmmachen. Wir mussten im Seitgalopp den Hufschlag der Bahn entlangspringen, im Kreuzschritt laufend dieselbe Strecke bewältigen, danach Bockspringen …

Dann kam das Pferd. Bzw.: Es wurde in die Halle gebracht. Ein großer Fuchs war es, etwa 170 cm Widerristhöhe oder gar höher, der einen Voltigiergurt mit zwei Griffen und Ausbindezügel trug, und der uns – wie mir schien – mit hochgezogener Augenbraue entgegenblickte. Dann wandte er den Blick ab, und das – ich weiß nicht, ob ich es mir einbildete -, mit leiser Resignation. Wahrscheinlich dachte er: „Und während meine Schulpferdkollegen schön in ihren Boxen dösen können, muss ich diese kichernden Dinger durch die Gegend schleppen und dabei auch noch unentwegt galoppieren. Und immer linksherum. Wahrscheinlich rumpeln sie mir ständig in den Rücken, weil sie so gar kein Gespür haben. Dabei habe ich schon einen Senkrücken, und dieses Gerumpel wird wahrscheinlich dazu führen, dass irgendwann mein Bauch über den Boden schleift … Zum Glück habe ich ja recht lange Beine, so dass dieser Tag noch relativ fern ist. Warum ich?“

Wirklich – so sah Sascha, wie diese Seele von Pferd, wie ich rasch entdeckte, hieß, drein, als er anlässlich meiner allerersten Voltigierstunde in die Halle geführt worden war. 😉 Er war ein sehr lieber und braver Kerl – noch heute muss ich schlucken, wenn ich daran denke, wie er endete.

Die erste Stunde war desillusionierend. Zum Glück war ich nicht die Größte in der Voltigierabteilung, denn wir wurden alle wie die Orgelpfeifen angeordnet, und die Größte von uns musste beginnen …

Aber von Mal zu Mal wurde es besser, und es ist gar nicht schwer, auf das galoppierende Pferd zu kommen. Einfach an der Longe entlang schnurstracks an die Seite des Pferdes laufen, die Griffe am Voltigiergurt packen, im Seitgalopp einige Sprünge neben dem Tier vollführen und dann in einem kräftigen Schlusssprung abspringen – schon zieht es einen aufs Pferd. Wer sich mit Physik auskennt: Das geschieht aufgrund der Zentrifugalkraft. Wenn man allzu kräftig abspringt, kann man allerdings auch schon einmal über das Ziel hinausschießen. Daher: Griffe nie loslassen! 😉

Ich lernte binnen kurzem den Grundsitz (natürlich ohne Festhalten!), die „Mühle“, die „Fahne“, die „Schere“, die „Flanke“ – und es gelang mir sogar, zwei Galoppsprünge auf dem Pferderücken zu stehen! (Ich muss allerdings hinzufügen, dass es in unserem Reitverein kein Voltigierpad gab und wir auf dem nackten Pferderücken herumturnen mussten – das ist in etwa so glatt wie Schmierseife … 😉 )

Und bevor die schwierigeren Elemente kamen, wurde glücklicherweise ein Platz in der Anfänger-Abteilung frei … 😉

Dennoch hat mich diese Sportart immer fasziniert, seit damals. Und was ich gestern sah, war nur atemberaubend. Und die beiden deutschen Teams landeten auf den Plätzen 1 und 2 – wenn das nichts ist! 😊

Ob es den Pferden allerdings gefällt? Ich weiß es nicht. Ich bewundere nur, wie ruhig und gelassen sie immer wirken.

Daher: Voltigieren kann – speziell passiv – wirklich Freude machen. Ganz im Gegensatz zur diesmaligen WM-Leistung der deutschen Mannschaft … 😉

Immerhin bin ich beim Kollegen-Tippspiel final auf Platz 9 gelandet. Wenn man bedenkt, dass 32 Kollegen teilnahmen, bin ich gar nicht so schlecht. Auf alle Fälle besser als beim aktiven Voltigieren … 😉

Ali shoppt online

Ich bin ja oft ein wenig skeptisch – zumindest in manchen Fällen -, was Online-Shopping anbelangt. Klar, bei namhaften Firmen kaufe auch ich ab und zu und habe bis dato nur geringfügig das zu verzeichnen gehabt, was man als Schuss in den Ofen bezeichnet.

Blöd ist, wenn man beim Surfen im Internet immer wieder Werbung vor die Nase gehalten bekommt, zumal eine meiner Schwächen – ich muss es leider zugeben – darin besteht, dass ich der Traum des Gemeinen Marketingspezialisten bin. Der Traum jedes Werbers und damit der Traum diverser Kunden von Werbeagenturen. 😉 Ja, ich weiß … Das ist nicht klug, vor allem, wenn man schon, wenn auch selten, der Ernüchterung anheimgefallen ist. Aber wir haben ja alle irgendwelche Schwächen. 😉 Man muss halt nur über sich selber lachen können – dann geht alles gleich viel leichter. 😉

Seit einiger Zeit wurde ich nun beim Surfen im Internet bereits von einer Firma quasi „bombardiert“. Egal, was ich gerade tat: Dauernd tauchte Werbung dieser Firma auf! Normalerweise ignoriere ich dergleichen standhaft, zumindest zunächst, aber hier knickte ich irgendwann ein, denn es ging um Klamotten

Was für schöne Tops, im früheren Leben auch einfach Oberteile genannt – die waren wirklich klasse. Auf den Bildern auf alle Fälle. Und wirklich nicht teuer …

Da ich seit einiger Zeit etwas im Stress bin, gelang es den Werbetreibenden irgendwann in einem schwachen Moment meinerseits: Ich bestellte zwei Oberteile. Die Firma ist in England beheimatet, und was kann es Besseres geben? 😉

Nun, da ich etwas schlauer bin, weiß ich: Die Firma gibt ihren Hauptsitz als in England befindlich an! Wahrscheinlich hat sie einen Briefkasten dort gemietet … Denn in Wirklichkeit sitzt die Zentrale in Asien, genauer: in China. Seit ich das weiß, seit ich irgendwann recherchiert hatte – relativ früh, wenn auch nicht früh genug, da ich ja bereits aus mir zwischenzeitlich und generell absolut nicht nachvollziehbaren Gründen bestellt hatte -, war mir klar, womit ich zu rechnen hatte, rein qualitativ; vor allem, nachdem ich im Internet gelesen und herausgefunden hatte, dass diverse Kundinnen – aber auch Kunden – sich geprellt fühlten. Entweder hatten sie die völlig falsche Ware bekommen. Oder die Größe stimmte nicht. Oder – diverse weitere Fälle – sie wären froh gewesen, auch nur einen Wischlappen zu bekommen. Aber: Sie bekamen gar nichts. Abgesehen von der Tatsache, dass sie eifrig Geld überwiesen hatten, hatten sie rein gar nichts bewirkt, und wahrscheinlich warten sie noch heute auf die Ware – obwohl sie sogar lange vor mir bestellt hatten … 😉

Zum Glück gibt es aber einen customer service, der offenbar dazu da ist, die Kunden hinzuhalten. Warum auch nicht und völlig normal – es geht ja um den Vorteil der Firma, nicht wahr? Ich wandte mich recht früh an diesen und monierte, die Ware sei noch nicht da – etwa drei Wochen nach Bestellung. Man schrieb mir eine sehr blumige Mail, fast poetisch wirkte sie, was daran lag, dass man wohl auf Mandarin schrieb und das Ganze per Translator übersetzen ließ. Solch blumiges Englisch hatte ich von keinem einzigen Muttersprachler erfahren – und ich kenne mich damit aus. Man beschied mir wiederholt, ich solle mir bitte, bitte keine Sorgen machen, und es sei eine Schande für die Firma, dass Wünsche offen geblieben seien …  (Ich rate übrigens dringend von automatisierten Übersetzungen ab – möglich, dass der Kunde sich zu allem anderen Ärger auch noch verarscht fühlt. Zumindest dann, wenn er mit der englischen Sprache wirklich vertraut ist. 😉 )

Ich machte mir zwar keine Sorgen, war aber sehr verärgert – auch über mich selber, denn was um alles in der Welt hatte mich nur bewogen, da zu bestellen und derart naiv zu handeln? Ich pflücke mein Einkommen ja nicht vom Baum und bin normalerweise kritischer – ich war enttäuscht von mir selber. 😉

Die nächste Mail schrieb ich testhalber auf Deutsch, und der Ertrag war noch viel witziger, denn das Ergebnis war noch schriller als das, was im „Englischen“ herausgekommen war: Man sei untröstlich, dass ich trotz aller Anstrengungen nicht befriedigt worden sei – man habe alles darangesetzt, zumal man inzwischen mitbekommen habe, dass ich in „gewisser Hinsicht“ sehr anspruchsvoll sei und gerne vor Vergnügen jauchzte! (Da habe ich in der Tat gejauchzt, und ich pries einmal mehr den menschlichen Faktor beim Übersetzen – ich habe lange genug als Übersetzerin gearbeitet und weiß, was bei Einsatz billiger Übersetzungssoftware herauskommen kann … Nicht selten Dinge, die immerhin als Partygag geeignet sind. 😉 )

Man beschied mir – zumindest verstand ich es so -, dass meine Bestellung alsbald bei mir eintreffe, und man schickte mir eine Trackingnummer und den Namen des Transportunternehmens. Ein chinesisches war es, und alsbald erfuhr ich, dass meine Bestellung am Flughafen Schiphol in Amsterdam gelandet sei, den Zoll passiert habe und nun „auf direktem Wege“ mittels eines LKW nach Deutschland und zeitnah zu mir transportiert werde.

Der LKW muss unterwegs mehrfach liegengeblieben sein, denn nachdem nach einer Woche noch immer derselbe Status zu lesen war, informierte ich die Fa. Bloomy Days Forever darüber, dass ich – würde ich mich gleich ins Auto setzen – in etwa zweieinhalb Stunden in Amsterdam sein könne. Ob sich der Fahrer verfahren habe – ich könne gern kostengünstig ein Navi anbieten. Und ich nannte die Summe, die ich für die Bestellung aufgewendet hatte.

Daraufhin sandte man mir eine Nachricht, die da besagte, ich solle mir bitte, bitte keine Sorgen machen, und ich bekam eine DHL-Trackingnummer. Ich war gar nicht sehr überrascht, dass diese ins Nirwana führte, zumal der von China aus gedungene LKW noch immer im Niemandsland zwischen Deutschland und den Niederlanden umherzuirren schien.

Ich muss gestehen, ich rechnete gar nicht mehr damit, den von mir in einem Akt von Wahnsinn und mangelnder Vorsicht bestellten Tand noch zu bekommen – ich wollte ihn auch gar nicht mehr haben. Doch inzwischen war ich von der Kommunikation mit dem fernen Unternehmen irgendwie fasziniert, und ich probierte aus, was passieren würde, würde ich eine Beschwerde auf des Unternehmens Homepage posten, nachdem ich bereits versucht hatte, meinen Auftrag zu stornieren. (Ich muss zu diesem billigen Versuch sicherlich nicht viel sagen: Man beschwor mich, mir um Himmels willen bitte keine Sorgen zu machen – aber die Ware sei unterwegs, und leider und zu des Unternehmens größtmöglicher Pein sei da ein Storno nicht mehr möglich. Damit hatte ich gerechnet – ich hätte es ja nicht anders gehalten.)

Es hatte zur Folge, dass man mich komplett ignorierte. Und so schrieb ich eine Rezension auf einem Verbraucherportal … Und – zack! – nach Tagen kompletter Funkstille bot man mir einen Tag nach Posten der Rezension per Mail eine „top solution“ an! Man wollte mir einen vergleichsweise kleinen Teil des von mir aufgewandten Kaufbetrages („including tax and customs“!) erstatten! Sollte die Ware noch eintreffen (man war sich offenbar selbst nicht sicher), dürfe ich diese natürlich behalten! Das alles natürlich nur, würde ich meine miese Bewertung aus dem Verbraucherportal entfernen. Erpressung in Reinform – darauf fahre ich ja total ab! 😉

Ich schrieb eine recht harsche Mail – diesmal wieder auf Englisch – zurück, in der auch der kurze, aber prägnante Satz: „Enough is enough!“ Anwendung fand, den ich einst so liebenswert in Irland von einer irischen Mutter in dialektaler Aussprache gehört hatte, als ich gerade zum Rock of Cashel hinaufstieg, während Mummy mit einem Kleinkind im Buggy hinter ihrem ungebärdigen Erstgeborenen her schrie: „James! Enough is enough!“ (Es hörte sich an wie: „Dschaims! Inuff is inuff!“ Ich habe es nie vergessen … 😉 )

Und „inuff is inuff“ sowie einige andere sehr deutliche Worte, die auch die Begriffe solutionabsolutely inacceptable, full und refund sowie sehr autoritär wirkende Anweisungen enthielten, führten dann dazu, dass man mir eine weitere „top solution“ anbot! Den gesamten von mir aufgewandten Betrag wolle man mir erstatten! Und sollte die Ware noch eintreffen, solle ich diese, bitte, behalten. Okay – das war ein Angebot, das ich annahm. Ich rechnete ja nicht damit, dass überhaupt etwas eintreffen würde, werde nun aber meine Kontobewegungen sehr genau beobachten.

Aber wie erstaunt war ich, als ich nach Hause kam! Da war in meinem Briefkasten etwas, das ich erst für Müll hielt – eine zusammengeknüllte DHL-Transporttüte! Ich nahm sie heraus, grinste und ging damit in meine Wohnung, wo ich das Gebinde öffnete. Ein Oberteil war darin. Und es passt sogar und sieht aus wie auf den Bildern. Ich sollte es nur nicht bei hohen Temperaturen tragen – nicht, dass sich das Material untrennbar mit meiner Haut verbindet! 😉 Aber mal im Ernst – „für umme“ ist das doch okay. 😉 Und ich soll es ja – komme, was wolle – unbedingt behalten, trotz der Erstattung des vollen Betrages! Ich bin gespannt, wann er auf meinem Konto eingeht – und ob überhaupt. Und meine Rezension werde ich nicht löschen …

Dennoch bin ich noch immer schockiert über mich selber. Wie konnte ich je so verstrahlt sein, überhaupt etwas zu bestellen? Vermutlich hatte ich noch nicht genug Stress, denn: „Wer keine Probleme hat, schafft sich welche.“ Nicht wahr? 😉

Die Firma heißt übrigens ganz anders … 😉

„Hast du das Spiel gesehen?!?“ Oder: Warum ich möglicherweise als WM-Orakel tauge …

Es findet gerade eine Party bei meinem Arbeitgeber statt, und eigentlich wollte ich auch just dort sein. Zumindest wollte ich dort das Fußballspiel Südkorea : Deutschland sehen. Zumindest hatte ich dies heute im Laufe des Tages beschlossen.

Eigentlich wäre heute ja die letzte Niederländischstunde gewesen, aber im Laufe des Arbeitstages wurde Jana und mir immer klarer, dass wir nicht dort anwesend sein würden. Immerhin gab es das Fest, aber – noch viel wichtiger! – dort auch das obengenannte Spiel! Und so schrieben wir eine sehr nette Mail an Thijs und entschuldigten unser Fernbleiben.

Da ich ja heute früh noch wildentschlossen war, nach M. zum Niederländischkurs zu fahren, war ich mit dem Auto zur Arbeit gefahren. Nachdem wir uns so reizend entschuldigt hatten, dachte ich, dass dieses Fußballspiel ja wohl ohne zumindest ein Bierchen gar nicht ginge, und ich beschloss, um kurz vor 3 den kleinen Monty nach Hause zu fahren und dann mit dem ÖPNV zum Arbeitgeber zurückzufahren. Und fast wäre das auch gutgegangen …

Um kurz vor 3 eilte ich gen Mitarbeiterparkplatz und enterte mein Auto, fuhr auch vom Hof und Richtung Heimstatt. Aber schon zwei Kilometer weiter wurde mir plötzlich total schwindelig, und ich musste mein Tempo drastisch reduzieren. Man möchte ja nicht an der Leitplanke oder einem Baum enden, wenn man es doch noch irgendwie verhindern kann.

Zu Hause angekommen, wollte ich noch einmal kurz in die Wohnung und ins Bad. Dort wurde mir ziemlich schwarz vor Augen – diese dämlichen Wetter- und Temperaturwechsel! Das vertrage ich offenbar einfach nicht. Aber wieso ausgerechnet heute? Es würde doch wohl kein böses Omen sein …

Ich blieb dann doch lieber zu Hause und musste das Spiel invalide von der Couch aus verfolgen. Lieber wäre ich bei meinen Kolleginnen und Kollegen gewesen, denn Schmach allein ansehen zu müssen, ist noch schlimmer als in Gesellschaft. Und während ich auf Kerstins und Janas WhatsApp-Nachrichten antwortete, die da: „Huhu, wo bist du?“ und „Wo bleibst du denn?!?“ lauteten, fing das Spiel an. Und es war nicht schön …

Wie es endete, muss ich wohl niemandem erklären. Es war einfach nur grauenvoll … Von Südkorea mit 2:0 geschlagen und aus der WM ausgeschieden! Geht es noch irgend grauenhafter?

Während das Spiel lief, chattete ich über ein Soziales Medium mit Jeannette, meiner Auffrisch-Fahrlehrerin, mit der ich mich morgen Abend treffe. Sie, ebenfalls fußballinteressiert oder -begeistert, war noch im Dienst und konnte das Spiel des Grauens nur per Radio verfolgen. Unsere Kommunikation sah dann wie folgt aus: „Was ist das für ein grauenhaftes Spiel?“ (Ich) – „Wie gut, dass ich es nur hören muss!“ (Jeannette) Und dann im Wechsel (ich begann): „[…]!“ – „[…]!!!“ – „Ah, nein!“ – „O Gott!“ – „Nein!“ – „NEIN!“ – „NEIN!!“ – „NEIN!!!“ – „Kann nicht wenigstens mal jemand abpfeifen?!? Das ist ja nicht auszuhalten!“ – „[…]!“ – „[…]!!!“ – „Endlich ist es vorbei!“ – „Ja!“ Und dann schrieb Jeannette: „Wir sollten morgen kein Eis essen, sondern ein Bierchen trinken …“ Schauen wir mal – ich fahre jedenfalls nicht mit dem Auto zum Lokal unseres Zusammentreffens … 😉

Kaum war das Spiel vorbei, begannen auch schon die Interviews und Erklärungsversuche. Und da klingelte mein Handy. Ich meldete mich mit meinem Nachnamen, und da hörte ich auch schon die Stimme meiner Mutter: „Hast du dieses Spiel gesehen?!?“ Sie meldete sich nicht einmal mit Namen, aber aus ihrer Stimme war das blanke Entsetzen zu hören. (Nein, eigentlich war es eher die blanke Entrüstung …) Dabei hatte sie erst kürzlich noch geschworen, diesmal kein WM-Spiel anzusehen! (Den „Hang“ zu konsequentem Handeln habe ich ganz eindeutig von meiner Mutter geerbt … 😉)

Interessanterweise schrie ich völlig synchron zu meiner Mutter den Satz: „Hast du dieses Spiel gesehen?!?“ Und – beide erneut synchron: „Das war ja grauenhaft!“ Und schon ergingen wir uns in Äußerungen, die glauben machen könnten, wäre auch nur eine von uns Bundes-Coach, wären wir garantiert Weltmeister geworden. Zumindest Vize-Weltmeister. 😉 Wir waren kein Jota besser als die Kerle, über die ich so gerne frotzle, die mit Pilsken und Chips auf der Couch sitzen und, bräsig über ihre Plauze hinwegsehend: „Lauf, du faule Sau!“ gen TV brüllen … 😉 (Abgesehen davon, dass meine Mutter und ich keine Plauzen haben und niemals: „Lauf, du faule Sau!“ brüllen würden … 😉)

Nachdem das Telefonat voller Entrüstung beendet war, fragte ich mich einmal mehr, warum in meiner Familie ausgerechnet meine Mutter und nicht mein Vater der Fußballfan sei, der sich über solche Dinge aufregen kann. Dann jedoch fiel mir ein, dass meine Mutter schon mit knapp eineinhalb Jahren Halbwaise geworden, nachdem ihr fußballbegeisterter Vater im Krieg gefallen war. Sie hat ihn nie richtig kennengelernt – aber das Fußball-Gen hat er ihr wohl vererbt. 😊 Er habe von klein auf immer begeistert Fußball gespielt, erzählte mir meine Oma einst, und der jüngere Bruder meiner Mutter hat dies wohl übernommen. Er spielte Fußball, bis sein Meniskus hin war. Danach verfolgte er das Geschehen eher passiv, aber nicht weniger enthusiastisch. Seinen Lieblingsverein nenne ich lieber nicht – sonst hagelt es Tomaten … 😉

Irgendwie muss ich es schon gespürt haben; zumindest schwächelte ich ja bereits auf der Heimfahrt, obwohl ich doch nur kurz mein Auto abstellen und wieder losrasen wollte … 😉 Ich gestehe, ich bin nicht so niedlich wie das WM-2010-Kraken-Orakel Paul aus Oberhausen, aber vielleicht habe ich ja eine ähnliche Befähigung wie der leider verstorbene nette kleine Krake … 😉